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Spiel, Satz und Liebe. Einst thronte Viva Jones an der Spitze der Tenniswelt, eine gefeierte Grand-Slam-Siegerin mit einer glänzenden Zukunft. Doch ein einziger umstrittener Pfiff und eine folgenschwere Verletzung ließen ihre Träume jäh zerplatzen. Auf ihrem mühsamen Weg zurück ins Rampenlicht kreuzt unerwartet Gabriela ihren Weg – die Linienrichterin, deren Fehlentscheidung ihre Karriere aus der Bahn geworfen hat. Was als kompliziertes Wiedersehen beginnt, entfesselt eine leidenschaftliche Anziehungskraft, die alle ungeschriebenen Gesetze des Profitennis in Frage stellt. Denn Spielerinnen und Offizielle dürfen sich nicht näherkommen. Können Viva und Gabriela diese verbotene Liebe riskieren und für ihr Glück alle Regeln brechen?
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Seitenzahl: 465
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Inhaltsverzeichnis
Von Cheyenne Blue außerdem lieferbar
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Epilog
Ebenfalls im Ylva Verlag erschienen
Über Cheyenne Blue
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Unerwartet. Für immer
94 Gaylord Street: Eine Adresse zum Verlieben
Gemeinsam auf den Wellen
So schnell mein Herz schlägt
Girl-Meets-Girl
Ungebunden ins Glück
Neubeginn im Outback
Verliebt im Outback
Eine fast perfekte Hochzeit im Outback
Kapitel 1
Mit rasendem Herzen stand Viva an der Aufschlaglinie und wartete darauf, dass sich die Menschenmenge endlich beruhigte. Doch die Kakofonie aus Applaus und Rufen um sie herum wurde immer lauter.
»Ruhe, bitte.« Die besonnene Stimme des Schiedsrichters übertönte den Lärm. »Tie-Break, 6:5 für Jones. Aufschlag für Genevieve Jones.«
Viva atmete bewusst einmal tief ein und konzentrierte sich darauf, beim Ausatmen die Anspannung in ihren Schultern zu lösen. Dann brachte sie ihren Fuß einen Zentimeter hinter der Grundlinie in Position. Der Lärm der Zuschauer trat in den Hintergrund; sie dachte nur noch an den nächsten Punkt. Dann wippte sie auf der Ferse zurück und warf den Ball in die Luft.
»Komm schon, Paige! Zeig uns, was du kannst!«
Die Anfeuerungsrufe für ihre Gegnerin unterbrachen Vivas Konzentration.
Gelächter hallte im Centre-Court wider.
Abbruch.
Sie senkte den Schläger, fing den Ball wieder auf und kämpfte gegen die Wut an, die in ihr aufwallte. Erneut wartete sie darauf, dass die Menge zur Ruhe kam.
»Bitte keine Zwischenrufe während des Matches.« Der Schiedsrichter machte eine Notiz auf seinem Tablet.
Viva drehte sich von der Aufschlaglinie weg und nickte dem Ballmädchen zu, das ihr sofort ein Handtuch brachte. Wegen der hohen Luftfeuchtigkeit in New York glitt der Schläger in Vivas Hand herum wie Butter durch eine heiße Pfanne. Sie wischte ihr Gesicht, ihre Hände und den Griff des Schlägers mit dem Handtuch ab. Während sie auf das Geflecht der Saiten starrte, sammelte sie ihre Konzentration und versuchte, die Schmetterlinge, die in ihrem Bauch Saltos schlugen, zu vertreiben.
Dieser Moment, dieser eine Punkt. Satzball.
Alles andere war unwichtig. Auch, dass sie versuchte, ihren Grand-Slam-Titel zu verteidigen und mit einem Sieg ganz oben auf der Rangliste stehen würde. Nur dieser eine Punkt zählt. Nur dieser eine. Wenn sie diesen Punkt gewann, würde das Match über drei Sätze gehen. Sie ging zurück zur Aufschlaglinie, sammelte die Bälle ein und warf sie dem Ballkind zu.
Dann ließ sie den Ball einmal, zweimal aufspringen. Ein drittes Mal. Ihr Griff um den Schläger wurde fester. Dieser Punkt ist wichtig. Nur dieser eine. Beim vierten Aufprall des Balls bereitete sie sich auf den Schlag vor.
»Verzögerung. Verwarnung, Miss Jones.«
Sie ließ den Schläger fallen und sah den Schiedsrichter fassungslos an.
Der starrte teilnahmslos zurück. Fast so, als wolle er sie zu einer Reaktion herausfordern.
Für einen Moment schloss sie ihre Augen und schluckte die hitzigen Worte runter, die ihr auf der Zunge lagen. Vielleicht hatte sie einige Sekunden länger gebraucht. Allerdings war es unglaublich unfair, ihr deswegen einen Verstoß anzuhängen. Sie atmete tief durch und hob dann ihren Schläger auf.
Viva warf einen kurzen Blick auf ihre lebhafte blonde Gegnerin, die ihren Schläger hin und her bewegte. Paige hatte eine schlechte Drei-Satz-Bilanz, vor allem wenn sie den zweiten Satz verlor. Viva wusste, dass sie das Match gewinnen konnte – wenn es in den dritten Satz ging. Und es war immer noch ihr Satzball. Sie wischte sich mit dem Schweißband über die Stirn.
Zweimal aufspringen lassen, werfen, schlagen.
Ass! Viva stieß triumphierend die Faust in die Luft.
»Zweiter Aufschlag.«
Was? Mit geweiteten Augen wandte sie sich dem Schiedsrichter zu.
»Fußfehler.« Er lehnte sich vor und sprach ins Mikrofon. »Miss Jones, es wurde ein Fußfehler ausgerufen.«
Das weiße Rauschen in ihrem Kopf wurde immer lauter. Viva presste die Lippen fest zusammen und schluckte schwer. Mit einem Ruck drehte sie sich zur Linienrichterin, die ausdruckslos geradeaus starrte.
Viva nickte knapp und lief zur Aufschlaglinie zurück. Zweimal aufspringen lassen, werfen, schlagen. Der weichere Aufschlag flog weit und Paige schlug ihn hart durch die Mitte zurück. Die Bälle jagten zwischen ihr und ihrer Gegnerin hin und her, bevor Paige einen unhaltbaren Rückhandschlag auf die Linie schickte.
6:6. Jetzt brauchte Viva nur noch zwei Punkte hintereinander, um zu gewinnen.
Für die kurze Seitenwechselpause kehrte sie zu ihrem Stuhl zurück und trank einen Schluck ihres Sportdrinks, gefolgt von einem Schluck Wasser. Dann wischte sie den Schlägergriff ab und prüfte die Saitenspannung. Diese kleinen Routinen beruhigten sie, brachten ihr wippendes Knie zum Stillstand. Sie konzentrierte sich und versuchte, die dröhnende Musik der zweiminütigen Pause auszublenden.
Viva kehrte an die Aufschlaglinie zurück.
Gerade als sie sich auf den Aufschlag vorbereitete, hustete jemand im Publikum. Sie wartete einen Moment und ließ dann den Ball noch einmal aufspringen.
Dann ein sauberer Schlag über die Mittellinie.
Paige brachte ihn kurz zurück.
Viva stürmte nach vorn und erreichte den Ball gerade noch. Er traf auf das Netz, verweilte einen qualvollen Moment lang auf der Netzkante, und fiel dann auf Vivas Seite herunter.
Verdammt.
Das ist … so ein Pech. Das war – nein!
Entschieden verbannte sie die negativen Gedanken.
»7:6 für Westermeier.«
Wenn Paige den nächsten Punkt holte, würde sie das Match gewinnen. Und sie war diejenige, die jetzt zwei Aufschläge hatte.
Nachdem Viva an die Linie zurückgekehrt war, konzentrierte sie sich auf ihre Füße; dieses Mal, um den Ball anzunehmen.
Paige ließ sich Zeit mit ihrem Aufschlag, ließ den Ball mehrere Male aufspringen und warf ihn dann schlecht hoch, bevor sie ihn wieder auffing und sich neu sammelte.
Viva biss sich auf die Lippe. Der Schiedsrichter hätte eine Verzögerung ausrufen sollen. Er hätte – sie schob auch diesen Gedanken von sich. Konzentration.
Paiges Aufschlag war weich, fast zögerlich.
Viva war bereits in Position und ihr harter Rückschlag kam knapp vor der Aufschlaglinie auf.
7:7. Ja! Sie joggte zur Aufschlaglinie zurück und warf ihrer Gegenspielerin einen kühlen Blick zu. Streng dich an, Paige.
Paiges nächster Aufschlag donnerte hart und schnell und überraschend.
Viva stürzte sich darauf und der Ball prallte vom äußersten Rand ihres Schlägers ab. Der Schwung schickte einen schmerzhaften Stich in ihr Handgelenk. Sie keuchte, als es nach hinten gedrückt wurde. Der Schläger fiel zu Boden. Sie hob ihn auf und biss die Zähne gegen die Enttäuschung zusammen. Ihr Handgelenk pochte.
