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Heiter, aber auch melancholisch; genau beobachtend, aber nie verletzend: So blickt Werner Tonske auf Lingen und seine Bewohner. Seit dem Jahr 2010 veröffentlicht die Lingener Tagespost die heimatgeschichtlichen Erzählungen des Autors über die Stadt, über ihre Menschen und die Natur, die sie umgibt. Das Buch "Lingen in Geschichten" ist eine Sammlung dieser beliebten Reihe, in der Tonske Lingen von der Nachkriegszeit bis heute beschreibt.
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Seitenzahl: 180
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Neue Osnabrücker Zeitung GmbH & Co. KG Breiter Gang 10 –16 49074 Osnabrück Telefon: 0049 (0)541 310-360 E-Mail: [email protected] Registergericht: AG Osnabrück HRA 3551 DIESER TITEL IST AUCH AUF shop.noz.de ERHÄLTLICH Sie finden uns im Internet unter: www.noz.de
1. Auflage 2015 © Neue Osnabrücker Zeitung Redaktion: Burkhard Ewert (Ltg.), Thomas Pertz, Werner Tonske, Carmen Vosgröne (Archiv), Julia Knieps (Koordination)
Bildquellenverzeichnis: Stadtarchiv Lingen, Thomas Pertz
Von Thomas Pertz, Redaktionsleiter der Lingener Tagespost
Vor fünf Jahren kam ein älterer Herr in die Redaktion und bat um ein Gespräch mit mir. Angekündigt hatte er sich nicht und Zeit hatte ich eigentlich auch nicht. Der nächste Artikel wollte geschrieben, die letzte Mail beantwortet werden und auch das Telefon würde wohl jeden Moment wieder einen Ton von sich geben. Ich nahm mir die Zeit doch – und sollte es nicht bereuen.
Werner Tonske, der dann vor mir saß, ist ein besonderer Mensch. Ich habe in über 25 Jahren als Lokaljournalist noch keinen anderen erlebt wie er, der so sehr interessiert ist an den Mitbürgern, der Natur und was beide in ihrem innersten Kern zusammenhält. Er erzählte von Geschichten, die er über Ereignisse und Eindrücke aus Lingen geschrieben habe, über seine Erlebnisse im Krieg, über freudige und traurige Anlässe.
Aus diesem ersten Kontakt entwickelte sich eine regelmäßige Veröffentlichung seiner Beiträge in unserer Zeitung – manches anlassbezogen, wie beim Kivelingsfest ein Rückblick auf das erste Fest nach dem Krieg, anderes aus der Zeit fallend, wie der Bericht über „Hühner-Heine“ und seine Liebe zum Federvieh.
Diese Geschichten sind in dem vorliegenden Buch zusammengefasst. Sie lassen noch einmal lebendig werden, wie große Tanzabende in den 50ern auf der Wilhelmshöhe Paare zu Lebenspartnern machten, wie bei Winkelmanns in der Burgstraße eingekauft wurde oder die Ems an heißen Sommertagen nach dem Krieg willkommene Abkühlung bot. Humorvoll, aber auch nachdenklich beschreibt Werner Tonske sich und seine Zeitgenossen. Und die Natur, deren großer Bewunderer er ist. Wer seine Beschreibung des Telgenkampsees in der Stadt gelesen hat, wird neugierig sein, einmal selbst die Schätze anzuschauen, die er dort entdeckt hat.
Werner Tonske
Viele Bürger, nicht nur aus Lingen, haben schon einmal das Weltkindertheater–Fest in den Anlagen der Wilhelmshöhe besucht. Ebenso kann man davon ausgehen, dass fast jeder Bewohner dieser Stadt einem Fremden den Weg zum Theater an der Wilhelmshöhe bzw. dem daneben befindlichen Filmpalast Cine-World weisen könnte. Wer aber weiß, dass sich an diesen Örtlichkeiten dereinst ein Sportplatz befand, auf dessen Schlackeboden die Sportvereine und Schulklassen ihre Wettkämpfe austrugen und die Feldhandballer vom TuS Lingen (in der damals höchsten Klasse, der Oberliga Nord, hochkarätigen Handball spielten?
