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Marion Lehmann erzählt in zwei Zeitebenen eine spannende und tief berührende Geschichte über Abenteuer, Adoption und Abschiednehmen. Der erste Teil taucht ein in ihre Kindheit, in ein enges, schwäbisches Elternhaus, mit Geheimnissen und Verbündeten, von dem sie sich mit 21 Jahren verabschiedet. Zwei Jahre lebt sie in den USA, bis sie in der polynesischen Südsee ihre Leidenschaft für das Segeln entdeckt und auf dem Katamaran Shangri La anheuert. Das Leben auf dem Wasser wird ihr Zuhause, mit und in der Natur. Einige Jahre später setzt sie das Leben mit ihrem Mann auf einer Stahlsegelyacht fort. Beengt und mit vielen Entbehrungen bestehen sie fünf Jahre lang in der Karibik und auf den Bahamas wilde Segelabenteuer. Bei allen Widrigkeiten: eine Glücksgeschichte. Im zweiten Teil erzählt sie von ihrer Entscheidung, das Leben auf dem Schiff zu beenden, auf Costa Rica das nicaraguanische Flüchtlingskind Manuel zu adoptieren und nach Europa zurück zu kehren. Der Junge entpuppt sich als eine schillernde Persönlichkeit bis er mit seinem riskanten Lebensstil viel zu früh ein tragisches Ende findet. »M.E.L hoch und runter« erzählt vom Auf und Ab ihres Sohnes, der seinem Schicksal treu blieb, der das Schicksal seiner Mutter durchflog und sie auffordert, auch ihrem treu zu bleiben.
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Seitenzahl: 556
Veröffentlichungsjahr: 2021
Marion Lehmann
M.E.L. »hoch
und runter«
Mein Junge aus Costa Rica
© 2021 Marion Lehmann
Umschlag, Illustration: Charlotta Zeiler
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-15898-6
Hardcover:
978-3-347-15903-7
e-Book:
978-3-347-15899-3
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Widmung
Dieses Buch ist meinem Sohn Manuel Enrique Lehmann gewidmet. Es hat mir geholfen, mit dem Erlebten fertig zu werden.
Vor neun Jahren musste ich von ihm Abschied nehmen, doch er begleitet mich weiterhin durch mein Leben.
In dankbarer und liebevoller Erinnerung
Teil 1
Eine Libelle schimmernd zart, verwandelt Schilf, See und Lichtung, Zick Zack.
»Ein kleines Insekt könnte Libellula fluviatilis genannt werden, da sein Körperbau einem Meeresfisch ähnelt, der Zygaena oder Libella heißt. Er hat die Form einer Wasserwaage, wie sie die Architekten verwenden, und wird in Italien auch Hammerfisch genannt. Jenes Tier ist sehr klein, hat die Form eines ‚T‘ oder einer Wasserwaage, besitzt aber auf jeder Seite drei Beine. Der Schwanz endet in drei grünen Spitzen, mit deren Hilfe das Tier schwimmt.«
Guillaume Rondelet, deutsche Übersetzung Gerhard Jurzitza, 2000.
Prolog
Mein Zuhause waren 12 kg. Ein paar T-Shirts, Unterhosen, Shorts, Pullover, Zahnbürste, Bücher – das, was in einem Rucksack Platz hatte. Kein Backpacker Rucksack, diese riesigen schwarzen Hightech-Löcher, die gierig alles schlucken und in sich aufnehmen, was man ihnen in den Schlund schmeißt. Bei denen man am Ende schubbt und drückt, um einen zweiten Regenanorak, ein weiteres Paar Funktionsschuhe und drei weitere Akkus reinzupressen – in schierer Verzweiflung, sie könnten lebenswichtig werden. Meine 12 kg enthielten das, was man in einer Box auf einem kleinen Segelboot unterbringen konnte. Nicht mehr und nicht weniger. Für nahezu 10 Jahre meines Lebens. Ein Abschnitt juveniler Flucht, geprägt von 12 kg Gepäck und damit 12 kg Verantwortung. Raus aus der Enge des Reutlinger Elternhauses, aus der Langeweile meines Schulalltags, in die große Weite – vornehmlich an Nordamerikas vorgelagerter Inselwelt an Ost und Westküsten. Es begann mit einer Vorahnung, die ich, 18- jährig, kichernd mit einer Freundin beschloss, einer Vorahnung, die ich ausplauderte aber nicht ernst nahm. Was ich rückblickend gelernt habe? Dass man im Leben immer wieder neu ankommt. Dass der Abschied dabei manchmal leicht und manchmal verdammt schwerfällt.
Ich sitze an der gemütlichen kleinen Eckbank unter dem Dach meines Reihenendhauses in Marquartstein, einem beschaulichen Dorf in den Chiemgauer Alpen. Eine Touristenhochburg, an deren Bundesstraße sich träge die Tiroler Ache durch das Tal windet, bis es sich breit öffnet und sie sich in den Chiemsee ergießt. Jährlich werden an dieser Achse tausende von Urlauber nach Kössen oder Reit im Winkl durchgeschleust. Dennoch hat es sich den Charme eines heimeligen Fleckchens bayerischer Idylle bewahrt, wo neben alpenländischem Charakter und Kunsthandwerk, moderner Baustil und Photovoltaikanlagen die Landschaft prägen. Hier oben, in meinem Ausguck, überblicke ich das grüne Tal zu Füßen des Hochgern, demgegenüber die Hochplatte liegt. Ich habe rundherum alles erwandert, sodass ich von diesem kleinen Zimmer aus das frische, würzige Holz der hochgewachsenen Fichten und Kiefern rieche, den Kuhdung des Fleckviehs auf den Almen, das gleichmäßige Läuten ihrer Glocken und Mahlen ihrer kräftigen, gesunden Kiefer beim Grasen höre, ich spüre die Wurzeln unter den Füßen, wenn ich den Anstieg über die Furten aufnehme. Ich hole die Weite in meine kleine, mit Holz ausgekleidete Dachstube, die mein Arbeitszimmer ist. Ausgestattet mit einer Teeküche, einem Bett unter der Dachschräge, an dessen Ende ein Schreibtisch anschließt und einem kleinen Bad im Vorraum, ist das meine kleine Nussschale, in der ich das Segel setze. Hier setzte ich eine Zeitlang meinen Anker, nachdem ein anderer Anker verloren ging. Von hier aus, und davon, erzählt meine Geschichte. Aber zunächst geht es noch einmal zurück zum Anfang, wo alles begann.
Reutlinger Kindheitsjahre
Laut einer – von vielen – Legenden ist Nikolaus der Patron der Seefahrer. In Seenot geratene Schiffsleute riefen um Hilfe und prompt erschien ein Mann, der die Navigation übernahm, das Segel einholte und sogar den Sturm zum Abflauen veranlasste. Solche Rettungsaktionen wären heute nach menschlichem Ermessen kein Problem mehr, damals gingen die Seeleute davon aus, dieser Mann sei mit Wunderkräften ausgestattet, denn so schnell, wie er kam und wirkte, verschwand er auch wieder. Als die Seeleute in der Kirche von Myra zum Dank für die Rettung beteten, erkannten sie den Heiligen als ihren Retter und ernannten ihn daraufhin zu ihrem Schutzheiligen. Das kopierten einige Legenden, so dass Nikolaus für viele Menschengruppen der Schutzheilige wurde, so auch der Schutzpatronat für die Kinder, woraus sich das heutige Brauchtum ableitet. Das war mir natürlich alles mit knappen drei Jahren nicht bewusst. Ich sah nur den riesigen, roten Mann mit Rauschebart, in dessen Gefolge sich ein dunkler Geselle befand. Sie standen in unserer Wohnküche. Wohnküche deshalb, weil wir grundsätzlich in unseren Wohnungen, der Anzahl der Mitbewohner nach, nur wenig Platz hatten und Dinge, Orte, Menschen zusammenfassen mussten. Diesem riesigen Mann konnte man nicht aus dem Weg gehen, geschweige denn sich verstecken. Während er bis zur Decke wuchs und mit seiner rotgewandeten Gestalt und tiefen Stimme den Raum einnahm, krallte ich mich auf dem Arm meiner Mutter fest. Ein kleines Glühwürmchen, das stillsitzen musste, um nicht gesehen zu werden, aber nicht konnte, weil es das Geschehen mit pochendem Herzen aus großen Augen verfolgte. Mich beschlich das Gefühl, dass die Eltern mit den beiden Gestalten unter einer Decke steckten, denn sie waren guter Dinge und bestätigten beflissen die Worte vom Nikolaus, während Knecht Ruprecht unheilvoll die Rute schüttelte. Meine beiden Tanten, Lotte und Anne, die zu diesem Zeitpunkt selber erst zehn und sieben Jahre alt waren, schlotterten vor Angst. Da sie meine Vorbilder waren, schlotterte ich ergeben mit. Es ist ja im Prinzip nie etwas passiert, aber die Bedrohlichkeit der Situation hat sich bei mir tief verankert.
