LOVE CODE - Daniela Felbermayr - E-Book

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Daniela Felbermayr

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Beschreibung

Mit eher gemischten Gefühlen nimmt Lexi Washington einen Job als persönliche Assistentin bei dem Milliardär Josh Jamesson an, als dessen rechte Hand sie fungieren soll, während er auf Brautschau ist. Doch diesen Job hat Lexi sich einfacher vorgestellt. Muss sie sich zunächst noch nur mit ihrem oberflächlichen neuen Boss herumschlagen, der ein arroganter, eingebildeter Schnösel ist, wird sie bald auch noch zusätzlich von Joshs potentiellen Bräuten gepiesackt, die keine Gelegenheit auslassen, um Lexi aufs Gröbste zu schikanieren. Josh Jamesson hält nichts von Liebe an sich. Um seinen geschäftlichen Status und sein Ansehen in der Gesellschaft jedoch zu stärken, braucht er eine Ehefrau an seiner Seite. Und genau die soll ihm von einer Partneragentur vermittelt werden, die sich darauf spezialisiert hat, perfekte Paare aufgrund eines speziellen Algorithmus zusammenzuführen. So verbringt Josh die nächsten Wochen also mit den schönsten, mondänsten und begehrenswertesten Frauen unter der Sonne - und mit seiner nervigen neuen Assistentin Lexi, die ihm mehr Last als Hilfe zu sein scheint. Und obwohl Lexi und Josh verschiedener nicht sein könnten, entsteht bald eine Chemie zwischen Ihnen, die selbst der ausgeklügeltste Algorithmus nicht berechnen könnte. Doch Josh hat weder Zeit noch Interesse an der echten Liebe, denn Geschäft ist schließlich Geschäft ... oder?

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Seitenzahl: 297

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LOVE CODE - (K)Ein Boss zum Verlieben

Daniela Felbermayr

IMPRESSUM

Copyright © 2021 by Daniela Felbermayr

Korrektorat: SW Korrekturen e.U., Sybille Weingrill

Cover: rauschgold unter der Verwendung von Shutterstock

Alle Rechte vorbehalten.

Dieses Buch darf nicht - auch nicht teil- oder auszugsweise, schriftlich oder in irgendeiner digitalen Form vervielfältigt oder zum Download weitergegeben werden.

Für mehr Informationen über die Autorin besuchen Sie ihre Webseite unter www.danielafelbermayr.com

Erstellt mit Vellum

Inhalt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Prolog

Was soll das denn bitte für ein seltsamer Job sein? Das ist doch überhaupt nicht, was du sonst machst? Du verkaufst dich damit völlig unter Wert, Lexi.“ Skeptisch blickte Kelly ihre beste Freundin Lexi an, die an ihrem Cocktail nippte. „Und obendrein … Ich meine, das liest sich wie die Story eines schlechten Films.“

„Na ja, es ist eben ein Job. Und im Augenblick darf ich nicht wählerisch sein. Ich bin heilfroh, dass ich überhaupt eine Zusage erhalten habe. Mit dem Geld, das ich dort verdiene, komme ich die nächsten Wochen über die Runden und muss meine Ersparnisse nicht noch weiter strecken. Außerdem ist es ein einfacher Assistenzjob. Das krieg ich schon auf die Reihe“, sagte Lexi. Sie war heilfroh, nach der langen Zeit, in der sie auf Jobsuche gewesen war, am Vortag endlich eine Zusage – wenn auch eine eher spezielle – erhalten zu haben. Es war zwar keine Stelle, wie sie es sich erhofft hatte, und auch nur zeitlich begrenzt. Aber es war ein Job und der würde ihr für die nächsten paar Wochen Geld einbringen. Und wer wusste schon, was danach war. Immerhin hatte Lexi dann Kontakte in eine gehobene Ebene bei einem der größten Broker des Landes geknüpft. Wenn sie mit Mr. Jamesson gut auskam, konnte der ihr vielleicht einen Job besorgen. Es schadete ja nie, wenn man gute Kontakte ins obere Management hatte. Erst recht nicht, wenn man Wirtschaftsanalystin war und seinen Job vor Kurzem verloren hatte, weil der Vorgesetzte in die eigene Tasche gewirtschaftet hatte.

„Es klingt trotzdem irgendwie seltsam. Ich meine, du hast einen Wirtschaftsabschluss der Columbia. Und dann machst du einen auf persönliche Assistentin für einen Schnösel, der auf Freiersfüßen wandelt?“

Lexi sah ihre beste Freundin an. Es war ja nicht so, dass sie sich darum gerissen hätte, als persönliche Assistentin von Josh Jamesson anzuheuern, aber auf dem Arbeitsmarkt war eben einfach nichts anderes zu finden. Sie hatte ihre letzte Stelle, bei der sie ganze sieben Jahre lang als Wirtschaftsanalystin gearbeitet hatte, vor über drei Monaten verloren und war mittlerweile dem täglichen Kampf ums Überleben ausgesetzt. Sie hatte weiß Gott alles versucht und sich auf gefühlt tausend Stellen beworben. Hatte sie zu Anfang noch selektiert und nur bei Finanzunternehmen nach freien Stellen gesucht, so war sie mittlerweile dazu übergegangen, sich auch auf Assistenzposten und sogar Jobs als Bedienung in Restaurants zu bewerben. Doch der Arbeitsmarkt war hart umkämpft. Um die Jobs, für die sie geeignet gewesen wäre, bewarben sich gleich mehrere hundert ebenfalls erstklassige Wirtschaftsanalysten. Und für die Jobs, die etwas einfacher waren, war sie schlicht überqualifiziert. Lexi war schon klar, dass niemand eine Wirtschaftsanalystin einstellen würde, um in einem Diner Tische abzuräumen, aber sie wollte dennoch nichts unversucht lassen. Wenn sie Glück hatte, war sie zu einem halbherzig geführten Vorstellungsgespräch eingeladen worden. Üblicherweise aber waren unpersönliche, zweizeilige Absagen eingetrudelt, die ihr zwar „versicherten, dass es nicht an ihrer persönlichen Qualifikation lag“, aber genau das Gegenteil bewirkten. Als sie schließlich von einer Headhunterin kontaktiert wurde, die ihr einen auf etwa zwei Monate befristeten Job als persönliche Assistentin des CEO Josh Jamesson in Aussicht stellte, hatte sie zugesagt, ohne groß zu wissen, was sie erwartete. Es war ihr schlichtweg egal, worin ihre Aufgabe für die nächsten paar Wochen bestand, solange sie nur ihr Bankkonto wieder etwas auffüllen konnte. Als sie erfuhr, dass der Industrielle Josh Jamesson eine Assistentin suchte, die ihn während der Partnersuche unterstützte, ihm und den Damen, die er näher kennenlernen wollte, den Rücken freihielt und Dates sowie Ausflüge organisierte, hatte sie kurz gestutzt. Natürlich war auch ihr klar gewesen, dass sie für diesen merkwürdigen Job deutlich überqualifiziert war. Aber es war die einzige Position, die man ihr seit Monaten anbot, und in der Situation, in der sie sich befunden hatte, hätte sie sogar einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, um wieder an Arbeit zu kommen.

„Ich habe keine andere Wahl, als den Job anzunehmen“, erklärte sie Kelly, „und es ist ja nur für ein paar Wochen. Mit dem Geld, das ich verdiene, kann ich mich etwas über Wasser halten. Danach hoffe ich ja doch, dass ich wieder einen „normalen“ Job bekomme. Außerdem ist Josh Jamesson einer der bekanntesten Broker des ganzen Landes. Es kann nie schaden, Menschen wie ihn zu kennen. Vielleicht wird bei ihm ja demnächst eine Stelle frei?“

„Ich würde es ja nicht packen, als persönliche Leibeigene dieses verrückten Milliardärs zu arbeiten“, sagte Kelly. „Hast du ihn einmal gegoogelt? Der Typ ist nicht ganz dicht. Hat nicht alle Tassen im Schrank. Springt mit Frauen um, als würden sie ihm gehören. Der ist ja völlig abgehoben und denkt, nur weil er reich ist, kann er sich alles erlauben. Und jetzt will er sich in ein paar Wochen eine Frau suchen, die er heiraten kann? Das ist ja wohl das Letzte.“

„Aus diesem Grund bin ich ja auch nur seine Assistentin und keine der Damen, die ihn näher kennenlernen will. Es ist ein Job, Kelly. Und ich brauche das Geld. Nicht mehr und nicht weniger.“

