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Leben, lieben, lästern hinter dem Schleier
In der arabischen Welt konnte dieses Buch nicht erscheinen – noch immer ist es dort undenkbar, dass Frauen so direkt über ihre Erfahrungen, Sehnsüchte und Träume sprechen. Zumal in Saudi-Arabien, dem Land mit der strengsten Geschlechtertrennung der Welt. Schonungslos offen erzählen Leïla B. und ihre Freundinnen von ihren intimsten Geheimnissen, von ihren Ängsten, von verbotenen Wünschen und der inneren Zerrissenheit in einer Welt, in der eine Frau schon die schlimmste Strafe riskiert, wenn sie einen Mann auch nur ansieht. Schamlos und schockierend – die Welt hinter dem Schleier.
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Seitenzahl: 298
Veröffentlichungsjahr: 2011
Für meine Freundinnen aus Dschidda.
Für alle Marokkanerinnen und all die Frauen aus den Medinas dieser Welt.
Ramadan, 1430 der Hedschra
Alles begann an einem Abend im Monat Ramadan, als ich Fatéma bei einer gemeinsamen Freundin wiedertraf. Ich hatte meine frühere Kameradin aus der Uni das letzte Mal in jenem Jahr gesehen, als sie aufbrach, um in Rabat zu unterrichten, während ich selbst mich noch mit der Jobsuche abmühte. Wir trafen uns also an einem dieser typischen Abende des Ramadan, angeregt von Minztee und genährt von Vertraulichkeiten aller Art.
Während die Männer im Esszimmer Karten spielten, machten wir Frauen es uns im Wohnzimmer gemütlich, um miteinander zu quatschen. Unsere Gespräche reichten von dem Dienstmächen, das auf frischer Tat beim Nachäffen ihrer Chefin ertappt wird, bis zum sexuellen Hunger unserer Ehemänner. Als wir schließlich auf unsere derzeitigen oder vergangenen Karrieren zu sprechen kamen, bemerkte ich Fatémas gesteigerte Aufmerksamkeit mir gegenüber. Der Grund dafür ließ nicht lange auf sich warten: Ihre Schwester Aïcha hatte sich in den Kopf gesetzt, einen Saudi zu heiraten. Vergeblich hatte Fatéma versucht, ihr die Sache auszureden, sie zu überzeugen, dass es besser wäre, Single zu bleiben, als einem Polygamen ins Netz zu gehen, und sei er auch ein noch so reicher Ölmulti, der ohnehin schon zwei Frauen an seiner Seite hatte. Doch Aïcha wiederholte wild entschlossen, das alles sei ihr völlig egal – »Ich will eine Prinzessin sein.« Verzweifelt suchte Fatéma nun eine Person, die imstande wäre, ihre Schwester von den Risiken einer solchen Hochzeit zu überzeugen, und die überhaupt einmal all diese dummen Puten aus Marokko zur Besinnung brächte, die sich bereitwillig für eine Handvoll Rial in die Arme des nächstbesten Arabers vom Golf warfen!
In der Sorge um ihre Schwester gab ich Fatéma Recht. Marokko ist sicherlich kein Land des leichten Lebens, doch verglichen mit manchen Ländern am Golf ist es das Paradies. Bevor sich unsere Wege trennten, schlug ich Fatéma vor, mich mit Aïcha besuchen zu kommen, und ich würde versuchen, ihrer Schwester klarzumachen, dass sie keine Ahnung davon hatte, was sich in Wirklichkeit in den arabischen Harems abspielte.
Ich gebe zu, dass es von mir aus dabei hätte bleiben können, nie wäre ich auf die Idee gekommen, über das Privatleben meiner Freundinnen aus Dschidda zu schreiben, hätte ich nicht drei Monate später eine traurige Nachricht erhalten.
Ich wollte gerade meine Kinder aus dem Kindergarten abholen, als das Telefon klingelte. Es war Joumana. Sie weinte, was mich sofort stutzig machte. Joumana ist die rationalste, am wenigsten sentimentale Araberin, die ich kenne.
Es musste einen wirklich schlimmen Grund für ihre Tränen geben, den sie mir auch sogleich schluchzend mitteilte: Ihre Cousine Farah, die wir aufgrund ihrer übermäßigen Lebensfreude und ihres Humors nur die »lustige Witwe« nannten, war verschwunden. Eine Woche zuvor hatte die Sittenpolizei sie im Hotelzimmer eines iranischen Pilgers erwischt. In Anbetracht des Ranges ihrer Familie hatte man sie vor die Wahl gestellt: öffentliche Peitschenhiebe oder eine Bestrafung hinter verschlossenen Türen. Doch nun war die junge Frau spurlos verschwunden, sie war geflohen.
Die Nachricht ließ mich erschauern und an den darauf folgenden Tagen war ich tieftraurig. Ständig erinnerte ich mich an unsere gemeinsam verbrachte Zeit, an unser Lachen und die geteilten Geheimnisse, an die Spaziergänge mit meinen Freundinnen aus Dschidda in den Malls, an unsere gemeinsamen Eskapaden. Ich sah Farahs strahlende Augen vor mir und dachte an die innere Freiheit, die sie verhüllt unter dem Kopftuch trug. Sie, deren Name »Freude« bedeutet, und für die ich das Schlimmste befürchten musste.
