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Lüchow und Kuala Lumpur — zwei Städte, die wohl nur selten in einem Atemzug genannt werden. Fast ein Viertel des Erdumfangs und sieben Zeitzonen voneinander entfernt, könnten die Kleinstadt im Wendland und die Millionenmetropole in Malaysia kaum unterschiedlicher sein. In der pulsierenden Kapitale nahe der Straße von Malakka wollen der Autor und seine Frau einen frühen Ruhestand genießen. Als dann aber die mehrjährig vorbereitete Auswanderung nach Malaysia im letzten Moment scheitert muss schnell eine Lösung gefunden werden, denn die Brücken zurück ins alte Leben sind bereits abgebrochen. Auf Umwegen aus Südostasien wieder zurück in Deutschland angekommen, suchen die beiden in aller Eile nach einer realistischen und zugleich attraktiven Alternative zum gescheiterten Lebensplan — und finden eine neue Heimat im dünnbesiedelten östlichen Zipfel Niedersachsens.
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Seitenzahl: 246
Veröffentlichungsjahr: 2022
Carsten Kaftan
Lüchow statt Kuala Lumpur
Unsere gescheiterte Auswanderung
1. Auflage 08/2022 mit 5 BildseitenTaschenbuch-Ausgabe
© 2022 Carsten Kaftan
ISBN Gebunden: 978-3-347-68159-0
ISBN Taschenbuch: 978-3-347-68154-5
ISBN Großdruck: 978-3-347-68174-3
ISBN eBook: 978-3-347-68172-9
Druck und Distribution im Auftrag des Autors: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland
Titelseite: Lüchower Amtsturm (links oben) und Petronas-Türme (unten), Aufnahme und Montage Carsten Kaftan. Fotografien im Innenteil (Seiten 35, 55, 153, 155, 189): Aufnahme Carsten Kaftan oder entsprechend der Angabe. Rückseite: Erdkugel, Aufnahme NASA, Bearbeitung Carsten Kaftan
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung »Impressumservice«, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.
Man muss verstehen, die Früchte seiner Niederlagen zu ernten.
Otto Stoessl
Liebes Lesy, liebe Leserin, lieber Leser,
bitte gestatten Sie, dass Ihnen im Text einige ›y‹ mehr als gewohnt begegnen. Gendergerecht formulieren ohne Verschnörkelungen und Sonderzeichen? Vielleicht eignet sich das ›Entgendern nach Phettberg‹ als aussprech- und schriftbildfreundliches Verfahren, das hier behutsam auf die Probe gestellt werden soll: Ist kein bestimmtes Geschlecht gemeint, wird das Ypsilon als Wortendung verwendet.
Trotz meiner Bemühungen um eine wahrhaftige und genaue Darstellung: Außer auf Tagebucheinträge, Vermerke und diverse Unterlagen stützt sich dieser Text zum großen Teil auch auf Erzählungen und Erinnerungen, die naturgemäß mit der Zeit variieren beziehungsweise verblassen, und ist schon deshalb nur der Versuch einer Annäherung an die Realität. Zudem werden einige Vorgänge zusammengefasst, gekürzt, neu arrangiert oder ganz weggelassen, wo ein Kompromiss zwischen präziser Auflistung und anschaulicher Darstellung geschlossen werden muss, um den Erzählfluss und damit auch die Lesbarkeit nicht übermäßig zu beeinträchtigen.
Und ganz abgesehen davon handelt es sich hier natürlich um meine persönliche Sicht der Dinge — häufig kritisch gegenüber anderen, im allgemeinen nachsichtig mit mir selbst, aber sicherlich nicht fair und ausgewogen. Um Bloßstellungen zu vermeiden wird deshalb versucht, die gemeinten Personen und Organisationen nicht identifizierbar nachzuzeichnen. Unweigerlich wird dieser Text viele Irrtümer und Fehler enthalten, was alleine mir zuzuschreiben ist — Hinweise, Korrekturen und Anmerkungen (aber bitte keine Pöbeleien) sind willkommen; ich freue mich auf Nachricht von Ihnen.
