Liebesrisse - Ricarda Kühn - E-Book

Liebesrisse E-Book

Ricarda Kühn

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Beschreibung

In den Erzählungen geht es ums Fremd- Sein, um Brüche in Beziehungen und um die Sehnsucht nach Veränderung. Bei den Figuren klaffen Außen- und Selbstwahrnehmung auf tragisch-komische Weise auseinander. Auf der Suche nach einem erfüllteren Leben widersetzen sie sich, tapfer und immer knapp an der Katastrophe vorbei, dem, was sie als Mainstream empfinden.

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Seitenzahl: 90

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Ricarda Kühn

Liebesrisse

vom Weggehen um Luft zu holen

 

 

 

Dieses eBook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

SAG ES NICHT, VERSPRICH ES MIR

UND DOCH, UND DOCH…, UND WEITER?

Kapitel 4

SYLVESTER, Tod eines Wellensittichs

WAS DU ERERBT VON DEINER MUTTER

ABOU UND KHALID

ANDERS ENTSCHIEDEN

DER KIRSCHBAUM STIRBT NICHT

EIN LIEBENDER MANN

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Einmal Griechenland, keine Rückfahrt

ANKA TAUCHT AUF

Impressum

Kapitel 1

Ricarda Kühn: Liebesrisse

SAG ES NICHT, VERSPRICH ES MIR

Ich habe den Gashahn zugedreht, ich brauche nicht noch einmal zurück, ist nur eine dumme Idee. Der Herd wird nicht explodieren.

Wenn’s sein muss, kann sie sich zur Ruhe zwingen. Lena Zacharias weiß, was sie heute erreichen will.

Der Hundertfünfundsiebziger hält knapp vor ihren Füssen. Lena springt hinein und rast die Treppe hinauf ins obere Busabteil.

Das schaffe ich. Ich schaffe das.

Die Herbstsonne besänftigt die Gejagten. Berlin, das Monstrum im Zauberlicht. Die Menschen können sich auf den Abend freuen. Lena nicht, sie will heute die Rolle ihres Lebens bekommen. Die, die sie von einer unerträglichen Arbeit in einem unerträglichen Nachtclub mit unerträglichen Männern befreit. Noch sechzig Minuten bis zum Vorsprechen in Kreuzberg, in der Probebühne.

Eilig nimmt sie Platz, direkt über dem Fahrer. Eine wunderbare Aussicht, sechs Meter über der Straße, leicht und mühelos erscheint das Leben von oben, wie im Stummfilm.

Von außen betrachtet, wäre das Leben einen Oskar wert.

Der Spätnachmittag einer aufgeputzten Stadt mit Marotten rauscht namenlos vorbei. Lena schafft es fast immer hier zu sitzen. Sie kann auch drängeln, wenn es sein muss. Sie ist jung, schön, schlank, mager fast. Einen echten Diamanten trägt sie im Bauchnabel. Der lenkt die Blicke dorthin, wo sie sie haben möchte. Manchmal starrt man sie an, als wäre sie bereits berühmt. Dann genießt sie ihr Dasein, nur dann.

Der Bus hat die richtige Geschwindigkeit, die anderen Fahrgäste schweigen zum Glück. Gelassenheit auf den Gesichtern. Menschenhülsen unterwegs zu Immergleichem.

Dieser Busfahrer ist angenehm, weil er nicht anwesend ist. Eine Fahrerhülse. Lena kennt andere. Männer, die Polizist am Steuer spielen, die ihre Fahrgäste anbrüllen, oder so anfahren, dass sie kopfüber gegen eine Stange zum Festhalten knallen.

„Bahnhof Zoo, alles aussteigen, Endhaltestelle.“

Lena springt vor den andern aus dem Bus. Sie schaut auf die Armbanduhr des Mannes neben ihr, ein Tourist, vierzig Jahre vielleicht, typischer Geschäftsmann mit Rollkoffer, gepflegt aber traurig. Er kann den Blick nicht von ihr abwenden. Lena bemerkt es, lächelt ihn an, aus Versehen, kurz nur. Er springt auf die Seite, will ihr Platz machen. Er verliert sich, stolpert, entschuldigt sich. Lena lacht ihn aus, strengt ihm die Zunge raus. Aus dem Bahnhof quellen die Menschen hervor, ergießen sich wie Lava auf den Kurfürstendamm.

Sie hat noch genau fünfzig Minuten. Der U-Bahn Schacht schluckt sie. Lärm, Gedränge und unterdrückter Zorn werfen sich über sie wie eine Heizdecke. Hastig kontrolliert sie Schlüssel, Handy, Zigaretten, Geldbörse, Schminktäschchen, alles da in der rosa Umhängetasche. Sie eilt die Treppe hinunter.

