Ludwig van Beethoven - Alexander Wheelock Thayer - E-Book

Ludwig van Beethoven E-Book

Alexander Wheelock Thayer

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Beschreibung

Thayers Beethoven-Biographie blieb unvollendet. Zu Thayers Lebzeiten erschienen lediglich die ersten drei Bände der von Hermann Deiters besorgten deutschsprachigen Ausgabe. Die geplanten Bände 4 und 5 wurden postum aufgrund der hinterlassenen Vorarbeiten und Materialien von Hugo Riemann herausgegeben. Thayers Werk über Beethoven setzte einen Meilenstein für die modernen Standards biographischer Forschung hinsichtlich Zuverlässigkeit, Recherche und Analyse und umfasst mehrere tausend Seiten.

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Seitenzahl: 5685

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Ludwig van Beethovens Leben

Alexander Wheelock Thayer

Inhalt:

Alexander Wheelock Thayer – Biografie und Bibliografie

Ludwig van Beethovens Leben

Vorwort der dritten Auflage.

Vorwort der zweiten Auflage.

Der Verfasser an den Übersetzer.

Das Kurfürstentum Köln. Kurfürst Joseph Klemens (1689–1723).

Klemens August (1723–1761) und seine Kapelle. Ludwig van Beethoven.

Maximilian Friedrich (1761–1784) und seine Hofmusiker.

Weitere Nachrichten über Musik und Musiker unter Max Friedrich.

Max Friedrichs Nationaltheater.

Musikalische Persönlichkeiten Bonns. Die Stadt im Jahre 1770.

Die Familie van Beethoven.

Beethovens Kindheit.

Unterricht bei Neefe. Erste Dienstleistung des Knaben. Früheste Versuche in der Komposition.

Kurfürst Max Franz (1784–1794).

Max Franz und die Musik. Die Hofkapelle im Jahre 1784.

Weitere Schicksale Beethovens. Die Reise nach Wien zu Mozart (1787).

Die Familie von Breuning. Graf Waldstein. Häusliche Angelegenheiten.

Das Nationaltheater unter Max Franz.

Repertorium des kurfürstlichen Nationaltheaters (1789–1792).

Musikalische Ereignisse und Anekdoten.

Nachträgliches über Personen und Gesellschaft. Abschied von Bonn (1792).

Was hat Beethoven in Bonn komponiert?

Noch einmal das Theater und die Musik in Bonn. Der Vorhang fällt.

Beethoven in Wien. Studien bei Haydn und Albrechtsberger.

Die Musik in Wien im Jahre 1793.

Beethovens Auftreten als Virtuose und Komponist.

Anhang.

Allegro und Menuetto für 2 Flöten.1

Beethovens Leben - II.

Vorbemerkung.

Vorwort zur zweiten Auflage.

Die Jahre 1796–97.

Die Jahre 1798 und 1799.

Beethovens geselliger Verkehr in Wien.

Beethovens Charakter und Persönlichkeit.

Das Jahr 1800. Akademie. Punto. Dolezalek. E. A. Förster. Die ersten Quartette. Septett.

Das Jahr 1801. Das Ballett Prometheus. Neue Sonatenwerke (Op. 23, 24, 26–29.)

Briefe von 1801. Die Anfänge der Schwerhörigkeit Beethovens. Die Leipziger Allgemeine Musikalische Zeitung.

Bonner Freunde in Wien: Reicha, Breuning, Ries. Carl Czerny.

Herzensbeziehungen Beethovens. Der Brief ab die unsterbliche Geliebte.

Das Jahr 1802. Das Heiligenstädter "Testament". Beethovens Brüder.

Das Jahr 1803. Beethovens Engagement am Theater. Bridgetower. Verhandlungen mit Thomson. Neue Freunde.

Das Jahr 1804. Frau von Ertmann. Die Sinfonia eroica. Beethoven und Breuning. Beginn des Fidelio.

Das Jahr 1805. Die Oper Leonore (Fidelio).

Das Jahr 1806. Wiederholung des Fidelio. Reise nach Schlesien. Korrespondenz mit Thomson.

Fernere persönliche Beziehungen Beethovens in diesen Jahren.

Anhang.

Anhang I.

Anhang II.

Anhang III.

Beethovens Leben - III.

Vorwort.

Nachträge.

Das Jahr 1807.

Das Jahr 1808.

Das Jahr 1809.

Rückblick auf die Jahre 1807–9.

Das Jahr 1810.

Das Jahr 1811.

Das Jahr 1812.

Das Jahr 1813.

Das Jahr 1814.

Das Jahr 1815.

Das Jahr 1816.

Anhang.

Alphabetisches Register zum dritten Bande.

1817–1823

Beethovens Leben - IV.

Vorwort.

Ergänzungen aus Beethovens Briefen an Nikolaus Simrock.

Das Jahr 1817.

Das Jahr 1818.

Das Jahr 1819.

Die Jahre 1820 und 1821.

Das Jahr 1822.

Das Jahr 1823.

Anhang.

Beethovens Leben - V.

Vorwort.

Das Jahr 1824.

Das Jahr 1825.

Das Jahr 1826 bis zum Dezember.

Ende des Jahres 1826 und das Jahr 1827.

Anhang.

I.

II.

III.

Ludwig van Beethovens Leben, A. W. Thayer

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Frontcover: © Freesurf - Fotolia.com

Alexander Wheelock Thayer – Biografie und Bibliografie

Amerikan. Schriftsteller, geb. 22. Okt. 1817 in South Natick (Massachusetts), gest. 15. Juli 1897 in Triest, studierte Rechtswissenschaft in Cambridge, war 1860–1864 bei der amerikanischen Gesandtschaft in Wien angestellt und lebte seitdem als Konsul der Vereinigten Staaten in Triest. Seit 1882 widmete er sich ausschließlich literarischen Studien. Schon frühzeitig hatte er den Plan einer erschöpfenden Biographie Beethovens gefasst und zur Ausführung desselben wiederholt (1849–51, dann 1854–56 und 1858 ff.) Studienreisen nach Deutschland unternommen, wo er ein überaus reiches Material zusammenbrachte. Das noch nicht vollendete Werk erschien zunächst in deutscher Übersetzung (von H. Deiters): »L. van Beethovens Leben« (Bd. 1–3, Berl. 1866–79; Bd. 4, Leipz. 1907; Bd. 1 in 2. Aufl. 1901); es entwirft unter Beiseitelassung aller musikalischen Analyse und Charakteristik von dem Lebensgang und menschlichen Charakter des Meisters ein Bild, das an Vollständigkeit, Treue und psychologischem Verständnis jeden früheren Versuch auf diesem Gebiete weit hinter sich lässt. T. veröffentlichte außerdem eine Sammlung musikalischer Novellen (Berl. 1862); »Chronologisches Verzeichnis der Werke L. van Beethovens« (das. 1865); »Ein kritischer Beitrag zur Beethoven-Literatur« (das. 1877) u. a.

Ludwig van Beethovens Leben

Vorwort der dritten Auflage.

Da der Name des Unterzeichneten sich bereits auf den Titelblättern des zweiten bis fünften Bandes denen des Verfassers und des Bearbeiters gesellen durfte, wenn auch in der Hauptsache nur in der bescheidenen Rolle des Herausgebers der für den Druck vorbereiteten Arbeiten von Hermann Deiters, so wird es nicht eben sehr auffallen, wenn er nun auch auf dem Titelblatt des ersten Bandes erscheint, der hier seine dritte Auflage erfährt (1. Auflage 1866, 2. Auflage 1901). Diese dritte Auflage unterscheidet sich von der zweiten nicht so stark wie diese von der ersten, zu der ja die zweite außer einer an sich nicht eben belangreichen Abänderung der Gesamtgliederung (Ersetzung der Einteilung in Bücher und Kapitel durch die ausschließlich chronologische nach Jahren) eingehende Auslassungen von H. Deiters über die musikalische Beschaffenheit der einzelnen Werke des Meisters gebracht hatte, wie solche auch die späteren Bände enthalten (der zweite und dritte erst in der zweiten Auflage). Der Herausgeber hielt sich nicht für befugt, diese ästhetischen Würdigungen zu überarbeiten, und hat ein paar Zusätze, in denen er seiner persönlichen Ansicht Ausdruck gibt, als solche kenntlich gemacht. Überhaupt sind aber seine Zusätze oder Änderungen nur wenig zahlreiche, da in der Zeit seit Erscheinen der zweiten Auflage des ersten Bandes (1901) gerade für die in demselben behandelten Jahre (bis einschließlich 1795) neue Funde und neue Spezialarbeiten nicht zu berücksichtigen und einzuarbeiten waren. Nur eins konnte nicht ohne einen ernstlichen Eingriff in den Text selbst wieder gedruckt werden, nämlich die ganz irrige Meinung Thayers und Deiters', daß zur Zeit der Regierung von Kurfürst Clemens August von Köln (1724–1761) "verhältnismäßig wenig Musik durch Druck bekanntgemacht worden sei" und zufolgedessen "neue Formen und neue Stile nur langsam den Weg zur allgemeinen Anerkennung fanden" (2. Aufl. S. 34). Heute wissen wir, daß die Pariser, Londoner und Amsterdamer Musikverleger zum mindesten seit etwa 1750 eine geradezu fieberhafte Tätigkeit entfaltet und den Markt mit Werken eines neuen Stiles förmlich überschwemmt haben, sofern dieselben Werke in drei und mehr Ausgaben kursierten. Freilich waren dabei deutsche Verleger zunächst nur in sehr bescheidenem Maße beteiligt, besonders bezüglich des neuen Stils. Die norddeutschen (Fr. M. Birnstiel, G. L. Winter und Fr. Wever in Berlin, Im. Breitkopf in Leipzig) verhielten sich gegenüber der süddeutschen (Mannheimer) neuen Stilrichtung ablehnend und zuwartend und brachten ausschließlich Werke der norddeutschen (Berlin-Leipziger) Schule (Ph. Em. Bach, Kirnberger, Marpurg, Schaffrath usw.). Von süddeutschen Verlegern ist Balthasar Schmidt in Nürnberg (seit ca. 1740) ein Hauptverleger Ph. E. Bachs; dagegen hat Ulrich Haffner in Nürnberg (gest. 1766) neben Werken der Norddeutschen doch z.B. Fr. X. Richters geschichtlich wichtige Klaviertrios gebracht und wahrscheinlich auch Johann Stamitz' Trios Op. 1. Aber erst als die Verbreitung der Mannheimer Musik durch die Pariser, Londoner und Amsterdamer Offizinen ihren Höhepunkt erreichte, regte sich auch der Unternehmungsgeist der süddeutschen Verleger stärker (J.M. Götz in Mannheim, H. Ph. Boßler in Speier, W. N. Haueisen in Frankfurt am Main, M. Falter in München, J. André in Offenbach, B. Schott in Mainz, N. Simrock in Bonn) und erlangte besonders auf dem Gebiete der Kammermusik (Trios, Quartette, Duos ohne und mit Klavier) eine Position, die den Import der außerdeutschen Verlagswerke einschränkte. Mit der Übersiedelung des Verlegers J.J. Hummel von Amsterdam nach Berlin (1771) markiert sich der endgültige Sieg der süddeutschen Richtung über die norddeutsche. Von 1760–1770 während des letzten Jahrzehnts vor Beethovens Geburt ist die Produktion eine fast beispiellos rege. Breitkopfs Kataloge und Supplemente (mit den thematischen Anfängen der Werke) von 1760ff. zeigen ein starkes Überwiegen der Pariser und Amsterdamer Ausgaben; die parallel gehenden Londoner sind nicht berücksichtigt, haben aber gleichfalls ihren Weg nach Deutschland gefunden, wie die vielen erhaltenen Exemplare in deutschen Bibliotheken beweisen (besonders der sehr ausgedehnte Bremnersche Verlag; doch hat auch noch J. Walsh viele Werke der Mannheimer gebracht). Während der Knabenjahre Beethovens war ganz zweifellos Bonn mit deutschen und ausländischen Drucken der Musik der Mannheimer Stilrichtung überflutet; mußte das bislang aus ganz allgemeinen Gründen und aus der stilistischen Beschaffenheit der Frühwerke Beethovens geschlossen werden, so hat die Auffindung der Inventur der Musikbestände der Bonner Kapelle beim Regierungswechsel 1784 den letzten Zweifel behoben (Näheres darüber im Text S. 201).

