Lieber Eduard - J.C. Liesecke - E-Book

Lieber Eduard E-Book

J.C. Liesecke

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Beschreibung

Jede Nation spottet über die andere, und alle haben Recht. (Arthur Schopenhauer: Parerga und Paralipomena I, Zürich 1977, S.395) Lieber Eduard, Grüße aus dem Chaos. Ich sitze hier etwas nutzlos zwischen Pubertät und Klimakterium und ertränke meinen Kummer in ganz hervorragendem Landwein. Der Wein hat ein samtiges Bouquet und Charakter. Ich nicht. Aber der Reihe nach: Am 15.01.1994 gegen 14:00 Uhr überschritten wir die Grenze zur französischen Republik, was generalstabsmäßig klingt, es aber nicht ist. Für Generalstab waren wir zu müde. Aber dann, dann wachten wir auf, und wie.

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Seitenzahl: 502

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Meinen drei Ziegen

Siggi, Frederike und Franziska

… als wär’s ein Stück von uns.

Dieser Briefroman basiert auf wahren Begebenheiten.

Darüber hinaus ist jede Ähnlichkeit mit lebenden oder

toten Personen rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Inhaltsverzeichnis

Crottaille, im Januar 1994

Crottaille, im Februar 1994

Crottaille, im Januar 1995

Crottaille, im Dezember 1995

Crottaille, im September 1996

Crottaille, im September 1997

Crottaille, im Juli 1998

Crottaille, im Dezember 1998

Crottaille, im Februar 1999

Crotaille, im Mai 1999

Crottaille, im Juni 1999

Crottaille, im Juli 1999

Crottaille, im August 1999

Crottaille, im November 1999

Crottaille, im Januar 2000

Crottaille, im Dezember 2000

Crottaille, im September 2001

Crottaille, im Dezember 2001

Crottaille, im Januar 2002

Crottaille, im Juli 2002

Crottaille, im April 2003

Crottaille, im November 2003

Crottaille, im Dezember 2004

Crotttaile, im August 2005

Crottaille, im Dezember 2005

Crottaille, im August 2006

Crottaille, im September 2006

Crottaille, im November 2006

Crottaille, im November 2006

Crottaille, den 31.Januar 2007

Crottaille, im Februar 2007

Crottaille, im Mai 2007

Crottaille, im Juli 2007

Crottaille, im September 2007

Crottaille, im Dezember 2007

Crottaille, im Januar 2008

Crottaille, im Mai 2008

Crottaille, im Oktober 2008

Crottaille, im November 2008

Crottaille, im Januar 2009

Crottaille, im April 2009

Crottaille, im Oktober 2009

Crottaille, im März 2010

Crottaille, im Oktober 2010

Crottaille, im Juli 2011

Crottaille, im September 2011

Crottaille, im Oktober 2011

Crottaille, im Februar 2012

Crottaille, im Mai 2012

Crottaille, im Mai 2012

Crottaille, im Dezember 2012

Marseille, im März 2013

Thun/Schweiz, im April 2013

Crottaille, im Juli 2013

Crottaille, im Juni 2014

Crottaille, im August 2014

Crottaille, im Oktober 2014

Crottaille, im Dezember 2015

Marrakesch, im Mai 2015

Crottaille, im November 2015

Crottaille, im April 2016

Crottaille, im Juli 2016

Crottaille, im Februar 2017

Crottaille, im März 2017

Crottaille, im September 2017

Thun/CH, im November 2017

Crottaille, im Dezember 2017

Crottaille, den 14. Februar 2018

Crottaille, im April 2018

Crottaille, im Juni 2018

Crottaille, im Juli 2018

Crottaille, im August 2018

Crottaille, im November 2018

Crottaille, im Januar 2019

Crottaille, im Januar 1994

Lieber Eduard,

Grüße aus dem Chaos.

Ich sitze hier etwas nutzlos zwischen Pubertät und Klimakterium und ertränke meinen Kummer in ganz hervorragendem Landwein. Der Wein hat ein samtiges Bouquet und Charakter. Ich nicht. Aber der Reihe nach:

Am 15.01.1994 gegen 14:00 Uhr überschritten wir die Grenze zur französischen Republik, was generalstabsmäßig klingt, es aber nicht ist. Für Generalstab waren wir zu müde.

Die Nachbarn träumen noch als wir aufbrechen. Ab Koblenz sind wir fast alleine auf der Autobahn. Die Eifel ist dunkel und karg. Auf fast jede Äußerung ihrer Eltern kräht Emma für eine Achtjährige etwas reichlich altklug: „Interessante Hypothese“. In Lothringen diskutiert sie dann mit Christine, die ihren baldigen 14. Geburtstag wohl lieber in Deutschland gefeiert hätte, das zeitlos faszinierende Thema „Bandwürmer“. Das bildet und lenkt ab. Die mir angetraute Simone hört gar nicht hin. Vielleicht hat sie einen. Auf jeden Fall sieht sie so aus.

Weil es anfängt zu regnen, denke ich an das Finanzamt. Ich sollte da ein amtliches Formular für Deutsche im Ausland, erhältlich bei allen deutschen Finanzämtern, abholen. „Hamwinich“ oder so ähnlich raunzte der Pförtner missgelaunt, denn Deutsche gehören nach Deutschland und damit basta. Aber ich brauche das Ding doch. „Hamwinich“, wiederholt er gereizt und erzählt etwas von Lohnsteuer.

Den Weg dahin kenne ich von verflossenen, schönen Stunden. Doch da wird gebaut. Pappschilder weisen nach Zimmer 106. Ich klopfe an 106. 106 antwortet nicht. Ich öffne 106, und da sitzen sie brav Reihe um Reihe wie Klosterschüler in einem großen Saal und hüten den Staatsschatz. An der Tür lauert ein Typ, der früher mal aktiver Pirat gewesen sein muss und jetzt umschult; mit wildem Bart, Ring im Ohr und beutegierigem Blick.

Den frage ich verzweifelt nach dem amtlichen Formular für Deutsche im Ausland. „Eh“, seufzt der Pirat nicht unelegant, aber wenig hilfreich. Ich wiederhole. Der Pirat auch. So kommen wir nicht weiter. Das weiß auch der Pirat und schnauzt: „Steuernummer?“ Ich lese schüchtern vor. Er brüllt sie in den Saal. Ein blasser Jüngling hebt die Hand, blättert in einer Art Bibel und flüstert „204“. Ich schreite nach „204“. Dort sitzen zwei Blondinen. „Guten Tag, ich brauche ein amtliches Formular für Deutsche im Ausland.“ Die beiden kichern. Doch die etwas Fülligere fängt sich und gesteht: „Kennen wir nicht.“ Sie scheint einiges noch nicht zu kennen, aber sie muss mich mögen, denn sie telefoniert oft und lange, bis wir schon eine halbe Stunde später wissen, dass es dieses Formular nur in Baden-Württemberg gibt. Es lebe der Föderalismus. Von dem kränkelnden Amtsarzt, der meine Cholesterinwerte mit seinen Hypothekenzinsen zu verwechseln scheint, will ich nicht berichten. Es tut noch zu weh!

Dann lieber Zahnarzt. Der legt mich auf den Tisch und doziert so eingehend, dass ich bald selbst bohren kann. Seine Rechnung ist wie moderne Prosa, eindringlich aber unverständlich. Erstaunlich, was man so alles in einer Mundhöhle unternehmen kann, und das mit Kostenfaktor 2.3. Wahrscheinlich habe ich Stalaktiten.

Aber zurück zur Autobahn. Der Regen verstärkt sich. Vorne quietschen die Radfedern und hinten die Meerschweinchen. Nach acht Stunden landen wir in einem Motel in Burgund, wo wir die beiden Meersäue von Christine besser reinschmuggeln können. Da kommt sogar ein wenig Ferienstimmung auf, obwohl wir gar nicht verreisen, sondern auswandern. Simone macht auf mich weiterhin einen bandwurmschwangeren Eindruck. Ich fürchte, sie kehrt bald um.

Je südlicher wir kommen, umso stärker regnet es. Beim Schild „Vous êtes en Provence“ begrüßt uns ein kleiner Wolkenbruch. „Der Midi pinkelt uns vor die Füße“, seufze ich und nehme es als böses Vorzeichen. „Er brunzt“, korrigiert Emma und kriegt einen Anflug von Heimweh. Aber dann bei Salses, der alten Festung, beim Übergang in das Roussillon, da strahlt die pralle Sonne im Januar. Der Ginster blüht, die Mandelbäume blühen und die Mimosen auch, nur meine drei Damen blühen nicht auf, wohl weil sie wissen, was ihnen blüht. Dabei liegt bereits der Frühling über der noch immer sattgrünen Landschaft.

Dann geht es in unser Domizil. Das Alter ist schwer bestimmbar und dürfte so etwa bei 100 Jahren liegen. Dem Dreck nach zu urteilen, müssen es 200 sein. Die Kinder nennen es mit ihrem ausgeprägten Realitätssinn „Villa Schrott“, während Simone mehr an einen Rohdiamanten glaubt. Mir fällt es schwer, ihren Glauben zu teilen. Aber die „Villa Schrott“ liegt mitten im Städtchen und hat trotzdem einen großen Garten, der leider nicht als solcher erkennbar ist, weil ihn hundert Jahre Dschungel überwuchern. Mittendrin steht eine Riesenpalme, die im Laufe der Zeit viele Ableger geboren hat. Ich bin sicher, dass hier Affen hausen.