Natürlich hatte Lexi sich über ihren zukünftigen Boss auf Zeit informiert. Josh Jamesson war Inhaber eines Finanzunternehmens das Upperclass-Kunden bediente. Sein Vermögen wurde auf etwa 92 Milliarden Dollar geschätzt und somit zählte er ganz offiziell zu den drei reichsten Menschen der Welt hinter Jeff Bezos und Bill Gates. Lexi hatte sich gefragt, wieso es für so einen Mann notwendig war, Frauen zu „casten“, doch dann hatte sie einen Bericht über seinen Tagesablauf gefunden und erkannt, dass dieser Mann zu einhundert Prozent seines Tages verplant war. Als sie noch auf der Uni gewesen war, hatte sie sich selbst für einen Job an der Wallstreet bei einem Broker interessiert, doch sie hatte schnell erkannt, dass dieses Leben auf der Überholspur wohl niemals etwas für sie sein würde. Die Broker und Finanzanalysten wohnten fast in ihren Büros, kamen um sechs Uhr früh zur Arbeit und verließen ihre Arbeitsstelle selten vor Mitternacht. Damals hatte sie sich mit einer Menge junger Broker unterhalten und erfahren, dass jedes Jahr etwa zwei Drittel mehr bei den Unternehmen einstiegen, als überhaupt gebraucht wurden, weil der Großteil ohnehin das Handtuch warf und viele bereits nach der ersten Woche aufgaben. Es kam nicht selten vor, dass ein Broker zum Junkie wurde, weil er das enorme Arbeitspensum nur mit jeder Menge Aufputschmittel und später sogar nur noch mit Kokain bewältigte. Die Selbstmordrate unter Brokern war enorm hoch und die eines Burn-outs noch viel höher. Für Lexi stand also sehr bald fest, dass dieser Job nichts für sie war, und sie bewunderte jeden, der es schaffte, sich jahrelang auf einer solchen Position zu behaupten. Die Gehälter, die Boni und die weiteren Zuwendungen sprachen dafür, dass man durchhielt, aber Lexi war ihre eigene Gesundheit immer wichtig gewesen. Josh Jamesson hatte es bis ganz nach oben geschafft. Er selbst hatte als kleiner Broker bei einem unbedeutenden Unternehmen an der Wall Street angefangen und sich bis an die Spitze hochgearbeitet. Laut seinem Lebenslauf und Berichten über ihn hatte er offenbar ein besonderes Gespür für Aktien und Finanzen und war der Konkurrenz immer um eine Nasenlänge voraus. Jetzt, mit neununddreißig, hatte er so ziemlich alles erreicht, was ein Mann sich nur erträumen konnte. Grenzenlosen Reichtum, Geld und Macht. Sein Privatleben war jedoch über all die Jahre zu kurz gekommen, und bevor er vierzig wurde – so hatte Lexi zumindest von der Headhunterin erfahren, die ihr den Job vermittelt hatte –, wollte er die Frau seines Lebens finden. Offenbar hatte Josh dafür eine ganz spezielle Partneragentur beauftragt, ihm Mrs. Right praktisch auf dem Silbertablett zu servieren. Er hatte Parameter und Voraussetzungen angegeben, die seine zukünftige Frau haben musste, und nach vielen Monaten der Vorselektion hatte die Agentur drei potenzielle Kandidatinnen auserkoren, mit denen Josh einige Zeit auf seinem Landsitz in den Hamptons verbringen wollte, um sich dann für eine Frau zu entscheiden.

Lexi selbst hatte diese Methode etwas seltsam gefunden, weil sie der schlichten Meinung war, dass Liebe nicht auf mathematischen Formeln oder Vorgaben beruhte. Entweder man verliebte sich oder eben nicht. Niemals würde sie es einem Algorithmus überlassen, einen Partner für sie auszuwählen. Aber … sie selbst war ohnehin kein Maßstab für die Liebe. Sie war seit über drei Jahren Single und die Beziehung zu Sean, die sie zuvor gehabt hatte, war auch keine Vorzeigepartnerschaft gewesen. Sie hatte sich ja Mühe gegeben, aber Sean hatte sie niemals gereicht. Er hatte an ihr herumgemäkelt und sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit niedergemacht. Die Trennung von ihm war ihr so nur recht gekommen, und als Neo-Single hatte sie tatsächlich geglaubt, jetzt, mit Anfang dreißig, ihren Traummann finden zu können. Sie und Sean waren jung gewesen, als sie ein Paar geworden waren, und sie beide hatten sich einfach in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Jetzt mit vierunddreißig wusste sie, wer sie war und was sie wollte. Was sie zu geben hatte und was sie sich von ihrem zukünftigen Partner erwartete. Glaubte sie zumindest. Denn schon kurz nachdem sie sich von Sean getrennt hatte, war sie hart auf dem Boden der Single-Realität aufgeknallt. Die Zeiten hatten sich in den letzten Jahren verändert, und durch die Existenz von Dating-Apps und Singles, die praktisch immer, überall und zu jeder Zeit verfüg- und austauschbar waren, war es jetzt viel schwerer geworden, jemanden zu finden, der es ernst meinte, als es vor ein paar Jahren gewesen war. Sie hatte sich auf ein paar Onlinedates und -bekanntschaften eingelassen und bald festgestellt, dass das nichts für sie war. Den „Todesstoß“ in Sachen Dating hatte ihr Darren gegeben, ein Typ aus DC, mit dem sie eine ganze Weile lang guten Kontakt hatte. Sie telefonierten regelmäßig und schickten sich SMS, und sobald es die Zeit zuließ, planten sie ein Treffen. Darren war so herrlich bodenständig, normal und nett. Er sah zwar nicht aus wie ein Laufstegmodel, sondern eher nur durchschnittlich, aber dafür war er nicht falsch, verschlagen und hinterhältig. Sie mochte Darren und genoss es, dass er sie nicht gleich nach ein paar Stunden zu einem Date drängte. Sie ließen es langsam angehen, übereilten nichts. Darren war so herrlich normal und bedacht, und das war es schließlich, was sie suchte. Bis sie eines schönen Sonntagmorgen Facebook öffnete und das Erste, was ihr in die Augen sprang, ein Hochzeitsfoto von Darren mit einer Blondine war. Darunter zahlreiche Glückwünsche und Bekundungen, was für eine hübsche Braut er sich nicht auserwählt hatte. Zunächst glaubte Lexi noch, dass es sich dabei um ein Missverständnis handelte. Immerhin hatte Darren immer beteuert, egal ob im Datingchat oder am Telefon, Single zu sein und auf Mrs. Right zu warten, das konnte sie schwarz auf weiß belegen. Vielleicht war die Blondine seine Schwester. Seine Cousine. Seine beste Freundin vom College. Doch … sie war tatsächlich seine frisch angetraute Ehefrau. Lexi textete ihm, ob seine Frau wusste, was er online so trieb, und er tat das Ganze als lächerlich ab. Immerhin wären er und „Julie“ schon seit über neun Jahren glücklich, sonst hätten sie auch nicht geheiratet. Und dass es völlig egal sei, was in der virtuellen Welt passiere, weil er Julie ja liebte und nur das zählte.

Danach hatte Lexi aufgehört, sich nach einem neuen Mann umzusehen, und für sich beschlossen, dass sie auch allein glücklich sein konnte. Hin und wieder sehnte sie sich zwar schon nach einer starken Schulter, an die sie sich anlehnen konnte, aber im Großen und Ganzen ging es ihr besser, wenn sie auf Dates verzichtete. Dieses Ideal, das sie ständig im Kopf hatte, mit dem ganzen Kerl, der Manieren hatte, der sie behandelte, wie eine Frau behandelt werden sollte, der noch Werte und Moralvorstellungen besaß und der sich auf sie ganz allein fokussierte, existierte schlichtweg nicht. So gesehen war es vielleicht schon ganz in Ordnung, dass Josh Jamesson sein Glück mit Logik versuchte und sich nicht von falschen Schmetterlingen im Bauch leiten ließ.

„Ich finde es dennoch seltsam“, sagte Kelly. Sie konnte sich so gar nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass ihre beste Freundin persönliche Assistentin bei einem liebestollen Milliardär sein sollte.

„Es ist besser als nichts“, relativierte Lexi. „Und ich bin wirklich froh, dass ich diesen Job ergattern konnte.“

„Na dann … auf deinen neuen Traumjob.“ Kelly zwinkerte Lexi zu und hob ihr Glas.

Kapitel Eins

Zwei Tage später trat Lexi ihren neuen Job als persönliche Assistentin an. Ihren Boss hatte sie noch nicht persönlich kennengelernt, weil der keine Zeit für derartige Kleinigkeiten hatte. Sie war von der Headhunterin kontaktiert und zum Vorstellungsgespräch geladen wie auch eingestellt worden. Bei der Zusage hatte man ihr eine Adresse in den Hamptons und eine Uhrzeit bekannt gegeben, zu der sie sich auf dem Anwesen von Josh Jamesson einfinden sollte.