In mir wuchs das überwältigende Bedürfnis, Zeugnis abzulegen, und die Stärke meiner Entschlossenheit überraschte mich selbst. Ich betrachtete mich im Spiegel, diese gelassene Frau aus Casablanca, der Gott einen sanften Ehemann geschenkt hatte – eine Führungsperson im Außenministerium –, eine schöne Wohnung, zwei wunderbare Kinder, einen kleinen Schmuckladen und eine Haushaltshilfe, alles, was es braucht, um glücklich zu sein! Wer hätte das vor dreißig Jahren von mir erwartet, einem mangelernährten Mädchen, das im Dreck Casablancas herumstreunte? Ich hätte genauso gut als Dienstmädchen enden können oder auf der Straße. Allah hatte etwas anderes mit mir vor und ich kann stolz sein auf meinen Weg. Pech für all die Neider, die noch immer sticheln, meine fünf Jahre als Stewardess einer saudi-arabischen Airline seien nicht gerade der ehrenwerteste Eintrag im Lebenslauf einer Marokkanerin, die etwas auf sich hält. Ihnen kann ich nur antworten, dass ich all die Zeit intakt geblieben bin, ich war Jungfrau in meiner Hochzeitsnacht, fragen Sie meinen Ehemann!
Und so regte sich in mir ein alter Kampfgeist – den habe ich vermutlich von meinem Vater geerbt –, den ich all die Zeit tief unter meiner spießbürgerlichen Existenz vergraben hatte, unter einer ängstlichen Moral, die es sich auch noch auf die Fahnen schrieb, nicht über andere urteilen zu wollen.
Ich wusste plötzlich genau, was ich zu tun hatte. Ich nahm die Herausforderung an. Der Tag, an dem man meiner Freundin Joumana erlauben würde, ein Auto zu fahren, würde von mir aus vollem Halse mit einem Youyou begrüßt werden, das weit bis in die Wüste des Nadschd zu hören wäre. Ich würde stolz auf etwas sein. Ich würde Farah rächen. Ich würde Hoffnung auf ihrem Weg säen und die Sterne über ihr in Freiheit strahlen lassen … Ich wollte Fatémas Schwester die Augen darüber öffnen, was sie in Saudi-Arabien erwartete, hinter dem ganzen Prunk, durch den sich schon die Gitterstäbe abzeichnen. Ja, all das auf einen Schlag! All das war mir nun zur Aufgabe geworden.
Meine Enthüllungen würden schockieren, dachte ich. Und wie! Den Saudis, die ständig so tun, als seien die Sexgeschichten ihrer Frauen ein Verbrechen, als seien ihre Frauen geschlechtslose, seelenlose Wesen, sollte die Spucke wegbleiben. Wallah! Nichts würde mich aufhalten.
Mit geschärftem Verstand beschloss ich, über die Frauen aus Dschidda zu schreiben, die Tür zu ihrer Intimität aufzustoßen. Und nebenbei auch die Geschichte der Musliminnen aus anderen arabischen Medinas zu erzählen, von ihrem Kampf zwischen Entfremdung und Freiheit. Nicht in Form eines Klageliedes, das würde niemanden überzeugen, sondern in ganz alltäglichen Worten, den leichten Worten der Frauen, gefüllt von ihrem Lachen und ihrer List – ihren Überlebensstrategien.
Ich rief Fatéma an, um sie in meine Pläne einzuweihen und sie gleichzeitig um absolute Diskretion zu bitten. Ich fragte sie nach ihrer Meinung, was das Schreiben anging. Sie riet mir, das Manuskript auf Arabisch zu verfassen, es fände sich sicherlich jemand, es zu veröffentlichen. Klassisches Arabisch hatte ich jedoch seit dem Ende meiner Schulzeit nicht mehr geschrieben.
Schließlich schlug sie mir vor, das Ganze auf Band zu sprechen, und sie würde es dann abtippen – anonym natürlich.
Ich kaufte mir also ein Diktiergerät in einem dieser Elektroläden, vor denen die Medina nahezu überquillt. Wann immer ich nun Zeit hatte und allein war, setzte ich mich vor die Maschine und sprach. Ein Ereignis pro Sitzung, mindestens.
Ich erzählte mit eigenen Worten spontan, was mir einfiel, in marokkanischem oder literarischem Arabisch, manchmal sogar auf Französisch. Ich war selbst überrascht, als ich mich dabei erwischte, zu lachen oder zu gestikulieren, ganz so, als erlebte ich die Situationen noch einmal, mit echten Gesprächspartnern.
Ich errötete, wenn ich eine Geschichte erzählte, deren schmutzige Seite ich in dem Moment entdeckte und senkte instinktiv die Stimme. Manchmal bekam ich Schuldgefühle, Angst breitete sich in mir aus und meine feministischen Vorsätze lösten sich in Luft auf. Ich schaltete die Maschine ab und war überzeugt, das Handtuch werfen zu müssen.
Nach zwei Wochen steckte ich etwa zehn Kassetten in einen alten grünen Umschlag, der nun so groß war wie ein Kürbis. Ich legte ihn in einen Korb und bedeckte ihn mit verschiedenen Früchten. Den Korb drückte ich meiner Bediensteten mit der Anweisung in die Hand, ihn persönlich und nur an Fatéma abzuliefern, mit den Worten: »Im Herzen Arabiens.«
Sie würde wissen, worum es geht.
Ich hörte, wie die Kleine die Straße hinunterlief und leise die Worte wiederholte, um sie nicht zu vergessen: »Im Herzen Arabiens … Im Herzen Arabiens.«
»Das Haus Gottes steht in der Mekkastraße 1, Saudi-Arabien. «
Jedes Mal, wenn ich zum Flughafen fuhr, rief mir mein Bruder Ali diesen Satz hinterher, mit dem er sich über unsere Großmutter lustig machte, die der Meinung war, Arabien sei Gottes erster Wohnsitz, seine Wahlheimat und der Ort, von dem aus er die Muslime der ganzen Welt beobachtete. Die Nichtmuslime natürlich auch, pflegte sie zu sagen, aber bei denen drückt er meist beide Augen zu, weil sie sowieso in die Hölle kommen.