Statt Affen sind wir inzwischen auf den Hund gekommen. Der Hund ist eine Hündin, weil Frauen lieber als Männer sind, was man gut an Alice Schwarzer sehen kann. Es ist mein erster Hund und wohl auch mein letzter. Sie heißt „Miss Molly“ und ist ein etwas träger Labrador, der entweder knackt oder kackt, um es mal etwas neu-prosaisch auszudrücken.

Mein Handbuch für den Hundefreund ignoriert sie. Da ist kein „leichtes Kreisen vor der Lösung“, Miss Molly geht direkt ins Ziel und feuert. Ich wische hinterher. Auch draußen hält sie sich nicht an die Regeln. Den rustikal gestalteten Kotplatz in landschaftlich schöner Umgebung missachtet sie und „löst“ stattdessen flächen deckend. Ich folge mit der Schaufel. Der Garten ist bald umgegraben. Schon zur Begrüßung hatte Miss Molly unter den Küchentisch gepinkelt und zwar in solchen Mengen, als hätte sie die Nacht davor durchgezecht. In ihren Korb geht sie auch nicht. Stattdessen liegt sie unter meinem in der Küche aufgestellten Feldbett, von wo ich ihre Erziehung zur Sauberkeit kontrollieren soll (schnelles Aufgreifen und Tragen an den Kotplatz!), meist aber einschlafe, sodass Miss Molly die Küche zum Kotplatz umfunktioniert. Statt hier den Rudelführer zu spielen, spiele ich Klofrau und kriege kein Trinkgeld. Ich wische morgens mit reichlich „Eau de Javel“, einem in Frankreich weitverbreiteten Chlorwasser, das einen herben Duft verbreitet, bei dem es meinen Damen schlecht wird. So habe ich etwas Ruhe in der Küche bis sie dann gut ausgeschlafen erscheinen und fröhlich nach Kotmenge und Kotkonsistenz fragen. Ich antworte etwas schläfrig, denn Lösen ist ein hartes Los.

Unser Verhältnis könnte man als ambivalent beschreiben. Jetzt begreife ich die alte, schwäbische Weisheit: „Das Leben fängt erst an, wenn die Kinder aus dem Haus sind, und der Hund tot ist.“

Im Durchschnitt wird ein Labrador zwölf Jahre alt.

Familien, Feldzüge und Umzüge werden geplant. Deshalb gehen Familien auseinander, Feldzüge verloren und Umzüge in die Hose. Das kommt so: Karton 23 ist für Platz A vorgesehen, wird aber, da dort kein Raum, nach Platz B gebracht, wo er vollkommen fehl am Platze ist, weshalb er nach C abgeschoben wird, wo Platz ist, man ihn aber nicht braucht. Deshalb verbringt man Karton 23 nach D, in einen sogenannten Verfügungsraum. In D ist das Dach undicht, sodass Karton 23 in einer nächtlichen Rettungsaktion bei Sturm und Regen nach E gerettet wird. Genau in E sucht aber der Elektriker das Kabel, weshalb 23 nach F gelangt, zur Zwischenlagerung sozusagen. Platz F hat den Nachteil, dass die Verandatür nicht mehr ganz aufgeht. Deshalb wird Karton 23 nach G geschoben. Bei G wird sein Inhalt geprüft und festgestellt, dass Karton 23 verderbliche Lebensmittel enthält, die natürlich nach K wie Küche gehören. Doch bei K ist nicht Küche, sondern Chaos, weshalb Karton 23 im Garten landet. Dort locken die verderblichen Lebensmittel zwei Katzen, einen Hund und mehrere Vögel, die gestaffelt angreifen bis der Karton nur in Fragmenten erkennbar ist, also bei M wie Müll landet und Platz A nie erreicht. Aber da vermisst ihn auch keiner, weil inzwischen umgeplant wurde, und 23 nun eigentlich nach P gehört. Doch P ist aus Strukturgründen weggefallen, weshalb 23 von Glück reden kann, bei M wie Müll gelandet zu sein, denn sonst hätte Karton 23 gar keine Heimat.

Zum Glück enthält Karton 23 eine Flasche Korn die nicht nach K wie vorgesehen verbracht wird, sondern nach G wie Gurgel und zwar der eigenen. Prost!

Der Garten ist Dschungel satt. Da blüht und grünt es im Januar wie verrückt. Zwischen den unbekannten exotischen Gewächsen findet sich ein Sammelsurium von altem Werkzeug, leeren Flaschen, Autonummerschildern und gebrochenen Kacheln. Ich sehe hier Handlungsbedarf, schon beim Anblick fängt der Rücken an zu schmerzen. So gebe ich die Parole aus, möglichst alles natürlich zu belassen, was bei den Damen auf Unverständnis stößt. Ich stoße bei den Damen laufend auf Unverständnis.

Die mit viel Geld renovierte Heizung ist ein Furz im Weltall, denn der kalte Tramontane aus den Hochpyrenäen nimmt sie gar nicht zur Kenntnis und kriecht dir in die Pyjamahose. Aber der wohl fast hundert Jahre alte „poêle“, ein Bollerofen, von Monsieur Godin nicht unelegant konstruiert, mit dem schwarzen Ofenrohr, das schamlos durch das ganze Treppenhaus zieht, der heizt alles bis kurz vor Barcelona. Nur nachts geht er aus. Dann gibt es morgens blauen Himmel und kalten Hintern.

Über allem liegt feiner Mörtelstaub, und ein paar Flusen spielen kindlich unschuldig über dem Heizlüfter, weil die Heizung mal wieder nicht geht. Dann muss man kräftig auf ihr herumklopfen, und schon röhrt der Brenner wie eine Rotte Asthma tiker beim Seniorenmarathon. Nie haben wir den Frühling sehnlicher erwartet.

Oh, diese alten Gemäuer, sie sind so romantisch, aber klamm. Sie haben Seele und verstopfte Abflüsse. Sie machen das Herz warm und die Hoden kalt. Sie sind wie manche schöne Frau, faszinierend, aber schwierig.

Schwierig ist es auch für Christine, die sich im Collège vorstellen muss, was mit gerade mal zwei Jahren Schulfranzösisch keine leichte Aufgabe ist. Jetzt kommen wir in die kritische Phase, der Schwachpunkt unserer ganzen Planung. Als aber Christine fröhlich erklärt, Madame Direktorin sei ein Arschloch mit Doppelkinn, atmen wir vorerst erleichtert auf.

Emma dagegen streikt. Sie ist deutsche Patriotin durch und durch. Außerdem hat sie undefinierbare Bauchschmerzen, die einen Schulbesuch nicht zulassen. Dabei kann sie schon „Bonjour!“ sagen. Endlich geht sie aus Langeweile, und weil sie nun mal eine deutsche Patriotin ist, vermacht sie der Klasse als deutsches Kulturerbe unser schönes Wort „Scheiße“. Die kleinen Franzosen sprechen es etwas weicher aus, aber mit derselben Hingabe.

Von meinem Schreibtisch erahne ich die nahen Albères durch die stark verschmutzten Fensterscheiben. Vielleicht darf ich sie eines Tages klar bewundern, aber der Tag scheint noch fern. Dabei haben sie Bewunderung verdient, denn sie sind im Sommer wie im Winter kräftig grün durch ihren starken Kork- und Steineichen bewuchs. Genau das hat uns so am Roussillon fasziniert, dies satte Grün der Berge, das eigentlich für den Midi untypisch ist.

Sie sind nicht ganz so hoch wie der Schwarzwald und bilden die natürliche Grenze zu Spanien. Hier wurden im 2. Weltkrieg die Emigranten auf alten Schmugglerpfaden über die rettende Grenze nach Spanien geschleust. Übermäßig mit Ruhm hat sich dabei keiner bekleckert. Aber davon später.

Wir wursteln hier so rum und haben Probleme mit der Planung. Aber wer hat die nicht. Keiner sang mir an der Wiege, dass ich eines Tages Palmen putzen werde, aber ich muss, sonst erwürgt sie das Efeu und Simone mich. In diesem Chaos spielt Christine „Für Elise“ auf dem verstaubten Klavier, was irgendwie rührend wirkt. So genießen wir dann den ersten Sonntag mit frischem Baguette, schlendern in prallem Sonnenschein ans kitschig blaue Meer unter Palmen, entdecken ein kleines Lokal am Hafen und verspeisen genüsslich ein Fischmenü in der leichten Brise mit Blick auf den schneebedeckten Canigou. Heimgekehrt sitzt man etwas im Gartendschungel zum Lesen. Und das im Januar. Deutschland versinkt in Schnee und Eis und wir im sonnigen Chaos, wobei wir schnell begreifen, dass dies kein Klima für große Taten ist.

Du wirst es nicht glauben, aber ich „jogge“ gelegentlich. Früher nannte man das Dauerlauf, und der Dauerlauf war allerseits verpönt, weil langweilig und nicht sehr elegant. Wer damals in der Ortschaft lief, hatte die Straßenbahn verpasst. Dann erfand man einen anderen Namen für dieselbe Sache, schnitzte ein paar schicke Sachen dazu, fand Sponsor und Promoter, und nun „joggt“ alles. Kreuz und quer toben sie durch die Botanik. Dabei erinnern sie in ihrer zähen Zielstrebigkeit an schienenlose Dampfloks, so pusten und schnaufen sie. Der Heizer muss irgendwo im Hintern sitzen.