Lexi hatte so einiges erwartet, wenn sie daran dachte, dass sie die kommenden Wochen bei einem Milliardär verbringen sollte. Doch das, was sie erwartete, sprengte dann doch all ihre Vorstellungen. Ihre Augen wurden groß, als das Taxi, mit dem sie vom Bahnhof hierhergekommen war, ein großes Einfahrtsportal passierte. Links und rechts eines gepflasterten Weges gab es ein Gros an Pflanzen und Sträuchern. Weiter hinten baute sich ein großes Herrenhaus vor Lexi auf, das hoch in den Himmel ragte. Sie hatte keine Ahnung, wie jemand so viel Platz brauchen konnte. Dieses Anwesen hier hätte als Luxushotel durchgehen können und vermutlich leicht zweihundert Gäste beherbergt. Ihr eigenes Appartement hätte wahrscheinlich einhundertmal hier hereingepasst, wenn nicht noch öfter. Der Wagen hielt vor einer breiten Treppe, die zu einem Vorbau führte, der von Marmorsäulen getragen wurde. Es gab eine Wendeinsel, in deren Mitte ein Springbrunnen stand. Vögel zwitscherten, als Lexi ausstieg. Sie bezahlte den Fahrer und hievte ihr Gepäck aus dem Kofferraum, dann blickte sie skeptisch zu den Stufen hoch. Sie hatte eigentlich erwartet, dass hier jede Menge los war, wenn sie ankam. Immerhin waren drei potenzielle Partnerinnen für Mr. Jamesson geladen, die Leiterin der Partneragentur würde vor Ort sein und … Lexi war sich sicher, dass Josh Jamesson sein Haus nicht allein putzte und für seine Damen kochte. Doch jetzt, wo sie vor der Tür stand, wirkte das Anwesen verlassen. Sie überlegte, ob sie an der richtigen Adresse war, aber bestimmt hatte ihr die Headhunterin die korrekte Anschrift gegeben. Stimmte das Datum? Der Zeitpunkt? Sie versicherte sich in der Mail auf ihrem Smartphone und stellte fest, dass sie weder am falschen Tag noch zur falschen Zeit angereist war. Sie nahm ihren Koffer und trug ihn die Treppen hoch. Vielleicht sollte sie einfach klingeln?

Oben angekommen, stellte Lexi fest, dass es natürlich keine Klingel gab. Dafür aber war die Tür angelehnt, was sie dazu verleitete, einfach einzutreten. Sie sah auf die Uhr und bemerkte, dass es zwei Minuten vor zehn Uhr morgens war. Um zehn sollte sie ihren Dienst antreten. Sie wollte nicht schon am ersten Tag zu spät kommen und fand sich plötzlich in einer großen, luxuriösen, aber ebenso verlassenen Eingangshalle wieder. Links und rechts eines weiteren Springbrunnens, der sich im Haus befand, führten zwei breite Marmortreppen nach oben auf eine Galerie. Dieses Haus hier … hatte die Ausmaße eines Museums, niemals aber jene eines Wohndomizils, kam es ihr in den Sinn. Sie fragte sich, wie es wohl sein musste, in einem solchen Haus zu leben. Nach dem Büro hierher nach Hause zu kommen. Weihnachten hier zu feiern. Ob es hier wohl ein Wohnzimmer gab mit einem Sofa, auf das man sich fläzen konnte, um irgendwelche Serien auf Netflix zu streamen? Sie lauschte, ob sie von irgendwo Geräusche vernehmen konnte, aber auch hier war alles verlassen. Hatte sich am Ende die Headhunterin im Tag geirrt? Sollte sie gar nicht diesen Montag anfangen, sondern eine Woche später? Nein. Sie war sich ganz sicher gewesen, dass sie ihren Dienst an diesem Tag antreten sollte und nicht an einem anderen. Oder? Sie stellte ihren Koffer ab und kramte noch einmal ihr Handy aus ihrer Handtasche. Melissa Wright, die Headhunterin aus Joshs Firma, hatte ihr eine E-Mail mit allen relevanten Daten geschickt. Sie hoffte wirklich inständig, dass sie sich nicht im Haus geirrt hatte. Was, wenn man sie jetzt überraschte? Würde man sie dann des Einbruchs bezichtigen? Nein. Die Tür war ja nicht versperrt gewesen. Dennoch hatte sie ein Anwesen betreten, auf dem sie sich möglicherweise gar nicht befinden sollte. Was war das dann? Hausfriedensbruch? Unerlaubtes Betreten? Sie öffnete ihr Mailprogramm und suchte nach der Nachricht von Melissa Wright, als die Stille plötzlich durch das Zuschlagen einer Tür unterbrochen wurde.

„Du … bist so ein Riesenarschloch“, brüllte im nächsten Moment eine Frau. Lexi hörte nackte Füße, die den Flur entlangtrampelten. Im nächsten Moment wurden Stöckelschuhe die Treppen hinuntergeschleudert. Ein Schuh verfehlte Lexi nur knapp, der zweite landete polternd vor ihren eigenen Füßen.

„Herrgott noch mal, ich sagte dir doch, dass das zwischen uns etwas Lockeres ist“, hörte sie eine tiefe, sonore Männerstimme, die ihr Schmetterlinge in den Bauch trieb.

„Du hast mich gefickt und jetzt schiebst du mich ab. Drecksack.“ Eine Frau erschien auf dem Treppenabsatz. Sie trug einen pinkfarbenen Tanga und einen BH, der gerade mal ihre Nippel verdeckte, und hatte die restlichen – spärlichen – Klamotten, die ihren Körper bedecken sollten, in der Hand. Lexis Augen wurden groß. Diese Frau sah aus wie eine Puppe. Makellos und unrealistisch. Nichts an ihr wirkte natürlich, alles, als wäre es von einem Designer kreiert worden. Sie hatte volles, langes, blondes Haar, große, blaue Augen, perfekt geschwungene Lippen und einen Teint, auf dem sich nicht eine einzige Pore fand. So ein Aussehen konnte doch niemals gottgegeben sein. Hinter ihr kam ein Mann in Sicht. Lexi musste schlucken, als sie ihn sah. Natürlich hatte sie Josh Jamesson gegoogelt, als sie die Zusage für die Stelle bekommen hatte, doch als er jetzt in Fleisch und Blut – und nur bekleidet mit eng anliegenden Boxershorts – vor ihr stand, wurden ihre Knie weich. Großer Gott. Noch nie hatte sie einen so wunderschönen, perfekten Mann gesehen. Josh war groß und durchtrainiert. Ein Sixpack zierte seinen Bauch, dazu perfekt definierte Brustmuskeln. Sein Teint war zart gebräunt und sein markantes Gesicht wirkte ebenso perfekt wie das der Frau, die jetzt mit bloßen Füßen die Treppe herunterlief. Lexi kam sich klein und wertlos vor zwischen so perfekten Menschen. Schöne Menschen, speziell, wenn sie so wunderschön waren wie Josh und diese Frau, bereiteten ihr immer schon Unbehagen.

„Wenn ich durch diese Tür bin, dann siehst du mich nie wieder“, schrie sie ihn an, als sie an Lexi vorbeihuschte und die Tür aufriss.

„Das ist Sinn der Sache, Babe“, sagte Josh lässig. „Und glaub mir, da, wo du herkommst, gibt es noch so viele andere wie dich.“

Lexi schluckte. Sie wollte nicht bei dieser Konfrontation dabei sein. Sie SOLLTE nicht bei dieser Konfrontation dabei sein.

„Du … du …“, rief die Frau. Dann entspannte sich ihre Haltung und Tränen liefen ihre Wangen hinab. „Wieso kann ich denn nicht die Frau für dich sein, Josh. Ich tue alles, was du willst. Wirklich. Alles. Ich kann mich ändern. Ich kann werden, was du willst.“ Sie wirkte verzweifelt, und Lexi glaubte nicht, was sie da hörte. Sie selbst war im Umgang mit Männern immer ziemlich tough und selbstbewusst. Niemals hätte sie sich einem Kerl so an den Hals geworfen wie dieses Mädchen hier neben ihr.

„Du bist nicht im Geringsten, was ich will“, sagte Josh. „Du bist vielleicht ganz nett für ein paar Nächte, aber du bist nicht, was ich für immer an meiner Seite haben will. Du bist einfach nicht gut genug für mich.“ Er blickte das Mädchen aus eiskalten Augen an, der nun Tränen wie Sturzbäche über die Wangen liefen. Lexi wollte sie am liebsten trösten, doch so, wie es den Anschein hatte, nahmen weder das Mädchen noch Josh Jamesson sie wahr.

„Ich liebe dich, Josh“, versuchte sie es noch ein letztes Mal. Lexi traute ihren Ohren nicht. Josh lachte fast verächtlich.

„Du liebst nicht mich. Du liebst meine Kohle, den Lebensstil, den ich dir bieten kann, und vielleicht noch meinen Schwanz. Aber sonst liebst du rein gar nichts an mir. Und jetzt verschwinde. Ich will nicht, dass du noch hier bist, wenn meine Kandidatinnen eintreffen.“

Lexi warf dem Mädchen einen Blick zu, und für den Augenblick hatte es den Anschein, als würde sie sich Josh an den Hals werfen.

