Mama Tenga - Katrin Rohde - E-Book

Mama Tenga E-Book

Katrin Rohde

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Beschreibung

Mut, Menschlichkeit und der Ruf eines neuen Lebens – erzählt von der Frau, die zur "Mama Tenga" wurde. Nach einer schicksalhaften Reise nach Westafrika trifft Katrin Rohde eine radikale Entscheidung: Sie verkauft all ihren Besitz in Deutschland und wandert nach Burkina Faso aus. In der Hauptstadt Ouagadougou beginnt sie, sich den Straßenkindern zu widmen – Jungen, die inmitten von Armut, Drogen und Gewalt ums Überleben kämpfen. Aus dem ersten Schritt wird eine lebensverändernde Mission. Mit Mut, Disziplin, Humor und dem Vertrauen in die Kraft von Bildung und Gemeinschaft baut Katrin Rohde über Jahre hinweg zahlreiche Einrichtungen auf: Waisenhäuser, Frauenhäuser, Werkstätten, Schulen, Beratungsstellen und Ausbildungsplätze – stets nach dem Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe. Ihre Projekte stehen für gelebtes Empowerment, soziale Gerechtigkeit und echte Hoffnung auf Wandel. In Burkina Faso kennt man sie heute als "Mama Tenga – Mutter Vaterland". In ihrer mitreißend und persönlich gelesenen Autobiografie erzählt Katrin Rohde ihre wahre Geschichte – eine inspirierende Erfahrung weiblicher Führung und interkultureller Begegnung, voller Menschlichkeit, afrikanischem Gleichmut und dem Mut zur Veränderung.

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Seitenzahl: 317

Veröffentlichungsjahr: 2025

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KATRIN ROHDE

MAMA TENGA: MEIN AFRIKANISCHES LEBEN

30 Jahre AMPO International –Jubiläumsausgabe mit neuem Vorwort

PARKUM Books

Über das Buch

Mut, Menschlichkeit und der Ruf eines neuen Lebens – erzählt von der Frau, die zur "Mama Tenga" wurde.

Nach einer schicksalhaften Reise nach Westafrika trifft Katrin Rohde eine radikale Entscheidung: Sie verkauft all ihren Besitz in Deutschland und wandert nach Burkina Faso aus. In der Hauptstadt Ouagadougou beginnt sie, sich den Straßenkindern zu widmen – Jungen, die inmitten von Armut, Drogen und Gewalt ums Überleben kämpfen. Aus dem ersten Schritt wird eine lebensverändernde Mission.

Mit Mut, Disziplin, Humor und dem Vertrauen in die Kraft von Bildung und Gemeinschaft baut Katrin Rohde über Jahre hinweg zahlreiche Einrichtungen auf: Waisenhäuser, Frauenhäuser, Werkstätten, Schulen, Beratungsstellen und Ausbildungsplätze – stets nach dem Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe. Ihre Projekte stehen für gelebtes Empowerment, soziale Gerechtigkeit und echte Hoffnung auf Wandel.

In Burkina Faso kennt man sie heute als "Mama Tenga – Mutter Vaterland". In ihrer mitreißend und persönlich gelesenen Autobiografie erzählt Katrin Rohde ihre wahre Geschichte – eine inspirierende Erfahrung weiblicher Führung und interkultureller Begegnung, voller Menschlichkeit, afrikanischem Gleichmut und dem Mut zur Veränderung.

Über die Autorin

Katrin Rohde, geboren 1948 in Hamburg, absolvierte ihren Schulabschluss in England und eröffnete bereits mit vierundzwanzig Jahren ihre erste Buchhandlung. In Plön und Preetz führte sie zwei erfolgreiche Buchläden und bildete insgesamt zwanzig Lehrlinge aus, bevor sie ihr Leben radikal veränderte und dauerhaft nach Burkina Faso auswanderte.

