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Der vorliegende zweite Teil des Buches "Lila Fisch mit gelben Punkten" ist die Fortsetzung eines Romans mit autobiografischen Zügen, in dem die Hauptfigur und Autorin ihren Lebensweg in den vergangenen 20 Jahren beschreibt, die auf die unfreiwillige Beendigung ihrer ungewöhnlichen Karriere im Bankgewerbe folgen. Verpflichtungen innerhalb der Familie, die Betreuung des Vaters und der Schwiegermutter bestimmen den Alltag. Ein neu gefundenes Hobby, die Familienforschung bietet außergewöhnliche und überraschende Einblicke in die Vergangenheit der aus dem Westfälischen stammenden Familie. Einige Reisen mit und ohne Fahrrad, unter anderem in die neuen Bundesländer, nach Island, Südwestfrankreich, Griechenland, in den Iran, nach Singapur und in die USA werden kurz vorgestellt.
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Seitenzahl: 386
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Einführung
Was bisher geschah
2000 + 2001 Was nun?
2002 + 2003 Zuhause in Wuppertal und auf Reisen
2004 + 2005 Mein Vater
2006 + 2007 Lissabon und Island
2008 + 2009 Familientreffen in Mettingen
2009 Der neue Urgroßonkel
2010 Amerika-Auswanderer und Besuch in Missouri
2010 + 2011 Die Niermanns und Einwanderer in Brasilien
2012 + 2013 Zahlungsbefehl und Reise „Best of the West“
2013 + 2014 Unser Mieter
2014 Drei Tage, die in Erinnerung bleiben
2015 + 2016 Iran und Baltikum
2017 – 2020 Mein Alter um die 70 herum
Schlussbemerkungen
Zu diesem Buch
Der renommierte belgische Fotograf Paul Bulteel startete 2018 ein neues Bild-Projekt, das er dem Thema „No War Generation“ widmete. In einer umfangreichen Dokumentation sollte die Geschichte von Europäern vermitteln werden, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden, ihr jetzt schon über 70 Jahre währendes Leben ununterbrochen in Frieden und Freiheit genießen durften und wie zu Beginn des Projektes realistisch erwartet werden konnte, es auch bis zu ihrem natürlichen Ende so fortsetzen würden. Aus historischer Sicht wäre dies eine privilegierte Generation, denn nicht vielen Menschen auf unserer Erde war und ist es vergönnt, ihr ganzes Leben in Frieden und Freiheit zu verbringen.
Die Vision dieser „Generation ohne Krieg“, ihre persönliche Wahrnehmung der vergangenen 70 Jahre und ihre Erwartungen an die nachfolgende Gesellschaft sollten erfasst werden und die von dem Fotografen erstellten Einzelporträts Zeugnis über ihr Leben ablegen. Internationale Ausstellungen waren vorgesehen.
Da ich zu derselben Zeit mit dem Rückblick auf mein ebenfalls 70-jähriges Leben intensiv beschäftigt war und ich zu dieser „No War Generation“ gehörte, bewarb ich mich Ende 2019 für eine Teilnahme an diesem Projekt, wurde angenommen und wartete im Frühjahr 2020 auf einen Interviewtermin bei mir zu Hause in Wuppertal.
Und dann kam die Geißel Corona und dieses interessante Foto-Projekt wurde auf Eis gelegt. Zunächst erst einmal aus reisetechnischen Gründen, später möglicherweise, weil man zu Beginn des Ausbruchs der COVID-19-Erkrankung die drastischen Folgen noch gar nicht abschätzen konnte und den Lauf der Dinge zunächst abwarten wollte.
Aber schon nach wenigen Wochen musste spürbar geworden sein, dass die Aussagen und Vorstellungen der Teilnehmer*innen über ihre Zukunftserwartungen von den jüngsten Ereignissen, also den jeweiligen Auswirkungen dieser Pandemie auf ihren persönlichen Alltag dominiert sein würden. Denn die Aussicht auf ein in Gänze freiheitlich geführtes Leben seit Beendigung des Zweiten Weltkrieges war nach unseren vergangenen 70 Jahren mit so vielen außergewöhnlichen sozialen, wirtschaftlichen und technologischen Entwicklungen nicht mehr gegeben. Daher bleibt diese vor etwas mehr als einem Jahr noch völlig berechtigte Erwartung für alle Betroffenen nur eine Vision.
Tragischerweise verstarb der Fotograf Paul Bulteel, der sich selber auch zu dieser bevorrechtigten „No War Generation“ zählen durfte, im Oktober 2020. Seine begonnene Dokumentation soll nun in eine größere Arbeit über die europäische Identität integriert werden. Ich bin neugierig, was mit diesem Projekt tatsächlich passiert.
Auch während des ersten Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020 zählte ich mich selber immer noch zu dieser besonderen „Generation ohne Krieg“. Denn optimistisch, wie ich war, nahm ich an, dass dieses kleine fiese Virusbiest in wenigen Monaten zu besiegen sein würde und so wie der Krankheitserreger SARS-CoV-1 einfach wieder verschwindet. Damit wäre dann die COVID-19-Pandemie zurück in den Hintergrund der weltweiten Geschehnisse gedrängt und wir hätten unser Alltagsleben ganz normal fortsetzen können. Aber wie wir alle wissen, passierte dies so leider nicht.
Dass Sport-, Kultur- und Reiseangebote zunächst eingeschränkt, dann vollends gestrichen wurden, gefiel mir wie allen anderen auch nicht. Ich nahm es hin, zumal mein Mann Paul und ich noch die erste Märzhälfte 2020 auf den Kanarischen Inseln verbringen durften und wir lediglich am letzten Tag unseres Aufenthalts auf La Palma einen echten Lockdown erlebten und auf unserem Hotelzimmer bleiben mussten.
In Spanien wurde am Samstag, dem 14. März 2020, der „Alarmzustand“ ausgerufen. Am nächsten Tag räumte die extra eingeflogene Verstärkung der Guardia Civil noch freundlich, aber sehr bestimmt unseren Strand von den Touristen und achtete streng darauf, dass sich niemand mehr ohne triftigen Grund vor dem Hotel bewegte oder in der Lobby aufhielt. Das 900-Betten-Hotel musste innerhalb einer Woche schließen, alle Gäste, selbst diejenigen, die erst am Vortag angereist und besonders aufgebracht waren, die Insel so schnell wie möglich wieder verlassen. Paul und ich konnten wie geplant nach Düsseldorf zurückfliegen, in das am Flughafen geparkte Auto steigen und ohne Probleme unser Zuhause in Wuppertal erreichen.
In Deutschland waren die Fallzahlen noch nicht so erschreckend hoch wie in Spanien und damit die Einschränkungen für uns als Rentner sowieso weniger einschneidend. Das, was einem zunächst die Laune verderben konnte, war dieses unbegreifliche Einkaufsverhalten unserer lieben Mitmenschen. Dieser Run auf Toilettenpapier, Nudeln und Mehl bleibt mir bis heute unbegreiflich. Unsere Lieblingsfrühstücksflocken hatten selbst in großen Internetshops mehrwöchige Lieferzeiten, aber sie rieselten dann doch so nach und nach in unseren Vorratsschrank hinein. Die durch diese Erfahrung aus Frust in Onlineshops bestellten Kartons mit Klopapier und Küchenrollen würden sicherlich für eine hoffentlich nicht auch noch auf uns zurollende vierte Welle ausreichen.
Neben dem Maskennähen und Aufräumarbeiten in Haus und Garten nutzte ich die nun gewonnene Zeit, um meine Erinnerungen an die ersten 50 Jahre meines Lebens zu sortieren, sie zu formulieren, das Aufgeschriebene in eine druckfähige Form zu bringen und „Mein Buch“ dann tatsächlich zu veröffentlichen.