Vielleicht sollte ich an dieser Stelle etwas zu Lotte und Anne sagen. Meine erste Erinnerung an meine Kindheit, die fest mit Nikolaus verknüpft ist, spielte sich in unserer ersten Wohnung ab, an die ich selber keine Erinnerung mehr habe. Dort wohnten meine Mutter Margrit mit Oma Frida und deren Nachzüglern Lotte, Manne und Anne. Meine Mutter war die Älteste und in kurzen Abständen wurden Ruth, Doris und Rose vor bzw. während der Kriegsjahre zur Welt gebracht. Lotte, ihr Bruder Manne und Anne kamen knapp zehn J ahre später nach dem Krieg zur Welt. Da meine Mutter mich mit neunzehn Jahren bekam, war der Altersunterschied von mir zu ihren jüngeren Geschwistern, meinen Tanten und meinem Onkel nicht groß. Sehr zu meiner Freude. Von Anfang an rückten wir nah zusammen. Das hieß, dass mein Onkel Manne bei seiner Mutter im Bett schlief und wir drei Mädels uns mit meiner Mutter eine Schlafstatt teilten. Das war gemütlich, ich hatte ein wunderbares Nest warmer Körper, die mich hielten, umschlossen, mir ihren Atem ins Ohr pusteten und mich in meine Träume begleiteten. So war das dann auch in der zweiten Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in der Wolframstraße. Wir teilten uns drei Zimmer mit Toilette. Ohne Bad. Eine Wohnung ohne Bad war herrlich. Keine Hygienehysterie mit täglichen Duschzeremonien. Am Samstag wurde der Waschzuber in der Küche aufgestellt, das Wasser auf dem Holzkohleherd in einem Aluminiumtopf erwärmt und alle Gören durch die Lauge gezogen. Meine Mutter übernahm das Baden, während Oma Frida nebenher Kuchen buk, schließlich war der Ofen heiß und der Sonntag nahte. Es wurde wechselweise Marmor- oder Apfelkuchen ins Rohr geschoben. Wir plantschten im Zuber und forderten wie kleine Seerobben Naschereien ein. Wenn Mama und Oma sich wuschen, staubten sie uns aus der Küche, wir Kinder durften bei den Erwachsenenritualen nicht mit dabei sein. Im Großen und Ganzen war das eine Zweckgemeinschaft, in der jeder seine Fluchten hatte. Die meiner Mutter waren ihre Tanzveranstaltungen, die sie oft und leidenschaftlich besuchte. Sobald wir im Bett waren, ging meine Mutter aus. Natürlich auch, um einen Mann kennen zu lernen. Oma Frida schimpfte vor sich hin, konnte es aber nicht verhindern. Für sie lauerte die größte Gefahr bei den Männern, von denen sie nicht viel hielt, denn sie machten einem nur Kinder. Das war ihre Sicht der Dinge, kein Wunder, wo sie doch in all den Kriegsjahren die Kinderbrut allein durchzubringen hatte. Leider hatte sie sich davon nie erholt, ihre Kräfte waren bei den Enkelkindern erschöpft. Sie hatte einfach keine Nerven mehr, was man zu spüren bekam. Einzig und allein ich konnte ihr Herz zum Flattern bringen. Manchmal fuhren wir mit dem Bus in die Stadt zum Kaufhaus Merkur, das heute eine Galeria Kaufhof ist. Es hatte seine eigene Kriegsgeschichte, die mich natürlich nicht interessierte. Durch die Übernahme von Helmut Horten in den 60er Jahren trug die Fassade die typischen »Hortenkacheln«, auch Waben genannt. Für mich war es ein schillernder Palast, der mit allerlei Schätzen lockte. Ich durfte nichts anfassen und dennoch wurde jeder Gegenstand, den mein Auge auffing, von ihm gierig abgetastet. Es waren besondere Momente, meine kleine Hand fest in Oma Fridas verankert, in denen ich mit ihr dorthin ging. Dort bin ich zum ersten Mal mit der Rolltreppe gefahren, die uns ins oberste Stockwerk brachte. Oma traute diesem rollenden Ungeheuer nicht, sie wankte und schwankte und klammerte sich an dem Handlauf fest. So fand auch ich kein Vertrauen und fuhr mit pochender Brust auf dem Rücken dieser silbernen Schlange in schwindelerregende Höhe, mit starrem Blick auf den Schlund am Gipfel, der mich mit der letzten Stufe einzusaugen drohte. Und jedes Mal kamen wir davon, bis heute, obwohl ich ihr – der Rolltreppe – immer noch nicht traue. Oben angekommen tauchten wir in einen riesigen Rummel aus Menschen und Geschnatter ein. Wir mussten uns durch lange Tischreihen zwängen, ein enger Gang aus Rücken in Tweet und Flanell. Oma traf dort regelmäßig, ohne feste Vereinbarung, Freundinnen und Nachbarinnen, und es dauerte mitunter, bis wir einen Platz ergattert hatten. Still wartete ich ab, bis meine heiße Schokolade kam. Ich schlürfte das süße, heiße Zeug, das mir die Zunge verbrannte, und ich schleckte gierig die kalte Sahne nach, die beharrlich fest oben aufschwamm. So war mein Bedürfnis nach Bewegung und Raum gesättigt, und wir hielten es gut aus, den Moment zu genießen. Während Mutter zur Arbeit und Lotte, Anne und Manne in der Schule waren.
Lotte, Manne und Anne nahmen mich überall mit hin. Das war gar nicht zwingend ihr Auftrag, sondern ergab sich aus einem natürlichen Verbundsystem, das durch alle Teile gehalten wurde. Wir trappelten von einem Raum in den nächsten, wir trappelten vom oberen Stockwerk unserer Wohnung durchs Treppenhaus, runter und wieder hoch. Die meiste Zeit wuchsen wir auf der Straße auf. Spielten Murmel und Ballspiele mit den Kindern aus der Nachbarschaft, klauten Erdbeeren in den Gärten der Nachbarn, in deren Reihenhäuschen wir leider nicht wohnen konnten und schüttelten mit rotverschmierten Mündern den Kopf, wenn wir nach unserem Diebesgut gefragt wurden, oder rannten vor Aufregung jauchzend unseren Verfolgern davon. Für uns war diese Freiheit selbstverständlich. Wir waren vogelwild, unserer Fantasie waren keine Grenzen gesetzt. Ich fühlte mich beständig beschützt, es gab keine Straßengesetze, ich lernte in der Beobachtung Mensch und Natur einzuschätzen, mich entsprechend anzupassen, durchzusetzen, zu beschäftigen. Mit Manne verbrachte ich Nachmittage in der Spedition Hasenauer, die damals sowohl mit Pferden als auch mit Lastwägen arbeitete. Manne half dabei, die Ställe auszumisten, und ich stand als kleiner Knopf dabei und schaute zu, wie die riesigen Kaltblüter in stoischer Ruhe ihre Arbeit verrichteten. Wir waren einfach immer viele. Ob im Hort oder zuhause – es gab wenige Momente, in denen ich in dieser Zeit allein war. Das änderte sich, als mein künftiger Stiefvater Georg in unser Leben trat. Ich war erst zwei Jahre alt und bekam relativ wenig von Mamas Errungenschaft mit. Erst nach weiteren zwei Jahren heirateten sie und wir zogen in die Mittnachstraße. Zu dritt. In eine kleine Zweizimmerwohnung, in der es natürlich kein Kinderzimmer gab und ich im Bett meiner Mutter und meines Stiefvaters zu schlafen hatte. Ich war nicht direkt unglücklich über die neue Situation, aber dort erlebte ich, was ich war: ein Einzelkind. Da ich das nicht gewohnt war, suchte ich mir relativ schnell ein Ersatznest. Meine Freundin Gabriela aus der Nachbarschaft, mit ihren fünf Geschwistern. Ich nistete mich ein, fiel auch nicht sonderlich auf, und fand es toll. Und erlaubte mir trotzdem, die Geschwister zu nerven, die im Kanon die Augen verdrehten, wenn ich »Sag nichts über Pollock« rief. Das Signal für ein Spiel, das ich liebte. Ein Satz von Gabi, als ich sie nachmittags zum Spielen abholen wollte, hat sich tief in mein Gedächtnis eingegraben. Auf meine Frage, ob wir spielen gehen, antwortete sie mir »ich muss noch Hausaufgaben machen, und du weißt doch – zuerst die Arbeit dann das Spiel«.
Eine wohlige Erinnerung an Anne, Manne und Lotte. Denn mit ihnen war ich gewohnt, verregnete Sonntagvormittage über einem Spielbrett zu verbringen, wahlweise Mensch ärgere Dich nicht oder Elfer raus.
In dieser Zeit gab es versunkene Momente, als ich mich in liebevoller Fürsorge meiner Puppe widmete. Ich wurde mit fünf Jahren an Heiligabend zur Puppenmama und liebte meinen kleinen Schatz heiß und innig. Ich verbrachte Stunden damit, die Kleidchen von ihrem Leib runter zu fummeln. Zum Glück verfügte Püppi – einen Namen habe ich ihr nie gegeben – über ein ausgesprochenes Akrobatiktalent, denn sie konnte sich in alle engen Teile, die kein Elastan besaßen und sich drei Nummern größer stretchen ließen, wieder reinzwängen lassen. Klaglos. Es grenzt an ein Wunder, dass sie sich an anderer Stelle durchaus mal etwas brach und ich mit Toilettenpapier Verbände legen musste. Ich beruhigte, ich erzählte, ich schimpfte, ich tröstete. Am meisten mich selber, wenn sie abends in meinen Armen lag und wir gemeinsam die Abenteuer des Tages in die Nacht mitnahmen.