Inzwischen stand es 8:7 und Paige hatte einen weiteren Matchball. Aber es war noch nicht vorbei.
Ein Ballkind warf ihr einen Ball zu.
Viva drehte sich zur Aufschlaglinie und starrte über den Court, atmete tief ein und langsam wieder aus. Sie brachte ihren Fuß in Position, ganz knapp hinter der Linie. Zweimal aufspringen lassen. Aller guten Dinge sind drei. Werfen. Schlagen. Und es war ein guter Aufschlag, da war sie sicher und –
»Fußfehler.«
»Nein!« Der Schrei brach aus ihrer fast zugeschnürten Kehle hervor. »Nicht schon wieder! Das ist unmöglich!«
Der Schläger bebte in ihrer Hand. Sie krümmte die Finger fester um den Griff, warf einen Blick auf das unnachgiebige Gesicht des Schiedsrichters. Sein Gesichtsausdruck verriet, dass er derselben Meinung war. Dann wirbelte sie zur Linienrichterin herum, die mit steinerner Miene auf ihrem Stuhl saß. Ihre ordentlich frisierten, braunen Haare waren so kurz und geordnet, wie sie selbst klein und beherrscht war. Sie starrte geradeaus, als würde sie an einer Haltestelle auf den Bus warten.
Viva funkelte den Schiedsrichter an. »Sie irrt sich! Das können Sie ihr nicht durchgehen lassen. Es ist ein Matchball!« Ein roter Schleier legte sich über ihre Gedanken. Sie packte den Schläger fester, überwältigt von dem Verlangen, ihn auf dem Platz zu zerschlagen, bis er völlig zerstört war.
»Zweiter Aufschlag.«
Viva presste die Lippen so fest aufeinander, dass sie unwillkürlich mit den Zähnen knirschte. Sie nickte dem Schiedsrichter einmal verkrampft zu und marschierte an die Aufschlaglinie zurück. Als sie mit der Linienrichterin auf Augenhöhe war, warf sie ihr einen verächtlichen Blick zu. »Das werde ich nicht vergessen.«
Die Frau verzog keine Miene. Ihr schweißfeuchtes Haar klebte in der Hitze schlaff an ihrer Stirn, aber sie starrte weiterhin geradeaus, ohne zu reagieren.
Nach einem letzten giftigen Blick in ihre Richtung nahm Viva ihren Platz an der Aufschlaglinie ein. Sie holte tief Luft und versuchte, sich zu beruhigen. Dieser Punkt ist es. Nur dieser eine. Die aufgekratzte Menge, die ihrer Gegnerin laut zujubelte, die Hitze und Feuchtigkeit, Paige, die leicht auf den Zehen wippte – all das trat in den Hintergrund, wurde in eine Ecke in Vivas Kopf gedrängt, in der das alles an Bedeutung verlor. Das steinerne Gesicht der Linienrichterin drängte sich in den Vordergrund, verschwand dann aber wieder aus Vivas Gedanken. Konzentration.
Sie nahm drei Bälle, verwarf einen. Es wäre so unendlich demütigend, dieses wichtige Match durch eine Strafe zu verlieren. Viva schloss kurz die Augen, verbannte die negativen Gedanken. Verlieren? Nein. Sie würde gewinnen. Entschlossen hielt sie ihren Schläger fest, während die Überzeugung in ihr wuchs, dass das hier gut ausgehen würde. Sie setzte die Fersen fest auf den Boden.
Diesmal war die Menge so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Die Ballkinder standen reglos wie Laternenpfähle da, der Schiedsrichter saß aufrecht auf seinem Stuhl. Die Linienrichterin lehnte sich mit den Händen auf den Knien vor, ihr Blick starr auf die Aufschlaglinie gerichtet.
Zweiter Aufschlag. Letzte Chance.
Viva warf den Ball, holte aus und traf ihn sauber in der Mitte des Schlägers. Wie eine Rakete schoss er über das Netz.
»Aus!« Der Ruf des Linienrichters am anderen Ende des Spielfelds erklang laut und deutlich.
»Nein!« Sie konnte den Aufschrei nicht unterdrücken – nicht der Siegesruf, den sie sich vorgestellt hatte, eher ein verzweifeltes Aufschluchzen ihrer zerstörten Träume. Sie hatte verloren. Im Viertelfinale, bei der Verteidigung ihres US-Open-Titels.
Vivas Beine waren plötzlich weich wie Wackelpudding. Sie ging mitten auf dem Court in die Knie und senkte den Kopf über den Griff ihres Schlägers. Bald würde sie sich ihrem Coach Deepak und der Presse stellen müssen, aber für einen Moment ließ sie sich von ihrem Elend überwältigen. Nur eine Sekunde lang. Dann setzte sie ein schiefes Gratulationslächeln auf, sprang auf die Beine und lief zum Netz.
Paige spurtete auf sie zu und die Freude stand ihr ins Gesicht geschrieben. Um sie herum sprang auch die Menge auf die Füße und die Jubelrufe und der Applaus hallten im Stadion wider.
Für Paige. Nicht für Viva.
»Gut gemacht, Paige. Das hast du dir verdient.« Sie legte die Arme um die verschwitzten Schultern ihrer Gegnerin, bevor sie zu ihrem Stuhl lief. Nach einem schnellen Handschlag mit dem Schiedsrichter sammelte sie schnell ihre Sachen ein und stopfte sie in ihre Tasche. Nur weg vom Court. Der Drang, zu fliehen, war überwältigend. Eine ausgiebige Dusche, genau das brauchte sie jetzt, damit sie im Wasserstrahl ihre Tränen verbergen konnte.
Sie hob eine Hand zum Publikum und trottete zum Ausgang.
Der laute Jubel für die Siegerin folgte ihr hinaus.
~ ~ ~
Später, sehr viel später, nachdem sie geduscht, mit Deepak gesprochen und sich einer Flut an Pressefragen über die unerwartete Niederlage gestellt hatte, kehrte Viva in ihr Hotelzimmer zurück. Sie legte sich mit dem Handy in der Hand auf das Bett und starrte an die Decke. Dinge, die sie noch erledigen sollte, schossen ihr durch den Kopf. Doch sie ignorierte sie alle.
Sie blinzelte die Tränen aus ihren Augen und starrte an die weiße Decke, während sie im Kopf den letzten Ballwechsel durchging. Wie war das nur passiert? Sie hatte das Momentum auf ihrer Seite gehabt, den gewissen Vorteil. Und sie war die bessere Spielerin, hatte einen höheren Rang als Paige, konnte besser mit dem Druck umgehen. Abgesehen von der Tatsache, dass sie das vorhin nicht getan hatte. Der letzte Punkt lief vor ihrem inneren Auge ab wie ein Horrorfilm. Ihre Position hinter der Linie, der Wurf, der Aufschlag. Der Fußfehler. Das Video in ihrem Kopf kam stotternd zum Stillstand. Dieser Fehler hatte sie das Match gekostet.
Viva griff nach der Fernbedienung und zappte durch die Sender, bis sie eine Wiederholung des Matches fand. Sie spulte zum letzten Punkt vor. Da stand sie, aufs Höchste angespannt, mit verschlossenem und konzentriertem Gesicht. Sie spielte den Moment des Fußfehlers immer und immer wieder durch. Hatte ihr Fuß sich über die Linie bewegt, bevor oder nachdem sie den Ball getroffen hatte? Sie studierte das Video eingehend. Es war ein Irrtum, da war sie sich sicher. Sie hatte keinen Fehler gemacht.
Dann klingelte ihr Handy und ein Blick auf das Display verriet, dass es ihre Mutter in Australien war. Sie ignorierte den Anruf. Später würde sie mit ihrer Familie reden, ein wenig weinen und deren Liebe und Trost genießen, aber noch nicht jetzt.
Viva ließ die Wiederholung weiterlaufen. Auf dem Bildschirm war die Linienrichterin zu sehen, die den Fehler ausgerufen hatte. Braune Haut, markante Wangenknochen, distanzierte Miene. Am unteren Bildschirmrand wurde ihr Name eingeblendet: Gabriela Mendaro. Viva drückte auf Pause und prägte sich ihr Gesicht und ihren Namen ein. Sie knurrte. Diese Frau war dafür verantwortlich, dass sie aus den US Open geflogen war. Jetzt war sie nicht länger Genevieve Jones, US-Open-Titelverteidigerin mit Aussicht darauf, die Nummer eins auf der Rangliste zu werden; jetzt war sie lediglich eine weitere Spielerin, die darum kämpfte, in den Top Ten zu bleiben.
Ihr Handy klingelte erneut und sie sah auf den Namen. Ihre Mundwinkel zuckten in einem schwachen Lächeln. Wenn es eine Person gab, die sie aufheitern konnte, dann war es Michi.
»Hey, Partnerin«, sagte sie.
»Hey, du. Wie geht’s dir?« Normalerweise sprudelte ihre Doppelpartnerin nur so vor Energie, aber jetzt war da ein weicher, behutsamer Unterton in ihrer Stimme.
