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In dem Buch geht es insbesondere darum, dass auch, wenn einem Hürden oder Herausforderungen im Leben begegnen, man diese nicht immer steuern kann, jedoch kann man selbst darüber entscheiden, was man aus ihnen macht und wie man mit ihnen umgeht. Ich selbst wählte die Methode Magersucht. Mein Weg daraus, meine Erfahrungen, die ich damit machen durfte macht mich zu dem Menschen der ich heute bin. Frei. Dasselbe wünsche ich mir für andere. Ich wünsche mir von Herzen, dass diese Dinge niemand anderem zustossen, doch wenn sie es tun, möchte ich da sein und DICH dazu aufrufen, DICH zu sein und das du selbst dein Leben genau so leben kannst, wie du dich entscheidest und bestimmst.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
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Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über
http://www.dnb.de abrufbar.
© Lara Mina Christ 2022
J.-H. Pestalozzi-Allee 61
2503 Biel
Schweiz
Gesetzt aus der Meta Corr Pro und der Minion
Schriftsatz, Lektorat: Bernd Floßmann, www.IhrTraumVomBuch.de
Cover: Jennifer Hubacher
Für Tim
Der mich während den letzten Zeilen dieses Buches begleitet hat und mit der Sicherheit ist, dass ich es auch wirklich abschicken werde. Der stets bei mir war und es auch für immer sein wird. Im Herzen und in ewiger Erinnerung.
In Liebe, deine Schwester.
Für meine Liebsten
Die mich in dieser Zeit begleitet haben jeden Tag, auf ihre Art und Weise wie Engel über mich gewacht, gestützt und mich niemals aufgegeben haben. Danke, dass ihr mich in dieser Zeit nicht gewertet, sondern so sehr geliebt habt.
Ich werde euch das niemals vergessen, liebe euch so sehr und ihr habt mehr als nur einen Platz in meinem Herzen.
Für immer.
Wenn wir klein sind, wachen wir morgens auf, sorgenlos. Das Einzige, worüber wir uns Gedanken machen müssen, ist, zu essen, wenn unser Bauch knurrt, ob das Spiel, das wir gerade spielen, Spass macht oder nicht, und ob unsere Eltern wohl schon auf sind.
Im Sommer sind wir fast immer draussen. Wir spielen in der Sonne, bewegen uns und lernen jeden Tag so intensiv viel, dass wir abends todmüde ins Bett fallen und sofort einschlafen. In der Nacht passiert etwas Magisches: Wir träumen. Schöne Dinge, lustige Dinge und manchmal angstmachende Dinge, die uns aufwecken und nach Mami und Daddy rufen lassen, welche uns wenige Sekunden später in den Arm nehmen und uns sagen, dass alles okay ist, alles nur ein böser Traum war und wir wenige Minuten später wieder beruhigt einschlafen.
Nackt herumzurennen ist kein Problem, es gibt uns das Gefühl, frei zu sein. Es spielt keine Rolle, wie wir dabei aussehen, denn wir sind mutig, wir lassen unsere Bäuche stolz heraushängen und sind dabei mehr als nur selbstbewusst. Wir haben Freude an dem Eis in unserer Hand, besonders wenn wir damit komplett vollgeschmiert sind. Essen, spielen, lachen, leben, schlafen, lieben und dann wieder von vorne. Wenn unser Körper das Signal gibt, dass er hungrig ist, essen wir. Ohne Sorgen oder uns Gedanken darüber zu machen, ob das, was wir da essen, gut ist oder nicht. Hauptsache, es schmeckt und wir fühlen uns danach wieder pudelwohl. Einfach unbeschwert. Wir sind getrieben von Neugierde, Mut und Selbstvertrauen. Wachsend. Geliebt und gestärkt. Das Leben und die Welt scheinen interessant zu sein. Schritt für Schritt erkunden wir sie. Wir machen unsere ersten Erfahrungen mit Gefühlen, wie Freude, Trauer, Angst oder Schmerz. Wir lernen unsere Mitmenschen kennen, die manchmal einfach nicht dasselbe empfinden wollen wie wir oder nicht einverstanden sind mit unserer grossartigen Idee. Ab und zu übernehmen wir uns, doch wir sind nicht allein und wieder um eine neue Erfahrung klüger. Wir werden stärker, jeden Tag, wenn wir müde sind, dann schlafen wir einfach ein. Unsere Beine tragen uns jeden Tag etwas weiter, unser Kopf hilft uns jedes Mal mehr, eine Entscheidung zu fällen, unser Lachen wird stets etwas dreckiger, wenn wir das erste Mal Schadenfreude empfinden.
