lieben bleiben - Nina Rink - E-Book

lieben bleiben E-Book

Nina Rink

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Beschreibung

Was machen Dating Apps mit uns? Wieso hat die Generation der Millenials die Dating-Gewohnheiten, die sie hat? Warum tut so etwas banales wie Liebeskummer so verdammt weh? Und wie findet man endlich den Richtigen? Mit Anfang 30 hat Milena seit Jahren mal bessere, mal schlechtere, auf jeden Fall aber viele Dates. Diese episodenhaften Geschichten erzählen von ihren Erfahrungen mit Männern, von Männertypen, von unterschiedlichen und gleichen Erwartungen und von auf Gegenseitigkeit beruhenden Gefühlen. Sie erzählen von Dates, Beziehungen und undefinierbaren Verhältnissen mit Leonard, Valentin, Henry, Ludwig, Nick, Ben und Jonas. Sie erzählen vom Suchen, vom vermeintlichen Finden, vom Verlieren, vom wirklichen Finden, sie erzählen von Schmerz, von Aufregung, Enttäuschung, Verliebtheit und Missbrauch. Und sie erzählen von der Liebe. Denn Liebe ist nicht die Antwort auf alles, aber sie ist die wichtigste.

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Seitenzahl: 209

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Nina Rink, geboren 1991 in Mainz, studierte Betriebswirtschaftslehre und arbeitet hauptberuflich in der Pharmabranche. Sie bloggt seit etwa 10 Jahren zu verschiedenen persönlichen und gesellschaftskritischen Themen auf www.therinkist.com. Seit 2017 veröffentlicht sie regelmäßig Texte im Online-Magazin »Im Gegenteil«. Rink lebt in München, »lieben bleiben« ist ihr erster Roman.

Dies ist ein biografischer Roman. Alle Namen sind geändert. Alle erwähnten Marken, Orte oder Unternehmen werden aus freien Stücken genannt.

Für J.

don't blame me, love made me crazy if it doesn't, you ain't doin' it right1

- taylor swift

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Die Vielen

Alumnus

Rotwein & Zigaretten

Schwabing

Die Jagd

Peter Pan

Mich auch

Bahnwärter Thiel

Liebe ist einfach

Looking backwards

Anmerkungen

PROLOG

Manchmal überlege ich, wie sich meine eigenen Erlebnisse und die Einschätzungen der anderen, der Menschen, die mir nahestehen, ineinanderfügen, wie sich daraus eine lineare Geschichte erzählen lassen würde. Ich stelle mir dann die Frage, wo meine Geschichte begonnen hat, eine erzählenswerte zu sein, wo sich der verdammte Wendepunkt, den viele Leben bekommen, abgezeichnet hatte. Viele der Kapitel liegen bereits Jahre zurück. Schon in meinem Alter, ich bin jetzt 31, stelle ich fest, dass die Erinnerung an Vieles verblasst und lückenhaft wird. Manches, was ich dagegen gerne und bewusst hinter mir lassen würde, merkt sich mein Gehirn mit bestechender Gedächtnisleistung trotzdem und bisher für immer. Welch Ironie.

Gleichzeitig vergeht die Zeit subjektiv betrachtet immer schneller und obwohl man mir immer wieder sagt, dass es sich dabei um ein »Alte-Leute-Phänomen« handelt, dass je älter man würde, desto schneller die Zeit an einem vorbeirauschte, so sehr ängstigt mich diese Vorstellung. Das Leben in den Monaten komprimiert sich und auf das neue Jahr folgt immer unvorhersehbarer Silvester, die Jahre werden quasi kürzer. Immer wieder befürchte ich, dass ich irgendwann aufwachen, blinzeln und einen bewussten Moment erleben werde, in dem ich feststellen muss, dass es das gewesen war. Dieses Leben. Dieses einzige Leben, das man doch nur hat, von dessen Singularität immer alle redeten und das vorüber war, bevor man seinen Wert wirklich im Kern zu verstehen vermocht hätte.