»Ging mir schon besser«, sagte Viva ironisch. »So ziemlich jeden Tag in diesem Jahr bis heute.«
Michi schwieg einen Augenblick lang. »Das ist nicht das Ende. Es ist nur ein Match, das du verloren hast. Das weißt du.«
»Ja.« Viva seufzte. »Natürlich hast du recht, aber jetzt gerade ist es das Ende des Lebens, wie ich es kenne.« Der Fernsehbildschirm vor ihr zeigte immer noch Gabriela Mendaros Gesicht. Sie war ihr bereits begegnet – die meisten Spielerinnen und Offiziellen kannten sich vom Sehen. »Es war ein Irrtum.« Sie konnte die Verbitterung in ihrer Stimme nicht verbergen.
»Womöglich. Es war auf jeden Fall knapp.«
»Die Linienrichterin hätte es durchgehen lassen sollen. Es war ein Matchball. Ein Matchball!«
»Das macht keinen Unterschied. Im Gegenteil, beim Matchball sollten sie noch strenger sein.«
»Sie sollten immer korrekt sein. Und diesmal waren sie das nicht.«
»Hast du mit Deepak gesprochen?« In Michis Ton lag immer noch ein vorsichtiges Zögern, als würde sie nicht wissen, was sie sagen sollte.
»Ja. Und er meinte, ich solle es einfach vergessen.«
»Natürlich tut er das. Brett sagt mir dasselbe, wenn ich einen unfairen Schiedsspruch bekomme. ›Du darfst dich nicht festbeißen‹, sagt er immer.«
»Ich weiß. Deepak hat recht. Brett hat recht.«
»Habe ich denn auch recht?« Humor schwang in Michis Stimme mit. »Also wenn ja, dann wäre das eine Premiere.«
Viva schnaubte. »Du hast immer recht, Partnerin. Das ist dein größtes Talent.«
»Ich dachte, mein größtes Talent wäre mein heißer Vorhandschlag auf die Linie.«
»Der auch.« Viva stieß einen Seufzer aus. »Du hast recht, Michi. Natürlich hast du recht. Mein Kopf weiß das, aber mein Herz ist noch nicht so weit.« Sie setzte sich im Schneidersitz auf das Bett, sodass sie aus dem Fenster sehen konnte. »Was machst du heute Abend? Ganz New York ist da draußen. Wollen wir essen gehen? Ansonsten werde ich eine triste Stunde im Internet damit verbringen, den billigsten Flug zum nächsten Turnier in Montreal zu finden.«
»Das wäre der Pendlerflug mit United Airlines. Der ist immer am billigsten, weil der abhebt, wenn die meisten normalen Menschen noch im Bett liegen. Aber ich habe eine bessere Idee. Anstatt zu fliegen, könnten wir doch ein Auto mieten und fahren. Nur du, ich und die weiten Straßen Amerikas. Brett will sich ein paar Tage freinehmen, um seine Familie zu besuchen, also wäre das unsere Chance. Wir haben vier Tage, um nach Montreal zu kommen. Wir können uns die entlegenen Ecken von New York ansehen, Orte mit komischen Namen besichtigen, das Herbstlaub bewundern, zu viel essen, dünnes Bier trinken und uns ein Zimmer teilen. Das wird genau wie in alten Zeiten.«
Ein Lächeln umspielte Vivas Lippen. Es wäre schön, etwas Spaß zu zweit zu haben, ohne an Tennis zu denken. Michi war eine großartige Freundin. Zweifellos gestikulierte sie Brett gerade zu, dass er seine Familie in Colorado besuchen sollte.
»Solange du dir nicht bis zwei Uhr morgens Horrorfilme ansiehst, wie beim letzten Mal, als wir uns ein Zimmer geteilt haben.«
»Versprochen. Kein Horror. Na ja, abgesehen von meinen Haaren am Morgen.«
Viva lachte kurz auf. »Abgemacht. Du mietest das Auto – irgendwas Geräumiges – und wir planen die Route heute beim Abendessen.«
»High Five, Partnerin! Das wird fantastisch. Ich suche uns einen Ford Thunderbird.«
»Keine Thelma & Louise-Witze, bitte.«
»Nicht mal ein kleiner.« Michis Begeisterung war deutlich zu hören. »Brett und ich kommen um sechs zu dir, dann gehen wir essen.«
Viva legte auf und warf das Handy aufs Bett. Das Bild im Fernseher zeigte immer noch das Gesicht der Linienrichterin Gabriela Mendaro. Einen letzten Moment studierte sie die gleichgültige Miene der Frau, die glatte Haut, die geschwungenen Brauen und den scharfen Blick.
Michis Worte kamen ihr wieder in den Sinn: Du darfst dich nicht festbeißen.
Sie schaltete den Fernseher aus und stand auf.
Kapitel 2
Fünfzehn Monate später
Der Motor des Sportwagens heulte auf, als Viva vor einer engen Kurve in den dritten Gang schaltete. Seine Reifen schlitterten über die unasphaltierte Straße, fanden Grip und das kleine Auto beschleunigte wieder. Es war heiß, ohne dass das kleinste Lüftchen wehte, und die Eukalyptusbäume ließen in der Frühsommerhitze die Blätter hängen.
Sobald sie klare Sicht auf die einspurige Straße hatte, fuhr Viva schneller. Weit und breit war kein anderes Fahrzeug in Sicht. Die schmale Straße war eine Abkürzung, aber die meisten Menschen wählten trotzdem den Highway.
Viva drehte das Radio lauter und sang mit. Im Laufe der Jahre war sie diese Straße Tausende Male entlanggefahren. Zuerst als Kind, als ihre Eltern sie zum Training auf den nächsten Tennisplatz in einer Stunde Entfernung gefahren hatten, dann als Teenager, wenn sie vom Australian Institute of Sport in Canberra nach Hause zurückkehrte. Und so viele Jahre später erfüllten die Biegungen und Kurven der Landstraße in Richtung zu Hause sie immer noch mit Vorfreude.
Sie bremste wegen eines unterspülten Straßenstücks ab, bevor sie wieder aufs Gas trat und dabei eine dichte Staubwolke aufwirbelte. Die blieb in der Luft hängen: ein Kometenschweif, der ihren Weg markierte.
Sie fuhr nach Hause. Ihr Herz summte erwartungsvoll. Den Grund dahinter verdrängte sie; genau wie Scarlett O’Hara würde sie erst morgen daran denken. Heute freute sie sich einfach nur darauf, ihre Familie wiederzusehen und ein kaltes Bier zu trinken. Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.
Die Straße brach aus dem Wald hervor und erstreckte sich über den kahlen Hang, der hinunter zum Tal von Waggs Pocket führte. Die Sonne stand tief und reflektierte auf der Windschutzscheibe, als sie nach Westen fuhr. Viva griff nach ihrer Wasserflasche und nahm einen großen Schluck.
Sie war so sehr auf ihr Trinken konzentriert, dass sie den anderen Wagen erst in letzter Sekunde sah. Er war schief geparkt, stand halb über der einzelnen Spur, und die Motorhaube war offen. Die Fahrerin stand ein Stück vom Wagen entfernt auf der Straße und wedelte mit den Armen.
Viva packte das Lenkrad fester und trat hart auf die Bremse. Der Wagen kam ins Schlingern. Sie schaltete hastig in den zweiten Gang und zog das Lenkrad nach rechts, um auf das hohe Gras auf der anderen Straßenseite zuzusteuern. Der Wagen ruckelte, als die Federung strapaziert wurde. Viva bog wieder auf die Straße und kam zum Stehen.
Sie atmete tief aus, ein leises Zischen zwischen den Zähnen. Verdammte Idiotin. Das musste eine Städterin sein. Niemand aus dem Outback würde so parken und sich dann mitten auf die Straße stellen, um vorbeikommende Fahrer anzuhalten. Viva hätte sowieso angehalten, um nachzufragen, ob alles in Ordnung war. So machte man das im Busch.
Sie fuhr rückwärts durch die Staubwolke zu der Fahrerin zurück – die dieses Mal am Straßenrand wartete.
Viva ließ ihr Fenster runter. »Alles in Ordnung?« Sie konnte die Fahrerin nicht genau sehen, aber es schien eine kleine, zierliche Frau zu sein.
»Danke, dass Sie angehalten haben.« Die Frau trat ans Auto und beugte sich vor, um hineinzuschauen. »Ich hatte schon gar nicht mehr damit gerechnet.« Mit der Sonne im Rücken war sie nur eine dunkle Silhouette. Ihr Englisch war fließend, aber sie hatte einen starken Akzent.
»Kein Problem.« Viva blinzelte durch den Staub und das Gegenlicht. »Was ist mit Ihrem Auto?«
Die Frau zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Der Motor hat gestottert und dann ist es stehen geblieben und ich konnte nicht mehr starten. Es ist ein Mietwagen.«
Viva löste ihren Gurt und stieg aus ihrem Auto. Auf der Straße stehend, war sie einen Kopf größer als die andere Frau. Sie trat zur Seite, damit sie einen besseren Blick auf sie hatte.