Da die ersten Hinweise des Herausgebers auf die historische Bedeutung der Mannheimer gerade um die Zeit erfolgten, als die zweite Auflage des ersten Bandes des Thayerschen Werkes die Presse verließ (1901), so hatte Deiters noch keine Kenntnis derselben und ist es daher begreiflich, daß er die Wurzeln von Beethovens Stil und die stärksten Einflüsse auf seine künstlerische Entwicklung in der Zeit vor der allgemeinen Anerkennung Mozarts und Haydns in den Werken der Norddeutschen (Ph. Em. Bach, Hiller, Neefe) suchte. Daß aber Mozart und Haydn selbst auf den Schultern der Mannheimer standen, hätte freilich schon Otto Jahn wohl zu erkennen und zu betonen Gelegenheit gehabt; die sehr einschneidende Korrektur, welche seine Darstellung von Mozarts Werdegang jetzt durch Wyzewa und Saint-Foix hat erfahren müssen, wäre dann nicht nötig geworden. Heute, wo wir wissen, daß Mozart den neuen Stil nicht aufgebracht, sondern nur aufgenommen hat, muß das, was man in Beethovens Frühwerken früher kurzweg "mozartisch" nannte, vielmehr "mannheimisch" genannt werden; Beethoven ist nicht eigentlich ein Schüler und Nachfolger Mozarts oder. Haydns, sondern vielmehr gleich ihnen ein auf dem Boden der neuen Stilrichtung erwachsenes Genie, und zwar stellt er sich bewußt als dritter in ihre Reihe, um über sie hinauszuwachsen. Graf Waldsteins Stammbucheinzeichnung von 1792 kann ohne Zwang als die Formulierung von Beethovens künstlerischer Mission verstanden werden, wie sie dem genialen Jünglinge selbst vorschwebte. Die auffällige Zurückhaltung mit der Publikation seiner Werke in einer Zeit, wo die Verleger Unmengen von Kompositionen druckten, unter denen schon die drei Klaviersonaten von 1783 sich höchst respektabel ausnehmen, ist nur verständlich, wenn man annimmt, daß Beethoven nicht danach strebte, einer von vielen zu sein, sondern der dritte und der größte von den dreien. Erst in dem Moment, wo er sich Haydn völlig gewachsen fühlte, gab er diese Zurückhaltung auf (1795).

Es muß genügen, diesen Gesichtspunkt hier als orientierend für den Inhalt des ganzen Bandes zu betonen, anstatt ihn in einer den Text im einzelnen umgestaltenden Form zur Durchführung zu bringen. Die schuldige Pietät gegen die beiden hochverdienten Autoren, den 1897 verstorbenen Verfasser und den 1907 verstorbenen Übersetzer und Bearbeiter verboten das letztere unbedingt. Andererseits wäre es aber wiederum nicht zu verantworten gewesen, wenn der Herausgeber die durch die neuesten Forschungsergebnisse bedingte veränderte Beurteilung des Werdegangs Beethovens ganz unterdrückt hätte.

Das der vorliegenden neuen Auflage beigegebene Register zum ersten Bande wird willkommen sein, da sein Fehlen bisher vielfach bedauert worden ist. Das von H. Deiters verheißene Generalregister für das ganze Werk ist dagegen angesichts der wie bisher auch fernerhin nicht wohl vermeidbaren Neudrucke von Einzelbänden nicht wohl möglich und soll nicht wieder in Aussicht gestellt werden. Eine fortgesetzte Vervollständigung und Verbesserung der Register der Einzelbände wird aber gewiß auch zweckdienlicher sein als ein solches Generalregister, das unpraktikabel ausfallen würde, wenn es auch die Auflagen sämtlich berücksichtigte, im gegenteiligen Falle aber doch unvollständig bliebe.

Am 15. Juli 1897 starb in Triest Alexander Wheelock Thayer, vormals Konsul der Vereinigten Staaten daselbst. Er hatte sein Lebenswerk, die Biographie Beethovens, nicht vollenden können. Seit dem Erscheinen des dritten Bandes (1879), welcher noch das Jahr 1816 umfaßte, war er vielfach leidend gewesen; dadurch fühlte er sich gehindert, die mit größter Sorgfalt vorbereitete, mit ganzer Kraft geförderte Arbeit in gleicher Rüstigkeit fortzuführen. So blieb der bereits begonnene vierte Band, zu welchem in gleicher Weise wie zu den früheren Bänden das Material gesammelt und geordnet war, unvollendet. Ebensowenig kam er dazu, die bereits erschienenen drei Bände, zu welchen manche Zusätze und Berichtigungen vorlagen, einer Überarbeitung zu unterziehen.

Es ist nicht dieses Ortes, über die Bedeutung von Thayers Werk ausführlich zu reden; dieselbe ist offenkundig und stets von allen, welche wissenschaftlich zu denken gewohnt sind, rückhaltlos anerkannt. Thayer hatte sich sein Ziel klar vorgesteckt; er wollte den Menschen Beethoven, seine Entwickelung und seinen Lebensgang, erforschen und schildern, und hat dies mit unermüdlicher Hingabe, mit einem seltenen Eifer der Forschung und mit unerbittlicher Strenge in Aufsuchung der Wahrheit durchgeführt. Zu einer Zeit, in welcher nur noch wenige getreue Aufschlüsse über Beethovens äußeren Lebensgang vorhanden waren, und auch das Vorhandene einer kritischen Sichtung nicht unterzogen war, ist Thayer1 der erste gewesen, welcher der Überlieferung in umfassendster Weise nachgegangen ist und die Erkenntnis des Tatsächlichen vermittelt hat; wer nach ihm über Beethoven geschrieben hat, mußte an ihn anknüpfen; niemand ist darüber im Zweifel, daß hier die Grundlage unserer Kenntnis gegeben ist, und daß, wer sich wirklich belehren will, an ihm nicht vorbeigehen kann.

Das Verhältnis des Herausgebers zu Thayer und seinem Werke darf als bekannt vorausgesetzt werden; die beiden Briefe, welche dem ersten Bande statt einer Vorrede beigegeben waren, und welche auch hier wiederholt werden, erläutern alles Notwendige. Der Herausgabe der früheren Bände ging ein reger Briefwechsel zur Seite, in welchem viele einzelne Punkte zur Sprache kamen; Thayer sah es als selbstverständlich an, daß der Unterzeichnete die Arbeit in gleicher Weise, wie sie begonnen war, zu Ende führen werde. Nach seinem Tode ist nun die Vollendung des Werkes in seinem Sinne und in seiner Weise zu arbeiten kaum noch möglich, jedenfalls mit großen Schwierigkeiten verknüpft. Und doch muß sie in Angriff genommen werden; das Material und die Vorarbeiten lagen vor, sie durften der musikalischen Welt nicht vorenthalten bleiben. Thayer hatte noch in seiner Krankheit den Wunsch geäußert, daß ich diese Arbeit unternehmen möchte, und so gelangte denn die Aufforderung der Erben an mich, das Werk neu zu bearbeiten und zu Ende zu führen. Auch wenn es nicht einen besonderen Reiz für mich gehabt hätte, nach langer Unterbrechung zu diesen Studien über Beethoven zurückzukehren, würde mich die Verehrung für den edlen und treuen Mann, der mir Freundschaft und Vertrauen zugewendet hatte, bewogen haben, die Arbeit zu übernehmen, trotz der Schwierigkeiten, welcher derselben eigenes vorgerücktes Alter und die Pflichten eines umfangreichen Amtes bereiten konnten.

