Made in Germany - Klaus Doldinger - E-Book

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Klaus Doldinger

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Beschreibung

Klaus Doldinger ist der berühmteste deutsche Jazz-Musiker. Nachdem er als Kind über eine Gruppe amerikanischer GIs sein musikalisches Erweckungserlebnis hatte, gelang dem meisterhaften Saxofonisten, Komponisten und Produzenten eine seit über sieben Dekaden andauernde Weltkarriere. Doldinger nahm unzählige Alben auf und tourte um die ganze Welt. Er komponierte Filmmusik, legendäre Werbejingles und die Tatort-Melodie. Nun erzählt Klaus Doldinger erstmals seine gesamte Geschichte, von der Kindheit im Nationalsozialismus bis zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes, von Passport bis Das Boot.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Covergestaltung: FAVORITBUERO, München

Covermotiv: Peter Hönnemann

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Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

vorwort: von nicolas doldinger

prolog: once upon a time in schrobenhausen

teil eins

erste improvisationen, erste liebe

1 schon früh auf tour

2 nächster halt: düsseldorf

3 »du wirst noch im tingeltangel enden«

4 friedowitsch und die ersten warmen füße

5 »ach, der doldinger und seine lambretta …«

6 »die kleine inge von der kö«

7 »… keine feier ohne«

8 wie phoenix aus der asche

9»schlimmer noch, er ist musiker«

10 »zum städtele hinaus?«

11 »seid ihr die feetwarmers?«

12 »klaus, you sound like a black man«

teil zwei

der jazz-botschafter

13 »herr doldinger, ich bin auf sie aufmerksam geworden«

14 »jazz made in germany«

15 der wundervolle klang eines flügels

16 neues terrain – und endlich auch geld

17 »paul nero for pop«

18 »ein saxofon ganz aus gold«

19 »weiter, immer weiter«

20 »wir lassen ihnen freie hand«

21 »die kluft zwischen jazz und show«

22 »hallo, ich bin der udo«

teil drei

von der bühne auf die leinwand

23 »na, dann machen se mal«

24 »da nehmen wir einen reisepass her«

25 neue und zweite pässe

26 eine band wie aus einem guss

27 »fantastische airplay�reaktionen in l. a.«

28 »sorry, ich habe bereits eine band«

29 »so klein und so ein sound«

30 am ziel aller träume?

31 »wie zur hölle bekommst du diesen sound hin?«

32 höchste auszeichnung – endgültiger tiefpunkt

33 »passport to the stars«

34 unter wasser und ab durch die decke

35 endliche und unendliche geschichten

teil vier

der blick in die zukunft

36 »das musst du machen, klaus«

37 »das sind ja alles alte leute, was soll ich denn da?«

38 orden, preise, jahrestage – ja mei

39 meine künstlerische freiheit

40 wenn überhaupt, spielt sie bei mir

epilog: töne, die eine geschichte erzählen

danksagung

ausgewählte werke

bildteil

bildnachweis

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Literaturverzeichnis

vorwort: von nicolas doldinger

Wenn man ein derart vielschichtiges Leben führt, wie es meinem Vater vergönnt ist, wird man automatisch immer wieder gefragt, wann denn nun endlich »das Buch« komme. Es gab über die Jahre immer wieder Angebote von verschiedenen Autoren, und natürlich waren die Fans neugierig auf die komplette Doldinger-Geschichte. Viele von ihnen kennen entweder seine Filmmusik oder die Jazz-Alben, so fehlt beiden Gruppen immer auch ein Teil der Geschichte. Meine Eltern, Inge und Klaus, konnten diese Frage jedenfalls irgendwann gar nicht mehr hören. Was allerdings kaum jemand so genau wissen dürfte wie wir Kinder: Klaus und Inge sind abseits der Tourneen und anderer öffentlicher Termine sehr auf ihre Privatsphäre bedacht. Selbst in meiner Kindheit und Jugend kann ich die Gelegenheiten, bei denen ein Freund bei uns übernachtet hat, an einer Hand abzählen. Das war zwar keineswegs verboten, aber irgendwie wusste ich instinktiv, dass sich meine Eltern nicht so richtig wohl damit gefühlt hätten. Das hat vor allem damit zu tun, dass Inge und Klaus zu Hause Wert auf ihre täglichen Routinen legen und als Kontrast zu ihrem wilden Jazz-Leben eine gewisse Ruhe schätzen, die man nicht stören sollte. Da meinen Eltern als öffentlichen Personen und Medienprofis mit jahrzehntelanger Erfahrung absolut klar war, was es für sie bedeuten würde, eine Autobiografie mit einer ihnen fremden Person zu schreiben, wurde dieses Thema zwischen den zahlreichen Alben, Tourneen und Reisen weiter und weiter nach hinten verschoben. Klaus hat uns Kids jahrzehntelang darauf vorbereitet, dass er eines Tages nicht mehr da sein würde, womit er uns durchaus auch Angst eingejagt hat. Durch die Auseinandersetzung mit der Frage, wie es ohne ihn wohl sein würde und wie es dann weiterginge, war ich schon in sehr jungen Jahren mit dem Thema Verlust konfrontiert. Klaus war einerseits stets bedacht, die Privatsphäre von uns Kindern zu schützen, auf der anderen Seite hat er sich aber, glaube ich, auch gewünscht, uns noch stärker in seine Arbeit zu involvieren und zu einem Teil von ihr zu machen. Am Ende steht und fällt alles mit Klaus, aber indem man in die Fußstapfen seines Vaters tritt, kann man natürlich keine eigenen Spuren hinterlassen. Vielleicht habe ich mich auch deswegen in der Anonymität von New York so wohlgefühlt, wo ich 13 Jahre gelebt habe. Fernab von dem großen Namen und dem bisweilen übermächtigen Schatten meines Vaters konnte ich dort meine eigenen Wurzeln schlagen.

Als diese dann im Frühjahr 2020 durch die Corona-Pandemie jäh ausgerissen wurden und meine Mutter dann auch noch eine Operation durchmachen musste, wurde mir klar, dass es an der Zeit war, mich um meine Eltern und vor allem um Klaus zu kümmern, der während Inges Rehabilitationsaufenthalt ganz auf sich selbst gestellt war. Meinen Schwestern waren durch ihre eigenen Familien und Berufe weitgehend die Hände gebunden. Auch aus anderem Grund war es keine leichte Zeit für Klaus, da, wie im Buch beschrieben, die rund um seinen 85. Geburtstag geplanten Konzerte coronabedingt abgesagt wurden und er zum ersten Mal in fast siebzig Jahren nicht mehr regelmäßig auf der Bühne stand. Er würde es sicher nicht zugeben, aber das alles hat ihm sehr zugesetzt: plötzlich keine Auftritte mehr zu haben, auf die er sich vorbereiten kann, kein Publikum, das er aufmischen kann, und keine Band, mit der er sich austobt. Diese Form von Stillstand war er absolut nicht gewohnt. Damals wurde mir klar, wie sehr dieses eigentlich so aufreibende und hochaktive Leben, das mit einer Karriere wie der meines Vaters einhergeht, Inge und ihn über die Jahre so unglaublich jugendlich und vital gehalten hat. Für eine Weile bescheinigte selbst ihr Hausarzt den beiden längst über Achtzigjährigen regelmäßig einen Gesundheitszustand »wie Sechzigjährige«.

Und dann kam durch die Corona-Pandemie eben dieser große Bruch in ihrer so bewegten Routine. Als ich zum ersten Mal nach zwanzig Jahren im Ausland plötzlich wieder mit meinem Vater allein im Haus lebte, wurde mir klar, wie sehr ihn die Situation mitnahm. Jeder Tag ging in den nächsten über, Zeit wurde zum relativen Begriff, alles versank in stupider Monotonie. Bis dahin schien die Welt für Klaus immer Sinn zu ergeben, und auf einmal fehlte auch noch seine geliebte Inge. Ich arbeitete zu dieser Zeit bereits seit Längerem an einem Biopic-Filmprojekt über Klaus’ Leben und hatte zu seinem achtzigsten Geburtstag bereits viele Stunden Material als Referenz aufgezeichnet. Allerdings war das Projekt schon einmal unerwartet unterbrochen worden: Meine Mutter war in jenem Jahr schwer erkrankt, was uns tatsächlich mit der Realität von drohendem Verlust und Trauer konfrontiert hatte, welche ich nach der glücklichen Genesung meiner Mutter schnell wieder vergessen wollte. Seitdem waren nun fünf Jahre vergangen. Klaus und ich saßen erneut zu zweit im Haus, und mir wurde klar, dass wir dieses Geschenk der gemeinsamen Zeit unbedingt nutzen sollten, um endlich ein Dokument von Klaus’ fast sagenhaftem Leben zu erstellen. Über die Jahre waren mir natürlich fast alle Storys aus diesem reichen Leben immer wieder erzählt worden, aber chronologisch und strukturiert aufgezeichnet hatten Klaus und Inge sie nie. Also machten wir uns an die Arbeit und schlüsselten durch Archivrecherche und in über fünfzig Gesprächen mit Inge, Klaus und zahlreichen wichtigen Wegbegleitern, Zeitzeugen und Freunden sein gesamtes Leben systematisch auf. Auf diesem Weg hat uns dann seit Anfang 2021 der Autor, Musikjournalist und Redakteur Torsten Groß mit seiner Expertise unterstützt.