Dort gründete sie AMPO-International e. V., eine Hilfsorganisation, die sich mit großem Erfolg für Straßenkinder, Waisen, Mädchen und Frauen einsetzt. Seit über 30 Jahren steht ihr Name für Mut, soziale Gerechtigkeit und interkulturelles Engagement. In Burkina Faso ist sie als "Mama Tenga" bekannt – Mutter Vaterland. Für ihren Einsatz wurde Katrin Rohde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz Erster und Zweiter Klasse sowie nationalen Ehrungen in Burkina Faso.

MAMA TENGA: MEIN AFRIKANISCHES LEBEN

Copyright © 2002 & 2025 von Katrin Rohde

Copyright © 2025 von Parkum GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten.

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Für Feedback, Genehmigungsanfragen oder sonstige Rückfragen wenden Sie sich bitte an: [email protected]

Cover Design: Larissa Wunderlich, Mailand

Cover Bild: Frank Peter, München

Verlag: Parkum GmbH, Stresemannstr. 123, 10963 Berlin

ISBN 978-3-69125-003-9

www.parkum.com

Für Mia

Inhalt

Vorwort

1. Panamtougouri

2. Eine Ehre die ich nie vergesse

3. Ich besitze zu viel

4. Vom Segen eines Schleiers.

5. Honoré

6. Ouagadougou, one way.

7. Boureima

8. Morgen wieder.

9. Mutter Vaterland und der Bauminister

10. Ich war’s nicht!.

11. Zwei Männer meines Vertrauens!

12. Zu später Stunde.

13. Komm her, zusammen sind wir stark!

14. Aminata

15. Was, keine Beine? und Für Männer: Eintritt verboten!

16. Azara, Alain

17. Unsere eigene Krankenstation!

18. Pure Lebensfreude....

19. Mädchen, lernt auf Euch zu achten!

20. Awa und Adama

21. Wurzelbürste um Mitternacht

22. Baobab und Ölsardinen

23. Zementmischer am Drehort....

24. Roland

25. Jedem sein eigenes Afrika.

“No one has ever been lost.

Everything is truth and the path to it.”

Fernando Pessoa

Vorwort

Zuversicht – das war früher in Burkina Faso ein tägliches Geschenk, in diesem Land, von dem alle lebten. Heute muss Zuversicht täglich neu erarbeitet werden, denn Burkina Faso lebt im Krieg.

In dieses kleine westafrikanische Land bin ich vor 33 Jahren umgezogen: 20 Millionen Einwohner mitten in der Sahelzone, immer eins der dritt- oder viertärmsten Länder der Welt, gut zur Hälfte muslimisch, mit 60 Ethnien oder Völkern und damit auch 60 Sprachen. Es gibt nur drei Monate Regenzeit. In den restlichen neun Monaten könnte man sein Spiegelei auf dem Kotflügel eines Autos braten – die Temperaturen steigen auf 45 bis 48 Grad.

Wie ich, ein nordisches Kind des Elbufers, gerade dort gelandet bin? Das erkläre ich Ihnen gerne in diesem Buch. Es ist das Bild des friedlichen Miteinanders in einer vergangenen Zeit. Das Leben war karg und hart, aber der allseits lebendige Frieden und die Lebensfreude gaben uns Kraft.

AMPO, das erste kleine Waisenhaus, hat sich während der letzten dreißig Jahre zu einem großen Unternehmen entwickelt. In Deutschland gibt es großartige Unterstützung: viele freundliche Geber, einen Verein und eine Stiftung. In Berlin gibt es sogar einen kleinen Laden, in dem drei hervorragende Damen arbeiten, die sich mit Stiftungen, Gebern und Spendern auseinandersetzen. Sie können das gerne einmal im Netz anschauen: www.ampo-intl.org.

Inzwischen gibt es sogar eine Stiftung in Amerika, und wir hoffen sehr, dass dieses Buch nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch gute Leser findet. In Afrika sind wir mittlerweile ein kleiner Konzern geworden – mit 140 Mitarbeitern. Wer hätte das je gedacht? Unsere Krankenstation hat nun 90.000 Patienten im Jahr. Wir helfen jährlich 2.000 Müttern mit unterernährten Babys. 100 HIV-positive Familien werden ausgebildet und medizinisch betreut.