Lüchow, den 06.06.2022
Carsten Kaftan, www.carstenkaftan.de
Inhalt
Kapitel 1 Trübe Aussichten
Kapitel 2 Wenn dein Pferd tot ist
Kapitel 3 Erste Reise
Malaysia
Philippinen
Kapitel 4 Vorbereitungen
Kapitel 5 Visa-Antrag
Kapitel 6 Bürokratische Stockung
Kapitel 7 Visa-Zusage
Kapitel 8 Punkt ohne Wiederkehr
Kapitel 9 Zwischenspiel
Kapitel 10 Zweite Reise
Aufbruch nach Kuala Lumpur
Bei der Visa-Beschaffung
Der letzte unbeschwerte Tag
Dunkle Wolken am Horizont
Schiffbruch
Ausharren
Gestrandet
Abschied von Malaysia
Auf Umwegen nach Hause
Kapitel 11 Neuorientierung
Kapitel 12 Nach Lüchow
Kapitel 13 Auf neuem Kurs
Kapitel 14 Nach Lüchow
Kapitel 15 Zwischenspiel
Kapitel 16 Meine allerletzten Angestelltentage
Kapitel 17 Nach Lüchow
Kapitel 18 Servus München
Nachbetrachtung
Über den Autor
Kapitel 1
Trübe Aussichten
Di, 26.09.2017 – Do, 26.10.2017
Diese Geschichte beginnt mit einer Visite des Abteilungsleiters, nennen wir ihn im Folgenden Herrn Uterberg, in unseren Büros am 26. September im Jahr 2017. Wir, das sind die drei Datenbankadministratoren Arthur: Urgestein, seit vor der Jahrtausendwende in der Firma; Rolf: seit sechs Jahren dabei; und meine Person, Carsten: als Leiter dieses kleinen Teams seit Ende 2001 an Bord. Seit einigen Jahren belegen wir zusammen mit einem weiteren Kollegen aus einem anderen Team eine kleine Suite aus zwei Räumen mit Verbindungstüre, gut gelegen im ersten Stock, mit Blick in die Weite und viel blauen Himmel — sehr viel angenehmer als das ehemalige Büro neben der dauerlauten LagerhallenKlimaanlage und mit einer weißen Hauswand wenige Meter vor dem Fenster. Ein Bonus ist die Platzierung im Personalmanagementbereich — die Damen (und wenigen Herren) sind freundlicher und gepflegter als die Techies im Erdgeschoss im Systemmanagementtrakt.
Wie also Herr Uterberg zu unserer Verblüffung mitteilt, müssen wir die Zimmer im ersten Stock aufgeben, denn bei einer Begehung sei schon im vergangenen Jahr festgestellt worden, dass unser teilweise gelähmte Kollege Arthur im Brandfall das Gebäude nicht schnell genug verlassen könne. Und von dieser Entscheidung profitiere nicht nur Arthur, sondern wir alle — wir dürften nämlich wieder zurück zu ›den anderen‹ ins Erdgeschoss ziehen. Er, der Abteilungsleiter, hätte sich bemüht, ausreichend Platz für uns zu finden, sich mit verschiedenen Vorschlägen aber nicht durchsetzen können, bis die Entscheidung auf ein kleines Zweipersonen-Büro gefallen sei. Die beiden dort aktuell Ansässigen würden umgesiedelt, und stattdessen für uns drei geeignete Arbeitsplätze eingerichtet — denn das Datenbankadministrationsteam solle keinesfalls getrennt werden, und natürlich weiterhin eng (hahaha, so wortwörtlich hat er es wohl nicht gemeint) zusammenarbeiten können. In spätestens einem Monat müssten wir umziehen.
Nachdem Herr Uterberg nach diesen Eröffnungen das Zimmer wieder verlassen hat, schauen wir drei uns groß an. Abgesehen davon, dass eine in ihrer Beweglichkeit deutlich stärker eingeschränkte Kollegin problemlos in einem höheren Stockwerk arbeiten darf (woran sich bis zu meinem Ausscheiden gut zwei Jahre später auch nichts ändern wird), steht Arthur knapp zwei Jahre vor seinem Ruhestand — vier Jahre lang hatte sich niemand an seinem eigentlich gar nicht so hochgelegenen Arbeitsplatz gestört. Alle zusammen pilgern wir ins Erdgeschoss und inspizieren das vorgesehene Domizil: Ein kleiner und versiffter Raum, in dem früher offenbar intensiv geraucht und mit Kaffee und anderen Getränken gekleckert und gespritzt wurde, dunkel, muffig, fleckig, schmierig, mit viel staubigem Mobiliar zugestellt; wenigstens hat man aus den Fenstern einen schönen Blick auf einige Bäume und Sträucher.
Wir Datenbankadministratoren (kurz ›DBA‹) haben schon länger das Gefühl, dass unsere Insel der Seligen bedroht ist: Bisher konnten wir, solange die Arbeitsergebnisse gefielen und die Datenbanken schnell und sicher liefen, in einem komfortablen Umfeld vergleichsweise eigenständig arbeiten. In den letzten Monaten fielen aber auf der Vorgesetztenebene zunehmend häufiger mehr oder weniger direkte Bemerkungen, dass wir nicht eng genug in die Abteilung eingebunden seien, es an Abstimmung fehle, man nicht genau wisse, was wir genau machten, und so weiter. Einige Auswüchse der einschlägigen begleitenden Organisationsänderungen — etwa Aufgabenlisten mit minutengenauen (!) UhrzeitVorgaben, wann welcher Auftrag zu erledigen sei — wurden nach längeren Diskussionen entschärft; andere — ausufernde Abstimmungsrunden, Detailkontrolle von Arbeitsschritten, Entziehung von Ressourcen, und ähnliches mehr — mussten wir hinnehmen. Da fügt sich die angekündigte Vertreibung ins Bild.
An diesem Abend spreche ich mit meiner Frau Heti ein weiteres Mal über meine Arbeitsplatzsituation. Bis vor wenigen Jahren ging ich unbekümmert davon aus, ohne Weiteres gegebenenfalls bis zur Rente bei diesem Unternehmen arbeiten zu können: Die abwechslungsreiche und verantwortliche Arbeit lag mir, die Zusammenarbeit mit Vorgesetzten und Kollegys war zum größten Teil vertrauensvoll und unterstützend, und nach meinem Eindruck wurde die Arbeit des DBA-Teams allseits geschätzt. Einige personelle Wechsel in der Hierarchie über mir, mit spürbaren Auswirkungen auf Mitarbeiterführung und Arbeitsatmosphäre, führen mittlerweile zu einer gewissen Ernüchterung.
