Machtlos - Ingrid Walpusky - E-Book

Machtlos E-Book

Ingrid Walpusky

0,0

Beschreibung

Was tun, wenn der Schulalltag die Lehrkörper vor schier unlösbare Herausforderungen stellt und sie oftmals auf sich selbst gestellt sind? Diese Frage hat sich die Autorin gegen Ende ihres Berufslebens täglich stellen müssen. Nach fast 30jähriger Lehrtätigkeit in verschieden Schulen in Bonn, zog es sie wieder in ihre alte Heimat Berlin, wo sie vorhatte an einer Sonderschule in einem so genannten „Problembezirk“ ihr Engagement und ihre Erfahrungen einzubringen. Schnell erkannte sie jedoch, dass die an die Lehrerschaft gestellten Anforderungen weit über die Vermittlung von Bildung hinausgingen. Man könnte auch sagen, die Wissensvermittlung trat im Schulalltag in den Hintergrund. Es sind die großen gesellschaftlichen Fragen, die auf Schule und Lehrer niederprasseln. In welchem Maß kann ein Lehrer den Erziehungsauftrag der Eltern übernehmen? Wie soll ein Lehrer Wissen vermitteln und gleichzeitig Schülern aus bildungsfernen Familien die Notwendigkeit der Bildung näher bringen? Was tun mit Schulschwänzern, wenn die Eltern die Schulpflicht nicht ernst nehmen? Wie kann die Integration von Schülern mit Migrationshintergrund erfolgreich umgesetzt werden, wenn dazu nicht mehr spezialisierte Fachleute zur Verfügung stehen? Auf sehr lebendige Weise berichtet die Autorin von ihren Erlebnissen, ihren Strategien, die Herausforderungen anzugehen und am Schluss dem Gefühl Machtlos gegenüber den Schülern zu sein und der Ungläubigkeit, von der Schulpolitik im Stich gelassen zu werden. Dieses Buch ermöglicht einen spannenden und lebhaften Einblick in die Realität vieler Lehrer, die mit den gesellschaftlichen Herausforderungen konfrontiert werden, und richtet sich nicht nur an Pädagogen, Fachleute und Politiker sondern auch an die Allgemeinheit, da Bildung ein unumstößliches Gut ist, das es zu bewahren gilt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 226

Veröffentlichungsjahr: 2014

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Umschlag Vorderseite:

Dieser Stein des Anstoßes

liegt vor dem Eingangstor meiner Schule.

Ursprünglich diente er als Puffer, falls die Pferdewagen zu nahe an die Hauswand kamen.

So konnte diese nicht beschädigt werden.

Ich habe dieses Foto bewusst ausgewählt.

Möge mein Buch den einen oder anderen zu Denkanstößen verhelfen.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Mein Rollenverständnis vom Lehrerberuf

Ankunft: Berlin

Meine Bildungs-ANSTALT

Die personelle Ausstattung

Kooperationen mit außerschulischen Partnern

Klassenfahrten und Ausflüge

Meine Schülerschaft

Mach mal Pause, klatsch mal wieder

Schule schwänzen – na, und?

Familienwerte – werte Familien

Andere Länder – andere Sitten

Zum Thema Gesundheit

Feste feiern

Integration erfolgt durch Bildung

Migration und Kriminalität

Mein persönlicher Klassenkampf

Der Anfang vom Ende

Weg(e) aus der Misere

Neue Ziele – neue Inhalte

AufmerksamkeitsDefizitHyperaktiviäts-Syndrom

Was die Schule leisten könnte

Nachwort

Anhang

Literaturnachweis:

Vorwort

40 Dienstjahre in der Schule! Das schafft nach mir doch keiner mehr!

Mit diesen Worten verabschiedete sich mein ehemaliger Schulleiter mit 65 Jahren in seinen Ruhestand.

Hoppla, dachte ich, das stimmt nicht: Ich werde es auch schaffen!

Das war im Jahr 2000, vor 13 Jahren also. –

Rückblende

Meine Urkunde zum 25-jährigen Dienstjubiläum habe ich noch in Nordrhein-Westfalen erhalten. Kurz dann kam mein Umzug nach Berlin-Mitte, aus persönlichen Gründen.

Was für ein krasser Unterschied! Obwohl in dieser Stadt geboren und den Kontakt zu meinen Berliner Freunden nie verloren, sollte mich diese „Zu“- Stadt bald in jeder Hinsicht belasten: zu laut, zu dreckig, zu groß, zu atheistisch, zu viel Multikulti…

Das hatte ich nicht erwartet. Dabei hatte ich mich sehr auf meine Tätigkeit in Berlin gefreut.

Ausgehend von dem unerwarteten Tod der Berliner Jugendrichterin, Frau Kirsten Heisig, und ihrem 2010 erschienen Buch: Das Ende der Geduld, möchte ich daraus folgendes wörtlich zitieren:

„ Wir müssen uns gemeinsam Gedanken machen, wie es in dieser Gesellschaft weitergehen soll. Und wir müssen handeln. Jetzt.“

Der Inhalt ihres Buches hatte mich erschüttert, waren es doch teilweise meine Schüler, die an ihrem Richtertisch standen. Namen von Jugendlichen, die ich kannte, tauchten in ihrem Buch auf. In der einen oder anderen Schilderung meinte ich meinen Schüler wieder zu erkennen; auf einem Foto war tatsächlich mein damaliger Schüler abgebildet! Über ihn berichte ich an anderer Stelle.