In meiner Kindheit glaubte ich wirklich daran. Das Wort »Arabien« weckte in mir Vorstellungen von einem Land, das ein einziges Dünenmeer war und das Gott selbst regierte, der auf seinem Thron saß und am Morgen sanft von den Gebeten der Pilger geweckt wurde. Im Fernsehen sah ich Männer mit makellos gebundenen Turbanen und faltenfreien Gewändern, die durch den Sand oder über den Marmorboden eines Palastes schlenderten. Alle sahen aus wie König Faisal in meinen Schulbüchern. Doch nie sah ich arabische Frauen. Beschützte Gott die Frauen dort genauso wie die Männer? Oder erforderten auch sie weniger Aufmerksamkeit wie die Ungläubigen? Meine Großmutter Hinna behauptete, Evas Töchter seien zum Teil aus der Spucke des Teufels gemacht worden – daher auch ihre Geschwätzigkeit – und hätten sich viele Strategien ausgedacht, um Gottes Wachsamkeit zu umgehen. Tatsächlich stehe irgendwo geschrieben: »Ihre Hinterlist ist groß!«
Später lernte ich, dass die Frauen vom Golf existierten. Sogar in Marokko. Wo sie eingesperrt werden in die Paläste ihrer Väter oder ihrer Ehemänner, in unseren Medinas und an unseren Küsten. Und doch blieben die Araberinnen für mich unsichtbar, eine Fiktion. Bis zu jenem Tag, an dem ich ihnen begegnete.
Es ist nicht leicht, diese Frauen kennenzulernen. Jeder weiß, dass sie nur selten ausgehen, von Kopf bis Fuß verschleiert und nur in Begleitung eines Vormunds, dem Mahram, der vor ihnen herläuft und ihnen untersagt, das Wort an jemanden zu richten, der kein Familienmitglied ist. Als ich in Dschidda ankam, erfuhr ich, dass die anderen Stewardessen zwar aus aller Herren Länder stammten, doch nur die Allerwenigsten je die Gelegenheit bekommen hatten, eine waschechte Araberin privat kennenzulernen. Kaum einer war Einlass in diese Häuser gewährt worden, die Fremden erfahrungsgemäß verschlossen bleiben.
Ich selbst hätte niemals versucht dorthin zu gelangen, hätte ich nicht die schicksalhafte Bekanntschaft von Joumana gemacht. So geschah es, dass mir nicht nur Zugang zu ihren beeindruckenden Häusern gewährt wurde, sondern auch zu den Geheimnissen eines Landes, das ich nur sehr oberflächlich kannte und dessen rigide, mürrische, ausschließlich männliche Fassade all das verbarg, was sich tatsächlich hinter den Kulissen abspielte.
Ich erinnere mich daran, als ob es gestern wäre. Eine junge Frau mit asiatischen Zügen öffnete mir die sonst nur den Frauen vorbehaltene Tür und führte mich durch eine von Palmen, Drillingsblumen und Oleander gesäumte Allee. Mir war als wandle ich durch einen Park in Tanger.
Im Salon, groß wie ein marokkanisches Fußballstadion, begrüßte mich Joumana mit weit geöffneten Armen und einem ebenso breiten Lächeln. Sie legte eine mit klimpernden Reifen geschmückte Hand um meine Taille und führte mich unter höflichen, wohlklingenden Worten in einen noch pompöseren Raum. Sie trug eine schwarze Strumpfhose und ein ärmelloses T-Shirt derselben Farbe, das ihr feines Dekolleté nur halb bedeckte. Da war sie wieder, die Passagierin im roten Minirock, die zwei Monate zuvor das Flugzeug bestiegen hatte.
Wir gingen durch den ersten Salon, dann durch einen zweiten, wo eine kleine Gruppe Frauen wartete, die sich nun allesamt erhoben und mich mit Küsschen begrüßten. Später erfuhr ich, dass dies der Kreis von Joumanas engsten Freundinnen war.
Sie hatten ihre Abajas abgelegt und nun trat eine Überfülle an Spitze, Rüschen und Schmuck zutage. Ihre Handtaschen, Marke Gucci oder Chanel, lagen sorgfältig platziert neben ihnen, eine prächtiger als die andere. Ich durfte ihre silbernen oder goldenen Marken-Pumps und ihre professionell manikürten Nägel bewundern.
Die Einzige von ihnen, die nicht westlich gekleidet war, war eine Dame fortgeschrittenen Alters, deren mit Kajal umrandete Augen vor Schlauheit und Jugend funkelten. Sie erinnerte mich an meine Großmutter, Gott hab sie selig, obwohl der Blick meiner Großmutter zeitlebens frei von solcher Schalkhaftigkeit gewesen war. Ansonsten jedoch trug sie das gleiche schwarze Gewand, hatte das gleiche faltige quadratische Gesicht, man hätte sie für Cousinen halten können. Ohnehin gleichen Saudierinnen und Marokkanerinnen einander wie ein Ei dem anderen, helle Haut und Haare wie Ebenholz. Unsere gemeinsamen arabischen Wurzeln haben uns die gleichen Züge verliehen und diese Ähnlichkeit beruhigte mich.
Sie hatten mir einen Platz in ihrer Mitte reserviert. Ich trug eine saudische Abaja, um mich ihrer Tradition anzupassen, doch sie schienen darüber etwas enttäuscht und fragten sogleich, ob ich mich in Marokko genauso anzog. Ich antwortete, dass es schon vorkam, dass ich eine Djellaba überwarf, um einkaufen zu gehen oder ins Hammam.