Wenn ich heute versuche, die Erfahrungen und Wendungen der Jahre, die ich auf dieser Erde weile, zusammenzutragen, stelle ich fest, dass das meiste in einem diffusen und verschwommenen Nebel von mir für wahr gehaltener Erinnerungen liegt. Denn nicht mehr und nicht weniger sind Erinnerungen: Sie sind das, was aus unserer Perspektive in der Realität passiert ist, darüber eine Art Schleier, ein Tau der Gefühle, der Melancholie, der Wärme oder des Wohlwollens gelegt, mit dem wir uns die Situationen Monate, Jahre oder Jahrzehnte später gerne ins Gedächtnis rufen möchten – auch wenn sie sich nicht exakt so zugetragen haben.

Die meisten von uns sind sich der Tatsache bewusst, dass der Mensch dazu neigt, die Vergangenheit zu glorifizieren; früher war alles besser oder vielleicht sogar gut. Heute rufen wir in einem fürchterlichen Automatismus, einer sich in den letzten Jahren stetig ausbreitenden und streng genommen schlechten, weil inhaltslosen Angewohnheit, ständig und völlig unreflektiert »alles gut«, was eine Antwort auf vieles zu sein scheint und gleichzeitig – wie fast nichts sonst – gar keine Aussage hat.

Jeder reagiert mit »alles gut« auf Erklärungen, Entschuldigungen, Fragen, Zeitangaben, auf nahezu alles, obwohl mitnichten alles gut ist. Weder in unserer eigenen kleinen, lächerlichen Welt, in der wir uns um unsere eigene Achse und in glücklichen Fällen noch um die Achse maximal eines bis zwei weiterer Menschen aufrichtig drehen und die global betrachtet ehrlicherweise irrelevant ist. Noch in der ganzen Welt des Erdballs, auf dem wir vorübergehend existieren dürfen, auf dem es wirklich große Probleme gibt, durch die sich der Mensch voraussichtlich irgendwann selbst ausrotten wird.

Immer, wenn ich mir also die Frage nach einem der roten Fäden meines bisherigen Daseins stelle, muss ich zugeben, dass es Beziehungen sind. Beziehungen mit Männern, aber auch alles davor, dazwischen und danach und alles, was keine Beziehungen waren. Natürlich kann ich mir die Stärke dieses roten Fadens, die Intensität, mit der ich gewählt habe, meine Gefühle zu fühlen und in Worten bis aufs Nackteste zu verbalisieren, nur leisten, weil alles andere – zuvorderst Privilegien und Freunde – mir vom Leben in Fülle und Unkompliziertheit vergönnt sind. Jeder sucht sich die Probleme, die er nicht hat und ich bin zufrieden mit meiner Wahl. Und natürlich sucht die Majorität der Menschheit noch immer den einen Menschen – trotz wachsender Vielfalt an Beziehungsformen. Die meisten von uns suchen den einen Menschen.

Diese episodenhaften Geschichten erzählen also von meinen Erfahrungen mit Männern, von Männertypen, von unterschiedlichen und gleichen Erwartungen und von auf Gegenseitigkeit beruhenden Gefühlen. Diese meine Geschichten folgen aufeinander in chronologischer Ordnung, sie haben mal mehr, mal weniger miteinander zu tun. Sie erzählen vom Suchen, vom vermeintlichen Finden, vom Verlieren, vom wirklichen Finden, sie erzählen von Schmerz, von Aufregung, Enttäuschung, Verliebtheit und Missbrauch. Und sie erzählen von der Liebe. Denn Liebe ist nicht die Antwort auf alles, aber sie ist die wichtigste.

DIE VIELEN

5 Jahre mussten es nun etwa sein, seit ich die Hölle losgetreten hatte. 5 Jahre, in denen ich eine nur noch knapp zweistellige Anzahl an ersten Dates, sehr wenigen zweiten und tatsächlich einem dritten Date gehabt hatte. 5 Jahre, die mich beschäftigt hielten, amüsierten oder ärgerten – aber in weiten Strecken eigentlich nur noch desillusionierten. 5 Jahre mit nur einer mageren, wenige Monate gehaltenen Beziehungen und bestimmt 4-5 eher schwierig zu definierenden Bekanntschaften. 5 Jahre, in denen die Menge der in einer analogen Realität, im sogenannten »Draußen«, initiierten Begegnungen gegen Null gingen, die virtuell begonnenen dafür gegen Hundert.