Auf Grund meiner Zusage ist mir von den Verwandten und Erben Thayers das in seinem Nachlasse befindliche Material sowohl für die Abfassung des vierten Bandes wie für die Durchsicht und Ergänzung der drei ersten zur Verfügung gestellt worden. Ich habe dafür namentlich dem Neffen Thayers, Herrn Jabez Fox in Boston, durch welchen die Anfrage an mich gerichtet und die Übermittelung des Materials besorgt wurde, für das mir gezeigte Vertrauen meinen Dank zu sagen.

Das Material an dieser Stelle zu beschreiben, würde viel zu weitschichtig sein; man wird an den betreffenden Stellen die erforderliche Belehrung nicht vermissen. Da sind zunächst die Handexemplare der drei erschienenen Bände und des chronologischen Verzeichnisses mit zahlreichen Einlagen und Zusätzen des Verfassers; dann in zwei Bänden umfassende Aufzeichnungen aus Unterhaltungen mit solchen, die sich der Beethovenschen Zeit erinnerten, aus älteren Anzeigen, Zeitungen und Zeitschriften und vieles andere; Tagebuchaufzeichnungen und autobiographische Mitteilungen von Zeitgenossen Beethovens; Auszüge aus den Konversationsbüchern; eine Menge Abschriften von Briefen und amtlichen Aktenstücken, teils nach den Jahren, teils nach Personen und Gegenständen geordnet; eigene Entwürfe und Skizzen, aus denen der weitere Plan, nach welchem er arbeiten wollte, zu erkennen ist. Man sieht, mit welcher Umsicht und Energie er die Nachforschung bis in die entlegensten Winkel verfolgte, in wie weitreichende Verbindungen er eingetreten war, wie er von den verschiedensten Seiten mit Bereitwilligkeit und Vertrauen unterstützt wurde. Zu allem diesen hatte er die Fäden in der Hand; er hat es auch nicht unterlassen, an einzelnen Stellen der Entwürfe die notwendigen Hinweisungen zu geben; trotzdem ist es dem Bearbeiter nicht ganz leicht, sich überall mit Sicherheit zurechtzufinden.

Daß ich daneben auch noch andere Quellen, die mir zugänglich wurden, benutzt habe, um die Darstellung vollständig zu machen, braucht wohl nicht besonders erwähnt zu werden. Ich habe sowohl die Erscheinungen der neueren Beethoven-Literatur, welche Thayer nicht mehr hatte einsehen können, durchsucht, als auch noch manche bisher unbekannten Briefe und Nachweisungen beibringen können; auch Skizzen und Konversationsbücher habe ich eingesehen und hoffe das im Fortgange der Arbeit noch weiter tun zu können. Auch darüber wird an den bezüglichen Stellen Bericht gegeben.

Die Aufgabe war also eine doppelte: einmal, den so lange erwarteten vierten Band2 nach Thayers Entwürfen und Materialien und etwaigen eigenen Erkundungen herzustellen, und dann die Revision der drei ersten Bände zu besorgen. Beides wurde sogleich nach dem Empfange der Materialien in Angriff genommen.

Wenn ich jetzt zunächst den ersten Band in revidierter Gestalt vorlege, so darf ich anführen, daß diese schon von Thayer selbst geplant war. Nicht nur enthalten sein Handexemplar und seine Papiere vielfache Zusätze und Berichtigungen, sondern es fand sich in seinem Nachlasse eine vollständige neue Niederschrift des ersten Kapitels, welche denn auch hier benutzt ist. Dann aber sind mir aus Bonn und über Bonn und Beethovens Beziehungen daselbst noch manche weitere Mitteilungen zuteil geworden, die zu verwerten waren; außerdem hatte ich Gelegenheit, die Kirchenbücher von Bonn und Ehrenbreitstein nochmals zu durchsuchen, habe auch meine zahlreichen Notizen aus dem Düsseldorfer Archiv immer wieder zu Rate gezogen und auch neuere, auf jene frühere Zeit und Beethovens Familie bezügliche literarische Erscheinungen zu prüfen und zu verwerten mich bestrebt. Ich nenne hier z.B. die verschiedenen Aufsätze von W. Hesse, und die Zeitschrift "Bonner Archiv" (jetzt "Rheinische Geschichtsblätter"), aus welchen noch manche kleinere Notiz zu gewinnen war. Insbesondere habe ich mich jetzt berechtigt geglaubt, die zweifellosen Ergebnisse aus den Fischerschen Mitteilungen, welche in der ersten Auflage nur im Anhange gegeben werden konnten, in den Text zu verweben; dieselben werfen auf Beethovens Leben im Elternhause und auf seinen Unterricht ein erwünschtes Licht. Allerdings mußten diese Mitteilungen mit den entsprechenden Kürzungen auch im Anhange wieder gebracht werden, da über die Natur dieser Quelle auch der Leser unterrichtet sein mußte. Zur Erläuterung gerade dieser Mitteilungen wurden mir noch manche Aufklärungen zuteil.

Was ich auf Grund weiterer Quellen geändert und hinzugefügt habe, wird man meist aus den Anmerkungen erkennen. Aber auch ohne solche ist manches über Bonner Musiker, über Beethovens Familie und Kindheit usw. beigefügt, und es sind manche kleine Irrtümer stillschweigend berichtigt; wer es zu erkennen wünscht, wird es durch Vergleichung mit der ersten Auflage leicht finden. Es entsprach ganz dem Sinne Thayers, dem es nur um Feststellung der Wahrheit zu tun war, wenn das, was zweifellos richtig war, auch ohne viel Umschweife und Anmerkungen in den Text gesetzt wurde; und ich legte auch bei solchen Zusätzen und Änderungen, die unabweislich waren, keinen besonderen Wert darauf, mein Eigentum ängstlich zu wahren; darüber habe ich mich in dem ersten Briefe bereits ausgesprochen. Ich habe dabei nur den Gesichtspunkt gelten lassen, daß Thayer, wenn er auf Grund neuer Quellen oder zwingender Erwägungen die Notwendigkeit einer Änderung erkannt hätte, dieselbe selbst würde haben eintreten lassen. Nur wenn ich in einer wichtigeren Frage von seiner Ansicht glaubte abweichen zu müssen, habe ich meinen Gründen in der Anmerkung Ausdruck gegeben, mich aber nicht berechtigt geglaubt, den Text zu ändern; auch spätere Leser mußten Thayers Ansicht kennen.

Man hat auch auf seiten derer, welche die grundlegende Wichtigkeit von Thayers großer Forschung erkannten, mitunter bedauert, daß die wörtliche Einfügung umfassenden Materials aus den Quellen (Briefe, Urkunden, Verzeichnisse) die Lektüre des Buches erschwere. Vieles der Art hatte ich schon in der ersten Auflage auszugsweise gegeben, zusammengezogen oder in den Anhang gesetzt, überall mit Thayers Zustimmung. Ich muß aber hier folgendes sagen. Thayers Bestreben war auf rückhaltlose Ermittlung der Wahrheit gegenüber den vielen Fabeln, welche ehemals im Umlaufe waren, gerichtet, und das sollte auch dem Leser einleuchtend werden; daher war es ihm von Wert, seine Darstellung tunlichst aus den Quellen zu belegen. Wen sollte es auch nicht interessieren, Briefe Beethovens oder an Beethoven, Dokumente, die sich auf ihn, seine Eltern, seine Werke beziehen, im Wortlaute vor sich zu haben? Ich habe auch jetzt nicht die Absicht und kann sie nicht haben, das Thayersche Werk in seinem Grundcharakter umzugestalten. Das verbot auch die Rücksicht auf die englische Ausgabe, welche der neuen deutschen folgen soll, und welche sich zunächst an Thayers englisches Manuskript anschließen, dann aber auch die neuen Ergebnisse, welche in diesem neuen Bande und den folgenden enthalten sind, berücksichtigen soll. Auch den ersten Abschnitt über die Bonner Musik vor Beethoven, welcher ein besonderes Verdienst des Verfassers darstellt, habe ich unverkürzt bestehen lassen; wem diese Aufspeicherung trockenen Materials nicht behagt, der kann sie ja ruhig beiseite lassen. Ich habe demselben noch einige Angaben, die mir sonst bekannt geworden waren, beigefügt, und die Angaben, welche dieselben Personen betreffen, tunlichst zusammengerückt, damit man, was z.B. auf Ries, van den Eeden, Salomon sich bezieht, in einem Überblicke vor sich hat. Was sonst in biographischer Hinsicht beigefügt ist, darüber habe ich mich im allgemeinen schon ausgesprochen, und es wird an den betreffenden Stellen ersichtlich werden. Hinsichtlich der Darstellung oder der Weglassung kleiner, nicht auf Beethoven bezüglicher Stellen habe ich von der Freiheit Gebrauch gemacht, die mir Thayer schon bei der ersten Bearbeitung gelassen hatte. Es sind nicht viele Stellen, und sie kommen im Vergleich zu dem Ganzen nicht in Betracht.