Eine Zusammenfassung:
Nach Clemens, dem Erstgeborenen, erblickte ich am 23. Mai 1949 als zweites Kind des Schneidermeisters Bernhard und seiner Frau Margot im westfälischen Münster das Licht der Welt. Ein drittes Kind, mein Bruder Hans-Georg, folgte im Oktober 1950. Karfreitag 1954 verstarb unsere Mutter nach schwerem Leiden nur 35-jährig an den Folgen einer Krebserkrankung und mein Vater war mit seinen drei kleinen Kindern allein. Unterstützung bei Haushalt und Kinderbetreuung leisteten zunächst unsere schon sehr betagten Großtanten. 1957 entschied sich unser Vater zu einer zweiten Ehe mit Johanna, einer zu Kriegszeiten aus Schlesien geflüchteten, 15 Jahre jüngeren Verkäuferin aus der Damen-Oberbekleidungsbranche. Die nun wieder fünfköpfige Familie und die Schneiderwerkstatt, dann erweitert um ein kleines Ladengeschäft, zogen in demselben Jahr in das nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs auf dem Grundstück der Familie in rotem Backstein wieder aufgebaute Mehrfamilienhaus in Münsters Innenstadt.
Unsere Stiefmutter, als Hausfrau völlig unerfahren und – wie sich erst nach der Heirat herausstellte, – psychisch krank, war mit ihrer neuen Aufgabe, einen Geschäftshaushalt mit drei schulpflichtigen Kindern zu bewältigen, völlig überfordert. Das führte täglich zu lauten Streitereien, unsäglichen Ungerechtigkeiten und einem sich immer mehr zuspitzenden Kleinkrieg.
Während der Jahre meiner Pubertät wurde ich zunehmend der Mittelpunkt dieser immer weiter eskalierenden Auseinandersetzungen und Johanna drohte mir mit Rausschmiss aus dem Elternhaus. Mein Vater, eher hilflos in sein Schicksal ergeben, stimmte daraufhin meinem Umzug in den Haushalt seines Bruders zu. Onkel und Tante wohnten in Baumberg am Rhein, ein Bauerndorf bei Düsseldorf, das sich durch Neubaugebiete zu einer Schlafstadt der Landeshauptstadt entwickelte.
Meine Schulferien hatte ich schon immer bei meinen Verwandten verbracht und mich von diesem kinderlosen Ehepaar verwöhnen lassen. Hier war ich gerne gesehen.
Bei Einzug in meine neue Familie war ich 17 Jahre alt und seit etwas mehr als einem Jahr beim Fernmeldeamt Münster als Telefonistin angestellt, nachdem ich die Annette-von-Droste-Hülshoff-Schule mit dem Zeugnis der Mittleren Reife abgeschlossen hatte.
Ich konnte mich problemlos in das Auslandsfernamt Düsseldorf versetzen lassen, war vom ersten Werktag nach meinem Umzug wieder berufstätig und pendelte mit Bus und Bahn oder dem Onkeltransport zwischen der Landeshauptstadt und meinem neuen Zuhause auf dem Dorf. Meine Freizeit spielte sich nur im Dunstkreis von Onkel und Tante ab: Bei allen Treffen mit den Bekannten ihrer Generation war ich selbstverständlich immer dabei, der Jahresurlaub in deutschen Landen wurde gemeinsam verbracht und eigenständige Vorhaben äußerst ungern geduldet. Ich gehörte jetzt zu ihnen, denn bis zu meiner Volljährigkeit, also bis zu meinem 21. Geburtstag, trugen sie die volle Verantwortung für mich.
Aber bereits mit Vollendung des 18. Lebensjahres wurde ich beim Fernmeldeamt zu täglich wechselnden Arbeitsschichten mit Nacht-, Wochenend- und Feiertagsdiensten eingeteilt, was den bisherigen gleichbleibenden Lebensrhythmus meiner Kleinfamilie empfindlich störte. Onkel empfahl mir daher dringend einen Stellenwechsel und so kaufte ich mir zur Vorbereitung erst einmal eine mechanische Schreibmaschine, um zu Hause tippen zu lernen. Ich hatte ja keine abgeschlossene Berufsausbildung und konnte außer der Vermittlung von Telefongesprächen keinerlei Qualifikationen für übliche Bürotätigkeiten vorweisen.
Nach einem Jahr der Übung bewarb ich mich auf die Stellenanzeige einer amerikanischen Bank, der The First National Bank of Chicago, die im Juli 1969 in Düsseldorf eine Zweigniederlassung eröffnen wollte, und wurde eingestellt. Dieser Arbeitgeber sollte sich für mich als ein Glückstreffer erweisen. Nach einigen Monaten an der Telefonzentrale durfte ich eine ausscheidende Sekretärin ersetzen und wechselte ein Jahr später auf die Position der Chefsekretärin, als meinem Vorgesetzten die Gesamtleitung der Zweigniederlassung Düsseldorf übertragen wurde. Nach Feierabend besuchte ich einige Jahre lang regelmäßig verschiedene Kurse zur gezielten Weiterbildung.
Mein Selbstbewusstsein wuchs mit der Verantwortung, die mir beruflich übertragen wurde; bei meinen Verwandten blieb ich allerdings das abhängige, noch nicht volljährige Kind mit eingeschränktem Bewegungsspielraum. Mein Wunsch, endlich alleine verreisen zu wollen, ein bisschen von der Welt kennenzulernen, in die ich während meines Dienstes als Telefonistin schon jahrelang „hineingehört“ hatte, stieß auf entschiedene Ablehnung, ganz besonders durch meinen Onkel, der sich unangenehm eifersüchtig gebärden konnte.
Als ich dann endlich 21 Jahre alt war, setzte ich mich durch und machte sehr zu Onkels Missfallen eine Reise alleine mit Neckermann nach Finnland. Nach einem weiteren Urlaub ein Jahr später – wieder ohne Aufsicht meiner Pflegeeltern – war unser Vertrauensverhältnis dermaßen zerstört, dass wir nicht mehr miteinander reden konnten und mir nahegelegt wurde, auszuziehen. Ein erneuter Rausschmiss. Ich suchte mir ein Apartment in Düsseldorf und zog 1972 um.
Zwei Jahre später lernte ich Paul kennen, einen Wuppertaler, der sich berufsbedingt – allerdings nur ungern – auf dem Absprung nach München befand, er wäre lieber in NRW geblieben. Wir wollten zusammenzubleiben und so zogen wir im April 1976 in unsere erste gemeinsame Wohnung in Pöcking am Starnberger See.
Meine Versetzung in das Münchener Büro der First Chicago Bank war planmäßig erfolgt und mit einer Erweiterung meiner Tätigkeiten verbunden. Da mich die in einem Finanzinstitut anfallenden Vorgänge und Arbeiten von Beginn an schon in Düsseldorf interessiert hatten, überlegte ich, wie ich mich am besten weiterqualifizieren konnte. Ein nebenberufliches Studium der Betriebswirtschaftslehre reizte mich und würde die solide Basis für ein berufliches Fortkommen darstellen. Dafür wäre allerdings eine abgeschlossene kaufmännische Ausbildung erforderlich, eine Grundvoraussetzung, die ich nicht erfüllte.
In Bayern gab es die Möglichkeit, die Kaufmannsgehilfenprüfung berufsbegleitend nach sechsmonatigem Samstagsunterricht vor der IHK abzulegen. Das war eine gute Nachricht. Ende Oktober 1977 haben Paul und ich standesamtlich geheiratet – ohne meine Familie. Ab November besuchte ich samstags den Unterricht und legte im Juli 1978 die Kaufmannsgehilfenprüfung zum Bürokaufmann vor der Industrie- und Handelskammer in München ab. Weitere interne und externe Schulungen fanden zeitgleich statt, mein Aufgabenbereich wurde stetig erweitert und für die eigentliche Sekretariatsarbeit eine neue Kraft eingestellt. Alles lief gut für mich.