In all diesen Jahren kannte ich bereits Bibi, meine Herzensfreundin. Da ich bereits im zarten Alter von sechs Wochen in einen Hort gebracht wurde, waren die dort geschlossenen Freundschaften tief verwurzelte Bänder. Als wir in die Grundschule kamen, wohnte ich ja schon nicht mehr bei Lotte, Manne und Anne, die ihrer Wege gingen. Also schlüpfte ich in ein anderes Verbundsystem. Hier war ich nicht die kleine Nichte, hier war ich die Freundin. Bibi war von uns beiden die antreibende Kraft, ein aufgewecktes, lebendiges Kind mit braunen, langen Haaren, die in der Regel zu Zöpfen geflochten waren. Wie sehr beneidete ich sie darum, denn selber waren mir lange Haare nicht vergönnt. Meine Mutter wehrte mein Bitten und Flehen mit der Begründung ab, meine Haare seien zu dünn, was mir als junges Mädchen partout nicht einleuchtete. Besser dünn und lang als kurz und strubblig. Ich liebte zwar das Abenteuer, doch verglich ich mich nie mit Jungen. Ich war stolz, ein Mädchen zu sein und wollte keinen Jungenhaarschnitt, sondern weiches langes geschmeidiges Haar. Widerwillig begnügte ich mich damals darauf zu warten, bis ich erwachsen werden würde. Von da ab entschied ich selbst, wann mein Haar praktischerweise kurz und wann es lang sein sollte. Zurück zu Bibi. Bibi hatte nicht nur längeres Haar, sie war auch besser in der Schule und musste nie lernen. Sie hatte nur Flausen im Kopf und dennoch blieb das Wissen, dass sie aus der Schule mit nach Hause brachte, bei ihr hängen. Sie kam aus ähnlich ärmlichen Verhältnissen wie ich, wir waren beide früh im Hort, doch ihre Eltern hatten das Potential ihrer Tochter nicht erkannt und sich wenig um das Mädel gekümmert. Da wir uns gegenseitig nie besuchten war unsere gemeinsame Zeit im Hort oder Schule beschränkt. Das zog mit sich, dass wir sie entsprechend sinnvoll nutzen mussten. Und sinnvoll erschien es uns keineswegs, in die Schule zu gehen. Wir kamen grundsätzlich zu spät. Wenn wir nicht sogar den ganzen Vormittag schwänzten. Wenn wir dummerweise auf dem Schulweg irgendetwas Tolles entdeckten und abgelenkt waren, konnte es passieren, dass die Sanduhr etwas schneller lief und »es sich nicht mehr lohnte«, in die Schule zu gehen. Mit welcher Ausrede auch? Also fingierten wir Entschuldigungsschreiben, die leider aufflogen. Wir wurden einzeln zur Rektorin vorgeladen. Als Bibi aus dem Zimmer der Rektorin kam vor dem ich wartete, wollte ich mich mit ihr absprechen, kassierte jedoch eine kräftige Ohrfeige dafür. Bibi war mir das wert, aber bescheuert fand ich es trotzdem. Mit Bibi erlebte ich meine glücklichsten Momente in der Kindheit. Ihr fiel einfach immer wieder herrlicher Blödsinn ein und ich war eine gnädige Mitläuferin. Eines Tages gingen wir durch die Straßen und erbettelten von den Leuten Groschen, indem wir behaupteten, dass wir unser Busgeld verloren hätten. Ich weiß nicht, was in den Köpfen der Leute vor sich ging. Es war so offensichtlich gelogen zu sagen, dass wir beide unser Busgeld verloren hätten. Aber es funktionierte. Entweder, weil wir Mitleid erregten, oder weil man zwei Mädchen etwas so Unverfrorenes nicht zutraute – ich weiß es nicht. Die Groschen, die wir einhamsterten, wanderten auf direktem Weg in die roten Automaten, die bevorzugt an Stellen, an denen Kinder gerne vorbeikamen – wie Kinderspielplätze, Gast-schenken, Dorfläden, auf Augenhöhe an Zäunen oder Häuserecken –, hingen. Durch ein kleines, meist schon schmuddeliges Fenster leuchteten die bunten großen Bollen verheißungsvoll. Wir pfriemelten die 10-Pfennig-Stücke in den Schlitz, dreimal mussten wir den schwarzen Hebel umdrehen und schon schoss eine Kugel durch den Gang und klackte an das silberne Metallplättchen oder direkt in unsere Hände, wenn wir es nicht erwarten konnten und das Plättchen nach oben hielten. Ich liebte die Roten, aber es war natürlich Glückssache, welche Farbe man bekam. Die Kaugummis konnten wir kaum im Mund halten, was uns aber nicht davon abhielt, es auch mal mit zwei oder dreien zu probieren. Am Anfang schmolz die bunte Glasur im Mund, dann kaute man den süßen Glibber, bis man endlich Riesenblasen machen konnte, die wir uns gegenseitig kaputthauten, und sie blieben natürlich in Haaren, Wimpern und Augenbrauen hängen. Wir lachten uns scheckig, bis auch mal was in die Hose ging.
Apropos Busfahren. Das muss ich schnell erzählen. Mama arbeitete ja. Und ich war im Hort unter-gebracht. Meine Mutter hatte nie einen Führerschein, das bedeutete, sich auf ein Leben mit öffentlichen Verkehrsmitteln einzustellen. Möglichst früh. Im Sommer fuhren wir also mit dem Fahrrad. Dabei wurde ich in einen Kindersitz auf dem Gepäckträger geschnallt. Einmal bekam ich meinen Fuß in die Speichen, was fürchterlich weh tat. Nach dem Motto »Wir müssen jetzt schauen, dass wir nach Hause kommen« fuhr meine Mutter weiter und ich flennte vor mich hin. Manchmal gab es Ausnahmen. Freitags. Da konnte es sein, dass Mama mit mir zum Einkaufen fuhr und ich eines der heiß geliebten Pixie Bücher abstaubte, die mir Papa abends vorlas. Dass Papa mir vorlas war schön.
Wenn es regnete oder winterliche Temperaturen einzogen, fuhren wir mit dem Bus. Mama und ich mit einer Linie zusammen bis zum Busbahnhof, dann musste ich wechseln und fuhr alleine weiter bis zum Hort. Da war ich fünf Jahr alt. Ich kannte alle Busfahrer. Da ich die meisten von ihnen mochte, setzte ich mich erst gar nicht in eine Sitzreihe, sondern blieb rechts von ihnen stehen, balancierte geschickt mein Gewicht im Stadtverkehr aus und schwadronierte sie voll. Eigentlich hätte ich das Steuer übernehmen können.
Mein Vater ist mein Papa
Von meinem biologischen Erzeuger Gerhard Bleher erfuhr ich mit vierzehn Jahren. Bis dahin wusste ich nichts von seiner Existenz. Ergo war mein Vater mein Papa. Er trat zwar erst in mein Leben, als ich zwei Jahre alt war, das kam mir allerdings nicht sonderlich komisch vor, denn auch Oma lebte mit ihren Kindern ohne Mann. Das war einfach so. Ich hatte zu Georg – so hieß mein Papa – gleich einen guten Draht. Er war ein durchweg gutartiger und lieber Mensch. Das spürte ich. Es gab seltene innige Mutter-Tochter-Momente, deswegen war sie keine schlechte Mutter, denn meine Kindheit war gut so, wie sie war, und letztendlich führten mich die beengten Verhältnisse zu meinem Weg in die Freiheit. Mit Papa hatte ich etwas hinzubekommen. Irgendwie hatte ich sie ja auch zusammengebracht. Lotte, Anne und Manne waren auch daran beteiligt. Wenn Papa zum Fußballplatz ging, führte sein Weg bei uns vorbei. Da wir ständig draußen vor dem Haus spielten, sahen wir ihn oft, und er wechselte jedes Mal ein paar Worte mit uns. Der Mann von Mamas Freundin Helene spielte ebenfalls im Verein und irgendwann ist Mama dann mal mitgegangen. Von da an nahm alles seinen Lauf, bis Papa eines Tages im Stadtgarten von Reutlingen um ihre Hand anhielt. Selbst Oma Frida konnte ihre Bedenken gegen Männer ein wenig mildern, denn zufälligerweise – wenn es so etwas wie einen Zufall gibt – kamen beide gebürtig aus Bad Säckingen an der Schweizer Grenze und hatten gemeinsame Bekannte, was immer für Unterhaltung sorgte.