Über eine Art von Zusätzen, welche dem Leser sofort in die Augen fallen werden, habe ich mich hier noch kurz auszusprechen. Bald nachdem ich die Bearbeitung übernommen hatte, wurde mir von einer Seite der Wunsch ausgesprochen, "etwas mehr Musik hinzuzutun"; das entsprach auch ganz meiner Neigung. Thayer hatte sich in seinem Briefe darüber ausgesprochen, daß und warum er sich auf die Darstellung des Lebens beschränken und die Behandlung der Werke anderen überlassen wolle. Er hat aber die geschichtliche Entstehung und die Herausgabe der Werke überall festzustellen sich bemüht, und dabei hat es an einzelnen Bemerkungen über den Charakter derselben nicht fehlen können. Er würde sich dem Gedanken nicht verschlossen haben, daß die Entwicklung des Komponisten von der des Menschen nicht völlig getrennt werden könne, und war nicht abgeneigt, mir Beigaben dieser Art anheimzustellen, was ich aber dem einmal festgestellten Charakter des Werkes gegenüber unterließ. Nunmehr, da ich das Ganze neu zu bearbeiten hatte, habe ich mich entschlossen, die Erwähnung der einzelnen Werke nicht ohne kurze Charakteristik zu lassen; das schien besonders erwünscht bei solchen Werken, die wenig oder gar nicht bekannt sind, und über die kaum je ausführlicher gesprochen ist, und das trifft gerade bei solchen zu, welche schon in diesem ersten Bande zur Sprache kommen. Bei den großen Werken der späteren Epochen, über welche zudem eine ausgebreitete Literatur vorliegt, werde ich mir in diesem Betracht Beschränkungen auferlegen müssen. Diese Bemerkungen, für welche ich allein die Verantwortung übernehme, können in keiner Weise den Anspruch machen, die Sache zu erschöpfen; sie wollen nur, nach Feststellung der Zeit der Entstehung, auf den inneren Charakter der Werke und ihre Stellung in Beethovens Entwicklung hinweisen. Eine vollständige Darstellung von Beethovens musikalischer Entwicklung, seinem Verhältnisse zu den Vorgängern und Mitlebenden, seiner Einwirkung auf die Nachfolgenden, verbunden mit genauer Analyse der Werke, ist für sich allein ein Lebenswerk und fordert eine jüngere, nach allen Richtungen tüchtig ausgebildete Kraft; auch würde schon der Versuch in dem gegebenen Rahmen von Thayers Werk nicht unternommen werden können. Bei der chronologischen Bestimmung und auch bei der musikalischen Beurteilung muß der Herausgeber, nach dem von Thayer selbst auf Grund hingebender Untersuchung gegebenen chronologischen Verzeichnisse (1865), dankbar der großen Hilfe gedenken, welche der Beethovenforschung durch Gustav Nottebohms gründliche und scharfsinnige Untersuchungen gewährt ist. In seinen verschiedenen Arbeiten: dem Thematischen Verzeichnisse der Werke Beethovens (1868), den beiden Abhandlungen über Beethovensche Skizzenbücher, dem Buche "Beethovens Studien" (1873, leider nur ein Band) und den beiden Bänden "Beethoveniana" (1872 und 1887, die zweiten B. von Mandyczewski herausgegeben) hat er nicht nur die Bestimmung der Entstehungszeit von Beethovens Werken, soweit dies möglich war, auf festen Boden gestellt, sondern auch die Erkenntnis der Entwicklung des Beethovenschen Stils in grundlegender Weise angebahnt. Er war es, welcher zuerst die Skizzenbücher Beethovens in umfassender Weise für die Forschung nutzbar gemacht und ihr dadurch ganz neue Wege gewiesen hat; jeder künftige Forscher wird auf dieser Grundlage weiter zu bauen haben. Mir war es von Wert, daß mir durch die Güte des Herrn Dr. Mandyczewski Nottebohms durchschossenes Handexemplar von Thayers chronologischem Verzeichnis zur Benutzung überlassen wurde, in welches Nottebohm noch eine Menge von Notizen aus dem reichen Schatze seiner Kenntnis eingetragen hatte. So wurde es möglich, die chronologischen Bestimmungen vielfach genauer zu geben, als es bisher möglich war.

Die musikalischen Zusätze werden sich leicht erkennen lassen, auch ohne daß ich jedesmal besonders darauf hinweise. Erwähnen will ich hier nur, daß der Abschnitt "Was hat Beethoven in Bonn komponiert?" (Kap. 18) auf Grund der neu erworbenen Kenntnis von mir neu bearbeitet worden ist; auch hier aber sind Thayers Ausführungen, soweit sie in den Rahmen des neu Gefundenen paßten, wiederholt. Der Abschnitt über Beethovens Wiener Lehrzeit ist natürlich nach Nottebohms Studien erweitert.

Den Anhang habe ich durch die Mitteilung von Beethovens Stammbuch vermehrt (S. 495–502). Auch konnte ich die Notizen über das alte Bonn (Anh. VI) durch neuere Mitteilungen berichtigen.

Die Einteilung in Bücher habe ich fallen lassen. Dieselbe rührte in der ersten Auflage nicht von Thayer, sondern von mir her und ergab sich für die frühere Zeit fast von selbst, paßte aber nicht wohl zu den späteren Jahren, in welchen Thayer die streng chronologische Anordnung nach Jahren durchführte. Man findet daher jetzt nur eine fortlaufende Reihe von Kapiteln, wie sie anfangs auch Thayer beabsichtigt hatte.

Über die neuere Beethoven-Literatur, welche fortwährend anwächst, hier mich kritisch auszusprechen, glaube ich unterlassen zu dürfen. Ich folge hier dem Grundsatze Thayers, der auch die zu seiner Zeit schon vorliegenden Arbeiten zu besprechen sich nicht veranlaßt sah und es dem Urteile der Leser überließ, zu entscheiden, wo sie die sicherste Belehrung erhielten. Was ich anderen Schriftstellern über Beethoven an neuen und zuverlässigen Aufschlüssen verdanke, wird alles an seiner Stelle mit treuer Angabe der Quelle zur Erwähnung kommen. Dagegen fühle ich mich verpflichtet, allen denen, welche mich bei dieser neuen Arbeit freundlich und wirksam unterstützt haben, schon an dieser Stelle meinen aufrichtigen Dank zu sagen. Der Archivar der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, Herr Dr. Eusebius Mandyczewski, hat mir nicht nur bei meiner Anwesenheit in Wien die Schätze des Archivs bereitwillig geöffnet, sondern mir auch sowohl dort wie später hier auf meine Fragen unermüdlich Auskunft und Belehrung gegeben. In gleicher Weise bin ich Herrn Dr. Erich Prieger in Bonn verpflichtet, welcher mir Einsicht der in seinem Besitze befindlichen Manuskripte (der ehemals Artariaschen Sammlung) mit zuvorkommender Güte gestattet und mich auch außerdem auf manches Wichtige hingewiesen hat. Ihm verdanke ich auch die beiden musikalischen Beigaben zu diesem Bande: das Faksimile3 aus den Quartetten von 1785, welches die, im Gegensatz zu späteren Zeiten, noch feste und deutliche Handschrift des Knaben so anschaulich macht, und das Duett für zwei Flöten, welches hier zum ersten Male gedruckt erscheint. Der Archivar der Oper in Paris, Herr Charles Malherbe, dessen Zuvorkommenheit ich schon bei der neuen Ausgabe des Jahnschen Mozart erfahren hatte, hat mir auch diesmal in liebenswürdigster Weise und mit eigener Bemühung Beistand geleistet. Ihm verdanke ich die Kenntnis eines kleinen bisher ungedruckten Menuettsatzes für Streichquartett und für Klavier, welche ich S. 386 erwähnt habe und in der Bearbeitung für Quartett im 2. Bande mitzuteilen hoffe4. Unter den vielen, welche mir in Bonn und anderswo freundliche und förderliche Auskunft gegeben haben, nenne ich noch meinen inzwischen leider verstorbenen Freund Herrn Eberhard von Claer in Vilich bei Bonn, der mit der älteren Geschichte unserer gemeinsamen Vaterstadt Bonn genau vertraut war; Herrn Dr. Friedländer in Berlin, den vortrefflichen Kenner Franz Schuberts und der Gesangsliteratur überhaupt; Herrn Dr. Vollmer, Direktor der deutschen Schule in Brüssel (jetzt in München), welcher die Angaben über Beethovens Vorfahren und Verwandte in dankenswerter Weise ergänzte. Auch der Direktor des Düsseldorfer Staatsarchivs, Herr Geheimer Archivrat Dr. Harleß, hat mir wiederholt auf meine Fragen freundlichst Auskunft gegeben. Dankbar erwähne ich noch die Unterstützung, die mir seitens der Verwaltungen der Königlichen Bibliothek in Berlin, der K. K. Hofbibliothek in Wien, der Sammlung des Beethovenhauses in Bonn zuteil geworden ist. Die nochmalige Durchsicht der Kirchenbücher in Bonn und Ehrenbreitstein wurde mir durch die Güte meines Freundes, des Herrn Dr. Bischof in Bonn, und des Herrn Pfarrers Schreib er in Ehrenbreitstein ermöglicht. Kenntnis weiterer Briefe Beethovens verdanke ich, außer den erwähnten Sammlungen, den Herren Breitkopf und Härtel in Leipzig, dem Herrn Dr. von Brentano in Offenbach und dem Herrn Buchhändler Fr. Cohen in Bonn, Kenntnis eines für die Bonner Verhältnisse und für Beethoven wichtigen Briefes an Herrn v. Schall dem Herrn Amtsgerichtsrat Degen in Bonn. Ich könnte hier noch viele Namen solcher nennen, die mir auf meine Fragen zuvorkommend Auskunft gaben; allen sei hier aufrichtigst Dank gesagt. Manches von dem hier Erwähnten kommt erst in den folgenden Bänden zur Verwertung.

Die neue Gesamtausgabe von Beethovens Werken (Leipzig bei Breitkopf Härtel) ist für den Biographen ein sehr erwünschter Begleiter; sie wird durch Hinzufügung neu entdeckter und bisher ungedruckter Werke auch jetzt noch fortgesetzt. Ich habe mich bemüht, bei allen Werken, die zur Sprache kamen, anzugeben, wo sie in der neuen Ausgabe zu finden sind. Über die Absicht, welche bei diesem großartigen Unternehmen obwaltete, und den reichen Gewinn, den sie gebracht hat, gibt der schöne Aufsatz Otto Jahns (Ges. Schriften S. 271f.) reichliche Belehrung.

Die beiden folgenden Bände werden in entsprechender Bearbeitung folgen. Neben diesen geht die Arbeit am vierten Bande stetig vorwärts; ich hoffe denselben, wenn mir Kraft und Zeit bleibt, in nicht zu ferner Zeit vorlegen zu können und mich alsdann über Quellen und Hilfsmittel, soweit es erforderlich scheint, noch weiter aussprechen zu können.

Ein Register über alle Bände wird nach Fertigstellung des Werkes beigegeben werden.