Kommentare meines derzeitigen Bereichsleiters, er soll hier Dollor heißen, wie: »Ich habe Sie gestern schon um siebzehn Uhr nach Hause gehen sehen.«, als ich den Arbeitsplatz wegen eines Besuchs früher als üblich verließ, und angesichts unzähliger Überstunden; oder »Ich finde das putzig, wie der Kollege J. und Sie sich immer wieder streiten.«, bezüglich unterschiedlicher fachlicher Meinungen zwischen einem Kollegen und mir, als ich mir dringend eine Entscheidung gewünscht hätte; oder auch »Ihr Gehalt ragt leuchtturmhaft über das Ihrer Kollegen heraus, und passt nicht mehr in die Gehaltsstruktur.«, beim Mitarbeitergespräch, zeigen seit einiger Zeit deutlich, dass auch in der Führungsebene über dem Abteilungsleiter die Verdrossenheit über die Leitung der Datenbankadministration wächst.
Allerdings habe ich bisher noch gehofft, mich einigermaßen elegant halten zu können. Aber ab heute also der nächste Schritt vom Einzelbüro (bis vor ein paar Jahren) über ein Doppelbüro (bis jetzt) zum Dreipersonenbüro (übrigens etwas kleiner als mein früheres Einzelbüro; zwei Jahre später wird sich mit Unterstützung des Gewerbeaufsichtsamtes feststellen lassen, dass die Fläche für drei Mitarbeiter nicht genügt). Heti hört sich meine Darlegungen an und wir verbleiben mit der Absprache, fürs Erste den Ärger herunterzuschlucken, und in nächster Zeit sachlich und nüchtern über unsere Perspektiven nachzudenken.
Wenn schon eine Frist gesetzt wird, nutzen wir diese auch bis zum letzten Tag aus — trotz der erwartungsvollen Kommentare aus dem Kollegenkreis, welche die Spanne von freundlich (»Schön dass ihr zurückkommt, dann sind die Wege kürzer.«) bis grinsend (»Na, schon fleißig am Umziehen?«) abdecken; beengte Arbeitstage werden wir schließlich noch genug erleben. Dass wir erst einmal gelassen im alten Büro verbleiben verursacht Irritationen, aber es dauert sowie ein bisschen länger, bis das neue Büro für drei Mitarbeiter eingerichtet ist: Abgesehen vom Abbau und Abtransport des vorhandenen Schrankes müssen nämlich auch drei normale Bürotische durch Demontage der Eckanbauplatten verkleinert werden, und dazu müssen die Tische fast völlig zerlegt und neu zusammengeschraubt werden — zur nicht allzu großen Begeisterung derjenigen, die auf mehrere Tage verteilt viele Stunden damit zubringen müssen, die Büromöblierung auf passendes Format zu schrumpfen. Am 26. Oktober ist der gewährte Gnadenmonat vorbei und wir richten uns eine Etage tiefer ein; schließlich wollen wir nicht warten, bis wir aus den Bürostühlen gehoben und hinuntergetragen werden.
Kapitel 2
Wenn dein Pferd tot ist …
Fr, 27.10.2017 – Sa, 03.02.2018
… steig ab, sollen die Dakota-Indianer empfehlen. Nun ist ein angeordneter Büroumzug eigentlich kein großes Drama, auch wenn sich ein statusbewusster Bürohengst darüber aufregt, dass er zukünftig schlechter gestellt werden soll. Aber ich möchte auch nicht zu jenen tragischen Gestalten gehören, welche die vielen Signale zwar hören aber nicht beachten, und stets vergeblich weiter hoffen, dass das jetzt alles war und es nicht schlimmer kommen wird. Dummerweise lassen sich solche Entwicklungen erst aus der Rückschau mit Sicherheit erkennen, aber auch ohne Kristallkugel schätze ich eine glorreiche Zukunft für mich in dieser Firma als fraglich ein.
Allerdings: Meine Frau Heti und ich leben komfortabel im Goldenen Käfig, eine Veränderung wird zuerst eine Verschlechterung bedeuten. Eine so passgenaue Stelle wie bisher, interessant, mit vielen Freiräumen und gut bezahlt, werde ich wohl nicht mehr finden. Und wir wohnen in einem geräumigen Haus mit großem Garten, keinen Kilometer von meiner Arbeitsstelle entfernt; inzwischen — seit dem Einzug 2004 ohne Mieterhöhungen — im Vergleich recht günstig, mit freundlicher Nachbarschaft und in ansprechender Umgebung. Gräfelfing, direkt vor den Toren Münchens, ist eine nette kleine Gemeinde, in welcher wir uns gut eingelebt haben. Meine Frau ist mir entsprechend meinen Lebensetappen von Hannover nach Neufahrn nach Unterschleißheim nach Gräfelfing gefolgt (liebe Heti, ganz herzlichen Dank!); darf ich uns ein weiteres Mal entwurzeln, nur weil ich nörgelig und unzufrieden bin? Andererseits wollten wir nach dem Auszug unserer beiden Söhne, der nun auch schon etliche Jahre zurückliegt, neue Perspektiven entwickeln (was natürlich nicht geschah), und so lange wie hier wohnten wir zuvor noch nie zusammen an ein und demselben Ort. Was mich betrifft, sind es das erste Mal in meinem Leben über zehn Jahre Stillstand.