Davon dürften wahrscheinlich nur unsere älteren Mitbürger Kenntnis haben. Wo heute die breite, stark frequentierte Straße des Willy-Brandt-Rings verläuft, trennte damals eine langgezogene, grasbewachsene Böschung einen unbefestigten Fußweg von der Straße und dem Schienenstrang der Kleinbahn, die zu dieser Zeit noch in der Stadt verkehrte. Vom Kleinbahnhof kommend, beförderte sie Güter zur Papier- und Holzfabrik an der Meppener Straße. Den Sportplatz selbst grenzte zu dieser Zeit eine Betonwand längsseits ein. Die Tribüne befand sich gegenüber vor einem Hügel, den ein Maschendraht abschloss.
Doch zurück zum Handball.
Die verträumte kleine Beamten-Stadt Lingen war Ende der vierziger und fünfziger Jahre eine Handball-Hochburg, in welcher der TuS Lingen neben prominenten Gegnern wie THW Kiel, Polizeisportverein Hamburg, auch die Feldhandballer aus Bremen, Flensburg, Rheinhausen, Münster oder Osnabrück empfing. Auf allen Positionen gut besetzt, behauptete sich diese Kleinstadtelf in der Liga der Großstädter erfolgreich und war überwiegend auf den vorderen Plätzen der Tabelle zu finden. Einer wie ich, der 1949 in Lingen ansässig wurde und sich vorher nicht sonderlich für Handball interessierte, wurde augenblicklich von dieser schnellen Sportart gepackt und nicht mehr losgelassen.
Mit 300 bis 4000 Lingener Fans (mehr fasste der Platz nicht) zitterte ich - begeisterte ich mich - litt und jubelte ich für unseren TuS. Eine unbeschreibliche Stimmung kam auf, wenn die wieselflinken Außenstürmer Kurt und Günther Köster mit blitzschnellem Ballwechsel über das Spielfeld wirbelten und ihre Tore machten oder zum Abschluss ihren wurfgewaltigen Mittelstürmer Herbert Meyer anspielten. Der beherrschte neben harten Torwürfen einen damals einmaligen Trick, mit dem er seinen Abwehrspieler, kurz links oder rechts ausweichend, täuschte, um nach einer Halbdrehung, mit dem Rücken zum Tor stehend, mit voller Wucht einen Rückhandwurf abzuziehen, der jedem Torhüter Probleme bereitete. Man könnte diese Wurftechnik mit einem Fallrückzieher im Fußball vergleichen. Die Stimmung schwappte über, wenn nach einem Tor vom TuS das Pfeifsignal der Kleinbahn-Dampflok wie eine Siegesfanfare in den Jubel der Lingener einfiel. Der Lokomotivführer muss wohl ein wahrer Lokalpatriot gewesen sein, dass er am arbeitsfreien Sonntag seine Lok unter Dampf setzte und mit einem angehängten Güterwagon, auf dem sich begeisterte Handball-Freunde drängten, zum Sportplatz dampfte, um dort seinen Gefühlsüberschwang für den Verein bei jedem Tor über die Dampflok herauszulassen.
Das Interesse am Feldhandball ging bei den großen Handballnationen Ende der sechziger Jahre zusehends zurück. Wegen der schnelleren Spielweise, bedingt durch das kleinere Spielfeld, und der abwechslungsreichen Szenen wurde das Hallenhandballspiel dagegen immer beliebter. Ab 1974 gab es in Deutschland keine offiziellen Meisterschaften im Feldhandball mehr. Schade. Es war eine sportlich wunderschöne Zeit in Lingen, als die Lok beim „Tooor“-Schrei tönte.
Der Sportplatz an der Wilhelmshöhe, wo sich heute das Kino befindet. Fußball und Handball wurde dort gespielt. (Stadtarchiv Lingen)
Die Schattenseiten der Straßen nutzend, flitzten die Kinder in den heißen Sommertagen von 1949 barfuß durch die Stadt zur Ems. Unter den Arm geklemmt das Badetuch mit eingewickelter Badekleidung und eine Flasche Regina, damals eine beliebte Limonade. Vorbei ging es an der „Mili“, die Militärbadeanstalt, damals Lingens einzige städtische Badeanstalt. Obwohl dort die Tageskarte, wenn ich mich recht erinnere, nur 50 Pfennige kostete, wurde von den Wenigsten davon Gebrauch gemacht.