So sind nun beinahe zwei Jahre vergangen, und Klaus ist kurz davor, wieder auf Tour zu gehen. Diesmal allerdings gestärkt von dem Wissen, dass wir in diesem Buch erstmals seine komplette Geschichte erzählt und alles, was ihn ausmacht, festgehalten haben.

Zwar ist es für Kinder immer eine besondere Herausforderung, wenn zu dem Stolz auf und der Bewunderung für die eigenen Eltern in späteren Jahren Mitgefühl und Sorge kommen – genauso übrigens, wie es für Eltern schwer ist, dann auch Rat und Zuwendung von ihren Kindern anzunehmen – vor allem bei einem Altersunterschied von fast einem halben Jahrhundert.

Doch ich bin froh, dass Klaus und ich die Herausforderung gemeistert haben und die Zeit letztlich nutzen konnten, um dieses Buch, die Geschichte des Lebens meines Vaters, die immer auch ein bisschen die Geschichte der gesamten Familie Doldinger ist, mit der Welt zu teilen. Als Vater und Sohn sind wir uns auf diesem Wege letztlich sogar noch näher gekommen.

Klaus selbst sagt immer wieder: »Ich kann einfach nicht glauben, dass ich jetzt schon 85 bin! Ich fühl mich überhaupt nicht so.« Und so kann ich nur seinen Rat weitergeben, den er mir seit Jahrzehnten eingebläut hat: »Das Leben vergeht viel, viel schneller, als man denkt. Nutz die Zeit, die dir gegeben ist.« Wenn selbst jemand mit einem Lebenslauf wie Klaus das sagt, muss wohl etwas dran sein. Solange man allerdings jeden Moment so intensiv lebt, wie er das sein ganzes Leben getan hat, ist das Alter wirklich immer nur eine Momentaufnahme des jeweiligen Gefühlszustands. Wir hoffen, dieser Lebensgeist, dieser »Spirit of Continuity« erfüllt auch Sie, wenn Sie dieses Buch lesen. Denn die Kunst, dies zu erreichen, den Funken auf das Publikum überspringen zu lassen, ist für Klaus das Ziel seines Schaffens – und auch das, was ich an ihm am meisten bewundere.

 

Nicolas Doldinger

 

Damit das Lesen des Buches auch ein Hörerlebnis wird, möchten wir Sie mitnehmen auf eine musikalische Zeitreise: Im ganzen Buch befinden sich QR-Codes. Wenn Sie Ihre Smartphonekamera darauf richten, gelangen Sie zu Musikstücken, die einen besonderen Bezug zum jeweiligen Kapitel des Buches haben. Viel Spaß beim Hören und Entdecken!

Außerdem bieten wir für Sie als Leserinnen und Leser dieses Buches einen exklusiven, unveröffentlichten Bonus-Track aus dem Doldinger-Archiv an, nämlich »Das Boot – Passport Live Version«. Hier geht es zum Download:

prolog: once upon a time in schrobenhausen

Der Jazz traf mich wie der Blitz beim Pinkeln. Ich stand vor der Apotheke meines Onkels im oberbayerischen Schrobenhausen, als der Wind ein paar einzelne Klangfetzen aus dem Gasthof gegenüber an mein Ohr trug. Neugierig geworden, ging ich auf die andere Straßenseite und erkannte die schemenhaften Umrisse von neun oder zehn Männern durch das Fenster. Die Hautfarbe von einigen von ihnen war dunkler als meine, was für mich ungewohnt und faszinierend zugleich war, bis dahin kannte ich nur Menschen mit heller Haut. Sie kauten Kaugummi, wirkten unglaublich locker, bearbeiteten interessant aussehende Instrumente und schienen dabei eine Menge Spaß zu haben.

Es war Anfang Mai, vor wenigen Tagen waren die Amerikaner einmarschiert, in anderthalb Wochen würde ich neun Jahre alt werden. Ich war also noch ein Kind, mein Blick ragte nur mit Mühe über den Fenstersims. Aber wichtiger als das, was ich sah, war ohnehin, was ich hörte: mir wunderbar aufregend vorkommende Melodien und Rhythmen, die vollkommen anders klangen als die klassische Musik, die mein Vater spielte, oder die zackigen Märsche der Naziparaden, zu denen er mich früher mitgenommen hatte. Zu dieser Musik hätte man nicht in Reih und Glied marschieren oder die Hacken zusammenschlagen können. Sie schien zwar einer Struktur zu folgen, klang innerhalb dieser Struktur aber vollkommen frei. Natürlich hätte ich das damals nicht so beschreiben oder gar erklären können, aber ich konnte es fühlen, mit jeder bebenden Faser meines Körpers spüren. Und dieses Gefühl war aufregender als jedes andere mir bis dahin bekannte.

Die Musik zog mich in ihren Sog. Ich war wie gebannt und verlor mich so sehr in diesen Rhythmen, dass ich vollkommen vergaß, was ich eigentlich vorgehabt hatte: Ich musste auf die Toilette, inzwischen sogar einigermaßen dringend. So dringend, dass ich in meiner Not beschloss, mich an der Hauswand zu erleichtern, was ich allerdings gleich darauf bereute. Kaum hatte ich nämlich den Hosenstall geöffnet, flog auch schon mit einem lauten Krachen die Kneipentür auf, und einer der Männer trat heraus: »Hau ab, du Nazilümmel!«, blaffte er mit einem breiten Akzent, der mir so fremd war wie die Musik, die dieser Mann eben noch gespielt hatte. Ich sah zu, dass ich Land gewann, auch wenn ich meinte, im Gesicht des Mannes ein amüsiertes Grinsen erkannt zu haben.

Die Musik, die er mit seinen Freunden gespielt hatte, ließ mich danach nicht mehr los. Mich beschäftigten viele Fragen: Nie zuvor hatte ich vergleichbare Klänge gehört, nie zuvor hatte ich so dunkelhäutige Menschen gesehen. Es schien also noch einiges auf der Welt zu geben, das ich nicht kannte. In dieser Nacht konnte ich lange nicht einschlafen.

Noch bevor ich Jahre später heimlich unter der Bettdecke Voice of America hörte, den Auslandssender der Vereinigten Staaten, bevor die Musik von Sidney Bechet, Oscar Peterson, Coleman Hawkins und all den anderen meine Begeisterung weckte, und erst recht, bevor ich selbst zunächst Klavier, dann Klarinette und schließlich Sopran- und Tenorsaxofon lernte, Komposition und Arrangement studierte, in Bands spielte und welche gründete, Filmmusik schrieb und mit Passport überall auf der Welt Konzerte gab, war an diesem Frühlingstag im letzten Kriegsjahr 1945 der Jazz in mein Leben getreten. Meine größte musikalische Leidenschaft war plötzlich einfach da – und irgendwie wusste ich instinktiv sofort, dass ich nie wieder etwas anderes hören, fühlen, machen wollte. Der Jazz kam zu mir aus den Trümmern einer düsteren Epoche und als Vorbote einer neuen, besseren Zeit, übermittelt durch jene aus schwarzen GIs bestehende Jazz-Combo, die damals nur drei oder vier Tage nach deren Einmarsch in Deutschland zufällig ausgerechnet an diesem Nachmittag im leer stehenden Saal eines bayerischen Dorfgasthofs eine Swing-Session abhielten. Diese Musik stieß sofort auf größte Begeisterung und ließ die Naziblase mit einem Mal platzen.

Ich glaube nicht unbedingt an Bestimmung, und vielleicht hätte ich viel später auch dann noch die Gruppe Passport gegründet und die »Tatort«-Melodie sowie den Soundtrack zu »Das Boot« geschrieben, wenn ich damals nicht zufällig neben dieser Kneipe gestanden hätte. Aber es war definitiv eine von zwei schicksalhaften Begegnungen in meinem Leben – von der anderen erzähle ich später. Schrobenhausen war die Initialzündung, ohne die alles, was danach kam, vielleicht nie passiert wäre.

teil eins

erste improvisationen, erste liebe

1 schon früh auf tour

Wenige Wochen vor der Jazz-Epiphanie von Schrobenhausen war meine unbeschwerte Kindheit zu Ende gegangen. Zwar war es auch bis dahin nicht unbedingt eine Kindheit gewesen, die man nach heutigen Maßstäben als behütet bezeichnen würde, immerhin war Krieg. Aber mein kleiner Bruder und ich waren sehr glücklich gewesen, und bis heute habe ich nur die besten Erinnerungen an meine ganz frühen Jahre. Schrobenhausen war bereits unsere vierte Station. Geboren wurde ich am 12. Mai 1936 in Berlin. Mein Vater, Erich Doldinger, war dort als Diplom-Ingenieur bei der damaligen Reichspost beschäftigt und kümmerte sich während der Olympischen Sommerspiele um die Kommunikationstechnik. Danach wurde er nach Köln versetzt. Ich kann mich kaum an den Kölner Dom erinnern, aber wenn ich heute in der Stadt bin, kommen mir immer noch manche Stellen am Rheinufer bekannt vor, an denen ich als Kind herumgestromert bin. Eigentlich begann mein bewusstes Leben aber erst in Wien.