Die Überlegungen über unsere Zukunft wandern recht schnell in Richtung Ausstieg aus dem Angestelltendasein. Woanders wird, ohne ein sehr glückliches Händchen bei der Stellensuche, abhängige Arbeit auch nicht grundsätzlich anders ablaufen; ich habe keine Lust mehr auf substanzlose Meetings, engstirnige Vorgaben und fiese Bürointrigen, ich möchte meinen Tagesablauf zukünftig selbstständig und nicht weisungsgebunden gestalten können. Und wer würde mich schon haben wollen, älter, wenig kompromissbereit und ziemlich eingefahren? Und mir dazu auch noch ein Gehalt in bisher gewohnter Höhe zahlen? Wir ziehen Bilanz: Unsere finanzielle Situation ist recht komfortabel; bei geringeren Lebenshaltungskosten, also wenn wir nicht gerade in der Umgebung von München bleiben, können wir viele Jahre problemlos durchstehen. Abgesehen von unserer Katze Cadisha, die wir vor einiger Zeit — mit ihrer hoheitsvollen Billigung — von einer verstorbenen Nachbarin übernommen haben, um ihr das Tierheim zu ersparen, ist niemand von uns abhängig. Und es ist höchste Zeit für einen Wechsel, vielleicht sogar für ein kleines Abenteuer, solange wir noch in einem Alter sind, in dem wir uns flexibel und leistungsfähig auf neue Umstände einrichten können.
Irgendwann, woher genau weiß ich nicht mehr, vielleicht weil unser jüngerer Sohn Patrick schon seit ein paar Jahren auf den Philippinen lebt, schlägt der Geistesblitz ein: Auswanderung! Was kann schon passieren? Notfalls kehren wir wieder zurück, ansonsten erleben wir unser Leben und verplempern nicht viele wertvolle Lebensjahre — ich in der Tretmühle, zu der mein Arbeitsplatz wurde, und meine Frau … ähm, nun ja. »Ich bin hier und jetzt eigentlich ganz glücklich,« meint sie, »bei dieser Sache geht es mehr um dich.« Aber auch Heti erwärmt sich langsam für diese Idee, auch wenn die Begeisterung mehr auf meiner Seite sprudelt. Es ist doch ein Geschenk des Himmels in einer Zeit zu leben, in der uns die Welt offensteht! Wir versprechen uns gegenseitig selbst, besonnen vorzugehen, nicht mit dem Kopf durch die Wand zu wollen sondern die Realität nicht aus den Augen zu verlieren, Notfalllösungen bereitzuhalten, und unser Leben nicht zu ruinieren. Über eine gedankliche Hürde kommen wir nur schwer hinweg: Den Verzicht auf mein restliches Lebenseinkommen, also grob geschätzt das derzeitige Jahresgehalt multipliziert mit den Jahren bis zur Rente. Der Verlust dieses potentiellen Vermögens wird absehbar nicht annähernd kompensiert werden können.
Aus den übervielen verfügbaren Informationen zur Auswanderung kompilieren wir eine Liste der vielversprechenden Kandidaten. Wichtig sind unter anderem Lebenshaltungskosten, gesellschaftliche und politische Situation, Infrastruktur, Fremdenfreundlichkeit, Landessprachen, Möglichkeiten zur Lebensgestaltung und ein auf absehbare Zeit stabiler Aufenthaltsstatus. Wir wollen Diktaturen und extreme Armut vermeiden, es soll ein interessantes Land mit vielen Möglichkeiten sein, und auch die Katze soll sich wohlfühlen können. Europa scheint uns zu teuer (Frankreich) oder zu deprimierend (Bulgarien), eventuell Portugal oder Spanien? Uruguay liegt abgelegen und isoliert zwischen Argentinien und Brasilien; Mexiko, Ecuador, Kolumbien & Co. sind zu kriminell. Thailand ist eine Militärdiktatur, Vietnam eine kommunistische Diktatur, in Indien ist das gesellschaftliche Klima nicht mehr sehr gut.
