M'Adam Opel - Heide Doeringer - E-Book

M'Adam Opel E-Book

Heide Doeringer

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Beschreibung

Sophie Marie Scheller wird 1840 als Tochter eines Gastwirts in dem Waldenserdorf Dornholzhausen bei Bad Homburg v. d. Höhe geboren. Im Alter von 28 Jahren heiratet sie den Schlosser Adam Opel aus Rüsselsheim. Zusammen mit ihrem Ehemann und den fünf gemeinsamen Söhnen baut sie im Zeitalter der Industrialisierung das äußerst erfolgreiche Unternehmen OPEL auf und führt es nach seinem Tod weiter. Tausende Arbeiter finden hier eine gesicherte Beschäftigung, und die in Rüsselsheim gefertigten Nähmaschinen, Fahrräder und Automobile erobern die Märkte weltweit.

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Seitenzahl: 137

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Für Marie

Inhalt

Vorwort

1. Sophie Scheller

Die Waldenser

Neue Heimat Dornholzhausen

Das Gasthaus Scheller

Sophies Dorfschule

Ein Dorf im Wandel

2. Adam Opel

Die Familiengeschichte des Adam Opel

Adam Opel auf Wanderschaft

Wanderschaft

Heimkehr und die Fabrik im Kuhstall

Adam Opels erste Nähmaschine 1862

Auslieferung über den Main

Ein Unternehmen entsteht

3. Sophie und Adam Opel

Brautwerbung

Eine harmonische Partnerschaft

Nähmaschinen aus Rüsselsheim

Fünf Söhne

Die Welt auf Rädern

Bei Familie Opel

Weihnachten 1884

Dreiräder

Es werde Licht

Auch Frauen können radeln

Silberhochzeit

Adam Opel – ein Rüsselsheimer Bürger

Das Jubiläumsfest der Schützengesellschaft

Adam Opel, Naturliebhaber und Jäger

Die Rad fahrenden Söhne

Das Ende eines großen Mannes

4. Witwe Adam Opel

Fünf Unternehmer-Söhne

Auf neuen Wegen – Autos für Opel

Der Opel Patentmotorwagen

System Lutzmann

Opel Darracq

Die Auto-Produktion

Automobil-Rennen

Das Gordon-Bennett-Rennen 1904

Kaiserpreis-Rennen 1907

Sophies 70. Geburtstag

Der große Brand

Arbeitsbedingungen im Opelwerk

Das 50-jährige Firmenjubiläum

Das Ende der

bemerkenswerten Frau

Zum Tode von Sophie Opel

5. Die Nachfolge

Dr. Ludwig Opel

Die Adelung

Opel Opel Opel

The Hall of Farne

Erinnerungen an die Opels

Die Opel-Villen in Rüsselsheim

Das Jagdhaus im Taunus

Der Opel-Zoo in Kronberg

Anhang / Recherche

Mit Dr. Mittmann durch Dornholzhausen

Auf den Spuren von Sophie und Adam

Im Stadt- und Industriemuseum Rüsselsheim

Auf Spurensuche bei Familie Alles

Erinnerung an Sophie Opel,

Anmerkungen

Zeittafel

Literatur

Nachwort

Die Autorin

Vorwort

Gerta Walsh, die ehrenamtliche Stadthistorikerin von Bad Homburg v. d. H., hat ein Buch veröffentlicht mit dem Titel:

Bemerkenswerte Frauen in Homburg –Frauen prägen 300 Jahre Bad Homburger Geschichte