Die Fremde bewegte sich ebenfalls und Sonnenlicht fiel auf ihr Gesicht.
Viva erstarrte.
Nein.
Wie hoch war denn bitte die Wahrscheinlichkeit, dass sie ausgerechnet dieser Frau hier begegnen würde? In Australien, in Queensland, mitten im verdammten Nirgendwo? Sie knirschte mit den Zähnen und einen Moment lang verspürte sie den starken Drang, ungnädig zu ihrem Auto zurückzustapfen und mit quietschenden Reifen davonzufahren. So hätte sie es ihr heimzahlen können. Na ja, fast.
Die Frau runzelte die Stirn. »Stimmt etwas nicht?«
Viva lief um das liegen gebliebene Fahrzeug. Sie würde nicht einmal ihre schlimmste Feindin auf einer abgelegenen Straße stehen lassen. »Es ist nichts. Werfen wir einen Blick auf Ihr Auto.«
Eine Falte erschien zwischen den Augen der anderen Frau. »Kennen wir uns?«
Viva nahm ihre Sonnenbrille ab.
»Oh.« Auf dem Gesicht der Frau blitzten nacheinander eine Reihe von Ausdrücken auf, so wie ein schnell gemischter Satz Spielkarten. »Genevieve Jones.« In ihrem Ton lag höfliche Vorsicht.
»Die bin ich, Gabriela Mendaro. Ich hätte nicht erwartet, Sie schon vor dem Brisbane International im nächsten Monat zu treffen. Ich nehme an, Sie werden dort Schiedsrichterin sein?«
»Ja, wie immer. Den Dezember nehme ich mir frei und verbringe ihn meistens in Australien.«
Viva deutete mit einer Hand auf die ausgetrocknete und welke Landschaft. »Aber hier? Am Arsch der Welt?« So gut wie auf meiner Türschwelle.
Gabrielas Lächeln blitzte kurz auf, wie das Licht eines Glühwürmchens. »Ich mag die Hitze. Sie ähnelt der in Spanien.«
Viva verbiss sich eine Erwiderung und lief zur Vorderseite des Mietwagens. »Ist der Tank leer?« Ihre Finger kribbelten, so verzweifelt wollte sie das lächerlich untaugliche Auto reparieren und verdammt noch mal von hier verschwinden. Gabriela Mendaro war die letzte Person, die sie sehen wollte.
Und nach dem, was sie gerade von ihrem Chirurgen erfahren hatte, war die Begegnung doppelt so bitter.
Gabriela blinzelte, als wäre Vivas Frage unter ihrer Würde. »Er ist halb voll.«
Viva warf einen Blick auf die Straße, in der Hoffnung, dass irgendein Farmhelfer in einem Pick-up erscheinen und sie aus dieser unangenehmen Situation retten würde. Aber natürlich blieb die Straße still und leer.
Sie spähte in den Motorraum. Das wenige, das sie über Autoreparatur wusste, hatte sie gelernt, indem sie ihrem jüngeren Bruder und seinen Freunden bei Diskussionen darüber zugehört hatte, wie sie ihre neuesten Blechkisten wieder straßentauglich machen könnten. Aber vielleicht war das hier ja ein simples Problem. Sie stupste das Durcheinander verstaubter Kabel mit einem Finger an. Nichts passierte. Sie fand den Luftfilter und schnippte dagegen. Eine Staubwolke stieg auf. Vielleicht hatte der Staub irgendetwas verstopft. Sie hatte wirklich keine Ahnung von Autos.
Gabriela stellte sich neben sie. »Vielleicht sind die Kraftstoffleitungen verstopft.«
»Möglicherweise. Aber das können wir nicht hier auf der Stelle reparieren. Die Mietwagenfirma bietet wahrscheinlich Pannenhilfe an. Haben Sie dort angerufen?«
Gabriela hob ihr Handy. »Ich habe keinen Empfang.«
Natürlich nicht.
»Wohin sind Sie unterwegs?« Gabriela wäre zwar nicht die erste gestrandete Touristin, die Viva rettete. Aber sie wäre die erste auf dieser Landstraße, die sich durch Wälder und Grasland schlängelte.
»Ich glaube, es sind ungefähr noch einhundertzwanzig Kilometer bis Merringul. Ich wollte dort übernachten und morgen über Toowoomba nach Brisbane zurückfahren.«
»Eher um die hundertfünfzig.«
Um sie herum ging der Tag in Abenddämmerung über. Die Sonne hing tief über der Bergkette und ein fliederfarbener Schleier senkte sich über die Landschaft. Ein Schwarm Kakadus ließ sich über ihnen in einem Baum nieder. Ihre lärmenden Schreie bombardierten Vivas Ohren. Bald würden Kängurus in der kühlen Abendluft grasen und ohne Vorwarnung über die Straße springen. Es war keine gute Tageszeit zum Autofahren.
Viva knallte die Motorhaube zu. »Tut mir leid. Ich habe leider keine Ahnung, wie man das Auto wieder zum Fahren bringt. Ihre beste Option ist, mit mir zur nächsten Siedlung zufahren, wo Sie die Mietfirma anrufen können.«
»Ich will Ihnen keine Umstände bereiten.« Die Worte waren gekünstelt, aber der milde Tonfall klang nach Wärme und Sonnenschein.
»Das tun Sie nicht. Die nächste Siedlung – die einzige Siedlung – an dieser Straße ist Waggs Pocket, und ich fahre sowieso dorthin.«
»Was gibt es dort?«
»Nicht viel. Ein paar Dutzend Häuser, einen Gemischtwarenladen, Sprit, wenn Candace die Tankstelle aufmacht, und einen Pub. Den Pub betreiben meine Eltern«, fügte sie hinzu.
Der verwirrte Ausdruck verschwand aus Gabrielas Gesicht. »Oh. Ich wusste nicht, dass Sie von hier sind.«
»Nicht viele wissen das. In meinem Spielerprofil wird auch nur Queensland erwähnt, mehr nicht. Sie können den Pannendienst vom Pub aus anrufen. Davor bekommen Sie ohnehin keinen Handyempfang, und auch im Ort hängt es davon ab, aus welcher Richtung gerade der Wind weht. Das Festnetz funktioniert besser.«
»Danke.« Gabriela ging zum Kofferraum des Mietwagens, holte einen kleinen Koffer heraus und trug ihn zu Vivas Auto.
Der Kofferraum und der Großteil des Rücksitzes von Vivas Auto waren mit Kisten vollgestellt. »Ich schätze, heute beginnt das Krafttraining früher als geplant«, murmelte sie, während sie die Getränke- und Lebensmittelkartons zur Seite zerrte, um Platz für Gabrielas Koffer zu schaffen. Sie ignorierte das Ziepen im rechten Handgelenk und den Schmerz, als sie das Gelenk nach hinten drückte.
Gabriela kam näher. »Lassen Sie mich helfen.«
»Ich schaffe das schon«, sagte Viva knapp. »Die sind schwer.«
»Ich bin stärker, als ich aussehe.« Gabriela zog an einer Kiste. Sie klappte auf und ein Dutzend Rumflaschen kam zum Vorschein. Gabriela blinzelte überrascht. »Wenn Sie so viel trinken, überrascht es mich, dass Sie eine so gute Spielerin sind.«
»Ich habe doch gesagt, dass meine Eltern den Pub betreiben. Ich war in Brisbane, also habe ich ihre Bestellung für sie abgeholt.« Die Fältchen um Gabrielas Augen verrieten ihr zu spät, dass diese einen Witz gemacht hatte.
Nachdem sie ein paar Kartons verschoben hatten, konnten sie den Koffer schließlich neben dem Kram für den Pub in eine Ecke quetschen.
Viva setzte sich ans Steuer. »Haben Sie alles? Ist das Auto abgeschlossen?«
»Ja, danke.«
Vivas Wagen war nicht besonders groß, und Gabriela war auch keine große Frau, aber mit ihr auf dem Beifahrersitz schien der Wagen zu schrumpfen. Es war nicht so, als würde Gabriela unnötig viel Platz einnehmen. Im Gegenteil, sie saß ordentlich da, als wäre sie Linienrichterin auf einem prestigeträchtigen Tennisturnier: Knie geschlossen, Füße flach auf dem Boden, Ellbogen an den Seiten eingezogen. So, als sei sie zum Transport verpackt worden.
Viva startete den Motor und fuhr los. Das Heck klapperte über der Straße und sie drehte das Radio lauter, um das Geräusch zu übertönen. Die Straße versank langsam in Dunkelheit, und eine Herde Kängurus hob die Köpfe, als sie an ihnen vorbeifuhren.