Schnell kristallisiert sich ein Land heraus, das wir bisher gar nicht im Blick hatten: Malaysia. Eine islamische Monarchie, aber trotzdem anscheinend weltoffen und modern, weitgehend englischsprachig, ganzjährig feucht hochsommerlich (das muss man allerdings erst einmal abkönnen), mit moderaten Lebenshaltungskosten. Zudem in der Nähe von Patrick und der Familie der Ehefrau unseres älteren Sohns Alexander (die Philippinen und Vietnam sind nur kurze Flüge entfernt). Und es gibt, stabil seit vielen Jahren, ein genau passendes Visa-Angebot mit besonders guten Bedingungen für Menschen ab 50 Jahren: ›Malaysia My Second Home‹ oder abgekürzt ›MM2H‹. Bei Erfüllung bestimmter Kriterien bezüglich Gesundheit und Einkommen, ohne Vorstrafen und nach Hinterlegung eines größeren Geldbetrages erhält man ein beliebig oft verlängerbares 10-Jahre-Aufenthaltsrecht. Dieses Visaprogramm existiert seit 2002; bis 2018 wurden insgesamt 42 271 Visa erteilt. Die meisten Teilnehmys kommen aus der asiatischen Nachbarschaft (mehr als die Hälfte aus China + Hongkong), aber auch ein kleiner Anteil Europäys und US-Amerikanys ist seit Jahren dabei. Das alles klingt fast zu gut um wahr zu sein; wir suchen nach Erfahrungsberichten, die aber ebenfalls ganz überwiegend ausgesprochen positiv ausfallen, sowohl bezüglich der Lebensqualität für Ausländys als auch des Visaprogramms.
Nach allen bisher gesammelten Informationen könnte Malaysia ideal für uns geeignet sein; weitere Informationen aus dritter Hand werden bei der Entscheidungsfindung nicht weiterhelfen — meine Frau und ich entschließen uns zu einer Erkundungsfahrt dorthin, um das Land persönlich in Augenschein zu nehmen und eigene Eindrücke zu gewinnen. Wir stimmen zusätzlich einen anschließenden Besuch bei Patrick und seiner Freundin auf den Philippinen ab — wenn wir schon mal in der Gegend sind —, und bereiten die Reise für den nächsten Februar vor.
Nach dem Entschluss für die Malaysia-Expedition zähle ich in dem dem Datenbankadministrationsteam neu zugewiesenen Büro die Arbeitstage bis zum Februar ungeduldig herunter. Viel Privatsphäre ist dort anfangs nicht gegeben, am zweiten Tag nehme ich von zuhause einen Paravent mit, um nicht jede Eingabe meines Schreibtischnachbarn mitverfolgen zu müssen. Unser Abteilungsleiter spendiert dann auf Firmenkosten eine weitere Trennwand, um das bisschen Sichtschutz zwischen den drei Schreibtischen zu vervollständigen. Schwieriger ist die Beseitigung des unangenehmen Hintergrundgeruchs; wer morgens als erster das Büro betritt muss erst einmal ausführlich lüften, damit sich der angestaute Mief verzieht, und im Laufe des Tages reißen wir immer wieder die Fenster weit auf. Unser Kollege Arthur benötigt eine warme Umgebung um Verkrampfungen zu vermeiden; offenbar dünstet die Heizung im Dauerbetrieb aus.
»Hat uns nicht gestört. Am besten Ausglühen.« ist der Vorschlag, als ich einen der vorherigen Bürobewohner auf den Gestank anspreche.
»Das gab es noch nie!« ist die entgeisterte Reaktion der Haustechniker auf meine Anfrage nach einer Reinigung der Heizkörper.
Kollege Rolf und ich besorgen uns also lange, schmale Bürsten, legen eines Januar-Tages den Boden um die Heizkörper dick mit Zeitungen aus und machen uns mit viel Wasser ans Werk. Unglaublich, was für eine Plörre sich in der Wanne sammelt, immer wieder müssen wir das Wasser auswechseln. Und natürlich treten bald nach Arbeitsaufnahme diverse Bedenkenträger im Zimmer auf, die mit traurigem Kopfschütteln vor allen möglichen Konsequenzen warnen, bis hin dass mit dieser Aktion die Stabilität des gesamten Gebäudes gefährdet werde, und wer überhaupt für eventuelle Schäden hafte?
Unbeirrt lassen wir die Dummschwätzer gewichtig herumtönen ohne sie weiter zu beachten, das sind ja schließlich auch nicht diejenigen, die hier begast werden. Klares, frisches Wasser scheint hier im Erdgeschoss eine gefürchtete Substanz zu sein — die Sauberkeit des Zimmers spiegelt diese Einstellung deutlich wider. Vor einiger Zeit, damals noch im ersten Stock, traf ich bei einem Sonntagseinsatz auf eine Kollegin aus der Personalabteilung, welche einen Schreibtisch nass abwischte, denn »so kann ich das am Montag der neuen Kollegin nicht zumuten«. Hatte die Dame damals bewusst einen Tag gewählt, an dem die Begegnung mit einem wasserscheuen Bedenkenträger praktisch auszuschließen war? Mein Kollege und ich sind hier und heute nicht so zaghaft, wir treten allerdings auch zu zweit und schon allein dadurch viel robuster auf.