Bei der Lektüre dieses Buches fesselte mich besonders das Leben der Sophie Opel geb. Scheller, und ich beschloss daher, mich mit dieser Frau näher zu befassen. Die Recherche führte mich von der Waldenser-Gemeinde in Dornholzhausen nahe Bad Homburg v. d. H. in die spätere Autostadt Rüsselsheim am Main und erlaubte mir, das faszinierende Lebensbild einer bemerkenswerten Frau und ihrer Familie aufzuzeichnen. Es ist eine Geschichte, in der erzählt wird, wie es zwei Menschen aus einfachen Verhältnissen mit Intelligenz, Mut und Einsatz gelingt, die häuslichen Zwänge zu überwinden und ein erfolgreiches Unternehmen zu gründen; ein Unternehmen, das Produkte entwickelt, die weltweite Anerkennung finden und deren Herstellung Tausenden Menschen Arbeit verschafft. Sowohl Sophie als auch Adam Opel blieben sich bei allem Erfolg selbst treu, waren bescheiden und arbeitsam bis zu ihrem Lebensende. Pfarrer Fuchs sagte bei Sophies Beerdigung:

»Sie war ein genialer Kaufmann

und wollte mehr nicht sein.«

Erstaunt hat mich bei der Recherche, dass einiges in Sophie Schellers Leben meinem eigenen Leben gleicht, obwohl sie 100 Jahre früher geboren wurde.

Meine verwitwete Mutter lebte mit uns drei Kindern während und nach dem 2. Weltkrieg in einem 300-Seelen-Dorf im Hunsrück. Meine Brüder und ich besuchten dort die einklassige Dorfschule mit Plumpsklo hinterm Haus. Der Unterrichtsplan entsprach dem der Sophie Scheller; auch wir wurden viel im Freien unterrichtet, arbeiteten im Schulgarten, sammelten auf den Feldern die Kartoffelkäfer und pflanzten einen Schulwald an. Unsere Mutter unterrichtete uns zusätzlich zu Hause, damit wir die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium schafften. Nach dem Abitur studierte ich Pädagogik, und meine erste Stelle war wiederum eine einklassige Dorfschule (1.-4. Schuljahr), diesmal jedoch in einem nagelneuen Schulgebäude mit hervorragenden hygienischen Einrichtungen, neuen Unterrichtsmethoden und Lernzielen. Der 65-jährige Schulleiter sagte zu der 21-jährigen Anfängerin: »Dann machen se mal, Fräulein!«

Möge die Geschichte der M'Adam Opel die Leser interessieren, sie in eine vergangene Welt zurückführen und gegebenenfalls inspirieren, im Rhein-Main-Gebiet auf den Spuren von Sophie und Adam Opel zu wandern.

1. Sophie Scheller

M'Adam Opel wird im Jahre 1840 als Sophie Marie Scheller in Dornholzhausen, einem Waldenserdorf in der Landgrafschaft Hessen-Homburg, geboren. Dieser besondere Ort und seine Geschichte haben sie geprägt. Es werden deshalb zuerst das Dorf Dornholzhausen und seine frühen Bewohner vorgestellt.

Die Waldenser

Die Waldenser können als eine der ältesten vorreformatorischen Laienbewegungen bezeichnet werden. Ihr Name geht auf den Kaufmann Valdes zurück, der 1176 in Lyon (Frankreich) als Laie begann, das Evangelium zu predigen. Er ließ Teile der lateinischen Bibel übersetzten, damit jeder Christ die heilige Schrift lesen oder die Texte auswendig lernen konnte. In seinen Predigten verteufelte er den Reichtum der Kirche, wandte sich gegen das Zölibat und den Ablass und vertrat die Ansicht, dass ein jeder sich selbst mit seinem Glauben und Gewissen vor Gott zu verantworten habe. In all seinen Predigten bat Valdes um Fürsorge für die Armen, und erstaunlich schnell fand diese Bewegung Anhänger von Spanien bis ins Baltikum. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte wurden die protestantischen Gläubigen entweder geduldet oder aufs schärfste verfolgt.

In den Alpentälern westlich von Turin gab es Waldenser-Siedlungen, deren französische Bewohner im Juli des Jahres 1698 vom Herzog von Savoyen aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Der Herzog folgte damit dem von Ludwig XIV. erlassenen Edikt von Fontainebleau, das die Ausübung reformierter Konfessionen unter strengsten Strafen verbot und in Frankreich zur Flucht von Hundertausenden Hugenotten führte.