Mein Mann war jedoch mit seiner Außendiensttätigkeit in Bayern überhaupt nicht zufrieden. Es gab gesundheitliche Probleme. Paul strebte eine Tätigkeit im Innendienst an und bekam ein attraktives Angebot allerdings nicht in München, sondern in Düsseldorf. Er nahm es an, nachdem ich meine Versetzung zurück ins Rheinland klargemacht hatte. So packten wir unsere Siebensachen und verließen unser Fast-Ferien-Domizil in Bayern am Starnberger See im September 1979, zogen in eine 3 ½-Zimmer-Wohnung nach Ratingen-Ost und starteten beide beruflich neu durch.
In der Bankniederlassung in Düsseldorf hatte sich seit meinem Weggang vieles verändert, nicht nur die Aufgabenbereiche, auch das Personal einschließlich des Chefs. Ich hatte hier ein neues Arbeitsgebiet, war jetzt für den Geldhandel zuständig und betreute zusätzlich einige kleinere Kundenengagements, was beruflich wieder eine Verbesserung für mich darstellte. Im Sommer 1980 durfte ich an einem zehnwöchigen bankinternen Ausbildungsprogramm in Chicago teilnehmen, eine spannende, außergewöhnliche, aber doch auch anstrengende Zeit. Mein längerfristiges Ziel, einen Abschluss in Betriebswirtschaftslehre zu erreichen, hatte ich nicht aufgegeben, nahm an einem entsprechenden mehrjährigen Fernstudium an der AKAD University teil und legte im April 1985 erfolgreich die Prüfung zum „Staatlich geprüfter Betriebswirt“ (B.A.) ab.
Zu derselben Zeit wurden im Head Office Chicago weitreichende strategische Entscheidungen getroffen, die Auswirkungen auf das internationale Netz der Bank hatten und weltweit zu Filialschließungen führten. Auch Deutschland war betroffen: Das Geschäft sollte auf Frankfurt konzentriert werden. Unser Münchner Büro hatte man bereits abgewickelt, als Nächstes kam Düsseldorf an die Reihe. Mir wurde statt einer Abfindung eine Stelle in Frankfurt vorgeschlagen, ein Angebot, das ich annahm, denn bei Paul stand ebenfalls beruflich eine Veränderung an. Er war zuletzt bei einem Pharmaunternehmen beschäftigt gewesen, das seine Sparte „Medizingeräte“, die Paul technisch leitete, kurzfristig aufgeben würde und sich meinem Mann dort keine passende Alternative bot.
Zeitgleich mit Schließung der Bankräumlichkeiten in Düsseldorf zogen wir privat im Sommer 1986 in einen angemieteten schönen Bungalow in Bad Soden am Taunus. Bei Abschluss der erfolgreichen Konzentration der Bankgeschäfte in Deutschland auf nunmehr eine Stelle in Frankfurt entschied das Management für uns sehr überraschend, auch dieses Büro zu schließen, das Geschäft vollständig abzuwickeln; die Bank zog sich für uns Mitarbeiter absolut unverständlich ganz aus Deutschland zurück. Diese Entscheidung traf viele Kollegen wie ein Schlag mit dem Hammer auf den Kopf.
Paul und ich wollten aber nicht schon wieder umziehen – mir war eine Aufgabe bei der Bank in London angeboten worden. Frankfurt und unser Wohnort gefielen uns durchaus. Wir hatten uns gerade gut eingelebt, neue Freunde gefunden, mit denen wir an den Wochenenden gerne größere Fahrradtouren unternahmen. So stellte ich mich beim SBV, dem Schweizerischen Bankverein in Frankfurt vor, bewarb mich 1989 als Firmenkundenbetreuerin für das Gebiet Nordrhein-Westfalen und wurde als erste Frau bei ihnen in diesem Bankberuf eingestellt. Aber auch beim SBV gab es permanente Veränderungen, bei denen Frauen dann leider kaum Aufstiegschancen hatten. So setzte man mir nach einer erneuten Umstrukturierung, die auf das co op Debakel folgte, einen wenig erfahrenen jungen Mann vor die Nase.
Ein ehemaliger First Chicago Chef machte mir daraufhin ein interessantes Angebot: die Leitung der Düsseldorfer Filiale einer französischen Bank mit Büroräumen fast an der Kö. Ein kleines Team zu leiten, das traf genau meine Vorstellungen. So startete ich im Januar 1991 beim Crédit Lyonnais, einer französischen Staatsbank, die in Deutschland nach der Wiedervereinigung große Expansionspläne verwirklichen wollte. Ende 1992 gipfelte diese Erweiterung in der Übernahme der Mehrheit an der BfG Bank AG. Die ehemalige Gewerkschaftsbank steckte allerdings selbst noch in einem harten Sanierungsprozess und es wurde sehr schnell deutlich, dass die deutschen CL-Filialen in der viel größeren ehemaligen Bank für Gemeinwirtschaft aufgehen und etliche Kollegen ihre Jobs verlieren würden.
Ich überstand in den folgenden Jahren einige Reorganisationen und leitete im Segment Firmenkunden den größten Geschäftsbereich bis zum Jahr 1999. Der Crédit Lyonnais Frankreich, der nun selbst durch eklatantes Missmanagement in großen Schwierigkeiten steckte und vom französischen Staat gerettet werden musste, hatte sich zur Erfüllung behördlicher Auflagen von Aktiva zu trennen und veräußerte sein BfG-Aktienpaket an die schwedische SEB Bank. Selbstverständlich kam es in der Folge zu weiteren Umstrukturierungsmaßnahmen.
Für meine neue Aufgabe in Düsseldorf hatte ich Anfang 1991 zunächst alleine ein Apartment bezogen und wollte erst einmal die Probezeit abwarten. Alles lief gut und Paul und ich entschieden daraufhin, unser neues Domizil in Wuppertal aufzuschlagen. Dort hatte mein Mann 1977 ein altes Haus im Heimatschutzstil mit bergisch-grünen Schlagläden an den Fenstern neben dem der Schwiegereltern gekauft und es bisher vermietet. Die Bewohner zogen Ende 1991 in ein eigenes Heim und wir beschlossen, das Einfamilienhaus nach und nach völlig umzubauen und selber darin zu wohnen. Durch diese unmittelbare Nähe könnten wir uns auch um die älter werdenden Schwiegereltern viel besser kümmern. Die dann geplanten Baumaßnahmen einschließlich der Neugestaltung der Außenanlage würden mehrere Jahre dauern.
Die Umstrukturierungen 1999/2000 bei der BfG/SEB wären für mich wieder mit einem neuen Umzug verbunden gewesen, das stand schon fest. Und das musste nicht sein. Ras-le bol, Schnauze voll. Die Aussichten auf eine gute Abfindung und ein Jahr selbst gewählte Freizeit waren durchaus verlockend für mich. Und so schied ich de facto zum Ende des Jahres 2000 aus den Diensten der Bank, wollte die nächsten zwölf Monate pausieren und dann wieder für einige Jahre bis zur Rente beruflich aktiv werden. So der Plan.
Seit meiner Freistellung im September 2000 verfügte ich über etwas ganz Besonderes: ungewohnt viel Zeit. Aber was mache ich damit am besten? In meinen Wunschvorstellungen hatte ich mir ausgemalt, morgens länger zu schlafen, mit meinem Mann Paul gemeinsam auf der Terrasse zu frühstücken, den Vöglein zuzuhören, meinen Garten zu genießen und in aller Ruhe die Zeitung zu lesen, und zwar nur eine einzige, − nicht drei überregionale Tagesblätter querlesen − und anschließend würde ich vielleicht ein bisschen stricken und ansonsten den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.