Ihr Tod gab mir aber auch die Motivation zum Schreiben eines eigenen Buches.

Jeder Jugendliche hatte eine Vorgeschichte und diese fängt nun mal in der Familie an.

Die 28Jahre in Bonn habe ich in sehr guter Erinnerung; die letzten acht Jahre in Berlin-Mitte dagegen haben mich über den Rand meiner Belastbarkeit geführt und mich somit zu einem vorzeitigen Ausscheiden aus dem Schuldienst getrieben.

Nicht der Unterricht selbst, sondern die Bewältigung von Konflikten aller Arten sollte mir bald das Leben zur Hölle machen und ließ mich fast unmerklich in meinen eigenen beruflichen Abstieg gleiten.

Dieses Buch ist nicht als Abrechnung mit der Institution Schule, Schulleitung oder Kolleginnen und Kollegen zu verstehen. Vielmehr wollte ich die sachlichen Hintergründe kennenlernen, welche schließlich zu meinem Ausstieg aus dem aktiven Schuldienst führten. Dabei streife ich notwendigerweise auch hoch brisante, politische Themen, die ich nur laienhaft verstand und interpretieren konnte.

Mein Buch beschreibt nur einen kleinen Teil meiner schulischen Tätigkeit.

Meine Motivation zu diesem Buch war u.a. ein Plädoyer für die Inklusion behinderter Kinder und Jugendliche. In einer Zeit, in welcher Behinderte nicht benachteiligt werden dürfen, ist es einfach ein Unding, Sonderschulen mit dem Status „Lernbehinderung“ zu halten. Diese Schülerinnen und Schüler gehören integrativ in die „normalen“ Schulen und müssen durch Fachkräfte wie Sonderpädagogen, Sprachheillehrkräfte, Therapeuten usw. entsprechend ihrer Behinderung gefördert werden!

Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland Artikel 3, 3 steht: … niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Ein anderer Grund zum Schreiben lag in der Verarbeitung meiner Biografie soweit sie sich auf schulische Belange bezog.

Der Leser möge es mir nachsehen.

Im I. Kapitel beschreibe ich meine Vorstellungen meines Berufes und die einer modernen Schule als „Haus des Lernens“ mit gut ausgerüsteten Lehrkräften und lernbegierigen Kindern.

Dem folgt ein Kapitel über den katastrophalen Zustand der Bildungseinrichtungen, der mir an Berliner Schulen, insbesondere einer Förderschule, entgegen schlug.

Ich will mit euch nicht länger hinnehmen, dass man Schulen daran erkennt, dass sie die verkommensten Gebäude der Stadt sind. (Auszug aus der Rede von Peer Steinbrück am Bundesparteitag 2012). Dem möchte ich zustimmen.

Dabei hinterfrage ich die Ursachen der zunehmenden Verrohung unserer Kinder und Jugendlichen, betrachte ihre Elternhäuser und informiere mich über ihre Herkunftsländer.

Schließlich versuche ich über ein mögliches Angebot Wege aus der Misere zu finden. Hierbei beschreibe ich meine persönliche Sicht zur Möglichkeit von Integration durch Bildung und fordere aber auch Änderungen aus den entsprechenden Ämtern und Dienststellen.

Unser „Gut“ ist die Bildung!

Damit die Anonymität meiner Schülerinnen und Schüler gewahrt bleibt, habe ich ihnen andere Namen zugeordnet. Ihre erzählten Geschichten konnte ich nicht verifizieren, aber ich gehe davon aus, dass sie alle wahr sind.

Immer dann habe ich wörtlich zitiert, wenn die Aussagen anderer sich mit meinen Erfahrungen deckten oder wenn meine Forderungen und Vermutungen durch deren prägnanten Formulierungen unterstützt wurden.

Um es vorweg zu nehmen: Ich habe nach 36 Dienstjahren den Schwamm bzw. das Handtuch geworfen:

ICH HABE KAPITULIERT!

Berlin/Ostseebad Baabe, im Herbst 2014

Rückblick Bonn

Mein Wunsch war von je her Lehrerin zu werden. Bereits im Kindergarten half ich einem behinderten Jungen bei seinen alltäglichen Dingen. Des mag mich früh geprägt haben. Ich liebte Kinder, besonders die Schulanfänger. Vielleicht hatte mich meine eigene Grundschulzeit so positiv geprägt. Oder aber war es mein späteres Internationale Gymnasium, die nicht einfache Zeit mit den Paukern, dass ich es mal besser machen wollte als sie, teils Lehrer, die geprägt waren durch den Nationalsozialismus? Ich weiß es nicht mehr genau. Da meine Eltern, Vater Akademiker, mich zum Studium drängten, wählte ich das nur sechs Semester währende Studium für das Lehramt. So blieb ich insgesamt fast 40 Jahre im Bonner Raum „hängen“.