In vielen Momenten dieser 5 Jahre hatte ich aufgeben wollen, resigniert über die Größe des Heuhaufens und die Winzigkeit der Nadel, die ich suchte und verstört über den Affenzirkus, den Dating-Plattformen der Moderne im Allgemeinen und die Dating-Gewohnheiten meiner Generation im Speziellen mittlerweile darstellten.

In der Zwischenzeit hatte ich den Diskurs dazu im ein oder anderen Feuilleton-Teil verfolgt und den Eindruck gewonnen, dass sich Journalisten in regelmäßigen Abständen mit nur überschaubar neuen Erkenntnissen bemüßigt fühlten, sich konkret an der Thematik Dating Apps abzuarbeiten. Dabei wurden Dating Apps von ihnen oftmals noch immer als etwas Exotisches, Ungewöhnliches, etwas, das ob seiner Besonderheit Erklärung bedurft hätte, behandelt. Wenn ich das las, hielt ich manchmal inne und bestaunte die Diskrepanz zu meiner eigenen Lebensrealität, in der der Umgang mit Dating Apps das Alltäglichste, Gewöhnlichste überhaupt geworden war. Wenn auch vielleicht schon in nicht mehr ganz so gesundem Ausmaß.

Journalisten schienen nicht zu begreifen, dachte ich dann, dass Dating Apps – zumindest in der Alterskohorte unter 40 – längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen waren. Letztlich wurde in diesen Artikeln meistens kritisiert, dass sich die Partnersuche durch Dating Apps zwingend verändern musste, dass unendliche Optionen das Gefühl von Orientierungslosigkeit beschleunigten und dass möglichst effizientes Wischen den Tod jeglicher Romantik bedeutete. Natürlich hatten sie von außen betrachtet und auf einem sehr undifferenzierten Niveau irgendwie recht, aber nur deswegen, weil sie Dating Apps offensichtlich nie selbst benutzten.

Ich unterstellte, eben weil ich das Spiel mittlerweile zu gut kannte, dass die verfassenden Journalisten, selbst ein oder zwei Jahrgänge älterer Generationen, persönlich außer zu »Recherchezwecken« über keinerlei Erfahrung verfügten. Sie reduzierten die Daseinsberechtigung von Dating Apps auf »digitale Promiskuität« – auch wenn ich mir vorstellen konnte, dass sie im persönlichen Dialog eher die Diktion »Fick-App« bevorzugten. Dabei wollten sie vor allem cool wirken. Dazu rollten sie dann mit den Augen, vielleicht einfach, weil es opportun erschien, Phänomene jüngerer Generationen, die man selbst nicht zum letzten durchdrang, zu belächeln. Immer wenn ich solche Artikel las, fiel mir auf, dass die Verfasser, beschränkt auf deren Perspektive und Erfahrung analogen Kennenlernens, völlig verkannten, dass Dating Apps heute für mindestens drei Generationen einen elementaren Weg zu Sex oder zu Liebe oder zu beidem darstellten. Einen Umstand, den man, egal welche Meinung man zu dem Ganzen sonst hatte, so erst mal anerkennen sollte.

Ich selbst hatte erst lernen müssen, dass es weniger trivial war, als es erscheinen mochte, herauszufinden, welche Absichten jemand verfolgte. Im Grundverständnis hatte der Großteil der Kommunikation auf Dating Apps in seinen Anfängen tatsächlich nur der zeitlichen und örtlichen Koordination einvernehmlich herbeigeführten Geschlechtsverkehrs gedient. Ich merkte aber immer mehr, dass sich das wandelte – in den nur 5 Jahren, in denen ich das Spiel beobachtet hatte und gleichzeitig Teil gewesen davon war.

Wenn ich daran zurückdachte, war es anfangs tatsächlich noch darum gegangen, andere für sich einzunehmen, zu beeindrucken, andere in einen verliebt zu machen – sofern man das als aktiven, beeinflussbaren Part betrachtete. Mittlerweile, mir war das seit etwa zwei bis drei Jahren aufgefallen, ging es nur noch um einen selbst.