Gabriela umklammerte den Türgriff. »Können Sie etwas langsamer fahren? Auf diesen Straßen müssen Sie auf wilde Tiere achten.«
Vivas Fuß zuckte auf dem Gaspedal. »Ich habe einen großen Teil meines Lebens hier verbracht. Ich denke, darüber bin ich mir im Klaren.«
Im hohen Gras neben der Straße bewegte sich etwas und Gabriela packte den Türgriff fester. »Bitte?«
Sie fuhr wirklich zu schnell. Viva nahm eine Kurve als Vorwand und bremste langsam ab. Sie ließ den Blick über die Straße schweifen, um springende Kängurus und andere Tiere früh genug zu erkennen, war sich aber weiterhin der Frau auf ihrem Beifahrersitz bewusst. Gabrielas Jeansshorts endeten über dem Knie und enthüllten ihre braune Haut.
Als sie die Lippen zusammenpresste und krampfhaft geradeaus auf die Straße starrte, bremste Viva noch mehr ab. Sie wollte ihr ja keine Angst einjagen.
Bald verlief die Straße auf dem letzten steilen Abhang vor Waggs Pocket geradeaus, und Viva beschleunigte wieder.
Gabriela schluckte schwer.
Viva warf ihr einen Blick zu. »Sehen Sie mal, da drüben sind die Bunya Mountains. Da ist jetzt ein Nationalpark.«
Gabriela ruckte mit dem Kopf, sah aber schnell wieder geradeaus.
»Interessiert Sie das nicht?«
Auf Gabrielas Stirn bildeten sich Schweißtröpfchen. »Das ist es nicht. Auf kurvigen Straßen wird mir übel, wenn ich nicht selbst fahre.«
»Soll ich anhalten?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Schon gut.« Sie schluckte wieder.
»Tut mir leid. Das hätten Sie mir sagen sollen. Wir sind fast da.«
»Ich komme schon klar, solange ich geradeaus schaue und nicht rede.«
Die Versuchung, zu beschleunigen oder mit dem kleinen Auto durch die Kurven zu rasen, war stark, aber so rachsüchtig war Viva doch nicht. Sie bremste auf ein gemächliches Tempo ab, drehte die Klimaanlage auf und neigte dann eine der Lüftungsdüsen in Gabrielas Richtung.
»Danke.«
Das violette Licht um sie herum verdunkelte sich, als sie sich Waggs Pocket näherten. Die Bezeichnung »Stadt« war zu großzügig für die verstreuten Häuser, die um eine einzelne Kreuzung verteilt standen. Viva winkte Tilly zu, die mit ihren drei Windhunden aus dem Tierheim Gassi ging, und dann den Bartlett-Zwillingen, die zweifellos Unfug im Sinn hatten. Zumindest hatten sie mal wieder schuldbewusste Mienen, als sie Viva entdeckten. Sie lenkte das Auto um den Erholungsbereich am Bach herum, wo reisende Rentner ihre Wohnmobile parkten, und fuhr von hinten an den Pub heran.
Es war gut, zu Hause zu sein.
Viva trat auf die Bremse. Der hintere Parkplatz war randvoll mit Oldtimern, deren glänzende Flügel in den satten Farben vergangener Zeiten erstrahlten. Jaguars, MGs und Minis waren in ordentlichen Reihen mit den Motorhauben nach außen geparkt. Ihr üblicher Platz neben dem Mangobaum am hintersten Teil der Fläche war besetzt. Sie fuhr rückwärts heraus und parkte im Gras auf der anderen Straßenseite. Selbst hier standen einige verstreute Nachzügler.
Gabriela stieg aus, sobald das Auto stand. Sie streckte sich, atmete tief ein und hielt den Blick auf den Bach gerichtet, der sich durch den Park schlängelte.
Viva öffnete den Kofferraum. »Nehmen Sie Ihren Koffer. Ich lade erst aus, wenn ich näher beim Pub parken kann.« Ein Kribbeln der Vorfreude durchfuhr sie. Egal, wie oft sie nach Waggs Pocket zurückkehrte, die Anziehungskraft der Heimat ließ nie nach. Sie blickte nicht zurück, während sie zum Pub voranging, hörte aber hinter sich einen Zweig knacken und Kies knirschen.
Kapitel 3
In der Bar waren alle Tische besetzt und die Einheimischen saßen dicht gedrängt an der Theke. Das Bild erinnerte Viva an Kakadus, die auf einem Geländer sitzen. Das Stimmengewirr und Gelächter der Gäste stieg zum Blechdach hoch. Viva quetschte sich an der hauptsächlich grauhaarigen Menge vorbei, bis sie sich unter der Thekenklappe hindurch ducken und hinter die Bar stehlen konnte.
»Liebes, ich freue mich so sehr, dich zu sehen.« Ihre Mutter eilte heran und drückte Viva einen Kuss auf die Wange. »Ich weiß, du hattest eine lange Fahrt und bist müde, aber der British Car Club ist hier. Dein Dad ist allein in der Küche – und du weißt ja, was das bedeutet. Hättest du etwas dagegen, mit Jack zusammen die Bar zu übernehmen, damit ich mich um das Essen kümmern kann, bevor dein Vater das ganze Gebäude abfackelt?«
»Natürlich nicht.« Viva verabschiedete sich von dem ruhigen Abend auf dem Balkon, den sie geplant hatte. Der British Car Club war eine gutmütige, muntere Gruppe, die viermal im Jahr gemächlich von Brisbane aus über den Highway getuckert kam und dabei den Verkehr mehrere Kilometer weit aufhielt.
Sie wirbelte herum, um die erste Bestellung aufzunehmen, und erblickte Gabriela, die kerzengerade auf der anderen Seite des Tresens stand und mit nachdenklicher Miene die Menge betrachtete.
Viva griff nach dem Arm ihrer Mutter, bevor sie verschwinden konnte. »Mum, das ist Gabriela. Ihr Auto ist liegen geblieben und ich habe sie am Wald eingesammelt. Darf sie kurz das Telefon benutzen, um die Pannenhilfe zu rufen?«
»Kein Problem, Liebes.« Vivas Mutter trat zu Gabriela. »Komm, ich zeige dir das Telefon.« Sie sah sie mit gerunzelter Stirn an. »Ich kenne dich doch, oder? Du bist eine Tennisfreundin von Viva. Ich habe dich sicher schon spielen gesehen.«
»Sie ist keine Freundin«, begann Viva, aber dann kam Jack dazu und zog sie in eine Umarmung.
»Schwesterchen. Wurde auch höchste Zeit!« Sein Grinsen milderte die vorwurfsvolle Bemerkung etwas ab. »Ich hoffe, dein Arm ist stark genug, um Bier auszuschenken.« Er nickte zu den Klubmitgliedern in der Bar.
Sie folgte Jack in den Hauptbereich des Lokals und sah sich um. »Wer bekommt als Nächstes?«
~ ~ ~
Gabriela wartete am Tresen, hielt den Blick geradeaus gerichtet und unterdrückte ihre Zappeligkeit. Nach der kurzen Vorstellung war Vivas Mutter von einem Gast unterbrochen worden und noch nicht zurückgekehrt. Zumindest wirkte sie freundlich, anders als ihre Tochter. Vivas Feindseligkeit knisterte zwischen ihnen wie die Funken eines Buschfeuers.
Gabriela bewegte sich in Mrs. Jones’ Sichtfeld, stellte den Koffer zwischen ihre Füße und wartete.
»Wir reden später, Stan.« Mrs. Jones legte dem Gast eine Hand auf den Arm. »Zuerst muss ich mich um Vivas Freundin kümmern.« Sie wandte sich Gabriela zu. »Komm mit, Liebes.« Sie ging durch einen Flur und eine als privat beschilderte Tür.
»Komm nur rein.« Mrs. Jones schob die Papiere auf dem Schreibtisch zu einem unordentlichen Stapel zusammen und legte einen Stein darauf. Die Papiere flatterten in der Brise des Deckenventilators, blieben aber an Ort und Stelle. »Setz dich. Hast du eine Nummer, die du anrufen kannst?«
»Ja, danke.« Sie holte die Dokumente der Autovermietung aus der Vordertasche ihres Koffers.
»Natürlich hast du das. Ohne gut organisierte Papiere könntest du ja nicht so um die Welt reisen.« Vivas Mutter neigte den Kopf und starrte Gabriela an. »Ich überlege gerade, wo ich dich einordnen soll. Ich hoffe, du hältst mich nicht für unhöflich … Viva bringt nicht oft Freundinnen mit nach Hause. Normalerweise nur Michi, ihre Doppelpartnerin. Ganz reizend, diese Michi.«
Gabriela faltete ihre Dokumente auseinander und strich sie glatt. »Entschuldigen Sie, ich möchte nicht unhöflich sein, aber hätten Sie etwas dagegen, wenn ich jetzt die Pannenhilfe anrufe? Ich weiß nicht, wie lange sie hierher brauchen werden.« Sie fragte sich, wann Vivas Mutter begreifen würde, dass sie weder eine Freundin noch eine professionelle Tennisspielerin war. Hoffentlich war das Auto repariert und sie schon wieder unterwegs, bevor das passierte.