„Geh einfach, geh einfach, geh einfach“, dachte Lexi bei sich und hoffte inständig, dass das Mädchen sich den Rest Stolz, den es irgendwo zusammenkratzen mochte, bewahrte. Josh sah sie immer noch aus eiskalten, tiefblauen Augen an, und vermutlich verstand sie, tief drinnen, dass es egal war, was sie jetzt tat. Er hatte sich gegen sie entschieden. Mit einem Schluchzer verließ sie das Haus und warf die Tür hinter sich geräuschvoll ins Schloss. Jetzt sah Josh Lexi skeptisch an. Es sprach nicht gerade für ihn, dass er erst in diesem Moment feststellte, dass auch sie anwesend war.

„Wer sind Sie, zum Teufel?“, herrschte er sie an. Lexi bemerkte ab dem ersten Augenblick, dass mit diesem Mann nicht gut Kirschen essen war. „Ihnen ist doch hoffentlich klar, dass Sie hier Hausfriedensbruch begehen?“

„Mein Name ist Lexi Washington, ich bin wegen der Partnersuche hier“, sagte sie und biss sich in dem Moment auf die Zunge, wo sie das Wort „Partnersuche“ in den Mund genommen hatte.

„Nein. Nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein“, sagte Josh. „So geht das nicht. Ich hatte klare Anforderungen an die Frauen, die die Agentur mir präsentiert. Ich will Ihnen ja nicht zu nahetreten, aber …“, er taxierte sie von oben bis unten und sah sie an, als wäre sie die hässliche Stiefschwester vom Ding aus dem Sumpf. „Nein. Tut mir sehr leid, Miss, ich hatte Agatha Barnes klare Anweisungen über den Typ Frau gegeben, den ich kennenlernen möchte. Sie … entsprechen dem ja überhaupt nicht.“

Lexi sah Josh mit großen Augen an. Das hatte gesessen. Ihr selbst war natürlich absolut klar, dass Männer von Joshs Schlag andere Frauen kennenlernen wollten als sie. Und das war auch völlig legitim so. Aber derart volle Breitseite mitgeteilt zu bekommen, dass man für einen Mann nicht gut genug aussah, traf sie doch auf gewisse Art und Weise.

„Ich … Mr. Jamesson, ich bin keine Ihrer Bewerberinnen“, sagte Lexi, nachdem sie sich wieder etwas gefangen hatte, „ich bin Ihre persönliche Assistentin.“ Sie hatte Mühe, ihren Blick von seinem Körper zu lassen. Bislang war es noch nicht vorgekommen, dass ihr Boss halb nackt vor ihr aufkreuzte. Diese wie in Stein gemeißelten Muskeln, die Tätowierung, die über seine Brust verlief, und … die Ausbeulung in seinem Schritt, die Großes erahnen ließ, zogen sie magisch an.

„Oh, Sie sind die Assistentin. Ich dachte schon, Agatha wäre wahnsinnig geworden.“ Er sah sie noch einmal an, als wäre sie das schrecklichste Wesen auf dem Planeten. Es war unglaublich, wie dieser Mann ihr das Gefühl geben konnte, minderwertig zu sein.

„Kommen Sie mit in die Küche, so, wie Sie aussehen, essen Sie ganz gern. Ich habe noch nicht gefrühstückt und vielleicht sind Sie ja interessanter als das Wall Street Journal. Bei der Gelegenheit können Sie mir gleich von sich erzählen.“ Josh ging an ihr vorbei und gewährte ihr einen erstklassigen Ausblick auf seine perfekte Rückansicht. Herrgott, dieser Mann war schon ein ganz besonders leckeres Exemplar. Und für sie ungefähr so erreichbar wie der Mars, vom Marianengraben aus gesehen. Aber gut, dass er die Fronten gleich geklärt hatte – wenn auch auf ziemlich direkte Art und Weise. So musste Lexi nicht mit dem Gedanken spielen, ob Josh nicht doch auch für sie geeignet wäre. Sie schüttelte kurz den Kopf. Wie verrückt war sie eigentlich? Der Typ hatte sie die ganze Zeit über, seit er sie wahrgenommen hatte, nur beleidigt. Direkt, aber auch unterschwellig. Und sie überlegte wirklich, ob er Interesse an ihr haben konnte?

Sie folgte ihm durch die Eingangshalle und einen Salon hinaus auf eine Terrasse. Alles auf diesem Anwesen hier sah aus, als stamme es aus einem „Schöner Wohnen“-Magazin. Draußen gab es einen großen Swimmingpool, der mit glasklarem Wasser gefüllt war. Rundherum standen Sonnenliegen und Palmen. Links von ihr war ein großer Esstisch mit einem riesigen Buffet aufgebaut worden, von dem Lexi sich fragte, wer es aufessen sollte. Josh stand davor und lud sich einen Teller voll mit Schinken, Käse und Eiern.

„Schlagen Sie zu“, sagte er, während er Lexi ansah. „Sie sehen aus, als hätten Sie dauernd Hunger.“

„Vielen Dank. Ich habe schon gefrühstückt“, sagte sie und dachte an das labberige Sandwich, das sie sich im Zug gekauft hatte. Sie hätte nichts lieber getan, als sich auch hier noch einmal bedient, aber nachdem Josh ihr unterschwellig vorgeworfen hatte, fett und verfressen zu sein, würde sie sich zurücknehmen.

„Sie wirken nicht so, als würden Sie sonderlich auf Ihre Figur achten“, sagte er und ließ seinen Blick absichtlich langsam ihren Körper hinuntergleiten. Lexi spürte fast, wie er über ihren Halsansatz zur Brust hinabglitt, dann zu ihrer Taille und ihre Hüften fixierte. „Also hauen Sie rein, kostet ja nichts.“

„Danke, aber ich habe keinen Hunger“, sagte sie. Was für ein Arschloch dieser Typ war. Ja, attraktiv und anziehend konnte er schon sein, der gute Mr. Jamesson, aber wie er mit Menschen umsprang, machte ihn unglaublich hässlich.

„Dann setzen Sie sich und erzählen Sie von sich. Melissa sagte, Sie hätten einen Wirtschaftsabschluss an der Columbia?“

„Den hab ich.“ Lexi ließ sich auf einem Stuhl Josh gegenüber nieder. Der begann, ein Brötchen mit Speck und einem Spiegelei zu belegen, und biss herzhaft hinein.

„Und dann heuern Sie als Assistentin für ein paar Wochen hier an? Was haben Sie ausgefressen? Haben Sie Ihren ehemaligen Chef beklaut? Oder sind Sie einfach nicht gut in dem, was Sie tun?“, fragte er mit vollem Mund.

Lexi verschlug es die Sprache. Dieser Typ war doch das Allerletzte.

„Leider wurde meine Stelle gestrichen“, erklärte sie wahrheitsgemäß. „Wie auch in meinem Lebenslauf vermerkt ist, musste das Unternehmen Einsparungen vornehmen, dem leider Gottes mein Job zum Opfer gefallen ist.“

„Also waren Sie tatsächlich nicht gut genug“, schlussfolgerte Josh und biss ein weiteres Mal in sein Brötchen.

„Ich war diejenige, die am kürzesten in der Firma war. Da ist es logisch, dass ich als Erste zu gehen habe.“

„Natürlich. Glauben Sie wirklich, jemand vom Fach lässt einen erstklassigen Mitarbeiter gehen, nur weil er ein paar Tage kürzer im Unternehmen ist als ein anderer? Hätten Sie Ihre Sache gut genug gemacht, müssten Sie jetzt nicht hier für ein paar Kröten Mädchen für alles spielen.“

Lexi seufzte. Sie hatte fast schon damit gerechnet, dass der Job bei Josh nicht sonderlich aufregend werden würde. Sie wusste nicht, was sie erwidern sollte, doch Josh war ohnehin nicht an einer Entgegnung interessiert. Vielmehr schien es ihn zu interessieren, sie bei jeder Gelegenheit niederzumachen.

„Sie wissen, was bei mir auf Sie zukommt?“, fragte er, während er Honig auf ein weiteres Brötchen strich. Wie viel Sport trieb dieser Kerl – und vor allem wann –, wenn er derartige Mengen in sich hineinschaufelte? Diese ganz alltägliche Geste wirkte bei ihm so unsagbar sexy, dass Lexi sich konzentrieren musste, um nicht die wildesten Gedanken zuzulassen. Wieder schalt sie sich, nicht so blöd zu sein. Josh würde sie noch nicht einmal mit der Kneifzange anfassen, wenn man sie ihm nackt auf den gestählten Sixpackbauch binden würde.