Als ich 1975 mein 2. Staatsexamen für das Lehramt der Grund- und Hauptschule in Bonn bestanden hatte, freute ich mich sehr auf meinen Beruf: Endlich eigenständig handeln, die Unterrichtsstrukturen selbst bestimmen, die Klasse nach meinen pädagogischen Vorstellungen „formen“. Ein Paradies nach der Schulreform der 70er Jahre hat sich mir aufgetan, indem ich die neuen Methoden, weil kindgerecht, einsetzte. Ich war begeistert vom offenen Unterricht -wodurch fächerübergreifendes Lernen möglich wurde – von interessanten Projektarbeiten, an denen die Schülerinnen und Schüler Geschehen beteiligt wurden und sie bestimmten sowohl die Inhalte als auch das Lerntempo. Ich fühlte mich nicht durch äußere Zwänge eingeengt, dass ich z.B. für Tests arbeiten musste oder nur vorgegebene Themen behandeln durfte. Den Stundenplan konnte der Klassenlehrer selbst erstellen unter Berücksichtigung der vorgegebenen Sport- und Schwimmstunden, da nahezu der gesamte Fächerkanon vom Klassenlehrer abgedeckt wurde. Somit war es möglich, den Stundenplan nach lernpsychologischen Erkenntnissen zu stecken, zumal der 45-Minutenrhythmus und damit das Klingelzeichen zugunsten eines fließenden Fachwechsels abgeschafft worden war.

Voller Euphorie nahm ich also die neuen Ansätze aus der Reformpädagogik in meinen Unterricht auf wie: Freie Arbeit, Wochenplanarbeit, individualisierte Lernpläne, Lernen mit allen Sinnen usw. Meine Schülerinnen und Schüler, unterstützt durch ein am Schulleben interessiertes Elternhaus, lernten ziemlich schnell mittels der Erstlesemethode: Lesen durch Schreiben nach einem Konzept, das Jürgen Reichen (ein Schweizer Reformpädagoge) entwickelt hatte:

Im Mittelpunkt der inzwischen recht bekannten Methode "Lesen durch Schreiben" stehen die Freude am Schreiben, die Förderung der Kreativität und der Selbsttätigkeit der Kinder und in Folge das daraus resultierende Lesen. Bei der Methode "Lesen durch Schreiben" nach Dr. Jürgen Reichen lernen die Kinder individuell beim Schreiben per Anlauttabelle das Lesen. Die Kinder üben nicht wie beim herkömmlichen Fibelunterricht zunächst gemeinsam Buchstaben, leichte Wörter und später kurze Texte, sondern sie können per Anlauttabelle von Anfang an, je nach Lernausgangslage, kleine Wörter schreiben und mit der Zeit auch lesen. Im Gegensatz dazu ist der gemeinsame Fibelunterricht, besonders das Vorlesen vor der Klasse, oft eher kontraproduktiv, besonders für schwache Vorleser. Das Vorlesen fällt bei dieser Methode vollkommen weg, es sei denn, es geschieht aus freien Stücken des Kindes.

… ist das selbständige, selbst gesteuerte Lernen. Jedes Kind lernt Schreiben und Lesen seinem eigenen Tempo entsprechend. Während in früheren Fibellehrgängen Schritt für Schritt im Klassenverband eine Übung nach der anderen gemeinsam durchgearbeitet werden musste, arbeitet beim Prinzip "Lesen durch Schreiben" jedes Kind in seinem individuellen Lerntempo. Kein Kind wird wie beim Fibelunterricht in einen Lehrgang "gepresst": "Fibelunterricht ist Frontalunterricht im Klassenverband und geprägt von Nachahmungslernen durch wiederholtes Üben; Bei "Lesen durch Schreiben"geht es dagegen um ein weitgehend individuelles Lernen durch Einsicht." (Quelle: www.lehreronline.de/url/lesen-durch-schreiben)

Freiarbeit, welche dem Schüler und der Schülerin selbstständiges Lernen sowie Teamarbeit oder auch andere Organisationsformen ermöglichte, wurde zum festen Bestandteil meines Stunden plans. Während den Freiarbeitsphasen konnten sich die Schüler mit unterschiedlichen Themen und Angeboten auseinandersetzen, basteln malen oder aber auch nicht verstandenen Unterrichtsstoff mit mir oder in einer Kleingruppe wiederholen.

Jedes Kind sollte nach seinen individuellen Möglichkeiten und Fähigkeiten gefördert und gefordert werden. Hilfreich hierfür diente mir das Lehrprogramm der Pädagogin Maria Montessori mit ihrer fordernden Prämisse:

Hilf mir, es selbst zu tun.

Das Wichtigste dabei war für mich, den Schülern beizubringen, wie sie eigenständig lernen können. Die Schülerinnen und Schüler entwickelten somit Methodenkompetenzen und gleichzeitig wurde ihre soziale Kompetenz erweitert bzw. gefestigt.