Dass uns das Leben eine Herausforderung gibt, für die wir genug stark sind, um sie auch zu meistern, davon bin ich überzeugt. Auch wenn uns eine Herausforderung zu schwer erscheint und wir das Gefühl haben, ihr auf keine Weise entgegentreten zu können, sondern an ihr zu zerfallen drohen, ist sie genau so gemacht, dass DU sie lösen kannst.
In meiner Geschichte habe ich gelegentlich die Erfahrung gemacht, dass ich eine mir aufgebürdete Aufgabe nicht lösen konnte. Das dachte ich zumindest. Sie war zu schwer. Untragbar. Eine Lösung oder einen sinnvollen Ausweg sah ich nicht. Ich war gefangen in meinem Körper und in meinem Kopf. Bei mir besonders: Diagnose Magersucht.
Das Wort «Anorexie» las ich das erste Mal während eines Beratungstermins in einem Spital. Was genau es bedeutete, wusste ich. Umso mehr war ich davon überzeugt, dass es mich nicht betreffen würde und völlig übertrieben war. Von «krank» zu reden, daran habe ich nie gedacht. Ich hatte nur «Mühe» mit dem Essen und war in Sorge wegen meiner Gedanken, die mir am Ende beinahe das Leben gekostet hatten, wertvolle Zeit und Energie raubten.
Das Leben ist nicht einfach, manchmal sogar schwer oder untragbar und doch sind es die anderen, besonderen Momente, die uns zeigen, wie wertvoll, bereichernd und wunderschön es doch sein kann. Egal, was du durchgemacht hast, was du Schönes und Fürchterliches erlebt und gefühlt hast, der Tag, an dem du diese Dinge hinter dir lassen kannst, macht dich zum freiesten und glücklichsten Menschen der Welt.
Mein Name ist Lara Christ. Ich bin in einem Alter, von dem meine Eltern oft erzählen, indem die Aussage: «als ich in deinem Alter war», mehrmals betont wird. Obwohl meine Eltern jetzt selbst in dem perfekten Alter wären, in welchem sie Bücher über das Leben schreiben, Weisheiten weitergeben und schon mittlerweile Historisches berichten könnten, tun nicht sie es, sondern ich.
Dieses Buch hat mich während meiner Krankheitszeit begleitet und mich letztlich an den Punkt gebracht, an dem ich heute stehe.
In der Schulzeit wollte ich Geschichten schreiben für die Menschen in meinem Alter damit sie etwas zu lesen hätten, Geschichten, die sich, obwohl der Schulzeit gewidmet, weder um die Mathematik noch um die Naturwissenschaft drehen würden. Die Schulfächer sollten nicht verurteilt werden und die Menschen, die sie jeweils bevorzugen erst recht nicht, mein damaliges 14-jähriges Ich jedoch hatte andere Interessen. Ein Abenteuer, einen Roman, eine Fantasiegeschichte mit Wesen, die einfach alles schaffen würden, besonders sind und natürlich die Fähigkeit haben müssten, das Wellenreiten perfekt zu beherrschen. Kurz gesagt, zu surfen. So etwas musste es sein.
Doch dass es nun, in diesem Buch, nicht um Fantasiewesen oder grosse Surf-Abenteurer geht, gehörte nicht zu meinem Plan.
In diesem Fall geht es tatsächlich um eine bestimmte Erfahrung. Eine Erfahrung, von der ich niemals geglaubt hätte, dass sie gerade mir passieren würde. Sie überraschte mich und überkam mich, ohne irgendeine Möglichkeit, ihr zu entkommen.