In einem großen Projekt zur Früherkennung von Brustkrebs sind 80.000 Frauen durch eine App verbunden. Die Behindertenwerkstatt verschenkt 150 Rollstühle an körperlich eingeschränkte Frauen, Kinder oder Männer. In der Reha-Station lernen verletzte Kinder wieder das Gehen. Optiker und Zahnärzte behandeln für wenig Geld, und Brust- sowie Augenoperationen sind kostenlos. 50 junge Frauen unter 21 Jahren bekommen eine neue Lebenschance im Haus MIA-ALMA. 80 junge Leute lernen ökologischen Anbau in unserer Farmschule TONDTENGA. Allein fünf Buchhalterinnen sorgen streng für die korrekte Abwicklung der Finanzen.

Ich selbst habe mich schon vor sieben Jahren ausgeklinkt und bin nur noch Beraterin. “Afrika, den Afrikanern” – das war immer mein Ziel gewesen. Heute werden bei AMPO sämtliche Beschlüsse von sieben Direktoren gemeinsam getragen. Und die Jugend wächst nach: 200 der ehemaligen Waisenkinder haben einen eigenen Verein gegründet und kümmern sich um die abgehenden Waisen, die von AMPO noch bis zum Diplom unterstützt werden.

Was für ein Glück! Die jahrelange Beharrlichkeit und die immer fließende Zuwendung und Liebe haben uns kluge Kinder geschenkt, die ihre einmaligen Chancen nutzen. Heute sind sie gewissenhafte Ärzte, Richterinnen, Ingenieure, Lehrerinnen, Buchhalter und Krankenschwestern. Auch Schneiderinnen mit eigenem Atelier, Mechaniker und Tischler mit eigener Werkstatt sind darunter – ein wahrer Segen.

Seit 2002 gab es vier Aufstände, eine Revolution, drei Putsche – alle habe ich miterlebt, in diesem einst so friedlichen Land. Fast jeder Europäer hat sich zu Hause verbarrikadiert, aber dank meines ungemeinen Bekanntheitsgrades in dieser Stadt kennt mich das Volk. Ich konnte mit dem Pickup frei durchs Land fahren, Verwundete ins Krankenhaus bringen oder Medikamente verteilen.

Die wirkliche Gefahr sind die Rebellen. Egal, wie sie sich nennen und woher sie kommen – es sind brutale, betrunkene oder unter Drogen stehende, bezahlte Killer. Ein Dialog ist undenkbar. Jegliche Bitte wird mit sofortigem Tod beantwortet, jedes Flehen um das Leben der eigenen Kinder wird nicht einmal gehört. Unsere westliche Vorstellung von Menschlichkeit findet hier ihr Ende.

Erst letzten Monat operierten wir ein Baby – drei Monate alt. Es hatte auf dem Rücken seiner Mutter gesessen, als diese bei der Feldarbeit von vorne erschossen wurde. Die Kugel steckte im Kind, doch es überlebte. Heute haben wir im Waisenhaus Kinder, die mit ansehen mussten, wie ihre Eltern erschossen, vergewaltigt oder gefoltert wurden – direkt vor ihren Augen.

Wie um Himmels willen kann ich euch jemals beibringen, dass es Liebe und Vertrauen auf dieser Welt immer noch gibt und geben wird, auch für euch? Seit der Revolution 2014, also vor heute elf Jahren, gibt es dieses Morden. Der alte, höchst korrupte Präsident hatte mit hohen Zahlungen dafür gesorgt, dass die Rebellen woanders beschäftigt waren.

International gab es Hilfe: große Lager wurden mit europäischen und amerikanischen Soldaten bestückt. Leider griffen sie in Notfällen niemals ein, obwohl sie über alles Kriegsmaterial verfügten. Die burkinischen Soldaten hatten keine Stiefel, keine Helme, vielleicht eine Kalaschnikow, aber keine Munition. Bereits zum Tode verurteilt, saßen sie mittellos zusammen, wenn die Horden von Rebellen angriffen. Ich weiß es genau, denn einige von ihnen waren meine AMPO-Waisenjungen. Nur wenige von ihnen haben überlebt.

