M-Polytox - Mirko Tillens - E-Book

M-Polytox E-Book

Mirko Tillens

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Beschreibung

Der Autor berichtet über sein Leben, welches von Sucht und Angst geprägt worden war. Er schildert auf beeindruckend ehrliche Weise, wie es zu alldem kam und wie er damit umging. Der Leser gewinnt einen aufschlussreichen Blick hinter die Kulissen der Drogenszene, lernt die Ängste und Nöte der Betroffenen kennen, erfährt viele Details über einzelne Drogen, ihre Konsumtechniken und Wirkungsweisen. Zudem beschreibt der Autor die aktuell praktizierten Therapien von Abhängigkeitserkrankungen und setzt sich kritisch mit ihnen auseinander. Er thematisiert seine erworbene Angststörung und hinterfragt die Therapiemöglichkeiten. Letztendlich gelingt es Ihm ein eigenes Konzept zu Therapie und Heilung für sich zu entwickeln.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 149

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Mirko Tillens

M-Polytox

Geheimnisse aus der Sucht

© 2017Mirko Tillens

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7439-1606-7

Hardcover:

978-3-7439-1607-4

e-Book:

978-3-7439-1608-1

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Zum Schutz der Persönlichkeitsrechte wurden alle Namen frei erfunden.

Mirko Tillens

M-Polytox

Geheimnisse aus der Sucht

Sucht und Angst

Ein Leben als Mehrfachabhängiger und die Folgen

Werfen Sie das Buch bitte nicht gleich aus dem Fenster!

Bitte auch nicht in den Kamin!

Der Anfang erfordert ein wenig Geduld, ist aber wichtig, um den Zusammenhang verstehen zu können.

Geben Sie dem Buch eine Chance!

Wie alles begann

Mirko verbrachte die ersten Jahre seines Lebens in einem kleinen Dorf. Seine Eltern hatten dort ein Haus mit Garten gemietet. In der Nachbarschaft wohnte eine weitere Familie mit Kindern, eines der Kinder war in seinem Alter. Ein Mädchen, das sich aber eher für Bubenthemen als für Mädchenkram interessierte. Und so kam es, dass sie dicke Freunde wurden. Oftmals verbrachten sie ihre ganzen Tage von morgens bis abends miteinander und vertrieben sich mit allerlei Spielzeug die Zeit. Das Haus seiner Eltern war von einer großen Rasenfläche umgeben, hier konnten sie sich so richtig austoben. Wenn Mirko doch einmal alleine war, dann kickte er mit seinem Ball im Garten.

Mit fünf Jahren ging Mirko das erste Mal in den Kindergarten im Dorf. Dort lernte er noch andere Kinder kennen, aber meistens spielte er mit seiner Freundin aus der Nachbarschaft.

Als Mirko sechseinhalb Jahre alt war, zogen seine Eltern und er in eine nahe gelegene Kleinstadt. Mit dem gemeinsamen Spielen war schlagartig Schluss. Mit sieben Jahren wurde er eingeschult. Mirko hatte sehr viel Angst vor dem ersten Schultag, er war ja erst vor Kurzem hierher gezogen und kannte niemanden, der mit ihm zusammen eingeschult wurde. Doch nach ein paar Wochen hatte er neue Freunde gewonnen und in der Schule lief es recht ordentlich. Mirko war ein durchschnittlicher Schüler. Seine Lieblingsfächer waren Mathematik und Sport.

Vor allem Sport. Da Mirko fast seine gesamte Freizeit nur mit Fußball verbrachte, meldeten ihn seine Eltern im Fußballverein an. Regelmäßig ging er zum Fußballtraining seiner Mannschaft. Damals gab es noch keine F- oder E-Jugend, die seinem Alter entsprochen hätte, also spielte er vom ersten Tag an bei der D-Jugend mit. Genau genommen trainierte er nur, denn bei richtigen Spielen kam er nie zum Einsatz, dazu war er noch zu jung. Aber das war für ihn kein Grund, sich vom Fußballspielen abbringen zu lassen, und er trainierte unermüdlich weiter. Als er endlich alt genug war, durfte er so richtig mitspielen. Mirko war ein guter Kicker, der sehr viele Tore geschossen.

Für das Spielen im Haus war er einfach nicht geschaffen, sein großer Bewegungsdrang zog ihn immer nach draußen. Neue Freunde fand er hauptsächlich beim Fußball, aber in seiner neuen Straße gab es auch einige Kinder, allerdings etwas älter als er, mit denen er oft auf der Straße spielte, nicht nur Fußball, sondern auch Verstecken und andere Spiele.