Ich bin niemals so weit gegangen, wie es andere taten. Ich bin niemals so weit entfernt von mir gewesen, wie andere, die vielleicht einen Schritt weiter gegangen waren und ich habe auch keine jahrelange Erfahrung wie sie Menschen haben, die bereits ihr Leben lang kämpften und in dieser Hölle gefangen sind. Und dennoch habe ich mich entschieden, diese Zeilen zu schreiben. Menschen zu erreichen, die Ähnliches durchgemacht hatten, diese Gefühle kennen oder bereits eine Zeit lang davon begleitet wurden.
Ihnen und vielleicht auch gerade dir sollen die Zeilen dieses Buches die nötige Kraft geben, um in das Leben zurückzufinden, für das du bestimmt und geboren wurdest.
Ein glückliches.
Das ist meine Hoffnung. Ich habe selbst so viel Unterstützung bekommen während meinen Schritten zur Heilung, Schritte, die ich letztlich selbst gehen musste. Dasselbe wünsche ich mir für DICH.
Ich habe dieses Buch in Kapitel unterteilt, so, wie ich sie für wichtig empfunden habe. Jedes einzelne Kapitel symbolisiert einen Schritt, den ich in einem Prozess getan habe. Ich denke, dass auch DU vielleicht in diesem Moment an einem bestimmten Punkt bist. Vielleicht erkennst du dich in gewissen Situationen wieder?
Vielleicht war es bei dir ähnlich? Vielleicht sogar gleich? Vielleicht hast du dieselben Schritte nur anders gemacht? Bist du vor und zurück gegangen? Stehen geblieben? Ich auch. Nimm dir also die Zeit, die du brauchst.
Einen ersten Schritt zu gehen, ist schwer, so auch den Anfang dieses Buches zu lesen, doch am Ende sollst du fliegen. Ich glaube es gibt einen Grund, warum dieses Buch in deinem Besitz ist. Du hast gezeigt, dass du bereit bist weiterzukommen, statt stehen zu bleiben.
Körper, Ernährung, Schönheit, Wohlbefinden, Bedürfnisse, Gefühle, Psyche und Wahrnehmung spielen in dieser Erfahrung ebenfalls eine grosse Rolle. Es geht um dich, deinen Körper, deine Einstellung und dein Verhalten. Es gibt bereits jede Menge Bücher über den Körper, die Frauen und uns selbst. Doch dieses Buch soll anders sein. Ich habe keine Vorschläge wie du zu deiner «perfekten Figur» kommst, wie du «aussehen solltest» und du «dich zu ernähren hast» um irgendwie «gut genug» für etwas zu sein. Doch, was ich mir mehr als nur wünsche ist, dass du am Ende dieses Buches einfach zufrieden bist, dich annimmst, wie du bist, mit allem, was deine Existenz und Einzigartigkeit als DU ausmacht. Ich wünsche mir, dass ich dir helfen kann und du am Ende des Buches einen Schritt weiter bist und das Leben lebst, das du dir erträumst. Alles was du dazu brauchst, glaube mir, ist bereits in dir und wartet nur darauf, endlich aufzublühen. Hör darauf, wenn du aufgerufen wirst, DICH zu sein. Den entscheidenden Schritt selbst zu gehen, hast du als Kind bereits getan. Vergiss niemals, deinen eigenen Weg zu gehen. Gestalte ihn so, dass er für DICH begehbar ist. Nicht für deine Eltern, nicht für deinen Nachbarn, der ihn wahrscheinlich, ja sicher anders gehen würde als du – nein, gehe ihn als dein DU. Er beginnt und endet mit dir und damit, was du daraus gemacht hast. Denn so ist er für DICH begehbar, dein Eigen, schön und dein wertvollster Besitz.