»Entschuldige, Liebes, daran hätte ich denken müssen. Ja, du kannst sofort anrufen und dann zu Viva gehen.«
»Danke, Mrs. Jones. Sie sind zu freundlich.«
»Lindy. Hier ist niemand wirklich förmlich. Auch wenn es ab und zu nett wäre. Ich lasse dich mal in Ruhe.« Lindy wirbelte herum und ging mit schnellen Schritten aus dem Raum.
Gabriela sah sich im Büro um. In dem Raum mit der hohen Decke herrschte trotz des Ventilators drückende Hitze. An der Wand hingen Bilder von Viva: Sportschnappschüsse, wie sie Trophäen hochhielt, eines von ihr und Michi Cleaver während eines Doppels, wie sie dicht beieinanderstanden und die Hände vor die Münder hielten, um ihre geflüsterten Taktikbesprechungen vor neugierigen Augen zu verbergen. Und natürlich nahm ein Foto von Viva mit der US-Open-Trophäe den Ehrenplatz ein.
Gabriela erinnerte sich an das Bild; es war in allen Zeitungen gewesen. Aussie gewinnt die US Open. Mit ihrer aufgeschlossenen Persönlichkeit, dem auffallend hübschen Äußeren und der athletischen Figur war Viva bei der Presse beliebt.
Sie sah sich auf dem Tisch nach einem Stift um, fand schließlich einen unter einem Stapel Lieferscheine und rief die Pannendienstnummer an.
»Keine Sorge.« Die lakonische Stimme am anderen Ende der Leitung klang überhaupt nicht beunruhigt. »Wir können Sie am Stockyard Hotel in Waggs Pocket abholen und zu Ihrem Fahrzeug zurückbringen. Wie weit steht das Auto von dort entfernt?«
»Dreißig Kilometer vielleicht. Ich bin nicht sicher.« Die Erinnerung an die kurvige Landstraße, über die Viva so wild gebrettert war, war aufgrund ihrer Übelkeit verschwommen.
»Keine Sorge«, sagte der Mitarbeiter wieder. »Wir sind morgen noch vor Mittag bei Ihnen.«
»Morgen?« Sie trommelte mit dem Stift auf dem Holztisch herum. »Die Vermietung hat gesagt, es könnte normalerweise innerhalb einer Stunde jemand kommen.«
»Nur in der Stadt, Mate. Im Busch ist das was anderes. Der Fahrer kommt aus Dalby, und das ist über eine Stunde entfernt.«
»Er könnte immer noch heute Nacht hier sein. Ich habe keine Unterkunft.«
»Lassen Sie sich im Pub unterbringen; Hotels müssen gestrandeten Reisenden ein Zimmer anbieten. Jedenfalls war das früher so, in den guten alten Tagen.«
»Der Pub ist ausgebucht.« Sie hatte keine Ahnung, ob das wirklich stimmte, aber sie wollte nicht mehr Zeit in Vivas Gesellschaft verbringen, als unbedingt nötig war. Viva wirkte gereizt. Gabriela war sicher, dass es mehr war als die übliche Reserviertheit zwischen Spielern und Schiedsrichtern. Irgendetwas nagte an Viva, und Gabriela wollte nicht dabei sein, wenn sie es rausließ.
»Tut mir leid, Mate, aber ich kann den Fahrer nicht früher losschicken. Der Wagen sollte am späten Vormittag bei Ihnen sein. Haben Sie einen Stift? Ich gebe Ihnen die Auftragsnummer.«
Sie notierte die Nummer, beendete den Anruf und presste die Handballen gegen die Augen. Was, wenn das Hotel wirklich ausgebucht war? Die fröhliche Seniorengruppe in der Bar wirkte nicht so, als würde sie bald irgendwohin aufbrechen, allein wenn man die Mengen an Alkohol bedachte, die sie schon konsumiert hatten. Würde Viva sie zu ihrem Auto zurückfahren und die Nacht darin schlafen lassen? Bestimmt nicht.
Gabriela ließ den Stift auf den Tisch fallen, bevor sie ihn zerbrechen konnte, und verließ das Büro. Sie folgte dem Topfgeklapper und dem Zischen der Fritteusen in die Küche. Dort blieb sie in der Tür stehen.
Schmutziges Geschirr stapelte sich auf jeder Fläche und drei Fritteusen qualmten vor sich hin. Lindy stand an einer Arbeitsfläche und schnitt ebenso wild Gemüse, wie Viva den Ball auf dem Tennisplatz mit der Rückhand über das Netz jagte.
»Gib den Fisch in die zweite Fritteuse. Dreh den Ofen runter, sonst wird das Rind noch trockener als Jacks Humor. Hol die Pommes raus, bevor sie kohlschwarz sind. Warte.« Lindy wirbelte herum und erledigte behände alle Aufgaben, die sie gerade aufgelistet hatte, während ein älterer Mann herumtrödelte. »Ethan, du schneidest den Salat. Ich mache das schon. Ich weiß echt nicht, warum du noch hier bist.« Die ironische Zuneigung war deutlich in ihrem Ton zu hören.
»Weil du mich liebst. Obwohl ich mich manchmal frage, warum.« Ethan drehte sich um, und Gabriela erhaschte einen Blick auf dieselbe kleine Nase und ovale Gesichtsform, die sie von Viva kannte, gekrönt von demselben spitzen Haaransatz. Ethan grinste, während er seine Frau neckte.
Dann sah er zu Gabriela. »Kann ich Ihnen behilflich sein? Falls Sie auf Ihr Essen warten, es sollte nicht mehr lange dauern.«
Lindy drehte sich ebenfalls um. »Sie ist kein Gast, sondern Vivas Freundin.« Sie lächelte Gabriela an. »Hast du die Pannenhilfe erreicht?«
Ethan wischte sich die Hände an einem verdreckten Geschirrtuch ab und schüttelte Gabriela begeistert die Hand. »Willkommen. Es ist immer schön, eine Freundin von Viva zu treffen. Wie war das mit dem Auto?«
»Ich habe sie erreicht«, sagte Gabriela, während sie versuchte, nach Ethans stählernem Griff diskret die Finger auszustrecken. »Aber sie können erst morgen kommen.«
»Das überrascht mich nicht. Es gibt nur einen Kerl in Dalby, der sich um alle Anrufe kümmert. Und der versucht wirklich sein Bestes, dem Stress zu trotzen. Hat er dir eine Uhrzeit genannt?« Ethan lief zum Schneidebrett.
»Vor Mittag.«
»Würde mich wundern, wenn er das einhält. Heute schaffen wir es nicht mehr – der Car Club hält uns auf Trab –, aber vielleicht kann Jack morgen Vormittag rausfahren und es sich mal ansehen. Er ist ziemlich geschickt mit dem Schraubenschlüssel.«
»Ich will Ihnen keine Umstände bereiten –«
»Jack liebt es, an Autos rumzuschrauben. Wenn es eine alte Schrottlaube ist, könnte er sie wieder zum Laufen bringen.«
»Es ist ein Mietwagen.«
»Dann sollte Jack die Finger davonlassen.« Lindy drehte sich vom Ofen zu ihr um, wo sie gerade einen Braten begoss. »Wenn der Wagen eine Garantie hat, würden seine Buschmechanikkünste eher Probleme machen.«
»Mrs. Jones –«
»Lindy, schon vergessen?«
»Lindy, ich wollte fragen, ob es vielleicht noch ein freies Zimmer gibt? Ich sitze bis morgen hier fest und –«
Lindy schüttelte bereits den Kopf. »Wir sind komplett ausgebucht. Der Car Club hat alle Zimmer belegt und die Hälfte von ihnen lagert sogar noch im Park.«
»Könnte ich irgendwo anders unterkommen?« Selbst in so einem winzigen Ort musste es doch eine Frühstückspension geben. Und falls sie außerhalb lag, würde sie doch bestimmt jemand mitnehmen. Unbehagen packte sie bei der Vorstellung, wie Viva reagieren würde, wenn sie herausfand, dass Gabriela noch hier war.
»Nein. Die einzige andere Möglichkeit ist bei Darlene, aber die hat auch der Car Club belegt. Ich habe ein Klappbett, das stelle ich für dich in Vivas Zimmer.«
»Nein, ehrlich. Ich möchte Viva ungern stören.« Sie könnte sich niemals ein Zimmer mit Viva teilen. Die Autofahrt war unbehaglich und ihre Feindseligkeit spürbar gewesen – sich ein Zimmer zu teilen, könnte wirklich schwierig werden. Einen Moment lang wünschte sie sich, die entspannte und anonyme Atmosphäre in Brisbane nie verlassen zu haben.