Die Waldenser erhielten zuerst den Winter über in der calvinistischen Schweiz Zwischenasyl, bevor ihnen durch die Vermittlung von Pieter Valkinier, dem niederländischen Generalbevollmächtigten, eine endgültige Unterkunft bei protestantischen Landesherren zugewiesen wurde. In Hessen-Homburg zeigte sich der reformierte Landgraf Friedrich II. bereit, 40 Waldenserfamilien mit 165 Personen (109 Erwachsene und 56 Kinder) aufzunehmen, fast alle kamen aus der piemontesischen Gemeinde Méan im oberen Clousontal (ca. 40 km bis Turin). Es war ein langer, beschwerlicher Weg.

1

Neue Heimat Dornholzhausen

Nachdem die Flüchtlinge auf dem Schlosshof von Homburg dem Landgrafen Friedrich II. einen Eid geleistet hatten, ließ der Landesherr seine neuen Untertanen auf den Reisberg in Dornholzhausen führen, wo er den Siedlerfamilien ein Gelände aus seinem persönlichen Besitz übergab. Zuerst wurden die Familien in Baracken untergebracht, die oberhalb des zukünftigen Dorfes lagen. Es stellte sich bald heraus, dass die zugewiesene Fläche keine ausreichende Lebensgrundlage für 40 Familien bot, und so zogen schon im Herbst 1699 zehn Familien mit 44 Personen weiter. Die Zuteilung der Bauplätze geschah vermutlich durch Losentscheid unter Berücksichtigung der Familiengröße. So entwickelte sich die Siedlung als ein Straßendorf mit kleinen Häuschen, aber unterschiedlich großen Grundstücken. Kirche, Pfarrhaus, Schule und Backhaus bildeten das Gemeindezentrum.

2

Etwa 200 Jahre lang konnte Dornholzhausen seinen waldensischen Charakter bewahren. In den ersten 100 Jahren zählte die Bevölkerung weniger als 200 Einwohner; die meisten von ihnen waren Landwirte wie in ihrer Heimat, aber es fiel ihnen schwer, den kargen Boden, auf dem Weizen, Gerste, Hafer, Rüben und Kartoffeln angebaut wurden, zu bearbeiten. Der Viehbestand war klein; meist gab es nur Ziegen, ein paar Hühner, ein paar Kaninchen und ganz selten mal eine Kuh oder ein Schwein. Auf Streuobstwiesen reiften Äpfel, die gekeltert wurden. Die Wiesen mit den Apfelbäumen reichten in der Regel bis an die umzäunten Hausgärten und die Bebauung heran und fügten so das Dorf hübsch in die Landschaft ein.

Die Waldenser waren sehr arm und fast alle Familien verschuldet. Bei einer Versteigerung konnten die festgehaltenen Vermögenswerte oft die Schulden nicht decken, sodass diese dann auf die folgenden Generationen übertragen werden mussten.

Im Jahre 1816 trat jedoch eine Wende ein. Der Gemeindevorstand hatte erreicht, dass die neue Chaussee über die Saalburg nach dem Ort Usingen mitten durch Dornholzhausen geführt wurde. Mit dieser Maßnahme erhoffte man sich eine wirtschaftliche Belebung des Dorfes, da das Strumpfwebergewerbe, das einige Familien ausübten, nicht mehr viel einbrachte. Die Entscheidung half der weiteren Entwicklung des Dorfes. Nach Fertigstellung der Straße wurde nun eine Maut erhoben, die jährlich an die Landgräfliche Hessische Rentei Homburg abzuliefern war. Der jeweilige Besitzer des Eckhauses 32, also des Hauses unmittelbar am Ortseingang, wurde mit dieser Aufgabe betraut und entsprechend entlohnt.

Zu jener Zeit handelte es sich um Jacques Désor, den Wirt vom Gasthaus »Zum Hirschen«. Jacques Désor hatte die Hofreite schon in jungen Jahren von seinem Vater übernommen, aber das Anwesen, eines der größten im Dorf, brachte ihm nicht den gewünschten Erfolg. Er ließ die Hofreite 1828 versteigern.