Sitzend, auf einem langen Steg an einem See, in der linken Hand ein Eis. So heiss ist es, dass es die Caramelstückchen von dem Vanilleeis beinahe zu Fall bringt. So stark ist die Sonne, dass sie mich zu durchleuchten droht und mir meine Haut langsam braun verfärbt. Denke ich zumindest. So angenehm frisch ist das kühle Wasser, in das ich meine Füsse abwechselnd hineintupfe und mit dieser Erfrischung verwöhne. Gut gelaunt sitze ich da, schaue den schwimmenden Menschen im Wasser zu, den Pärchen die händchenhaltend ins Wasser laufen, den Kindern, die am Ufer mit Schaufel und Topf spielen. Nichts bringt mich aus der Ruhe oder ändert irgendetwas an meiner guten Laune und meinem Zufriedensein.
Das war ich. Geniessend, zufrieden, schätzend, dankbar und klarsehend. Ganz anders als meine beste Freundin Bibä, die neben mir sitzt und sich immer wieder Witze von mir anhören muss zum Thema «klarsehend». Sie hat mittlerweile das Brillentragen aufgegeben und ihre stahlblauen, wunderschönen Augen, mit denen sie dank der Linsen besser sehen konnte, waren so herausstechend, dass ich ihr, gefolgt auf eine Stichelei, immer wieder ein Kompliment machen musste. Genau dieser Mensch mit den wunderschönen Augen, war einfach da. So wie immer. So wie für immer. Nicht von der Seite weichend.
Familie, Freunde und Menschen waren für mich stets interessant, wichtig und wertvoll. Keinen Tag hatte ich es ausgehalten, ohne meine engsten Freunde gesehen zu haben oder die Liebe der Familie zu spüren. Keinen Tag habe ich verbracht, ohne gelacht zu haben. Auch während trauriger Zeiten, wie etwa dem Verlieren eines Familienmitglieds oder einem Umzug aus einem Zuhause, etwas, das für ein Kind ziemlich schrecklich sein kann. Doch selbst dann war ich ein glücklicher, dankbarer und emotionaler Mensch. Was ich tat, schien wichtig zu sein und ich wollte es mit Herzblut tun. Ich liebte meine Brüder, die mich seit anhin begleitet haben und mir heute noch Wichtiges weitergeben: wie man sich durchs Leben schlägt, wie man Konflikte löst, (Fäuste aller Achtung), wie man das Leben geniessen kann, kocht, Fahrrad fährt und als Schwester gerngehabt wird. Sie alle hatten stets den höchsten Stellenwert für mich. Beziehungen waren wichtig, sie waren offen, mit vollem Herzen und purer Akzeptanz. So war es keine Seltenheit, dass ich beispielsweise während meiner Jugendzeit Wein mit meiner Gotte trank, Ausflüge machte, viele Partys schmiss, jede Menge Abenteuer mit meinen Freunden erlebte, immer über alles mit jedem reden konnte, Erfahrungen geteilt wurden und ich die Möglichkeit hatte, meinen Interessen stets nachzugehen. Welche auch immer das waren. Ich schätzte das Leben jede einzelne Minute. Das Leben war schön, ich war glücklich und begleitet von der Einstellung, dass so vieles ein Geschenk sei auf der Welt. Unaufhaltsam, mit einem grossen Herzen, Energie und Lebensfreude. Stets das Beste aus allem machen wollend und frei.
Die Welt hatte meine Neugierde geweckt, selbst als ich älter wurde. Alles musste erforscht werden, ausprobiert und niemals vergaß ich, dankbar zu sein dafür, was mir das Leben geschenkt hatte. Wenn ich etwas wissen oder lernen wollte, setzte ich alles daran, mir dieses Wissen einzuholen und anzueignen. Egal wie viel es kosten würde, wie viel Zeit ich dafür aufwenden musste oder wie viel Energie und Kraft ich hineinstecken würde. Das spielte alles keine Rolle. Nicht nur ein bisschen über ein Thema nachlesen, das mich gerade interessierte, nein, es musste ausprobiert, gelebt und erfahren werden mit ganzem Körper und ganzem Geist. Sich Wochen oder gar Monate mit einem Thema zu beschäftigen, das liebte ich. Das Zimmer wurde umgestellt, Bilder wurden aufgehängt, Ausrüstung zugelegt, Bücher gekauft, Menschen mit gleichen Interessen oder Wissen gefunden und ausgetauscht. Das alles am besten genau jetzt und sofort. Mit voller Hingabe und Genauigkeit. So lange, bis ich beinahe eine Überdosis des Themas innehatte. Ich hatte es bis zum letzten Tropfen ausgekostet und bis zum erschöpften Einschlafen durchgelebt. Vollkommen. Das war ich.