Das habe ich anfangs auch gleich so ausprobiert, einige wenige Male durchgehalten. Ein Langschläfer war ich nie. Um 7 Uhr hatte ich früher das Haus verlassen, gegen 19 Uhr war ich in der Regel wieder zurück am Wuppertaler Hauptbahnhof, sofern keine abendliche Verpflichtung anstand. So wurde ich nach wie vor jeden Morgen ohne Wecker um 6 Uhr wach und stand auf. Manche Gewohnheiten lassen sich nicht so schnell ändern. Ein Morgenmensch bleibt wohl immer ein Frühaufsteher, eine Lerche eben. Aber was fange ich mit dem ganzen lieben langen schönen Tag so alles an? Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, alles das zu tun, was mir Spaß macht, aber einfach nur so in den Tag hineinzutrödeln, das fiel mir schwer, das war nicht mein Ding.
Und Paul, als Rentner allein zu Haus, wo er bisher schalten und walten konnte, wie es ihm beliebte, gefiel es einerseits durchaus, dass ich nicht mehr dauernd unterwegs sein musste. Andererseits gab es jetzt tagtäglich eine ständige Mitbewohnerin in seinem direkten Umfeld, eine Hausgenossin, die eigentlich keine Aufgabe hatte und sich ungefragt in seinen Alltag einmischte. Ich bekomme mehr als einmal zu hören, dass ich hier nicht im Büro sei, und mit diesem leisen Vorwurf war wohl mein Ton gemeint … Daran, dass ich nun auch wochentags zu Hause bin, müssen wir uns beide erst einmal gewöhnen. Aber das sollte ja zunächst nur für ein Jahr sein, war nicht als Vorstufe eines gemeinsamen Rentnerdaseins gedacht und müsste mit ein wenig Mühe auf beiden Seiten doch wohl zu wuppen sein.
So steht schnell fest, dass mein Mann der Küchenchef bleibt. Er will weiterhin mittags kochen, selbstverständlich für seine Mutter im Nachbarhaus mit. Das macht er gut und gerne, und da er für das Essen zuständig ist, wird er auch den wöchentlichen Einkauf im Supermarkt wie bisher für beide Haushalte erledigen. – Um dieses wunderbare Privileg bis heute immer noch bekocht zu werden, bin ich schon sehr häufig beneidet worden. Zu meinem Bedauern hat unsere Reinigungshilfe zeitgleich mit Beginn meiner Berufspause eine feste Stelle in einem Hotel gefunden, darf sich dort täglich um das Frühstück der Gäste kümmern und fällt somit bei uns aus. Da eine Vertrauensperson nicht so leicht zu ersetzen ist, habe ich jetzt erst einmal den Putzjob. Gratulation.
Wir sind schon immer gerne gereist, möchten noch mehr von Deutschland und der Welt sehen und hätten jetzt auch beide die Zeit dazu. Es war ja vorgesehen, dass ich ein Jahr lang zu Hause bleibe und mich dann wieder beruflich engagiere. Und diese Gelegenheit wollen wir gut nutzen. Mit unseren Plänen müssen wir mittlerweile allerdings etwas mehr Rücksicht auf Schwiegermutter nehmen und Abwesenheitszeiten gut organisieren.
Seitdem ich die ganze Woche über zu Hause bin, merke ich erst einmal, was Paul für seine Mutter inzwischen alles leistet und kann und will ihn dabei jetzt unterstützen.
Im April 1999 mussten wir nach längerer, von ihm mit viel Geduld ertragener Krankheit Abschied von Schwiegervater nehmen. Und Anfang Mai 2000 verstarb Schwiegermutters in der Schweiz lebende kinderlose, verwitwete Schwester.
Nach einer entsprechenden Vorwarnung aus dem Spital in Zürich war Paul mit seiner Mutter hingefahren, um Tante Doris noch einmal zu sehen, aber sie kamen leider zu spät. So konnten sie lediglich die Überführung ihrer sterblichen Überreste zur Beisetzung nach Wuppertal veranlassen und sich um die Auflösung der Wohnung kümmern. Das schien alles von der Schweiz aus bürokratisch sehr kompliziert zu sein, war damit zeitintensiv und verursachte große Aufregung bei Mutter und Sohn, insbesondere, da zunächst das Testament von Tante Doris nicht aufzufinden war. Es gab zwar keine nennenswerte Erbschaft, aber mit diesem Dokument in Händen stand zumindest der Weg durch die Behörden zur Regelung des Notwendigen fest.
Auch noch nach der Beerdigung von Tante Doris auf dem hiesigen Friedhof in Elberfeld gab es in den Folgemonaten aufwendige Korrespondenz zu erledigen, die Pauls Mutter überforderte. Ich hielt mich zunächst aus diesem schwierigen Thema heraus, das war meiner Meinung nach eine Angelegenheit von Mutter und Sohn.
Nach mehreren Knochenbrüchen war meine damals 86-jährige Schwiegermutter gehbehindert mit dem Krückstock und, wenn das nicht klappte, im Rollstuhl unterwegs. Schwerhörigkeit, Altersdiabetes und eine Hepatitis B-Infektion nach einer Bluttransfusion kamen ungefragt als neue ständige Begleiter über die Jahre hinzu. Im Kopf war Pauls Mutter Gott sei Dank fit und das sollte auch so bleiben. Ihr Haushalt, besser gesagt, unser zweiter läuft irgendwie parallel mit, unterstützt von ambulantem Pflegepersonal morgens und abends und einer zusätzlichen Haushaltskraft einmal in der Woche.
Mittags gehe ich jetzt mit einem gefüllten Picknickkorb am Arm nach nebenan, dann gibt es lecker Mittagessen, vom Sohn gekocht, anschließend ein Schläfchen im Komfortsessel. Um 16 Uhr kommt Paul, um seine Mutter zu unterhalten. Danach wird ein bisschen gelesen und das Vorabendprogramm beginnt schon bald im Fernsehen und dann erscheint auch schon wieder das Pflegeteam.
So klappt der Tagesablauf, aber wir lauschen immer mit einem Ohr an der gemeinsamen Hauswand, wollen hören, ob es nebenan friedlich zugeht oder doch scheppert, dann rennt einer von uns zur Kontrolle mal eben rüber. Auch Schwiegermutter erträgt ihre Krankheiten mit Geduld, obwohl das Leben an manchen Tagen sehr mühsam wird. Und Paul, einziges Kind seiner Eltern, leidet mit unter der unaufhaltbar fortschreitenden Gebrechlichkeit seiner Mutter. Es ist ihm anzusehen.
Trotz dieser Erschwernis und mit einem permanent schlechten Gewissen machten wir Reisepläne und Schwiegermutter unterstützte uns mit Worten, wir müssten ihretwegen doch wirklich nicht zu Hause bleiben, sie käme bestens alleine zurecht. Carpe diem. Sie freute sich immer darüber, wenn es uns gut ging und nahm regen Anteil an dem, was wir so alles erlebten. Für etwas mehr Sicherheit schafften wir einen Hausnotruf an und der Knopf am blauen Bande wurde morgens mit „angezogen“ und kam im Laufe der Jahre etliche Male zum Einsatz. Für die Dauer unserer Abwesenheit bestellte sich Schwiegermutter dann „Essen auf Rädern“.
Die diesjährige Wanderreise mit unserem treuen Freundeskreis stand für Ende Oktober schon fest. Bei dieser Tour auf dem „www“, dem Westpfalzwanderweg, sollten wir zufällig Helmut Kohl persönlich begegnen, allerdings nicht beim Wandern. Eine Übernachtungsadresse war die Auberge Au Cheval Blanc in Niedersteinbach im Elsass. Unser Alt-Bundeskanzler war hier mit Frau Hannelore und Chauffeur Ecki an demselben Abend im Restaurant zum Essen angemeldet, als wir dort übernachteten und die Wirtin schlug vor, den Nachbartisch für uns einzudecken, uns quasi neben ihn zu platzieren. Unsere 8-köpfige Gruppe, zunächst ungläubig und überrascht, zeigte keine große Begeisterung und lehnte zögernd ab, wählte einen anderen Gastraum. Wir wollten den Abend nach einem anstrengenden Wandertag ungestört unter uns verbringen, den Pinot Noir und das köstliche Essen in aller Ruhe genießen.