Einige kommen in Pulks und wirken wie die Wehrsportgruppe der PDS. Dabei sind es Familien, in denen irgendein autoritärer Tyrann die ganze Meute auf die Strecke schickt. Dem Gruppenzwang gehorchend machen sie grimmig mit, Kinn hoch, Lippen schmal. Man nimmt schließlich ab dabei. Sie machen viel Staub und nachdenklich. Die meisten aber sind Einzeljogger, sieht man mal von den joggenden Ehepaaren ab, wo es bei ihr oben und ihm unten hüpft, und die sich zweifellos in der anschließenden Dusche vereinen, nicht weil es schön, sondern weil es gesund ist. Danach gibt es Blattsalat in Joghurtsoße.

Der Einzeljogger ist entweder sportlich, süchtig oder ein Arsch. Die Sportlichen laufen lächelnd, weil es ihnen Spaß macht und sagen herzlich „bonjour!“. Die Süchtigen brauchen die Laufschuhe wie der Fixer das Besteck. Es sind fanatisierte Asketen auf der Jagd nach einem Sponsor. Sie grüßen gelegentlich mit leichtem Lüpfen des kleinen linken Fingers (wegen des Luftwiderstands) und irrem Blick. Bei ihnen hüpft wegen der windschlüpfrigen, viel zu kurzen Hose nichts, außer das Herz und das meist arhythmisch. Die Ärsche schließlich haben einen solchen, weil sie nur im Urlaub joggen und natürlich gleichzeitig zur Freude der französischen Küche Diät machen, denn Urlaub ist Strafe. Sie schwitzen nicht, sie dünsten schrecklich aus und gucken beim Grüßen schamhaft weg. Ihr Hoppelhasenstil demotiviert jeden potentiellen Joggernachwuchs. Meist handelt es sich um sogenannte Führungskräfte der Wirtschaft oder Redakteurinnen von Frauenzeitschriften.

Wenn das Jogging wieder so langweilig wird wie unser alter Dauerlauf, erklären sie das Sackhüpfen zum „Bagging“, was den Vorteil hat, dass man mit seinem „Bag“, der dann natürlich kein Kartoffelsack mehr ist, sondern eine von Armani gestylte Umhüllung mit Nike-Logo, gleich zum Shopping hüpfen kann.

Ich aber laufe unbekümmert in Capri-Stimmung, denn die rote Feuersonne steigt aus dem Meer gleich hinter dem Künstlerort Collioure, und der Vollmond hängt noch über den dunklen Albères. Die Palmen rauschen in der Morgenbrise – und ich trete in reichlich Hundescheiße.

So ist das mit der Euphorie, lieber Eduard!

Crottaille, im Februar 1994

Lieber Eduard,

ihr habt ein gut funktionierendes Klo, und wir haben eine „Fuite“. Eine „Fuite“ ist ein Wasserrohrbruch mit Charakter. Unser war nicht zu bremsen.

Schon sah ich einen schnuckeligen Stalaktit im Badezimmer wachsen, aber dann kam Monsieur Leveugle, der Meister aller Rohre. Monsieur Leveugle hat eine glänzend braune Haut, als sei er durch eine Autowaschstraße mit Wachszusatz stolziert und musterte Simone wie ein gerade resozialisierter Triebtäter. Mich ignorierte er. Meister Leveugle spielt Rugby. Das ist ein Männermannschaftssport, bei dem sich einer auf einen eiähnlichen Gegenstand legt und die anderen darüber. Diese Tatsache und der Triebtäterblick hätten mich warnen müssen, aber es gab keinen anderen Installateur am Ort.

„Quelle catastrophe, Madame“, sagte Leveugle mitfühlend und guckte Simone in Augen und Ausschnitt, „welch‘ veritable Scheiße.“ Dann senkte er den Blick, sein gestählter Körper sackte zusammen, sodass ich schon fürchtete, das Rugbyei werde herausfallen, und verkündete mit belegter Stimme Diagnose und Therapie zugleich: „Keine Chance, Madame, wir müssen alles rausreißen, von oben bis unten, von unten bis oben. Wir müssen das Übel an der Wurzel packen!“ Dabei kratzte er sich intensiv zwischen den Oberschenkeln. „Alles ist morsch und verrottet. Jeden Moment kann die „Fuite“ an anderer Stelle durchbrechen. Madame, es ist wie das Leben auf einem Vulkan.“ So viel freie Prosa hätte ich dem Schönling gar nicht zugetraut.

So träumten wir von einem romantischen Wochenende ohne Waschen und mit Notdurft im Garten, bis der Nachbarsohn vorbeischlenderte und fragte, ob er vielleicht helfen könne, denn er hätte viel in der alten Villa, er sagte tatsächlich Villa zur Ruine, gearbeitet, würde also die ganzen Eigenheiten und Macken kennen. Uns erschien dieses Faktotum vom Himmel geschickt, zumal Monsieur Peyras eigentlich alles konnte.

Leider sei er mal vom Gerüst gefallen, erzählte er, und arbeitete seitdem bei der Stadt. So wie er aussah, muss ihn wohl jemand gestoßen haben. Zumindest war er nicht auf seinem überdimensionalen Riechkolben gelandet, denn jetzt schnüffelte er erregt wie ein Trüffelhund, wobei er von seinen Wundertaten in der alten Villa berichtete, die ohne ihn längst nicht mehr wäre. Dann gebot er plötzlich mit herrischer Gebärde Ruhe, atmete zweimal ganz tief ein, zeigte an die feuchte Decke und flüsterte feierlich ergriffen: „Klo oben!“. Also doch veritable Scheiße. Das Klo oben wurde abgestellt und das köstliche Nass konnte wieder im Rest des Hauses fließen. Aus der Traum vom romantischen Wochenende ohne Waschen und mit Notdurft im Garten.

Die Maler haben oben angefangen. Der Kleinste ist Portugiese und singt ständig mit vollem Herzen und leerer Stimme. Ob er auch malt, weiß ich nicht. Der andere ist Gallier mit Gauloise. Seine Lunge muss schwärzer sein als Schirinowkis Seele. Ich habe ihn malen gesehen. Der dritte sieht aus wie ein Vorstadtgigolo und scheint beim Streichen Sinnliches zu empfinden. Er streicht ständig.

Der Elektriker hat einen unaussprechlichen Namen und kommt aus Paris, weshalb man ihn nicht versteht. Das ist auch gut so, denn er redet ständig und laut. Dabei tänzelt er verzückt und fasst sich in die Trainingshose, als vermute er da eine Stromquelle. Sein Sohn sucht gerne mal den Kleinlaster auf. Vielleicht hat er da ein Mädchen drin oder eine Flasche Wein. Der Dritte im Bunde ist Katalane. Der rollt das „r“ und denkt ans Mittagessen. Dieses Trio macht eine Menge Löcher in die Wände, aus denen bunte Drähte hängen, und behauptet ständig „pas de problème, alles kein Problem“, auch wenn man gar nicht fragt. Die Sicherung fliegt nach wie vor raus, was die Burschen nicht stört, denn wenn es dunkel wird, gehen sie nach Hause.

Monsieur Chapuis war der einzige Fernsehinstallateur am Ort. Er sieht aus wie ein Professor für Nuklearphysik mit seiner weißen Mähne, der hohen Stirn (wegen der Speicherkapazität), den strahlenden Augen (wegen der Radioaktivität) und den schlechten Zähnen (wegen der kurzen Halbwertszeit). Mit einem Kompass bewaffnet wieselt er ums Haus, entert todesmutig seine Feuerwehrleiter en miniature und befestigt den Parabolspiegel dort, wo er am meisten stört. Einwände lässt er nicht gelten. Fernsehen oder Ästhetik. Beides geht nicht! Da muss man ihm recht geben. Oder?

Ein Maurer kommt auch. Er hat eine fast schon blendende rote Nase und lustige Schweinsäuglein. Morgen fährt er nach Cognac, aber nicht wegen des gleichnamigen Getränkes, wie er scheinheilig versichert, sondern wegen einer entfernten Kusine. Ich fürchte, wir sehen ihn nie wieder.

So viele Frohnaturen hält kein Mensch aus. Deshalb flüchten wir in ein schnuckeliges Dörfchen gleich um die Ecke, das mit seinen kleinen Häusern direkt am Strand eigentlich nur im Sommer lebt und jetzt wunderschön ruhig und entspannend ist.

Hier geht dann der immer grobkörniger werdende Sandstrand in die Felsenküste über, mit bei den Fischern und Tauchern so beliebten Buchten, eingerahmt von schmalen Sand- und Steinstränden, wo Muscheln, Seeigel und kleine Fische leben, die wir interessiert betrachten, während die Franzosen sie verspeisen. Und damit sind wir beim Thema, diesem urfranzösischen Thema, dem Hauptthema, vor dem es kein Entrinnen gibt: das Essen.

Die Franzosen haben irgendwie ein anderes Verhältnis zur Natur. Sie empfinden sie weniger philosophisch oder neuerdings auch politisch als wir. Sie sehen in ihr, so fürchte ich, eher einen göttlichen Lebensmittelladen. So meint man manchmal, zweibeinigen Trüffelschweinen zu begegnen, so konzentriert bewegen sie sich durch die Landschaft. Dann plötzlich ein kurzer Griff in das Wasser, ein leichtes Knacken und genüsslich wird der rohe Seeigel ausgeschlürft. O köstliche Natur! Das Schmatzen beweist es und alles kostenlos.