Für kurze Zeit war Mirko auch im Tischtennisverein. Auch hier war er der Kleinste, aber er hatte ein gutes Gefühl in der Hand und konnte den Älteren das Leben ganz schön schwer machen. Da er aber meistens verlor und nicht richtig gefördert wurde, gab er das Tischtennisspielen nach zwei Jahren wieder auf und konzentrierte sich nur noch aufs Fußballspielen. Wie gesagt, Fußball war immer seine Leidenschaft gewesen.

Mirko hatte eine gute Kindheit, genug zu essen und zu trinken, immer saubere Klamotten, allerlei Unterhaltungsmedien und eine ansehnliche Zahl altersgerechter fahrbarer Untersätze.

Sein Vater war LKW-Fahrer und seine Mutter blieb zu Hause und kümmerte sich um den Haushalt. Als Mirko zehn Jahre alt war, ging seine Mutter wieder arbeiten, halbtags in einem Supermarkt.

Von da an musste Mirko des Öfteren zu seinen Verwandten, zwei Onkel die gemeinsam in einem Haus lebten, in ein etwa zehn Kilometer entferntes Dorf. Dort wurden sehr oft Gewaltfilme angeschaut. Meistens irgendwelche Karate- oder Kung-Fu-Filme, wo das Blut nur so spritzte und Gewalt regelrecht verherrlicht wurde. Zudem hielt er sich oft in einer Kneipe auf, wo seine Onkel, Egon und Heinrich, stundenlang am Stammtisch hockten und ein Bier nach dem anderen tranken. Mirko durfte dann zum Zeitvertreib an den Automaten spielen, jenen Geräten, die in jeder Kneipe an der Wand hängen, damit der Kneipenpächter seine Pacht bezahlen kann. Also an Spielautomaten, bei denen man glaubt, Geld gewinnen zu können, ein Irrglaube, denn im Endeffekt gewinnt immer der Automat.

Aber Mirko lernte bei Egon und Heinrich auch noch eine andere Freizeitbeschäftigung kennen, die ihm sehr viel Spaß machte und ihm richtig schöne Zeiten bescherte, und zwar das Angeln. Immer wenn er über Nacht geblieben war und es nachts geregnet hatte, ging er mit Ihnen früh morgens raus und fingen Regenwürmer, die dann beim nächsten Angeln auf den Angelhaken gespießt und als Fischköder verwendet wurden. Sie wendeten zwei verschiedene Angel-Methoden an. Die eine war Angeln auf Grund und die zweite Methode war Angeln mit Schwimmer. Mirko bevorzugte es, mit Schwimmer zu angeln, weil das in seinen Augen spannender war. Es gab auf der Wasseroberfläche mehr zu sehen und zu beobachten.

Seine Eltern wussten nur über das Angeln Bescheid, aber nicht über die Gewaltfilme und auch nicht übers stundenlange Automatenspielen. Mirko hatte ihnen nichts davon erzählt. Sie hatten also keinen Anlass, einzugreifen. Immer mal wieder besuchte Mirko seine Onkel, dann gingen sie gemeinsam zum Angeln, und anschließend gab es die üblichen Gewaltfilme zu sehen. Ab und an ging es in die Kneipe, wo Mirko dann wieder am Automaten zockte. Doch die wenigen Geldmünzen, die Egon und Heinrich für ihn übrig hatten, waren in viel zu kurzer Zeit verspielt. Also schlachtete Mirko sein Sparschwein, um sich länger am Automaten vergnügen zu können.

Das Angeln interessierte ihn so stark, dass er einen Jugendfischereischein erwarb, mit dem er unabhängig von seinen Onkeln losziehen konnte. DerJugend-fischereischein schrieb ihm zwar vor, dass er auf die Begleitung eines Erwachsenen Inhabers eines Fischereischeins angewiesen war, aber Mirko suchte sich immer andere Angler und fragte sie, ob er sich ihnen anschließen dürfe. Fast jeder gab seine Zustimmung und Mirko konnte seine Angelrute auspacken und angeln. Dem Angeln ist er bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahr treu geblieben, dann hat er es aufgegeben. Er hatte das Interesse daran verloren.

Den größten Teil seiner Freizeit widmete er jedoch dem Fußballspielen und dort konnte er auch all sein Können unter Beweis stellen. Bei anderen Aktivitäten mit seinen Freunden war sein Selbstvertrauen recht gering, er fühlte sich eher als Mitläufer und ließ sich bereitwillig beeinflussen und führen. Was gewissermaßen auf der Hand lag, denn schließlich hatte er fast nur ältere Freunde. Von den Gleichaltrigen interessierte ihn niemand so recht.