Fast niemand hatte – und hat auch heute – eine Ahnung, wie französische Regierungen im Postkolonialismus in Afrika regierten, überall eingriffen und die Währung bestimmten. Der Reichtum der Präsidenten in Westafrika beruht auf Bestechung. Aufständische wie Sankara, Lumumba und Nkrumah wurden schnell beseitigt.

Nach dem nächsten Putsch setzten sich die drei betroffenen Länder Burkina Faso, Mali und Niger durch. Die drei Juntas gründeten eine Allianz, die AES. Dies bestärkte sie darin, die Franzosen, die noch im Neokolonialismus die Sahelzone jahrzehntelang ausgebeutet hatten, aus ihren Ländern zu vertreiben. Über Jahrzehnte nahmen sie jährlich 50 Tonnen Gold mit. Heute gehört dieses dem Staat Burkina Faso.

Und endlich tragen burkinische Soldaten Stiefel, haben Helme, Gewehre und Munition. Tausende wurden rekrutiert für den Kampf gegen die Terroristen. Sicherheit bleibt das erste Thema der Regierung. 3.800 Schulen wurden von Dschihadisten geschlossen. Zeitweise hatten wir drei Millionen Binnenflüchtlinge. Nun werden Schulen wieder aufgebaut, ganze Dörfer und Landstriche zurückerobert. Trotzdem gibt es noch immer Massaker mit bis zu hundert Toten auf einmal.

Doch es gibt auch Hoffnung: Fabriken entstehen, Krankenhäuser funktionieren. Dieser Krieg wird noch viele Jahre dauern. Er ist nicht vorbei, aber das Volk steht zusammen.

Vieles an dieser neuen Regierung ist gut, einiges lässt sich anzweifeln: Warum gibt es keine Pressefreiheit? Werden unliebsame Kritiker wirklich an die Front geschickt? Soll Homosexualität offiziell verboten werden? Solche Themen machen mich hellhörig. Das passt nicht zur früher so hochgehaltenen Akzeptanz und Toleranz der verschiedenen Ethnien.

Wir wissen nicht, was uns erwartet. Doch die Lebensfreude blieb uns erhalten. Der gegenseitige Trost und unsere Zuversicht stärken uns jeden Tag. Hoffentlich erwartet unsere AMPO-Kinder eine bessere Zukunft. Wir wünschen uns Ausbildungsplätze, Arbeitsstellen und jeden Tag genug zu essen – einen großen Segen eben.

Doch keine Sorge: auf unserem Dach, auf unserem AMPO-Dach – da sitzt ein Engel.

Katrin Rohde im März 2025

1. Panamtougouri

Aufgeregt und heimlich suchte Panamtougouri Hirsestroh auf dem Feld zusammen. Endlich konnte er eine tolle Überraschung für Maman basteln! Auf der Müllkippe nebenan hatte er einen alten Elektrostecker mit angeschweißtem Kabel gefunden. Nun noch schnell einen großen Stern aus Maisstroh geflochten und das alles schön verkabeln. Wie würde sie sich darüber freuen! So einen ähnlichen Stern hatte Maman zu Weihnachten aus Deutschland zur Freude aller Kinder mitgebracht, und er leuchtete hell im Waisenhaus AMPO für alle 50 Jungen.

*

So einen Stern konnte er nun selbst herstellen, das hatte er nicht geahnt! Obwohl Panam, sieben Jahre alt, bereits sehr viel gesehen hatte. Schon mit fünf Jahren hatte er viele Nächte auf den Straßen verbracht, einen Vater kannte er nicht, die togolesische Mutter kümmerte sich nicht um ihn und die Großmutter war zu alt um ihn festzuhalten.

Das war ein Leben! Nachts stand er vor den Kneipen von Ouagadougou und betrachtete sich die Zecher ganz genau. Die Frauen, die dort bedienten, kannten ihn schon.