Ihre Sinnesorgane wie Nase, Zunge und Gaumen scheinen ausgeprägter entwickelt zu sein. Aber auch die Ohren, denn was der Gaumen gekostet, die Zunge umschmeichelt und die Nase betört, wird prosaisch umgesetzt, was wiederum das Ohr entzückt, dessen verständliche Erregung an die vorgenannten Organe zurückgelenkt wird. Man nennt das kulinarische Rückkopplung oder einfacher: „Genieße und sprich davon!“

Wichtigstes Sinnesorgan aber ist die Gurgel, „la gorge“, und so sagen sie „arroser la gorge“ als handele es sich beim Trinken um das Benetzen auserwählter Rosen. Tatsächlich bietet diese „gorge“ einen faszinierenden Facettenreichtum uns unbekannter Parfums, Unterparfums und Nebenparfums im Zusammenspiel mit der Nase, die durch die ganze Anstrengung und dauernde Erregung schamhaft rot geworden ist. Bei Einsatz der „gorge“ fällt die Prosa weg und wird durch ein mehr oder minder intensives Leuchten der Augen ersetzt, quasi als Qualitätsprüfung auf Video, denn beim Schlucken schweigt selbst der Südfranzose.

Und so findet oben das große Fest statt, das dann unten zur Vollendung gerät – und damit ist keinesfalls der Darm gemeint. Ganz entspannt legt man den Sinnesschwerpunkt wieder nach oben, womit der neue Kreislauf beginnen kann. Derweil denkt der Deutsche an Mülltrennung.

Dann kam die Sache mit dem Fenster. „Das Fenster ist weg“, schrie Simone verzweifelt, „das verdammte Fenster ist weg.“ Dieser schrille Schrei traf mich wie ein Infarkt. Jetzt ist es soweit, durchzuckte es mich, jetzt ist sie durchgedreht. Vor meinem geistigen Auge sah ich, wie sich die schwer vergitterten Tore der Psychiatrie hinter ihr schlossen. Und ich mit zwei unmündigen Kindern als alleinerziehender Vater im fremden Land in dieser Bruchbude, wo ich Dosengerichte aufwärmte und Wäsche aufhing, um dann am Sonntag die Mutter mit gekauftem Kuchen in der Heilanstalt zu besuchen. Es war doch wohl alles zu viel für sie gewesen. „Ich werd‘ verrückt“, stieß Simone gepresst hervor, „hier draußen ist ein kleines Fenster und drinnen sind zwei große.“

Reichlich irritiert suchte ich von innen den von ihr fixierten Punkt. Ich gelangte durch einen Flur mit vielen Farbeimern in eine Abstellkammer, die mit alten Koffern gefüllt war. Von da erreichte ich die Küche, aus deren Abzug sich das Bratenfett auf die Tapete ergossen hatte und stark an menschlichen Auswurf nach Omelettegenuss erinnerte. In der Küche war das Werkzeug vom Installateur verstreut. Von hier ging es durch das Treppenhaus in einen mit Umzugskartons vollgestopften Salon, von wo ich über die Kartons in die Kammer robbte. Tatsächlich, da waren zwei große Fenster. Da war noch mehr. Da musste früher mal ein wunderschöner Wintergarten gewesen sein. Aber der Besitzer hatte einfach eine Wand durchgezogen, ein kleines Fenster gelassen und den Rest mitsamt den Fensterläden eingemauert. Über seinen Geisteszustand mochten wir nicht spekulieren, denn der Preis für die Villa Schrott war, na sagen wir mal, entgegenkommend. Erleichtert atmete ich auf. Keine Heilanstalt, kein gekaufter Kuchen. Wir würden wieder einen Wintergarten daraus machen, aber erst wenn der Installateur, die Maler, die Gipser, die Maurer und die Elektriker bezahlt worden waren, d.h. der potentielle Wintergarten würde noch so manchen Winter erleben, ohne einer zu sein.

Aber wer nicht mehr staunen kann, ist sozusagen tot, soll Einstein gesagt haben.1

1 zitiert in Schneider, Wolf: Die Sieger, München 1996, S.176

Crottaille, im Januar 1995

Lieber Eduard,

die Liebe ist nun mal, wie bereits der alte Michel de Montaigne erkannt hat, „ein aufflackerndes und flüchtiges Feuer, unstet und veränderlich, eine Fieberhitze, die bald steigt, bald fällt, und die uns nur bei einem Zipfel hält.“2 Auch ich habe lange kein Fieber gehabt, und am Zipfel bin ich schon gar nicht gehalten worden. Aber das liegt nicht an Simone, sondern am Hund.

Selbiger wurde zur Nachimpfung zum Tierarzt getragen. Miss Molly lässt sich gerne tragen. Der Doktor hat einen Mastino Napoletano, das ist viel Hund an einem Stück. Der braucht das ganze Wartezimmer und sieht aus wie ein amnestierter Massenmörder. Ich nehme an, der Doktor ist Junggeselle.

Miss Molly löst weiter und ich kriege Auflösungserscheinungen, wenn die Damen süßlich von einer „Törtchennacht“ sprechen, während ich die Tretminen entschärfe. An einem stürmischen Tag werde ich Miss Molly bei Wind aus dem Norden heimlich an einen Heißluftballon hängen und über die Pyrenäen schicken. Dann kann sie Andalusien aus der Luft düngen.

Apropos Pyrenäen. Die baden hier bei uns im Mittelmeer. In der Ferne leuchtet der meist bis in den Juni schneebedeckte Canigou (2.784 m), der heilige Berg der Katalanen, der herausgelöst aus dem ganzen Hochgebirgsmassiv eine eindrucksvolle Einzelsilhouette bildet. Von seinen Gletschern kommt nachts der Tramontane, der kalte Gebirgswind, und fährt dir in die Pyjamahose. Aber er bläst auch die Wolken weg, sodass wir angeblich auf 300 Sonnentage im Jahr kommen.

Dann besucht uns die erste Hummel in diesem Jahr, und wir wissen, jetzt geht es aufwärts. Vor lauter Glücksgefühl steige ich zum Tour de la Massane herauf, einem alten Steinturm, von dem man nicht so genau weiß, haben ihn die Araber errichtet oder erst später die Könige von Mallorca. Er ist Teil eines ausgeklügelten Nachrichtensystems, das sich entlang der Grenze bis weit ins Innere hinzieht und bietet einen atemberaubenden Blick auf das Mittelmeer, die Felsenküste runter bis Spanien, den Canigou und die Künstlerstadt Collioure.

Zuhause aber kämpft die Pubertät heftig gegen das Klimakterium, Tochter und Mutter liegen im Clinch, und ich gucke begeistert zu, weil man da viel lernen kann.

Ich führe derweilen Miss Molly aus. Gelegentlich ist Miss Molly läufig oder „heiß“. Dann nennen die Kinder sie „Hotdog“, und es kann passieren, dass Miss Molly beim Anblick eines erigierten Hundegliedes, und sei es noch so klein, die Flucht ergreift. Außerdem schnüffelt sie in den Exkrementen ihrer näheren und weiteren Verwandtschaft, wobei sie in einigen Fällen Kostproben zu entnehmen scheint, was auf einen ausgeprägten Gemeinsinn schließen lässt, aber zu starkem Mundgeruch führt.

Dabei gibt es hier einen Einheitsmundgeruch. Der kommt nicht von der Zahnpasta, sondern vom Knoblauch. Knoblauch senkt in hohen Dosen zwar den Cholesterinspiegel und tötet gewisse Bakterien und Pilze, aber deine Arterienverkalkung verhindert er nicht. Entgegen aller wissenschaftlichen Erkenntnis spürt aber der, der eine ländliche Aioli aus Knoblauch und Olivenöl in Katalonien, Süd oder Nord, überlebt hat, dass ihn diese gleichermaßen von der Karies und dem Fußpilz befreit. Vom Wahnsinn und der Impotenz sowieso, wie die alten Griechen und Römer meinten, wobei zur Heilung der Impotenz der gemeinsame Genuss unbedingte Voraussetzung ist, ansonsten ist der Wahnsinn vorprogrammiert.

Dann verkündet Emma, dass sie am „Karl Freitag“ frei hat. Auf die Frage, wer denn dieser Karl Freitag sei, meint Emma, nun schon seit ein paar Wochen französisch erzogen, es müsse sich wohl um einen Resistancekämpfer handeln, womit sie ja gar nicht so unrecht hat, oder war Jesus etwa keiner?

Was haben wir malocht, um die Ferienwohnung termingerecht hinzukriegen. Nach dem Wasserrohrbruch hatten wir hoffnungsvoll eine Annonce in den Reiseteil einer deutschen, überregionalen Zeitung gesetzt, die eine unerwartete Resonanz hatte.

Und dann, lieber Eduard, kamen sie, die ersten Gäste. Vor dem Haus hielt ein großer, alter Volvo. Die darin sitzende Dame war nett anzuschauen, wenn man bemalte Puppengesichter mochte, bis sie sich aus der schwedengestählten Wagentür wälzte. Sie als barock zu bezeichnen, wäre ein Akt der Höflichkeit gewesen. Als Walküre konnte man sie auch nicht beschreiben, denn dazu fehlte es ihr an Größe. Diese Größe oder besser diese Länge aber hatte ihr Gatte, der aussah, als müsse er ihr immer die Hälfte seiner Portion abgeben. Dieser Gatte gehörte zu den Typen, die immer lächeln, auch wenn ihnen jemand auf die Schuhe pinkelt. Sein matter, feuchter Händedruck erinnerte an Speisequark. Lächelnd wie ein tiefgekühlter Japaner wieselte er um sein Gefährt, während die Dame Konversation machte, wobei ihre Sprachgeschwindigkeit von Rekord zu Rekord eilte, als hätte sie letztes Jahr Redeverbot gehabt. Nach eineinhalb Minuten war sie bei ihrer Pubertätsphase angelangt. Es muss eine sorglose Jugend gewesen sein.