Linie sieben? U-Bahn oder Bus zur Cuvrystrasse? Verdammt, was geht schneller. Bus!

Sie rast die Treppen wieder rauf, zwei Stufen zugleich.

Stop! Ein Penner. Der könnte dir seinen Hund auf den Hals hetzen. Nein, keinen Ärger bitte, heute nicht. Tust mir nichts, tu ich dir nichts.

Lena kann rennen wie Franka Potente. Sie eilt zur Haltestelle

Wo bleibt der Scheißbus?

Die Leute nerven. Massen im Kaufrausch, ich hasse es. Männer als Handtaschenträger und Einkaufskulis für traurige Frauen. So nicht. Dies mir nicht. Niemals. Und wenn ich alt und einsam im dritten Hinterhof in Charlottenburg krepiere. Dies mir nicht. Die Halbglatze da watschelt neben seiner Frau wie ein verlorener Badewannenerpel, giftgrüne Samtjacke, wie kann man nur, die Currywurst hängt ihm noch an der Lippe. Oder der da, der Möchte-gern-Zorro, schon sechzig, schwarzes Toupet, eingezogener Bauch und ein Thaimädchen hängt ihm am Arm, Saftsack!

Endlich der Bus. Ein freier Platz hinten, neben einem Schüler in Zelthose und Dröhnmusik aus dem Kopfhörer. Widerwillig macht er ihr etwas Platz.

„Unk, unk unk vor Zeiten war ich jung, hätt’ ich einen Mann genommen, wär ich nicht in den Teich gekommen.“

Der Schüler starrt sie entsetzt an. Hat sie laut gesungen? Sie weiß es nicht. Blick auf die Uhr. Kein Grund zur Panik. Noch nicht.

Lena kramt ihren Taschenspiegel hervor. Blasses Gesicht, große dunkelblaue Augen, wie der Planet Erde, hat Thorsten, einmal gesagt.

Sie schaut den Schüler an, stolzer Großstadtblick.

Nein, ich bin nicht Lola und ich renne auch nicht. Ich bin Lena Zarowski, im gebärfreudigen Alter. Eigentlich blond, aber heute feuerrothaarig. Mein Freund will ein Kind von mir. Und vielleicht will ich es auch. Heute Morgen, stell’ dir vor, holte er mich um sechs in der Bar ab: „Komm, ich bring dich nach Hause, kannst noch ein paar Stunden schlafen.“

Sie setzte sich hinter ihn aufs Motorrad und weinte ihm in die Lederjacke. Das ist zehn Stunden her, da war die Luft anders und anständige Menschen waren noch in ihren Betten. Die Bäckereien waren geöffnet. Aber, das spürte sie, einer dieser Tage hatte begonnen, an dem sich von einer Minute zur anderen alles ändern konnte.

Zu Hause angekommen, hob Thorsten sie vom Motorrad. Er trug sie, wie immer, wenn sie vor Müdigkeit nicht mehr stehen konnte. Durch den ersten Hinterhof, durch den zweiten und dann drei Stockwerke hinauf, bis er schnaufend vor ihrer gemeinsamen Wohnungstür mit den aufgeklebten Plastikrosen stand.

Lena schaut hinaus, die Sonne geht über dem S-Bahnhof Wittenbergplatz unter, ein Feuerball, nach einem letzten Tag im Herbst.

Ob die Felljacke gut kommt? Wie würde Franka Potente in dieser Situation dreinschauen? Wie muss ich den Produzenten begrüßen? Hände schütteln, ja oder nein?

Wie der Kerl da vorne über seinem Steuer hängt, eine der üblichen Kröten sicher.

Die Blicke des Busfahrers taxieren sie kurz im Rückspiegel. Lena sagt ihre Rolle noch einmal in Gedanken auf. Die Straße nass, die Stadt im schweren Rot des Abendlichts.

Eine junge Mutter steht mit zwei Aldi Tüten in jeder Hand, sie blockiert den Eiligen den Ausgang.

Gleich fällt der Buggy um, und das kleine Monster fängt an zu plärren. Warum flucht denn keiner, wie sonst? Komisch, das alles hier, die Leute sind anders, als wüssten sie etwas. Ach. Ich spinne mal wieder, das ist Stress, da muss ich durch.

Lena schaut den Fahrgästen in die Gesichter. Es scheint, als ahne jeder etwas, es ist eine Art Abschied, als wüsste jeder, dass alles anders wird. Kaltes, einsames Sein in einer Stadt, die nicht schlafen kann. Eine Stadt, in der die gelben Doppeldecker wie Bienen im Viertelstundentakt hin und her summen, effizient und pünktlich. Lenas Gedanken hetzen wie ein junger Hund von der Mutter, zum Casting, von ihrem Herd zu den Männern in der Bar, von dort zu den Männern im rollenden Käfig.