Unzählige schmale Öffnungen zwischen den Blechen wollen gesäubert werden; nach einigen Stunden Einsatz sind die Bürsten völlig abgenutzt, aber endlich strahlen die Heizkörper Sauberkeit aus. Die Mühe hat sich unzweifelhaft gelohnt, auch ohne dauerndes Fensteraufreißen ist die Raumluft im Vergleich zu vorher fast schon frühlingshaft frisch; die versiffte Heizung war also tatsächlich die Ursache der schlechten Luft. Und ein bisschen mehr Helligkeit verschaffen wir uns auch noch: Vor den Fenstern hängen vier senkrechte VorhangLamellen zum Abdunkeln, auch zusammengeschoben ist damit immer mindestens ein Viertel der Fensterfläche verdeckt. Wir rollen die Lamellen auf und binden sie oben zusammen, woraufhin sich überraschend — das Gewicht ist doch gleichgeblieben — die Gleitschiene lockert und einige Zentimeter von der Decke absenkt. Ganz vorsichtig, damit sich die Dübel nicht vollständig aus ihren Bohrlöchern lösen, fixieren wir die zusammengerollten Bahnen oben an der Schiene und voilà: Der Blickwinkel ist gleich viel weiter, der Raum wirkt ohne Vorhanggedöns etwas größer, und von hinten erreicht die Schreibtische mehr Licht. Und zumindest bis zu meinem Ausscheiden aus dem Unternehmen hat sich die Gleitschiene an der Decke halten können.
Aber auch in den neuen Räumlichkeiten lassen sich die anliegenden Aufgaben und Projekte bearbeiten; neben vielem anderen optimieren wir die automatischen Datenbanküberwachungen und -auswertungen und planen die anstehenden Datenbankupgrades; Tätigkeiten, welche die Datenbankadministration verbessern und zukunftssicher ausgestalten sollen.
Wenige Tage vor der Abreise nach Malaysia lädt mich der Abteilungsleiter zum offiziellen jährlichen Mitarbeitergespräch ein; ein Formularpunkt ist die Frage nach »arbeitsplatzbezogenen Themen, die Sie aktuell besonders beschäftigen«. Nachdem ich die Unterschrift unter sein Protokoll zunächst verweigere, wird die von mir verwendete Formulierung »eingepfercht im Drecksloch« wortgetreu in dieses aufgenommen, auch wenn Herr Uterberg diesen Tonfall ausdrücklich nicht gutheißt. Für mich ist diese offizielle schriftliche Fixierung eine Art Absicherung; falls es im Verlauf einer nicht mehr allzu unwahrscheinlichen Trennung zu Diskussionen über die Ursachen kommen sollte, möchte ich gegen erstaunte Ausrufe im Stil von »Aber Herr Kaftan, wenn wir das bloß gewusst hätten! Warum haben Sie denn nichts gesagt?« in aller Klarheit gegenhalten können. Ich bin auch froh, dass ich vor ein paar Jahren anlässlich eines Vorgesetztenwechsels ein Zwischenzeugnis erbeten und erhalten habe — nachdem dieses sehr gut ausgefallen ist sollte es jetzt gegebenenfalls schwerfallen, mir schlechte Arbeitsleistungen zu attestieren.
Kapitel 3
Erste Reise
So, 04.02.2018 – So, 25.02.2018
MalaysiaSo, 04.02.2018 – Sa, 17.02.2018
Dieses Unterkapitel stützt sich teilweise auf einen bereits von mir veröffentlichten Artikel: »Mit SIGHT in Malaysia«, Mensana Nº 73, April 2018, S. 12 ff (Mensana ist das vereinsinterne Münchner Ortsblatt von »Mensa in Deutschland e.V.«)
Der Verein ›Mensa‹ bietet seinen Mitgliedern, soweit im Reisegebiet entsprechende Angebote bestehen, auch die Vermittlung von Übernachtungsmöglichkeiten bei anderen Mitgliedern an. Nachdem wir authentische Eindrücke von Malaysia gewinnen möchten ist hochwillkommen, dass wir auf diesem Weg in Subang Jaya im Großraum Kuala Lumpur privat unterkommen können: Unsere Gastgebys Joe und seine Frau Susan vermieten Räume an Studenten, und stellen uns eines dieser Zimmer gleich für die gesamten zwei Wochen zur Verfügung, die wir in Malaysia verbringen wollen. Im Vorfeld wurde abgeklärt wer wir genau sind und dass wir uns auch ordentlich verhalten — kein Rauchen und Trinken im Haus, und so weiter. Wie sich später herausstellt ist diese Art der Reiseunterkunftsorganisation hier neu und die Vorsicht entsprechend groß — nach einem Italiener sind wir wohl die Europäer Nummer 2 und 3, welche hier auf diese Weise über den Verein vermittelt wurden. Neben der Bereitstellung der Unterkunft werden wir auch sonst sehr fürsorglich betreut; bis sich unser Gastgeberpaar sicher ist, dass wir auch alleine zurechtkommen, wird sorgsam auf uns aufgepasst. Die umfassende, sehr nette Betreuung wertet den gesamten Aufenthalt ungemein auf; vieles wird so einfacher und angenehmer oder überhaupt erst möglich.
Nach der Landung, aus Dubai kommend, und einer längeren S-Bahn-Fahrt liegen nur noch etwa 700 Meter Fußweg vor uns, aber wir werden abgeholt (»With luggage bags, we will definitely pick you up at SS15 station. No bother at all.«) und erst einmal zu einem schönen Essen eingeladen — so beginnt der Aufenthalt nach der langen Anreise doch gleich sehr komfortabel, und wir können unsere Gastgebys ein wenig damit beeindrucken, dass wir Messer und Gabel nicht benötigen sondern ebenfalls mit Stäbchen essen.