Ihr wogender Busen war noch gewaltiger als ihr Redefluss.

Aber sie hatten ein märchenhaftes, kleines Geschöpf von etwa vier Jahren, die herrlich erfrischend aus dem dunklen Fond des Wagens krächzte, als hätte sie gerade eine saftige Tonsillitis hinter sich. Mit einem Blick auf die Eltern muss es sich um ein Adoptivkind oder eine Mutation gehandelt haben. Das schöne Kind hörte auf einen unaussprechlichen, fremdländischen Namen, der vielleicht aus irgendeiner misslungenen nordischen Saga stammte. Eines Tages würde sie ihre Eltern dafür hassen.

Inzwischen hatte sich die kleine Blonde nach vorne gearbeitet. Offensichtlich war sie etwas antiautoritär erzogen, denn sie hatte sich ihres Höschens entledigt und spielte konzentriert mit ihrem Pipi, wobei sie fröhlich „Möse, Möse“ krähte, was der massigen Mutter ein perliges Lachen entlockte und sie glücklich schnurren ließ: „Aber, aber ...“ und dann folgte wieder dieser unaussprechliche fremdländische Name. Ich fürchtete schon, die schnurrende Mutter könnte es ihrer Tochter gleichtun, und entfernte mich, indem ich dezent auf mein gigantisches Arbeitspensum hinwies.

Herr Dr. Langer, der als Philologe wohl mit einer Doktorarbeit über die Lust des Lispelns promoviert hatte, bekleidete dann die kleine nordische Sagendame wieder mit ihrem nicht ganz makellosen Höschen, worauf diese sich herzlich mit „Miss Molly“ anfreundete, um analytisch klar zu konstatieren: “Is Frau, nich Mann, fehlt Pimmel.“ Herr Doktor ließ die Reisetasche fallen, Frau Langer lachte wieder satt perlend, und „Miss Molly“ ließ vor lauter Begeisterung eine ihrer gefürchteten gasförmigen Darmentladungen ins All.

Jetzt wurde die Ferienwohnung eingeräumt, d.h. Herr Dr. Langer schleppte unzählige schwere Kunststoffkoffer, während sich Madame auf die frischgestrichene Gartenbank setzte. Das war eigentlich kein Setzen, das war mehr ein Fließen mit der Eleganz von Tubenmayonnaise auf hartgekochtem Ei. Mir blieb nur zu beten, dass die Farbe schon trocken war. Vom leicht belegten Küchenfenster sah ich, wie Frau Langer ihre überraschend schlanken Fesseln auf die Bank hob, dabei ihr Kleid, besser ihre Umhüllung, kurz lüpfte und eine Stellung einnahm, wie wir sie von den Gemälden der königlichen Mätressen des 18.Jahrhunderts kennen. Bei diesem wahrlich majestätischen Anblick schien mir etwas in Bewegung zu geraten, kaum wahrnehmbar, aber doch deutlich genug. Aufreizend langsam senkte sich die weiße Bank, die eigentlich als Küchensitzecke auf festen Fliesen gedacht war, aber so malerisch unter die Palme passte, in den feuchten Boden und mit ihr die noch immer plappernde Frau Langer, bis die Querstreben die Talfahrt stoppten, ohne zu bersten.

Die Vermietung ließ sich also ganz gut an, zumal die kleine Blonde mit dem perversen Namen sich inzwischen wieder ihres Höschens entledigt hatte, was „Miss Molly“ zu intensiven Nachforschungen veranlasste, schnuppert sie doch je nach Körperpflege status intensiv an der Region, in der die Dichter fälschlicherweise das Herz vermuten.

Der Strand ist das Niemandsland zwischen Meer und Erde. Hier tummeln sich Tiere, Menschen und Menschenähnliche. Bei den Tieren gibt es zunächst die Hunde. Diese müssen an der Leine geführt werden und dürfen nicht baden, weil sie nicht wie der Mensch wissen, dass man nicht ins Meer pinkelt. Deshalb legen sie ihre Tretminen in den Sand. So hat mancher schon braune Füße, obwohl der Restkörper noch schüchtern rötlich leuchtet. Es gibt auch viele Spatzen, die heiter aber hinterlistig sind, indem sie die von den Badegästen reichlich dargebotenen Baguettekrümel als Stoffwechselprodukt wieder auf diese herabrieseln lassen.

Dasselbe Verhalten demonstrieren in noch größerem Ausmaß die Möwen, die wie Kampfbomber nach oben ziehen, aber nach unten fallen lassen, sodass es zu einem Klatscheffekt auf Autoscheiben und Karosserie kommt. Prompt erklärt ein Scherzkeks, das bringe Glück, und schon zieren diese Kunstwerke das Gefährt so lange wie möglich, außer bei uns Deutschen, da nur bis zum nächsten Samstag.

Selbst in der Hochsaison sind die Strände bis zehn Uhr kaum belegt. So tummeln wir uns bereits am Strand, wenn die Sportlichen kommen, um vor dem Frühstück kurz einzutauchen, gefolgt von den Sonnenanbetern, die täglich ihre Strahlendosis absorbieren, manchmal auch mehr, was unseren Hausarzt freut.

Dann erscheinen die Familien mit dem großen Gummikrokodil, den Eimerchen, den Plastikstühlen für Vati und Mutti, den Badetüchern, dem Beachballspiel mit fehlendem Ball, den sich verhärtenden Badetüchern, dem Wechselbadeanzug und der Sporthose für Vati, die aber nicht mehr passt, da er schon längere Zeit kein Beachball mehr gespielt hat, weil doch der Ball fehlt, und Mutti immer vergisst, einen zu kaufen, der Illustrierten für Mutti und der Zeitung für Vati, der Pumpe für das Krokodil, dem Kosmetikbeutel für Mutti, den bereits frankierten Postkarten, die auch heute nicht geschrieben werden, der großen Flasche Sonnenöl, das nach Kokosnuss riecht, und dem Bademantel zum Umziehen, der aussieht wir der Teppichboden bei Oma. Wenn die auspacken, packen wir ein.

Einpacken muss ich auch, wenn die frechen zierlichen Französinnen kommen, ihre kecken, kleinen Brüstchen wippen lassen und ich die Brille aufsetze. Ich denke über Kontaktlinsen nach.

Für Emma trifft schon der erste Liebesbrief ein, was auf eine erfolgreiche Integration schließen lässt: „Je t’aime. Ton Christoph.“ Ich werde mir Christoph etwas näher anschauen müssen. Aber statt dem Christopherus nun zu antworten, haut sie abends ihrer großen Schwester knochentrocken, aber heißen Blutes eine auf die Nase, was die Familienatmosphäre ungeheuer fördert.

Frankreich feiert seinen Nationalfeiertag, den Sturm auf die Bastille am 14.07.1789, der gar kein Sturm war, aber den „Helden“ noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts eine Ehrenpension bescherte. So lob ich mir Geschichte. Auf den Champs Elysées paradiert die Armee. Zum ersten Mal sind auch deutsche Soldaten dabei, was historisch beachtlich ist. Wie schön, dass sie in Paris sind. In Deutschland würden die Autonomen sie mit stützefinanzierten Bierdosen bewerfen. Auch in Crottaille defiliert man. Die Mütter strecken die Brust, die Väter den Bauch raus, und die Kleinen schwenken die Trikolore. Die Veteranen stolpern mit der Fahne voraus. Die Anzugsordnung der Bürger ist eher praktisch ausgerichtet bei dieser Hitze. Er in Unterhemd und Hosenträgern, sie schulterfrei. Da aber auch ein alternder Busen den Gravitationsgesetzen folgt, ist sie gezwungen, das, was sie ziert oder sagen wir zierte, wieder hochzuschieben. Das Volk klatscht Beifall, und ich klatsche dem Volk.

Dann hat uns der Alltag wieder. Ich kommuniziere seit einer Weile mit dem Finanzamt in Deutschland, d.h. ich versuche es erfolglos, weil das Finanzamt nicht begreifen will, dass zur Kommunikation mindestens zwei gehören. Es ist beeindruckend, wie viele hochbesoldete Beamte einem mitteilen, dass sie nicht zuständig sind, was wiederum Zustände verursacht. Ich schreibe in meiner Verzweiflung an das Nachrichtenmagazin „Frontal“, das sich gern mit Verwaltungskomödien schmückt, mit einer „Mehrfertigung“ an das Finanzamt. Schon ruft ein höherer finanzamtlicher Herr an, sagt etwas von Lähmung des Verwaltungsaktes (jede Lähmung des Aktes stimmt traurig) und erteilt mir Absolution. Jetzt bin ich wieder da, wo ich vor sechs Monaten sowieso hingehört hätte, und „Frontal“ hat noch gar nicht geantwortet, geschweige denn gesendet. Oh Medien, seid gesegnet, auch wenn ich euch zuweilen verfluche.

Dann müssen wir zur Direction Régionale de l’Industrie, de la Recherche et de l’Environnement nach Rivesaltes, zu deutsch TÜV. Das ist so was wie das zweite Staatsexamen für das Auto. Hier entscheidet sich, ob unser alter VW würdig ist, eine französische Nummer zu tragen. Natürlich sind wir nervös. Unser Auto ist gewienert und gewachst. Nach längerer Warteschleife schlurft ein von der Natur benachteiligter Typ heran, überprüft die Plakette im Motorraum, zieht an meinem Sicherheitsgurt und fragt, wie sich denn die Kinder in der Schule machen. Dann überreicht er uns das Dokument. Wahrscheinlich ist das beim zweiten Staatsexamen ähnlich.