Coblenz, im August 1900.

Dr.Hermann Deiters.

Fußnoten

1 Neben Otto Jahn, dem es aber nicht beschieden war, seine Absicht auszuführen.

2 Über die Gründe der schließlichen Erweiterung des Gesamtumfanges auf 5 Bände vgl. das Vorwort des 5. Bandes. H.R.

3 Da die Klavier-Quartette von 1785 vollständig in der Gesamtausgabe von Beethovens Werken (Verlag von Breitkopf Härtel in Leipzig) als Serie X Nr. 75 bis 77 erschienen sind, so erübrigt sich eine Wiedergabe des Faksimiles in der neuen Auflage.

4 Das Stück befand sich nicht unter Deiters' Materialien für den 2. Band, konnte daher nicht zum Abdruck gelangen.

Zwei Briefe als Vorwort zur ersten Auflage.

Der Verfasser an den Übersetzer.

Mein lieber Freund!

Es ist vielleicht eine seltene Erscheinung, daß ein Autor sein Werk zuerst in Form einer Übersetzung und in einem fremden Lande in die Welt schickt. Da aber im gegenwärtigen Falle der Autor nicht im Stande ist, die Herausgabe seines Buches in seiner Muttersprache und in seinem Heimathlande persönlich zu überwachen, und da es dort nicht allgemeine Sitte ist, Werke in einzelnen Bänden allmählich zu veröffentlichen, so erscheint ihm der gegenwärtige Weg als der einzig mögliche, wenn er nicht die Resultate seiner Forschungen und Studien so lange zurückhalten will, bis das ganze Werk zum Drucke bereit ist. Gegen einen solchen Aufschub sprachen aber manche und gewichtige Gründe. Erstlich kann ich, wenn ich nach hiesiger Gewohnheit diesen ersten Band jetzt deutsch in Deutschland herausgebe, mit Wahrscheinlichkeit erwarten, daß ich Mittel erhalten werde, diesen Theil des Werkes vor seiner Herausgabe in englischer Sprache zu verbessern, da ohne Zweifel von solchen, die das Buch einer aufmerksamen Durchsicht werth halten werden, manche Verbesserung gemacht und manches neue Factum beigebracht werden wird. Ferner würde es undankbar sein, die hier zusammengestellten Mittheilungen, welche dem Verfasser von so vielen angesehenen Personen aus allen Gegenden Deutschlands zu Theil geworden sind, die seine Sammlung aufs wohlwollendste unterstützten, länger wie nöthig zurückzuhalten. Ein dritter und entscheidender Beweggrund endlich war der, daß Sie, lieber Freund, sich bereit erklärten, die Bearbeitung des Werkes zu übernehmen.

Es war bei Gelegenheit einer Unterhaltung mit Ihnen und Professor Jahn im November 1864, als ich gerade aus Düsseldorf nach Bonn zurückgekehrt war, daß ich mich entschloß, mein Manuskript der Geschichte von Beethovens Bonner Lebensperiode, welches gerade damals lange in meinem Pult gelegen hatte und nur die wenigen Zusätze und Verbesserungen erwartete, die, wie ich vermuthete, sich aus meiner Nachforschung im Provinzialarchiv zu Düsseldorf ergeben würden, gänzlich umzuarbeiten. Sie und andere meiner Bonner Freunde erinnern sich vielleicht, daß ich eine solche Nachforschung schon während meines Besuches am Rhein im Sommer und Herbst 1860 anstellen wollte, aber durch ungünstige Umstände daran verhindert wurde. Aber Jahn und Sie waren, als ich Ihnen meine Notizen, Excerpte und Copien aus den dort aufgefundenen Dokumenten mittheilte, über diese Proben von dem Reichthume und dem Werthe der damals eben entdeckten Sammlung eben so überrascht und erfreut, wie ich es gewesen war, und Sie waren der Ansicht, daß dieses ganze Material in gewisser Weise geeignet sei, dem Werke einverleibt zu werden. Daraus erwuchs der Plan, eine etwas ausgeführtere historische Skizze von Musik und Musikern in Bonn während des 18ten Jahrhunderts in einigen einleitenden Kapiteln zu geben. Aber jetzt erhob sich eine neue Schwierigkeit. Meine amtlichen Verpflichtungen und Geschäfte waren derartige geworden, daß sie mir eine nachträgliche Untersuchung in dem Archive, die zu einer erfolgreichen Ausführung jenes neuen Planes nöthig war, unmöglich machten. Denn von vielen wichtigen Aktenstücken hatte ich nur Notizen gemacht, von anderen nur kurze Auszüge, andere waren mir bei der Kürze meines Aufenthalts entgangen; auch bedurften meine Abschriften, da ich einen von meiner früheren Absicht so ganz verschiedenen Gebrauch davon machen wollte, einer neuen Vergleichung mit dem Original. Ihre Bereitwilligkeit, dieses Geschäft in Verbindung mit Dr. Harleß zu übernehmen, mein Vertrauen auf Ihre Sorgfalt, Ihr Urtheil und Ihre litterarische Uneigennützigkeit, und meine Kenntnis der Beziehungen, in welchen Sie in Bonn zu allen, von denen werthvolle neue Beiträge zu hoffen waren, standen, drängte bei mir die Bedenken zurück, welche sich zu Gunsten einer Zurückhaltung meines Werkes bis zu der Zeit, wo es vollständig zur Herausgabe in meiner Muttersprache und meinem Heimathlande fertig sein würde, erheben konnten. In Folge dessen übersandte ich Ihnen den größeren Theil dessen, welches den ersten Band bilden sollte.

Ich bitte Sie, bei dem Durchlesen dieses Manuskripts nicht zu vergessen, daß es für ein Publikum geschrieben ist, welches mit Deutschland und der Geschichte seiner Musik unbekannt ist, für ein Publikum, welches (was ich freilich zuweilen auch diesseits des Oceans gefunden habe) kaum weiß oder sich wenigstens nur halbwegs erinnert, daß einmal ein Staat wie das Kurfürstenthum Köln existirt habe, und welchem demnach alles, was sich auf den Bonner Hof bezieht, größtentheils neu ist. Sie werden demnach einige Gegenstände mit etwas größerer Ausführlichkeit behandelt finden, andere wieder weniger eingehend, als es für den deutschen Leser erforderlich scheinen mag; ich stelle es Ihnen anheim, nach Ihrem eigenen Urtheil und Gutdünken gewisse Partien zusammenzuziehen, in welche Beethoven nicht unmittelbar eingreift, und einige andere weiter auszudehnen; zu diesem Ende werden Sie hier und dort viel längere Citate meiner Quellen in den Text hineingesetzt finden, als ich künftig für meine englische Ausgabe zu übersetzen vorhabe.

Lassen Sie mich hier die Bitte aussprechen, Worte und Ausdruck unserer Autoritäten genau wiederzugeben. Es ist wahr, daß die Schönheit des Stiles, die dramatische Lebendigkeit und Wirkung durch eine Umformung dieser sämmtlichen Quellenangaben und ihre Wiedergabe mit des Verfassers eigenen Worten sehr gewinnen würde; doch ist dieser Versuch immer ein gefährlicher, wo des Verfassers Absicht einzig und allein die Ermittelung und Mittheilung der genauen Wahrheit ist. Gelegenheiten zu dem, was wir im Englischen fine writing nennen, sind auf diese Weise geopfert; aber dieser Verlust wird ausgeglichen durch eine weit geringere Möglichkeit, in Irrthümer zu fallen.

Um Sie jedoch von der Furcht zu befreien, der Band möchte unter dem Gewichte der vielen Dokumente, welche in den einleitenden Kapiteln so ohne weiteres vollständig abgedruckt werden sollen, zu sehr gedrückt werden, bemerke ich, daß dieselben lediglich für Ihre Bequemlichkeit in eine chronologische Folge gebracht sind, und daß sie in den Text verwebt, in den Anhang gesetzt oder nur als Material verwendet werden können, wie es Ihnen am besten erscheint. Kurz, während ich Sie bitte, in der Übertragung meiner eigenen Worte genau zu sein und ihrer Bedeutung nichts zu nehmen noch hinzuzusetzen, sowie auch die gegenwärtige Eintheilung nach Kapiteln beizubehalten, gebe ich Ihnen übrigens mit Vergnügen alle Freiheit. Bloße Formfragen erachte ich nicht für wichtig genug, um den Wunsch eines strengen Anschlusses an mein Manuskript zu rechtfertigen, besonders da Sie vermuthlich den Geschmack Ihres Publikums weit besser kennen, als es mir möglich ist. Da ferner die theilweise Veränderung des Planes in diesem ersten Bande Ihnen muthmaßlich Gelegenheit geben wird, dem von mir gesammelten Material manches Werthvolle und Interessante hinzuzufügen, so bitte ich Sie, alle solche Zusätze auf eine Weise kenntlich zu machen, daß der Leser Ihnen Gerechtigkeit widerfahren lasse: suum cuique.

Doch genug davon.