„Ähm … es handelt sich um eine Position als persönliche Assistentin. Ich denke, ich habe Termine zu managen, Ausflüge zu organisieren und alles drumherum“, ließ Lexi so viel Spielraum wie möglich.

„Genau“, sagte Josh. „Ich möchte bei dieser Aktion hier die Frau kennenlernen, die ich demnächst heiraten werde. Genauer gesagt wird am Ende des Experimentes eine Hochzeit stattfinden. Ich heirate direkt im Anschluss die Frau, für die ich mich entschieden habe. Sie verstehen sicher, dass ich diese Zeit mit meinen Kandidatinnen so gut wie möglich nutzen möchte. Ich will sie in völlig entspannter Umgebung kennenlernen. Ich will ihnen die Wünsche von den Augen ablesen und ihnen die Sterne vom Himmel holen. Und da kommen Sie ins Spiel. Wenn eine der Frauen zum Frühstück ein Kobe-Steak haben möchte, das auf einem goldenen Palmenblatt serviert wird, organisieren Sie es. Wenn eine von ihnen mit Delfinen in meinem Salzwasserpool schwimmen will, buchen Sie uns Flipper. Wenn eine von ihnen auch nur ansatzweise einen Wunsch äußert, sind Sie zur Stelle und erfüllen ihn ihr. Capito?“

Lexi sah Josh entrüstet an. Sie überlegte, ob sie ihm mitteilen sollte, dass sie fand, dass dieses Kennenlernen unter völlig falschen Voraussetzungen stattfand, doch dann wurde ihr bewusst, dass es ihr gar nicht zustand, dazu ihre Meinung abzugeben. Die Welt, in der Josh Jamesson sich bewegte, war eine andere als ihre. In seiner Welt drehte sich alles um Oberflächlichkeiten. Um Geld, Macht und Schönheit. Natürlich lernte man sich da unter völlig anderen Voraussetzungen kennen als in Lexis normaler Welt, wo man vielleicht Pizza essen und anschließend ins Kino ging.

„Geht klar“, sagte sie daher und schluckte all das, was sie eigentlich hatte sagen wollen, hinunter. Das hier war nicht ihre Welt, das war ihr klar. Wie falsch sie zu diesem Zeitpunkt doch lag, wusste sie jedoch noch nicht.

Kapitel Zwei

Klopf, klopf.“ Nachdem Lexi und Josh sich eine Weile unterhalten hatten, stand plötzlich eine kleine, aufgebrezelte Frau auf der Terrasse. Lexi war heilfroh, nicht länger im Kreuzfeuer von Joshs Beleidigungen stehen zu müssen. Dieser Mann ließ kein gutes Haar an ihr und hatte an allem, was sie sagte, etwas auszusetzen. Die Frau, die jetzt auf die Terrasse getreten war, wirkte ein kleines bisschen überkandidelt, aber dennoch herzensgut. Josh stellte sie als Agatha Barnes vor, die Inhaberin der Partneragentur „Forever“. Ein ziemlich aussagekräftiger Name, wie Lexi fand. Agatha würde vor Ort sein, wenn die Damen anreisten, um noch Fragen zu beantworten und hilfreich zur Seite zu stehen. Dann würde sie Josh und die Kandidatinnen allein lassen, damit die alle Zeit der Welt hatten, um sich kennenzulernen.

„Miss Barnes, schön, dass Sie es geschafft haben.“ Josh stand auf und reichte der Dame die Hand, die ebenso wie Lexi vorhin ihre Mühe hatte, ihren Blick nicht an seinem Körper festzuheften. Diesmal war er aber weniger angriffslustig wie bei Lexi, sondern ganz im Gegenteil ziemlich höflich und zuvorkommend. Lexi dachte daran, wie es sich wohl anfühlen musste, wenn ein Mann wie Josh sich um jemanden bemühte. Sie schüttelte den Kopf. Solche Gedanken waren die letzten, die sie sich jetzt machen sollte.

„Es freut mich sehr, dass es heute endlich so weit ist, Mr. Jamesson“, sagte sie und strahlte ihn an. Lexi hätte ihren rechten Arm darauf verwettet, dass sie nur zu gerne mit einer seiner Kandidatinnen getauscht hätte, unabhängig davon, dass sie locker seine Mutter hätte sein können. „Und wer ist das da?“ Sie sah Lexi an.

„Das ist … die Assistentin, die den Damen und mir in den kommenden Tagen zur Seite stehen wird, damit wir uns ausreichend kennenlernen können. Miss …“ Er hatte ihren Namen vergessen, obwohl Lexi sich vorhin mit vollem Namen vorgestellt hatte. Klar. Menschen wie sie waren für Menschen wie Josh nicht wirklich von Bedeutung. Lexi erhob sich und reichte der Frau die Hand. „Lexi Washington. Freut mich sehr“, sagte sie.

„Lexi? Kommt das von Alexandra?“, fragte Agatha.

„Von Alexis. Meine Mutter war Denver-Clan-Fan, als sie mit mir schwanger war, und fand offenbar den Charakter von Alexis Colby gut“, erklärte Lexi. Sie hatte die Geschichte hinter ihrem Namen schon oft erzählen müssen.

„Das ist aufregend. Ich finde es gut, wenn es eine Geschichte hinter einem Namen gibt. Und unter uns: Ich habe mir den Denver-Clan auch sehr gerne angesehen.“ Die alte Dame zwinkerte und Lexi schloss sie ins Herz.

„Sind Sie schon aufgeregt, Mr. Jamesson? Die Damen werden bald anreisen“, fragte Agatha und wandte sich wieder an Josh.

„Ich freue mich schon sehr auf jede einzelne von ihnen“, antwortete er. „Deshalb sollte ich mir nun auch etwas anziehen.“ Er sah an sich hinunter, und Lexi bedauerte es, diesen göttlichen Körper bald in Kleidung verhüllt sehen zu müssen. Sie wunderte sich über sich selbst. Normalerweise empfand sie Männern gegenüber nicht derart niedere Gelüste, dass es ihr am liebsten gewesen wäre, derjenige würde die ganze Zeit über nackt vor ihr herumtingeln. Aber Josh … löste etwas ganz Besonderes in ihr aus, was denkbar fehl am Platz war. „Bitte entschuldigen Sie mich. Nehmen Sie Platz und essen Sie, es ist genug da.“ Er deutete auf das Buffet und verschwand dann im Inneren des Hauses. Verstohlen warf Lexi ihm einen Blick hinterher. Er war schon ein außergewöhnlich attraktives Exemplar. Agatha bemerkte Lexis Blick.

„Man glaubt kaum, dass er eine Partneragentur zurate zieht, was?“, sagte sie, während sie sich am Buffett einen Teller mit Obst zurechtmachte.

„Na ja, bei dem Arbeitspensum bleibt wohl wenig Zeit“, sagte Lexi.

„Und Sie? Sind Sie aufgeregt im Hinblick auf Ihren neuen Job?“ Agatha sah sie an, während sie ein Stück von einem Melonenschnitz abschnitt und es zum Mund führte.

„Aufgeregt?“

„Na ja, immerhin werden Sie live miterleben, wie Liebe entsteht. Wie sie wächst und blüht, wie aus zwei Menschen eins wird. Das ist doch etwas ganz Besonderes, finden Sie nicht?“

Lexi hatte Mühe, die Augen nicht zu verdrehen. Sie hatte, seit ihren letzten Erfahrungen mit Männern, ihre ganz besondere eigene Sicht auf Liebe. Nämlich, dass die nur ein großer Haufen Mist war. Das sagte sie Agatha natürlich nicht.

„Haben Sie schon Ihren Seelenpartner gefunden?“, wollte die wissen. Lexi sah sie an. „Ich? Oh, nein. Ich bin für eine Beziehung eher nicht geschaffen“, sagte sie. In den letzten Monaten hatte sie sich das wirklich eingeredet. So motiviert, wie sie nach ihrer Trennung gewesen war, sich nun endlich auf Mr. Right konzentrieren zu können, so hart war sie mittlerweile auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Der Singlemarkt heutzutage war wie ein Schlachtfeld.

„Aber, Kindchen, jeder ist für Zweisamkeit geschaffen“, sagte Agatha. Lexi bemerkte, dass ihr Ton etwas Geschäftsmäßiges angenommen hatte. Genau so würde sie wohl mit potenziellen Kunden sprechen, die ihre Dienste in Anspruch nehmen wollten, sich aber noch nicht zu einhundert Prozent sicher waren. Lexi würde definitiv nicht zu ihrem Kundenkreis zählen. Abgesehen davon, dass sie es sich ohnehin nicht leisten konnte, bei einer derart exklusiven Partneragentur aufgenommen zu werden, hatte sie wirklich die Nase voll von Männern.