Lachend, auch in den Situationen, in denen es nicht angebracht war. Besonders in der Schulzeit, als mein damaliger Klassenlehrer meine beste Freundin und mich vor die Tür schickte und meinte, es grenze an «spastische Anfälle.» Natürlich hatten wir keine, doch wir konnten in dieser Zeit nicht anders, denn genau so wie heute teilen meine beste Freundin und ich einfach den genau gleichen Humor.
Älter werden gehört zum Programm «Leben» und so ging es schleunigst in die Oberstufe. Obwohl mir das Leben nun in einigen Situationen strenger entgegentrat, kleinere Jugendprobleme auftraten und ich erste Erfahrungen damit machte, meine Gefühle nicht ganz deuten und verstehen zu können, sass ich nun in der Pubertätszeit fest.
Ich wollte hauptsächlich Spass haben. Eine Challenge brachten mir nur die Montage und Donnerstage, die ich überleben musste. Im Verlaufe der Montagmorgende wurde ich immer nervöser und unruhiger, je näher der Französischunterricht rückte. Zwei ganze Stunden, gleich nach der Zehn-Uhr-Pause, seuchte ich mich durch. Ironischerweise gefiel mir die Sprache, denn sie klang so wunderschön, doch schreiben oder sprechen konnte ich sie trotzdem nicht. Obwohl ich mir stets in vielem enorm sicher war, schnell lernte und mich selbstbewusst fühlte, bei all dem, was ich leisten konnte, verunsicherte mich diese Sprache enorm. Ich erinnere mich, als mein Klassenlehrer die Landschulwoche ankündigte. Mit einem riesigen Grinsen im Gesicht, beugte ich mich zu meiner besten Kollegin/ Pultnachbarin hinüber und sagte voller Freude «wenigstens sehen wir Frau X nicht, und das die ganze Woche.» Die Aussage «zu früh gefreut», bekam mit knapp 14 Jahren eine neue Bedeutung für mich. «Frau X wird uns dabei begleiten!»
Frau X war meine Französisch-Lehrerin, enorm streng und sie mochte mich überhaupt nicht. Regelmäßig stellte Sie mich vor der Klasse bloss.
Ich erinnere mich an meine enorme Verdutztheit, den Blick meiner besten Freundin, gefolgt von einem Ausbruch lauten Gelächters.
Als Überlebende kehrte ich zurück.
Die Schulzeit verging und ich wurde noch älter. Vieles wollte ich immer korrekt und gut machen. Während meiner Jugendzeit schätzte ich die Zeit des Ausgehens enorm, um all dem Druck, den ich manchmal verspürt hatte, etwas zu entkommen. Ich ging tanzen, oftmals die ganze Nacht. Ab und zu trank ich ein Glas zu viel. Ich lernte Menschen kennen und mich selbst auf eine neue Art und Weise. Ich arbeitete mich durch meine Ausbildung, in der ich es nicht immer einfach hatte. Ich war selbst noch ein Kind und oftmals nicht sehr selbstbewusst bei der Arbeit. Ich war schnell verunsichert, wollte jedoch immer das Beste geben. Ich erinnere mich daran, ein unglaubliches Team gehabt zu haben, denn ich weiss noch heute nicht, ob ich es ohne diese Frauen, die mich drei Jahre lang begleiteten, jemals geschafft hätte. Damals hatte ich das erste Mal das Gefühl, mein Team zu enttäuschen, das ich so sehr mochte. Das Gefühl, es «nicht auf die Reihe zu bekommen», machte mir den Alltag ab und zu sehr schwer. Ich schämte mich dafür, keine Hilfe zu sein oder Anforderungen nicht zu erfüllen. Ich erkannte schnell, dass ich den Beruf nicht weiterführen werde. Fest entschlossen, meinen Betrieb als gute Lehrtochter zu verlassen und damit ein stolzes Team zurückzulassen, schöpfte ich neue Kraft.