Ich finde keine Nothwendigkeit, über die, welche vor mir über Beethoven geschrieben haben, sowie über das, was sie geleistet oder nicht geleistet haben, ausführlich zu sprechen. Die Notizen von Wegeler und Ries und die Arbeiten von Schindler sind seit langer Zeit allgemeines Eigenthum. Sie werden bemerken, wie oft mein Manuskript in thatsächlichen Dingen von jenen abweicht; da aber die Gründe solcher Abweichungen im Texte angeführt werden, so ist es nicht nöthig, sie hier zu behandeln. Mit Ausnahme dessen, was ich jenen Schriftstellern verdanke, kann dieser Band als die Frucht eigener, persönlicher Nachforschungen bezeichnet werden, welche diesseits des Oceans schon im Sommer 1849 in Bonn begannen und seitdem in allen Hauptstädten Deutschlands und Östreichs und in ziemlicher Ausdehnung auch in England fortgesetzt wurden. Selbst Holland, Belgien, Frankreich und mein eigenes Heimathland haben einigen Stoff zu diesem oder den folgenden Bänden geliefert. Ich habe demnach keinen Beruf, an den Werken anderer irgend welche Kritik zu üben; ein jedes muß stehen oder fallen nach seinem eigenen Verdienste. Was ich im Stande war zusammenzubringen in Bezug auf die in diesem ersten Bande umfaßte Periode, ist in möglichst einfacher Erzählung dargestellt; ich verfechte keine Theorien und huldige keinen Vorurtheilen, mein einziger Gesichtspunkt ist die Wahrheit. Der Band ist der persönlichen Geschichte Beethovens des Menschen, und solchen beigefügten persönlichen, musikhistorischen, socialen und politischen Skizzen gewidmet, welche zur Erläuterung der Zeiten und Eindrücke dienlich schienen, unter denen er aufwuchs und sein Genie sich entwickelte. Ich habe der Versuchung widerstanden, den Charakter seiner Werke zu besprechen und eine solche Besprechung zur Grundlage historischer Spekulationen zu machen; ich zog es vor, solche Erörterungen denen zu überlassen, welche mehr Geschmack für dieselben haben. Beethoven der Komponist scheint mir durch seine Werke hinlänglich bekannt zu sein; in dieser Voraussetzung wurde von mir die lange und ermüdende Arbeit so mancher Jahre Beethoven dem Menschen gewidmet.

Über eine Autorität jedoch, welche neuerdings dem Publikum zugänglich geworden ist, halte ich eine Bemerkung um so mehr für erforderlich, als ihr durch die Aufschrift, die ihr zu Theil geworden ist, leicht größere Wichtigkeit beigelegt werden könnte, als sie verdient; ich meine das sogenannte Fischhofsche Manuskript in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Dasselbe war in dreierlei Hinsicht von großem Werthe; erstens, weil darin Copien einer großen Zahl von Briefen und Dokumenten gegeben waren, von denen mehrere jetzt nicht mehr vorhanden sind; zweitens, weil es in einer gewissen Folge eine große Zahl von Notizen, Bemerkungen und Aufzeichnungen enthält, die Beethoven in Kalendern und Taschenbüchern hinzuwerfen pflegte; und drittens, weil es einige persönliche Erinnerungen von Beethovens Freund Zmeskall von Domanovecz bietet, welche zwar die gewöhnliche Unsicherheit des Gedächtnisses nach dem Ablauf von mehr als 35 Jahren zeigen, aber nichtsdestoweniger sehr interessante und wertvolle Beiträge zur Kenntnis von Beethovens ersten Wiener Jahren sind. Außerdem ist das Manuskript zusammengestellt aus den wenigen gedruckten Quellen, die in den Jahren 1830–37 vorlagen. Herr Espagne, Custos der Königl. Bibliothek in Berlin, schreibt darüber unter anderem: "Fischhof hat im Ganzen 11 Seiten abgeschrieben; das übrige ist von zwei dnaeren Copisten." Die Geschichte des Dokumentes, wie sie mir erscheint, ist einfach folgende. Nach Beethovens Tode wurde ein gewisser Jakob Hotschevar "gerichtlich bestellter Vormund von Ludwig van Beethovens Neffen und Universal-Erben." Beim Erscheinen von Schlossers elender kleiner "Biographie" des Komponisten (welche mit der Angabe von 1772 als Geburtsjahr, und der Benennung seines Vaters als Anton v. B. beginnt) sandte Hotschevar eine Mittheilung an Bäuerles Theaterzeitung (6. Oct. 1807), worin er sagt, "daß man berechtigt ist, bald eine, der großen Kunsttalente Beethovens würdige Biographie desselben zu erwarten." Dieser Nachricht fügt er die Bemerkung bei, "daß die so eben im Druck erschienene Biographie [von Schlosser] .... mit mancherlei wesentlichen Unrichtigkeiten angefüllt ist." Es wurden zu diesem Zwecke die in seinem Besitze befindlichen Papiere copirt und einige Anekdoten und Ähnliches hinzugefügt. Als Carl van Beethoven zur Großjährigkeit gelangte, kamen diese Papiere in seinen Besitz und nach seinem Tode natürlich in den seiner Wittwe. Ein großer Theil derselben wurde vor einigen Jahren von ihr entliehen und – von dem Entleiher zu seinem eigenen Vortheile verkauft! Die Handschrift, welche die Copien enthielt, scheint als Geschenk in Fischhoffs Besitz gelangt zu sein. –

Die Zahl der Personen, denen ich für die freundliche Unterstützung bei der Vorbereitung dieses ersten Bandes zu Erkenntlichkeit und Dank verpflichtet bin, ist nicht groß, und ihre Namen werden gelegentlich in Verbindung mit ihren Mittheilungen im Texte genannt werden. Was die Männer betrifft, unter deren Aufsicht ich die Bibliotheken und Archive fand, worin ich Nachforschungen anstellen mußte, so darf man wohl sagen, daß es zu deren Beruf gehört, die zu unterstützen, welche veranlaßt sind, die ihrer Aufsicht anvertrauten Bücher und Papiere einzusehen, und daß demnach ein Autor nicht verpflichtet ist, sie einzeln zu nennen. Doch ist das Resultat ein sehr verschiedenes, je nachdem dieselben auf der einen Seite über den stricten Umfang ihrer Pflicht nicht hinausgehen, oder auf der andern selbst ein Interesse für den Gegenstand der Untersuchung gewinnen und darauf bedacht sind, dem Eifer des Forschers erleichternd zu Hülfe zu kommen, und man nimmt gern die Gelegenheit wahr, sich für solche Freundlichkeit dankbar zu zeigen. Mit Vergnügen nenne ich hier Herrn Dr. Woldemar Harleß, Archivar zu Düsseldorf; die Herren Eschbaum, Vater und Sohn, (1860) bei dem Civilstandsbüreau in Bonn; die Herren Dr. Klette und Dr. Marquardt bei der Universitätsbibliothek daselbst; Herrn Dr. Constant von Wurzbach bei der Bibliothek des Ministeriums des Innern zu Wien; endlich die Herren Dr. Karajan und Pachler, sowie andere Beamte bei der K. K. Bibliothek daselbst. Auch gebührt eine dankbare Erwähnung dem Andenken des Prof. Dehn bei der K. Bibliothek zu Berlin, der, obwohl er anfangs wenig Zutrauen zu dem Fremden zeigte, dessen Kenntnis der deutschen Sprache kaum ausreichte, sich verständlich zu machen, und dessen Kenntnis der Musik keineswegs so groß war, um den Respekt desselben zu erregen, doch nach und nach sich für die geduldige und ausdauernde Arbeit dieses Fremden interessirte und sie ihm durch freundliche Billigung sowie durch Mittheilung zahlreicher Thatsachen und Winke aus seinen reichen Vorräthen belohnte, welche für die Ausführung dieses Werkes von außerordentlichem Werthe gewesen sind.

Von denen, welche mir ihre Privatsammlungen von Dokumenten bereitwillig zur Einsicht geöffnet haben, müssen für diesen ersten Band zwei besonders genannt werden. Der erste ist Herr Artaria in Wien, bei dem ich kaum weiß, wie ich ihm meine Dankbarkeit genügend aussprechen soll. Hätte er mir lediglich die Erlaubnis gegeben, seine großartige Sammlung Beethovenscher Manuskripte aller Art zu durchsuchen, so würde das allein dankenswerth sein; aber wenn einem Unbekannten aus einem fremden Erdtheile diese Erlaubnis mit einer so freundlichen Sympathie und einem so sichtlichen Wunsche gegeben wurde, alles, was in der eigenen Macht stand, zu thun, um des Forschers Mühe zu unterstützen und zu erleichtern; so ist die Gunst eine doppelte, und formelle Dankesäußerungen reichen hier nicht aus.

In ähnlicher Weise muß ich mich auch Frau Caroline van Beethoven zu Dank verpflichtet fühlen. Gebe Gott, daß im Verlaufe dieses Werkes die Wahrheit sich in einer Weise herausstelle, um einigermaßen jene Last von Unruhe und Verdruß zu erleichtern, welcher der muthwillige und inhumane Mißbrauch verdrehter Thatsachen durch solche, die nur für ihren Gewinn schreiben und nichts thun wie piquante und dazu erdichtete Erzählungen aufwärmen, auf das Haupt der Wittwe und der vaterlosen Kinder gebracht hat!

Lassen Sie mich Ihnen, lieber Freund, auch noch die Namen zweier Personen nennen, welche, als meine Geldmittel durch so ausgedehnte und lange fortgesetzte Nachsuchungen in fremden Ländern und durch lange Perioden, in denen Krankheit mich zur Arbeit völlig unfähig machte, erschöpft waren, mich in den Stand setzten, von neuem zu beginnen und mein Werk fortzuführen. Dies sind Mrs. Mehetabel Adams aus Cambridge in Massachusetts und Dr. Lowell Mason aus South Orange in New Jersey.

Es war natürlich eine Quelle ernstlicher Enttäuschung für mich, Jahr auf Jahr von einer so langen Zeit dahin gehen zu sehen und nichts Nennenswerthes gethan zu haben! Mein ursprünglicher Plan im J. 1845 war lediglich, die Biographie Schindlers, die Notizen von Wegeler und Ries, und einige andere Angaben aus englischen Quellen in eine geordnete und zusammenhängende Erzählung zu bringen. Wir schreiben 1866, und hier haben Sie erst den ersten Band! Doch wie unglücklich auch die uneigennützige Hingabe an den Gedanken, der sich zuletzt bei mir entwickelte, eine erschöpfende Lebensgeschichte des Mannes vorzubereiten, für mich und meinen so langjährigen Lebensplan sich erwies, so sind doch die durch Krankheit und andere Umstände verursachten Verzögerungen dem Werke in mancher Beziehung förderlich gewesen. So hat erst in den wenigen letzten Jahren die Entdeckung der Gedächtnisfehler des vortrefflichen Dr. Wegeler meinen Nachforschungen über die in diesem Bande enthaltene Periode neue Form und Richtung gegeben und so überraschende Resultate, für mich wenigstens, möglich gemacht.