„Ich sehe das eher so, dass nicht jeder Mensch auf der Welt sein Glück unbedingt von einer Partnerschaft abhängig machen muss“, entgegnete Lexi. „Es geht mir auch so ganz gut. Ich führe ein tolles Leben. Ich habe großartige Freunde, eine wunderbare Familie. Ich … habe eigentlich alles, was ich brauche. Und außerdem finde ich es fast traurig, dass es auch heute immer noch Menschen gibt, die ihr Lebensglück davon abhängig machen, ob sie einen Partner an ihrer Seite haben oder nicht.“

Agatha kramte in ihrer Birkin Bag herum. Das Geschäft mit der Liebe musste unglaublich gut laufen, wenn sie sich eine solche Handtasche leisten konnte. Aber Lexi wusste ja, dass viele einsame Herzen wirklich einen Haufen Kohle investierten, um endlich ihr Gegenstück zu finden. Agatha zog einen Packen Papiere heraus, die von einem Heftstreifen zusammengehalten wurden. Lexi erinnerten sie an ihren Aufnahmetest an der Uni. Damals hatte sie einen nicht unerheblichen Teil davon noch offline machen müssen. „Sehen Sie das durch, Liebes, und füllen Sie es aus, wenn Sie Zeit finden. Dann geben Sie es mir zurück.“

„Was ist das?“ Lexi nahm die Blätter an sich, die aussahen wie ein Drehbuch.

„Das ist der Fragenkatalog, den alle Mitglieder meiner Agentur beantworten müssen“, sagte Agatha nicht ohne Stolz. „Darauf basiert die Zusammenführung zweier Partner. Es gibt einen streng geheimen Schlüssel, einen Algorithmus, nach dem die Antworten ausgewertet werden. Auf dieser Basis ist es mir möglich, für all meine Mitglieder den passenden Partner zu finden. Sobald zwei Menschen über 75 % gemeinsamen Score erreichen, mache ich sie miteinander bekannt. 80 % sind nahezu der Garant für eine wunderbare Partnerschaft. Mein höchster Score bisher waren 87 %. Das Paar ist seit über vierzehn Jahren glücklich verheiratet.“

„Das ist schön“, sagte Lexi und blätterte den Fragenkatalog oberflächlich durch. „Aber glauben Sie nicht, dass Liebe etwas anderes ausmacht als gemeinsame Antworten auf einen Persönlichkeitstest?“ Sie sah Agatha fragend an.

„Ach Liebes, das ist so viel mehr als ein Persönlichkeitstest“, sagte Agatha. „Probieren Sie es aus. Ich bin mir sicher, auch Ihren perfekten Partner zu finden.“

„Ich …“, begann Lexi. Zu gerne hätte sie Agatha geglaubt. Aber nach Monaten des Belogen-und-betrogen-Werdens, des Ghostings, des Einfach-so-Abtauchens, des Auf-mehreren-Hochzeiten-gleichzeitig-Tanzens, des „Ich-will-mich-nicht-auf-eine-konzentrieren-weil-es-da-draußen-noch-so-viele-tollere-als-dich-Gibt’s" war sie zu dem Entschluss gekommen, lieber gar keinen Mann mehr kennenlernen zu wollen. „Ich glaube nicht, dass das das Richtige für mich ist.“

„Überlegen Sie es sich“, sagte Agatha. „Und wenn Sie so weit sind, sagen Sie mir Bescheid.“

Lexi legte den Fragenkatalog zur Seite. Sie würde sich hüten, sich noch einmal auf derartige Spielchen einzulassen, egal ob digital oder in Papierform.

„Und die Frauen, die heute hierherkommen, haben diesen Test gemacht und wurden von Ihnen mit Mr. Jamesson gematcht?“

„Genauso ist es. Ich habe drei wunderbare Frauen für Mr. Jamesson gefunden, die untereinander unterschiedlicher nicht sein könnten. Aber jede auf ihre eigene Art und Weise würde ihn wunderbar ergänzen.“ Sie kramte wieder in ihrer Birkin Bag herum und holte drei Heftmappen hervor. „Das hier sind die Kandidatinnen. Sie sind allesamt, was Mr. Jamesson sich optisch vorstellt. Und sie bieten ihm, jede auf ihre eigene Weise, was er menschlich braucht.“ Sie reichte Lexi die Mappen und die nahm sie an. Die erste schlug sie auf. Das Profil, das Agathas „Forever“-Agentur erstellt hatte, sah auf den ersten Blick aus wie ein Lebenslauf. Es gab ein Foto im Profil, ein Ganzkörperbild und Eckdaten zu der Person. Dahinter kamen die Antworten auf die Fragen, die die Person gegeben hatte, und verschiedene Skalen und Tabellen, die veranschaulichten, wie die Antworten der jeweiligen Frau zu den Antworten von Josh passten.

Die erste Frau war eine Rumänin namens Ivanka. Sie war mit fünfundvierzig einige Jahre älter als Josh und wirkte mondän und auf den ersten Blick extrem schön. Sie hatte blond gesträhntes, langes Haar, einen gebräunten Teint und war Inhaberin eines Fitnessblogs mit über zwanzigtausend Followern. In der Zusammenfassung über Ivanka stand, sie lege wert, von einem wohlhabenden Gentleman wie eine Frau behandelt zu werden, und ihr Ziel war es, als hübsches Vorzeigeobjekt jede Gala und jede Veranstaltung mit ihrem Mann aufzuwerten. Lexi zog die Stirn kraus. Das konnte doch nicht wahr sein, oder? Es war tatsächlich das Ziel von jemandem, als hübsches Mäuschen wahrgenommen zu werden? Ivanka sagte über sich, dass es ihr wichtig wäre, wie ein Mann aussah, und noch wichtiger, dass er ihr ein schönes Leben bieten konnte. Ihr Ziel sei es, die Frau an der Seite des Mannes zu sein. Reisen zu unternehmen und von ihm wie eine Frau wahrgenommen zu werden. Lexi legte das Exposé weg. DAFÜR hatte Josh ein Vermögen hingelegt? Dass ihm eine am Geld interessierte Ostblockschönheit in den mittleren Jahren präsentiert wurde? Das hätte er doch auch billiger haben können, oder? Sie schlug die nächste Mappe auf und der Kontrast zwischen der Frau, die ihr nun entgegensah, und Ivanka hätte größer nicht sein können. Lori war einundzwanzig und hatte eine Ausbildung zur Nageldesignerin absolviert. Sie sagte über sich selbst, dass sie einem finanziell attraktiven Mann einen jungen, schönen Körper würde bieten können. Dass sie im Gegensatz zu älteren Frauen noch formbar war und dass sie als optischer Aufputz an der Seite ihres neuen Mannes glänzen wollen würde. Sie war bereit, ihrem zukünftigen Partner in einigen Jahren Kinder zu schenken, wenn er es sich wünschte, wollte aber die nächsten Jahre die Welt bereisen und es sich gut gehen lassen. Sie mochte es, Geschenke zu erhalten und wenn ihr Partner ihr einfach so schöne Dinge kaufte. Lexi legte auch diese Mappe zur Seite und öffnete die letzte. Eine streng dreinblickende Frau mit blondem Scheitel und einer Brille in einem Businesskostüm war auf dem Foto abgebildet. Sie bildete den stärksten Kontrast zu den beiden anderen. Ihr Name war Andrea, und sie war wie Josh Brokerin an der Wall Street. Ihr Lebenslauf las sich völlig anders als die Lebensläufe der anderen beiden. Sie hatte in Yale studiert, leitete eine Abteilung bei einem bekannten Broker und hatte ihr Leben durchgeplant. Sie war auf der Suche nach ihrem männlichen Pendant, wollte die wenige Freizeit, die ihr blieb, mit dem richtigen Mann teilen. Aber sie sei sehr selektiv und hatte hohe Ansprüche. Wenn es eine von diesen drei Frauen für Josh hätte sein müssen, dann hätte Lexi am ehesten auf Andrea getippt. Obwohl sie irgendwie verhärmt und kalt wirkte, würde sie am besten zu ihm passen.