Darum für sich eine weitere Präsentationsplattform zu finden, in der man seinem Narzissmus frönen und sich mehrfach täglich die Bestätigung holen konnte, die das einsame und zweifelnde Ego brauchte. Alle anderen Plattformen gaben einem Likes und Kommentare, aber die wertvollste Form der Akzeptanz, dass einen jemand als Liebhaber oder Partner annehmen würde, bekam man dort nicht. Auch wenn die Grenzen dessen natürlich mittlerweile verschwommen und gerade Instagram sich mehr und mehr zum Tinder seiner Nutzer entwickelte.

Natürlich hatte ich auch nur die Perspektive einer heterosexuellen Frau auf Profile von Männern. Das reichte aber eigentlich als repräsentatives Psychogramm, als mehr als genug Anhaltspunkte, warum Dating Apps so waren, wie sie waren, aus.

In der einigermaßen homogenen Masse an Vornamen – es waren die Modenamen der Jahre 1981-1996 – hießen entsprechend alle Männer Alex, Max, Matthias, Michael, Chris, Christopher, Christoph, Tim, Tom, Flo, Moritz, Philipp oder Daniel. Mit ihren immer gleichen Profilen, ihren immer gleichen Bildern und ihren immer gleichen Namen verschwammen sie schließlich zu einem eintönigen Brei.

Unterbewusst ging ich bei jedem der Männer eine Art Bingo durch, es gab zu vieles, was sich wiederholte, was es einem schwer machte, zu differenzieren oder jemand scheinbar einzigartigen zu finden.

Die wiederkehrenden Bilder waren die von Selfies im Badezimmer (manchmal erkannte man, dass es ein Hotelbadezimmer sein musste), Selfies im Fitnessstudio (es musste erkennbar sein, dass man entweder definierte Bauchmuskeln hatte oder zumindest generell trainiert war), Fotos mit einer offensichtlich ab- oder herausgeschnittenen Ex-Freundin oder Fotos in einer Gruppe von Männern, auf denen man nicht erkennen konnte, um wen es ging. In letzterem Fall war der Profilinhaber meistens nicht unbedingt einer der attraktiveren. Es gab auch Bilder, die den »Travel Enthusiast« belegten – so nannten sich überraschend viele, zeugte es doch von Abenteuerlust und finanziellen Ressourcen. Weit gereist hielten sie oft einen überdimensional großen Fisch in der Hand, möglicherweise einen beim Hochseefischen in der Karibik gefangenen Barrakuda, oder sie knieten neben einem Tiger in einem buddhistischen Wald-Tempel im westlichen Teil von Zentralthailand.

Eine mittlerweile zumindest für Männer obligatorische Angabe war die der Körpergröße – jeder Mann, der angab, unter 1,70 Meter zu sein, war zwar ehrlich, hatte aber auch schlechtere Chancen. Die Bedingung »just hookups« oder »no ONS«, ein leeres Feld für die Selbstbeschreibung – weil das erforderte, dass man mal fünf Minuten nachdachte, also ließ man es lieber frei – sowie mehr oder weniger offener oder versteckter Sexismus rundeten die meisten Profile ab. Und daraus musste man dann etwas machen. Daraus musste man dann abstrahieren, ob man sich in einen dieser Menschen verlieben würde können.

Ich hatte durchaus begriffen, dass die Funktionsweise von Dating Apps auf visuellen und akustischen Reizen basierte. Dass sie es einem einfacher als einfach machten, Menschen »auszusortieren« aus der Alterskohorte, dem Körpertyp, dem Grad an Arroganz, den man haben wollte. Sie gaben einem die Chance, andere Menschen leicht und ohne Konsequenzen »zurückzugeben«. Natürlich war mir klar, dass die ganze Idee darin bestand, künstliche Treffen basierend darauf zu arrangieren, ob man bearbeitete Fotos von anderen Menschen ansprechend fand oder eben nicht. Wenn ich es laut aussprach, verstand ich nicht, was ich in all dem verloren hatte. Dann fiel mir wieder die Alternativlosigkeit ein, die sich aus Berufstätigkeit und wenigem Ausgehen ergaben, eine Kombination, bei der man ansonsten warten musste, bis die Männer bei einem zuhause klingelten. Ein Szenario, das dann doch eher unwahrscheinlich war.