Daß ich nie eine auch noch so widerwärtige und lästige Mühe gespart habe, welche mir auch nur einen Wink in Beziehung auf ein neues Factum gewähren konnte, werden Sie längst wissen; noch sicherer aber werden Sie sich davon überzeugen, wenn ich Ihnen schließlich erzähle, daß ich einst, als ich in meinem Hôtel zu Salzburg etwa zwei Tage durch schlechtes Wetter an mein Zimmer gefesselt war, die Zeit der unerfreulichen Durchsicht des schwachen, schmutzigen und verläumderischen Buches von Heribert Rau gewidmet habe!

Ich bin, mein lieber Deiters,

Ihr aufrichtig ergebener

A.W. Thayer.

Triest, 1866.

Der Übersetzer an den Verfasser.

Verehrter und lieber Freund!

Sie haben die Übergabe Ihres Beethoven-Manuskriptes an mich mit einer ausführlichen, mir wie sicherlich Ihren künftigen Lesern sehr willkommenen Zuschrift begleitet und sich in derselben über die Ausdehnung Ihrer Untersuchungen, das Ziel Ihrer Arbeit, die Bestimmungsgründe des jetzigen Erscheinens in deutscher Sprache und die Art meiner Mitwirkung zu diesem Zwecke in deutlicher Weise ausgesprochen. Die Freiheit, welche Sie mir bei der Behandlung des überlieferten Stoffes gewähren, sowie der Umstand, daß ich in Folge neuer Aufschlüsse vielfach über die Thätigkeit des bloßen Übersetzens hinausgehen mußte, werden es Ihnen erwünscht machen, daß ich mich nach Vollendung dieses ersten Bandes in gleicher Weise über mein Verfahren Ihnen gegenüber ausspreche. Sie werden daraus entscheiden können, ob ich überall in Ihrem Sinne gearbeitet habe.

Gewiß erinnern Sie sich des lebhaften Interesses, mit welchem ich, als wir uns zuerst kennen lernten, die Mittheilungen aus Ihren Untersuchungen über Beethovens Leben ergriff, und des dringenden, auch gegen Sie öfter geäußerten Verlangens, die Resultate derselben endlich veröffentlicht zu sehen. Als Sie uns bei Ihrer letzten Anwesenheit am Rheine (Ende 1864) die fertigen Aushängebogen Ihres chronologischen Verzeichnisses und zugleich die neuen Ergebnisse Ihrer Düsseldorfer Nachforschungen mittheilten, schien die Hoffnung auf das Erscheinen ganz nahe gerückt; mancherlei Amtsgeschäfte, und namentlich der Umstand, daß Sie Ihr Werk zuerst deutsch erscheinen lassen wollten, schien noch eine zeitweilige Verzögerung herbeizuführen. Zu dem letzteren Zwecke nahmen Sie, während der erste Band seiner Vollendung entgegenging, meine Mitwirkung in Anspruch. Es war nicht eine getreue wörtliche Übersetzung, die Sie dabei im Auge hatten; Sie übergaben mir Ihr Manuskript als Stoff, bei dessen Bearbeitung ich den Geschmack und das Bedürfnis des deutschen Publikums zu Rathe ziehen dürfe. Die Andeutung von möglichen Ergänzungen Ihrer Mittheilungen ließen eine noch weiter gehende Selbständigkeit meiner Thätigkeit erwarten. Diese Betrachtung, dabei das Interesse des Gegenstandes und die Freude, Ihre Resultate allmählich kennen lernen und andern vermitteln zu können, überwog bei mir die möglichen Bedenken; ich wollte mich dem Zutrauen, welches Sie in mich setzten, um so weniger entziehen, als ich nach der Herausgabe Ihres Beethoven selbst so oft und so ungeduldig verlangt hatte.

Ich war noch nicht lange mit der Arbeit beschäftigt, als ich bemerkte, daß die vielen beigegebenen und einzuordnenden Dokumente sehr ungenau von dem Copisten abgeschrieben seien, und, wie Sie auch selbst vermutheten, eine nachträgliche Vergleichung derselben mit den Originalen unerläßlich sei. Zu diesem Zwecke sagte mir Herr Archivar Dr. Harleß in Düsseldorf auf meine Bitte seine Unterstützung freundlich zu und korrigirte auch bald darauf die ihm von mir übersandten ersten Aktenstücke. Nicht lange nachher war es mir möglich, selbst einige Tage in Düsseldorf zuzubringen und die Vergleichung der übrigen Abschriften vorzunehmen. Hier nahm ich denn Gelegenheit, soweit es die Zeit mir erlaubte, die sämmtlichen auf Bonner Musik bezüglichen Papiere noch einmal durchzusehen. Da sich bei Ihnen der Plan einer ausführlichen Darstellung der Bonner Musik vor Beethoven erst allmählich und nach Ihrem Düsseldorfer Aufenthalte gebildet hatte, so konnte es nicht fehlen, daß ich Ihren Angaben Verschiedenes hinzufügen konnte. Abgesehen von kleinen Verbesserungen in Namen und Zahlen konnte ich die Reihe der Musiker wesentlich ergänzen, einige kleine Aktenstücke von Interesse beifügen und so die Geschichte der "100 Jahre Bonner Musik" einer gewissen Vollständigkeit näher bringen; zugleich boten mir meine dort gemachten Notizen manchen Stoff zur Erläuterung der später zu nennenden Fischerschen Mittheilungen. Ich glaubte im voraus vermuthen zu dürfen, daß Sie der nachträglichen Einfügung der neugewonnenen Notizen Ihre Zustimmung geben würden. Man konnte freilich fürchten, daß manchem Leser die Vermehrung eines ohnehin etwas trockenen Materials nicht erwünscht sein möchte; doch mußte ich bei näherer Erwägung diese Rücksicht fahren lassen. Die Absicht, einen nach bequemer Unterhaltung verlangenden Leserkreis zu befriedigen, und die, eine gründliche und sichere Kenntnis von Thatsachen und Zuständen zu vermitteln, beides kann der Natur der Sache nach nicht immer zusammen gehen; ich wußte aber, daß Ihre Absicht, daß die Arbeit vieler Jahre von Ihnen vornehmlich auf das letztere gerichtet war. Solche Darstellungen aber, wie die in unserem ersten Buche gegebenen, haben erst durch eine gewisse Vollständigkeit einen Werth: die einzelne Thatsache ist hier leicht unerheblich, die Kenntnis eines ganzen Complexes und einer zusammenhängenden Entwickelung aber wichtig. Daher bedarf für den einsichtigen Kenner diese ganze Vorbereitung Ihrer Biographie durchaus keiner Entschuldigung; wer bedenkt, welche Bedeutung im vorigen Jahrhundert die kleinen deutschen Höfe für die Entwickelung des Theaters und der Musik hatten, eben die Zeit, in welcher sich die Entwickelung und Blüthe unserer deutschen Instrumentalmusik vollzog, der wird eine genaue Kenntnis desjenigen unter diesen Instituten, aus dessen Traditionen und Anschauungen unser größter Tondichter hervorging, sicher nicht für überflüssig halten. – Ich muß hier noch einmal der zuvorkommenden Freundlichkeit Erwähnung thun, mit welcher mir Herr Dr. Harleß bei der oben erwähnten Arbeit fortwährend zur Hand ging; auch später ertheilte er mir noch verschiedene Male auf briefliche Anfragen über einzelne Punkte erwünschte Auskunft. Auch erfuhr ich von ihm, was Sie vielleicht ebenfalls schon wissen, daß keineswegs die gesammten Kurkölnischen Akten sich bis jetzt in Düsseldorf befinden, sondern daß ein Theil derselben wahrscheinlich in dem bisher kaum zugänglichen Darmstädter Ministerialarchiv aufbewahrt wird, ein anderer aber sich noch in Arnsberg befinden soll, von wo die von uns durchsuchten Papiere erst 1861 nach Düsseldorf gekommen sind. Demnach wäre unter günstigen Verhältnissen für späterhin eine noch weitere Vollständigkeit zu erzielen1.

Sie sprechen den Wunsch aus, ich möchte meine Zusätze bezeichnen und mir so mein Recht auf dieselben wahren. Ich bitte Sie aber zu bedenken, welche Verwirrung und Buntheit daraus entstanden wäre, wenn vollkommen gleichartige Notizen in der Weise getheilt worden wären, daß einige im Texte, andere unter dem Texte gestanden hätten, oder daß im Texte immer eine Zahl derselben mit einem besondern Zeichen wäre versehen worden. Mir ist hier die persönliche Rücksicht, daß mir mein Eigenthum gewahrt bleibe, fremd, und es scheint mir genügend, wenn Sie und ich wissen, was von Ihnen und von mir ist, wenn nur für beides die gleiche Gewähr in Anspruch genommen werden kann. Dies darf aber geschehen, sofern Sie in die Genauigkeit meiner Angaben Zutrauen setzen, und daß Sie dieses thun, haben Sie mir ja schon ausgesprochen. Ob freilich die Form, in welcher ich meine Zusätze eingereiht habe, überall Ihre Zustimmung hat, darüber werde ich jetzt erst, da Sie dieselben gedruckt vor sich sehen, Ihr Urtheil vernehmen können. Es kamen nun außerdem noch einzelne Fälle vor, in denen es mir möglich war, in anderer Weise und aus anderen Quellen Ihre Angaben in Kürze zu erläutern; das habe ich denn unter Voraussetzung ihrer Zustimmung in Form von "Anmerkungen des Übersetzers" unter dem Texte gethan. So durchsuchte ich z.B. noch einmal aufmerksam die alten Protokolle der 1787 gestifteten Bonner Lesegesellschaft, an der verschiedene der Hofmusiker betheiligt waren; doch mit Ausnahme von zwei Daten war für Beethoven und seine Familie daraus nichts Wesentliches mehr zu lernen. Eine Durchsicht der mir zugänglichen alten Bonner Anzeigen und Intelligenzblätter belehrte mich bald, daß in dergleichen Quellen Ihre Sorgsamkeit so gut wie nichts zu thun übrig gelassen hatte.