Unser Zimmer liegt in einer Art Wohngemeinschaft; das ganze Haus ist an Studentys vermietet, mit gemeinschaftlichen Badezimmern, einer gemeinsamen Küche (sehr angenehm: ein Automat für endlosen Nachschub an heißem und kalten Trinkwasser), Waschmaschinen, und so weiter. Wie in Kuala Lumpur häufig zu sehen, ist das Haus imposant gesichert: Ein verschlossenes, hohes Gitter vor dem Hof, eine zusätzliche Gittertüre vor der Haustür, und so weiter. Zum Hereinkommen werden vier Schlüssel benötigt, und ein Linkshänder wie ich hat zusätzliche Schwierigkeiten, durch eine kleine Gitteröffnung hindurch die seitlich links erreichbaren Vorhängeschlösser zu öffnen — die alteingesessenen Mieter benötigen nur Sekunden. Gewöhnungsbedürftig sind die hier üblichen wenigen und kleinen Außenfenster; unser Zimmer verfügt leider nur über ein Innenfenster zum großen Gemeinschaftsraum — gerade nach der Zeitverschiebung von sieben Stunden gegenüber Europa verliert man so schnell den Bezug zur Tageszeit, wenn man sich drinnen aufhält.
Ein guter Anlass, die zum Ausprobieren aus Deutschland mitgebrachte, nicht-dimmbare LED-Birne anzuschließen, die dann auch flimmerfrei leuchtet. Der Strom kommt in Malaysia fast genauso wie in Deutschland mit 240 V (statt 230 V) und 50 Hz aus den Steckdosen, mit einem einfachen Steckeradapter sollten sich gegebenenfalls also alle unsere Elektrogeräte weiterhin benutzen lassen — aber ganz ohne kleinen Test muss man das ja auch nicht glauben, diese Behauptung ist jetzt jedenfalls einmal mehr bestätigt.
Heti und ich schauen uns dann zunächst ein wenig in der Nachbarschaft um, bei der Gelegenheit lassen wir uns gleich Passbilder für Joes Bewohnerverzeichnis anfertigen, und fahren für den Abend ins Stadtzentrum. Unser Zimmer liegt zwar für hiesige Verhältnisse einigermaßen zentral, dennoch dauert die S-Bahn-Fahrt zum Hauptbahnhof KL Sentral trotz der hohen Fahrgeschwindigkeit etwa eine halbe Stunde.
Am folgenden Morgen treffen wir uns mit unseren Gastgebys zu einem Autoausflug zum Fischerdorf Kuala Selangor. Auf dem Weg essen wir sehr lecker, ein Vorteil wenn man mit Ortskundigen unterwegs ist, und besuchen den Malawati Hill mit Leuchtturm und vielen Affen. Im zugehörigen kleinen Museum mit einer abwechslungsreichen Sammlung — Enterhaken, Säbel, den einen oder anderen prächtig verzierten Kris, Goldmünzen und vielem mehr — wird mir erst nach einiger Zeit klar, dass es sich im Grunde wohl um ein Piratenmuseum handelt. Die dargestellten Geschehnisse könnten aus den entsprechenden Abenteuerbüchern und -filmen meiner Kindheit stammen, freilich bis zur Unkenntlichkeit verändert aus der ›Gegenperspektive‹ erzählt: Hier sind die Seeräuber die Helden. Ein Abstecher in eine Kunstgalerie und zum Nature Park und vieles mehr schließen sich an; wir sind den ganzen Tag unterwegs und werden rundum versorgt und zu allem eingeladen. Allmählich bekommen wir ein schlechtes Gewissen — unser Gastgeberpaar investiert viel Zeit und Geld in unser Wohlergehen; gegen Ende unseres Aufenthalts sprechen wir das an und vereinbaren eine Kostenbeteiligung.
Am dritten Tag ziehen wir alleine los, und plötzlich ist erst einmal gar nicht mehr alles so einfach. Zu Fuß ist man in Kuala Lumpur im allgemeinen recht mühsam unterwegs, Gehwege gibt es nur gelegentlich und sie enden manchmal abrupt, was Heti und mich auch mal zum Spurten und Springen über eine sechsspurige Straße mit Fahrbahntrennern zwingt. Viele Orte lassen sich nur mit dem Auto erreichen; wir haben schnell gelernt, dass Taxifahren oft die einfachste Option ist; einige Gegenden sind auch über (manchmal kostenlose) Busse verbunden. Überall erfahren wir freundliche Unterstützung; als wir beispielsweise im Stau feststecken, und deshalb vorzeitig aus dem Taxi aussteigen, wird uns sogar ungefragt ein Teil des Fahrpreises erstattet — wenn man sich helfen lässt, läuft es richtig gut. Es gibt natürlich sehr viel zu sehen und zu unternehmen; an diesem und dem nächsten Tag besuchen wir den KL-Turm, die Petronas-Türme und auch vieles mehr, was nicht ganz so hoch in den Himmel ragt. Abends, beim gemeinsamen Essen mit der Familie unserer Gastgebys, können wir dann viel berichten — unsere Perspektiven auf das Leben hier unterscheiden sich doch deutlich von denen unserer Gastgeberfamilie, wie sich bei vielen Gesprächen immer wieder herausstellt.