Eine gute Anleitung zu selbstbewusstem, wissbegierigen Heranwachsenden, die so gelernt haben, sich in der Medienwelt zu Recht zu finden, wurde somit den Kindern mitgegeben. Offene Klassentüren führten zu einem leiseren Geräuschpegel, was allen gut tat.

Gut vorbereitete und klar strukturierte Wochenpläne individualisierten wirklich, auch wenn ich für die Vorbereitung Stunden brauchte. Zum „Glück“ gab es noch kein Internet, sonst hätte ich noch länger für die Erstellung von Arbeitsblättern gebraucht.

Die von mir erstellte Wochenpläne bedeuteten, dass fast jedes Kind ein auf sein eigenes Leistungsniveau zugeschnittenes Arbeitsblatt mit Aufgaben aus verschiedenen Lernbereichen wie Mathematik, Deutsch, Sachkunde Musik oder auch Basteln bekam. In beliebiger Reihenfolge wurde dieser Wochenplan bearbeitet und manche Aufgaben davon auch der Klasse präsentiert.

Dies gab mir die Gelegenheit, mich den individuellen Bedürfnissen meiner Kinder zu stellen bzw. lernschwache Kinder mit entsprechenden pädagogischen Materialien speziell zu fördern. Ich als Lehrerin wurde immer mehr zum Lernbegleiter und Ansprechpartner der Kinder.

Früh übten sich bereits die Erstklässler in Partnerarbeit, in gegenseitiger Hilfestellung, wobei ihr Teamgeist durch interessante Projektarbeiten zusätzlich gefördert wurde.

Ich sah die Schule zeitlich dem Elternhaus folgend als temporären Lebensraum und bemühte mich, dass es ihnen gut geht. Damit die Kinder sich den Lernstoff leichter einprägen konnten, wurden gerade im Anfangsunterricht alle Sinne mit eingesetzt; Buchstaben nicht nur hören und sehen, sondern sie auch malen, ertasten, kneten oder auch Buchstaben backen und sie aufessen. Das machte Spaß und förderte die Lernmotivation. Die Kinder fühlten sich wohl und kamen gerne in die Schule.

Nach etwa 20 Jahren meiner Tätigkeit an verschiedenen Grund- und Hauptschulen im Bonner Umland kam ich an eine Grundschule, welche sich für ihre reformpädagogischen Fortschritte in Bonn-Bad Godesberg einen Namen gemacht hatte.

Hier konnte ich meine Vorstellungen einer modernen, dem Kind zugewandten Schule umsetzen. Ausflüge, Jugendherbergsund Klassenfahrten waren kein Problem für die Lehrkräfte: alle Kinder fuhren gerne mit und konnten ihren Unkostenbeitrag auch bezahlen. Bei der Verpflegung wurde natürlich auf Moslems Rücksicht genommen und zum Schweinefleisch Alternativen angeboten, obwohl es nicht viele Moslems waren.

Es kam gelegentlich vor, dass (Einzel-) Kinder aus wohl behütetem Haus (so genannte: overprotected child) von deren Eltern nachts zum Schlafen nach Hause abgeholt werden mussten, weil sie unter Bauchschmerzen oder anderen psychosomatischen Symptomen litten.

Trotzdem waren es für uns alle wunderschöne Erinnerungen, wenn auch mitunter anstrengende, weil kurze Nächte.

Kinder, die unsere Schule besuchen, kamen zumeist aus Familien, die sich für die Erziehung und Bildung ihrer Kinder interessierten. Eltern unterschiedlicher Herkunft bereicherten uns mit ihrer Kultur und mit ihrer Offenheit gegenüber dem deutschen Kulturgut. Nahezu alle Eltern nahmen aktiv an der Schulgestaltung teil, was wir Lehrkräfte als sehr gewinnbringend empfanden und Grundlage unserer schulischen Arbeit war. (Siehe Homepage: www.ggsheiderhof.de)

Sehr schnell erfuhr ich aber auch, wie anstrengend Elterngespräche und Elternabende sein können. Stets musste ich mich sorgsam auf beides vorbereiten. Das tat ich in schriftlicher Konzeption, damit ich nur gar nichts vergesse zu erwähnen.

Die Elternschaft meiner Schüler gehörte durchweg der höheren Sozialschicht an, Ausländerkinder kamen überwiegend aus Diplomatenfamilien mit hohem Bildungsniveau und Interesse an der Bildung in einer deutschen Schule. Je höher der eigene Bildungsgrad war, desto höher waren auch die Erwartungen ans eigene Kind, die sich niederschlugen in Forderungen an die Lehrkraft, ihr Kind bitteschön zum Abitur reif zu machen. Nicht selten wurde ich in den ersten Schulwochen von ehrgeizigen Eltern ermahnt: Ich wünsche, dass mein Kind auf das – private – Gymnasium kommt!

Nicht immer habe ich die von ihnen erwartete Antwort gegeben. Das führte auch schon mal zur Umschulung des Kindes, weil ich angeblich keine gute Lehrerin sei. Mir tat es um die Kinder leid, die woanders auch nicht besser waren, wie ich von den Kollegen später erfuhr.