Jetzt! Alle sahen hin, wenn dieser kleine Bursche einen Salto rückwärts aus dem Stand schaffte – nun ja, nicht immer ganz, aber wenn es nicht so richtig klappte bekam er um so schneller etwas zu essen. Sogar von ihrem Bier gaben ihm die Männer ab! Radschlagen, Spagat und Kopfstand waren seine Spezialität, und wenn er auf den Händen ging wurde Beifall geklatscht. Jeder war verliebt in den kleinen Panam, mit seinen unwiderstehlichen Zahnlücken lachte er so strahlend! Die Nutten ließen ihn auf ihrer Terrasse schlafen, selbst die Polizisten die ihn oft aufgriffen, gaben ihm zu essen.

Aber die Leute vom Sozialamt konnte er denn doch nicht täuschen mit seinem Charme - jedesmal wieder brachten sie ihn in verschiedenen Familien unter, aber er blieb niemals länger als eine einzige Nacht, nein, Panam war ein Kind der Straße. Außerdem wollten diese Leute ihn immer waschen und davon hielt er auch nicht soviel, im Gegenteil, niemals brüllte er lauter als unter dem Wasserhahn! Alle hatte Angst vor seinem ungeheuerlichen Gebrüll, darum gab es dann nur eine Katzenwäsche und seine dicken Tränen wurden liebevoll getrocknet. Nach einem guten Frühstück aber verschwand Panam sofort – das Leben auf der Straße war ja so voller Abenteuer, und außerdem erlaubte ihm sein Stolz keinesfalls, jemandem verpflichtet zu sein. Nur er selbst bestimmte, wo er hinging, und das bereits im Alter von sechs Jahren.

Da er der kleinste Straßenjunge in der Stadt war, konnte er sich einiges erlauben; die anderen Jungen betrachteten ihn als eine Art Maskottchen und gaben ihm vom erbettelten Geld ab. Nur vor den großen Straßenjungen hatte er Angst, sie nahmen zuviel Drogen und waren unberechenbar.

Eines Nachts hatte er zusammen mit einigen anderen Freunden im Straßengraben geschlafen, schräg gegenüber von der Bäckerei, in der man morgens um 5 Uhr manchmal die restlichen Brote von gestern geschenkt bekam. Aber diesmal wachte er lange vorher in der Dunkelheit von einem seltsamen Stöhnen auf. War der Große neben ihm krank? Es war auch feucht um ihn herum, dabei war doch Trockenzeit in Ouagadougou. Wasser konnte das nicht sein.

Panam stand auf und sah nach den anderen, aber es war niemand mehr da. Den Jungen neben sich hörte er nicht mal mehr atmen. Ihm war sehr unheimlich, wohin sollte er alleine in der Nacht gehen?

Leise schlich er sich unter die Bank vor der Bäckerei – auch wenn dort der gefährliche Wächter schlief, das war immer noch besser als alleine zu sein. Niemand ist gerne alleine in Afrika, zumal nachts nicht.

Die Stadt war totenstill. Als die Sonne schließlich doch noch aufging – Panam hatte schon gedacht, es bliebe auf ewig schwarze Nacht - sah er die Blutflecken auf seinem Hemd. Jemand hatte seinen Freund getötet.

Panam lief schnell weg und warf sein Hemd fort, damit durfte er nichts zu tun haben. Er suchte seine Großmutter, aber sie war ins Dorf gefahren. Diesen Tag verbrachte er in seinem Versteck unter dem ausgebrannten Auto ohne Essen und still für sich.

Abends fand ihn dann Maman – für immer..

*

„Maman? Guck´mal, hier ist eine Überraschung für Dich!“

Noch ehe ich brüllend reagieren konnte war der Stecker schon in der Steckdose – es gab einen ohrenbetäubenden Knall und eine blaue Stichflamme. Panam hatte das gesamte Waisenhaus lahmgelegt!

Ein Weihnachtsstern! War das nun nicht wieder ein herrliches Beispiel von lässiger Intelligenz, schöner Innovation und selbständigem Denken, dem, was ich immer so gerne von allen Kindern erwarte? Gott sei Dank war ihm selbst nichts passiert. Ich war begeistert von Panam, obwohl alle anderen ihn verhauen wollten, denn AMPO lebte für Tage ohne Strom, gute Elektriker sind rar in Burkina Faso.....