Denn ein Jahr nach der Währungsreform zählte für ein Millionenheer von Arbeitslosen, zu denen auch ich gehörte, jeder Groschen. Kein Wunder, dass deswegen das kostenlose Badevergnügen an der Ems gern genutzt wurde. Zumal das damals noch weitgehend naturbelassene Ufer, mit seinen zahlreichen Schatten spendenden Büschen, Platz für viele Badegäste bot. Auch mich trieb es in jenem Bilderbuchsommer täglich hinaus aus der kochenden Stadt, hin zum Erfrischung spendenden Fluss.
Ein schattiges Plätzchen fand sich schnell. Noch schneller entledigte sich ein jeder seiner Kleidung. Und dann nichts wie hinein ins Wasser. Herrlich, wie das kühle Nass die erhitzten Körper erfrischte. Sich von der Strömung wohlig treiben lassen oder zum gegenüberliegenden Ufer von Rheitlage schwimmen – jeder fand sein Badevergnügen.
Für geübte Schwimmer blieb die Ems ungefährlich. Vorausgesetzt, man überschätzte die eigenen Kräfte nicht und mied die allgemein bekannten Stellen, an denen Strudel vorkamen. Ein sicheres, flaches Ufer fand man in Höhe der Ems-Badeanstalt. Es wurde gern von Familien mit Kleinkindern angenommen.
Für die ganz Mutigen dagegen bot sich ein Sprung von der Brücke am alten Hafen in den nahe gelegenen Dortmund-Ems-Kanal an. Der einst rege Schiffsverkehr auf dem Kanal war, als Folge des Krieges, zu dieser Zeit erst in geringem Maße wieder aufgenommen worden. Ob nun am Kanal oder an der Ems, am Nachmittag brannte die Sonne unbarmherzig auf die ausgetrocknete Erde. Die Hitze machte schläfrig, lullte ein. Irgendwo dudelte leise ein Kofferradio, aus einem Kinderwagen meldete sich ein hungriges Baby und auf einer ausgelegten Decke hockten Karten spielende Kinder.
Sich behaglich räkeln, entspannen und zwischendurch Abkühlung suchen: Unaufgeregt verlief solch ein Badetag bis in den späten Nachmittag. Dann leerten sich allmählich die Uferwiesen. Eine Clique von Mädchen und Jungen zwischen 17 und 21, zu denen auch meine Freundin und ich gehörten, blieb zurück. Wir hatten uns im Verlauf der Sommertage gefunden und viel Spaß miteinander bekommen. Vor allem mit Ernst, dem Jungen aus dem Sudetengau, der nach der Vertreibung mit seinen Eltern in Lingen eine neue Heimat fand.
Er war unser Star. Ein Spaßvogel und Possenreißer, den jeder gern hatte. Dünn und fipsig, mit welligem Haar und tiefen Lachfalten im Schelmengesicht, entsprach er wahrlich nicht der Vorstellung vom Kraftprotz Tarzan, den er derart grotesk imitierte, dass wir uns vor Lachen bogen. Seine Urwaldnummer war einsame Klasse. Mit gespreizten Beinen und angewinkelten Armen sog er tief die Luft ein, bis die Rippen aus der hageren Brust drangen, um dann mit hohl vor dem Mund gehaltenen Händen wilde Schreie auszustoßen. Da hielt uns nichts mehr auf dem Boden. Wir wieherten und trampelten orgiastisch.
Später, als die sinkende Sonne die Spitzen des Buchenwaldes von Rheitlage erreichte, sich erste Schatten auf die Ems legten, setzte Ernst seine Mundharmonika an die Lippen. Mit „Sentimental Journey“ beginnend, blies er ein Potpourri der Schlager von einst. Die Jungen nahmen ihre Mädchen in die Arme und gaben sich ganz den Träumen einer warmen Sommernacht hin. So leben die jungen Leute zu allen Zeiten ihre Freiheit aus. Was Jugendliche heute jedoch oftmals von der gestrigen unterscheidet, ist der Verlust von Werten, resultierend aus den Entbehrungen der Kriegs- und Nachkriegsjahre.
Viele Familien zog es in den Nachkriegssommern in Lingen an die Ems.