Zugegebenermaßen war jeder von uns dann aber doch neugierig genug, ab und zu auf dem Weg zum stillen Örtchen ganz langsam an der gut einsehbaren Gaststube vorbeizuschlendern, in dem die Prominenz saß, um mal eben ganz zufällig hineinzusehen.
Ja, er saß tatsächlich da, unser Altkanzler, in eine dunkelblaue Strickjacke gewandet mit Frau Hannelore und einem weiteren Herrn am Tisch, also wohl Ecki, der Freund und Chauffeur. Eines von Kohls Lieblingsgerichten sollen hier im Restaurant die hausgemachten Hechtklößchen gewesen sein. Neben anderen Früchten des Feldes lag im Eingangsbereich des Restaurants als Herbstdekoration ein riesengroßer Weißkohlkopf – etwa ein Hinweis auf den Besuch? – und an der Wand hingen etliche Fotos unverkennbar im Cheval Blanc aufgenommen mit Helmut Kohls Konterfei und anderen Gästen. Tja, wie auch immer, unsere Chance auf eine exklusive Begegnung mit ihm war jedenfalls vertan.
Einige Monate später, am 5. Juli 2001, setzte Hannelore Kohl ihrem Leben ein Ende, da sie wohl ihre unheilbare Krankheit nicht mehr alleine ertragen konnte.
Wir machten Reisepläne für 2001, wälzten Kataloge, ließen uns inspirieren. Da wir noch nie in Asien gewesen waren, buchten wir bei einem großen Reiseveranstalter für den Februar eine Flug-/Busrundreise Thailand und das war unsere erste Online-Reisebuchung überhaupt. Wir meldeten uns zu kurzen Radurlauben in Belgien, Holland und in den neuen Bundesländern an, alles Touren mit unserem Radwanderverein, den wir in Hessen kennengelernt hatten und dem wir auch nach unserem Wegzug immer treu geblieben waren. Es tat gut, Pläne zu machen, nach vorne zu schauen, sich auf etwas Schönes zu freuen.
Dann traf mich plötzlich die Erkenntnis, dass ich ganz so frei und großzügig über meine Zeit gar nicht verfügen konnte, ich musste mich zunächst beim Arbeitsamt vorstellen, da ich dringend ab Januar 2001 auch meinen Krankenversicherungsschutz neu regeln musste. Diese „Option“ Arbeitsamt war für mich ursprünglich keine Alternative gewesen, da ich von einer Behörde die Vermittlung einer neuen Tätigkeit für mich nicht ernsthaft erwarten konnte. Zudem wollte ich ja ein Jahr lang pausieren. Dies alles im Hinterkopf machte ich mich dann erst einmal auf zum heutigen Jobcenter und betrat damit für mich Neuland.
Im Amt waren unten alle Wartebereiche voll mit arbeitssuchenden Menschen besetzt. Glücklicherweise stellte sich schnell heraus, dass für die Vermittlung von Führungskräften ein Büro in einem anderen Stockwerk zuständig war. Hier angekommen, gab es ausreichend freie Sitzplätze, und ein freundlicher Berater erklärte mir unumwunden, dass es für mich in Wuppertal wohl kaum ein passendes Stellenangebot geben würde. Ich füllte die üblichen Formulare aus und erfuhr, dass man mich zu einem nächsten persönlichen Gespräch bei ihnen zeitnah schriftlich einladen und ich bei eventuellen Vorschlägen umgehend von ihnen hören würde.
Der erste Schritt war getan. Leider wusste ich nicht, ob die nächste „Vorladung“, die man wahrzunehmen hatte, um von Leistungen nicht ausgeschlossen zu werden, mir schon in vier Wochen oder erst in drei Monaten zugeschickt werden würde; einen Terminvorschlag für ein Vorstellungsgespräch bei einem Finanzinstitut zwischendurch konnte ich nicht ernsthaft erwarten. So blieb diese zeitliche Unsicherheit ein Risiko für unsere anderen Pläne.
Was konnten Paul und ich sonst noch Schönes unternehmen? Abwesenheiten von zu Hause für nur einen Tag waren besser zu planen und so meldeten wir unsere Mitgliedschaft bei der Gruppe 49ontop an. H.-G. Kraus, der Gründer von Wikinger Reisen, ein Aktivurlaub-Spezialist aus Hagen, hatte diesen Verein ins Leben gerufen, nachdem die Leitung des Unternehmens auf seinen Sohn übergegangen war. In diesem Verein wurden einmal im Monat unter fachkundiger Führung gemeinsame Wanderungen in unserer Region, später zusätzlich Fahrradtouren und gelegentlich auch mehrtägige Reisen unternommen. Es gab jährliche Treffen sämtlicher Gruppen in Deutschland, je nach Interessenlage Besuche von Kulturveranstaltungen und sogar Wohneigentum wurde gefördert. In dieser Gemeinschaft entwickelten sich über die Jahre Freundschaften, die die Vereinszugehörigkeit der Einzelnen überdauerten und damit für viele Mitglieder zu einem wichtigen Baustein des täglichen Lebens wurden.
Was gab es außer Schwiegermutterbetreuung und Haus und Garten und Stricken und Wandern und Radfahren noch für mich zu tun? Welchen Hobbys würde ich gerne nachgehen wollen? Wofür hatte ich in den vergangenen Jahren viel zu wenig Zeit?
Das Fotografieren hatte mir schon immer großen Spaß gemacht. Seitdem ich mir 1974 eine erste preiswerte Knipskiste, eine Revue 350F von Foto Quelle gekauft und sie 1982 durch eine Nikon F3 Kleinbild-Spiegelreflexkamera ersetzt hatte, wurden unsere Reisen dokumentiert und die Papierabzüge tatsächlich in Alben eingeklebt.
Von unserer Wandertour in der Pfalz im Herbst 2000 hatte ich meiner Meinung nach einige gelungene Naturaufnahmen gemacht und als ich in Reiseprospekten von einem ausgeschriebenen Fotowettbewerb las, schickte ich diese Fotos ein. Anfang 2001 erhielt ich tatsächlich ein Schreiben vom Tourismusverband Westpfalz, der mir zum Gewinn des 1. Preises gratulierte: eine einwöchige Wanderreise für zwei Personen in ihrer Region. Glückwunsch.
Das war doch eine schöne Bestätigung, mit dem Fotografieren weiterzumachen. Von da an nahm ich ab und zu an Fotowettbewerben für Amateure teil, wenn ich etwas Passendes in meinem Archiv hatte und bekam gelegentlich Bestätigungen, z. B., Fotobücher von Agfa Gevaert für die Bereitstellung von meinen auf ihrer Webseite angebotenen Fotos für E-Mail-Postkarten von Venedig, Reisegutscheine von Wikinger Reisen für (immer noch) verwendete Katalog- und Website-Fotos von Istanbul und den Kanarischen Inseln, eine Gratis-Hotelübernachtung erhielt ich für ein von der Hunsrück-Touristik verwendetes Foto für einen Jahreswandkalender, Kaffeebecher spendierte der Wuppertaler Zoo für meine in ihrer Quartalszeitschrift veröffentlichten Leserfotos und die Westdeutsche Zeitung brachte 2017 einen Bericht in ihrer Serie „Hobbyfotografen“ auch über mich.
Seit vielen Jahren ist die Teilnahme an Wettbewerben technisch sehr viel einfacher geworden. Man bearbeitet seine Digitalfotos und verschickt sie einfach per E-Mail. Vor 20 Jahren habe ich Papierabzüge bestellt und sie bei Nichtgefallen noch einmal nach meinen Wünschen neu abziehen lassen, bevor ich sie per Post auf den Weg brachte. Aber heute gibt es auch deutlich mehr Konkurrenz, da die Bilderflut mit der Erfindung der Digitalkamera für jedermann regelrecht explodiert ist.