Diese bereitwillige Bevormundung trug viel dazu bei, dass er in die Sucht abrutschte. Aber vor allem war es die Form von Zeitvertreib, die er bei seinen Verwandten kennengelernt hatte, die vielen Gewaltfilme und das Zocken am Spielautomaten. Vor allem die Gewaltfilme faszinierten ihn, und später würde er am eigenen Leib erfahren, dass für Menschen, die in einer Sucht gefangen sind, die Gewalt allgegenwärtig ist.

Mirkos Schicksal zeigt, dass Auslöser für eine Suchtkarriere nicht immer Schicksalsschläge, Misshandlungen oder eine schlechte Kindheit sind. Oftmals entscheiden Kleinigkeiten, wo der Weg hingeht, und meistens bekommen es die Erziehungsberichtigten gar nicht mit. Nicht aus Desinteresse oder mangelnder Fürsorge, sondern weil sie die einzelnen Mosaiksteine nicht erkannten und somit auch nicht zu einem bedrohlichen Gesamtbild zusammenfügen konnten.

Exkurs – Gefühle

Über Gefühle und Bedürfnisse wurde in der damaligen Zeit nicht viel gesprochen. Zumindest nicht ernsthaft und tiefgründig, sonst könnte Mirko sich daran erinnern. Solche Dinge waren damals nicht wichtig. Seine Eltern waren zudem mental sehr stark und hatten auch nicht das Bedürfnis, darüber zu sprechen. Heutzutage wird in unserer Gesellschaft das Sprechen über Gefühle und Bedürfnisse zum Glück überwiegend als sehr wichtig wahrgenommen, denn nur wer über seine Gefühle sprechen kann, ist in der Lage, Gefühle wahrzunehmen, richtig zu verstehen und einzuordnen.

Mirko

… das bin ich selbst und ich erzähle mein Leben

Kapitel 1 – Einstieg in die Sucht

Als ich vierzehn Jahre alt war, wurde ich konfirmiert und bekam zu diesem Anlass viele Geldgeschenke. Mein Sparbuch war gut gefüllt. Nach und nach hob ich das ganze Geld ab und steckte es in Spielautomaten, die ich ja bereits von den Besuchen bei meiner Verwandtschaft kannte.

Eigentlich dürfen an diese Geräte nur Erwachsene über achtzehn Jahren, aber in den meisten Kneipen sehen die Betreiber großzügig darüber hinweg, denn sie haben nur die Geldscheine in den Augen.

Jugendschutz interessiert hier niemanden!

Wenn sich die Betreiber schon nicht für den Jugendschutz zuständig fühlen, sollte zumindest der Automat so ausgestattet sein, dass die Bedienung an eine Altersbeschränkung gekoppelt ist, zum Beispiel an den Besitz des Führerscheins oder einer EC-Karte. Meines Wissens ist das bis heute nicht der Fall.

Als meine Eltern dahinter kamen, stellten sie mich natürlich in den Senkel. Ich zeigte ehrliche Reue und beteuerte, dass ich nie wieder spielen würde, und das Thema war erledigt. Zu meinen Eltern hatte ich ein gutes Verhältnis, aber eine enge Bindung nur zu meiner Mutter. Denn sie arbeitete ja nur halbtags, und mein Vater war als LKW-Fahrer die ganze Woche mit seinem Truck unterwegs. Am Wochenende, wenn mein Vater zu Hause war, waren beide sehr um Harmonie bemüht. Sie hatten sich ja die ganze Woche nicht gesehen und wollten dann die gemeinsame Zeit nicht mit Konflikten oder Problemen verbringen. Wenn ich also unter der Woche Mist gebaut hatte, war alles spätestens am Wochenende vergessen oder wurde ignoriert, um die Familienharmonie nicht zu stören. Konflikte störten und waren nicht dazu da, ausgetragen zu werden. Dieses Verhalten übertrug ich dann auch auf andere Situationen. Konflikten bin ich immer aus dem Weg gegangen. Ich war immer bemüht, dass mich alle mögen, und konnte nicht ertragen, wenn das nicht der Fall war. So habe ich nie gelernt, mit Konflikten richtig umzugehen und meine eigene Meinung durchzusetzen, sondern ich gab immer nach. Oder ich drehte es so, dass die Meinung der Anderen auch meine Meinung war. Meine Scheu vor Konflikten sollte mein ganzes Leben beeinflussen. Zu ergänzen ist, dass ich ein Einzelkind bin und nie um etwas kämpfen musste.