Alle Blicke waren auf mich gerichtet und es schien mir, als hätte Joumana mich mitgebracht, um mich vorzuführen wie einen Affen im Zoo. Allerdings begegneten sie mir um einiges respektvoller. Sie überhäuften mich mit Komplimenten und Höflichkeitsformen, gefolgt von Ausrufen wie Ya Allah!, die schätzungsweise die Hälfte unseres Gesprächs ausmachten. Sie sprachen für mich verständliches Arabisch, doch zumeist wandten sie sich auf Englisch an mich, das ich seit einem Intensivkurs für meine Arbeit als Stewardess glücklicherweise ebenfalls beherrsche.
Immer wieder schien mir die englische Sprache in diesen Räumen fehl am Platz zu sein. Jeans und Blusen mit gewagtem Ausschnitt überraschten mich weniger als Shakespeares Worte, die auf den Lippen dieser Frauen nach Häresie klangen und umso merkwürdiger wirkten, als sie immer wieder von Allah! und Astaghfirullah! begleitet wurden. Heute weiß ich, dass Frauen aus der arabischen Oberschicht Privatstunden bekommen oder Universitäten besuchen, die nur ihnen vorbehalten sind. Einfache Bürger, ebenso wie Ausländer, erhalten dort selten Zugang.
Joumana und ihre Freundinnen dagegen waren erstaunt, dass ich Arabisch spreche. Sie hatten geglaubt, alle Marokkanerinnen sprächen nur Französisch.
Ich nutzte die Gelegenheit, diese Frauen meinerseits zu beobachten, ohne mich jedoch ihren Fragen zu entziehen. Salma war um die dreißig. Sie hatte Augen wie Ebenholz, ähnlich denen einer Asiatin, einen sehr feinen Mund und fast durchscheinende Haut. Auf gewisse Weise war sie sehr schön, jedoch spiegelte sich auf ihrem Gesicht auch so etwas wie Reue oder Überdruss – oder vielleicht beides. Neben ihr wirkte Soha fast schmal, obwohl ihre Rundungen förmlich aus einer hautengen Korsage und einem Rock aus Stretch heraus zu platzen schienen. Das roch verdächtig nach Skalpell, dessen war ich sicher, doch ihre ausdruckslose Stirn und die harten Konturen ihrer Augen waren nichts gegen ihren honigsüßen Blick und ihre würdevollen, wenn auch gewollt aufreizenden Gesten. Farahs Schönheit war natürlicher, eine Mischung aus Ungezwungenheit und Lebensfreude, die sie beinahe zum Gegenteil von Salma machte. Es schien, als rühre ihr Charme ebenso von ihrer Reife – sie musste auf die vierzig zugehen – als auch von ihrer Leichtigkeit, vom Rot ihrer Haare und dem Grübchen an ihrem Kinn, über das ein fröhliches Lachen hinwegrollte.
Es folgten Fragen zu meiner Familie. Ich beschrieb meinen schweigsamen Vater, Großmutter Hinna, die mich als erste über Allahs Wohnsitz informiert hatte, und kam schließlich zu meinen drei Brüdern, von denen zwei nun in Spanien lebten und nur den Jüngsten, Ali, zurückgelassen hatten, der immer pleite war und davon träumte, unsere Großmutter in einen Brunnen zu schubsen, um die einzige goldene Haarspange zu erben, die sie besaß.
Die Frauen brachen in schallendes Gelächter aus und ich schien ihre Sympathie gewonnen zu haben.
Der Gedanke an Marokko, dieses Land, das die Frauen nie betreten hatten, weckte in ihnen Neid und Bewunderung. Sofort schwärmten sie begeistert von Casa, Tanger und natürlich Marrakesch, von dem sie viel gehört hatten, von unseren wunderschönen Abenden, unserer exquisiten Küche, von unseren Frauen, die arbeiten und Auto fahren durften, obwohl … obwohl … die Marokkanerinnen einen furchtbar schlechten Ruf haben, zumindest, wenn man Saudi-Araberinnen fragt, die der Meinung sind, dass ein Großteil unseres Landeseinkommens von leichten Mädchen erwirtschaftet wird:
»Wir haben das Öl, ihr habt die Frauen«, amüsierte sich Farah überschwänglich. »Und die verschmutzen noch nicht einmal die Umwelt.«
Ich hatte große Lust ihnen zu antworten, dass sie das Wichtigste dabei außen vor ließen: Anstatt das Verhalten meiner Landsfrauen anzuprangern, sollten sie sich lieber ihre eigenen Ehemänner vornehmen, denn die waren es schließlich, die in mein Land kamen, um in Sex zu investieren, statt sich mit ihren eigenen Ehefrauen zu vergnügen. Wenigstens werden bei uns keine Frauen gesteinigt, nur weil sie mit einem Kerl geschlafen haben. Man kann sie bezahlen, dafür gibt es einen gesetzlichen Tarif, sie beschmutzen vielleicht ihr Leben, aber sie behalten es!
Tatsächlich verblüffte mich die Offenheit dieser Frauen, von der ich noch nicht genau sagen konnte, ob es Hinterlist oder Naivität war. Aus Höflichkeit und da ich mir meiner Position durchaus bewusst war, beschloss ich zu schweigen. Ich war nichts weiter als eine ausländische Stewardess, der diese Frauen gestatteten, ihre Bekanntschaft zu machen und sie mit ihrer Anwesenheit zu beehren. Ich arbeitete in einer Branche, die als unmoralisch galt, wodurch einer Stewardess im Zweifelsfall ein schlechterer Ruf vorauseilte als einer Barfrau. Und obendrein bin ich noch Marokkanerin, was für ihre Ehemänner ohnehin so viel bedeutet wie Flittchen. Ich konnte mich glücklich schätzen, überhaupt von ihnen empfangen zu werden. Ich würde mich nicht mit übermächtigen Gegnern anlegen. Ein falsches Wort und sie würden mich rausschmeißen. Aus ihrem Haus, ihrer Gesellschaft, ihrem Land. Ruhig Blut, Leïla!