Ein erstes Exemplar dieser Innovation kaufte ich 2002 von Canon nach längerem Abwägen, ob ich mich auf diese Technik überhaupt einlassen sollte. Die gute Nikon Spiegelreflex machte Superbilder, war aber für Fahrrad- und Wanderreisen einfach zu schwer und zu kompakt. Die Objektive wechselte ich immer seltener und schleppte sie dann nicht mehr mit. So eine Digicam war anfangs auch noch ein Klotz, hatte Gewicht, aber unterwegs doch viel einfacher in der Handhabung und Bilder, die nicht gefielen, konnte man ganz einfach löschen.
Bei den Negativfilmen bin ich immer sparsam mit möglichen Aufnahmen umgegangen, suchte lange nach dem richtigen Bildausschnitt und wartete geduldig auf die besten Lichtverhältnisse. Bei Abholung der Filme schaute ich hoffnungsfroh und gespannt auf die Papierabzüge in den Fototüten.
Digital hält man drauf, drückt den Auslöser, macht gleich mehrere Bilder hintereinander, kontrolliert das Ergebnis, löscht es bei Nichtgefallen (hoffentlich sofort) und gut ist.
Damit nicht alle Aufnahmen unauffindbar im Nirwana des Computers verschwinden, gewöhnte ich mir an, die Fotos mit einem einfachen Bildbearbeitungsprogramm, zunächst Irfan View, zu bearbeiten, bevor sie im PC gespeichert wurden. Später kam Magix-Fotoshow hinzu, ein Programm von einem Wanderfreund empfohlen, mit dem man die Bilder mit Ton und Musik unterlegen und textlich gestalten konnte. Das artete dann schon wieder in tagelange Arbeit aus, machte mir aber Spaß.
Also, das Thema Fotografieren war gut angelaufen und es begeistert mich bis heute, insbesondere in der Natur Aufnahmen zu machen. Seitdem wir Grün- und Buntspechte, Amseln, Heckenbraunellen, Dompfaffpärchen, jede Menge freche Kohl- und brütende Blaumeisen im Garten beobachten können, sind die heimischen Vögel bevorzugte Bildmotive geworden. Meine Smartphonebilder sind allerdings nicht zur Archivierung geeignet. Es sind meistens nur Schnappschüsse, die regelmäßig gelöscht werden.
Was entwickelte sich noch in dieser „freien“ Zeit? Zu Besuch in Münster gingen wir gerne mit Schwägerin Agnes und meinem älteren Bruder Clemens auf den überregional bekannten und sehr beliebten Flohmarkt, der nur an wenigen Samstagen im Sommer auf der Promenade stattfindet. Hier gibt es einen Platz für Händler und einen besonders großen Teil für private Verkäufer. Vor allem Clemens hatte seine Trödelleidenschaft entdeckt, ergatterte hauptsächlich Kartenspiele, Bilder und Kunstwerke jeglicher Art und alles das, was man sonst vielleicht eventuell doch einmal irgendwann möglicherweise noch gebrauchen könnte. Kann man ja nie wissen. Also, sein Vorratslager ist gut bestückt.
Ich kann mich an eine Anhängerladung voll mit gemischtem Trödel erinnern, die der Verkäufer bei Flohmarktschluss Clemens nach Hause bringen musste, weil das alles nicht mehr in unser Auto passte. Und an riesengroße Bilder, die sich einfach nicht mit uns zusammen unbeschädigt in den gelben Käfer quetschen ließen, aber transportiert werden mussten. So fuhren wir mit der von Hand zugehaltenen Beifahrertüre los, aus der dann seitlich ein paar Bilder herausragten. Mit ein bisschen gutem Willen ist doch alles möglich.
Ich stöberte auch gerne durch die Angebote auf dem Trödelmarkt und fand tatsächlich immer etwas. Seit Beginn meiner Berufspause hatte ich angefangen, selber Halsketten zu fädeln und ergatterte an den Ständen oft interessantes Grundmaterial, wie getragene Ketten zum Schlachten, also zur Wiederverwertung, kaufte Perlenstränge, Schnüre, Verschlüsse und sammelte Inspirationen für meine eigenen Arbeiten.
Ganz in der Nähe unserer Wohnsiedlung in Wuppertal und sogar fußläufig für mich gut erreichbar, richtete sich sehr zu meiner Freude mittwochs ein regelmäßiger Flohmarkt ein, der von Privatpersonen als Kleingewerbetreibende bestückt wurde. Samstags etablierte sich auf demselben Gelände, einem ehemaligen Parkplatz der Firma Gebr. Happich, ein großer Markt mit Lebensmittel- und Textilständen, der mit seinem Angebot vor allem unsere zugewanderte Mitbürgerschaft bediente. Hier erklärte mir eine türkische Kundin die gesundheitlichen Vorzüge von Granatäpfeln und beschrieb mir, wie die Kerne am besten aus der Frucht herauszulösen sind, ohne dass man gleich die ganze Küche putzen muss. Seitdem peppe ich im Winter mein Frühstücksmüsli gerne mit Granatapfelkernen auf.
Dieser Marktplatz wurde immer beliebter. Ein von Woche zu Woche zusehends anwachsender Strom von Menschen zog mit sperrigen Einkaufstrolleys durch diese sonst so wenig belebten Straßen und die Stadt richtete daraufhin an den Markttagen eine eigene Buslinie vom Hauptbahnhof hierher ein.
Zunächst war diese Freifläche für mich nur deswegen von Interesse gewesen, weil ich die Finanzierung dieses Grundstücks fast als letzte kleine „Amtshandlung“ bei der Bank auf meinem Schreibtisch hatte und ich mir aus reiner Neugier ein Bild davon machen wollte, was daraus geworden war.
Jedenfalls entdeckte ich hier meine Liebe zum Trödelmarkt so richtig. Es gab einige Stände, die Barmer Artikel, diese speziellen Kurzwaren aus Wuppertal verhökerten und Reste und Überproduktionen der hier noch ansässigen Hersteller von Häkelborten und Litzen, Gurt- und Gummibändern, Kordeln und Schnüren, also von Schmaltextilien jeglicher Art im Angebot hatten. Es gibt immer noch etliche kleinere Firmen aus dieser Branche im Tal, die alle Utensilien rund ums Weben, Nähen und Schneidern entweder selber produzieren oder damit handeln. So stammt zum Beispiel auch heute noch die Hälfte der in Deutschland hergestellten Schnürsenkel von Bandwirkereien aus dem Bergischen Land.
Wuppertals letzte Knopfmanufaktur wurde 2020 geschlossen und Gold-Zack, die wohl bekannteste Gummiband-Marke Deutschlands – vielen Frauen nicht nur aus meiner Generation auch heute noch ein Begriff – hatte ihren Stammsitz in Elberfeld.
Auch Trödler mit Solinger Schneidwaren aus der Nachbarstadt erregten immer besondere Aufmerksamkeit. Neben den üblichen Angeboten aus Haushaltsauflösungen gab es Stände mit Werkzeug und Elektrokrempel, die speziell die Herren der Schöpfung erfreuten. So war für jeden etwas dabei. Es kamen regelmäßig dieselben Händler, zwar immer darüber schimpfend, dass hier in Wuppertal nichts zu verdienen wäre und der erzielte Gewinn einfach nur ihre Kosten deckte, was sie aber nicht davon abhielt, immer wieder mittwochs ihre Ware anzupreisen.
Mit einigen Anbietern kam ich ins Gespräch, hörte ihren verzwackten Lebensgeschichten zu, passte auch schon mal auf ihren Stand auf, wenn sie etwas zu erledigen hatten. Bei ihnen konnte ich bestimmte Schmaltextilien bestellen, die ich für meine jeweilige Kreativphase benötigte. Und ich fand auch immer etwas Brauchbares, Überraschendes oder völlig Nutzloses, aber Schönes, das ich dann in meinen Rucksack packte.