Auch hierhin war mein Vater eine Weile später versetzt worden. Ich war gerade einmal vier Jahre alt und hatte schon in drei Städten gewohnt. Später habe ich einmal darüber nachgedacht, warum Tourneen mir immer relativ leichtgefallen sind, was längst nicht bei allen Kollegen der Fall ist. Meine Konzerte in über fünfzig Ländern der Welt habe ich stets geliebt, auch wenn ich danach ebenso gerne nach Hause zurückgekehrt bin. Das Reisen hat mir keinerlei Mühe bereitet, was – neben meiner Neugierde und der Liebe zur Musik – eventuell auch daran liegen könnte, dass ich bereits als Kind so viel herumgekommen bin.

Ich hatte also unbewusst schon einiges gesehen, als wir 1940 in der österreichischen Hauptstadt landeten. Wir lebten dort in einem fünfstöckigen Haus auf der Hohen Warte, mit Blick über die gesamte Stadt. Heute ist es schwer vorstellbar, aber die unmittelbare Umgebung dort war zu dieser Zeit noch überwiegend landwirtschaftlich geprägt, es gab Weinstöcke und grüne Hänge, ein Paradies für Kinder. Ohnehin fand ich Wien auf Anhieb enorm beeindruckend: das Riesenrad, die Donau, das Schloss Schönbrunn, die vielen Menschen überall – die Stadt war für mich und meinen 1941 geborenen Bruder Wolf-Dieter wie ein riesiger Abenteuerspielplatz. Das galt erst recht, nachdem mein Vater abermals versetzt wurde, diesmal an die Ostfront. Ich weiß bis heute nicht genau, was er dort gemacht hat. Er war wohl in einer technischen Sondereinheit in der Ukraine, deren Aufgabe es war, im Hinterland die Telefonleitungen intakt zu halten, um die Weitergabe von Frontinformationen zu gewährleisten. Wir haben meinen Vater während des Krieges jedenfalls kaum gesehen.

Damals etablierte sich ein Bild, das meine gesamte Kindheit und Jugend über Bestand haben sollte: Mein Vater war in erster Linie auf seine Karriere bedacht und permanent in geschäftlichen Dingen unterwegs, für die Familie blieb er ein Fremder. Mir kam seine Abwesenheit allerdings entgegen, denn Erich Doldinger erzog uns Kinder mit preußischer Strenge und führte ein eisernes Regiment. Meine Mutter, Ingeborg Doldinger, geborene Mann, hingegen war eine sehr positiv eingestellte Frau, ein fürsorglicher Mensch und eine gute Mutter. Sie stammte aus einem deutlich kultivierteren Umfeld als mein Vater. Durch die Tätigkeit meines Großvaters als Bürgermeister verkehrte ihre Familie nur in den höchsten Kreisen, während Erich Doldinger der Sohn eines einfachen Postbeamten aus Freiburg im Breisgau war.

Mein Großvater mütterlicherseits, Dr. Bruno Mann, stammte aus Frankfurt an der Oder und hatte in den stürmischen Zeiten im Nachgang der Novemberrevolution das Oberbürgermeisteramt der Stadt Erfurt übernommen, nachdem er zuvor bereits Zweiter Bürgermeister des damals noch nicht zu Berlin gehörenden Neukölln gewesen war. Während der Goldenen Zwanziger hatte er Erfurt zu wirtschaftlichem Aufschwung geführt, und nach allem, was ich weiß, war er von 1919 bis 1933 ein hervorragender Oberbürgermeister gewesen. Als dann mit der Weltwirtschaftskrise die ersten Wahlerfolge der NSDAP auch in Erfurt kamen, lieferte sich mein Großvater bis zu deren Machtübernahme manche Auseinandersetzung mit den Nazis. So wurde sich in meiner Familie erzählt, er habe Hermann Göring bei einer offiziellen Gelegenheit den Handschlag verweigert. Ich muss sagen, dass mir diese Geschichte unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt ausnehmend gut gefällt. Als gesichert gilt jedenfalls, dass Dr. Bruno Mann bald als unerwünschte Person eingestuft und von den Nazis in den Ruhestand gedrängt wurde. Er musste Erfurt verlassen und starb 1938 gramgebeugt im Alter von 64 Jahren in Eisenach, während seine Frau Selma ihn viele Jahre überlebte und nach dem Krieg als feine Dame der Gesellschaft vom früheren Status ihres Mannes profitierte.

Es ist nun eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet meine Mutter sich den Nazis als junge Frau zunächst zugewandt fühlte, vermutlich war das ihre Art von Protest gegen ihren Vater, sie empfand das wohl als eine Art avantgardistische Opposition. Kennengelernt hatten meine Eltern sich in Erfurt, wo mein Vater zu dieser Zeit beruflich zu tun hatte. Meine Mutter war von seiner Beweglichkeit beeindruckt, wie sie später erzählte. Er war in frühen Jahren ein sehr sportlicher Typ und Skifahrer gewesen, ein strebsamer, gut funktionierender Reichspostmitarbeiter, der zwar tendenziell eher rechts stand, ansonsten aber weitgehend unpolitisch war. Im Grunde war mein Vater ein Opportunist, dessen Handeln sich stets zuerst nach seiner Karriere richtete. Er war eine Weile in der Partei gewesen, aber bald wieder ausgetreten, weil er dem Führerkult der Nazis nicht viel abgewinnen konnte. Beruflich hat es ihm nicht geschadet, so weit ich das bezeugen kann.

Das Haus, in dem wir in Wien wohnten, gehörte vorher wahrscheinlich einer jüdischen Familie, die enteignet worden war. Klarheit haben wir über diesen Punkt nie erlangt. Mein Vater war zwar während der letzten Kriegsjahre immer im Hinterland, und ich bin davon überzeugt, dass er schon eine gewisse Ahnung hatte, was auf sämtlichen Ebenen damals passierte. Es gab in meiner Familie aber keine Auseinandersetzung und keine Gespräche über die Nazizeit. Insofern sind mir die politischen Implikationen dieser Jahre erst viel später klar geworden, als Kind habe ich davon nichts mitbekommen.

Ich war Gott sei Dank auch zu jung, um in der Hitlerjugend gewesen zu sein. Nachdem Hitler 1938 auf dem Heldenplatz den sogenannten Anschluss an das Deutsche Reich verkündet hatte, musste man in der Schule »Heil Hitler« statt »Grüß Gott« sagen. Wie ich heute weiß, spielte Österreich eine besondere Rolle in der Propaganda der Nazis, weil Hitler seine Heimat »heim ins Reich holen« wollte, wie er es formulierte. Es gab viele Aufmärsche, die Nazis hielten Reden, das war durchaus präsent. Und mein Vater war als Reichspostmitarbeiter dafür verantwortlich, sich um technische Probleme bei diesen Veranstaltungen zu kümmern und Lautsprecher anzuschließen, was ich als Kind natürlich aufregend fand. Ich spürte allerdings keinerlei Ressentiments gegenüber Deutschen in Österreich. Ich bin zwar gebürtiger Berliner, aber durch die Breisgau-Linie hatten wir einen gewissen südlichen Einschlag und wurden nicht als Piefkes wahrgenommen. Einen Unterschied zu Deutschland konnte ich überhaupt nicht ausmachen als Kind, aber ich hatte in dieser Zeit auch kaum Kontakte nach Deutschland.

Bisweilen pflegten wir die Großeltern im Breisgau zu besuchen, aber Reisen waren damals beschwerlicher als heute, weswegen wir die meiste Zeit über in Wien blieben. Die Besuche bei den Großeltern waren für mich die totale Schwarzwaldidylle, mit Kirschwasser (nur für die Erwachsenen natürlich), Weintrauben und viel Wald. Außerdem hatten die Eltern meines Vaters ein Klavier, auf dem ich bereits als Kind wild herumimprovisierte. Mein Großvater war sehr agil und als Wandersmann bekannt. Ein honoriger, bodenständiger Typ, der überall beliebt war, sich für die Natur und den Schwarzwaldverein engagierte und am Feldberg Wanderwege anlegte. Heute gib es dort sogar einen »Doldinger-Felsen«. Während unserer Besuche dort war es mir ein Anliegen, möglichst viel Zeit mit ihm zu verbringen. Insbesondere für die damalige Generation war mein Großvater ein warmherziger, dem Leben zugewandter Mensch. Ein besonderes Verhältnis zwischen ihm und meinem Vater habe ich nicht feststellen können. Womöglich litt er darunter, dass sein Sohn ihn beruflich überflügelt hatte, ich selbst hatte jedenfalls ein herzlicheres Verhältnis zu meinem Großvater als zu meinem eigenen Vater.