Ich möchte aber auch nicht verschweigen, dass ich manchmal Probleme mit Eltern hatte, wenn sich ihre Zukunftspläne ihres Kindes sich nicht mit der Entwicklung ihrer Kinder deckten. Dann hieß es schon mal: Sie haben mein Kind nicht genug gefördert! Ich beschwere mich beim Schulrat über Sie!

Auch wenn jedes Elternpaar sicherlich stolz auf seinen Nachwuchs war, sollte es ihm Raum zur Weiterentwicklung geben und es nicht ständig gängeln und einengen. Es muss und soll Fehler machen dürfen, auch wenn sie schmerzhaft sind

Die besten Eltern nach meiner Meinung sind die, die begleitend ihrem Kind zur Seite stehen, die Zeit für es haben und sich für ihr die Erziehung ihres Kind interessieren.

Die Eltern zeigten enormes Interesse und Mitarbeit an den Elternabenden. Ihnen lag viel an der Förderung und Forderung ihrer Kinder.

In den Bonner Schulen habe ich überwiegend Eltern gehabt, die sehr genau wissen wollten, was ich wann, warum und wie tue. Transparenz ist sicher begrüßenswert, aber meine Spontaneität durfte darunter nicht leiden. Hier gab es schon mal Reibungspunkte bis hin zu einer angekündigten Dienstaussichtsbeschwerde, welche aber dann doch nicht gestellt worden ist. Mein damaliger Schulrat meinte nur lakonisch zu mir: Wenn ich allen Beschwerden gegen Lehrkräften nachgehen würde, käme ich nicht mehr zu meiner eigenen Arbeit.

Das habe ich verstanden.

Diese Probleme waren regionsspezifisch.

Besonders gerne erinnere ich mich an die vielen christlichen Feste, wie St. Martin oder die Adventszeit im katholischen Rheinland.

Ein weiterer Höhepunkt im Schulleben war das Feiern des rheinischen Karnevals in der Turnhalle mit Besuch des amtierenden Kinder- und auch Erwachsenen-Prinzenpaares.

Die jährliche stattfindenden Schul- und Sportfeste wurden mit unermüdlicher Unterstützung der ausländischen Eltern mit organisiert. Sehr begehrt war natürlich das Internationale Büfett mit fremdländischen Speisen, die unsere Schülerschaft stolz mit ihren Eltern anboten.

Diese Feste wurden in der Schule natürlich intensiv gefeiert: alle, Schüler, Eltern und Lehrkräfte beteiligten sich an den umfangreichen Vorbereitungen. Gerade die ausländischen Kinder, überwiegend Diplomatenkinder, hatten ihre helle Freude am Kennenlernen und an der Ausübung deutschen Kulturgutes.

In Einstimmung auf das in der Schulaula gefeierte Weihnachtsfest unter Beteiligung aller Klassen wurde die Gestaltung einer kleinen Feierstunde am Adventsmontag in den Klassenverbänden vorbereitet und dargeboten: Es wurden christliche Lieder gesungen und kleine Aufführungen von den Klassen dargeboten. Einschulung, Maiansingen (mit kleinem Umtrunk) und Jahresabschlussfeiern fanden immer mit Eltern statt.

Zugute kam allen Lehrkräften der Gedankenaustausch durch kollegiale Gruppenhospitationen, wo reihum eine Lehrkraft zu einem Unterrichtsbesuch einlud. Ihre Schüler kamen an dem Tag extra eine halbe Stunde früher in die Schule! Für uns Pädagogen war es sehr sinnvoll, Eindrücke anderer Unterrichtsformen sammeln zu können und somit über den eigenen Unterrichtsstil zu reflektieren. Ein angenehmer, von der Schulleitung durchaus beabsichtigter Nebeneffekt war, dass der Klassenraum zuvor aufgeräumt werden musste.

Offene Klassentüren, gleitende Anfangszeiten gegenseitige Hospitationen der Lehrkräfte u.v.m. kennzeichneten eine angenehme Lernathmosphäre für Lehrer als auch die Kinder. Sie kamen durchweg gerne in die Schule.

Rückblickend möchte ich dieses Schulleben als Multikulti im ursprünglichen Sinne bezeichnen: Die ausländischen und deutschen Kinder fühlten sich wohl und schlossen ohne Vorurteile teilweise enge und lang währende Freundschaften miteinander.

Ich denke gerne an die Zeit in Bonn zurück.

Vielleicht lag`s an der Beschaulichkeit dieser Region?

Aus privaten Gründen zog ich 2003 nach Berlin. Ich wollte dieser Stadt, in der ich geboren war, etwas Gutes tun, hatte ich doch hier meine glücklichen Kindheitstage bis zum Mauerbau 1961 verbracht.

Aber es kam ganz anders als gedacht.