Ich dachte über die Absichten nach, die man auf Dating Apps angab zu verfolgen. Wir können alle möglichen Dinge zu allen möglichen Zwecken nutzen, im Alltäglichen waren wir sozusagen Meister der Zweckentfremdung geworden. So wie wir mit einem Hammer einen Nagel in die Wand oder jemandem den Schädel einschlagen können, so können wir unser müdes Haupt auf ein Kopfkissen betten oder damit jemanden ersticken. Ebenso, wenngleich einen Tick weniger gewalttätig beziehungsweise psychopathisch, waren Dating Apps nur ein Werkzeug, ein Instrument, welches uns zur Realisierung wie auch immer gearteter amouröser, sexueller Intentionen diente. Wir konnten mit ihnen unseren nächsten Sexualpartner, die große Liebe, eine diskrete Affäre und alles andere suchen. Die App an sich war also offensichtlich nicht das Problem, sondern die Menschen, die sie nutzten und wenn man ganz fair sein wollte, eigentlich auch nur die, die sie zu einem anderen Zweck nutzten als sie es vorgaben.

Ich fragte mich oft, was auf Dating Apps passierte, was man brauchte, um sie benutzen zu können, ohne damit mittlere Katastrophen an sich selbst oder anderen anzurichten. Dating Apps warfen einen in eine Welt von Menschen, die plötzlich alle Namen und Alter und Jobs, Fotos und Hobbys und – wenn es gut lief – eine Persönlichkeit hatten und bei denen man sich auf Basis dieser Kriterien entschied, ob man kurz- oder mittelfristig und einmalig oder wiederholt mit ihnen schlafen wollte oder eben nicht. Wenn man sich in dieser Welt aufhielt, war es, als trüge jeder Mensch, dem man begegnete, diese Charakteristika um den Hals auf einem Pappschild; man war unausweichlich mit ihnen konfrontiert. Tatsächlich eine eher anstrengende, ermüdende Vorstellung. Man tat gut daran, zu wissen wer man selbst war, man tat gut daran, über eine halbwegs gefestigte Persönlichkeit und kein völlig labiles Selbstwertgefühl zu verfügen. Es ging so schnell und so leicht, sich selbst zu verlieren in dieser ganzen Welt von Menschen, die man nicht kannte, denen man aber immer einen Teil von sich zeigte, wenn man mit ihnen schrieb und respektive auch Teile eines anderen Menschen zurück gezeigt bekam. Man sollte wissen, was man wollte und was man auf gar keinen Fall wollte. Es machte einem die Auswahl leichter, es schützte einen aber auch davor, sich zu Dingen überreden zu lassen, die einem mehr schadeten als dass sie einen zufrieden machen, die einen in Situationen brachten, in denen man vielleicht »Nein« sagen wollte, aber es nicht mehr laut genug oder wehrhaft genug oder nüchtern genug konnte. Vor allem als Frau.

Und was machten Dating Apps mit dem, der sie benutzte? Sie machten süchtig, sie machten abhängig von der nur wenige Millisekunden langen Bewertung eines Menschen, von der herablassenden Annahme, man selbst sei so überlegen, jemand anderen zu beurteilen. Als bedeutete das eigene »Ja« oder »Nein« in der restlichen Welt irgendetwas. Sie machten so süchtig, dass es keine freie Sekunde mehr gab, in der man nicht entschied und aussortierte, angetrieben von der Gier nach dem existierenden, sich ständig neu füllenden Pool an Kandidaten, die noch vor einem lagen. Und unter denen vielleicht jemand sein konnte, bei dem man in der Sekunde, die man sich für ihn entschied, besonders danach lechzte, dass er sich auch für einen selbst entschieden hatte oder es noch würde.