Am Spielautomaten spielte ich trotz der Zurechtweisung meiner Eltern natürlich auch weiterhin. Die Automaten hatten mich einfach in ihren Bann gezogen, und sobald ich ein paar Mark hatte, landeten sie im Spielautomaten. Immer mit der gespannten Hoffnung, viel Geld zu gewinnen. War mein Geld aufgebraucht, schaute ich den anderen beim Spielen zu. Immer wieder mal ließen mich auch ältere Spieler die Tasten des Automaten bedienen, in der Hoffnung, dass ich ihnen vielleicht Glück bringe.

Die Spielsucht war ein wirklich ernstes Problem, nicht nur, weil ich mein ganzes Geld verspielte, nein, auch meine sozialen Kontakte zu „normalen Leuten“ wurden immer weniger. Hier lauerte die Gefahr, zusätzlich zu einer stoffungebundenen Sucht noch eine stoffgebundene Sucht zu entwickeln: Gerade im Teenager-Alter haben der Umgang und der Freundeskreis einen enormen Einfluss.

Kapitel 2 – Ausweitung der Sucht

Normale Jugendliche, weder gleichaltrige noch ältere, interessierten mich nicht mehr. Ich war viel in Kneipen unterwegs, spielte Billard, Schafkopf und natürlich an Spielautomaten. Stundenlang konnte ich mich dort aufhalten und zocken. Selbstverständlich fing ich mit fünfzehn Jahren auch an, Zigaretten zu rauchen, heimlich natürlich. Ich verkehrte in reinen Bierkneipen, zu essen gab es dort nichts. In solchen Kneipen sind viele schräge Vögel unterwegs, und so kam es dann auch zum ersten Haschischkonsum. Ich fand das wahnsinnig cool und spannend. Verbotene Dinge hatten für mich schon immer einen besonderen Reiz. Wohl die Hälfte der Kneipengäste war alkoholabhängig und lebte so in den Tag hinein. Die andere Hälfte war schon mal im Gefängnis gewesen. Auch das fand ich ausgesprochen interessant. Die Leute verbrachten den ganzen Tag mit Saufen und Zocken. Einer von ihnen brachte mir das Billardspielen bei und nun nahm ich auch an den Turnieren in meiner Stammkneipe teil. Das eine oder andere Turnier habe ich auch gewonnen, und das hat mich natürlich sehr stolz gemacht.

Eines Tages schleppten mich dann zwei meiner „Freunde“ mit nach Frankfurt in den Puff. Als wir durch das Bordell liefen, wurden die beiden schnell fündig und verschwanden, um sich zu vergnügen. Ich stand also alleine auf dem Flur und schaute etwas ratlos umher. Ich hatte null Interesse, zu so einer Dame ins Zimmer zu gehen, also verdrückte ich mich in den obersten Stock. Dort wartete ich etwa zwanzig Minuten, dann lief ich zurück zu den Zimmern, in denen meine Freunde verschwunden waren. Die Türen standen offen und ich konnte sehen, dass die beiden nicht mehr drinnen waren. Offensichtlich war es eine recht schnelle Nummer gewesen. Ich verließ das Haus und auf der Straße warteten bereits meine beiden Begleiter. Weil ich als Letzter das Gebäude verlassen hatte, dachten sie, ich wäre auch bei einer der Prostituierten gewesen. Ich ließ sie in dem Glauben. Dann sind wir zurück zum Auto und ein paar Straßen weiter gefahren. Dort angekommen, stieg der eine aus und traf sich mit jemandem, den ich nicht kannte. Ich fragte meinen Kumpel, der mit mir im Auto saß, wer das sei. Er sagte, dass das der Haschischdealer sei und dass wir, wo wir schon mal hier seien, eine Platte Haschisch mit nach Hause nehmen würden. Kurz danach stieg auch schon unser Kumpel wieder ins Auto und präsentierte seinen Einkauf. Ich lernte, dass eine Platte Haschisch fast so aussieht wie eine Tafel Schokolade. Nachdem wir nun alles erledigt hatten, fuhren wir wieder nach Hause. Auf dem Heimweg kreiste ein Joint durchs Auto, an dem ich dann auch fleißig gezogen habe.