Durch die Abwesenheit unseres Vaters hatten wir in Wien eine unbeschwerte Kindheit und konnten mehr oder weniger machen, was wir wollten. Das Haus hatte keinen Garten, wir durften aber überall spielen, und als ich eingeschult wurde, hatte ich einen sehr angenehmen und erlebnisreichen Schulweg mit Blick auf die Berge. Wir hatten eine Hausangestellte namens Roswitha, und über die klassische Musik meines Vaters kam ich bereits in frühen Jahren mit Mozart in Berührung. Musik hat mich von Anfang an begeistert. Jede Art von Musik in allen denkbaren Variationen. Ich erinnere mich an meine Kindheit in diesen Jahren insgesamt als friedlich und harmonisch, was aus heutiger Sicht absurd klingen mag, aber in Wien blieb es während der ersten Kriegsjahre vergleichsweise ruhig.

Die Intensität der Bombenangriffe nahm erst um 1943 herum deutlich zu. Wir hatten einen Luftschutzkeller, und bei Fliegerangriffen mussten wir immer schnell ins Haus kommen. Erfolgten die Angriffe nachts, wurden wir geweckt und rannten ebenfalls in den Keller. Komischerweise hatten Wolf-Dieter und ich aber nie Angst. Es war völlig normal, dass Bomber über der Stadt flogen, diese Angriffe waren für uns zu einem Teil der Kindheit geworden. Allerdings wurde auch niemals erklärt, weshalb Bomben fielen oder warum überhaupt Krieg war. Es war einfach so, das war der Normalzustand. Meine Mutter wirkte zwar mitunter ziemlich geschafft, aber ich habe sie in diesen Jahren niemals weinen sehen. So wuchsen wir also in einen ständigen Ausnahmezustand hinein. Einmal schlug direkt gegenüber von unserem Haus eine Bombe ein, während wir im Keller saßen, aber auch das schien nicht ungewöhnlich zu sein und wurde kaum weiter beachtet. Als wir den Keller wieder verließen, war das gegenüberliegende Haus beinahe komplett verschwunden, und es hatte Tote gegeben.

Es waren, wie ich heute weiß, die letzten Kriegstage. Mein Vater war längst über alle Berge, inzwischen war er nach einer Zwischenstation in Berlin nach Düsseldorf versetzt worden, wo er als Oberpostrat im zentralen Fernmeldebauamt arbeitete. Die Rote Armee stand vor Wien, und eines Nachts weckte uns die Mutter. Die Stimmung in der Stadt hatte sich infolge der vielen Bombenangriffe drastisch verschlechtert, als sogenannte Reichsdeutsche waren wir in Wien fortan unerwünscht und wurden aufgefordert, uns vom Acker zu machen. Das wurde uns Kindern aber damals nicht erklärt, meine Mutter sagte nur: »Es ist Krieg, wir müssen weg.«

Wir stiegen aus den Betten, packten eilig nur das Allernötigste zusammen und traten auf die Straße, wo bereits ein Holzgasmotorlaster wartete, Benzin war schon lange nicht mehr zu bekommen. Also kletterten meine Mutter, mein inzwischen vierjähriger Bruder, Roswitha und ich gemeinsam mit einer weiteren, uns unbekannten Familie auf die Pritsche des Fahrzeugs. Zwischen Führerhaus und Ladefläche war der Ofen angebracht, wir warfen unsere wenigen Klamotten dahinter auf die Pritsche und suchten uns einen Platz. Die Lichter des Westbahnhofs leuchteten hell, als wir Wien nach einem langen, kalten Winter bei trotz des Frühjahrs immer noch deutlich einstelligen Temperaturen verließen und uns auf den Treck gen Westen begaben.

Ich kann weder sagen, wie und von wem unsere Flucht aus Wien geplant wurde, noch, wie wir zu diesem Laster kamen, aber das Ziel unserer Reise, so viel wurde verraten, sollte die bayerische Ortschaft Schrobenhausen sein, wo offenbar ein Onkel Josef wohnte, der uns aufnehmen wollte. Vor uns lagen ungefähr 480 Kilometer, eine Entfernung, die einem heute nicht weit vorkommen mag, aber in der damaligen Zeit, zusätzlich erschwert durch die besonderen Umstände des Krieges, war es doch eine gewaltige Strecke. Wir gliederten uns in den endlosen Strom der Ost-Flüchtlinge ein, welcher vor dem Anmarsch der Roten Armee über Wien weiter nach Deutschland zog. Nach wenigen Kilometern fuhren wir an den russischen Truppen vorbei, die bereits unmittelbar vor Wien standen, später auf der Fahrt kamen uns französische und amerikanische Soldaten entgegen. Überall waren Menschen.

Wenn ich meine glückliche Kindheit in Wien und das schöne Haus, in dem wir gewohnt hatten, vermisst haben sollte, blieb jedenfalls keine Zeit, darüber traurig zu sein. Dafür fand ich die Flucht zu spannend, sie kam mir beinahe vor wie ein Abenteuer. Zum ersten Mal in meinem Leben mit einem Lkw fahren zu dürfen empfand ich als Bereicherung. Dass der Laster wenig Platz und Komfort bot, war mir egal. Es waren Tausende von Menschen auf der Flucht, da waren wir vergleichsweise gut aufgehoben. Zudem waren wir mit einem Fahrer gesegnet, der sich auskannte und Wolf-Dieter und mich zwischendurch immer wieder einlud, bei ihm im Führerhaus zu sitzen. Immer wenn es auf der Strecke bergauf ging, mussten wir alle aussteigen und den Laster schieben. Mein Bruder lief dann zwanzig, dreißig Meter voraus und hielt nach potenziellen Hindernissen Ausschau. Merkwürdigerweise hatte ich auch auf diesem Flüchtlingstreck keine Angst, für mich war das alles, wie gesagt, wahnsinnig aufregend. Wir hatten wohl gelernt, mit dem Krieg zu leben.

Die Ruinen der zerstörten Städte überall auf dem Weg waren dennoch ein Schock. Als wir nach München kamen und die zerbombte Trümmerlandschaft passierten, aus der sich das arg lädierte Karlstor am Stachus wie ein Mahnmal zu erheben schien, dämmerte uns so langsam, wie sicher und bequem wir im Vergleich dazu in Wien gelebt hatten. Mindestens fünf Jahre waren wir der Zerstörung in kleinen Schritten immer näher gekommen, nun offenbarte sich das Drama des Krieges in seinem ganzen Ausmaß. Dennoch waren wir nicht deprimiert, und auch die meisten anderen Leute auf dem Treck schienen das nicht zu sein. Wir waren einfach nur froh, dass das alles nun endlich ein Ende hatte.

Als wir Schrobenhausen erreichten, war mein Onkel Josef nicht direkt beglückt, nun spontane Gäste zu haben, aber für eine Zeit lang durften wir dort bleiben. Auf mich wartete meine erste Begegnung mit dem Jazz – und danach noch so viel mehr, als ich damals auch nur ansatzweise hätte erahnen können.

2 nächster halt: düsseldorf

Plötzlich lebten wir in einer neuen Welt, und alles war wahnsinnig aufregend. Wir wohnten in der britischen Zone, und es fanden ständig überall Aufmärsche statt, die wir jedoch keineswegs als Bedrohung erlebten, die Briten begegneten uns Kindern freundlich und friedfertig. Sie waren für uns keine Besatzer, sondern Befreier, die Vorboten einer besseren Zukunft. Dabei war Düsseldorf unglaublich zerstört, die Stadt lag nahezu vollständig in Trümmern, aber dennoch herrschte ein schwer zu beschreibendes Klima der Zuversicht, ein Aufbruchsgeist. Ich fand das anfangs seltsam. Angesichts der Zerstörung überall im Land hatte ich allgemeine Niedergeschlagenheit erwartet, aber so habe ich es nicht erlebt. Wie die Menschen sich in diesen ersten Jahren nach dem Krieg an die Arbeit gemacht und alles wieder aufgebaut haben, hat mich in eine regelrechte Euphorie versetzt. Die Aussicht, nun in Düsseldorf neue Freunde zu treffen und in eine Gesellschaft zu gelangen, die uns wohltuend empfangen hatte, begeisterte mich. Bereits der rheinische Singsang klang ja fröhlich und dem Leben zugewandt.

Einige Monate zuvor war mein Vater nach Schrobenhausen gekommen, um uns abzuholen. Dem war eine längere Suche vorausgegangen, da er in den Wirren der letzten Kriegstage keinerlei Informationen über unseren Aufenthaltsort erhalten hatte. Er wusste allerdings von Onkel Josef und hatte uns dort schließlich auf eigene Faust gesucht und gefunden, nachdem er anderswo erfolglos geblieben war. Eines Tages kam er mit seinem Fahrer in einem Postauto auf den Hof gefahren und brachte uns auf einer abermals abenteuerlichen Fahrt durch das zerstörte Deutschland über nur streckenweise befahrbare Autobahnen und Landstraßen nach Düsseldorf.