Ein kleiner Trost war die Zuneigung, die ich bereits in Joumanas Augen las – es war dieselbe, die sie auch im Flugzeug gezeigt hatte, als mich ein Passagier mit anzüglichen Absichten belästigt hatte. Also erlaubte ich mir nun doch einen einzigen Satz als Antwort:
»Ich kann nichts dafür, dass Männer aus der ganzen Welt auf Marokkanerinnen stehen. Die haben einfach die knackigsten Ärsche!«
Zum zweiten Mal gelang es mir, die Saudierinnen zum Lachen zu bringen. Mir wurde klar, dass ich einen Test bestanden hatte. Sie gaben sich unschuldig, um herauszufinden, ob ich eine gute Zuhörerin war und ein Urteil über mich zuließ. Ich konnte einstecken. Für den Moment war es ihnen vorbehalten, zu kritisieren und zu lästern. Später würde ich herausfinden, ob ich den Spieß auch umdrehen könnte. In der Zwischenzeit wurde ich weiter ausgefragt. Ich erzählte von meiner Familie, meinen Vorfahren, meinem algerischstämmigen Vater und seinem krankhaften nif …
»Was ist das, nif?«
»Der Berberstolz …«
Ich erzählte von meiner Mutter, einer stolzen Fassi, und meinen Brüdern, die auf spanischen Feldern schufteten, während Ali, unser Jüngster, mit einer Konservendose Fußball spielte. Und natürlich ließ ich auch meine Cousine Nora nicht aus, die schlauste Studentin von Casablanca. Wobei ich gewisse Details über Noras Abenteuer lieber unterschlug, denn sonst wären die saudischen Frauen wohl dabei geblieben, dass die Marokkanerinnen ihren schlechten Ruf verdienten.
Sie wollten Fotos von meiner Familie sehen, doch ich hatte nur ein einziges dabei, auf dem ich in meiner Arbeitsuniform auf dem Asphalt von Casa posierte, neben meinem Kollegen Fouad.
»Ist das dein Verlobter?«, fragte Farah, noch begieriger als alle anderen.
»Nein, das ist ein Kollege.«
»Und ihr lasst euch einfach zusammen fotografieren?«, wollte Salma wissen, die etwas zurückhaltender war.
»Wir arbeiten zusammen und verbringen sehr viel Zeit miteinander.«
»Ohne Hochzeitsabsichten!«
»Fouad ist verheiratet.«
»Auch das noch! Und seine Frau ist nicht eifersüchtig? «, rief Soha, die Üppige, höchstwahrscheinlich Operierte, in scherzhaftem Ton.
»Warum sollte sie? Sie weiß sehr genau, dass ihr Mann überall mit Frauen zu tun hat, wo er hingeht. Sie kann ihn ja schlecht zu Hause einsperren.«
Ich blickte in erstaunte Gesichter, doch mir schien, als ob ihr Erstaunen eher durch meine etwas genervten Worte provoziert wurde als durch meine Antwort selbst. Sofort machte ich mir Vorwürfe und im tiefsten Innersten bedauerte ich diese Frauen, die niemals einem Mann begegnen würden, der nicht zur Familie gehörte.
Alle Augen ruhten noch immer auf meinem Kollegen, der zugegebenermaßen sehr gut aussah, mit gepflegtem Schnurrbart, athletischem Körperbau und honigfarbenen Augen. Es wurde eigenartig still im Zimmer. Ich dachte darüber nach, dass ich das Wesen der Saudis noch immer nicht sonderlich gut kannte, obwohl ich bereits seit vierzehn Monaten in Dschidda war. Durch meinen Job war ich viel unterwegs und hatte nur selten die Möglichkeit, an freien Tagen die Menschen des Landes kennenzulernen. Abgesehen von einem saudischen Steward und einem Flugkapitän, mit denen ich ab und an gemeinsam flog, kannte ich niemanden, der mich über die hiesigen Sitten und Gebräuche aufklärte. Bisher hatte ich gelernt, dass die Araber vom Golf höfliche, ein wenig distanzierte Menschen waren, dass sie Fremden sowohl mit Gastfreundschaft als auch mit Vorsicht begegneten. Nun wusste ich auch, dass den Marokkanerinnen unter den saudischen Frauen tatsächlich ein verdammt schlimmer Ruf vorauseilte, in deren Augen meine Landsfrauen allesamt käufliche, männermordende Pflanzen der verruchtesten Sorte waren.
»Wie sind Sie überhaupt Stewardess geworden?«, fragte Farah, die Rothaarige mit den lachenden Augen.
»Ich sage alles«, rief ich Joumana zu, »unter der Voraussetzung, dass du mir deine Freundinnen vorstellst.«
»Ah, wie konnte ich«, entschuldigte sich die Hausherrin sofort, »ich habe meine Pflichten vernachlässigt.«
Ohne aufzustehen, zeigte sie mit der Hand auf jede ihrer Freundinnen, und zu ihren Namen und Gesichtern gesellten sich nun zum ersten Mal einige persönliche Details: Soha, verheiratet mit einem wohlhabenden Teppichhändler, drei Kinder. Farah, Bankierswitwe und Mutter eines Sohnes. Salma, Frau eines Geschäftsmanns, zwei Kinder. Was Joumana anging, wusste ich bereits, dass sie die Frau eines Staatssekretärs und seit acht Jahren Mutter von Zwillingen war.