Von diesem Zeitpunkt an veränderte sich mein Leben noch weiter zum Unguten. Die Pubertät, falsche Freunde und die ersten Erfahrungen mit dem Haschischkonsum führten mich immer tiefer in die Sucht. Meine neuen Freunde faszinierten mich regelrecht, es waren sehr brutale Menschen darunter, die vor nichts zurückschreckten. Wenn wir ausgingen, endete das meistens in fürchterlichen Schlägereien, bei denen ich allerdings immer nur Zuschauer war, mir fehlte der Mut, selbst mitzumischen. Die Schlägereien waren ab und an so brutal, dass überall das Blut nur so spritzte. So manches Mal kamen auch Messer zum Einsatz. Einer meiner neuen Freunde sagte immer, dass er bei einer Schlägerei immer dafür sorge, dass der andere nicht mehr aufstehen könne. Das schien mir schon damals total verrückt, aber aufgrund meiner Erfahrungen mit den Gewaltfilmen faszinierte mich das zugleich. Diese Stärke, keine Angst zu haben und zu allem bereit zu sein, gaukelte mir damals vor, stärker zu sein, als ich mich fühlte. Außerdem ging es schließlich um meine Freunde, meine Clique, in der ich mich aufgehoben fühlte und verstanden.

Meine Eltern bemerkten von all dem nichts, denn ich war super im Verheimlichen. Ich sorgte immer dafür, dass die Harmonie zu Hause nicht gefährdet war, denn Streit war das Letzte, was ich wollte. Außerdem wusste ich, dass meine Eltern in meine Freizeitgestaltung radikal eingreifen würden, wenn ich davon erzählen würde. Und das wollte ich natürlich auf keinen Fall.

Alle in meinem „Freundeskreis“ konsumierten Haschisch in ihrer Freizeit. Mal kreiste der Joint, mal konsumierten wir mit der Wasserpfeife, und wenn es richtig krass werden sollte, rauchten wir Eimer. Das funktioniert so: Man braucht einen halb mit Wasser gefüllten Plastikeimer, eine PET-Flasche ohne Boden und Aluminiumfolie für den Aufsatz. Mit der Alufolie wird ein Nest (Aufsatz) auf den Schraubverschluss der PET-Flasche gebaut und ein paar Löcher hineingestochen. Die Flasche wird nun so in den Eimer getaucht, dass das Nest oberhalb der Wasserlinie bleibt. Nun wird die Mischung in das Nest gelegt und angezündet, dabei wird die Flasche nach oben gezogen, sodass in der Flasche ein Vakuum entsteht, also der Rauch in die Flasche strömt, dann wird das Nest entfernt. Mit dem Mund wird nun der Flaschenhals umschlungen und ganz tief auf Lunge eingeatmet, wobei die Flasche nach unten gedrückt wird, damit der Rauch (Stoff) in die Lunge geht. Bei dieser Prozedur wurde ich total abgeschossen und manchmal musste ich mich sogar übergeben dabei, aber egal, das ging ja allen so. So ein Verhalten nennt man wohl Gruppenzwang.

Meine Hobbys beschränkten sich bald auf derlei Aktionen, mit Ausnahme vom Fußballspielen, das ich weiterhin betrieb. Allerdings stellten sich immer häufiger Konditionsprobleme ein, und Fußball ist hauptsächlich ein Laufsport.

Mit achtzehn Jahren kamen zum Haschisch auch noch Speed und Pillen (Ecstasy) hinzu. Hatte ich diese Drogen genommen, konnte ich die ganze Nacht in der Disco abgehen, ohne müde zu werden. Ich rede hier von richtigen Technodiscotheken, wo hauptsächlich Leute verkehrten, die Drogen nahmen. Der Schweiß lief mir am ganzen Körper hinab, meine Klamotten waren total durchnässt. Meine Wahrnehmung hatte sich extrem verschoben, die Discobeleuchtung explodierte förmlich in mir. Auch Alkohol konnte ich in großen Mengen trinken, ohne auch nur ansatzweise betrunken zu werden. Auf solchen Technopartys gab es keinerlei Gewalt. Es kamen keinerlei Aggressionen auf, alle gingen friedlich miteinander um. Jeder genoss seinen Trip für sich allein.

Eines Abends hatte ich mich mit meinem Konsum von Ecstasy übernommen und acht Pillen über ein paar Stunden verteilt eingeworfen. Daraufhin ging es mir total miserabel und ich musste mich auf der Toilette übergeben. Dort sah es ekelhaft aus. Wenn es mir nicht schon kotz übel gewesen wäre, hätte ich mich spätestens bei dem grauenhaften Anblick und dem Gestank übergeben müssen. Überall Urin und Kotze auf den Fliesen. Ich war heilfroh, als ich endlich fertig war und diese Kloake wieder verlassen konnte. Mein Magen hatte sich recht schnell wieder beruhigt, und auf den Schreck hin gönnte ich mir gleich eine Asbach-Cola und warf mir die nächste Ecstasy ein, und es konnte weitergehen mit dem Feiern.