Mein Rollenverständnis vom Lehrerberuf

Sollte ich mir im Internet ein Persönlichkeitsprofil erstellen, so könnte es so aussehen:

Attraktive, sportliche, fachkompetente und aufgeschlossene Lehrerin sucht neue Herausforderungen im Schuldienst. Ihren Führungsstil bezeichnet sie selbst als mäßig-autoritär. Sie legt Wert auf gepflegtes Äußeres und versinnbildlicht die Tugenden wie Pünktlichkeit, Offenheit, Zuverlässigkeit und ein moderates Ordnungsbedürfnis. Ihre fachlichen Stärken sind der moderne Sportunterricht mit hohem Spaßfaktor und ein am Kind orientierter Mathematikunterricht. Außerdem verfügt sie über ein hervorragendes Organisationstalent, welches sie mehrmals im Jahr bei sportlichen Wettkämpfen unter Beweis stellt und die Liebe zur Musik.

Sie ist kontaktfreudig und hat ein sympathisches und selbstbewusstes Auftreten. Sie ist leidenschaftlich mit ihrem Beruf verbandelt. Ihr Unterricht ist erfrischend, da sie viel Humor hat nach der Devise: Jeden Tag mindestens einmal lachen! Und das schafft sie auch.

Da sie auch sehr eigenwillig sein kann, sind Gespräche mit Eltern nicht immer von Harmonie begleitet. Sie hat ihre eigene Vorstellung von Kindererziehung, hat sie selbst vier Kinder groß gezogen. –

Ich halte für die weitere Entwicklung des Kindes neben der Betreuung in Kindertagesstätten nach wie vor die ersten Schuljahre für außerordentlich wichtig, da hier alle Kinder die Kulturtechniken erlernen. Außer lesen, schreiben und rechnen können zähle ich hierzu auch den richtige Umgang mit Schere, Klebstoff, Hefte funktionsgerecht führen, sich alleine an- und ausziehen können usw.

Grundwerte, wie sie sich in unserer Gesellschaft in Kultur und Religionsformen wiederfinden wie z.B. das Gebot der Nächstenliebe, das Verbot des Diebstahls, aber auch die Grundlagen unserer Demokratie, müssen vermittelt werden. Das habe ich in Berlin ganz anders erlebt.

…Werte bilden die „Grundpfeiler“ eines jeden Zusammenlebens, ohne die ein solches nicht möglich wäre. Das grundsätzliche Verhalten der Menschen in einer Gesellschaft, ihr Tun oder Lassen wird durch Werte bestimmt. Die Erziehung muss daher das Kind Werte „unterscheiden und für sich Werte entscheiden lehren“.

……. Werte in der Erziehung… Sie dienen als Orientierungshilfe, was das

Gelingen des menschlichen Zusammenlebens ausmacht. … Eltern sind Vorbilder für ihre Kinder… Deshalb sollten wir Kindern Normen und Werte vorleben, die von der Gesellschaft akzeptiert werden und die das Zusammenleben erleichtern. …Es ist notwendig, Kindern Grenzen aufzuzeigen und sie zu lehren, damit umzugehen. (Quelle: Katholische Familienbildungsstätte Westerwald/Rhein-Lahn)

Erziehungswerte implizieren den liebevollen Umgang mit Kindern, wobei die Eltern eine Vorbildfunktion übernehmen.

Weiterhin müssen die Kinder soziale Kompetenzen erwerben, um miteinander zu lernen und zu spielen.

Dazu dienten verbindliche Regeln, deren Grenzen und Sanktionen. Ich habe es geschafft durch gezielte Förderung den Kindern das Lesen beizubringen, wobei unterschiedliche Lernvoraussetzungen unterschiedliches Lerntempo erforderten und damit auch unterschiedliche Zugänge zum Lernen (mit allen Sinnen).

Interesse an der Wissensvermittlung wecken, wobei Lesen die Motivation schlechthin war, das Informationsbedürfnis als der Motor des Lesen Lernens, ob Computer oder Buch, auszunutzen, das war mein Ausgangspunkt.

Um einen guten Kontakt zu meinen Erstklässlern zu erhalten, habe ich jedem Einzelnen einen Begrüßungsbrief nach Hause gebracht, persönlich. So konnte ich schon mal die Umgebung kennen lernen oder sogar das Kind selbst, wenn es zufällig vor der Tür war.

Dies schaffte eine nicht zu unterschätzende Vertrauensbasis, auf die ich immer wieder zurückgreifen konnte. Habt ihr im Winter Vögel an eurem Futterhaus gehabt? Bellt euer Hund noch immer so viel? Ist eure Schaukel im Garten repariert worden?

Das sind alles Erfahrungen, die ich durch persönliche Empfehlungen älterer Kolleginnen erhalten habe und durch kein Studium an der Hochschule erfahren habe.

Meine Erstklässler bekamen von mir aus der Klassenbücherei ein Erstlese-Buch, in welchem sie immer dann lesen oder es anschauen durften, wenn sie mit ihrer Aufgabe fertig waren und wir noch kein Klassengespräch haben konnten. Das taten sie gerne und meinten: Ich kann schon lesen. Manche wollten zu ihrem Buch etwas der Klasse dann auch berichten oder konnten schon vorlesen.