Erst jetzt dürfen wir die französischen Nummernschilder anlegen. Die sind vorne weiß und hinten gelb; bisschen Chic muss sein. Aber der Katalanenschädel in der Werkstatt rät zu den alten schwarzen, weil man die bei der Radarkontrolle nicht so gut sieht. Auf was man alles achten muss.

Doch dann erwischt mich eine Grippe. Ich bin richtig krank, im Gegensatz zu den Franzosen, die nicht krank werden. Sie haben Krisen. Deshalb haben sie auch keinen ordinären Kater, wenn sie voll wie ein Ei („plein comme un oeuf“) waren, sondern eine Leberkrise („crise au foie“). Aber keine Panik. Mit einer Zirrhose hat das nichts zu tun. Unter leichtem Aufstoßen gesteht der Sünder mit gesenktem Blick, dass er sich bei der „paté au thon et aux anchois“ vielleicht doch hätte zurückhalten sollen und vielleicht auch noch können, denn er sei eigentlich Willensmensch, aber bei der „sauce toulonnaise aux truffes“, dieser getrüffelten Rotweinsauce, da sei es einfach geschehen. Dabei hält er sich den Bauch und schnalzt deprimiert mit der schweren Zunge an seine eingeschlafenen Geschmacksknospen, bis ein Lächeln seinen Schmerz kaschiert.

„Nein, auch beim Grand Vin de Château Latour, dem 90-iger wohlgemerkt, gab es kein Halten mehr“, gesteht er freizügig. „Der roch“, und hier beugt er sich vertraulich mit nicht ganz einwandfreiem Mundgeruch dem Hörer zu, „ja, der roch wie ...“ Er hält selig inne, verdreht die Augen wie ein orgiastischer Eisbär bis plötzlich das Sodbrennen sein Riechbild zerstört. Wir werden nie erfahren wie der Château Latour roch, denn jetzt ist seine „crise au foie“ mit voller Gewalt ausgebrochen, ihm ist schlecht, pardon, er hat Herzleid („mal au coeur“), worunter wir etwas ganz anderes verstehen. Außerdem hat er einen gepflegten Kater, eine „Gueule de Bois“, weil sein Maul sich so holzig anfühlt. Das kürzt er mit „GB“ ab, was dem Nationalitätenkennzeichen eines außerkontinentalen, ehemaligen europäischen Mitgliedstaates der Europäischen Union und seiner Meinung über dessen Bewohner entspricht. Der 100-jährige Krieg muss tief sitzen. Da könnte man doch glatt eine „crise cardiaque“ kriegen, aber das ist ein Herzinfarkt, und da hört der Spaß auf.

Zur Abwechselung machen wir einen Katzensprung in eine andere Welt, die uns karger und ärmlicher erscheint. Figueres, die Dali-Stadt, etwa 40 km hinter der Grenze. Da stehen lange Schlangen vor dem Dali-Museum, das uns schon äußerlich umhaut. Genie, Wahnsinniger oder Gaukler? Emma sagt, er hat ein Rad ab und sie Hunger.

Deshalb stärken wir uns ganz in der Nähe. Der Patron kommandiert wie einst Franco und spritzt auserwählten Gästen, zu denen auch ich gehöre, einen wider lichen süßen Aperitifwein in den Schlund. Ich trinke für Deutschland. Ob der Menge und der Länge erhalte ich Applaus, was meine Töchter schockt. Dann haut mir „el patròn“ anerkennend kräftig auf die Schulter und nimmt um die Ecke auf der Treppe Platz, wo er in Ermangelung eines Büros die Rechnungen schreibt, dieweil eine pralle Fröhliche Lutscher an alle verteilt. Gezahlt wird an der Treppe beim Patron, der mir auf Grund meiner Trinkleistung zuzwinkert, aber keinen Discount gewährt.

Dafür gibt es nebenan viele kleine Zinnsoldaten, vor allem deutsche Wehrmacht und sauber davon getrennt SS. Wenn das der Reemtsma wüsste! Vor allem, weil einen da auch der Herr Hitler grüßt, so wie es damals üblich war. Fairerweise steht Mister Churchill mit seiner Zigarre neben ihm. Das würde fast versöhnlich wirken, wenn sie nicht den forschen Duce Mussolini an seiner Seite platziert hätten. Aber von Franco keine Spur, denn die Schurken haben immer die anderen.

In Deutschland ist Weihnachten das Fest von Herz und Horten, für die Franzosen das von Gaumen, „gorge“ (= der Schlund) und Galle. Mit Sucht im Blick schleppen sie kistenweise die Austern ab, den Champagner unterm Arm. Über die öffentliche Lautsprecheranlage dudelt schreckliche Weihnachtsmusik, sodass man sich auf Ostern freut. Aber an der Kasse wartet alles geduldig, auch als die Kasse nicht mehr klingelt, weil sie wohl überfüttert wurde. Das wäre bei Horten anders. Hier lachen sie und schnüffeln wie läufige Hunde an ihren Austern.

Schwupp sind wir in Neuen Jahr. An Stelle von Vorsätzen wählte ich mir als Jahreslosung etwas Hochintellektuelles, das Friedrich der Große an Darget schrieb: „Mein Lieber, pissen Sie gut und seien Sie fröhlich; das ist alles, was Ihnen auf dieser Welt zu tun bleibt!“3 Damit hat der geniale Preuße praktisch die ganze Weltphilosophie in einem Satz zusammengefasst.

In diesem Sinne

Dein fröhlicher Pisser

2 Michel de Montaigne: Essais, Zürich 1953, S. 223

3 Oeuvres de Frédéric le Grand, Band 20, S. 47

Crottaille, im Dezember 1995

Lieber Eduard,

unsere Handwerker arbeiten etwas sehr individuell. Sie nehmen jeden Auftrag an und hetzen von Baustelle zu Baustelle, aus Angst sie könnten einen Auftrag verlieren. Heute lassen uns alle gemeinsam sitzen. Wir blicken über viel Werkzeug und noch mehr Unordnung und Dreck. Langsam haben wir das Berberdasein satt und träumen von der alten Zivilisation. So heben Simone und ich den Pokal, um unser Seelen leben zu ordnen. Leider heben wir zu oft, was eher wieder Unordnung schafft. So schleicht die Mutter am nächsten Tag mit reichlich Restpromille in einem nicht über alle Zweifel erhabenen, ehemals weißen Morgenmantel durch den Dschungelgarten, die Füße mit schlecht sitzenden Socken bedeckt, die einst mir zugerechnet wurden. Unter ständigen Beschwörungen zupft sie mal hier und rupft mal dort. Den Abfall überlässt sie erst den Fallgesetzen und dann mir. Aber sie hat einen grünen Daumen. Alles sprießt olympisch. Ich glaube, die Pflanzen haben Angst vor ihr.

Die Feigenknospen sind aufgesprungen, und die traurige Esche sprießt wieder kräftig. Aber auch die Läuse sind unter uns, d.h. auf Emmas Kopf, und morgen kontrolliert die Maîtresse, das ist das Fräulein Lehrerin und nicht die Bettschnecke des Oberstudiendirektors, also die Maîtresse kontrolliert „toutes les têtes“, alle Köpfe, was eine besonders schöne pädagogische Aufgabe ist. Da würde bei uns wohl die GEW kräftig protestieren. Hier geht es aber um den Kopf, und der Kopf ist eine Einheit, auch wenn die GEW das nicht glaubt, und zum Kopf gehören Haare (meistens jedenfalls), und in gesunde Haare gehören kräftige Läuse, aber nur kurz, dann kommt die Maîtresse und knackt sie. Emma aber heult. Sie hat Angst, die Maîtresse könnte eine bei ihr finden. Also sitzen Mutter und Tochter wie die Paviane unter der Palme, suchen und finden. Dann gibt es eine Kopfdusche für Emma, die so riecht, dass die Läuse husten müssen. Das erste Mal beneidet mich Emma um meine „Coco déplumé“, was eigentlich enthaarte Kokosnuss bedeutet, aber mehr den Zustand meines Haupthaares beschreibt.

Dann kommen wieder ein paar Handwerker und unsere englischen Freunde, die nicht so kommen, wie sie sollen, sondern wie sie können. Irgendwie sind sie in Barce lona hängen geblieben und treffen nächtens im Grenzort Cerbère ein. Die an der Steilküste gewundene Straße dahin ist auch oder gerade nachts wie ein Traum. Da blitzen die Lichter von Collioure, da leuchtet der Hafen von Port Vendres, einst wichtiger Anlaufpunkt für den Nordafrikaverkehr, da blinkt der Leuchtturm des Cap Béar, und ich schwimme mit Emma über diesem Lichtermeer. Die letzten Segler sind schemenhaft draußen zu erkennen. Im Licht der Scheinwerfer die knorrigen Weinreben, die sich in der Nacht verlieren. Über uns wie im Bilderbuch Sternenmeer und Mondsichel, bei der Emma bemerkt, sie möchte bei Halbmond nicht so gern Astronaut sein, weil man da so leicht runterfällt.