Das Gasthaus Scheller

Offizieller Käufer der Hofreite mit der Gastwirtschaft »Zum Hirschen« wurde zum 1. September 1828 Friedrich Franz Scheller, der erst 19-jährige Sohn des Homburger Kaufmanns und Ratsherren Johann Georg Scheller und dessen Ehefrau Eva Gertraude Metzger. Der junge Scheller handelte höchstwahrscheinlich auf Anraten seines Vaters und zahlte mit dessen Geld, denn der gewitzte Kaufmann erkannte, dass die Lage der Hofreite an der neuen Chaussee nach Usingen von großer Bedeutung war.

Am 22. Februar 1831 heiratet der inzwischen 22-jährige Friedrich Franz Scheller die 17-jährige Susanne Fischer (20.4.1814-15.11.1897) Tochter des Metzgermeisters Johann Ludwig Fischer (1777-1855) und seiner Ehefrau Eleonore Bieber (1781-1822). Das Paar zieht nach Dornholzhausen und im gleichen Jahre erscheint der Name Friedrich Franz Scheller in der Dornholzhäuser Einwohnerliste als Bewohner des Eckhauses 32 mit dem Gewerbe Chausseegelderheber und Wirth.

Bald schon wird die junge Frau Scheller schwanger und später folgt ein Kind dem anderen, dreizehn sind es insgesamt, von denen drei im frühen Kindesalter versterben:

1. Friedrich Franz Philip Scheller, 1832-1887

2. Dorothe W. Scheller, 1833-1888

3. Gottlieb Scheller, 1835-1907

4. Georg Scheller, 1836-1845

5. Carl Scheller, 1838-1880

6. Sophie Marie Scheller, 1840-1913

7. Anna Margarete Scheller, 1841-1905

8. Heinrich Wilhelm Scheller, 1843-1923

9. Louis Scheller, 1844-1911

10. Georg Scheller, 1846-1847

11. Johann Wilhelm Scheller, 1847-1887

12. Caroline Scheller, 1850-1852

13. Elise Scheller, 1852-1889

Sophie Marie wird am 13. Februar 1840 als sechstes Kind des Friedrich Franz Scheller und seiner Ehefrau Susanne Marie im Gasthaus Scheller in Dornholzhausen geboren. Ihre Taufe findet schon gut drei Wochen später, am 5. März 1840, statt, wie es im Kirchenbuch dokumentiert ist.

Das Mädchen wächst in einem gutsituierten, lebhaften Haushalt mit Geschwistern und Angestellten auf und zeigt als Kind keinerlei Besonderheiten. Von 1846 bis 1854 besucht Sophie die einklassige französischsprachige Dorfschule und wird nach dem Lehrplan und den Glaubensgrundsätzen der Waldenser erzogen.

Sophies Dorfschule

Die Waldenser in Dornholzhausen hatten bei ihrer Ankunft in Homburg im Jahre 1698 vom Landgrafen die Erlaubnis erhalten, ihre Lehrer frei auszuwählen und die Unterrichtsinhalte selbst festzulegen. Nur so konnten sie ihre französische Muttersprache beibehalten und ihre religiösen Bräuche pflegen. Diese Privilegien bedeuteten aber auch, dass die Gemeinde für die Schule und das Gehalt des jeweiligen Lehrers selbst aufkommen musste, was eine arge finanzielle Belastung war. Jeder Bürger musste Schulgeld bezahlen, auch wenn er keine schulpflichtigen Kinder hatte. Als erstes offizielles Schulhaus fungierte eine ehemalige Kirche, die 1732 in ein Schulgebäude mit Lehrerwohnung umgebaut worden war. Ein Jahrhundert später wurde dieses Schulhaus baufällig; es musste ein neues Domizil geschaffen werden; aber die Summe von 1.851 Gulden für den Neubau konnte die arme Gemeinde nicht aufbringen. So machte man sich auf die Suche nach Geldgebern. Als erstes reiste der damalige Pfarrer Convert in seine schweizerische Heimat, um dort eine Kollekte für die kleine Dornholzhäuser Schule zu sammeln. Er kam mit 247 Gulden zurück. Darauf entschloss man sich, eine Bitte um Spenden an Fürstenhöfe zu schicken, und hatte unterschiedlichen Erfolg. Der Landgraf von Hessen-Homburg sah sich zwar außer Stande, Geld zu spenden, lieferte aber das Bauholz für den Neubau. Der größte Beitrag kam von Zarin Alexandra von Russland, und die von ihr zur Verfügung gestellten 900 Gulden deckten fast die Hälfte der Baukosten. Weitere Spenden sorgten dafür, dass im Jahre 1832 schließlich das neue Schulgebäude bezogen werden konnte. Sophie Marie Scheller wurde hier 1846 eingeschult. Zu diesem Zeitpunkt war das Schulwesen in preußischen Landen schon festgelegt, und seit 1842 hatte man im Amt Homburg ein Edikt zur umfassenden Regelung des öffentlichen Schulwesens eingeführt. Mit diesem sollte die Vereinheitlichung und Verbesserung der Elementar- und Volksschulen in der Landgrafschaft erreicht werden, und die allgemeine Schulpflicht wurde eingeführt:

Jedes Kind, welches das sechste Lebensjahr zurückgelegt hat, muss bis nach zurückgelegtem 14. Jahre die öffentliche Schule besuchen.

Die Waldenser in Dornholzhausen folgten diesen Richtlinien, blieben aber ihrem französischen Erbe treu. Pfarrer, Lehrer und Schultheiß formulierten die Unterrichtsinhalte, zu denen immer Bibellesen und Palmensingen gehörte, außerdem »Rechnen für Kinder, die es lernen können.«3

Sophie Marie Scheller, die Tochter des Gastwirts, hat es offensichtlich gekonnt, und ihre Schulzeit könnte folgendermaßen ausgesehen haben:

Die kleine Sophie ist sehr stolz, als sie die einklassige Dorfschule, die sich neben der Waldenserkirche befindet, besuchen darf. Mit dem Schulranzen auf dem Rücken, in dem sich ihre neue Schiefertafel und der Griffelkasten befinden, hüpft sie frohgemut die Dorfstraße hinauf. Im Erdgeschoss des Schulgebäudes wohnt der Lehrer Leidecker, und im ersten Stock befindet sich der einzige Klassenraum; die Toiletten, natürlich Plumpsklosetts, sind außerhalb. Alle Jahrgangsstufen werden zusammen unterrichtet und zuweilen ist es recht eng. Damit der Lehrer sich den den Kindern den Altersgruppen entsprechend widmen kann, beginnt der Unterricht gestaffelt. Die älteren Schüler kommen um 8 Uhr und die Kleinen um 10 Uhr, zu diesem Zeitpunkt sind die Großen dann schon mit Stillarbeit versorgt. Zum Unterrichtsbeginn wird ein Gebet gesprochen und anschließend lernen die Mädchen und Jungen Lesen und Schreiben, Rechnen, Heimatkunde und auch Fertigkeiten außerhalb der Schule, die sie im täglichen Leben brauchen werden.

Der Schulbesuch endet für Sophie Marie Scheller zu Ostern 1854 mit ihrer bestandenen Schulprüfung und der Konfirmation in der Waldenserkirche.

4

Ein Dorf im Wandel

Friedrich Franz Scheller, Sophies Vater, hat 1836, acht Jahre nach der Übernahme, seinen Gasthof mit einem geräumigen Saal ausgestattet, der vielseitig genutzt wird. Hier werden unter anderem auch Versteigerungen abgehalten, und Sophie verfolgt schon als Kind mit großem Interesse die Nachlass-Versteigerungen. Die Termine werden im Amts- und Intelligenz-Blatt bekannt gemacht, und wann immer es ihr möglich ist, versteckt sie sich in einer Ecke des Saals, um dem interessanten Geschehen unbemerkt zu folgen.