Ein Grund, weswegen Dating Apps trotz beschriebener Absurdität doch in signifikanter Häufigkeit von Menschen unter sagen wir mal 40 genutzt wurden, konnte darin liegen, dass diese Apps einiges in uns bedienten, was in Generationen vor uns nicht allzu gegenwärtig oder problematisch gewesen zu sein schien. Sie vernetzten enorm. Sie ermöglichten uns die Kontaktaufnahme mit Menschen, von deren Existenz wir nichts wussten, die sich gerade in diesem Moment vielleicht mehrere hundert oder tausend Kilometer entfernt oder um die Ecke von uns befanden. Sie zeigten uns, welche gemeinsamen Facebook-Freunde wir hatten – wie »klein« also augenscheinlich unsere Welt war. Sie erleichterten uns den Konsum. Wir mussten uns nicht mehr samstags in eine Bar oder einen Club stellen, Drinks bezahlen, uns vorher zumindest eine Hose anziehen oder schminken. Wir konnten stattdessen kostenlos, bequem vom Sofa aus, mit einem Glas Rotwein in der einen Hand und dem iPhone in der anderen, Menschen aussuchen, sie auf uns aufmerksam machen und unverbindliche Konversationen beginnen. Obwohl der Großteil der Dating Apps benutzenden Alterskohorte natürlich noch nicht in der Lebensphase angekommen war, in der man Rotwein trank.

Dieser weitestgehend anonyme Ablauf eliminierte das Erlernen bestimmter Kompetenzen im realen Leben. Wir mussten nicht mehr mit jemandem flirten, Augenkontakt herstellen, lächeln, verschüchtert wegsehen, hingehen, ansprechen – blieb uns alles erspart. Wir mussten uns keine kreativen Anmachsprüche mehr überlegen, woraus resultierte, dass auch auf Dating Apps die Eloquenz der meisten Männer bei »Heyyy!« oder »Wie geht's?« endete oder bei einem mäßig kreativen Satz, in dem klar wurde, dass »dass« und »das« nicht dasselbe waren. Schon gar nicht mussten wir uns damit abfinden, wenn uns jemand einen Korb gab, wir bekamen es nicht mal mehr mit. Dating Apps ersetzten alle Vorgänge durch Funktionen, sie nahmen uns die meisten Möglichkeiten der Blamage ab und machten uns bequemer, emotional unintelligenter und oberflächlicher.

Vor allem aber suggerierten Dating Apps, man könne immer noch mehr, besseres, besser aussehendes, grüneres Gras bekommen, im Universum unendlicher Möglichkeiten an potenziellen Partnern, Affären oder was auch immer man suchte. Das woran unsere Generationen eh schon krängten – die nicht enden wollenden Optionen an Jobs, Städten, Entscheidungen, die Generationen vor uns nicht gehabt hatten – es wurde ausgedehnt auf die Optionen an Partnern und uns als ultimative Freiheit verkauft.

Ich kaufte und ich kaufte gerne und viel. Manchmal machte ich etwas, das meine Mutter mal mit leicht gerunzelter Stirn als »Power Dating« bezeichnet hatte. Zu diesem Terminus war sie gekommen, nachdem ich ihr berichtet hatte, dass ich zum damaligen Zeitpunkt sechs Dating-Apps gleichzeitig benutzte – Tinder, Bumble, Inner Circle, happn, Mayze und Once – und, dass ich mich in 4 Wochen mit zehn bis zwölf verschiedenen Männern auf ein Kennenlernen bei Kaffee oder Drinks getroffen hatte.

»Bist Du sicher, dass Du das nicht etwas verkrampft angehst?«, hatte meine Mutter mich gefragt.

»Ich würde es als ›zweckmäßig‹ bezeichnen. Ich kann mittlerweile nach etwa einer Minute in einem Gespräch feststellen, ob es passen kann oder nicht. Die letzten zwölf passten jedenfalls schon mal nicht.«

Dass es so unendlich ermüdend, anstrengend und zunehmend frustrierend war, dass ich das Ganze immer nur phasenweise ertrug, bevor ich eine mehrwöchige Pause benötigte, dass ich süchtig nach Anerkennung und der Nervosität vor Dates geworden war, dass mich die verzweifelte Suche nach Verbindlichkeit und Liebe antrieb, dass ich einfach nicht mehr allein sein wollte und an meinen idealen Partner dennoch nahezu unerfüllbare Ansprüche stellte, ließ ich aus.