Das Schicksal pustete kräftig, als es meine Brüder und mich aus den angestammten Wurzeln riss und über das Land verstreute. Den Älteren über das von Krieg überzogene Europa und den Jüngeren und mich durch das zerrissene Nachkriegsdeutschland in eine fremde Stadt im Westen, die sich anschickte, ihr historisches Kivelingsfest wieder aufleben zu lassen. In dieser Stadt Lingen fanden wir uns nach jahrelanger Trennung wieder.
Kivelingsfest? Wir konnten uns darunter nichts anderes vorstellen, als ein Heimatfest wie in unserer Geburtsstadt, ein Jahr vor Kriegsbeginn. Der Anlass war die soundsovielte Wiederkehr unserer erworbenen Stadtrechte. Alles was Beine hatte, war damals unterwegs. Musikkapellen, Fahnen und Vereine bewegten sich in Uniformen und bunten Trachten durch die Straßen zum Stadtpark. Dort erwarteten die froh gestimmten Menschen Riesenrad, Karussells sowie Nasch- und Spielbuden. Und am Abend ein Feuerwerk.
Was also sollte dieses Kivelingsfest von unserem Heimatfest unterscheiden? Ich wollte es wissen und recherchierte. Im Gegensatz zu einem schlichten Volksfest verfügt das Kivelingsfest über eine jahrhundertealte Tradition. Die Kivelinge fanden ihren Ursprung in einer Wehrmannschaft unverheirateter Bürgersöhne, die 1372 zur Verteidigung der Stadt Lingen gegründet wurde. Traditionsgemäß findet daher alle drei Jahre zu Pfingsten, dem Gründungstag ihrer Vereinigung, der Bürgersöhne-Aufzug statt. Eine zwölfjährige Unterbrechung erfuhr das historische Geschehen durch den zweiten Weltkrieg. Nach Kriegsende, am 19. November 1945, genehmigte der hiesige Kommandant von der Britischen Besatzung die Wiederaufnahme des Vereinslebens der Kivelinge.
Im Verlauf ihrer Geschichte bewiesen die Kivelinge oftmals ihre Verbundenheit mit der Heimat, auch wenn es nicht um die Verteidigung der Stadt ging. So im Jahr 1948, als Übergriffe und Diebstähle die Bürger verunsicherten und die Kivelinge aus eigenem Antrieb die Bewachung ihrer Stadt erfolgreich übernahmen.
Vom ersten Kivelingsfest nach dem Krieg berichtete der Niederdeutsche Kurier am 8. Juni 1949. Die Kivelinge bewirteten am Pfingstsonntag im Kolpinghaus 200 Flüchtlingskinder mit Kakao und Kuchen. Zur Unterhaltung der Kinder führte der unvergessliche Jochem Hamann Puppenspiele auf, bei denen die kleinen Gäste begeistert mitgingen. Für verdiente Mitglieder fand am selben Tag im vollbesetzten Saal der Wilhelmshöhe ein Festkonzert statt.
Pfingstmontag 12 Uhr. Bei strahlendem Sonnenschein und unter den Klängen des Kivelingsmarsches erfolgte auf dem Marktplatz die Königskrönung. Satzungsgemäß darf nur ein gebürtiger Lingener auch König werden.1949 war es Friedel Seemann, ein Lingener Kaufmann, der Gertrud Schulte als Königin an seiner Seite erwählte. Bürgermeister Landzettel überreichte dem König die Throninsignien und schmückte ihn, wie seit altershehr üblich, mit dem silbernen Vogel.
Danach die Riesenüberraschung. Unter dem Beifall der zahlreichen Besucher vor dem Alten Rathaus übergab der amtierende Kommandeur Karl-Heinrich Goosmann dem Bürgermeister eine vom Lingener Goldschmied Hans Wichmann hergestellte goldene Amtskette, mit dem Wappen der Stadt und dem der Kivelinge. Anschließend händigte Stadtdirektor Mainka im Auftrag des Stadtrates den zu jedem Fest fälligen Betrag an die Kivelinge aus.
Als am Nachmittag die Majestäten zum großen Umzug eintrafen, empfing sie eine jubelnde Menschenmenge. Mit den drei Sektionen der Kivelinge und dem Musikzug der Reichsbahndirektion Münster begleiteten Tausende begeisterte Menschen den Umzug durch die mit Birkengrün und unzähligen Fahnen geschmückten Straßen der Stadt zur Wilhelmshöhe, zum Kaffeekonzert. Dieser zweite Festtag endete am Abend mit dem traditionellen Festball im Saal der Wilhelmshöhe.