Wie mein Vater es damals geschafft hat, vollkommen nahtlos bei der späteren Bundespost weiter Karriere zu machen, war mir lange ein Rätsel. Erst viele Jahre später erfuhr ich, dass der Übergang nicht ganz so reibungslos erfolgt war, wie es den Anschein gehabt hatte, da er ja eine Weile in der NSDAP gewesen war. Dennoch wurde ihm von den Alliierten bald die Aufgabe übertragen, das völlig zerstörte Fernmeldewesen im neu zu gründenden Bundesland Nordrhein-Westfalen wieder auf die Beine zu stellen. Er war wohl einfach gut in seinem Beruf, technisch versierte Telekommunikationsexperten wie er wurden händeringend gesucht, alle wollten nach dem Krieg Telefon haben. Er stellte sich dann auch erstaunlich gut und schnell um, lernte Englisch und hatte in der britischen Zone jede Menge Arbeit. Über die Nazizeit hat er nie wieder gesprochen, man sprach damals überhaupt nicht besonders viel.

Wir wohnten in einem großen, dreckig gelb angestrichenen Gebäude, dem Fernmeldebauamt in der Gneisenaustraße, wo mein Vater Oberpostrat war. Mama, Papa, Brüderchen, die Sekretärin meines Vaters, Elsbeth Löffler, die über die Jahre eine Art Familienmitglied wurde, und ich. Und da sind wir dann in Trümmern aufgewachsen. Wir hatten zwar das Glück, dass wir eine Dienstwohnung in diesem Postamt hatten, aber nahezu alle anderen Gebäude in der Umgebung waren völlig zerstört. Die Schule gegenüber, das halbe Postgebäude, der zerbombte Bunker nebenan waren Ruinen und die Straßen von Schuttwällen gesäumt. Aber immerhin gab es genug zu essen.

Die Dienstwohnung war zentral im Postamt gelegen. In der vierten Etage war das Lehrlingsheim, darunter und darüber gab es weitere Dienstwohnungen, außerdem eine Waschküche und andere Nebenräume. Die Wohnung bestand aus einem schmalen, langen Flur, von dem alle Zimmer abgingen: ein Bad mit Wanne und Toilette, die Küche, das Zimmer von »Tante Elsbeth«, unser Kinderzimmer, das elterliche Schlafzimmer und das Wohnzimmer, der größte Raum der Wohnung. Dort wurde auch gegessen, außerdem gab es eine Couch. Für uns Kinder spielte vor allem der lange Flur eine entscheidende Rolle, weil man dort wunderbar spielen konnte. Auf den Gängen herrschte hektische Betriebsamkeit. Das Fernmeldebauamt hatte mehrere Hundert Mitarbeiter, die Kantine war auf der gleichen Etage wie unsere Wohnung, und die Bautrupps meines Vaters trafen sich morgens bei uns in der Küche, was für meine Mutter ziemlich anstrengend war.

Mein kleiner Bruder heißt bekanntlich Wolf-Dieter. Der Name Dieter wurde in Erinnerung an einen früh verstorbenen Bruder meiner Mutter gewählt, den sie sehr geliebt hatte. Warum mein Bruder nun ausgerechnet zwei Namen haben musste: keine Ahnung. Da hätte man meine Mutter fragen müssen, aber das habe ich leider nie getan. Zu Hause hieß er ohnehin nur »Wölfchen«, es gab aber noch andere Variationen, unter anderem schlicht und ergreifend »Wolfi«. Wir spielten drinnen, wie gesagt, gern im Flur, aber meistens spielten wir draußen in den Trümmern. Die Ruinen der umliegenden Gebäude waren bis zu fünf Stockwerke hoch, die Dächer fehlten oft, das war für uns wie ein riesiger Abenteuerspielplatz, auf dem wir unter anderem Feuer machten, um Kartoffeln garen zu können. Es gab dort regelrechte Banden, die gegeneinander kämpften, mit Zwillen und Steinen. Wir Trümmerkinder waren unruhig, aufgeregt, das war sicher auch der allgemeinen Stimmung der Zeit, dieser Mischung aus Aufbruch und Ungewissheit nach dem Krieg geschuldet. Es wurde sich jedenfalls häufig geprügelt, und vor den Steinschlachten musste man sich in Acht nehmen.

Ich war der draufgängerische Typ, während Wolfi zurückhaltender war. Er hing mehr an der Mutter, ich war eher dem Vater zugewandt. Im Hof des Fernmeldebauamts standen haufenweise ausrangierte Militärfahrzeuge, die man teilweise immer noch starten konnte. Es war uns ein Riesenvergnügen, ein paar Meter mit ihnen zu fahren und sie ineinanderkrachen zu lassen. Erwischen lassen durften wir uns dabei besser nicht, dann gab es vom Vater nämlich ein paar hinter die Ohren. Überhaupt brachte der Umzug nach Düsseldorf einen totalen Kulturwandel mit sich. Die Wohnung war stets vom Duft der Zigarren meines Vaters erfüllt, aber auch der Ton im Haus veränderte sich drastisch. Mein Vater duldete mit seiner autoritären preußischen Art keinen Widerspruch, es hatte zu geschehen, was er verlangte: »Du sprichst nur, wenn du gefragt wirst, du stehst nur auf, wenn es dir erlaubt wird«, das waren so die Sprüche. Eine gewaltige Umstellung, nachdem er in Wien niemals zugegen gewesen war und wir ein ziemlich freies Leben geführt hatten. Und natürlich musste immer der Teller aufgegessen werden, auch wenn es nicht schmeckte oder man überhaupt keinen Hunger hatte. Gewalt war sehr präsent, wenn ihm etwas nicht gefiel, gab es die Prügelstrafe.

Morgens wurden wir von meiner Mutter geweckt und mussten uns zügig fertig machen. Gefrühstückt wurde nicht immer zusammen, aber das gemeinsame Mittagessen war Pflicht. Am meisten liebte ich Suppen – die mag ich immer noch –, aber geschmacklich war ich breit aufgestellt. Solange es gut schmeckte, war ich einverstanden. Nach dem Essen hatte dann absolute Ruhe zu sein. Mein Vater kam um eins in die Wohnung und wollte sich eine Stunde ausruhen, da durfte man keinen Mucks von sich geben. Für uns waren das die freien Zeiten, die wir draußen zwischen den Trümmern verbrachten und zum Beispiel auf alten Kabeltrommeln balancierten. So war es jedenfalls zu Beginn, als der Unterricht noch permanent ausfiel. Der Schulbetrieb war noch nicht wieder richtig organisiert, das kam erst mit der Zeit. Wolfi und ich gingen auf die Volksschule, mit siebzig, achtzig weiteren Schülern pro Klasse. Eine gewisse aggressive Grundstimmung war normaler Bestandteil des pädagogischen Alltags: Wir verrückten Bänke oder spielten den Lehrern Streiche, sie schlugen uns. Wenn man nicht spurte, musste man vor die Klasse treten und bekam einen mit dem Stock übergezogen. Das hat mich aber nicht weiter irritiert, weil wir vom Vater ja auch geschlagen wurden. Ständig wurde überall gebrüllt, so war das damals.

Nach ein bis zwei Jahren auf der Volksschule kam ich auf die höhere Schule. Das Jacobi-Gymnasium hatte zunächst allerdings noch kein eigenes Schulgebäude, das alte war ausgebombt worden, insofern hatten wir mit einer problematischen Raumsituation zu kämpfen. Trotzdem ging ich anfangs gerne zur Schule und fand den Unterricht spannend. Wir lernten Latein, Französisch, Englisch, und da das Gymnasium eine Partnerschaft mit einer Schule in Philadelphia unterhielt, hatten wir sogar amerikanische Austauschlehrer, was wir wahnsinnig exotisch fanden. Amerika war der totale Sehnsuchtsort für uns. Außerdem wurden regelmäßig Wanderungen unternommen, wir gingen zum Sport in die Turnhalle, und gelegentlich gab es sogar Zeltlager. Da von der höheren Schule erwartet wurde, dass man sich körperlich betätigte, trat ich außerdem einem Leichtathletikverein bei.

Man kann sich das besondere Klima der Nachkriegszeit heute wahrscheinlich gar nicht mehr richtig vorstellen, manchmal gelingt mir das selbst kaum. Alles war einem permanenten Wandel unterworfen und ständig in Bewegung. Gleichzeitig war immer noch viel zerstört, man konnte die Depression in den Familien spüren, die fehlenden Väter, die noch in Kriegsgefangenschaft oder gefallen waren – das war präsent, wenn man genauer hinsah, aber meist wurde versucht, es mit Betriebsamkeit zu überspielen. Das galt erst recht für das Fernmeldebauamt: Nebenan war ein Hallenbad, vor dem Ausgebombte kampierten, es gab ein paar Handwerksbetriebe, alles war wahnsinnig wuselig und aufregend. Ruhe kehrte nur an den Sonntagen ein, an denen wir mit der ganzen Familie am Rhein spazieren gingen. Das war ein absoluter Pflichttermin, für den man fein herausgeputzt wurde.