Während meiner Abschlusszeit verbrachte ich mehr Zeit mit Ausgehen, da es mich in belastenden Situationen erleichterte. So folgten erste Bekanntschaften und Erfahrungen mit Jungs. Mein erster richtiger Freund, den ich nicht mehr zu den Kinderbeziehungen gezählt hatte, war unglaublich. Ich wollte ihn zuerst nicht, da ich wusste, dass ich die Schweiz nach meinem Abschluss verlassen werde. Doch mein Herz entschied anders.
Trotz der Beziehung, die erst gerade richtig begonnen hatte, stand ich eines Tages am Flughafen in Zürich. Ich hatte Gewicht auf den Hüften, das war ich meiner Meinung nach gewohnt. Doch so viel Gewicht nun auch wieder nicht. Mein Reiserucksack, den ich von meinem Vater zum Geburtstag bekommen hatte, drückte. Die Bänder, welche ich zur Rückenentlastung befestigt hatte, umschlugen meinen Körper. Der Rucksack sass beinahe perfekt und war von diesem Moment an mein Ein und Alles. Mein Begleiter, mein Leben.
Mit Stöpseln in den Ohren und glänzenden Augen vor Freude und Trauer zugleich, sass ich allein in einer Flugzeugreihe und genoss die ersten Flugzeugstunden mit ausgestreckten Beinen, beinahe liegend. So sah die Schweiz also von oben aus. Es war nicht das erste Mal gewesen, dass ich im Flugzeug sass, nicht das letzte Mal, doch ein magisches Mal. Ich war allein und nur wenige Stunden danach erreichte ich es: Das andere Ende der Welt.
Als ich mich das erste Mal auf eine Reise begab, fühlte ich mich unaufhaltbar. Es war der Englischunterricht in Byron Bay, Australien, der mich täglich aufs Neue motiviert hatte. Es waren meine Kommilitoninnen, meine Mitbewohnerinnen, die mich immer wieder zum Lachen brachten und es war die Tatsache, dass mir ein Traum erfüllt, wurde: das Surfen.
Noch nie zuvor war ich dem Surfen, dem Meer, der Sonne, dem Abenteuer so nah gewesen. Jeden Tag surfte ich frühmorgens vor dem Unterricht erstmals eine Runde, duschte dann in der Schule und entdeckte den Zauber des Kaffeetrinkens. So sass ich jeweils mit einem Kaffee und tropfend nassen Haaren im Unterricht.
All die Menschen, all ihre Geschichten und der Gedanke daran, dass uns alle etwas hierhin geführt hat zur selben Zeit, waren kein Zufall, sondern sollte wohl genauso bestimmt sein. Das leichte «Don`t worry, it could be worse» – Das Motto des Lebens von Byron Bay, brachte alles auf den Punkt.
Eine Weile reiste ich damals spontan mit einer Studienkollegin. Sie war unglaublich und bereicherte meine Reise in dem Monat, den wir an der Westküste Australiens unterwegs waren, jeden Tag aufs Neue.
Ich bin ihr noch heute für ihren genialen Humor, ihr Interesse, ihre positive Ausstrahlung und die Art und Weise, wie sie war und ist, sehr dankbar. Wir trennten uns nach diesem Monat und ich vermisste sie zu Beginn sehr stark. Ich war damals noch eine Weile an der Ostküste Australiens, bis ich meinen letzten Monat in Neuseeland verbrachte. Ich hatte mich zu dieser Zeit stark verändert, neue Richtungen entdeckt, mich selbst gefunden, mich neu definiert. Einfach wohl gefühlt. Mein Backpacker hatte sich mit Geschichten und Erfahrungen gefüllt und mein Leben schien einen Sinn zu haben.