Festzuhalten ist, dass dieses erste Kivelingsfest nach Kriegsende für alle, die dabei sein konnten, ein unvergessliches Erlebnis war. Viele weitere Bürgersöhne-Aufzüge folgten, die sicher prunkvoller ausgestattet waren und Lingen weit über die Region populär machten. Dennoch war das Kivelingsfest 1949 etwas Besonderes, weil es den daran Beteiligten nach jahrelangem Leid innig herbeigesehnte Lebensfreude bescherte.
Auf zum ersten Kivelingsfest nach dem Krieg. Rechts: Werner Tonske.
Der Mai ist auch als Wonne- und Liebesmonat bekannt. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich vor 40 Jahren mit einer kleinen Zeitungsanzeige testen wollte, wie hoch ich denn wohl noch „im Kurs“ stehe.
Die junge Frau von der Zeitung buchstabierte mein Inserat betont langsam. Dabei meinte ich ein spöttisches Lächeln über ihr hübsches Gesicht huschen zu sehen. „Mit 46 Jahren bin ich wohl bereits ein Grufti, und was meine bescheidene Körperlänge betrifft, stehe ich in der Reihe der zu kurz geratenen. Zwar belasten mich weder Bart noch Bauch, dafür die spärlichen Reste meiner einstigen schwarzbraunen Haarpracht. So betrachtet, bin ich eine nicht vorzeigbare Person oder anders ausgedrückt, der männliche Antityp weiblicher Idealvorstellungen. Verehrte Damen, schreiben Sie mir. Ihre Meinung interessiert mich“, stand da geschrieben.
Ich zahlte, doch kaum war ich draußen, ging der Krach in mir los. „Wie konntest du nur für solchen Quatsch unser Geld rauswerfen. Eitel bist du und ein Dummkopf obendrein“, keifte es in mir. Ich bereute mein Tun umgehend, doch was half’s. Es war nun mal geschehen.
Und schuld daran war meine Frau, die mir nach 23 Ehejahren eröffnete, dass ihr seit Tagen ein Kavalier den Hof mache, der ihr beim Einkauf höflich die Türen offen halte, mit freundlichen Bemerkungen den Tag verschönere und ihr unlängst gar eine rote Rose überreicht habe. So etwas fiele mir längst nicht mehr ein. Unsere Ehe sei eben abgenutzt wie altes Mobiliar, und ich gliche einem ausgedienten Stuhl, dessen Tragfähigkeit bezweifelt werden müsse.
Tagelang litt ich unter meinem zerknautschten Selbstvertrauen. Schmerzhaft bohrte der „ausgediente Stuhl“ in meinem Kopf. Eine Woche hielt ich durch, dann musste ich Gewissheit haben. Wie mich andere Frauen wohl sehen? Die hübsche Dame von der Zeitung händigte mir fünf Briefe aus, die ich zu Hause ungeduldig öffnete. Eines erfuhr ich aus den parfümierten und nicht parfümierten Schreiben: die erhoffte Wertschätzung!
Mit eitel bewegter Stimme las ich dem Foto von meiner Frau auf dem Schreibtisch vor, dass ich mit meiner Bescheidenheit die Sehnsucht einer romantischen Endvierzigerin erfülle, die von einem Rendezvous mit mir träume. Eine andere war von meiner negativen männlichen Selbsteinschätzung angetan, die sie bewundere und neugierig auf mich mache. Und mit einem schlaksigen „Hey, Alter, ich finde Dein Image klasse – und hätte nichts gegen ein Treffen mit dir“, machte eine junge Frau respektlos auf sich aufmerksam.
Erschrocken hielt ich inne. Das Foto meiner Frau auf meinem Schreibtisch schien mich auszulachen. Irritiert rechtfertigte ich mich. „Ich finde, das Angebot der jungen Dame ist sehr schmeichelhaft für mich.“ Ich war enttäuscht. Ein wenig Eifersucht hätte sie schon zeigen können, und wenn es nur das warnende Anheben ihrer Augenbrauen gewesen wäre.