So wurde dieser neue Flohmarkt für mich zu einem festen wöchentlichen Termin und blieb es fast 20 Jahre lang, bis das 20.000 m2große Grundstück im Jahr 2019 verkauft wurde und DHL ein größeres Paketverteilzentrum darauf errichten ließ.
Diese regelmäßigen Flohmarktbesuche habe ich sehr gerne gemacht. Sie sind leider für mich und viele andere vorbei, denn der Marktbetreiber hat bisher noch keine Ersatzfläche gefunden.
Ende 2000 hatte ich eine Aufgabe aus der Verwandtschaft übernommen, als sich die Familie bei der Beerdigung eines Onkels traf, und zwar die Organisation eines Vettern- und Cousinentreffens im folgenden Jahr in Münster. Darum wollte ich mich jetzt kümmern.
Meine Oma väterlicherseits hatte zwölf Enkelkinder und diese Kerngruppe wohnt mit ihren Lieben über ganz Deutschland verteilt und in der Schweiz. In den letzten Jahren hatte ich kaum Verbindung mit meiner Familie. Zum einen war ich beruflich zu eingespannt und zum anderen hielt ich mein Elternhaus, meine Brüder ausgenommen, am liebsten auf Abstand. Ein regelmäßiger engerer Kontakt bestand zu meiner Tante Annemarie, Jahrgang 1921, der Schwester meines Vaters und jüngstes Kind der sechs Geschwister aus dieser Eltern-Generation. Sie war immer gut orientiert und Nachrichtenzentrale für alles das, was so in der Familie passierte und die stundenlangen Telefonate mit ihr genügten vollkommen, um auf dem Laufenden zu bleiben und auch, um das alles zu hören, was man eigentlich gar nicht wissen musste.
Von den jeweiligen Familien, die eingeladen werden sollten, musste ich mir erst einmal die Kontaktdaten besorgen, wobei mir Tante Annemarie eine große Hilfe war. Dann überlegte ich mit meinen Brüdern zusammen, wie wir so ein Treffen gestalten könnten. Da einige der Vettern und Cousinen schon länger nicht mehr in Münster wohnten, könnte Hans-Georg mit uns zuerst einen kleinen Stadtspaziergang machen und Clemens mit Agnes nach dem Kaffeetrinken allen etwas aus ihrem Hobby-Zauberprogramm vorstellen. Das klingt doch ganz gut.
Eine Fotocollage auch mit einem Geburtstagsfoto von unserer Oma, das sie zusammen mit allen ihren zwölf Enkelkindern zeigt, wurde die Einladungskarte, die ich mit dem vorgeschlagenen Programm an die Runde verschickte und dann gespannt auf die Reaktionen wartete:
Einladung zum Familientreffen
Wann?
Am Samstag, den 28. April 2001, um 14 Uhr
Wo?
In Münster vor der Lambertikirche
Wer?
So viel Familie wie möglich, d. h., alle, die neugierig sind und Lust und Zeit haben (Eltern, Ehepartner, Kinder)
Wozu?
Zu einer Stadtführung mit Hans-Georg
und dann?
Ab ca. 16:00 Uhr Kaffeetrinken im Sudmühlenhof
Was noch?
Zaubervorstellung mit Clemens und Agnes
und danach?
Abendessen auch im Sudmühlenhof
Das war’s?
Ja, für den Anfang …
Mit den tatsächlich Interessierten war die Terminabstimmung problemlos zustande gekommen. Die beiden Stieftöchter meiner Tante distanzierten sich von so einem Treffen, sie zählten sich selber offenbar nicht (mehr) zu dieser Familie. Biologisch betrachtet gehören sie auch nicht dazu, sie waren aber immer in den sozialen Familienverband integriert.
So trafen sich am 28. April 2001 insgesamt 21 Personen, eine Cousine kam mit Familie sogar aus der Schweiz angereist. Dieser Tag sollte in einer angenehmen Atmosphäre ablaufen und bei allen, auch bei mir in guter Erinnerung bleiben. Daher wollten wir vorhersehbare Spannungen vermeiden und hatten unseren Vater mit Johanna nicht eingeladen. Allein, also ohne seine Angetraute zu kommen, hätte unser alter Herr nicht gewagt.
Einige Familienmitglieder hatten sich jahrelang nicht gesehen, mussten sich erst einmal wieder etwas annähern und beschnuppern. Geführt von Hans-Georg machten wir einen informativen kleinen Stadtrundgang durch die Innenstadt vor dem anschließenden gemütlichen Beisammensein, bei dem Fotos angeschaut, alte und neue Geschichten erzählt und auch Wiederholungen solcher VC-Treffen schon mal grob angedacht wurden. Um die Organisation einer nächsten Zusammenkunft in zwei, drei Jahren will sich Cousinchen, das jüngste der zwölf Enkelkinder unserer gemeinsamen Oma kümmern.
Hans-Georg bewertete das Treffen als voll gelungen und plante, eine genealogische Tafel unserer Familie zu erarbeiten. Damit begann so einiges an Folgearbeit für meinen Bruder und für mich. Die einzelnen Zweige lieferten genaue Stammbaum-Daten über ihre jeweiligen Familien, die wir erst einmal sammelten, um sie bei Vollständigkeit zusammenzufassen und allen zur Verfügung zu stellen. Eine Aufgabe, die ich dann übernahm.
Und wie sieht es mit meiner weiteren Berufstätigkeit aus? So zwischendurch hatte ich schon mal meine Fühler ausgestreckt, um die Möglichkeiten auszuloten, die sich mir beruflich überhaupt bieten würden: Bankfrau, 50plus mit Führungsanspruch, feste Arbeitsstelle in räumlicher Nähe ohne die lästige Pendelei, denn die letzten vier Jahre mit Büro in Köln mussten nicht so oder ähnlich fortgesetzt werden. Auch würde eine halbe Stelle genügen, denn inzwischen war ich hier zu Hause doch stark beschäftigt. Aber weiterhin den ganzen Tag „nur“ zu Hause zu verbringen, konnte und wollte ich mir Mitte 2001 einfach nicht vorstellen.
„Die Banken sind die Stahlindustrie der 90er-Jahre“, hatte der Deutsche Bank Manager Ulrich Cartellieri vor vielen Jahren gesagt und: „Die Zahl der Arbeitsplätze wird drastisch sinken.“ Damit hatte er mit seiner Prognose auf der Zeitschiene unrecht gehabt, denn zunächst kam 1990 der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland. Alle Banken dehnten ihre Aktivitäten auf die neuen Bundesländer aus und stockten ihr Personal auf, denn kein Institut wollte diese große Chance verpassen.
Zehn Jahre später war Ernüchterung eingekehrt, die Banken nicht mehr auf Expansions-, sondern auf dem eigentlich notwendigen Konsolidierungskurs, den Cartellieri prophezeit hatte. Das merke ich, wenn ich mir jetzt die Stellenangebote im Finanzsektor anschaue. Es wird schwierig, für meine Vorstellungen als Festangestellte im Teilzeitjob mit Führungsanspruch wieder tätig zu werden, schon gar nicht mit dem Defizit: Frau über fünfzig. So ein Marktsegment gibt es genauer betrachtet überhaupt nicht.
Eine Möglichkeit wäre es, als Freelancer, als selbstständige Beraterin tätig zu werden. Finanzdienstleister kamen verstärkt in Mode und ich wollte in dem Geschäftsfeld der Anlageberatung durchaus noch etwas dazulernen. Und so könnte ich auch, wie von mir gewünscht, meinen Arbeitseinsatz zeitlich selber bestimmen.