5

Auch wenn Sophie nicht alles versteht, so erkennt sie doch, dass viele der armen Bürger waldensischer Herkunft in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Amerika auswandern. Diese Menschen lassen ihre Habe versteigern, entweder um Schulden zu begleichen oder um ein Startgeld in der neuen Heimat zu haben. Die Angebote reichen von simpelsten Haushaltsgeräten bis zu kompletten Hausständen, auch kommen Viehzeug, Ackergeräte und Ländereien zum Aufruf. Durch bloßes Lauschen wird Sophie schon als Kind mit Schicksalsschlägen und Härten des Lebens vertraut. Andererseits erlebt das Mädchen auch, wie sich die Menschen beim Feiern in genau diesem Saal amüsieren und das Tanzbein schwingen. Selbst die Bürgerwehr, die sich im Gefolge der 1848er Ereignisse in Homburg gebildet hat, pflegt sonntags nach Beendigung ihrer Exerzierübungen nach Dornholzhausen zu marschieren. Auf dem freien Platz vor dem Gasthaus stellen die Männer die Gewehre mit den Bajonetten zu Pyramiden auf und begeben sich anschließend schnurstracks zu einem Tanz in den Saal. Dieser berühmte Schellersche Saal ist auch mit einer Bühne ausgestattet, und so finden hier Theateraufführungen statt und es werden Vereins-, Jubiläums-, Familienfeiern, Schützenfeste und Wahlveranstaltungen abgehalten. Selbst Billard kann man spielen, und der Wirt Frederich Philippe Scheller (28.12.1836 - 24.3.1887), der als ältester Sohn des Friedrich Franz Scheller zu diesem Zeitpunkt gerade die Geschäftsführung übernommen hat, ist besonders stolz auf seine überdachte Kegelbahn. Im Taunusboten wirbt er sogar dafür.

Auf dem Gelände des Schellerschen Anwesens wohnen außerdem als Mieter immer noch die Vorbesitzer, die Familie Désor, und seit 1846 kommen die Besucher der Gaststätte besonders gern, da dann eine Bierbrauerei und eine Branntweinbrennerei angegliedert werden.

In einer Beschreibung des Ortes Dornholzhausen aus dem Jahre 1868 heißt es:

Die am Eingang des Dörfchen gelegene Saal- und Gastwirtschaft von Fr. Scheller wird unter allen in der Nähe Homburgs bestehenden am meisten besucht, sowohl von Badegästen, als auch von Homburgern und Bewohnern der Nachbarorte. Küche und Keller bieten reiche Wahl, und der große und schöne, mit schattenspendenden Platanen geschmückte Garten ist im Sommer der angenehmste Aufenthalt. Dornholzhausen ist sehr freundlich, nur aus einer einzigen Straße und einigen zerstreut gebauten Häusern bestehend. Es hat 300 Einwohner, welche zum Theil noch jetzt neben der deutschen Sprache das Französische sprechen.6

Bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts ist Dornholzhausen auf etwa 300 Personen angewachsen, und die ursprüngliche Zahl von 30 Häusern hat sich nahezu verdoppelt. Von dem alten Gewerbe der Strumpffertigung ist nur noch eine einzige Fabrik übriggeblieben, die der Besitzer neben seiner Landwirtschaft und dem Bürgermeisteramt unterhält. Auch einige Handwerker haben sich im Dorf niedergelassen, und nun finden hier drei Schuhmacher, zwei Schreiner und ein Schmied, ein Wagner, ein Küfer, ein Bürstenmacher, ein Rotgerber und ein Zurichter ihr Auskommen. Die wichtigste neue Erwerbsquelle ist jedoch der Fremdenverkehr. Dornholzhausen lockt als Sommerfrische mit unberührter Natur, mit schönen Ausflugszielen und einer guten Gastronomie. Zu Fuß oder mit der Kutsche kommt man aus Homburg über die Tannenwaldallee zum Gotischen Haus. Schon seit 1860 waren einige Räume des ehemaligen Jagdschlosses der Forstbehörde zur Benutzung übergeben worden, und nun gibt es hier eine kleine Restauration und sogar ein paar einfache Gastzimmer. Hirschgarten und Forellenteich locken als Ausflugsziele, und wer noch weiter will, macht sich auf zur Saalburg.