Unzufrieden rückte ich die Brille zurecht. Ich würde ihr nicht weiter vorlesen. Es hätte sich auch nicht gelohnt. Die beiden anderen Briefe waren stark parfümiert und begannen mit: Sehr geehrter Herr, von dem besagte Damen Stellung und Vermögensverhältnisse für mögliche Gemeinsamkeiten zu erfahren wünschten. Danke, meine Damen, diesbezügliche Auskünfte gegenüber dem Finanzamt gehören zu meinen schmerzlichsten Lebenserfahrungen.
Zufrieden rieb ich mir die Hände. Ein weiterer Gang zur Redaktion erübrigte sich – dachte ich, und erhielt am anderen Tag noch eine Zuschrift. Sie war von meiner Frau, die den Zeitungsausschnitt mit dem Inserat und der Rechnung für die Anzeige auf meinem Schreibtisch liegen gesehen hatte. Ich las: „Lieber Grufti, ich muss ein Geständnis ablegen. Ich habe mein Faible für altes Mobiliar entdeckt. Kürzlich bot mir einer neue Möbel an. Wie alles Neue, bestachen sie durch viel Glanz – zu viel Glanz. Wie wohltuend schimmert dagegen der Schein des Altvertrauten, welches uns ein Leben lang begleitet, das mit uns atmet, liebt und leidet…“ Das war vor 40 Jahren. Vor zwei Jahren haben wir diamantene Hochzeit gefeiert.
Eine nostalgische Anwandlung musste wohl über mich gekommen sein, die mich bewog, nach mehr als sechs Jahrzehnten das Anwesen meiner ehemaligen Wirtsleute in Lingen aufzusuchen. Es war nicht zu übersehen, der Zahn der Zeit hatte mächtig am Gemäuer genagt. Das Gebäude war unbewohnt, in einem desolaten Zustand. Nichts erinnerte mehr an die schmucke Doppelhaushälfte mit den sauberen Gardinen hinter blitzblanken Fensterscheiben, an die Blumenpracht auf den Fensterbänken und an die nach frischer Farbe duftende Haustür.
Irgendwann vor oder während des Krieges hatte die Familie Wieshard, aus Recklinghausen kommend, das Anwesen in Lingen erworben. Als ein Sohn im Krieg fiel, blieb das Ehepaar allein im Haus, bis im Sommer 1949 mein Bruder und ich uns ein möbliertes Zimmer bei ihnen teilten. Damals waren wir glücklich, nach unserer Flucht aus der damaligen Sowjetzone wieder ein Dach über dem Kopf zu haben. Zumal uns die beiden Endsiebziger wohlmeinend unter ihre Fittiche nahmen.
Frau Wieshard war, im Kontrast zu ihrem Mann, eine bestimmende Persönlichkeit: quirlig, beredsam und mit einem derben Humor ausgestattet. Dagegen wirkte die Ausgeglichenheit des Herrn Wieshard beruhigend. Sein heiteres Wesen, sein verstehendes Lächeln flößte Vertrauen ein.
Erstaunlich, dass die beiden doch so unterschiedlichen Charaktere großartig miteinander auskamen. Ich erinnere mich, was Herrn Wieshard betraf, an eine Begebenheit an einem sonnigen Sommermorgen. Als ich das Haus für eine Erledigung in der Stadt verließ, beschäftigte sich der Hausherr, im Hof auf der Bank sitzend, mit dem Fahrrad seiner Frau. Es hatte einen Platten.
Ohne Hast, mit ruhigen Bewegungen zu genussvollen Zügen aus der Tabakspfeife, tat er seine Arbeit. Ich blieb stehen, sah ihm ein wenig bei seinem Tun zu. Sein Anblick hätte einem Gemälde mit dem Titel „Der Zufriedene“ als Vorlage dienen können. Diese Ruhe, diese Gelassenheit - wie oft in meinem Leben habe ich sie mir gewünscht.
Als ich nach zwei Stunden zurückkehrte, hatte der Heimwerker soeben sein Tagewerk beendet. Er griff nach der Luftpumpe, um abschließend dem reparierten Schlauch Luft zu geben. Doch nicht, ohne vorher genüsslich einen Schluck aus dem auf dem Tisch stehenden, rosa schimmernden Glas Obstwein genommen zu haben.