Ich traf Männer, die Pilotenscheine hatten und mich einluden, bei unserem nächsten Date mit ihrem eigenen Segelflugzeug gemeinsam über Bayern zu fliegen. Ich zwang mich in Kinofilme, die ich mir freiwillig nicht ausgesucht hätte, »Star Wars: Die letzten Jedi zum Beispiel«. Ich hetzte zu After Work Dates ins James T. Hunt, einer beliebten Bar in Maxvorstadt, um dort eine knappe Stunde in die untergehende Sonne zu blinzeln, während mein Gegenüber fast ohne Luft zu holen über sein, zumindest für ihn offenbar reichlich spannendes Leben monologisierte. Er hatte einen kleinen Leberfleck unterhalb der Wange, ich überlegte die ganze Zeit, ob ich diesen süß oder abstoßend fand. Ich traf Unternehmensberater, denen ich wohlwissend, dass sie es sich nicht nehmen lassen würden, mich einzuladen, die Falks Bar vorschlug – einer eher gehobenen Örtlichkeit, in der die Preise für ein Glas Champagner bei 23 Euro anfingen. Ich bestellte in einer knappen Stunde drei. Hobby-Alkoholismus kam bei den meisten Männern überraschend gut an. Ich hatte Spaziergangs-Dates durch den Englischen Garten mit Männern, die so klein waren wie ich – was nicht schlimm gewesen wäre, wenn ich 1,80 Meter groß wäre. Ich unterschritt knapp den 1,60 Meter, es war also schlimm. Ich traf auch Männer, die deutlich älter waren als ich, um mir hinterher anhören zu können, ich müsse erst mal wissen, was ich wolle.

Aber manchmal waren unter ihnen Männer, die aufrichtig an meinen Lippen zu hängen schienen, mit denen die Stunden dahinflogen, die Gesprächsthemen nie ausgingen. Ich traf sie in der Goldenen Bar oder im Schumanns, sie sagten mir, dass ich schön und schlau und attraktiv sei und dass sie das anzog. Ich saß mit ihnen am Friedensengel und gemeinsam beobachteten wir den Sonnenuntergang, während die Männer mir interessiert zuhörten. Ich traf Männer, die am Ende eines ersten Dates mein Gesicht in beide Hände nahmen und mich so küssten, dass der Boden unter mir verschwand. Einmal traf ich einen Mann, der mich nach unserem Date spontan mit zum Tanzabend in den Bayrischen Hof Nachtclub nahm; es waren Standardtänze und dass ich seit 10 Jahren nicht mehr getanzt hatte, fiel weder mir noch sonst jemandem unter seiner Führung auf. Er brachte mich dazu, überrascht und begeistert von mir selbst zu sein – wie viel mehr konnte man als Date erreichen?

Und manchmal traf ich Männer, die mein gegenwärtiges Leben durchschüttelten und ich sehen konnte, was runterfiel, Reifes und Verfaultes. Das waren die besten Dates – auch wenn keiner von ihnen blieb.

Wir vergessen oft, dass nur weil man Begegnungen erzwingen, ihre schiere Menge nach oben regeln kann, bis man wahnsinnig wird, man vorher schon alle relevanten Charakteristika des anderen zu kennen glaubt, die Chancen, dass mein Gegenüber und ich uns ineinander verlieben, nicht besser sind, als würden wir jemanden auf der Straße oder in der U-Bahn ansprechen. Wir vergessen, dass wir Anziehungskraft, Chemie, wie jemand anderes spricht, geht, riecht, lacht, nicht beeinflussen können, dass wir nicht zu begünstigen in der Lage sind, ob und wie der andere ist, in uns ein Echo findet. Es gab ein Zitat von Beau Taplin, es sagte eigentlich alles über den Zufall, die Seltenheit, die Besonderheit und das Glück – egal, wo wir es fanden:

»The one thing I know for sure is that feelings are rarely mutual, so, when they are, drop everything, forget belongings and expectations, forget the games, the two days between texts, the hard to gets because this is it, this is what the entire world is after and you’ve stumbled upon it by chance.«2

ALUMNUS

September 2014

Der Raum war groß und unübersichtlich, ich musste mich erst einmal orientieren. Netzwerkveranstaltungen waren für mich schon immer ein mehr oder weniger notwendiges Übel. Etwas zu dem ich mich alle paar Monate zwang, etwas, das für mich einen angemessen großen Schritt aus meiner eigenen Komfortzone bedeutete. Ich verstehe das Prinzip dieser Art von Events, ich habe auch prinzipiell kein Problem damit, auf andere Menschen zuzugehen: Bei diesen Gelegenheiten aber bekommt sämtliche Annäherung einen faden Beigeschmack perspektivisch beabsichtigter Gefälligkeiten. Man geht vor allem auf Menschen zu, von denen man weiß oder das Gefühl hat, dass aus dem Verhältnis beide Seiten profitieren würden.

Die private Universität, an der ich meinen Bachelor gemacht hatte, war Organisator des Abends, alle Anwesenden hatten demnach zumindest eine Gemeinsamkeit. Es war der komplette Bereich der Sophias Bar im The Charles Hotel gemietet worden, sämtliche Drinks, die man konsumierte, waren bereits bezahlt. Ich entschied mich für Aperol Spritz, ein Getränk, das bei mir gefühlt schneller als bei anderen einen Zustand gelöster Offenheit oder übermütiger Neugier herbeiführte. Genau die Verfassung, die ich jetzt brauchte. Ich ließ den Blick schweifen und erspähte einen Stehtisch, an den noch eine Person passte. Ich steuerte ihn an – die Sekunden, in denen man sich dazustellte, seinen Namen nannte und versuchte zu verstehen, bei welchem Thema die Unterhaltung gerade angekommen war, waren die härtesten. Am Tisch standen eine weitere Frau und zwei Männer, es ging natürlich darum, was jeder beruflich machte. Es ging also darum zu taktieren, ob irgendetwas entlang des Tätigkeitsfeldes und der Kontakte, die die Gegenüber hatten, einem selbst nützen könnte. Ich war schon jetzt angeödet, aber lächelte interessiert, nickte, stellte Nachfragen. Mir fiel auf, dass ich wohl zu den eher jüngeren Graduierten gehören musste. An meinem Tisch hatten alle auf Diplom studiert und wenn ich mich so im Raum umsah, wirkten auch die anderen Alumni wenig bis deutlich älter als ich.

Nach etwas, was vermutlich fünfzehn bis zwanzig Minuten gewesen sein mussten, entschied ich, den Tisch zu verlassen. Der Abend würde aller Wahrscheinlichkeit nach einen eher drögen Verlauf nehmen.

Bis ich ihn sah. Er war recht groß, bestimmt 1,90 Meter, trug eine Nickelbrille und ein kariertes Hemd, darüber ein Sakko. Er wirkte irgendwie verklemmt, etwas langweilig; wenn ich später gebeten worden wäre zu sagen, was mich an ihm fasziniert hatte, ich hätte keine Antwort gehabt. Er strahlte etwas Intellektuelles aus, ich konnte mir vorstellen, dass man mit ihm gute Gespräche führen konnte.

Plötzlich war der Abend überhaupt nicht mehr dröge. Mich packte eine eigenartige Form des Ehrgeizes, manchmal wollte ich mir beweisen, dass ich einfach so entscheiden konnte, wenn ich etwas mit einem Mann anfangen wollte. In der Vergangenheit hatte das erstaunlicherweise immer geklappt, auch wenn es mich – wenig überraschend – bislang nicht glücklich gemacht hatte.

Ich ging die Treppen zur Damentoilette hinunter. Vor dem Spiegel überprüfte ich meine Frisur, glättete mit den Fingern ein paar abstehende kleine Härchen und zog meinen Lippenstift nach. Ich überprüfte, dass nichts von der tiefroten Farbe an meinen Zähnen haftete und atmete tief durch. Eine Strategie hatte ich nicht, ich würde aus dem Moment heraus improvisieren.