Ich bekomme sehr schnell einen Vorstellungstermin bei Maschmeyers Strukturvertrieb AWD Holding AG hier im Regionalbüro Bergisch Land. Sie wollen expandieren, denn ihre Geschäftsaussichten werden weiterhin erfolgversprechend eingeschätzt. Der Regionalvertreter, natürlich ein jüngerer Mann, machte einen positiven Eindruck auf mich. Das Gespräch läuft gut, und er ist durchaus interessiert, mich zu verpflichten. – Wir haben diese „Kollegen“ aus unserer Banker-Sicht immer etwas verächtlich als „Klinkenputzer“ oder „Treppenterrier“ bezeichnet, da sie nach Erfolg bezahlt werden und unserer Meinung nach den Kunden nicht immer ganz so seriös, mehr auf den Abschluss fokussiert beraten.
Der Termin bei AWD war von meiner Seite rein informativ gedacht, das Angebot nehme ich nicht an. − Im Jahr 2007 verkauft Maschmeyer seinen Strukturvertrieb an Swiss Life, wird Milliardär und kurze Zeit später Lebenspartner der Schauspielerin Veronica Ferres, ein Mädchen aus dem Bergischen Land, aus Solingen.
Diese Idee der Finanzberatung verfolge ich weiter und interessiere mich für den Allfinanzberater Plansecur mit Sitz in Kassel. Das Konzept fand ich überzeugender und unterschrieb nach einigen persönlichen Gesprächen einen Vertrag zum 1. Januar 2002. Ich kümmerte mich um die Gewerbeanmeldung mit der notwendigen Bescheinigung 34 f für Finanzanlagenvermittler, was kein Problem darstellte, und wollte zur Vorbereitung schon in diesem Jahr an einigen internen Schulungen der Plansecur-Akademie in Kassel teilnehmen, die Neustartern angeboten wurden. Ich hatte mich für sechs verschiedene Wochenkurse, die von den Teilnehmern zu bezuschussen waren, angemeldet. Mein Regionalfürst saß in Köln, strich die Kurse zwei bis sechs, ohne mich direkt in Kenntnis zu setzen, was mich etwas irritierte. Er wollte wohl erst einmal abwarten, ich unbedingt loslegen.
Einen weiteren Vertrag hatte ich bei einem ehemaligen Kollegen unterschrieben, der in der internationalen Anlageberatung tätig war und diese Produkte sollten dann meine Angebotspalette ergänzen.
In Anbetracht meiner jetzt greifbarer gewordenen neuen beruflichen Aktivität richtete mir Paul im Obergeschoss unseres Hauses ein Büro ein, baute Schränke für Aktenordner unter den Dachschrägen auf, verlegte die notwendigen Leitungen für Telefon/Internet und ich kaufte Büromöbel und Schreibmaterial. Einen Computer für den Privatgebrauch hatte ich Ende 1999 auf einer internen Tagung der BfG Bank gewonnen und mich auch schon damit vertraut gemacht. Im Spätsommer 2001 war ich also startbereit, jetzt konnte es so langsam wieder losgehen. Ein durchaus gutes Gefühl.
Was passierte 2001 eigentlich sonst so in der Welt? Frauen dürfen ab sofort in alle Laufbahnen der Bundeswehr eintreten. Gerhard Fritz Kurt Schröder ist seit 1998 unser 7. Bundeskanzler, Silvio Berlusconi gewinnt die Parlamentswahlen in Italien und Tony Blair beginnt seine zweite Amtszeit im Vereinigten Königreich. Beate Uhse stirbt an einer Lungenentzündung, ebenso wie Peter von Zahn. Mannesmann wird von Vodafone übernommen und das stolze Düsseldorfer Vorzeigeunternehmen in der Folge zerschlagen. Eine frei zugängliche Enzyklopädie namens „Wikipedia“ geht erstmals online. Starterkits mit Euromünzen im Gegenwert von 20 D-Mark werden verkauft und die wertgeschätzte Deutsche Mark verabschiedet sich Ende dieses Jahres endgültig. Aber die nachhaltig prägendsten Ereignisse sind die Terroranschläge am 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington mit über 3.000 Toten. Diese Verbrechen werden als terroristischer Massenmord gewertet mit weitreichenden Folgen für die Weltpolitik.
Am Dienstag, den 11. September 2001, rief nachmittags Margret, eine Wanderfreundin mit dem Hinweis an, ich solle mal den Fernseher einschalten. Ungläubig starrte ich auf die sich bei jedem Sender immer und immer wiederholenden Bilder wie erst ein Flugzeug, dann ein zweites in das World Trade Center in New York einschlägt und die Türme etwas später einfach wie Kartenhäuser in sich zusammenklappen. Ein kaum zu begreifendes Horrorszenario ganz real, keine Filmszene, kein Fake Fact.
In den Tagen danach stand die Welt erst einmal still. Auf das Luftanhalten folgte ein tiefes Durchatmen. Die Börse wurde fünf Tage lang geschlossen, der Dow Jones stürzte rapide ab und zog andere Aktienmärkte mit sich. Knapp vier Wochen nach den Attentaten starteten die USA gemeinsam mit Großbritannien am 7. Oktober 2001 einen angekündigten Militärschlag gegen das Taliban-Regime in Afghanistan, der, wie wir heute wissen, fast 20 Jahre lang andauern und eher unrühmlich enden würde. Auch der Krieg gegen den Irak, der am 20. März 2003 begann, konnte das weltweit agierende Terrornetz al-Qaida nicht stoppen. Mit neuen Verbrechen − auch in Europa − meldeten sich die Terroristen seitdem immer wieder zurück.
Nach den 9/11-Anschlägen brach das Konsumklima in den USA auf einen Stand ein, den es zuletzt Mitte der Neunzigerjahre gegeben hatte. Die Wirtschaft wurde daraufhin massiv gestützt und konnte sich in der Folgezeit überraschend schnell wieder erholen.
Und was bedeuten diese Ereignisse jetzt für mich persönlich? Gefahr an Leib und Leben erst einmal nicht. Aber ausgerechnet in so einer schwierigen Phase will ich eine neue Aufgabe als Finanzberaterin beginnen? Ein eigenes Geschäft mit Übernahme der entsprechenden Risiken aufbauen? Muss ich mir das wirklich antun? Ich wollte doch eigentlich nur Dinge anpacken, die mir Spaß machen! Und diese neue Herausforderung wird zu so einem ungünstigen Startpunkt sicherlich kein Zuckerschlecken. Es gibt viele Fragezeichen und die Zweifel wachsen.
Ich werde zu einer Geburtstagsfeier in das Kölner Regionalbüro von Plansecur eingeladen, um schon mal die zukünftigen Kollegen kennenzulernen. Das ist doch eine schöne Idee und ich komme gerne, ich bin neugierig. So lernte ich zum ersten Mal das Team der Mitstreiter kennen und musste nüchtern feststellen, dass es alle nette Menschen waren, aber beruflich aus den unterschiedlichsten Gründen keine Chance auf eine Festanstellung bei einer Bank oder Sparkasse hatten, also mehr oder weniger gezwungen waren, auf dieser Basis als Selbstständige ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Wenn sie eine Wahl gehabt hätten, wären sie hier nicht dabei.
Auch diese Erkenntnis muss ich erst einmal sacken lassen und meine Verunsicherung wächst. Die weltweiten Kapitalmärkte sind in Unruhe und ich sollte mir besser eingestehen, dass die lokale Arbeitsbasis mich so auch nicht wirklich lockt.
Nach reiflichem Abwägen des Für und Wider kündige ich im November meine vereinbarten Finanzvermittlungstätigkeiten bei beiden Vertragspartnern wieder auf. Das waren zwei mir äußerst unangenehme Gespräche, da ich das, was ich zusage, normalerweise auch in die Tat umsetze. Aber nach diesen Telefonaten verspüre ich eine große Erleichterung, eine Last war von meinen Schultern gewichen. Aus dieser Zwickmühle bin ich raus. Mein Büro unterm Dach wird ab sofort nur privat genutzt. Das gefällt mir durchaus, ist eine sehr komfortable Lösung und die erhaltene Abfindung wird schon ein Weilchen reichen.