Seine Frau beklagte sich einmal darüber, dass ihr Mann zwar auf den trockenen, selbst erzeugten Wein stehe, aber auch den ihren, mit dem milderen Geschmack, nicht verschmähe, wenn sein herber Johannisbeerwein meist zuvor zur Neige gegangen war. Ein wenig eitel war die kleine Frau mit den wachen, hellgrauen Augen schon. Denn allzu gern schwärmte sie von der Zeit, als sie, von der großen Stadt in das „Städtchen“ Lingen kommend, wegen ihrer modischen Kleidung die Aufmerksamkeit der hiesigen „Kleinbürger“ auf sich gezogen habe. Besonders ihr schicker Strohhut mit der breiten Krempe und der blauen Schleife hätte damals allgemeine Bewunderung erregt.
Frau Wieshard war eine propere Frau (ein häufig von ihr benutztes Wort), die auch von ihrer Umgebung Sauberkeit erwartete. Ohne vorher auf der Matte die Schuhe abgestrichen zu haben, durfte niemand das Haus betreten. Sonntags forderte sie spätesten zehn Uhr die „jungen Herren“ auf, aus den Betten zu steigen, bevor diese zu faulen begännen. Zur Belohnung fürs Aufstehen gab es anschließend in der Küche Kakao und frische Brötchen.
War unsere Ersatzmutter einmal besonders gut aufgelegt, kochte sie für uns den begehrten Vanillepudding. Überhaupt, es waren die kleinen Aufmerksamkeiten, mit denen uns unsere Wirtsleute immer wieder überraschten, die den Aufenthalt bei ihnen so erfreulich machten. Ein Jahr lang ließ ich mich im Haus Wieshard verwöhnen und ich hätte diese Vorzüge gern noch länger genossen, wäre nicht ein verlockendes Angebot aus Düsseldorf gekommen, das mich zehn Jahre von Lingen wegführte. Nach meiner Rückkehr erfuhr ich, dass Frau Wieshard in der Zwischenzeit verstorben und ihr Mann nach Recklinghausen zurückgekehrt war.
Beim Ehepaar Wieshard teilten mein Bruder und ich uns 1949 ein möbliertes Zimmer.
Hühner dienen heute vor allem der Züchtung und Vermarktung, sie liefern Eier und Fleisch. „Hühner-Heine“, wie in früheren Zeiten der Lingener Heinrich Groon genannt wurde, waren sie besonders ans Herz gewachsen.
Unsere jungen Zeitgenossen können sich wohl kaum die Lebensweise ihrer Großeltern vor 70 oder 80 Jahren vorstellen. Ein Leben ohne Computer, Facebook und Internet. Oft sogar ohne Elektrizität, dafür mit unglaublich viel Natur, Weite und großen Grundstücken, vor allem in den kleinen Städten und auf dem Land.
Heute halten sich die Leute Hund und Katze, mitunter auch, um der Einsamkeit, der zunehmenden Beziehungslosigkeit zu entfliehen. Das war damals anders. Der überwiegende Teil der Bevölkerung besaß wenig. Das ließ keinen Neid aufkommen. Man lebte zusammen, und jeder wusste vom anderen Bescheid. Geriet einer in Not, dann durfte er der Hilfe seiner Nachbarn gewiss sein.
Seinerzeit verrichteten Hund und Katze nützliche Aufgaben. Der Hund bewachte Haus und Hof, und die Katze hielt Mäuse und Ratten in Schach. Häufig waren auf den Grundstücken Hühnerscharen anzutreffen, die alles vorfanden, was für eine gesunde Hühnerhaltung erforderlich ist.
Mit dem ersten Hahnenschrei erwachte das Leben in den Häusern, begann für die Menschen der Tagesablauf. Und kaum jemand fühlte sich vom „Gackern“ und vom „Kikeriki“ belästigt. Diese Laute gehörten einfach in die Zeit.
Ganz anders heute, wo sich die Menschen an den ohrenschädigenden Lärm von technischen Gerätschaften gewöhnt haben, aber natürliche Geräusche oft als unerträglich laut empfinden. Nicht wenige Gerichtsprozesse gegen Mitmenschen, die es dennoch wagten, einige Hühner zu halten, zeugen davon. Die Ablehnung des modernen Menschen gegen die Lebensart der Vorgänger erklärt sich wohl mit der revolutionären, technischen Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten.