Es war für mich ein tolles, beglückendes Gefühl, Kindern lesen und schreiben beizubringen. Es war auch spannend, wenn meine Grundschüler mit ihren Entdeckungen vom Nachmittag in die Klasse gerannt kamen: Ich habe eine toten Vogel gefunden! Was bringen diese Kinder schon ein Potenzial an Neugierde und Wissen mit. Wie lebendig war der Unterricht, wenn er von Schülern mitgestaltet werden konnte. Je länger ich im Schuldienst war, desto gelassener wurde ich. Ich kümmerte mich weniger um die zunehmende Bürokratie als mehr um die Interessen meiner Schüler, deren Fähigkeiten heraus zu kitzeln bzw. deren Fertigkeiten zu verbessern.

Zum Glück gab es an dieser Schule statt des ständigen Klingeln nach jeder Unterrichtsstunde nur noch ein Pausenzeichen, so dass ich die neunzig Minuten frei gestalten konnte und wir zwischendurch zum nahe gelegenen Wald oder Spielplatz gehen konnten, wenn wir mal nicht so richtig Lust auf den Klassenraum hatten.

Als einmal die Heizungsperiode trotz eisiger Kälte im September nicht vorgezogen wurde, ging ich kurz entschlossen mit meinen Erstklässlern zum nahe gelegenen Heizkraftwerk und wir protestierten vor dem Tor: Es ist zu kalt. Macht die Heizung an! Eine wunderbare Freiheit, die ich als Pädagogin hatte.

Viel Spaß hatten meine Schüler bei unseren Entdeckungsreisen in die Welt der Zahlen, Mathematik, meinem Lieblingsfach. Meine Euphorie für dieses Fach schwappte auf sie über. Dank geeigneter Materialien und der Möglichkeit zur inneren Differenzierung erreichten alle Kinder vorgegebene Ziele, wenn auch mit Hilfe von Förderstunden.

Tests oder Klassenarbeiten wurden von mir so individuell konzipiert und die Note manchmal auch aus pädagogischen Gründen angehoben, so dass jedes Kind eine positive Rückmeldung erhielt, welches ihn zu weiterer Anstrengung motivierte. Ich bot den Kindern unendlich viele Lernspiele an. So machte Lernen tatsächlich Spaß.

Es war auch für mich noch von besonderer Freude, die Kinder im Sportunterricht selbstständig und selbsttätig Bewegungsabläufe erfinden zu lassen. Dazu wurde so manches Sportgerät zweckentfremdet: Es ging kopfüber, kopfunter, alleine, zu zweit, in der Gruppe, alle denkbaren Ideen der Kinder flossen ein; die Turnhalle glich oft einem Abenteuerspielplatz. Ich als Lehrkraft musste nur den Mut aufbringen, die Kinder loszulassen, denn sie waren so kreativ. Keine vorgegebenen Strukturen des letzten Jahrhunderts, sondern Erproben von Bewegungsabläufen war nun angesagt.

Sehr dienlich waren mir hierbei die Angebote aus der Psychomotorik, welchen ich ein eigenes Kapitel gewidmet habe.

Klassenfahrten waren meistens geprägt vom „Zirkus-Projekt“. Es wurden Elemente wie Balancieren, jonglieren, Akrobatik und vieles mehr einstudiert, um sie am letzten Abend des Aufenthaltes dem Publikum vorzuführen.

Gemeinsames, gesundes Frühstück im Klassenverband wurde von den Eltern und ihren Kindern positiv aufgenommen und gefördert.

An dieser Schule brachten viele Schülerinnen und Schüler die Gebräuche und Sitten ihrer unterschiedlichen Herkunftsländer in unseren Alltag ein: Russen, Polen, Griechen, Spanier, Türken, USA, um nur einige zu nennen. Da diese Kinder aus bildungsinteressier ten Elternhäusern kamen, waren sie eine echte Bereicherung für die deutschen Kinder.

Natürlich gab es auch verhaltensauffällige Schülerinnen und Schüler. Sie machten aber prozentual vielleicht nur 10 % aus. Da die Klassenstärke mit ca. 30 Schülern recht hoch war, konnten sie sich nicht stark profilieren; sie hatten genug positive Vorbilder, nach denen sie sich richten konnten. Fast immer stand deren Elternhaus als Ort der Geborgenheit und Liebe ihrer sozialen Entwicklung nicht im Wege.

Zu einem der häufigsten Streitpunkten unter Kollegen bei der Notengebung für Aufsätze meinte unser Schulrat: Wenn ein Kind irgendetwas an satzähnlichen Strukturen aufgeschrieben hat, so kann es keine Not fünf mehr bekommen, also Note vier.

Ich habe ihn verstanden und für meine Schüler gab es in Aufsätzen keine Note mangelhaft mehr: Toll! Basta! Im Mittelpunkt des Unterrichts stand bei mir immer das Kind in seiner Gesamtheit: Körper, Seele und Geist oder anthroposophisch ausgedrückt: Lernen mit Hand, Herz und Verstand.

Zur Klassensituation

In der Grundschule hatte ich jeweils eine Klassenstärke von ca. 28 bis 30 Schülerinnen und Schülern. Fünf, sechs stammten davon aus Diplomatenfamilien, also Kinder mit ausländischen Eltern bzw. nicht deutscher Herkunft, wie es heute heißt. Die Klassenlehrer behielten ihre Klasse während der gesamten Grundschulzeit, das heißt von Klasse 1 bis Klasse 4.