Lindy schob den Braten in den Ofen zurück und schloss die Tür. »Du musst nicht protestieren. Viva wird sich freuen. Ich kümmere mich gleich darum.«
»Lindy, bitte frag vorher Viva.«
Etwas in Gabrielas Tonfall ließ Lindy innehalten. Sie musterte Gabriela von Kopf bis Fuß. »Habt ihr euch gestritten?«
»Nein.« Gabriela trat von einem Fuß auf den anderen und widerstand dem Drang, auf einem Bein zu balancieren, wie sie es als Kind bei jeder Herausforderung getan hatte. »Das nicht. Aber wir sind nicht befreundet, wir sind nur Bekannte vom Profitennis. Eure Tochter wäre nicht glücklich, gezwungenermaßen ein Zimmer mit mir zu teilen. Außerdem ist es völlig unangemessen für mich. Könntest du das Klappbett ins Wohnzimmer oder irgendwo anders hinstellen?«
»Da gibt es aber keine Klimaanlage und keinen Ventilator. Es wäre unerträglich heiß.«
»Das macht mir nichts aus. Ich bin an die Hitze gewöhnt.«
»Gabriela, keine Widerrede. Ich stelle das Bett jetzt auf.« Und sie machte sich in einem Wirbelwind aus abgelegter Schürze und geschäftiger Eile davon.
Ethan bedachte Gabriela mit trockener Belustigung. »Hat meine Tochter irgendetwas getan, das dich verstimmt hat?« Er drehte sich wieder zur Arbeitsfläche und nahm das Schneidemesser zur Hand.
»Nein.« Gabriela stieß ein Seufzen aus. »Es ist etwas komplizierter als das.« Ihr graute vor Vivas Gesicht, wenn Lindy ihr sagte, wo Gabriela schlafen würde. Und sie konnte nicht – auf keinen Fall – im selben Zimmer schlafen, egal, unter welchen mildernden Umständen. Sie würde einen anderen Platz finden müssen, auch wenn sie in der Hitze zerfloss.
Sie brauchte einen Platz weit weg von Viva.
Kapitel 4
»Mum stellt ein Bett für deine Freundin auf.« Jack grinste, als er auf dem engen Raum hinter der Bar an Viva vorbeilief. »Obwohl ich bezweifle, dass sie es benutzen wird. Du hättest Mum die Mühe ersparen können; du weißt doch, dass sie Probleme mit dem Rücken hat.«
»Wovon redest du da?« Viva schenkte Classic in Biergläser und stellte sie auf den Tresen. »Elf sechzig, bitte.«
»Sie hat noch immer Rückenschmerzen, seit sie die Fässer durch den Keller geschleppt hat, als Dad in Brisbane war.«
Viva nahm das Geld von dem grauhaarigen Mann entgegen und drehte sich zur Kasse um. »Ich meine nicht Mum. Das weiß ich ja. Das mit der Freundin. Ich habe keine Freundin.«
»Wirklich?« Jack lehnte sich an ihr vorbei und holte Wein aus dem Kühlschrank. »Mum meint, du verhältst dich vor Gabriela so komisch, dass sie deine Freundin sein muss. Sie kauft euch die ›platonische Freundinnen‹-Geschichte nicht ab.«
»Sie ist nicht einmal eine platonische Freundin.«
»Du tauchst mit einer Tennisspielerin im Auto auf. Es wäre nur logisch.«
Viva wandte sich dem nächsten Gast zu. »Was kann ich Ihnen bringen?« Und dann zu Jack. »Ich kenne sie kaum. Sie ist keine Spielerin, sondern Schiedsrichterin.«
Jack runzelte die Stirn, während er ein Glas Weißwein einschenkte. »Was macht das für einen Unterschied? Sie wirkt nett. Ein wenig zugeknöpft, aber nicht verrückt. Nicht wie die letzte Frau, die du nach Hause mitgebracht hast.«
»Chitra ist nicht verrückt. Nur etwas … anders.«
»Wie du meinst.« Jack zuckte mit den Schultern. »Jacke wie Hose.«
»Und Schiedsrichter dürfen keinen Kontakt mit Spielern haben. Klar, wir gehen oft auf dieselben Veranstaltungen und steigen für Turniere in denselben Hotels ab, aber selbst Freundschaften werden nicht gern gesehen. Schiedsrichter müssen unparteiisch sein. Du bist nicht dumm. Jedenfalls meistens nicht. Du hättest dir das denken sollen.« Sie schnappte sich zwei Päckchen Erdnüsse, legte sie zu den Rum-Colas auf die Theke und nahm das Geld entgegen.
»Warum saß sie dann in deinem Auto?«
»Weil ihr Auto am Wald stehen geblieben ist. Ich bin zufällig als Erstes vorbeigefahren. Ich konnte sie ja nicht einfach den Dingos überlassen. Sie ruft gerade den Pannendienst an. Sie ist wahrscheinlich bald wieder weg.«
Jack antwortete nicht, sondern deutete mit einem Nicken zum Ende der Bar.
Dort stand eine völlig unentspannt aussehende Gabriela und sah Viva an.
Max, einer der Einheimischen, schien sie in ein Gespräch verwickeln zu wollen, aber sie gab nur einsilbige Antworten.
Viva seufzte. Für diejenigen, die ihn nicht kannten, bot Max nicht gerade einen sympathischen Anblick. Sein buschiges Haar stand unter der zerschlissensten und fleckigsten Farmerkappe der ganzen Gegend hervor. Der verwilderte graue Bart half auch nicht. In seiner riesigen Hand sah das Bierglas winzig klein aus und sein Unterhemd war löchrig. Viva wäre überrascht, wenn er innerhalb der letzten drei Tage geduscht hatte. Aber Max war ein gutmütiger Mensch und stets hilfsbereit. Wenn Gabriela ihm nur zuhören würde, würde er wahrscheinlich anbieten, sie zu ihrem Auto zurückzufahren und nachzusehen, ob er es reparieren konnte.
In Gabrielas Lächeln lag ein Hauch Verzweiflung, als sie Vivas Blick auffing.
Viva ging zu ihr. »Kommt der Pannendienst?«
»Erst morgen.«
»Morgen!« Viva verbiss sich das Schimpfwort, das ihr auf der Zunge lag.
»Es wäre höflich, nicht so entsetzt zu klingen.«
»Du hast recht. Tut mir leid. Aber im Ernst, morgen … Ich habe nicht erwartet, dass sie schnell da sind, aber zumindest, dass sie noch heute kommen würden.«
»Glaub mir, ich könnte auch nicht glücklicher sein«, sagte Gabriela trocken.
Max berührte ihren Arm.
Viva unterdrückte ein Lächeln, als Gabriela fast unmerklich von ihm zurückwich.
»Ich kann dich zum Auto fahren, Missy. Wahrscheinlich kann ich’s wieder hinbiegen. Ich und Jack können die meisten reparieren.«
»Danke, aber es ist ein Mietwagen. Ich sollte auf den Pannendienst warten.«
»Max versteht einiges von Autos.« Viva lächelte zuckersüß. »Er hat meins aufgemotzt, sodass es viel schneller fährt als vorher. Du solltest ihm eine Chance geben.«
»Schneller verheißt nichts Gutes, wenn du am Steuer sitzt.« Gabrielas Augen begannen zu funkeln. »Kann ich kurz mit dir reden? Lindy hat ein Bett für mich organisiert, aber –«
»Kannst du kurz warten? Wir haben gerade so viel zu tun. Wenn in dreißig Minuten oder so alle hier ihr Essen haben, kann ich kurz Pause machen.« Sie warf Max einen Blick zu. »Mach dir wegen Max keine Sorgen. Er ist harmlos, vor allem wenn du ihm ein Bier spendierst.«
»Pass auf, was du sagst, Viva.« Max grinste. »Eines Tages fordere ich dich bei diesem Kinderspiel heraus, das du Tennis nennst, dann werden wir sehen, wer hier harmlos ist.«
»Wir haben mal gespielt, als ich neun war. Ich habe dich geschlagen«, erinnerte sie ihn.
»Du könntest mir ein Bier spendieren. Die Niederlage wieder wettmachen.« Er lächelte unschuldig. »Eins für mich und eins für deine Kumpeline.«
Sie grinste und holte zwei Bier. »Sei nett zu Gabriela, sonst hetze ich dir Jack auf den Hals.«
Gabriela sah ihr mit einem gereizten Blick nach, als sie in den Hauptbereich der Bar zurückging. Was soll’s, sie würde schon darüber hinwegkommen.
»Gib ihr die Speisekarte«, sagte Jack im Vorbeigehen. »Mum schließt die Küche in zwanzig Minuten. Kann sein, dass du sie nicht magst, aber du musst sie deswegen nicht verhungern lassen.«
»Hältst du mich für eine komplette Idiotin?« Seine Bemerkung hatte sie getroffen. Sie hatte das Abendessen tatsächlichvergessen. Selbst ihr eigenes. Sie nahm eine Speisekarte und lief zu Gabriela und Max zurück, die sich gegenseitig misstrauisch beäugten.
»Such dir was zu essen aus«, sagte sie zu Gabriela. »Die Küche schließt in zwanzig Minuten.«
»Das Steak ist gut.« Max tippte mit einem breiten Finger auf die Karte. »Gutes Rind. Kommt von meiner Farm. Außer du gehörst zu diesen Vegetarier-Leuten?«
»Nein.« Gabrielas Lächeln blitzte kurz auf. »Zu einem guten Steak mit einem Glas Rotwein sag ich nicht Nein. Die Empfehlung nehme ich an, danke, Max.«
»Rib Eye Steak?«, fragte Viva. Als Gabriela nickte, fragte sie: »Wie möchtest du es gebraten haben?«
»Medium rare, bitte.«
Viva schrieb die Bestellung zusammen mit ihrer eigenen auf und befestigte den Zettel am Haken für die Küche.