Wenig später, mit Ankunft einer weiteren jungen Frau, war die Runde komplett:
»Meine Nichte«, erklärte Joumana. »Sie kommt aus Riad und möchte ihr Studium hier in Dschidda beenden. Sie studiert an der Dar al-Hikma-Universität.«
Die junge Studentin hatte runde Pausbäckchen und einen schönen unschuldigen Blick. Mir fiel sofort auf, wie ähnlich sie ihrer Tante sah, beide waren schmal und hatten Mandelaugen, nur hatte die Nichte keine kurzen Haare, sondern trug zwei lange schwere Zöpfe. Als ich mich erhob, um sie zu begrüßen, fiel das Foto aus meiner Handtasche, auf das sie sich sofort stürzte.
»Ist er verheiratet?«, fragte sie.
Also wirklich!
»Was kümmert’s dich?«, rief Farah. »Du schaffst es ja noch nicht einmal, zwei Worte mit deinem heißgeliebten Nachbarn zu wechseln, da solltest du besser nicht nach Männern aus anderen Ländern gieren!«
Das junge Mädchen schmollte und machte sich sogleich wieder davon. Ich hörte, wie sie eine Treppe hinaufstieg und eine Tür öffnete.
»Sie kommt keine zwei Minuten ohne ihren Schatz aus«, seufzte Joumana.
Ich guckte erstaunt.
»Natürlich im Internet.«
»Aber wenn sie Nachbarn sind …«, entgegnete ich.
»Das spielt keine Rolle, keine Frau hat das Recht, mit einem Mann zu sprechen, der nicht mit ihr blutsverwandt ist, das wisst ihr doch«, sagte die schüchterne Salma an uns alle gerichtet, mit vorwurfsvollem Unterton.
Und so begann eine Freundschaft, in der noch so manches Geheimnis geteilt werden sollte.
»Solange ich denken kann, wollte ich schon immer … Anwältin werden.«
Mit diesen Worten begann meine Erzählung für Joumana und ihre Freundinnen. Sie wollten wissen, warum ich Stewardess geworden war. Mehr als irgendwo sonst auf der Welt schien gerade dieser Beruf ihre Fantasie zu beflügeln, für sie stand er an der Spitze des weiblichen Exhibitionismus, war der gewagteste legale Schlag gegen jegliche Moral. Nachdem mir klargeworden war, wie tief all diese Vorurteile in ihnen verwurzelt waren, begann ich mich zu fragen, warum sie sich weiterhin mit mir abgaben.
Ich wehrte mich entschieden dagegen und erklärte, dass es, wenn ich meine Uniform anzog, nicht meine Absicht war, möglichst viele Männer abzuschleppen, dass es mir nicht um Schweinereien ging, sondern darum, meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Während Joumana und ihre Vertrauten mit großen Augen einer Geschichte lauschten, die für jede andere Frau völlig durchschnittlich gewesen wäre – außer eben für eine Frau vom Golf –, wurde mir immer bewusster, dass ich in die Rolle einer gewissen, wohlbekannten Erzählerin schlüpfte …
Dabei habe ich die Wahrheit gesagt. Tatsächlich wollte ich mein Leben lang Anwältin werden, einfach um die ganzen Schwachköpfe aus meinem Viertel hinter Gitter zu bringen, Tyrannen und Hochstapler, die sich uns gegenüber, den Menschen aus den Vorstädten von Casa, wie die großen Gangster aufspielten.
An mangelnder Bildung lag es übrigens nicht, ich habe genau so viele Universitätsabschlüsse an der Wand wie Lippenstifte in der Schublade. Leider erweisen sich geschminkte Lippen in Marokko immer wieder als vorteilhafter bei der Jobsuche als ein Diplom, was der chronischen Arbeitslosigkeit geschuldet ist, aber auch der alten Leier: »Sie können mir doch nicht erzählen, dass diese Frau es fertigbringt, ein anständiges Plädoyer zu halten oder einen großen Prozess zu gewinnen! Die Köpfe von Frauen arbeiten langsamer, wenn überhaupt.« Vielleicht eine gute Hausfrau, sicherlich ein heißer Feger! Jedes Mal, wenn ich eine Kanzlei betrat, um mich vorzustellen, machten mir Anwälte und sonstige Beamte dort ziemlich schnell klar, wie in dem Job der Hase lief. Ein Sofa hier, ein Hinterzimmer dort, im besten Fall nur ein paar geifernde Klapse aufs Hinterteil. Nun ja … Scheinbar hatte mich Gott nicht ohne einen gewissen Charme erschaffen und mich mit einem Hintern gesegnet, von dem die Jugendlichen unseres Viertels behaupteten, er sei wie aus einer Zeitschrift ausgeschnitten, und auf dessen Zukunft sie wetteten, als handle es sich um ihren Fußball. Ich lernte schnell. Wenn ich nicht unter dem Dach irgendeines Machos landen wollte, wenn ich meine Familie finanziell unterstützen wollte, musste ich meine Trümpfe geschickt ausspielen: erst der Arsch, dann das Gehirn. Und so gewannen die Kinder aus dem Viertel ihre Wette, das muss ich ihnen lassen.
Ganz anders reagierte dagegen mein Vater. Während meine Mutter sagte, die Uniform stehe mir ganz ausgezeichnet, verzog sich mein grollender Vater in eine Ecke unserer bescheidenen Hütte. Der Gedanke, dass seine Tochter ein luftiges Mädchen werden würde, das sich vornüberbeugen musste, um Gäste zu bedienen, die über den Wolken alle Regeln des Anstands vergaßen, war ihm ein Graus, zumal er mich im Geiste der Eigenverantwortung erzogen hatte und mit dem obersten Gebot, den Armen ihre Würde wiederzugeben. Meine Mutter lachte hinter vorgehaltener Hand und einige Youyous kitzelten ihr die Lippen. Aus Rücksicht auf ihren Ehemann unterdrückte sie ihre überbordende Freude darüber, dass ihre Tochter bald die Dollars nach Hause bringen würde. Und wie so oft »überwinden die Frauen schlechte Voraussetzungen, während die Männer die guten vergeigen«. So das Resümee meiner Großmutter, nachdem sich mein Vater dem Schicksal ergeben hatte, das unter anderem von weiblicher Beharrlichkeit gelenkt wird.