Als Sohn des Chefs hatte ich während der anderen Tage überall Zugang und war sehr willkommen bei den Arbeitern. Unter den drei oder vier weiteren Familien, die neben uns und den Lehrlingen im Fernmeldebauamt wohnten, war ein Mann, der V-Discs besaß. Das war ein Schellack-Label, das es sich zur Aufgabe gemacht hatte, amerikanische Soldaten überall auf der Welt mit Jazz-Platten zu versorgen, den sogenannten Victory Discs. Unter anderem hatte dieser Nachbar eine Aufnahme des ersten Konzerts aus der »Jazz at the Philharmonic«- oder kurz JATP-Reihe mit Nat King Cole, Illinois Jacquet und anderen aus dem Jahre 1944, die inzwischen legendär ist und mich damals förmlich angesprungen hat. Der Wunsch, selbst Jazz zu spielen, ist nicht zuletzt auf diese Aufnahme zurückzuführen.

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Irgendwann fuhr meine Mutter per Anhalter noch einmal nach Wien und organisierte den Transport eines Teils unserer alten Möbel nach Düsseldorf, was ein großer Gewinn für unsere Wohnung war. Viel wichtiger für mich war aber das Klavier, das ungefähr zur gleichen Zeit aus den Freiburger Beständen der Familie Doldinger angeliefert wurde und auf dem ich bereits als Kleinkind herumgeklimpert hatte. Mit Begeisterung nahm ich mein noch nicht großartig entwickeltes Spiel wieder auf und sang außerdem im Chor. Wir waren evangelisch, und es bereitete mir große Freude, in der Kirche in der Nähe des Postamts alte Kirchenlieder zu singen.

Da ich außerdem regelmäßig auf unseren Kochtöpfen herumtrommelte, meine Musikbegeisterung also immer offensichtlicher wurde, hatte mein Vater eines Tages die Eingebung, mich aufs Robert-Schumann-Konservatorium zu schicken. Ich hatte keine Ahnung, was mich dort erwarten würde, und als es hieß, ich müsse vorab eine Aufnahmeprüfung bestehen, grauste es mich ein bisschen. Ich war mittlerweile elf Jahre alt, in der vierten Klasse und konnte noch nicht besonders viel auf dem Klavier, da ich immer nur improvisierte. Am Robert-Schumann-Konservatorium wurden aber eigentlich nur Leute mit Vorbildung aufgenommen. In meiner Not spielte ich beim Vorspieltermin »Hänschen klein« mit der berühmten Einfingertechnik, das konnte ich immerhin. Damit brach ich das Eis, meine Einlage provozierte allgemeines Gelächter, sie fanden das wohl charmant. Danach wurde ich jedenfalls tatsächlich als Probeschüler aufgenommen.

Bis heute bin ich meinen Eltern unendlich dankbar, dass sie mich dort angemeldet haben, die Ausbildung sollte sich als reiner Segen erweisen. Am Robert-Schumann-Konservatorium lernte ich Noten, Tonleitern, Harmonielehre, meine gesamten musikalischen Grundlagen. Im Fernmeldebauamt wurde mir danach ein Musikzimmer eingerichtet, das ich allerdings mit Tante Elsbeth teilen musste beziehungsweise sie mit mir. In diesem Zimmer übte ich jeden Tag nach Schule und Konservatorium noch eine Stunde, was von mir erwartet wurde: neue Tonleitern, Etüden, Sonatinen, später Sonaten, Johann Sebastian Bach und einiges mehr. Stück für Stück entwickelte sich mein Spiel so immer weiter, und ich wurde wahnsinnig ehrgeizig. Ich weiß noch, wie ich manches Mal geweint habe, wenn wir Besuch bekamen, weil das bedeutete, dass ich nicht üben durfte.

Und natürlich hatte ich mein Jazz-Erweckungserlebnis in Schrobenhausen nicht vergessen. Ich hatte ein kleines Radio, über das wir abends heimlich die sogenannten Besatzersender hörten, vor allem Voice of America oder BFN (British Forces Network, später BFBS, British Forces Broadcasting Service). Mein Bruder schlief meist schnell ein, ich blieb lange wach und hörte begeistert die alten Big Bands. Geleitet wurden sie von Musikern mit mir unaussprechlichen Namen wie Count Basie, Oscar Peterson oder Duke Ellington, die bald zu meinen Idolen werden sollten. Besonders schwärmte ich in diesen ganz frühen Tagen für die Dutch Swing College Band und den blinden Pianisten George Shearing, ohne damals allerdings zu wissen, dass er blind war. Dieses heimliche Radiohören unter der Bettdecke war vom Vater natürlich streng verboten, aber wir hatten längst gelernt, gewisse Dinge heimlich zu tun, um uns nicht dem strengen väterlichen Blick und der zuverlässig folgenden Strafe auszusetzen.

Solchermaßen inspiriert, begann ich irgendwann in meinem Musikzimmer die ersten Jazz-Songs auszuprobieren. Zunächst waren das eher rhythmisch angelegte New-Orleans-Sachen aus dem Radio, die ich aus dem Kopf nachzuspielen versuchte, »Basin Street Blues« und »12th Street Rag« waren zwei der ersten Stücke, an denen ich mich auf diese Weise versuchte. Ich habe mich da langsam herangetastet, und anfangs fiel es mir alles andere als leicht. Technisch waren diese Stücke etwas ganz anderes als die klassische Musik, die ich auf dem Konservatorium lernte. Dort behielt ich meine aufkeimende Jazz-Leidenschaft ohnehin für mich, weil klar war, dass Jazz in diesen Kreisen nicht akzeptiert war. Mir war das egal: Ich wollte einfach nur lernen, lernen, lernen. Und das Konservatorium bot hierfür die idealen Möglichkeiten.

Meine enorme Musikbegeisterung hinterließ meinen Vater bisweilen skeptisch. Er hatte mich zwar am Konservatorium angemeldet, aber grundsätzlich sollte ich nach seinen Vorstellungen einen ähnlichen beruflichen Weg wie er selbst einschlagen. Nun aber liebte ich meine musikalische Ausbildung mehr als die schulische, nahm sie überaus ernst und übte wie ein Besessener, während mich das Ingenieurwesen absolut nicht interessierte. Mein Vater sah das nicht gerne, aber unterstützt hat er mich trotzdem. Später sollte sich das ändern, aber in diesen frühen Jahren nahm er an meiner Musikbegeisterung keinen Anstoß, solange ich die Schule nicht vernachlässigte. Weil mein Vater sowieso immer mit seinen Bautrupps unterwegs war, hat er vieles aber auch gar nicht mitbekommen. Er hatte fünf bis sechs Sekretärinnen, wurde überschwemmt mit Telefonanträgen und war mit sich und seiner Arbeit beschäftigt.

3 »du wirst noch im tingeltangel enden«

In den Fünfzigerjahren standen für meine Generation alle Zeichen auf Veränderung. Nach der katastrophalen Fehlentwicklung des Nationalsozialismus war die Kultur in Deutschland ausgeblutet. Jetzt ging es für uns darum, Türen wieder aufzustoßen, die lange verschlossen gewesen waren – wir hatten einen unglaublichen Nachholbedarf. Für viele junge Leute war der Rock ’n’ Roll damals das Ventil der Wahl gegen den Muff der Nachkriegszeit, meine Musik der Freiheit war der Jazz. Nachdem er von den Nazis als »entartete Musik« diffamiert worden war, hatten ihn schwarze GIs wieder nach Deutschland zurückgebracht, ich hatte es selbst in Schrobenhausen erlebt. In den nun folgenden Jahren sollte diese Musik für die immer größer werdende Gruppe meiner musikalischen Freunde und mich zum Ausdruck eines neuen Lebensgefühls jenseits bürgerlicher Zwänge und Normen werden. Aus heutiger Sicht mag es schwer vorstellbar sein, aber für die Älteren, also auch für meine Eltern, war Jazz »Dschungel«- und »Urwaldmusik«, die auf direktem Wege ins Verderben führen würde. Gerade deswegen war diese Musik aber nun für mich erst recht das ideale Mittel, meine Gefühle zum Ausdruck zu bringen. So wurde Jazz für mich und etliche andere Jugendliche zum Soundtrack unserer Befreiung.

Wie schon in den Zwanzigerjahren war Dixieland auch diesmal wieder der Türöffner für die Entwicklung des Nachkriegsjazz in Deutschland. In Düsseldorf waren wir genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Es gab einen regionalen Hot Club in der Stadt, hinzu kam das Deutsche Amateur-Jazz-Festival, das später in Internationales Amateur-Jazz-Festival unbenannt wurde und sich zehn Jahre lang um die Förderung des deutschen Jazz-Nachwuchses verdient machte. Allgemein gelten zwar Frankfurt am Main, München und Berlin nicht zu Unrecht als die wesentlichen Treiber der damaligen Jazz-Bewegung, für uns war Düsseldorf allerdings auf andere Weise ebenso wichtig. Allein durch das Amateur-Jazz-Festival gründeten sich unzählige Amateur-Dixieland-Combos, die im Rahmen der zahlreichen Vorausscheidungswettbewerbe überall im Land antraten, um einmal auf dem Festival spielen zu dürfen. Ohne dieses Engagement hätte Jazz in Deutschland nicht so eine enorme Verbreitung gefunden. Zumal es anfangs weder Jazz-Magazine noch Beiträge zum Thema in Radio oder Fernsehen gab. Wir wussten also nichts – oder nur sehr wenig.