Eine halbe Stunde später saß der gesamte Car Club zum Abendessen an den Tischen, und der Andrang auf die Bar hatte nachgelassen. Jack schob Viva in Richtung Küche. »Geh. Schnapp dir dein Abendessen und deine Freundin und geh mit ihr auf dem Balkon essen. Sonst gibt es nur noch Stehplätze.«
Sie schenkte ihm ein dankbares Lächeln. Dann schenkte sie zwei Gläser des besseren Rotweins ein und ging zu Gabriela.
Inzwischen schien diese sich mit Max in einer humorvollen Diskussion über Football zu befinden.
Viva berührte sie am Arm. »Abendessen.«
Gabriela trat einen Schritt vom Tresen zurück. »Danke für das Gespräch, Max.«
»Kein Problem. Vielleicht sehen wir uns beim Tennis. Ich fahre immer im Bus zum Brisbane-Turnier mit. Wir unterstützen Viva jedes Jahr, seit sie im Nachwuchs gespielt hat.«
»Ich werde Ausschau nach dir halten.«
»Kannst uns gar nicht übersehen. Such einfach die roten T-Shirts, auf denen Stockyard Hotel draufsteht.« Max tippte sich mit zwei Fingern an den Rand seiner abgenutzten Kappe und grinste sie an.
Viva führte sie in die Küche, um ihr Essen zu holen. Es würde sicherlich unangenehm werden, mit Gabriela auf dem Balkon zu essen, aber sie würde es schon überstehen. Etwas Small Talk, ein paar Bemerkungen zur kommenden Tennissaison, ein leckeres Steak, ein Glas guten Weins und dann würde Gabriela sich hoffentlich ins Bett verabschieden.
Bett. Sie runzelte die Stirn. Gabriela hatte erwähnt, dass Vivas Mutter ein Bett für sie organisiert hatte. Jetzt fragte Viva sich etwas verspätet, wo das wohl stand. Der Car Club belegte normalerweise alle Zimmer. Es musste eine Stornierung gegeben haben.
Sie betrat die Küche und hustete, als der feine Dunst von Rauch und Frittierfett ihr in die Nase stieg und ihre Kehle kitzelte.
Ihre Eltern saßen am Tisch und aßen ihre übliche seltsame Mischung aus Resten: ein Stück Fisch, die Krusten der Lasagne, ein Stück Rinderbraten, das zu blutig war, um es zu servieren, sowie Salat und Gemüse.
»Eure Teller sind im Wärmeschrank«, sagte Lindy.
»Danke.« Viva lud ein Tablett mit den Tellern, Besteck, Wassergläsern und dem Wein voll und stieg mit Gabriela auf den Fersen die breite Treppe hinauf.
Der Balkon mit Blick nach Osten war einer ihrer Lieblingsplätze. Er war über das Wohnzimmer ihrer Familie zugänglich. Die Sonne war untergegangen und eine kühle Abendbrise wehte und hielt die Stechmücken fern. Viva stellte die Teller auf den massiven Holztisch neben dem Geländer. Gedämpfte Geräusche und gelegentliches Gelächter drangen aus der Bar herauf, aber abgesehen davon gehörte der Abend den Rufen der Zikaden und dem gelegentlichen Klicken eines Geckos.
»Das ist für dich.« Viva verteilte das Besteck. »Medium rare, wie bestellt.«
»Danke.« Gabriela setzte sich etwas verkrampft auf den Stuhl. »Du musst mir sagen, wie viel ich dir schuldig bin.«
»Gar nichts. Sieh es als Gastfreundschaft für eine gestrandete Reisende. Und es hat mir eine Ausrede geliefert, Wein zu trinken. Mein eines Glas pro Woche.«
Gabriela zögerte und runzelte leicht die Stirn. »Ich darf keine Geschenke von Spielerinnen annehmen.«
Viva neigte den Kopf. »Da hast du recht. Entschuldige – ich wollte nur höflich sein, mehr nicht. Wenn du Mum nach dem Essen siehst, kann sie dir sagen, wie viel sie von dir kriegt.«
Gabriela lächelte nur kurz, aber ihre Züge wurden weicher und verloren den autoritären Ausdruck, den sie vorher aufgelegt hatte. »Ich weiß die Geste trotzdem zu schätzen. Und ich würde nicht wollen, dass du deinen Wein auslässt. Du trinkst auch außerhalb der Saison nur ein Glas in der Woche?«
»Disziplin und Gewohnheiten sind nicht leicht abzuschütteln.«
Gabriela betrachtete das Essen. »Das sieht gut aus. Die Rinder sind wirklich von Max, ja?«
Viva nickte. »Seine Familie züchtet sie schon seit Generationen. Weidehaltung. Ohne Mastanlagen oder Zusatzmittel. Sein Rind ist zum Teil für meine Gesundheit verantwortlich.« Sie spannte ihren Bizeps an. »Fettarmes Fleisch macht gute Muskeln.«
Gabriela ließ den Blick zur Straße wandern, als hätte das Posieren sie beleidigt.
Offenbar hatte Gabriela nichts für Vivas Humor übrig. Sie unterdrückte ein Lächeln, schnitt sich ein Stück von ihrem eigenen Steak ab und rief ihre Gedanken zur Ordnung. Es erschien ihr albern, schweigend zu essen. Sie spähte über den Tisch zu Gabriela, während sie nach harmlosen Fragen suchte. »Also, was hast du in Queensland vor?«
»Ich miete von Mitte November bis zum Ende des Brisbane International eine Wohnung in Brisbane. Normalerweise sechs oder sieben Wochen. Die miete ich schon seit Jahren. Sie liegt am Fluss neben einem Radweg. Ich gehe gern spazieren, koche und lese. Hauptsächlich genieße ich das Alleinsein. Während der Saison ist das eher schwierig.«
In ihrer Miene lag eine Sehnsucht, die Viva berührte. »Ich weiß, was du meinst. Fremde Städte, neue Gesichter und ständig ist etwas los.« Sie spießte ein Stück Brokkoli auf. »Manchmal will ich einfach nur im Zimmer bleiben und Trash-TV gucken, stattdessen muss ich immer irgendwo sein. Aber für dich muss es anders sein. Die Schiedsrichter bleiben unter sich.«
»Bis zu einem gewissen Grad. Wir pflegen auch Freundschaften, vor allem mit anderen Schiedsrichtern. Natürlich nicht mit Spielern, enge Freundschaften und Beziehungen sind verboten.«
Viva runzelte die Stirn. »Wirklich verboten? Ist das eine echte Regel? Ich dachte, es sei einfach nicht erwünscht.«
»Es steht in den Verhaltensrichtlinien. Regel 8(ii), wenn ich mich richtig erinnere.«
Mit einem Funken Verschlagenheit lehnte Viva sich vor. Sie legte ihre Gabel weg und berührte Gabrielas Handrücken. Ihre Haut war warm. »Würden sie auch ein Abendessen wie dieses missbilligen?«
Gabrielas Hand zuckte unter Vivas Fingern. »Das würden sie.« Sie zog ihre Hand weg. »Unsere Leben sind aber gar nicht so verschieden. Es ist … angenehm, mit einer Person zu sprechen, die das auch versteht.« Abrupt schloss sie den Mund, als würde sie die Worte bereuen.
Vivas Finger kribbelten. Sie griff wieder nach ihrer Gabel und schnitt einen Bissen Steak ab. »Laut der International Tennis Federation hätte ich dich also am Straßenrand stehen lassen sollen?«
»Natürlich nicht. Ich habe dich auf Feiern vor Turnieren gesehen, auf dem Turniergelände, in Hotels. Wir müssen nicht so tun, als würden wir uns nicht kennen.«
Erinnerungen blitzten in Vivas Gedächtnis auf. Ja, sie hatte Gabriela an diesen Orten flüchtig gesehen. Die Offiziellen hielten sich abseits, das mussten sie auch. Aber es gab hier und da doch kurze Gespräche, ein Lächeln, ein Nicken im Vorbeigehen. Und einen gewissen ausgerufenen Fußfehler, den sie nie vergessen würde. Sie presste die Lippen zusammen. »Hilfe in der Not ist eine Sache, Abendessen etwas anderes. Ich hätte dich in der Bar mit einem getoasteten Sandwich dir selbst überlassen sollen.«
Gabriela trank von ihrem Wein. »Ich bin froh, dass du das nicht getan hast. Das hier ist viel besser. Deine Eltern braten die Steaks ausgezeichnet.«
»Das ist ihre Spezialität. Und es passt gut zu einem Glas Wein.« Irgendwie hatte sich eine vertraute Wärme in die höfliche Konversation geschlichen. Gabriela hatte recht – sie hatten einige Gemeinsamkeiten, geteilte Erfahrungen.