„Ich weiß genau, was Sie jetzt denken, mein Kind“, sagte Agatha und lächelte Lexi an. „Und bevor Sie die Frage stellen, möchte ich sie Ihnen beantworten: Ja, das sind tatsächlich drei vielversprechende Kandidatinnen für Mr. Jamesson. Jede auf ihre Weise. Ich lege großen Wert darauf, meinen Kunden unterschiedliche Charaktere zu präsentieren, damit er sich für den Typ Frau entscheiden kann, der ihm am meisten zusagt. Ihm dreimal dieselbe Frau zu präsentieren, einmal in Blond, einmal in Dunkelhäutig und einmal in Asiatisch, würde nichts bringen. Das wäre derselbe Typus Frau, der sich nur aufgrund von Äußerlichkeiten unterscheidet. Mir ist wichtig, dass ich ihm dieselbe Frau in drei unterschiedlichen Varianten vorstellen kann. Jede dieser drei Frauen deckt das Anforderungsprofil von Mr. Jamesson auf ihre ganz besondere Art und Weise vollständig ab“, erklärte Agatha. „Wir haben Ivanka, die mondäne Schönheit, die einem den Atem raubt. Die durch und durch eine Lady ist. Die Luxus liebt und die Mr. Jamesson nach Strich und Faden verwöhnen kann. Die sich nicht wie verrückt an ihn klammert, sondern die um ihre weiblichen Waffen durchaus weiß. Dann haben wir Lori. Sie ist die kindliche Femme fatale. Sie ist blutjung und ihren Konkurrentinnen in Sachen Figur meilenweit voraus. Sie ist die Einzige, die ihm Kinder schenken will. Sie würde auf gewisse Art und Weise Mr. Jamessons Vaterinstinkt ansprechen, aber das kann für eine Beziehung sehr förderlich sein. Lori ist weder kompliziert noch subtil. Sie ist schön, naiv und jung. Drei der Punkte, die Mr. Jamesson an seiner Partnerin haben will. Andrea hingegen ist intelligent, gebildet und unabhängig. Sie und Mr. Jamesson wären ein Powercouple. Könnten sich gegenseitig zu Höchstleistungen antreiben. Wären intellektuell auf einem Niveau. Sie sehen also, jede einzelne dieser Frauen hat etwas zu bieten, was sie zu Mr. Jamessons persönlicher Traumfrau machen könnte.“

Lexi verzog das Gesicht. Das hier war ihrer Meinung nach nicht die Definition von wahrer Liebe. Sie blätterte noch einmal durch das Exposé von Andrea.

„Was bedeutet die 62?“, fragte sie, als ihr eine Zahl auffiel, die dick und rot gleich auf der ersten Seite prangte. Lexi bemerkte, wie Agatha etwas unruhig wurde.

„Die 62 … das ist … ähm … der gemeinsame Score von Mr. Jamesson und Andrea.“ Lexi blickte auf. „Aber sagten Sie nicht, dass alles ab 75 zu einer guten Beziehung führen kann? Das heißt dann ja im Umkehrschluss, dass alles unter 75 … sinnlos ist.“

„So kann man das nicht sagen, Miss Washington“, relativierte Agatha, „Und ja, Sie haben wohl recht, dass alles unter 75 schwierig ist, aber …“

Lexi unterbrach. Sie hatte in der Zwischenzeit die beiden anderen Scores gecheckt und festgestellt, dass Josh und Lori 53 und er und Ivanka nur 48 hatten.

„Es war gar nicht so leicht, Kandidatinnen für Mr. Jamesson zu finden“, sagte Agatha. „Und natürlich ist ihm auch bewusst, dass die Damen, die wir ihm präsentieren, nicht die absoluten Volltreffer sind. Das ist bei so besonderen Menschen mit derart erlesenen Ansprüchen wie die, die Mr. Jamesson hat, durchaus üblich. Außerdem machen wir immer wieder die Erfahrung, dass Partnerschaften auch aus sehr niedrigen Scores entstehen können. Wir haben ein Pärchen mit Score 41, die sich trotz aller Widersprüche gefunden haben.“

„Aber … Josh Jamesson ist doch ein Volltreffer. Was an ihm ist so schwierig, dass es in ganz New York beziehungsweise im Umland keine Frau für ihn gibt?“

„Manchmal stehen sich Männer wie Josh selbst im Weg. Er hat unglaubliche Ansprüche an die Optik einer Frau, sodass ein großer Teil potenzieller Partnerinnen schon einmal durch den Rost fällt. Und dann … war es unglaublich schwer, die Ansprüche zu erfüllen, die er an Charakter, Intellekt und Emotionalität einer Frau stellt.“

„Und was passiert, wenn ihm keine dieser drei Frauen zusagt? Werden ihm so lange neue vorgestellt, bis es einmal passt?“, wollte Lexi wissen.

„Mr. Jamesson ist darüber informiert, dass es sehr schwer war, geeignete Kandidatinnen zu finden“, begann Agatha, und Lexi fand diese Aussage seltsam. Sie hätte geglaubt, Josh wäre ein Typ, der aus dem Vollen schöpfen konnte. Wenn allerdings nur drei Frauen von Abertausenden auf ihn passten – und das gerade mit Ach und Krach –, dann musste er schon eine unglaublich schwierige Persönlichkeit sein.

„Am Ende dieses Experimentes wird er definitiv eine der drei Kandidatinnen vor den Altar führen. Wissen Sie, Lexi, die Liebe, die Ehe, Verbindung, ist für viele verschiedene Menschen unterschiedlich. Sie sehen Liebe möglicherweise als etwas ganz anderes an als ich. Oder als Mr. Jamesson. Als unsere Kandidatinnen. Mein Job ist es, Menschen mit ähnlichen Ansichten und höchstmöglichen Scores zusammenzuführen.“

„Ich verstehe“, sagte Lexi, um die Diskussion abzukürzen. Es war ganz schön mühselig, Liebe als etwas Wissenschaftliches zu betrachten, sodass sie lieber das Thema wechselte.

„Was für ein wunderbarer Ort. Ich sehe mich schon meine Yogaübungen hier machen“, rief plötzlich eine rauchige Stimme. Lexi und Agatha blickten auf und entdeckten eine Frau Mitte vierzig in der Tür stehen. Ivanka. Sie trug ein grellrotes Kleid mit enormem Ausschnitt, der ihre gemachten Brüste zur Geltung brachte. Dazu einen roten Hut mit breiter Krempe. Obwohl es hier draußen mittlerweile ziemlich heiß war, war sie stark geschminkt. Lexi machte sich noch nicht einmal so zurecht, wenn sie abends ausging, aber für Ivanka war das wohl Tages-Make-up. Ihre Füße steckten in Stilettos, auf denen Lexi vermutlich noch nicht einmal hätte stehen können.

„Ivanka, meine Liebe, schön, dass Sie es geschafft haben.“ Agatha stand auf und begrüßte den Neuankömmling. „Sie sind die Erste.“ Ivanka nahm Agatha nur am Rande wahr und beäugte viel aufmerksamer das Anwesen, das ihr zu gefallen schien. „Hatten Sie eine angenehme Anreise?“

„Ja. Josh hat mir eine Limousine geschickt“, sagte Ivanka in starkem, osteuropäischem Dialekt. „Wo ist er denn? Ich möchte ihn kennenlernen.“

„Mr. Jamesson wird gleich zu uns stoßen“, sagte Agatha. „In der Zwischenzeit möchte ich Ihnen Lexi Washington vorstellen. Sie ist Ihre persönliche Assistentin für die nächsten Tage.“

„Ich habe eine persönliche Assistentin?“ Ivanka wirkte begeistert, warf Lexi jedoch einen abschätzigen Blick zu. Die schnaubte innerlich. Wenn das der Typ Frau war, der bei Männern in ihrem Alter angesagt war, dann würde sie wohl für den Rest ihres Lebens allein bleiben.

„Miss Washington steht Mr. Jamesson, Ihnen und den beiden anderen Kandidaten für die Dauer Ihres Aufenthaltes als Assistentin zur Verfügung“, brachte Agatha etwas durcheinander. Eigentlich sollte Lexi nur die Assistentin von Josh sein. Aber nicht die seiner Dates. Das Ganze richtigstellen wollte sie jedoch auch nicht. Diese Ivanka übte ein merkwürdiges Gefühl auf Lexi aus, und sie hielt es für cleverer, besser nichts zu sagen, was sie aufregen konnte.

„Gut. Dann bring mein Gepäck nach oben und packe es aus, Assistentin“, sagte Ivanka in herrischem Ton in Richtung Lexi. „Ich habe alles in der Eingangshalle abgestellt. Und sei vorsichtig mit deinen rauen Händen. Da ist viel Seide dabei. Sieh zu, ob du irgendwo Handschuhe herbekommst. Ich möchte nicht, dass du meine kostbaren Stücke beschädigst.“ Lexi überlegte, ob sie Ivanka und Agatha darauf hinweisen sollte, dass sie hier nicht als Hausmädchen für die Dates engagiert worden war und dass sie noch nicht einmal wusste, wo die Frauen untergebracht wurden, doch als im nächsten Moment Josh durch die Tür trat, verwarf sie diesen Gedanken wieder. Er sah großartig aus. Trug Jeans und ein Hemd, dessen Ärmel er lässig nach oben gerollt hatte. Seine Brustmuskeln waren darunter leicht erkennbar, und in diesem Augenblick verkörperte er alles, was Lexi an einem Mann schätzte. Was sie sich bei einem Mann wünschte. Als er Ivanka erblickte, hielt er für einen Augenblick inne.

„Wow“, sagte er dann sichtlich beeindruckt. Er nahm sie in seine Arme, küsste sie links und rechts auf die Wange und drückte sie sanft an sich. Ivanka genoss die Behandlung sichtlich.