Gerade deshalb hat sich diese frühe Zeit des Jazz in Deutschland für mich angefühlt wie eine permanente Entdeckungsreise. Alles war neu und aufregend. Zeuge und Protagonist dieser im Werden begriffenen Musik zu sein war das größte Geschenk. In der Breite war Jazz nicht populär, die wenigen Liebhaber suchten und fanden sich in ihrer verzweifelten Sehnsucht nach Gleichgesinnten automatisch. Die Jazz-Begeisterung und die Abgrenzung zur bürgerlichen Gesellschaft schweißten uns zusammen. Jazz war lebendige Musik, die sich von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr entwickelte. Die ganze Szene war vital und gleichzeitig überschaubar, der aktiven Hot-Club-Bewegung in Düsseldorf gehörten in den frühen Fünfzigerjahren vielleicht fünfzig Leute an. Wie es sein könnte, einmal tatsächlich Musiker zu sein und auf der Bühne zu stehen, konnten wir uns anfangs überhaupt noch nicht vorstellen. Trotzdem begann ich in diesen Jahren, in einer eigenen Welt zu leben, in der nur noch der Jazz Platz hatte. Alles und jeden ordnete ich meiner Leidenschaft unter. Jazz war ein Niemandsland, das es zu erobern galt. Und ich war bereit dazu.

Der Weg dorthin verlief zunächst allerdings deutlich akademischer, als das später der Fall sein sollte. Eine sehr beliebte Form der Präsentation von Jazz waren etwa interdisziplinäre Veranstaltungen in Schulen, meist eine Mischung aus Vorträgen und Konzert. Leute wie das Hot-Club-Mitglied Stefan Buchholtz haben bei diesen Gelegenheiten auch an unserem Jacobi-Gymnasium über amerikanischen Jazz doziert. Über diese Kreise entdeckte ich als Teenager Anfang der Fünfziger den Hot Club Düsseldorf, der damals im Musikhaus Jörgensen tagte, eine traditionsreiche, unter diesem Namen bis heute bestehende Musikalienhandlung. Nach dem Vorbild des Hot Club de France, den der französische Jazz-Experte und -Saxofonist Hugues Panassié gemeinsam mit Charles Delaunay in Paris gegründet hatte, waren seit 1932 überall in Europa sogenannte Hot Clubs entstanden. Nach dem Krieg schossen nun auch in Deutschland derartige Vereinigungen von Jazz-Fans aus dem Boden, die später als Hot Clubs West in einer Art Dachverband miteinander vernetzt und organisiert wurden. So entstand deutschlandweit eine Jazz-Club-Szene, aus der viele Amateurmusiker und Bands hervorgingen. Den Düsseldorfer Hot Club gab es wiederum seit 1948. Dort kamen ältere Fans zusammen, aber auch ganz junge Leute wie ich. Es gab Studenten, Schauspieler, Grafiker und allgemein künstlerisch Interessierte beiderlei Geschlechts unter den Mitgliedern. Außerdem hatte der Club eine Satzung, es wurde Wert auf pünktliches Erscheinen gelegt, und Gespräche während der Musikaufführungen waren tabu. Für heutige Verhältnisse ging es bei diesen Versammlungen also einigermaßen gesittet zu, auf Tanz und Ausschweifung wurde zugunsten akademischer Vorträge und gemeinsamen Schallplattenhörens verzichtet. Bei der Erforschung des Jazz wurde eine beinahe wissenschaftliche Ernsthaftigkeit an den Tag gelegt. Es gab Stil- und Interpretenkunde, es wurden Unterlagen fotokopiert und verteilt, im Vordergrund standen die »inhaltlichen Aspekte der Schallplattenvorträge, aufgeteilt in Themen historischer oder aktueller Jazzlandschaften«, wie es in der Satzung des Clubs einigermaßen umständlich formuliert wurde.

Der damalige Vorsitzende des Hot Club Düsseldorf, Dietrich Schulz-Köhn, einer der führenden deutschen Jazz-Experten, brachte das Selbstverständnis des Hot Club Düsseldorf so auf den Punkt: »In allen Clubs hat man sich die Pflege der Jazz-Musik zur Aufgabe gemacht, (…) dazu kommen Diskussionen, die oft hitzig und kompromisslos geführt werden.« In diesen Diskussionen ging es meist um die sich abzeichnende Polarisierung der Szene zwischen Anhängern des traditionellen Jazz von Dixieland bis Swing und den jüngeren Fans des aufkommenden Cool und Modern Jazz. Mir waren solche Differenzierungen allerdings herzlich egal. Akademische Diskurse haben mich nie interessiert, das will ich gerne zugeben. Es ging mir um die Musik selbst, wissbegierig saugte ich jeden Ton und jede Information über die Musiker auf. Dass ich in so jungen Jahren überhaupt dabei sein durfte, hatte ich meinem Talent zu verdanken. Eigentlich musste man nämlich Mitglied im Hot Club sein, um eingeladen zu werden, was bei mir schon an den Mitgliedsgebühren gescheitert wäre. Nachdem sich aber bereits abzeichnete, dass aus mir einmal ein ganz ordentlicher Musiker werden könnte, gestand man mir eine Ehrenmitgliedschaft zu, deren Status ich später durch unentgeltliche Auftritte an den Clubabenden rechtfertigte.

Dieser Tagungsraum des Musikhauses Jörgensen war auf den ersten Blick nichts Besonderes, ein unscheinbares Hinterzimmer, in dem vorne ein Pult und ein Plattenspieler standen, vor denen einige Stühle aufgereiht wurden. Dort kamen ein- bis zweiwöchentlich zwanzig bis dreißig wiss- und lernbegierige Leute zusammen. Einige brachten ihre Schellackplatten mit und spielten sie allen anderen vor, und so hörten wir also Musik der großen klassischen Orchester von Duke Ellington, Count Basie oder Luis Russell und von Solisten wie Fats Waller, Louis Armstrong, Lionel Hampton und Sidney Bechet sowie später auch von Lester Young und Charlie Parker. Energisch wurde bei diesen Gelegenheiten um die Meinungsführerschaft gestritten, wenn es um den wahren, den einzigen Jazz ging, der für beide Parteien natürlich der jeweils favorisierte Stil war. An Tanzmusik Interessierte galten etwa als »Swing-Heinis«. Später gingen wir, organisiert vom Hot Club Düsseldorf, auch in andere Lokalitäten, in Restaurants und Live-Clubs. Dort gab es dann neben den Vorträgen auch musikalische Darbietungen, und es wurden gemeinsame Fahrten zu Konzerten in anderen Städten organisiert, kurzum: Der Hot Club Düsseldorf war unsere Schule des Jazz.

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Auch die normale Ausbildung ging unterdessen weiter. Nach drei Jahren auf dem Robert-Schumann-Konservatorium mit dem Hauptinstrument Klavier hatte mich die aufkeimende Jazz-Leidenschaft zur Klarinette getrieben, die ich nun zusätzlich studierte. Im New Orleans Jazz war das Instrument von großer Bedeutung, ich war begeistert von Klarinettisten wie Sidney Bechet, George Lewis, Benny Goodman und Buddy DeFranco. Das behielt ich allerdings für mich. Jazz war auf dem Gymnasium und auf dem Konservatorium weiterhin völlig verpönt. Wann immer jemand dort in späteren Jahren etwas von meiner Tätigkeit als Jazz-Musiker in semiprofessionell agierenden Combos mitbekam, wurde der Versuch unternommen, mir das auszureden. So führte ich im Prinzip eine Art Doppelleben, zumindest musikalisch. Auf der einen Seite war die reaktionäre Welt meines Vaters und die klassisch geprägte des Konservatoriums – auf der anderen die des Jazz. Wenn diese Welten sich berührten, gab es Widerstände, die mit der Zeit immer heftiger werden sollten: »Du wirst noch im Tingeltangel enden«, pflegte mein Vater dann zu sagen. »Das ist Urwaldmusik, damit kannst du kein Geld verdienen, warum gibst du dich mit diesem Unsinn ab?« Ich kann gar nicht mehr sagen, wie oft ich diesen Satz im Lauf der Jahre zu hören bekam. Aber auch wenn die Alten die Nase gerümpft und gegen Jazz gewettert haben, war ich von Anfang an absolut überzeugt von meinem Weg und allem, was ich tat.

Trotzdem war mir das Konservatorium weiterhin sehr wichtig. Ich brauchte die Ausbildung als Grundlage, wenn ich mit der Musik mehr erreichen wollte als lokale Prominenz, das war mir instinktiv klar. Das war aber nur der theoretische Teil, hinzu kam meine Freude an der klassischen Musik, die ich ja ebenfalls liebte. Von meinen Mitstudierenden aus dem Konservatorium hat sich zwar niemand für ein gemeinsames Musizieren über die Ausbildung hinaus angeboten, wir spielten aber gelegentlich Schulkonzerte, klassische Musik natürlich. Für meine andere Leidenschaft fand ich hingegen bald schon immer mehr Mitstreiter in meinem wachsenden Umfeld junger Jazz-Enthusiasten.