Papa liebte meine Mutter aufrichtig und innig, ich glaube mehr als sie ihn. Sie waren für damalige Verhältnisse ein gleichberechtigt lebendes Paar. Sie arbeiteten beide und teilten sich den Haushalt. Sie waren damit beschäftigt, ihr Leben auf die Reihe zu bekommen. Sich um Kinder zu kümmern, so wie man das heute versteht, gab es nicht. Das war auch bei meinen Freunden nicht anders. Die beiden kamen meist gemeinsam von der Arbeit, weil meine Mutter keinen Führerschein hatte und Papa sie abholte. Dann kochten sie zusammen. Mama gab die Kommandos, übernahm die Verantwortung für Auswahl und Zubereitung, Papa machte den Rest. Ich vermute, dass das für ihn nichts Neues war, schließlich war er einige Jahre beim Bund gewesen. Nur dass sein Oberst keine Röcke trug und mit ihm auch nicht das Tanzbein schwang. In Menüform hieß das: Mama machte den Braten, Papa wahlweise die Kartoffelknödel oder er drückte Spätzle durch den Apparat und machte den Salat. Das Familienleben war zum Großteil reglementiert. Die Sitzordnung am Esstisch lautete: ich neben Mama, Papa mir gegenüber und später, als Marcus, mein Bruder, größer wurde, saß er rechts neben mir, also Mama gegenüber. Meine Tischmanieren habe ich im Kinderhort erlernt, da gab es nicht viel zu meckern, aber klar – eine Mutter findet immer etwas, woran sie etwas aussetzen kann. An die Essen erinnere ich mich dennoch gerne, vor allem wenn es meine Leibspeise Sauerbraten mit Kartoffelknödel gab. Da bin ich ganz ein schwäbisches Mädle. Maultaschen und Linsen gingen auch immer. Überhaupt plätscherten die abendlichen Mahlzeiten wie ein kleiner Gebirgsbach vor sich hin, stetig, ruhig und doch wurde viel geredet. Die Atmosphäre war entspannt, so dass Gespräche stattfinden konnten. Jeder ist zu Wort gekommen. Schulthemen wurden vermieden. Ich hatte kein gesteigertes Interesse daran, und meine Eltern hätten sich dafür interessieren müssen, taten sie aber nicht. Im Wohnzimmer bekam ich einen eigenen Sessel, Mama die Couch und Papa ein Eck davon. Auch die Hausarbeiten wurden aufgeteilt. Samstag war Putztag, an dem ich verdonnert wurde, das Bad und mein eigenes Zimmer zu putzen sowie die Betten zu machen. Mama machte die Wäsche, das durfte Papa nicht, weil er niemals ihren Ansprüchen genügte. Er kümmerte sich ums Auto, putzte aber auch. Ich glaube, auf ihre Art waren sie glücklich miteinander. Sie wussten es nicht besser, waren ziemlich jung und mit sich selbst beschäftigt. Sie wollten so unbedingt eine gute Familie sein. Meine Mutter diktierte das, was sie sich hinsichtlich einer Vorzeigefamilie vorstellte, und Papa machte geduldig mit.
Der Supergau waren unsere Sonntage. Zum Regelwerk einer Vorzeigefamilie zählte der gemeinsame Sonntagsausflug. Komme was wolle. Nach dem Sonntagsbraten verschwand meine Mutter ins Bad, entfernte die Lockenwickler und toupierte sich ihre blonden Haare zu einem Berg wie aus Zuckerwatte. Nur eben, dass dieser nicht durch Zucker gehalten wurde, sondern durch eine Dose Haarspray, die mir die Luft zum Atmen nahm. Ich kann bis heute kein Haarspray riechen. Anschließend stiegen wir in unseren weißen Opel Kadett (nur am Rande: er hatte ein schwarzes Dach! Ein schwarzweißer Opel Kadett, das glaubt kein Mensch. Als wären wir die Figuren auf dem Schachbrett, die in bestimmten Zügen gehen mussten.) und die erste Handlung war nicht, den Gang einzulegen, sondern sich einen Glimmstengel anzuzünden. Da waren sich beide einig. Es dauerte keine dreißig Minuten, da konnte Papa am Wegrand anhalten und ich kotzte wie ein Reiher. So viel zum Thema Sonntagsbraten mit Drei Wetter Taft und Zigarette. Ich hasste die Dose, die im Bad auf der Ablage stand. Allein der Geruch verursachte bei mir einen Würgereiz, daran hat sich bis heute nichts geändert. Ich hielt im Grunde genommen nur durch, weil ich wusste, dass es, nachdem wir es auf einen Parkplatz geschafft hatten und wir ein Stück zu Fuß die Schwäbische Alb hoch spaziert waren, nach dem Mittagessen einen leckeren Kuchen gab. Ich liebte Kuchen. Wenn wir auch mal mal nicht unseren vermaledeiten Ausflug unternahmen, kaufte Papa beim Bäcker Kuchen. Und ich liebte ihn dafür.
Dass ich einen anderen leiblichen Vater als meinen Papa habe, erfuhr ich mehr durch Zufall – den es ja nicht gibt. Mit vierzehn Jahren ist einem mitunter langweilig. So fing ich eines Tages mit jeglichem Desinteresse und ziellos an, in den Schubladen im Wohnzimmer zu kramen. Bis ich Papiere in den Händen hielt, Schreiben von Richtern, dem Jugendamt, mit meinem Namen und Bestimmungen über Bezahlungen, die folgen sollten. Mein Vater hatte bestritten, dass er mein Vater sei, kam aber letztendlich nicht darum herum, zahlen zu müssen. Ich war schockiert. Und schloss dieses Wissen nicht in die Schublade zurück, das ging nicht mehr, sondern vergrub es an einem inneren Schattenplatz. Einzig meiner Schulfreundin Gabi vertraute ich mich an, ohne ein großes Thema daraus zu machen. Wir gingen einen Schicksalsbund ein, denn ihre Mutter lebte mit einer Frau zusammen, von der wir nicht wussten, ob es wirklich eine Frau oder doch eher ein Mann war. Sie wurde Niki genannt. Der leibliche Vater von Gabi war Koch in Äthiopien unter Kaiser Haile Selassie, der 1974 von Mengistu Haile Mariam, einem seiner Offiziere, gestürzt wurde, der mittels eines diktatorischen Regimes einen sozialistischen Staat etablieren wollte. Hörte sich aufregend an, war es für Gabi aber nicht. Denn er war nicht da. Wie meiner. Also alles in allem hatte ich sogar Glück gehabt. Denn ich hatte Papa. Man fragt sich natürlich, wie so eine Geschichte vor mir verheimlicht werden konnte. Lotte, Manne und Anne mussten es gewusst haben, denn sie waren um einige Jahre älter und konnten sich bestimmte Dinge zusammenreimen. Ich weiß bis heute nicht, ob es ein Schweigegelübde oder Schweigegeld gab, denn rückwirkend erinnere ich mich an Szenen, in denen Mutter plötzlich Gespräche abblockte. Irgendwann kam der Tag der Offenbarung. Ich schäme mich heute dafür, weil es so klischeehaft war. Ich war also siebzehn Jahre und wollte in die Disco zum Tanzen. Mama war noch bei der Arbeit, also fragte ich Papa. Beziehungsweise setzte ihn in Kenntnis. Er wollte nicht, dass ich weggehe, bis ich ihm wütend den Satz aller Sätze adoptierter Kinder entgegenwarf »Du hast mir nichts zu sagen. Du bist überhaupt nicht mein Vater!«. Ich hörte den Sand durch die Enge der Sanduhr fließen, während mein Papa in sich zusammenfiel. In diesem verlangsamten Raum der Stille sammelten sich in seinen Augen Tränen, in denen der Schmerz über die Ungerechtigkeit des Lebens konzentriert war und über den Lidrand nach außen drängten. Er flüsterte »Schäm Dich«, und wenn ich mich auch trotzig in die Disco verdrückte, diesen moralischen Bann befolgte ich und tue es bis heute. Er hatte es als Letzter verdient, meinen Zorn zu spüren. Doch auch er trug für seinen Teil der Geschichte die Verantwortung. Das Erstaunliche war, dass trotz alledem in der Familie weiter geschwiegen wurde. Um das Kapitel »Vater«, dem ich hier und heute nicht mehr Aufmerksamkeit zollen möchte, »abzuschließen«, beschloss ich mit 35 Jahren, ihn kennen zu lernen.
Bereits fest in der Seglerszene integriert, war ich beruflich in Hamburg auf einer Messe und beschloss, meinen leiblichen Vater anzurufen und mich mit ihm zu treffen. Für mich war das praktisch, da ich jederzeit gehen konnte, wenn ich es für richtig hielt. Google gab es noch nicht, ich fand seinen Namen ganz banal im Telefonbuch. Ich rief ihn noch von Benediktbeuern an, wo ich zu dem Zeitpunkt mit Horst und Manuel lebte. Klar war ich etwas aufgeregt, allerdings war ich das Telefonieren gewohnt und in diesem Moment war er so etwas wie ein Kunde für mich, mit dem ich etwas besprechen musste. Das Gespräch verlief kurz. In etwa so: »Hallo?« »Hallo! Kennen Sie eine Margrit Beck?« Mit dieser Frage wollte ich testen, ob er es wirklich war, denn es wäre schon ein arger Zufall gewesen, wenn ein Namensdoppelgänger meine Mutter gekannt hätte. »Ja, bist Du es, Marion?« fragte er zurück und bekannte, dass er mich und meinen Namen kannte. »Ja.« Seine Stimme klang zumindest sympathisch. »Ach weißt Du, ich weiß schon, warum du anrufst. Aber glaube mir, damals war alles so schwierig.« Blablabla – schon hier dieses »hätte, wenn und aber«. Dann kam er relativ bald mit der Frage: »Möchtest Du nicht mal nach Hamburg kommen?« Ich konterte unumwunden mit »Ja, deswegen rufe ich ja an!« und suchte schnell einen Nachmittag-Termin für unsere Verabredung. Mama und Papa wussten übrigens nichts davon, Horst schon, doch war es kein Thema zwischen uns. Ich wollte mit dieser ganzen Geschichte meinen inneren Frieden schließen. Ja, es fühlte sich nicht gut an, wenn jemand kein Interesse an der Weltwerdung seines Kindes hatte. Ja, es fühlte sich nicht gut an, von der Mutter samt Familie jahrelang belogen worden zu sein. Ja, solange man keine Erklärung dafür bekommt oder sie hören möchte, schwankt man auf dem Schiff der Wahrheit zwischen Rechtfertigung und Wut. Aber was half das? Ich hatte gelernt, Dinge zu akzeptieren, Dinge, die nicht lebensnotwenig sind, nicht in mein Gepäck zu stopfen und in Notsituationen mich sogar davon zu trennen und sie über Bord zu werfen.