Meine Cousine Nora war diejenige gewesen, die mir den Tipp gegeben hatte. Die Saudis suchen Stewardessen! Die Nachricht hatte sich wie ein Lauffeuer bis in mein Viertel verbreitet. O ihr jungen und hübschen Marokkanerinnen, leistet erste Hilfe mit eurer Schönheit und eurem Charme! Und warum gerade wir Marokkanerinnen? Weil die Saudis ihre eigenen Mädchen natürlich nicht hoch in die Luft hinaus lassen, das verträgt sich nicht mit ihrer Moral. Ihre Frauen sind es gewohnt, bedient zu werden und nicht andersherum, nicht wahr? Für unsereins ist der Beruf einfach eine Notwendigkeit, er hat nichts mit Luxus oder der Eigenwilligkeit einiger Außenseiterinnen zu tun, wie es früher vielleicht mal war.
Ich verschwieg Joumana und ihren Freundinnen, dass ich damals schweren Herzens ging, mit einem Gefühl der Ungerechtigkeit darüber, dass Gott die einen in Elendsvierteln das Licht der Welt erblicken ließ und andere eben in einem prunkvollen Palast. Doch fatalistisch wie ich nun mal bin, dauerten diese Anwandlungen kaum einen halben Tag. Schwungvoll fegte ich meine Vorbehalte vom Tisch und sagte mir, dass ich mit den Saudis nichts am Hut hatte. Ich würde über kein anderes Land richten, sondern hob mir meinen Traum von Gerechtigkeit für mein eigenes auf. Und Gott ließ ich auch in Frieden, zumal ich ja nun seine Heimaterde betrat: Arabien. Meine Großmutter Hinna übrigens beneidet mich seitdem zutiefst, sie sagt, ich sei nun Allahs Nachbarin, dass ich pilgern könne, wann immer mir danach sei und dass mir vermutlich die Ehre zuteil würde, gleich neben dem Grab des Propheten begraben zu werden! Meine Cousine Nora, die wie die meisten Marokkaner ihren Stammbaum derart verdreht hatte, dass sich eine Verwandtschaft mit dem Propheten Mohammed ergeben hatte, Allahs Segen und Heil auf ihm, erklärte kurzerhand, dass es nur gerecht sei, dass ich nun zu unseren Vorfahren zurückkehren und all das Öl zurückverlangen würde, das sie uns schuldeten.
Ich hatte gut daran getan, meine studentischen Ersparnisse, zu denen auch mein ältester Bruder etwas beigesteuert hatte, der in El Maria auf dem Feld arbeitete, in einen Gang zur Schneiderin und zum Friseur zu investieren. Als ich das Gebäude betrat, in dem die Auswahlgespräche stattfinden sollten, traf mich fast der Schlag: Sämtliche Schönheitsköniginnen aus Marokko waren angereist, sie trugen Stöckelschuhe und Miniröcke, blonde Strähnchen, falsche Wimpern und schwindelerregende Dekolletés; ich war im Paradies der künstlichen Huris gelandet. Ich sagte mir, dass ich wenig Chancen hatte, diese Nymphen aus dem Katalog auszustechen, ich mit meinem Kleidchen aus billigem Polyester, das sich schon an einigen Stellen auflöste, und meinen ausgelatschten Schuhen, die Djuhas Pantoffeln nicht unähnlich waren. Ich irrte mich. Sie schieden aus, ich blieb. Meinem Po sei Dank? Die anderen beschuldigten mich, die saudischen Arbeitgeber verhext zu haben. Ich dagegen war überzeugt, dass diese Herren, die uns im Übrigen der Reihe nach wie Sklavinnen auf dem Basar auflaufen ließen, zwar darauf aus gewesen waren, ihre Flugzeuge mit ein wenig Weiblichkeit zu schmücken, es ihnen jedoch nicht daran gelegen war, durch zu aufreizende Schönheiten das Schamgefühl ihrer Gäste zu verletzen. Daher mein gesundes Mittelmaß.
Ich füllte den Fragebogen aus, den mir ein Mann mit der berühmten weiß-roten Kufiya auf dem Kopf hinhielt. Mein fehlerfreies Arabisch wurde kommentarlos hingenommen, ich wurde mit Blicken genauestens taxiert und sollte einige Sätze auf Englisch sagen.
Danach: Funkstille.
Verzweifelt wartete ich auf Antwort, bis mir mein Bruder Ali eines Tages einen großen Umschlag mit arabischem Absender unter die Nase hielt.
»Gib her!«
»Nur, wenn du zahlst.«
Man bestellte mich für den nächsten Tag zum Arbeitsamt des Konsulats.
»Ihre Bewerbung war erfolgreich, Mademoiselle. Herzlichen Glückwunsch!«
Ich wurde von einem Herrn im makellosen Anzug empfangen, der die gleiche Kopfbedeckung trug, die nun ein schwarzes Band zierte, dessen genaue Bezeichnung ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht kannte. Er hielt mir eine grüne Bluse hin.