Da wir morgens gleitenden Unterrichtsbeginn hatten, kamen die Kinder einzeln nacheinander und konnten dem Lehrer von ihren Träumen oder Erlebnissen berichten.

Der Klassenraum

Die Herstellung einer positiven Lernatmosphäre erfordert eine freundliche Lernumgebung, d.h. die Einrichtung kindgemäßer Funktionsecken wie zum Beispiel ein Spieleteppich, eine Bastelecke, Leseecke und ein Computerraum.

In groben Zügen möchte ich beschreiben, wie ich in der Grundschule einen Klassenraum nach meinen Vorstellungen herrichten konnte, so dass er meinen Zielen eines ganzheitlichen Unterrichtes sehr nahe kam: Da der Raum recht groß war, konnte ich ihn in verschiedene Funktionsecken unterteilen und eine Sitzecke für Kreisgespräche einrichten. Die Kinder saßen an Vierer- oder auch Sechsertischen. Im Mittelpunkt des Raumes befand sich ein Materialtisch mit den entsprechenden Unterrichtsmaterialien oder Anschauungsgegenständen für das aktuelle Projekt. Dieser Tisch wurde im Laufe der Woche mit weiteren von den Kindern mitgebrachten Gegenständen bereichert. So konnten Besucher, und davon kamen immer wieder welche spontan in den Klassenraum geschneit, rasch feststellen, was die Klasse gerade „lernte“.

Weiterhin verfügte dieser Klassenraum über einen separaten Gruppenraum, welcher durch Glasscheibe und Tür abgeteilt war. Dort standen unsere Computer, noch ohne Internetzugang. Hier war auch eine „Redaktionsbüro“ eingerichtet. Das hieß: Kleingruppen fanden sich hier zusammen, um gemeinsam an Projekten zu arbeiten, kleine Texte am Computer zu erstellen und sich gegenseitig zu korrigieren. Auch übten sie hier kleine Theaterstücke auf, die sie später der Klasse vorspielten. Das klappte bereits in der ersten Klasse. Da der Raum abgetrennt war, konnten sie auch Sprachaufzeichnungen machen oder diskutieren und lachen. Sie waren stets in meinem Blickfang, so dass ich mich intensiver mit dem Rest der Klasse beschäftigen konnte.

Der Klassenraum verfügte auch über breite Fensterbretter, was nicht in allen, insbesondere modernen, Gebäuden selbstverständlich war. Hier konnten Ablagekörbchen in bestimmter Reihenfolge zur Bearbeitung abgelegt werden wie auch die Aufzucht von Sämereien beobachtet werden. Eigene Ablagen mit ihrem Namen versehen und den aktuellen Arbeitsblättern befanden sich an der Wandseite. Das hatte den Vorteil für mich, dass ich sofort sehen konnte, ob alle Arbeitsblätter abgegeben worden waren bzw. die fehlenden Kinder ihre Blätter erhalten hatten. Diese Organisation war auch für den Vertretungslehrer übersichtlich.

Im eigentlichen Klassenraum gab es einen Bereich, in dem Wahrnehmungsspiele und –aufgaben angeboten wurden. Er diente der Schulung ihrer Wahrnehmung als auch dem Ermöglichen von kleinen Entspannungspausen. Dies geschah einmal so intensiv, dass ein Mädchen, welches nach einer langen Reise völlig übernächtigt zur Schule kam, sich auf ein Sitzkissen legte und einschlief. Die Klasse respektierte ihr Verhalten und alle wurden mucksmäuschenstill.

Eine kleine Sandkiste zur Förderung des Tastsinns – meist versteckten die Kinder kleine Gegenstände im Sand, die andere erraten mussten – dienten der Schulung ihrer Tastsinne.

An der Wand war ein Regal mit Bücherleiste angebracht, so dass das Kind rasch den kopierten Buchdeckel und das dahinter stehende Buch fand. Entsprechende Bücher zum jeweiligen Thema motivierten schon die Jüngsten, falls sie noch nicht lesen konnten, zumindest die Bilder entdeckend anzuschauen. Im Kreis berichteten sie dann über ihre Entdeckungen. Jedes Kind hatte im Regal oder Schrank ein Fach mit seinem Namen versehen, in welches es seine Malutensilien oder anderes hinein legen konnte, was es nicht nach Hause nehmen wollte.

Pädagogische Materialien wie auch Bauklötze, Spiele und ein Kasperletheater als auch Lernmaterialien im Sinne von Maria-Montessori gehörten ebenfalls zur Grundausstattung. An den Wänden hingen ansprechende Poster, meist von Tieren, und selbst gemalte Bilder der Kinder. Ebenso gab es ein Wandrelief: „Eisenbahn“, wo in den Anhängern, die mit Monatsnamen versehen waren, das entsprechende Bild des Geburtstagskindes eingeklebt worden war: Unser Geburtstagszug.