Meinen Vater hatte ich mir in meiner Fantasie als attraktiven Mann vorgestellt. Künstler, vor allem Musiker, verwegen und sexy. Oder vielleicht eine männliche Sachertorte, die für eine Frau allein zu mächtig ist? Als er öffnete, stand ein Mann um die sechzig mit fettigen Haaren im Jogginganzug im Rahmen der Tür. Hinter ihm tat sich ein schwarzer Schlund auf. Instinktiv wollte ich die Flucht ergreifen. Ich zwang mich über die Schwelle und lief ihm durch einen dunklen Gang in die Küche hinterher. Es roch mufflig und war unaufgeräumt. Die Einrichtung war spärlich. In der Küche bot er mir einen Kaffee an, den ich widerwillig annahm und bitter bereute, die Tasse war ungespült und klebrig. Dieser hinkende ungepflegte Mann ging mir bereits nach kurzer Zeit auf die Nerven. Er war ein blöder Typ, der nur über sein Leben jammerte. Über seine Exfrau, die ihn ausgenommen hatte, über Krankheiten, Tod und Teufel. Ein menschlich verbitterter Sozialfall. Ich war hin und hergerissen zwischen Mitleid und Abscheu. Ich erfuhr, dass er geheiratet und ich zwei Halbschwestern hatte, er aber wieder geschieden war. Nach einer Stunde, die sich wie eine halbe Ewigkeit angefühlt hatte, ergriff ich desillusioniert die Flucht.
Ich besuchte ihn zwei weitere Male. Nach zwei Jahren – keine Änderung. Im Jahr 2000 lebten wir in Pinneberg, und ich lud ihn an einem Samstagnachmittag zu uns nach Hause ein. Ich holte ihn sogar in Hamburg ab. Diesmal hatte er sich etwas vorbereitet. Er war besserer Stimmung und gepflegter. Das lag wohl auch daran, dass er zu diesem Zeitpunkt Hausverkäufer für Parfums und Sprays war. Die Unterhaltung war belanglos und die Art unserer Beziehung blieb außen vor. Ich stellte ihm keine unangenehmen Fragen. Ich fragte mich natürlich schon, welche Eigenschaften ich genetisch mitbekommen hatte, welche ich auslebte, ohne es zu wissen. Aber ehrlich: Was ist davon relevant? Ob ich ihm ähnlich sehe? Ich bin zufrieden mit meinem Aussehen, ob meine Nase seiner entspricht oder nicht. Ich habe gelernt, dass die Dinge, die ich an mir gut oder schlecht finde, meine sind, und es in meiner Entscheidung liegt, sie zu integrieren oder zu verändern. Dass das Gefühl, geliebt und angenommen zu sein, ein innerer Ozean ist, den man alleine durchsegelt. Im Großen und Ganzen war es diese Erfahrung, die es mir ermöglichte, die Mutter von Manuel zu werden. Manuel wusste von Anfang an, wer seine Adoptiveltern sind. Wir haben nichts verschwiegen, wir haben den Weg nach Costa Rica gesucht, wir haben aber auch nichts bis in die Tiefen analysiert. Ich hatte gehofft, dass er – wie ich – seinen eigenen Weg durch seine Geschichte geht. Ich glaube, dass er das in vielen Teilen getan hat. Manchmal schneller, als wir mithalten und verstehen konnten. Aber ich greife voraus. Seit dem Nachmittag in Pinneberg bin ich meinem Vater nicht mehr von Angesicht zu Angesicht begegnet. Ich hatte ihn nochmals versucht zu erreichen, da war sein Hamburger Anschluss aber nicht mehr besetzt. Nachdem er von sich aus nicht versucht hatte, den Kontakt zu halten, hatte ich ihn ad acta gelegt.
Um das Wesen von Papa zu beschreiben, möchte ich von meinem Bruder Marcus erzählen. Er kam auf die Welt, als ich elf Jahre alt war. Ein Alter, in dem einen der Brustansatz und gleichaltrige Jungs interessieren, keineswegs zu stillende Babys. Mit zwei Jahren wurde Marcus zu meiner Gürtelschnalle. Keuschheitsgürtel war noch nicht nötig, aber durchaus in der elterlichen Auslage. Nachmittags nahm ich den kleinen Hosenscheißer überall mit hin, auch zu meinen Freundinnen. Im Urlaub auf dem Campingplatz am Luganer See in Italien hatte ich ihn ebenfalls im Schlepptau. Mama saß den lieben langen Tag im Liegestuhl und fiel über ihre Zeitschriften, über Gretchen und Pletchen und Kochrezepte, die niemals den Weg in unsere Töpfe fanden, fernab des Alltags in eine tiefe Entspannungs-Trance. Die Nähe zum Wasser mied sie in Ermangelung von hinreichender Schwimmpraxis. Für mich unvorstellbar. Noch unvorstellbarer, dass Papa brav daneben saß und sich manchmal dann auch langweilte. Uns Kindern hat er das Schwimmen beigebracht. Zum Glück mögen Italiener Kinder, was meinen Wert mit Marcus als Schatten bei den Jungs in die Höhe trieb. Marcus war als Nachzügler vom Rest der Familie sehr verwöhnt. Papa hatte, glaube ich, fast alles für ihn gemacht. Wo vormals durch meine Mutter ein strenges Regiment an Regeln und Vorschriften herrschte, schaffte es Marcus, die Ordnung durchaus ins Wanken zu bringen. Sogar auf dem Sofa durfte er essen und trinken! Zum Glück war Mama arbeiten. Papas gutes Herz, seine charmante, lustige, joviale Art gepaart mit einer chronischen Harmoniesucht machten ihn manchmal nachgiebig. Wer konnte es ihm übelnehmen. Mein Bruder hat sich zu einem feinen Kerl entwickelt. Nach der Schule machte er eine Metzgerlehre, arbeitete allerdings nur kurze Zeit als in seinem Beruf. Er bekam einen Job als Maschinenführer in einer Buchdruckerei. Dann lernte er die Liebe kennen, und zwar zu einer wunderschönen, lebhaften Griechin, die er heiratete, und mit ihr zog er in diesen herrlichen mediterranen Teil Südosteuropas. Ich besuchte ihn dort einmal und hatte gehofft, dass er Fuß fasst. Er arbeitete als Maschinenführer in einer Firma, die europäische Münzen herstellte. Leider ging die Ehe nach ein paar Jahren auseinander. Marcus plante, 2012 zurück nach Deutschland zu kommen, um in Manuels Zeitarbeitsfirma in Hamburg zu arbeiten, wozu es leider nie kam. Heute lebt Marcus mit zwei Hunden in meiner Nähe. Als ich mit zwanzig Jahren – da war er neun Jahre alt – nach Amerika ging, hatte er sich sehr verlassen gefühlt. Ich denke, dass ich damals als ältere Schwester in den entscheidenden Jahren ein Lot für ihn war, zwischen einer ängstlichfürsorglichen Mutter, die sehr bestimmend war, und einem Vater, der vielleicht manchmal seine Träume aus den Augen verloren hatte. Auch wenn ich nicht mehr für ihn verantwortlich bin, bleibe ich seine große Schwester und liebe meinen kleinen Bruder und großen Teddybären aufrichtig und von Herzen. Er ist Papa sehr ähnlich. Vielleicht deswegen.
Reifezeit
Es gibt bekanntlich Erlebnisse, die hinterlassen einen nachhaltigen Eindruck und wirken im Stillen. Die Mondlandung der Apollo 11 im Jahr 1969 – ich war gerade fünfzehn Jahre alt – war ein solches Ereignis. Weniger das politische und wissenschaftliche Kräftemessen der USA mit der Sowjetunion. Die Faszination des ersten bemannten Flugs zum Mond schlug mich in ihren Bann. Das so etwas Großartiges, ein Mensch auf dem Mond, überhaupt eine realistische Vorstellung werden konnte. Das bedeutete unbegrenzte Möglichkeiten, absolute Freiheit. Im Juli 1969. Ich bewunderte den Mut und die Neugierde der drei Astronauten Neil Armstrong, Edwin »Buzz« Aldrin und Michael Collins. Zu dritt den Kräften des Unbekannten ausgeliefert, in einem kleinen Spaceshuttle eingezwängt, auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen und sich bewusst, ihr Leben für etwas Einzigartiges zu riskieren. Der mediale Held war natürlich Armstrong, der als Erster aus der Mondlandefähre Eagle ausgestiegen war und seinen Fuß auf unseren leuchtenden Erdtrabanten gesetzt hatte. 600 Millionen Menschen verfolgten das Ereignis. Einer davon war ich. Der Hype um dieses Ereignis verebbte, rückwirkend betrachtet gab es mir Kraft und Inspiration. Wenn ich auch nicht zur Astronautin wurde, so führte mich mein Weg in die Enge eines Cockpits auf einem Boot, mit wenigen Menschen, die über Tage und Wochen aufeinander angewiesen waren, auf dem Meer ins Unbekannte mit einem Ziel im Sinn, den Mond als Begleiter am Nachthimmel. Dazu aber später.