»Sie werden ein einmonatiges Training in Dschidda absolvieren. Hier ist Ihr Flugticket plus Spesen.« Er fügte hinzu: »Nach diesem Monat wird Ihnen mitgeteilt, ob Sie eingestellt werden oder nicht.«
Ich nahm den Bus zurück und rannte nach Hause. Ich war fünfundzwanzig und man hatte mir soeben eine Zukunft in grüner Bluse in Aussicht gestellt. Meine Mutter weinte. In diesem Moment wusste ich nicht, ob es Freudentränen waren oder die Trauer darüber, dass ich weit aus dem Kreis der Familie davonfliegen würde.
Nach einer turbulenten Lufttaufe, bei der sich die schlechten Wetterbedingungen zur ebenso schlechten Laune der Passagiere gesellten, und die mir einen Vorgeschmack von meinem zukünftigen Arbeitsplatz verschaffte, kamen wir in Dschidda an. Der Flughafen Abdul-Aziz, damals noch der größte der Welt, erstreckte sich über zig Kilometer und auf ihm tummelte sich eine so große Menschenmasse, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte. Noch wusste ich nicht, dass dies ein Knotenpunkt war, der zu den heiligen Stätten, nach Mekka und Medina, führte und so den Pilgern als überdimensionaler Wartesaal diente.
Als ich das Flugzeug verließ, zog ich ein Kopftuch hervor, das Großmutter mir geliehen hatte, die es ihrerseits von Tante Fadéla als Souvenir ihrer Reise nach Mekka geschenkt bekommen hatte. Ein Wagen wartete auf mich. Ich streckte dem Mann, der mich erwartete, zum Gruß die Hand hin, doch er beschränkte sich auf eine gemurmelte Begrüßung und würdigte mich kaum eines Blickes. Wir fuhren in die Stadt zu einer Art Hotelresidenz, etwa dreißig Kilometer entfernt, in der die Stewardessen aus der ganzen Welt einquartiert wurden, die künftig hier arbeiten würden. Ich befand mich also in einem dieser Gebilde, die Compound genannt wurden, mit Überwachungskameras an jeder Ecke und abgeschottet von Wachmännern, die das Kommen und Gehen kontrollierten.
Nie wieder im Leben war ich so fleißig wie in diesem Monat. Jeden Morgen fuhr man uns mit dem Bus zu einem kastenartigen Gebäude, wo uns ausländisches Personal mit Hilfe von Videos und theoretischem Unterricht auf den Beruf vorbereiteten. Uns wurde ein Erste-Hilfe-Kurs aufgebrummt, ein Englischkurs und natürlich auch ein Kurs zur arabischen Kultur im Allgemeinen, bevor uns die goldenen Regeln des Königreichs vorgebetet wurden:
»Verboten sind unpassende Bekleidung, das Ausgehen ohne Begleitung des Vaters, Ehemannes oder Bruders, Alkoholkonsum, sowie Herrenbesuche auf dem Zimmer.«
Ich hatte nicht das geringste Bedürfnis auszugehen und noch nie im Leben einen Tropfen Alkohol zu mir genommen, auch nicht in Marokko, ich würde sicher nicht in Allahs Revier damit anfangen! Ich strengte mich mehr an als die anderen, ich durfte nicht scheitern, meine Mutter hätte sicher vor Gram Diabetes bekommen. Nicht nur wäre es schwierig, die Jobsuche von vorn zu beginnen, ich würde auch noch die Schadenfreude unseres gesamten Viertels ertragen müssen, allen voran die der abgelehnten Schönheitsköniginnen, die ganz sicher Gerüchte über meine moralische Verdorbenheit in die Welt setzen würden. Wahrscheinlich glauben sie gar nicht wirklich daran, und trotzdem ist das Vorurteil tief bei uns verwurzelt, dass jedes junge Mädchen, das bei den Arabern vom Golf als Stewardess arbeitet, eine Hure ist.
Wenn Sie sich nun fragen, wie ich es geschafft habe, mich mit diesen Frauen der arabischen Oberschicht anzufreunden, werde ich es Ihnen sagen.
Nach einem Jahr guter und loyaler Dienste für Saudi Airlines wurde ich zur Chefstewardess befördert und in die Businessklasse versetzt, manchmal sogar für VIP-Flüge.
Ich leitete einen Trupp Gazellen aus dem Maghreb, Europa und Asien, von denen manche aufs Geld aus waren, manche auf ein Abenteuer, doch die Mehrzahl von ihnen träumte vom Jackpot, von der Begegnung ihres Lebens. Meine anfängliche Angst hatte sich ganz buchstäblich in Luft aufgelöst, ich gewöhnte mich an das waghalsige Leben des Bordpersonals, an den Wechsel zwischen Lang- und Mittelstreckenflügen, an das Pendeln zwischen Europa und dem Mittleren Osten, erst Mailand, dann Beirut, tags darauf Paris. Ich richtete meinen Schlafrhythmus nach den Flügen aus, kämpfte gegen den Jetlag und war abends heilfroh, nach einer halben Weltreise in meine stille Wohnung in Dschidda zurückzukehren.
Auf dem Boden tauschte ich die Uniform gegen eine Abaja und lief den Anweisungen gemäß hinter meinen männlichen Kollegen her. Wer hat behauptet, die Unterwürfigkeit läge der arabischen Frau nicht in den Genen?
Sieh mal einer an, da bin ich nun, mit meinem Tablett in der Hand laufe ich festen Schrittes durch die Stuhlreihen, nichts bringt mich aus dem Tritt, nicht einmal Turbulenzen. Ich flöte ein »Ja Monsieur« links und ein »Ja Madame« rechts, was meinen Chefs natürlich sehr gefällt, zum Glück sieht mich mein Vater nicht so. Auch hier war es gar nicht schwer, die Kunst der Unterwerfung zu erlernen, in meinem Heimatland Marokko ist sie jahrtausendealt. Man muss nur ein wenig in seiner Erinnerung kramen, dann gehen einem die moulay und sidi