Außer diesen kleinen Zusätzen habe ich noch über drei längere eigene Zuthaten mich auszusprechen, welche ihres Umfanges wegen in den Anhang (VI bis VIII) kommen mußten. Es erschien mir wünschenswerth und auch möglich, die Beschreibung der Lokalitäten, an die Beethovens Thätigkeit in Bonn geknüpft war, namentlich des kurfürstlichen Schlosses in seinem damaligen Zustande, noch etwas eingehender zu geben. Da nun wider Erwarten ältere Pläne, Zeichnungen und Beschreibungen nicht mehr zu erlangen waren, so versuchte ich aus Schilderungen älterer Bonner, die ich aus gedruckten Beschreibungen erläutern konnte, eine Anschauung der wichtigsten Lokalitäten, namentlich des Theaters, zu gewinnen. Herr Hofrath Oppenhoff, der die kurfürstliche Zeit noch gesehen hat und sich auch Beethovens als eines immer in sich gekehrten jungen Mannes, sowie der traurigen Verhältnisse der ihm benachbart wohnenden Familie deutlich erinnert, sowie mein verehrter Kollege Dr. Kneisel gaben mir auf meine dahin zielenden Fragen dankenswerthe Auskunft.

Kenntnis und Benutzung der Fischerschen Mittheilungen verdanke ich Herrn Oberbürgermeister Kaufmann in Bonn; ich habe dieselben im Anhang VII mitgetheilt und mich daselbst über die Natur und Bedeutung dieser neuen Quelle auszusprechen versucht. Eine Einverleibung der Resultate derselben in Ihren abgeschlossenen Text erschien mir bei der eigenthümlichen Natur dieser Erzählungen, welche mich zu oft genöthigt hätte, mit meinem eigenen Urtheil hervorzutreten, nicht mehr geeignet. Aber gerade über diese Quelle und ihre Behandlung durch mich wäre ich am meisten gespannt, Ihr Urtheil zu hören.

Die Zusammenstellung der Zeitungsverhandlungen über Beethovens Geburtshaus aus den Jahren 1838 und 1845, welche ich im Anhang VIII gegeben habe und worin noch manche kleine urkundliche Notiz enthalten ist, wird auch, hoffe ich, den Band nicht allzu sehr belasten.

Im übrigen habe ich mich natürlich bestrebt, nur als der sorgfältige und getreue Interpret Ihrer Mittheilungen zu handeln; ich hoffe, daß Sie Ihre darauf bezügliche Bitte werden erfüllt finden. Von der Freiheit, die Sie mir in Betreff der Dokumente im ersten Buche gewähren, habe ich nur beschränkten Gebrauch gemacht. Freilich habe ich, aufrichtig gestanden, nicht selten die Neigung verspürt, Partieen, in denen der urkundliche Charakter, wie ich meinte, zu stark hervortrat, dem Leser etwas mundgerechter zu machen; in der Regel aber mußte ich mir sagen: es war Ihre Arbeit, Ihre Eigenthümlichkeit sprach sich in der Behandlung überall aus; Ihr Streben nach möglichst klarem und einfachem Hervortreten des Thatsächlichen und genau Festgestellten, nach Mittheilung der Wahrheit ohne viel äußeren Schmuck der Rede bildete so sehr den Grundcharakter Ihres Buches, daß ich Bedenken tragen mußte, denselben durch Einmischung einer vielleicht abweichenden Weise zu stören. Ich habe von den vollständig beigegebenen Urkunden nur wenige weggelassen und ihren Inhalt kurz angegeben; einige derselben, die nur Verzeichnisse von Personen oder Ausgaben enthielten, habe ich in den Anhang gesetzt; die übrigen sind Ihrem anfänglichen Plane gemäß dem Texte einverleibt worden. Die beiden Dokumente von 1784 (S. 146 fg.2) habe ich so zusammengestellt, daß man sie zugleich übersieht.

Auch die zahlreichen wörtlichen Anführungen aus früher gedruckten Quellen habe ich im ganzen so eingefügt, wie es in Ihrem Manuskripte angedeutet war. Ich gestehe gern, daß ich auch hier manchmal geneigt gewesen wäre, an Stelle der fremden Darstellung die eigene zu setzen; aber das hätte dann doch die Ihrige sein müssen, und gerade Sie wünschten in diesen Fällen Beibehaltung des Ausdruckes der Quellen, um der Gefahr, in Irrthümer zu fallen, nicht so leicht ausgesetzt zu sein. Ich kann freilich, aufrichtig gesagt, diese Gefahr für so groß nicht ansehen, wofern die Quellen deutlich reden; aber es stimmte wieder ganz mit der Anlage Ihres Werkes überein, auch hier die Beweisstücke selbst zu geben; und viele der benutzten Quellen sind zudem der Art, daß bei ihrer seltenen Zugänglichkeit wörtliche Mittheilungen aus denselben von besonderem Interesse sein müssen. Dazu rechne ich z.B. die Musikalische Correspondenz, Cramers Magazin, Reichards Theaterkalender, die Bonner dramaturgischen Nachrichten u.a., während auch die Mittheilungen aus Wegelers Notizen bei dem völlig quellenartigen Charakter derselben erwünscht sein werden; in den letzteren habe ich mir freilich kleine Kürzungen erlaubt. Ich war in der Lage, weitaus die meisten hieher gehörigen, auch selteneren Schriften selbst einsehen, copiren oder für die Korrektur vergleichen zu können; hierbei war mir Professor O. Jahns Bibliothek von wesentlichem Nutzen. Es ist gewiß in Ihrem Sinne, wenn ich bei dieser Gelegenheit des großen Interesses dankend Erwähnung thue, welches der verehrte Mann an dieser Arbeit fortwährend genommen hat, und welches sich in manchen dankenswerthen Winken über die Behandlung einzelner Punkte, sowie in der Mittheilung verschiedener werthvoller Beiträge aus seinen eigenen Sammlungen äußerte.

Ihre Eintheilung nach Kapiteln habe ich unverändert gelassen; ich habe derselben eine Eintheilung nach Büchern übergeordnet, worin die wichtigsten Zeitabschnitte von Beethovens Leben zusammengefaßt wurden. Da das zweite Buch in natürlicher Weise mit der Abreise von Bonn schließen mußte, für das dritte mir dann aber keine Grenze geeigneter schien, wie das Jahr 1800, die Entstehungszeit der Quartette und der ersten Symphonie, so ist in Folge Ihres Entschlusses, den Band mit 1795 zu schließen, das Mißverhältnis eingetreten, daß derselbe mitten im dritten Buche schließt. Leider war dasselbe nicht mehr zu heben; doch denke ich, daß man keinen zu großen Anstoß daran nehmen wird, wenn eine auf inneren Gesichtspunkten gegründete Periodeneintheilung unabhängig neben dem leicht in äußeren Veranlassungen begründeten Umfange der einzelnen Bände hergeht.

Sie gestatten mir, mit Rücksicht auf den deutschen Leser hier und da zuzusetzen oder wegzulassen; auch dies, namentlich das letztere, habe ich mir nur in beschränkter Weise erlaubt. Ich habe hauptsächlich in den Abschnitten, in denen Sie zum besseren Verständnisse die allgemeinen historischen und politischen Beziehungen der Zeit behandeln, manches gekürzt, was mir in dieser Rücksicht zu ausführlich schien. So werden Sie z.B. die Charakteristik des Kurfürsten Max Franz um vieles kürzer finden, wie sie von Ihnen geschrieben ist; ich hoffe, das Gesammtbild des Mannes wird darunter nicht gelitten haben. Anderes einzeln anzuführen, ist für den Leser unerheblich; Sie selbst werden es schon finden. Im ganzen glaube ich Ihre Gedanken deutlich und bestimmt wiedergegeben zu haben; einen strengen Anschluß an Ihre Worte haben Sie nicht verlangt, und es mag sein, daß ich zuweilen in der Wahl eines Ausdrucks, oder in Zusetzung und Weglassung eines Satzes, wo der Sinn klar und unverändert blieb, meinem Geschmacke gefolgt bin.

Dagegen war ich natürlich in keiner Weise berechtigt, in Fällen, wo ich von Ihrer Ansicht abweichen zu dürfen glaubte, meinem Urtheile zu folgen, oder auch nur meine Abweichung auszusprechen; ich wäre ja dann über die Thätigkeit des Interpreten hinausgegangen. Es wäre auch wohl gewagt, Ihren auf langer Untersuchung und Überlegung beruhenden Angaben einen vielleicht nur momentanen Zweifel entgegenzusetzen; von kleinen Einzelnheiten, in denen die Ansichten divergiren können, abgesehen, wird an dem großen Ganzen Ihrer Mittheilungen nicht wohl zu rütteln sein. Es ist daher auch hier wohl nicht der Ort, in Bezug auf solche Einzelnheiten Fragen an Sie zu richten, über welche eine mündliche Unterhaltung vielleicht rasch uns beide ins Klare setzen würde. Glauben Sie z.B. nicht, daß die Zeit von Beethovens erster Wiener Reise (1787) etwas früher zu setzen wäre? Mir scheint wenigstens die Zeit sehr kurz, wenn er erst nach dem 30. Juni 1787 aus Wien reiste, sich unterwegs in Augsburg aufhielt, mehrere Briefe seines Vaters erhielt und doch seine Mutter, die am 17. Juli starb, noch lebend antraf (S. 1643). Auch möchte ich bei der Frage nach Beethovens Bonner Kompositionen, für welche Sie S. 231 fg. so viel wichtiges Material bringen, glauben, daß die Betrachtung des Stils derselben vielleicht noch bestimmtere Hinweisungen ergeben würde; obgleich ich mir denken kann, daß Sie durch die abenteuerlichen Versuche Früherer, mit einem angenommenen System von Stilperioden bei Beethoven zu rechnen, an diesem ganzen Verfahren irre geworden sind.