Ein paar Jahre vorher, mit etwa zwölf Jahren, war mein Leben relativ übersichtlich und reglementiert gewesen. Mein Bruder Marcus war seit einem Jahr auf der Welt, worüber wir uns alle freuten, auch wenn es für jeden eine Umstellung bedeutete. Meine Mutter war wieder mehr zu Hause, ich ging zur Realschule. Eigentlich hätte ich auf das Gymnasium gekonnt, doch meine praktisch veranlagte Mutter wollte meine Schulkarriere nicht unnötig lange hinauszögern, um am Ende doch als Frau am Herd zu landen. Die Realschule war perfekt, denn damit hatte man den idealen Start für eine gute Ausbildung. Für mich war das okay. Um das Niveau zu halten, musste ich nicht viel machen. In Mathe war ich Klassenbeste, die Hausaufgaben erledigte ich fast jeden Tag mit enormem Stresspotential morgens vor Schulbeginn oder in den Schulpausen. Nachmittage mit Paukerei verbrachte ich selten. Das bedeutete viel Zeit, die gefüllt werden musste, und das nicht unbedingt mit unentgeltlichem Babysitter-Dienst. Es gab eine Zeit, in der ich mich der Welt der Schundromane hingab. Alles, was ich bei Oma Frida an Liebesschnulzen fand, und in meine Hände gelangte, wurde von mir gelesen. Es war herrlich, ich versank in eine Welt voll Romantik und Liebe. Diese einfach gestrickten Beziehungs-Klischees mit einem umwerfend gutaussehenden reichen Helden (in der Regel waren das Ärzte) und der wunderschönen Angebeteten, die über alles an Schönheit, Liebreiz und Klugheit verfügte, und die Romanze förderte das Beste von beiden ans Licht. Meine aufkeimende Weiblichkeit verschlang gierig jedes Wort. Heimlich, denn meine Eltern sollten es nicht erfahren, dass ich diese Hefte las. Sie waren die Hüter meiner Jugend und wollten mich nicht auf dumme Gedanken bringen. So durfte ich auch abends nach acht Uhr nicht mit Fernsehen schauen. Wie sehr beneidete ich meine Freundin Gabi, die Zarah-Leander-Filme schauen durfte und mir jeden Morgen auf dem Schulweg den ganzen Film erzählte. Wahrscheinlich wurde ihr Durst nach romantischer Liebe dadurch gestillt, denn sie war es dann, die mich später inspirierte nicht nur Schundromane zu lesen, sondern auch mal etwas von Stefan Zweig. Irgendwie musste ich mich ja noch emanzipieren! Obwohl ich mir nie Fragen zu Geschlechterrollen gestellt hatte. Es waren die 68er, die die Geschlechterfreiheit als Gegenzug zum konservativen Frauen- und Männerbild deklamierten, aber bekanntlich auch nicht genau wussten, wo und wie es zwischen Paaren gleichberechtigt funktionieren könnte. Ich war für diese Diskussion noch zu jung. Sie hat für uns Frauen sicher etwas bewegt, allerdings habe ich weniger programmatisch als selbstverständlich danach gelebt.
Neben dieser jungen mädchenhaften Romantik liebte ich es meinen Körper zu spüren, ihn herauszufordern, vor allem in aktiven Sportarten. Wie so viele Mädchen bin ich geritten, d. h. ich ging mit meiner Freundin Ute aus der Nachbarschaft zum Reitunterricht, bei dem wir an der Longe im Kreis ritten. Wahrscheinlich hat das nichts gekostet, denn wir hätten uns teuren Reitunterricht nicht leisten können. Trotzdem fand ich das Zusammenspiel von Mensch und Tier so schön, dass ich mit dem Gedanken spielte, Reitlehrerin zu werden. Ich informierte mich sogar konkret bei dem Haupt- und Landgestüt Marbach, das in seiner fünfhundertjährigen Geschichte eng mit dem Haus Baden-Württemberg und heutigem Ministerium für ländlichen Raum und Verbraucherschutz verbunden war, und eine renommierte Stätte für Zucht, Haltung, Leistungsschauen und Ausbildung war und immer noch ist. Allerdings war die Ausbildung sehr teuer, und das konnten meine Eltern sich nicht leisten. Sportlich landete ich dann beim Handball und Tennis. Handball im Sportunterricht der Schule, Tennis in einer Arbeitsgruppe nachmittags. Als dann zwei Polizisten vom Polizeisportverein in unserer Siedlung eine Handball-Mädchenmannschaft aufbauten, waren meine Schulfreundin Gabi und ich sofort dabei. Handball ist eine harte, schnelle, körperorientierte Sportart. Mit einer Körpergröße von 1,60 m und einem relativ zierlichen, leichten Körperbau war ich flink wie ein Wiesel, und es machte einen Heidenspaß, meine Gegnerinnen auszuspielen. Papa, der selber als ehemaliger Fußballer ein Fan von Teamsportarten war, begleitete mich manchmal zu den Spielen. Das fand ich toll. Zunächst war er mein Chauffeur und am Spielfeldrand ein stiller Beobachter. Er merkte sich jeden meiner Spielzüge, die er anschließend mit mir analysierte. Er gab mir gute Tipps. Aber noch viel wertvoller: Er war stolz auf mich!
Es ist leider extrem hinderlich, dass diese Sportart mit einem hohen Verletzungsrisiko verbunden ist. Nach einer Bänderzerrung drohte meine Mutter, dass ich das Handballspielen aufgeben müsse, wenn das nochmal vorkäme. Später hatte ich dann noch einen Kreuzbandriss, der nie behandelt wurde, sodass ich heimlich an meiner Mutter vorbei humpelte. Aber ich spielte, bis ich in die USA ging.
Ich reifte mehr und mehr zu einer jungen Frau heran, die sich neben dem Sport nicht nur für Männer in Schundromanen, sondern für die realen Vertreter interessierte. Angehimmelt, aber durchaus von mir realistisch eingeschätzt, wurde mein Schwarm Cat Stevens. Was für ein schöner Mann, und was für ein wunderbares Gitarrenspiel. Ich schwelgte in Songs wie Moonshadow oder Morning has broken. Dass er – ob durch einen »Unfall« ausgelöst oder nicht – zum Islam konvertierte, sich von da an Yusuf Islam nannte und scheinbar plötzlich eine sehr konservative Religionsausübung pflegte, befremdete mich etwas, es war für mich aber auch nicht relevant.
Für die Entdeckung der Weiblichkeit gibt es keinen Stichtag, es ist eine Welle, die einen in die wunderbare Welt unentdeckter tiefer Begegnungen reißt. Die unbändige Kraft erzeugt eine leidenschaftliche Freude, eine gefährliche Neugierde, eine unausgesprochene Angst, eine staunende Enttäuschung, die getragen wird von einer Lust an der Entdeckung, bei der man sich in einem Augenblick schwebend und mit dem nächsten Wimpernschlag kräftig rudernd hingibt. In dieser Welt erlebte ich meinen ersten Kuss. Ich war dreizehn Jahre alt und wurde regelmäßig von meinen Eltern zum Zigarettenautomaten geschickt. Dort traf ich einen der Nachbarjungen, der drei Jahre älter war als ich und einen Drachen gebaut hatte, den er in die Lüfte schicken wollte. Er fragte, ob ich ihn begleiten wolle und ich folgte ganz selbstverständlich meiner weiblichen Antwort, indem ich mitkam und ihn bewunderte. Für was? Egal. Für sein handwerklich kreatives Geschick oder viel einfacher, weil in diesem Moment die Welle kam und mich mitnahm. Die Sucht meiner Eltern blieb vorerst im Automaten, die zwei DM für die HB in meiner Hosentasche. Eigentlich hatte er eine Freundin, aber ich wollte ja nicht seine Freundin werden, ich wollte nur das Gefühl genießen, von einem älteren, gutaussehenden Jungen gefragt worden zu sein, in seine Welt einzutauchen. Ich durfte die Schnur halten, ich durfte den Drachen in die Luft schmeißen, ich durfte beharrlich versichern, das sei der tollste Drache der Welt. Auf dem Rückweg schmiss ich dann doch noch die zwei DM in den Automaten, ich wollte mir ja nicht die Chance auf meine kleine Freiheit verderben. Ich brachte also die Zigaretten nach Hause und ging selig ins Bett. Am nächsten Abend waren wir wieder verabredet und ließen zunächst den Drachen steigen. Bis er mich küsste. Das war der schlimmste Absturz des Drachens. Der Kuss war so entsetzlich, dass er mit einer Welle in den Tiefen verschwunden ist. Geblieben war die Hoffnung, dass alles, was danach kommt, nur noch besser werden kann.
Durch verschiedene Umstände kannte ich mehr oder weniger jeden der Familie Wigand. Da war zunächst Martin, ein Klassenkamerad, der zur Achten neu in unsere Klasse kam und mit dem wir öfters zum Schwimmen fuhren. Er war ein ganz netter Junge, aber eben nur ein ganz netter Junge. Sein Bruder war unser Musiklehrer an der Schule. Bei der Frau des Bruders nahm ich Tenorflötenunterricht, er selber war auch mein Chorleiter im Kirchenchor. Das schien mir nicht genug Wigand zu sein. Eines Abends nahm Martin mich auf seinem Moped mit nach Tübingen zu einer Abendveranstaltung ins Tübinger Zimmertheater, einem kleinen zeitgenössischen Theater in der Bursagasse inmitten der Altstadt. Sein Bruder Jochen war dort Ensemblemitglied. Ich weiß nicht mehr, was wir uns dort anschauten, das Zimmertheater hatte eine eigene intime Atmosphäre. In einem der typischen Fachwerkhäuser, die sich aneinandergedrängt gegenseitig stützen, wurde das Theater seit seinem Bestehen von 1958 in seinen Mauern ausgebaut. Erst gab es ein Zimmer, dann wurde das Gewölbe mit genutzt, später sogar das Foyer. Zwischen 60 und 80 Zuschauer fasste das Theater, also waren es immer kleine, spezielle Veranstaltungen. Dort lernte ich Jochen kennen, Martins zweitältesten Bruder. Ich bewunderte ihn. Er studierte Psychologie, war ein total intellektueller Typ und ich hing an seinen Lippen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Er sang ab und an in unserem Kirchenchor mit. Als wir eines Tages mit dem Chor in ein Probenwochenende fuhren, um ein Oratorium einzustudieren, war es so weit. Irgendwann knutschten wir rum und er heilte das Trauma von meinem ersten Kuss. Dafür bin ich ihm heute noch dankbar. Nach diesem Wochenende fuhr ich öfters mit dem Zug nach Tübingen und besuchte ihn. Er war sehr nett und ich wohl eher langweilig. Der Altersunterschied machte sich bemerkbar. Nach nicht allzu langer Zeit erhielt ich von ihm einen einfühlsamen Brief (Psychologe!), in dem er mir schrieb, dass er zu alt für mich sei und ich mir doch einen jüngeren Mann suchen solle. Natürlich war ich traurig. Aber ich konnte das akzeptieren, weil ich wusste, dass er mich nach wie vor mochte, und auch ich mit ihm keine Familienträume verband. Es war eine Schwärmerei – eine schöne Schwärmerei.