Sie erwischt einen Blick des Fahrers, er erinnert sie an etwas. Als habe er ihre Gedanken gelesen, lächelt der Mann.

Sein Gesicht ist viel zu braun für diese Zeit des Jahres. Aber er hat etwas. Irgendwie zärtlich, verdammt noch mal! Hör auf zu grinsen, oder ich steige aus, sofort, ich bin nicht bei der Arbeit, du geiles Miststück.“

Als habe er verstanden, blickt der Fahrer auf die Straße und beschleunigt, streift um ein Haar einen Radfahrer.

„Bist wohl lebensmüde!“ schimpft er über den Lautsprecher. Diese Stimme. Lena kennt sie, sie gehört zu etwas Entsetzlichem.

Beeil dich, fahr gefälligst und quatsch nicht.

Der Mann an der Tür, treuer Familienvater, Lehrer wahrscheinlich, 50 cm von ihr entfernt, will nicht aussteigen. Er starrt sie an, wendet sich erst von ihr ab, nachdem seine Blicke sie ausgezogen haben. Er hat seine Haltestelle verpasst, brummelt etwas, ist endlich weg.

Lena verfängt sich in den dunklen, großen Augen eines Mädchens in langer Strickweste und schwarzem, enggebundenen Kopftuch.

Diese Jacken tragen sie alle. Und das Kopftuch. Freiwillig sagen sie. Wer es glaubt. Bin froh, dass ich hier geboren bin, nicht da, wo man mich an einen aus der Großverwandtschaft kettet. Irgendwo nagelt man ihnen das Kopftuch in den Kopf, wenn sie es nicht tragen wollen. Arme Mädchen, so alt wie ich. Egal jetzt. Ich muss diesem Typ am Steuer aus dem Weg gehen. Ich kenne ihn? Aber woher? Woher?

„Nollendorfplatz, Umsteigemöglichkeiten zu den Linien...“ Die Stimme des Busfahrers dringt in sie ein, durchbohrt sie. Menschen kommen ihr zu nahe, berühren sie, der Bus hält.

Bremsen quietschen, schreiend wie Mutter damals, als Lena es ihr sagte. Das ist es also. Der Busfahrer und der Onkel. Sie treiben ihren Spaß mit ihr. Kein Entrinnen.

Ein Kind rast über die Straße, bei Rot. Der Fahrer flucht, die Gemüter in Flammen. Lena wird schlecht, sie will sich übergeben, aber ihr Magen ist leer.

Ich muss raus, egal wohin, ich weiß nicht, was los ist, ich halte diesen Kerl nicht aus, weg hier, nur weg.

Es ist zu spät. Die Leute lassen sie nicht durch, schieben sich vor sie, bilden eine Mauer.

Sie haben sich gegen mich verschworen, sie halten zu dem Kerl, sie kennen ihn. Sie wollen mir an den Kragen.

Ihr schlägt der Mundgeruch eines Polizisten in Uniform entgegen, Zwiebeln, Bier, Zahnfäule,

Du musst den Frosch küssen, du hast es versprochen.

Es ist wie damals, als der Onkel kam und versprach, ihr vorzulesen, bis Mama wiederkäme. Kein Entrinnen, aussichtslos. Gefangen in einer gelben Blechbüchse.

„Bitte den Ausgang freihalten. Nun machen Se schon, auch die junge Dame, mit dem Feuerschopf, bitte sehr.

Sie erstarrt. Das ist Onkel, das ist er. Mama weiß nicht, was er vorhat, wenn er so spricht, so sanft, so eindringlich, so beschwörend. Er will mir was schenken, ich soll ihn küssen, er ist eklig, glitschig, wie der Frosch. Ich bin die Prinzessin mit der goldenen Kugel, ich verspreche ihm nichts.

Ich will hier raus, sofort.

Es ist heiß im Bus. Die Gesichter, höhnische Fratzen, einer finsteren Welt entstiegen, um ihr, Lena das Grausen zu lehren, weil sie ihr Versprechen nicht halten konnte.

Sie wird ohnmächtig, fällt in den Gang. Der Polizist fängt sie auf, hält sie in den Armen, schlägt sie ein paar Mal auf die Wange, bis sie wach wird.

Der Fahrer fragt über Lautsprecher:

„Alles ok mit der Kleenen?“

„Ja, ja, Entschuldigung“, murmelt Lena, lächelt. Eine alte Frau bietet ihr einen Schluck Mineralwasser an. Jetzt sehen die Leute freundlich aus, das Leben geht wieder dahin, wohin es gehen will.

Lena reibt sich die Hände an der Hose ab.