„Du bist wunderschön“, sagte Josh, und es hatte den Anschein, als hätte er seine Entscheidung bereits jetzt gefällt, ohne die beiden anderen Kandidatinnen überhaupt gesehen zu haben. Er hielt Ivankas Hand und die drehte sich wie eine Primaballerina einmal um die eigene Achse. „Ich bin übrigens Josh.“

„Ivanka“, stellte sie sich noch einmal vor und erklärte, dass es in Rumänien üblich sei, sich nach dem gegenseitigen Bekanntmachen noch einmal zu küssen – auf den Mund. Lexi hätte ihren Arm darauf verwettet, dass es ein derartiges Ritual in Rumänien nicht gab. Ivanka wollte nur ihre Position als erste Kandidatin festigen und noch einmal in den Genuss kommen, Josh so nahe zu sein.

„Sie haben wirklich erstklassige Arbeit geleistet, Agatha“, sagte Josh. „Ich wusste ja, dass Ivanka der Jackpot unter den Kandidatinnen ist, aber … dass sie so perfekt ist …“

Lexi verdrehte die Augen. Dieser Typ übertrieb maßlos. Ivanka war eine aufgebretzelte Tussi, von der sie gar nicht wissen wollte, wie sie ohne Make-up aussah. Aber ihr war bewusst, dass Männer auf diesen Typ Frau einfach abfuhren. Lexi war stolz darauf, dass sie nicht erst Schichten von Make-up und Kleister brauchte, um vor die Tür gehen zu können. Dass sie ihr Leben selbst in der Hand hatte und von niemandem abhängig war. Aber natürlich war ihr längst bewusst, dass Männer auf Frauen standen, die in ihnen den Beschützerinstinkt auslösten. Die ihnen das Gefühl gaben, der Stärkere, der Mächtigere zu sein. Diesen Instinkt hatte Lexi noch nie in jemandem ausgelöst, was wohl auch immer der Grund gewesen war, warum sie niemals eine feste Bindung hatte halten können. Sie war wohl zu tough. Zu selbstständig. Und egal, ob sie einen Mechaniker oder einen Chirurgen gedatet hatte, am Ende des Tages wollten die Kerle immer ein Mäuschen, das leicht zu beeindrucken war und den Beschützerinstinkt in ihnen auslöste.

„Sagte ich dir nicht, du sollst meine Kleider auspacken und in den Schrank räumen, Assistentin“, herrschte Ivanka Lexi plötzlich an. Die traute ihren Ohren nicht. Für einige Augenblicke herrschte Totenstille. Agatha sagte nichts und plötzlich begann Josh zu lachen.

„Da hat jemand schon ganz ordentlich das Zepter hier im Haushalt übernommen, was?“ Er lachte und drückte Ivanka an sich. Lexi wartete irgendwie darauf, dass das alles hier als Scherz aufgelöst wurde, aber nichts passierte. Offenbar ging Josh wirklich davon aus, dass es zu ihrem Job gehörte, Ivankas Klamotten auszupacken.

Obwohl sie wusste, dass sie hier eine stinknormale Assistentinnenstelle angenommen hatte, hatte sie die Art und Weise, wie Ivanka mit ihr umgegangen war, tief getroffen. Selbst wenn sie ein Hausmädchen hier wäre, so hätte sie es sich verdient, mit Respekt behandelt zu werden. Dann fiel ihr ein, dass sie sich zum ersten Mal seit Monaten in einem Angestelltenverhältnis befand. Ihr war ja von Anfang an klar gewesen, dass es sich bei diesem Job um einen Assistenzposten handelte. Nicht mehr und nicht weniger. Und sie wusste auch, dass manche Vorgesetzte eben ungemütlicher waren als andere. Erst recht, wenn es sich um abgehobene Tussis handelte, die sich nur über ihr Aussehen identifizierten. Und besser dieser Job als gar kein Job. Sie würde ihren Stolz runterschlucken müssen und die nächste Stunde eben damit verbringen, Ivankas Kram auszupacken, sobald sie herausgefunden hatte, wo sich deren Schlafzimmer befand.

Kapitel Drei

Als Lexi die Eingangshalle betrat, traute sie ihren Augen nicht. Sie hatte keine Ahnung, wie lange Ivanka gedachte, hierzubleiben, aber für drei Wochen – so lange sollte das Kennenlernen zwischen Josh und seinen Kandidatinnen andauern – brauchte sie doch niemals so viel Kram. Lexi zählte ganze 18 Koffer, sieben Taschen und vier Kosmetikköfferchen. Allein dieses ganze Zeugs an seinen Bestimmungsort zu transportieren, würde eine logistische Mammutaufgabe bedeuten. Sie bereute, den Job bei Josh angenommen zu haben. Ja, ihr war klar gewesen, dass sie hier nicht sehr viel mehr als Assistenzarbeiten zu verrichten hatte. Aber dass sie die Leibeigene von einer überkandidelten Tussi sein würde, damit hatte sie nicht gerechnet.

„Kann ich Ihnen helfen, Miss?“ Lexi drehte sich um und ein Mann in Dienstbotenuniform und mit bereits ergrauten Haaren, der unglaublich viel Stil ausstrahlte, stand vor ihr. Er lächelte sie freundlich an.

„Oh, ja. Ich … ich frage mich, wo all diese Koffer hinmüssen“, sagte Lexi und deutete auf den Haufen an Gepäck.

„Dann sind Sie also eine von Mr. Jamessons Kandidatinnen?“ Der Dienstbote wirkte erfreut.

„Nein, ich bin nur die Assistentin“, antwortete Lexi. „Kandidatin Nummer eins ist gerade hinten auf der Terrasse.“ Sie warf einen Blick nach draußen, wo Ivanka sich immer noch an Josh schmiegte. Lexi hatte keine Ahnung warum, aber es nervte sie irgendwie. Klar nervte es sie. Wer würde sich nicht wünschen, die Aufmerksamkeit eines Mannes wie Josh Jamesson auf sich zu ziehen. Aber sie selbst würde dafür ohnehin nicht infrage kommen. So charmant, wie er vor dieser Gewitterziege war, so von oben herab hatte er sie behandelt.

„Können Sie mir vielleicht sagen, wo die Zimmer für die Kandidatinnen sind? Dann könnte ich das Gepäck hier schon mal hinbringen“, sagte Lexi.

„So wie es aussieht, sollten wir dafür den Lastenaufzug nehmen“, sagte der Dienstbote. „Warten Sie, ich hole einen Gepäckwagen, und dann bringen wir die Sachen dorthin, wo sie hinmüssen.“ Er verschwand hinter den Treppen, und Lexi war heilfroh, jemanden gefunden zu haben, der sie nicht als Leibeigene ansah. Der Dienstbote war nett. Wenigstens einer.

Im nächsten Moment hörte Lexi Absätze auf dem Marmorboden der Eingangshalle klackern.

„Ist das nicht heiß, Leute? Hier werde ich bald wohnen. Was meint ihr, sehe ich nicht rattenscharf vor all diesen alten Skulpturen aus?“ Ein blutjunges, blondes Mädchen in einem hautengen Kleid, das sie vermutlich für fünfzehn Dollar bei Forever21 erstanden hatte, kam aus einem Flur zurück in die Halle. Das musste Lori sein. Sie war genauso stark geschminkt wie ihre Konkurrentin Ivanka, strahlte jedoch keine solche Mondänität und Arroganz aus. Obwohl Lori Lexi viel sympathischer war als die erste Kandidatin, fragte sie sich, warum das Mädchen es für notwendig gehalten hatte, einen derartigen Ausschnitt zur Schau zu tragen. Man wurde förmlich dazu genötigt, hinzustarren, und Lexi fragte sich, ob das Kleid, das Lori trug, dafür gemacht war, es tagsüber zu tragen, oder ob es sich dabei eher um „Bettwäsche“ handelte. Niemals im Leben hätte sie selbst gewagt, derart aufzutrixen wie das junge Mädchen vor ihr. Jetzt bemerkte Lori Lexi.

„Oh, hi. Ich bin Lori“, stellte sie sich vor. „Bist du auch hier wegen dem Milliardär?“

Lexi fand das Mädchen, obwohl sie ziemlich seltsam auftrat, sympathisch. Immerhin hatte sie geglaubt, Lexi wäre ebenfalls eine von Joshs Kandidatinnen.

„Nein, ich bin Lexi. Ich bin die Assistentin von Mr. Jamesson“, sagte sie und fühlte sich merkwürdig dabei. Wenn sie sagte, dass sie Joshs Assistentin war, dann klang das irgendwie unglaublich vertraut und intim. Dabei hatte Josh sie kaum eines Blickes gewürdigt und sie bei den wenigen Momenten, in denen er sie wahrgenommen hatte, runtergeputzt.

---ENDE DER LESEPROBE---