Gesucht habe ich nicht. Ich war keine Suchende, ich war eher eine »zufällig Begegnende«. Im Sommer 1970 arbeitete ich in den Ferien in einem Altersheim. Als junge Frau wollte ich mir hin und wieder ein schönes Kleidungsstück leisten. Ich arbeitete in der Pflegeabteilung, in der sich ab und zu ein Jüngling mit kräftigen dunkelblonden Locken blicken ließ, um sich angeregt mit unserer Stationsschwester, die, nebenbei gesagt, schon älter war, zu unterhalten. Sie redeten über alles, es gab nichts, was sie nicht ansprachen. Dieser lebenslustige schöne Mann hieß Peter und war Kriegsdienstverweigerer. Also leistete er seinen Zivildienst im Altersheim. Damals noch achtzehn Monate. Die Alten liebten ihn. Vor allem die Frauen. Er brachte eine so selbstverständliche Fröhlichkeit und Umgänglichkeit in ihren Alltag. Er scheute sich nicht, sie anzufassen, er scheute sich nicht, mit ihnen zu reden, er vermied es, sich auf ein »ich bin jung und weiß alles besser, Du bist alt und nutzlos« zurückzuziehen, sondern behandelte sie respektvoll. Er war Kommunist, Pazifist und hielt gerne Vorträge, etwa darüber, warum Karl Marx recht hatte. Zugegeben: Er imponierte mir. Ich wusste das alles nicht und war entsprechend schnell zu beeindrucken. Also fand ich ihn toll. Und zögerte nicht lange, als er mich fragte, ob ich ihn ins Kino begleiten wolle. Mit einem Fiat 500. Ja klar! Kino war damals der Anbandelklassiker. So begann ich eine Affäre mit Peter. Von mehr als einer Affäre kann man nicht sprechen, schon deswegen, weil sie begrenzt war auf seine Zivildienstzeit. Wir beendeten diese Affäre zwar nicht, als er nach Waiblingen zurückging, aber sie verlief schließlich langsam im Sand. Die Freundschaft hielt an. Ich bin kein nachtragender Mensch. Damals spielte es vielleicht eine Rolle, dass ich spürte, dass ich raus wollte. Weg wollte. Mich nicht fest einlassen wollte. Die Dinge kommen und gehen lassen wollte. Diesem Prinzip bin ich ein Leben lang gefolgt. Nur Manuel hat mir da einen ordentlichen Schnitzer reingehauen.
Um meine jugendlichen Abenteuer in Sachen Liebe abzuschließen, sei noch mein Chef erwähnt. 1971 schloss ich im August meine Mittlere Reife ab und begann im September eine Ausbildung zur Industriekauffrau bei der damalig genannten Burkhardt Textilveredlungs GmbH in Pfullingen. Ich war 16 Jahre alt. In meinem Bewerbungsgespräch verkündete ich selbstbestimmt und unglaublich emanzipiert, dass ich nie heiraten werde. Wie weitsichtig! Und was für eine Einladung! Mein Vorgesetzter, der eigentlich nur der Vertriebsleiter war, war 27 Jahre alt, verheiratet und hatte ein kleines Kind. Also viele Tabus. Altersunterschied, Abhängigkeit als Auszubildende, verheiratet, Vater eines kleinen Kindes – pfui, pfui, pfui. Nun war er aber groß, schlank, dynamisch und ein richtiger Manager Typ. Ich flog von Peters proklamiertem Karl Marx Das Kapital zum Kapital selbst. Wir fuhren mit seinem Ford Capri spazieren, gingen zum Bowlen, und ich genoss es, in eine andere Welt einzutauchen. Es war aufregend, prickelnd und leidenschaftlich – auf engstem Raum. Ich hatte nie gehofft, dass er sich scheiden lassen würde, es war nicht perfekt, aber es war gut so wie es war. Es gab keinen Streit und die Zeit floss dahin. Ich fühlte mich unabhängig, und in mir wuchs eine weitere Seite zu dem »Dinge kommen und gehen lassen« – die Seite des »Nichts anhaben können«. Während der Ausbildung kam es zu dem Vorfall, dass eine unserer Telefonistinnen rausgeschmissen wurde, was ich unglaublich ungerecht fand. Ohne echten Anlass eine Existenz von heute auf morgen plattmachen, löste in mir einen Verteidigungsmechanismus aus. Ich war im Betriebsrat als Jugendvertreterin, und bei einer Betriebsratsversammlung mit 6 feigen Betriebsräten sagte ich dem Firmeninhaber die Meinung, was zur Folge hatte, dass die Telefonistin trotzdem gehen musste, ich nach der Ausbildung nicht übernommen wurde und meine Mutter mich abkanzelte mit den Worten, ob ich nicht mal die Klappe halten könne, ich sei schrecklich widerborstig. Das Verhältnis zu meinem Chef ging munter weiter. Er mischte sich nicht ein, was ich allerdings auch nicht einforderte. Wir sahen uns noch ein weiteres Jahr nach der Ausbildung, als ich bereits zu meinem neuen Arbeitsgeber, Technical Operation Limited, einem Vertrieb für medizinische Geräte, gewechselt hatte. Es war eine kleine Niederlassung aus England, die von zwei Engländern geführt wurde, die auch ganz »englisch« waren. David, mein Chef, trug Tweet und war mit einer Französin verheiratet. Ja, ja, doch, das geht. Der andere Geschäftsführer hatte ein Verhältnis mit meiner älteren Sachbearbeiter- Kollegin – also alle damals um die 35 Jahre – und war rothaarig und bleich. Dann gab es noch unseren Techniker Martin, der in Köln lebte und nur selten bei uns aufschlug. Es war eine gute Zeit in einer kollegial familiären Umgebung. Wir gingen zusammen ins Kino – ich Küken mit den »Alten« –, und meine Praxis in englischer Sprache stieg exorbitant.
Irgendwann kam der Tag, der kommen musste. Mein ExChef wurde mein Ex-Liebhaber. Er machte Schluss. Das hat mich sehr mitgenommen. Ich war sehr geknickt und heulte in meinem Auto so vor mich hin, als ich im Radio eine Sendung zur Carl Duisberg Gesellschaft hörte. Gibt es Zufälle? Ich beschloss, dass ich diesem Ruf nach New York folgte und damit meinen beiden rettenden Prinzipien.
Am Anfang war: ein kleiner Gedanke
Ich war und bin bis heute kein besonders politischer Mensch. Ich interessierte mich mit fünfzehn Jahren nicht für den Kniefall von Willy Brandt 1970 in Warschau. Wenn er meinte, er müsste das zur Verständigung von Frieden und Vergebung als Geste der Demut für die deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg machen, sollte er es tun. Und es hat ja tatsächlich zur Verständigung beigetragen. Meine Eltern waren politisch nicht aktiv, als Arbeiter linksorientiert, was mich mit Sicherheit geprägt hat. Ich bin von klein auf in wechselnden Gruppen gewesen, ich hatte gelernt mich anzupassen, mich unterzuordnen, mich zu trennen und mich wieder auf etwas Neues einzulassen. Ich hatte gelernt, das Beste aus der jeweiligen Situation zu machen. Ich war kritisch, denn vieles hat mir nicht gefallen, ich wusste, dass ich nicht so wie meine Eltern leben wollte, aber ich war so realistisch und duldsam, auf den richtigen Zeitpunkt zu warten. Ich war zutiefst überzeugt, dass das Leben mir immer wieder Chancen bietet und ich sie nur annehmen muss. Ich gab mich der Strömung des Lebens hin in dem Vertrauen, dass sie mich dahin trug, wo es für mich richtig und gut war. Ich hatte eine zutiefst pazifistische Überzeugung – leben und leben lassen. Aus dieser Haltung heraus war es für mich unverständlich, ja sogar unbegreiflich, wie Menschen andere daran durch Gewalt, Unterdrückung, Bevormundung hindern wollten. Pazifismus ist ein großes Wort. Auch ich streite und bin streitbar. Da Menschen keine Götter bzw. keine perfekten Wesen sind, können sie als Menschheit nicht pazifistisch sein (wenn es selbst die Götter nicht sind, wer dann?). Aber Menschen können sich dieser Idee annähern. Mit fünfzehn Jahren nähert man sich durch Widerstand an. Dazu verhalf mir Gabriela K. – sie war eine Strömung, der ich folgte. Gabriela kannte ich seit früher Kindheit aus der Nachbarschaft, allerdings hatten wir uns mit Beginn der Lehrzeit aus den Augen verloren. Dann zog ich mir mal wieder beim Handball eine Bänderzerrung zu und ging in Pfullingen, wo ich meine Lehre machte, zu einem Orthopäden. Und wen traf ich da? Meine Gabriela! Das war schnell ausgemacht, dass wir uns treffen und den Faden unserer Freundschaft wieder aufnahmen. Gabriela trug mich schließlich zu der Organisation terre des hommes, die sich für Kinder in Not einsetzt. Es sprach nichts dagegen, eine Organisation zu unterstützen, die es sich zum Ziel gesetzt hat, zu einer »Erde der Menschlichkeit« beizutragen. Und es liegt so nahe, den Schwächsten – nämlich den Kindern – zu helfen, die gleichzeitig die Zukunft sind. Ich war ein leiser Helfer, was mir am meisten entsprach, denn ich war noch nie jemand gewesen, den es auf die Bühne drängte oder der eine Ideologie oder Überzeugung laut in die Welt trug. Ich half bei Veranstaltungen aus und dort, wo ich gebraucht wurde. Die Organisation schickt in der Regel keine Helferinnen und Helfer aus Deutschland in die Krisengebiete, sondern unterstützt einheimische Initiativen mit Spenden und durch Beratung. Diese Zeit war wichtig, denn sie wurde zu einer Insel des Respekts gegenüber Menschen und des Mitgefühls für das, was in der Welt passierte. Über den eigenen, schwäbisch sparsamen, aber satten Tellerrand zu schauen und großzügig zu sein.