4 friedowitsch und die ersten warmen füße

Eine der wichtigsten und prägendsten musikalischen Begegnungen meines Lebens war die mit Ingfried Hoffmann. Es sei ein junger Pianist aus Berlin angereist, der ebenfalls in Düsseldorf zur Schule gehe, erfuhr ich 1952 über gemeinsame Jazz-Freunde. Wir würden bestimmt musikalisch und stilistisch sehr gut zusammenpassen, also wurden wir miteinander bekannt gemacht. Eines Tages kam Ingfried zu uns nach Hause ins Fernmeldebauamt, und wir jammten zum ersten Mal zusammen, er an meinem Klavier und ich an der Klarinette. Auf Anhieb kamen wir bestens miteinander klar, ich mochte das Berlinische an ihm, vielleicht, weil ich ja selbst gebürtig aus Berlin stammte. Zwischen uns hat sich also alles auf natürliche Weise ohne Druck von selbst ergeben. »Friedowitsch«, wie ich ihn bald nannte, da seine Mutter Russin war, wurde für mich in den folgenden Jahren ein enger Freund und einer der zentralen musikalischen Partner meines Lebens. Bis in die Siebzigerjahre hinein sollten wir immer wieder zusammen Musik machen.

Als wir uns kennenlernten, war sein Bruder Ludwig bereits ein gefeierter, international berühmter Konzertpianist, der Ingfried von seinen Konzertreisen Schallplatten mitbrachte. Selbst eine solche Schallplatte zu besitzen war damals für mich undenkbar. Es gab noch keinen richtigen Markt für Jazz in Deutschland, man kam also kaum an Schallplatten heran. Wenn eine Neuveröffentlichung von Erroll Garner oder Dizzy Gillespie erschien und sie überhaupt irgendwo erhältlich war, hatte jedes Schallplattengeschäft vielleicht drei oder vier Exemplare davon. Das waren dann 78er Schellackplatten mit lediglich zwei bis vier Titeln, und teuer waren sie außerdem. Schallplatten waren also ein höchst wertvolles Gut, mit dem man so vorsichtig umging wie irgend möglich.

Ich weiß nicht mehr genau, welche Schallplatte dann später meine erste eigene war, aber vermutlich wird es eine von Sidney Bechet gewesen sein. Über die nächsten Jahre wurde Bechet einer der wichtigsten Musiker für mich und letztlich eine entscheidende Inspiration, erst Klarinette und später Sopransaxofon zu lernen. Zunächst aber trafen Ingfried und ich uns nun regelmäßig, um gemeinsam Schallplatten zu hören, Gespräche über Jazz und verschiedene musikalische Entwicklungen zu führen und natürlich miteinander zu jammen. Außerdem brachte Ingfried seine Schallplatten mit in den Hot Club, wo er unter anderem stolz seine erste Dizzy-Gillespie-Platte zur Aufführung brachte, während Klaus Berenbrock von der Jazzvereinigung Düsseldorf e. V. und andere mit ihren Vorträgen den theoretischen Überbau lieferten.

Vor allem konnte keinerlei Zweifel bestehen, dass Ingfried ein wirklich fantastischer Pianist war. Durch seine Schallplatten spielte er schon ein bisschen moderner als wir anderen, auf eine Weise, die man sonst nur von amerikanischen Musikern kannte. Er hatte einen sehr guten Einfluss auf mein Spiel und brachte mir Sachen bei, die ich noch nicht kannte. Für uns war bald schon klar, dass wir zusammen Musik machen wollten. Damals hatte ich bereits erste Anfragen, ob ich nicht hier und da mal ein Konzert spielen wolle, also schlug ich Ingfried als Pianist für diese Anlässe vor. Schon bald kamen bei den solchermaßen zustande gekommenen, zunächst noch kleineren Auftritten außerdem Klaus Weiss am Schlagzeug und der angehende Zahntechniker Günther Lennartz am Bass hinzu, es formierten sich langsam erste lockere Besetzungen.

Parallel zur klassischen Ausbildung am Konservatorium begann ich also Anfang der Fünfziger, erste Jazz-Konzerte zu spielen, aus denen sich zunehmend weitere Kontakte ergaben, ich baute ein richtiges Jazz-Netzwerk auf. Ebenfallsim Hot Club traf ich etwa den Trompeter und späteren Juristen Jürgen Buchholtz, der mit seinem Bruder, dem mir bereits von seinen Jazz-Vorträgen bekannten Schlagzeuger Stefan, eine Band namens The Düsseldorf Feetwarmers gegründet hatte. Wir freundeten uns an, und 1953 kamen die Feetwarmers auf mich zu und baten mich, bei ihnen einzusteigen, zunächst als Pianist.

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Das war sie dann, meine erste richtige Band. Neben den Buchholtz-Brüdern gehörten dieser frühen Besetzung Klaus Schmitz (Klarinette), Klaus Wildenhaus (Posaune) und Lutz Nagel an Banjo und Gitarre an. Das waren also mit Klaus Weiss gleich drei weitere Kläuse in unserer Clique, weswegen die anderen bald dazu übergingen, mich meiner Begeisterung für den legendären Jazz-Pianisten Oscar Peterson wegen »Oscar« zu nennen, um nicht den Überblick zu verlieren. Ich hatte absolut nichts gegen diesen Spitznamen einzuwenden, ganz im Gegenteil, er half mir sogar bei der Namensgebung meiner nächsten Band, dazu komme ich noch. Später hat sich dieser Spitzname wieder verloren, aber in Düsseldorf gibt es bis heute Leute, die mich »Oscar« nennen.

Mit den Feetwarmers spielten wir zunächst Dixieland-Coverversionen, waren aber auch hungrig auf Neues. Uns verband die gemeinsame Vorliebe für Jazz, Blues, bildende Kunst und die französischen Existenzialisten. Wir trafen uns fortan an den Sonntagnachmittagen zum Proben in meinem Klavierzimmer im Fernmeldebauamt in der Gneisenaustraße, unter der Woche mussten wir in die Schule oder zur Lehre. Auf dem Programm standen New-Orleans-Standards wie »Basin Street Blues« und »Indiana«. Das Repertoire kam auf organische Weise zustande und musste nicht groß diskutiert werden. Es ergab sich aus den Platten, die wir liebten. Der Bandname war natürlich eine Hommage an Sidney Bechet, der in seinen jungen Jahren mit der exzellenten Hot-Jazz-Band Sidney Bechet And His New Orleans Feetwarmers gespielt hatte.

Nach einigen Monaten Proben durfte ich am 15. Mai 1953 zum ersten Mal mit den Feetwarmers live vor Publikum auftreten. Ich weiß nicht mehr genau, wie das Konzert zustande gekommen war, es war jedenfalls ein Sonntagvormittag, eine dieser damals üblichen Matinee-Veranstaltungen in einem britischen Kulturinstitut namens The Bridge. Wir trugen die Instrumente durch den Düsseldorfer Hofgarten dorthin, und als wir ankamen, warteten tatsächlich bereits Leute auf uns. Ein Publikum, das gekommen war, um uns zu sehen, die Feetwarmers – ich war fassungslos, es war verrückt, ein unbeschreibliches Gefühl! Bis dahin hatte sich alles aus Zufällen ergeben. Die anderen hatten bereits ein paar kleinere Auftritte gespielt, aber im Grunde kamen wir aus dem völligen musikalischen Nichts. Offenbar stellten wir uns aber bei diesem ersten richtigen Konzert ganz anständig an. Danach folgten weitere Engagements, und wir wurden nach und nach vom Jazz-Publikum in Düsseldorf wahrgenommen.

Diese frühen Tage will ich heute um keinen Preis missen. Bis dahin war meine Auseinandersetzung mit dem Jazz überwiegend theoretisch und Privatsache gewesen. Jetzt spielte ich plötzlich mit anderen Musikern vor Publikum und traf immer mehr Gleichgesinnte. Beides hätte ich vorher nicht zu träumen gewagt. Das gemeinsame Musizieren war pure Magie, ich lernte unglaublich viel dadurch.

So fiel mir etwa auf, dass ich im Moment des Spielens automatisch immer auch damit beschäftigt war, die Band zusammenzuhalten. Ich erkannte Gesetzmäßigkeiten. Natürlich waren die Soli und andere Passagen frei improvisiert, aber gerade deshalb war es umso wichtiger, dass das Grundkonstrukt saß, Einsätze und Töne mussten auf die Millisekunde genau stimmen. Damals wurde mir klar, dass eine Band ein Organismus ist, der nur dann funktioniert, wenn alle aufeinander hören – und dass ich offenbar ein Talent hatte, in diesen Abläufen eine führende Rolle zu übernehmen. Alle sind in einer Band voneinander abhängig, aber einer muss den gestalterischen Rahmen vorgeben, den die Mitspieler dann umsetzen. Mit festen Strukturen und klaren Vorgaben war ich durch die Klassik vertraut. Nun auf der Basis von Improvisationen im Zusammenspiel mit anderen Musikern Stücke zu entwickeln, wie wir das mit den Feetwarmers taten, wäre im klassischen Bereich allerdings niemals möglich gewesen. Das hat mich unglaublich inspiriert.

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