Leichte Ohrenbeschwerden sind ein guter Einstieg, um das Gesundheitssystem ein wenig kennenzulernen; wir fahren also ins Stadtzentrum und suchen eine kleine ›Poliklinik‹ auf: Nach kurzer Wartezeit kümmert sich ein Arzt um meine Frau, untersucht und reinigt die Ohren, verschreibt eine Lösung zum Einträufeln und verabschiedet uns mit beruhigenden Worten — das alles innerhalb einer halben Stunde und für umgerechnet etwa zehn Euro. Und in Deutschland verschreibungspflichtige Reisemedikamente wie etwa Metoclopramid sind in den häufigen Apotheken problemlos und günstig zu erhalten — die medizinische Versorgung, zumindest im Wehwehchen-Bereich, scheint völlig unproblematisch zu sein. Auf unserer Prüfliste sind noch weitere Aspekte notiert, zu denen wir zumindest einen ersten Eindruck gewinnen wollen, um nach einer eventuellen Einwanderung nicht völlig naiv unangenehme Überraschungen zu erleben.
»Notification — This website is not available in Malaysia as it violate(s) the National law(s)« steht nach der Eingabe einer vorgemerkten Internetadresse auf meinem Monitor. Eine Zensur gibt es offiziell nicht; ich habe mir aber einige angeblich gesperrte Webseiten notiert, die sich jetzt von hier aus auch tatsächlich nicht aufrufen lassen. Abgesehen davon scheint das Internet wie gewohnt zu funktionieren, die Verbindungen sind auch über das Handy stabil und schnell.
Unfreiwillig erhalten wir auch einen Eindruck zum Umgang mit Haustieren; von Interesse für unsere Mieze, die wir bei einer eventuellen Auswanderung ja nicht zurücklassen wollen: Eines Abends bemerken wir zwei Jugendliche, welche in der Dunkelheit in einer Seitengasse auf dem Weg zu unserer Unterkunft zwei der vielen, hier im allgemeinen durchaus überaus zufrieden lebenden Katzen anscheinend drangsalieren. Meine etwas unüberlegt mutige Frau schreitet ein und spricht die beiden an, die sich erschrocken erklären: Die zwei Katzen hätten miteinander gekämpft und die beiden Jungs wollten sie voneinander trennen. Ich bin überaus erleichtert, dass erstens die Tiere nicht geärgert sondern ihnen geholfen werden sollte, und dass zweitens die nächtliche Konfrontation mit mehreren jungen Männern nicht in eine körperliche Auseinandersetzung mündete, sondern harmonisch endete.
Ebenfalls unfreiwillig, aber diesmal nur als Zuschauer beteiligt, erleben wir zu einem anderen Zeitpunkt einen leichten Autounfall. Lautes Scheppern schreckt uns auf, als wir beide einen Kaffee nahe dem Hauptbahnhof genießen: Zwei Autos sind zusammengestoßen. Von unserem Gastgeber, dessen Wagen zur Zeit nach einem Unfall in einer Reparaturwerkstatt steht, wissen wir, dass die Haftpflichtversicherung hier im Vergleich zu Deutschland nur sehr eingeschränkt leistet. Wir erwarten also ein großes Theater, aber alles verläuft friedlich und ohne große Aufregung; nach einer Weile erscheint ein Polizeiauto und ein Beamter nimmt den Unfall auf, danach fahren die Beteiligten weiter — alles sehr gelassen.
Eine längere Episode ist unser Ausflug nach Port Dickson, einer Stadt am Ufer der Straße von Malakka, die wir auch als möglichen Wohnstandort besuchen möchten. Aus dem Zentrum heraus dorthin zukommen erfordert ohne eigenes Auto trotz der gar nicht so großen Entfernung eine mehrstündige Fahrt mit S-Bahn, Zug und am Schluss Express-Bus. Beim Umsteigen im großen Busbahnhof von Seremban werden wir gleich von allen Seiten angesprochen und ich wimmele die Menschen erst einmal ab, um mich zu orientieren — das kommt gar nicht gut an: Eigentlich haben es die Leute gut gemeint, und wollten uns offensichtlich Ortsfremden helfen. Der Express-Bus-Fahrer ist dann auch beleidigt und will plötzlich kein Englisch mehr verstehen; zum Ticketkauf reicht es schließlich aber doch noch. Nach etwa einer weiteren Stunde Busfahrt über die Mautstraße sind wir endlich da — und es gibt statt Badestrand nur viel Meerblick; auf Nachfrage wird vom Schwimmen eher abgeraten. Wir schauen uns im hübschen Städtchen um. In einer nahen Werkstatt wartet ein Taxifahrer auf sein Gefährt und fragt ob wir Hilfe benötigen, wir fragen nach einer Bademöglichkeit — und wenig später werden wir für einen fairen Preis zur wirklich sehr schönen ›Blauen Lagune‹ gefahren. Während sich der Fahrer die Zeit vertreibt können wir dort ausgiebig Schwimmen und werden anschließend, über einen kleinen Umweg mit Zwischenstopp am Wohnhaus des Fahrers, damit dieser sich für seine Arbeit umziehen kann, zurück zum Busbahnhof gebracht. Die lange Rückfahrt in die große Stadt wird für ein Abendessen unterbrochen, nachts kommen wir schließlich wieder ›zuhause‹ an.