Ein zentrales Thema der Organisation in diesen Jahren waren die Geschehnisse in Vietnam. Terre des hommes Deutschland wurde 1967 gegründet, um schwer verletzten Kindern aus dem Vietnamkrieg zu helfen. Das hieß, die Kinder vor Sklaverei, Ausbeutung zu schützen, Flüchtlingskindern zu helfen, und sich um die Opfer von Krieg, Gewalt und Missbrauch zu kümmern. Und natürlich für Erziehung und Ausbildung zu sorgen. In Bezug auf Vietnam war das sehr schwierig. Dieser elende Krieg zwischen Nord und Südvietnam, der zwanzig Jahre in und um Vietnam tobte und seine Wurzeln im Indochinakrieg hatte und bis 1954 anhielt, war eine unmenschliche und völlig irrsinnige Hölle. Es mischten sich zu Zeiten des Kalten Kriegs die Großmächte ein und das auf Kosten einer hilflosen, völlig desolaten Bevölkerung. Dem Vietnamkrieg konnte sich keiner hier entziehen, denn er wurde auch medial ausgetragen. Wir haben ihn alle über den Fernseher sozusagen miterlebt. Während wir an unseren nächsten Discobesuch dachten, sahen wir im Fernsehen amerikanische Flieger und zerstörte Dörfer. Das war ein Schock. Gabriela war zu diesem Zeitpunkt bereits mit Andreas zusammen, der ein paar Jahre älter war als sie und Architektur studierte. Er kam aus einer anthroposophischen Familie und war politisch interessiert. Ihm ist die Initiative zu verdanken, dass eine Ortsgruppe von terre des hommes in Reutlingen gegründet wurde, in der ich als Freundin der Beiden Mitglied der ersten Stunde wurde. Unsere Aufgabe war es, auf die Missstände aufmerksam zu machen und im Auftrag der Organisation Spenden zu sammeln. Wir organisierten ein Sommerfest auf dem Marktplatz von Reutlingen, gingen auf Weihnachtsmärkte, und selbst am Volkstrauertag scheuten wir uns nicht, uns bei minus zwanzig Grad vor den Friedhof zu stellen und Kerzen zu verkaufen. Das kam nicht bei allen Leuten gut an und wir ließen uns beschimpfen, wie blöd das wäre. Wir wollten gar nicht auf Kosten der Verstorbenen sammeln, sondern als Band der Hinterbliebenen, das die Menschen in der Trauer um die Verstorbenen verknüpft und ihnen in der Gemeinschaft hilft. Ganz wohl war mir nicht und ich konnte verstehen, dass es in der Trauer für jeden eine Grenze gibt, die empfindsam ist und der man respektvoll begegnen muss.
1975 war der Vietnamkrieg nach zwanzig Jahren beendet. Ich stand an der Schwelle, mein Leben in Deutschland fürs Erste zu verlassen. Vorher geschah noch etwas, was damals in einer mädchenhaften Mischung aus Weltverbesserung, Mütterlichkeit und Naivität entstand, und 15 Jahre später seine Bestimmung fand. Ich war eines Abends zu Besuch bei Gabriela und Andreas, die mittlerweile gemeinsam eine kleine Wohnung teilten. Gabi war zu dieser Zeit bereits Arzthelferin, Andreas studierte noch. Die Wohnung war mit zusammengesuchten Sachen vom Flohmarkt bestückt, sehr gemütlich, und ich fühlte mich jederzeit willkommen und wohl. Im Grunde genommen beneidete ich die beiden um ihr Refugium. Sie teilten sich den kleinen Raum der 2-ZimmerWohnung und hatten dennoch beide ihre eigenen kleinen Inseln. Gabrielas Insel war eine alte schwarze Schreibmaschine auf einem großen dunkelbraunen Tisch. Es gab bereits modernere Exemplare, aber Gabi beharrte auf ihre schwarze stolze Lady, auf der sie regelmäßig Briefe an Insassen aus dem Gefängnis schrieb, mit denen sie Brieffreundschaften unterhielt. An einem der vielen Abende saßen wir zusammen auf den unzähligen Matratzen und sprachen zunächst über unsere neueste Diät – wahlweise Kartoffeln mit Quark oder eine Eierdiät – und anschließend über die Situation in Vietnam. Gabriela war mir in vielen Dingen ein Vorbild. Sie hatte und hat auch heute noch ein großes Herz und war damals schon unglaublich hilfsbereit. Daneben war sie sehr bestimmend, was mich manchmal nervte und mir doch zugutekam, weil mit ihr immer etwas vorwärtsging. Eine kleine Anekdote, die so herrlich ihre Menschlichkeit beschreibt, die manchmal so herrlich menschlich widersprüchlich war, ist unser Besuch bei Amnesty International. Es war klar, dass wir da irgendwann mal aufschlugen. Zu jeder Weltverbesserer-Attitüde gehört auch eine Visite bei dieser großen Menschenrechtsorganisation. Also saßen wir da und hörten uns bei der Veranstaltung die Beiträge an, bis der »Dampfkessel Gabriela« Druck ablassen musste und dem ganzen bockig den Rücken zuwendete, begleitet von einer Schimpftirade in dunkelroten Sprechblasen wie »da gehen wir nie wieder hin«, »sind alles Linke«, »alles Radikale«. So war es dann auch für mich erst mal entschieden.
Kommen wir zurück in die Wohnung. An diesem Abend hingen wir den Gedanken nach, dass es ein totaler Schmarrn sei, eigene Kinder in die Welt zu setzen, weil es so viele gäbe, die ein Zuhause bräuchten und es sinnvoller sei, ein Kind zu adoptieren. Während Andreas, dessen Naturell ruhig und besonnen war, sich dazu nicht äußerte, malten wir uns kühn unsere Familienbande mit gemeinsamen Kindern aus Vietnam aus. Ich war damals knappe siebzehn Jahre alt. In diesem Alter hat man Träume, man hat Ideen, man hat Weltverbesserungsvisionen. Ich weiß gar nicht, ob es damals meine waren oder die von Gabriela, die wesentlich reifer schien. Ich weiß nur, dass dieser Abend etwas hinterlassen hat, an das ich lange Zeit nicht mehr gedacht hatte. Wie ein kleiner Samen, der in einen Nährboden gesetzt wurde und zum richtigen Zeitpunkt seinen Weg ins Licht fand.
Heute haben Gabriela und Andreas, denen ich in tiefer Freundschaft verbunden geblieben bin, vier leibliche wunderbare Kinder. Severin, Lupina, deren Patentante ich bin, Christoph und Malvine. Sie haben kein Kind adoptiert, sondern sind auf andere Art und Weise ihrer Bestimmung gefolgt und haben Gutes um sich verbreitet. Gabi ist der Kirche verbunden und nach wie vor ein sehr hilfsbereiter Mensch mit offenen Armen für jeden, der Trost und Hilfe benötigt. Sie ist ein Teil meines Lebens und hat dort Spuren hinterlassen, für die ich sehr dankbar bin.
Abschied
Nach dem Schlusswort meines Ex-Chefs und Ex-Liebhabers saß ich also schniefend im Auto. Mein Radio lief auf Dauerschleife, ich empfand die Musik als tröstenden Klangteppich für meine Trauer. Während die Perlen des Selbstmitleids meine Wangen hinabliefen, berichtete der Moderator der Sendung etwas über die Carl Duisberg Gesellschaft, einem gemeinnützigen Verein zur Förderung der internationalen beruflichen Bildung und Personalentwicklung. Zwischen Schluchzern und benebeltem Sich-Orientieren im Straßenverkehr sickerten die Worte in mein aufgelöstes Ich.
Damals war die Motivation der Informationsbeschaffung noch eine andere. Als Geheimniskrämerin, oder besser gesagt, ich teile ungelegte Gedankeneier bis heute nicht gleich