Unsere Engländer sind tatsächlich da. Sie sehen englisch aus, also anders, und sie sehen nicht nur so aus, sie sind es, was in diesem Fall ganz positiv gemeint ist, nämlich humorvoll, bescheiden und immer auf eine gesunde Distanz bedacht. Obwohl weit gereist bemerken sie angesichts unserer nächtlichen Küstenwunderwelt immerhin „how lovely“, d.h. sie sind ganz aus dem Häuschen. Mit Emma sprechen sie Französisch, was diese aber nicht als solches zu identifizieren vermag und sich halb totlacht. Nach der zweiten Flasche Rouge wird es intimer, und auf die Frage, wie er es sich denn leisten kann, sich schon mit 51 Jahren zur Ruhe zu setzen, antwortet er knapp: „One house, one car, one wife!“

Gemeinsam mit unseren Engländern durchstreifen wir die neue Heimat, von der auch sie ganz angetan sind. Natürlich geht es wieder nach Collioure, weil hier Matisse, Dufy und Juan Gris lebten. Sie kamen hierher wegen des Lichtes. Nirgends ist der Mittelmeerhimmel blauer als über Collioure, soll Matisse geäußert haben. Picasso, Braque, Chagall und viele andere fielen auch ein, gingen in die „Hostellerie des Templiers“ und gossen sich einen auf die Lampe, auf dass die Farben noch kräftiger wurden. Wegen ihrer grellen Farbgebung wurden sie ab 1905 die „Fauves“, die Wilden, genannt. Vielleicht haben sie sich auch nur in der Hostellerie vorbeibenommen. Jedenfalls hängen da immer noch tausende von Bildern, die die Wände und sogar das Treppenhaus des Hotels förmlich zupflastern. Die Kneipe ist urig, das Essen nicht so gut wie die Bilder, aber die Atmosphäre urgemütlich, weil hier die Alten Belote dreschen, eine Art Skat, und da zuzuschauen ist schöner als das Abendprogramm in der ersten Reihe. Auf der Strandpromenade sitzen die Nachfahren der „Fauves“. Sie haben das Hafenbecken mit der alten Wehrkirche schon so oft gemalt, dass sie es nächtens in den Sand pinkeln können.

Wir zeigen unseren Engländern das mittelalterliche Castelnou, in dem es keine Autos gibt, mit seiner fast 1000-jährigen Burg, ziehen im Regen weiter nach Illesur-Têt und bewundern die steilen Sandklippen Orgues d’Ille, die bezeugen, dass hier vor Millionen Jahren Meer war und führen sie auf die schaurige Katharerburg Peyrepertuse, die man erst bei genauerem Hinsehen wahrnimmt, so intensiv ist die Verbindung zwischen Berg und Menschenwerk. Die katholische Kirche hat hier keine sehr rühmliche Rolle gespielt. Aber das Erschreckende bleibt, dass die Inquisition vortrefflich funktioniert hat. Deshalb lebt sie bis heute, nicht nur in der katholischen Kirche, wo sie in Form des „Heiligen Offizium“ weiterbesteht.

Sie lebt, weil Dogma immer die Überzeugung des anderen ist. Und genau da beginnt die Teufelei. Den Teufel aber hat auch die Inquisition nicht erwischt.

Der gesenkte Blick des Franzosen hat nichts mit Unterwürfigkeit oder gar Demut zu tun, sondern mit, pardon, Hundescheiße, die der Franzose gerne mit „crotte“ verniedlicht, was aber an der Konsistenz nichts ändert. Dieses Stoffwechselprodukt ziert in ausreichenden Mengen die Trottoirs der „Grande Nation“. Deshalb braucht man solides, abwaschbares Schuhwerk und teppichfreie Zonen im Haus.

Nein, der Gallier ist nicht demütig. Denken wir an die Französische Revolution und den heldenhaften Sturm auf die Bastille, auch wenn es gar keiner war, denn Geschichte wird in Frankreich so empfunden, wie ihr nachträglicher Betrachter will, dass sie gewesen sei.4

Nun guckt der Franzose nicht nur gezwungenermaßen nach unten, sondern auch gerne weg, besonders wenn er einem die Vorfahrt genommen hat. So viel Rechthaberei widert ihn an. Mit seiner Geschichte hält er es ähnlich, weil nicht sein konnte, was nicht sein darf. Einer der größten historischen Weggucker war de Gaulle. Dieses Weggucken machte ihn frei für Visionen, und diese Visionen retteten Frankreich.

Nach oben guckt der Franzose als Laizist selten, es sein denn er hat Zucker im Urin.5 Lieber guckt er schon mal dezent in den Ausschnitt der Dame oder auf ihr hoffentlich pralles Hinterteil. Ansonsten nimmt er aus seiner Umgebung außer der Weinernte nicht allzu viel wahr. Doch zuweilen muss man einfach hingucken.

Als Hitler am 7. März 1936 (1936!) in das entmilitarisierte Rheinland einmarschierte, guckten die Franzosen gutnachbarlich weg. Dabei hätten sie damals dem Tyrannen problemlos auf die Finger klopfen können, was sie aber nicht wollten, weil sie den Tyrannen so wenig sahen wie die Deutschen auch. Hätten wir alle ein wenig schärfer geguckt, es wäre uns viel erspart geblieben.

Es geht also gar nicht so sehr um das Hin- oder Weggucken, sondern um den richtigen Zeitpunkt. Und den hat der Mensch bis heute nicht gefunden. Außer die Frauen, von denen Fontane sagt: Eine gute Frau muss die Augen immer aufhaben, aber sie muss sie auch zuzumachen verstehen, je nachdem. Sie muss alles sehen, aber sie muss nicht alles sehen wollen. Damit hätten wir die gelungene germanischgallische Synthese.

Dann kommt der 1. Mai mit kurzen Hosen und blanken Brüsten am Strand und der 8. Mai als 50-jähriger Tag der deutschen Kapitulation mit langen Hosen und Orden an der Brust. Ich hoffe, er ist der letzte, und putze mein altes Auto. Was soll ein Deutscher auch anderes am Kapitulationstag machen?

Jetzt sind sie wieder hier, diese Touristen mit weißer Haut und kurzen Hosen. Im Bikini gehen sie einkaufen und riechen schlecht. Je hässlicher desto offenherziger. Bei manchem Dekolleté kriegst du Sodbrennen. Die Pilsgeschwüre sind auch nicht schlecht. Sie zeugen von Wohlstand. Dann motzen die Dicken, weil es an der Kasse nicht wie zu Hause läuft, denn hier ist Einkaufen in erster Linie Kommunikation und nicht Logistik. Aber das begreifen die Dicken nicht. Die müssen an den Strand um zu bräunen. Bei dem Umfang hat die Sonne viel zu tun.

Auch ich entspanne mit Emma am Strand, wobei es sich um eine mehr spannende Entspannung handelt. Wegen ihres Schlauchbootes fahren wir mit dem Auto. Emma haut sich hin und liest Donald Duck. Ich hole das Schlauchboot und den Blasebalg aus dem Auto, blase mit dem Balg, bringe das Boot zu Wasser, ziehe selbiges in Ermangelung eines Motors durch die Fluten, während Emma „schneller“ schreit und sich bei mir die ersten Wadenkrämpfe ankündigen.

Dann will sie wieder Donald Duck, schneuzt in mein Taschentuch und fragt, ob England in Europa liegt (eine sehr spitzfindige Frage, finde ich) und ob Tintenfische beißen. Natürlich beißen Tintenfische, sage ich, Tintenpisser tun’s doch auch.

Zu Hause liegt ein Brief mit einer sehr hübschen Briefmarke, überschrieben mit 1944–1994 Hommage aux Libérateurs. Sie zeigt einen Panzer mit jubelnden Befreiern und die Flaggen der siegreichen Westalliierten. Der Brief ist von französischen Finanzamt und soll mir wohl Angst machen. Und schon geht plötzlich im ganzen Département das Licht aus und der klare Sternenhimmel an. Das sind nie geschaute Welten. Die Milchstraßen klar erkennbar, die Sterne deutlich zum Greifen nahe. Wahnsinnig ist das, und du so klein, dass du dich gar nicht mehr wahrnimmst. Man sollte ab und zu den Strom ausschalten. Es spart Geld und fördert die Einsicht.

Simones Geburtstag verbringen wir in Barcelona. Barcelona ist ein Geschenk. Barcelona sprudelt und bebt. Barcelona reißt dich mit. Wir schlendern über die Rambla, die belebteste und berühmteste Straße Barcelonas. Unter den riesigen Platanendächern Blumenverkäufer, Vogelhändler und Stillebenkünstler, die man kitzeln möchte. Getragene russische Weisen erklingen. Amerikanische Militärpolizei vom nahen Flugzeugträger patrouilliert an den Balalaikaspielern vorbei, die dabei noch trauriger zu singen scheinen. Nein, russische Seele passt hier nicht, obwohl sie wunderschön spielen und singen, und Militärpolizei auch nicht, denn die Rambla ist ständiges Theater mit möglichst fröhlichen Einlagen. Man ist laut, nicht sehr fein, aber für diesen Moment glücklich. Die Menge schwemmt uns in die Markthalle San José. Die kunstvoll gestapelten Auslagen sind ein Gemälde, denn der Spanier ist Augen mensch, sagt Ortega. Riechmensch ist er wahrscheinlich nicht. Es riecht etwas aufdringlich. Aber das nimmt man beim Anblick all dieser interessanten Typen, von der Marktfrau bis zur Nutte, von der Gnädigen, die noch ein Dienstmädchen zum Tragen im Gefolge hat, bis zur Nonne, gar nicht mehr wahr. James A. Michener behauptet in seinem Werk „Iberia – Reisen und Gedanken“, dass eine Spanienreise mit Barcelona zu beschließen ist, weil es nach Barcelona keine Höhepunkte mehr gibt.6

Hier streiken die Lehrer zur Freude der Schüler, und wir fahren in Richtung Foix, weil dort Gaston III Phoebus im 14. Jh. lebte, der in einem Wutanfall seinen einzigen Sohn erschlug. Da auch ich zum Jähzorn neige, will ich diese Geschichte gerne vor Ort loswerden. Aber mein Publikum nimmt mich nicht ernst. Auch meine Ausführungen über die Katharer im allgemeinen finden nicht das Interesse, das die Katharer verdient hätten.

Dass selbst die Schwester des Grafen Raymond-Roger, Esclarmonde, eine Eingeweihte war, stößt lediglich auf andeutungsweises Nicken und die Frage nach dem nächsten WC. Wenigstens hätte doch dieser schöne Name, Esclarmonde, bei meinen Damen etwas auslösen müssen. So zog ich dann mit meiner Damenriege genauso erfolglos wie Simon de Montfort, der in den Kreuzzügen gegen die Katharer die auf einem 60 m hohen Felsen liegende Burg viermal belagert hatte, wieder ab.

Wolkenloser, blauer Himmel und die Berge im Dunst. Das bedeutet, dass wir Weihnachten wieder draußen sitzen, was uns etwas irritiert. Man könnte es für Fotomontage halten, aber der Vollmond steht morgens am dunkelblauen Himmel und regiert noch die Nacht, als sich schüchtern über der Küste die Sonne erhebt und mit ihren ersten Strahlen den tief verschneiten Canigou zart rosa erhellt, während die Ebene im Dunkeln bleibt. Das klingt genauso kitschig wie es aussieht. Dann kommt ein wilder Tramontane, der bizarre Wolkengebilde an den Himmel wirft und das Baguette abklappen lässt.

Das ist der Moment, in dem die Einheimischen überlegen, ob sie nicht doch einen Wintermantel kaufen sollten. Aber dann schläft der Wind ein, und es bleibt bei der Strickjacke. Schläft der Wind ein, kommt der Regen, und ohne Sonne wirkt der Midi auch nur wie eine spröde Schöne mit Akne.

Du fragst mich nach dem Pensionierungsschock, lieber Eduard. Es gibt ihn, auch wenn Du das nicht glaubst. Er trifft nicht nur den Fachidioten, der mit dem Ausscheiden nicht mehr weiß, was er mit sich anfangen soll, nicht nur das autoritäre Arschloch, das jetzt seine Familie malträtiert, er trifft jeden und meist da, wo Du es nicht vermutest. Das ist eigentlich auch ganz natürlich, denn fast jeder Mensch erreicht eine gewisse Sicherheit im beruflichen Umfeld, die Gelassenheit zulässt. Man spricht von Durchblick. Jetzt aber betrittst Du eine neue Bühne und weißt nicht, was auf dem Spielplan steht.

Aber es kommt noch schlimmer in Form eines atavistischen Phänomens. Der Jäger verlässt morgens nicht mehr die Höhle, um Beute zu machen. Er bleibt am Feuer hocken, doch hier herrscht das Weib. Er domestiziert, d.h. er mutiert vom „pater familias“ zum Faktotum. Habe ich das nicht schön gesagt, Eduard?

In diesem Sinne

Dein Faktotum

4 Hermann Eich: Die misshandelte Geschichte, München 1986

5 Ein wenig mehr Zucker im Urin, und der Freigeist geht in die Messe. – La Bruyère

6 Michener, James A.: Iberia, München 1969

Crottaille, im September 1996

Lieber Eduard,

am Pfingstmontag sitzen wir bei unserem Hausarzt und seiner Großfamilie unter dem mächtigen, noch zartgrünen Walnussbaum. Es beginnt locker mit einem Apéro und Oliven, die an sich schon ausreichende Themen sind. Die Südfranzosen haben die seltene Gabe, sich endlos über den Geschmack einer Olive oder des Tischweins auszulassen und verbinden das gekonnt mit Erlebnissen aller Art. „Kannst Du Dich noch an diesen feinen, nussigen Geschmack der dunklen Oliven damals in Port Vendres erinnern, Jacques, und an die Blonde, die sie servierte? War die eigentlich naturblond, Jacques? Du warst doch hinterher mit der verschwunden, und ich Arsch habe die ganze Zeit am Kai auf Dich gewartet, Salaud!“ Da sich seine Frau den Gesprächspartnern langsam nähert, zieht es Jacques vor, sich auf das Thema Oliven zu konzentrieren. Aber bei den Tapas, die man am besten mit „kleine Schweinereien“ übersetzt, und zu denen er einen schweren Roten von den steilen Hängen an der Küste trinkt, flüstert er später verklärt seinem Nachbarn zu: „Brünett!“.

Als seine ebenfalls brünette Frau ihn kritisch mustert, setzt er flott hinzu: „Ich liebe brünette Frauen, ma chérie!“ und streichelt ihr zärtlich über die in den Jahren etwas fülliger gewordenen Arme, vielleicht in der Hoffnung, dass auch sie sich eines Tages blondiert, damit er wieder an Port Vendres denken kann und die Oliven. Ein leichter Wind von See rauscht durch die Eukalyptusbäume und verweht so den gemächlichen Nachmittag.

Zur Abwechslung sind wir bei Deutschen eingeladen. Es sind 68-iger, die vor vielen Jahren alles aufgaben und Deutschland verließen, um sich in den Weinfeldern zu lieben, um alternativ zu leben und die Welt zu beglücken. Nun ist das mit dem Glück so eine Sache, und immer Weinfeld ist auf Dauer auch etwas öde. Inzwischen sind sie geschieden, aber der Ex-Mann hat noch Wohnrecht. Wo soll er auch hin, der arme Kerl? Er grillt trotzig und recht würzig unter ihrem Fenster und lässt kräftig „Aida“ erklingen, sodass eine normale Konversation unmöglich wird. Die 68-iger Schwester der geschiedenen Dame sieht genauso alt aus, obwohl sie es nicht ist, was zum Glück ihren Lebensgefährten nicht davon abhält, sie andeutungsweise zu begatten. Vielleicht liegt das auch mehr an „Aida“ oder aber ihren inneren Werten. Die geschiedene Dame hat einen schwulen Freund, wahrscheinlich weil das nicht so anstrengend ist. Der redet ständig dazwischen, obwohl man ohnehin nichts versteht. Dafür trinken die Intellektuellen Bier aus der Flasche und sind wie üblich überfordert. Ich mache mich an den Kartoffelsalat und anschließend auf den Heimweg.

Entschädigt werden wir durch die Misa Flamenca im Palais des Rois de Majorque, der Könige von Mallorca in Perpignan. Eigentlich reicht schon das Ambiente für einen erfolgreichen Abend. Vor dem Konzert sitzt man im Café mit Blick auf die alte Loge. Hier ist sozusagen die „gute Stube“ der Stadt. Eine Jazzband spielt zu den Corsoimpressionen vor südlicher Kulisse. Im leichten, warmen Abendwind geht es hinauf zum Palais über ganz flache Treppen, die für die Pferde der Kavallerie gedacht waren, in ein offenes Vestibül im Zentrum der Festung. Dieses füllt sich nun mit einem sehr angenehmen Publikum. Da ist alles dezent, nicht aufdringlich, einfach, nicht pompös, kurz: Es hat Stil und verzichtet auf Styling.

Dann beginnt eine musikalische Reise ins Mittelalter, fast mystisch und ekstatisch: „Padre mio, Padre mio“, anschwellend und wieder monoton wie der Muezzin auf dem Minarett. Christliche Sakralmusik verbindet sich mit der Wüste bis die Gitarren aufschäumend das Lautbild bestimmen, mitreißend, dann wieder melancholisch, gelegentlich abstoßend, aber gleich wieder versöhnend. Fast bedrohlich die Stimme der Sängerin, voller Emotion aber nie kitschig. Und das alles vor dieser grandiosen Kulisse unter freiem, sternenbesäten Himmel. Es ist wie ein Rausch.

Deshalb schläft meine Nachbarin.

Und wieder kehren wir in den Palais des Rois de Majorque zurück, dieses Mal zum „Concert des Maîtres“. Das beginnt mit einem grazilen und leicht erotischen Bauchtanz, ganz anders als bei den Türkenhochzeiten in Köln, gefolgt von einem iberischen Flamenco, der sich gar keine Mühe mehr gibt, das Erotische zu kaschieren. Da balzt der Hahn, da verführt die Henne, dass es nur so kracht. Manche Weisen riechen mir zu sehr nach Nil, und zwar immer dann, wenn das Weib klagt, und man nicht weiß, ist das schon Orgasmus oder noch schlechte Laune. Dafür fasziniert das Zusammenspiel eines historischen Musikinstrumentes, das von unserer Reihe aus in etwa einem Wagenheber ähnelt, mit der Flamenco-Gitarre, bei der man immer Angst bekommt, der Spieler könne Knoten in die Finger kriegen. Aber das darf er nicht, weil er anschließend noch den „Böse Schwiegermutter Flamenco“ begleiten muss, denn da klappert eine grimmige, fette Alte über die Bühne, dass einem Hören und Sehen vergeht. Dabei schnalzt sie wütend mit den Fingern. Die Gitarren werden immer lauter, das Stampfen schneller, bis die Dicke am ganzen Stück zittert. Was da so alles wackelt ist unheimlich. Ihr pechschwarzer Zopf endet dort, wo es ganz schrecklich vibriert. Deshalb schreit sie „olè“, was Ende des Schwanzes bedeutet.