*

Panamtougouri – in der Sprache der Mossi, dem More, bedeutet das „fliegendes Ungeheuer“. Wie viele Male kam er nachts in mein Bett gekrochen, aus Angst vor der Nacht im Graben. Wie oft habe ich ihn wieder im Kommissariat abholen müssen weil er sich mal wieder davongemacht hatte. So manches Mal war ich in der Schule um seine Lehrer zu besänftigen. Seine große Klappe, wenn er sich bei Streit im Recht fühlte oder sein haltloses Brüllen wenn es ans Waschen ging, konnte ich elegant überhören. Ich bin sehr streng mit den Kindern. Noch heute, sieben Jahre später, kann Panam auf Befehl weinen, dicke Krokodilstränen, mit denen er versucht, zu seinem Recht zu kommen, aber bei mir funktioniert das nicht – ich kenne ihn zu gut und weiß genau, wann er wirklich traurig ist. Er beobachtet mich dann bei so einem Drama aus den Augenwinkeln, und wenn ich anfange zu grinsen, dann kann er sich auch nicht mehr halten. Wir beiden schütten uns aus vor Lachen und alle anderen schütteln den Kopf – was machen die da bloß? So schnell wird bei uns aus der Tragödie ein Lustspiel!

Wenn wir traurig sind reden wir überhaupt nicht, wir bleiben nur die ganze Zeit so dicht beieinander wie möglich, ab und an treffen sich unsere Blicke, wir halten diese Zeit dann gemeinsam durch, bis es wieder besser wird.

Abgesehen von meinen Aufenthalten in Deutschland haben wir uns in den letzten sechs Jahren nur einmal gezwungenermaßen getrennt. Seine Großmutter bestand darauf, daß er bei der neuen Familie in Togo bleiben sollte, in die seine Mutter eingeheiratet hatte. Wir alle bei AMPO wollten das nicht, denn dort gab es keine Schule und natürlich keinen Arzt. Selbst wenn dies der Fall gewesen wäre, hätte die Familie kein Geld für Medikamente gehabt oder es zumindest nicht für einen angeheiratetes Kind ausgegeben. Es stirbt sich schnell in Afrika.

Aber die Großmutter bestand darauf, kam jeden Tag zu AMPO, gab dem armen Panam heimlich Zaubermittel und warf sich tränenreich vor mir auf die Erde, um zu verdeutlichen, daß die Tradition es so wolle. Wir fragten den Chef der „Colonie togolaise“ in Burkina Faso um Rat, da wir nichts falsch machen wollten. Auch er versuchte der Alten beizubringen, daß es für das Kind bedeutend besser wäre, die Chance bei AMPO wahrzunehmen, aber das alles half nichts. Inzwischen hatte die Großmutter das Kind so unter Druck gesetzt, daß Panam nichts anderes übrigblieb als zuzustimmen. Eine fürchterliche Alte!

Nie werde ich vergessen, wie Panam und ich seine Sachen packten. Es ist nicht üblich in Burkina, seinen Schmerz zu zeigen und wir beiden schluckten und versuchten unsere Tränen zurückzuhalten, bis er schließlich abfuhr. Dann stürzte ich hinter das Büro und weinte bitterlich, genau wie auch Panam im Auto, Issaka hat es mir später erzählt. Keiner von uns beiden wollte dem anderen Kummer bereiten. Ich schickte unseren Erzieher Issaka Kargougou mit auf die Reise von vier Tagen, damit jedenfalls einer von uns sehen konnte, wo das Kind nun hinkam.

Issaka besuchte noch eine andere Familie in Togo und kam nach zwei Wochen wieder im Dorf von Panam vorbei. Er fand ihn krank vor der Hütte liegen und bestellte gleich den Familienrat. Da der Familie dieses anstrengende Kind sowieso zuviel und auch egal war, stimmten alle zu: er durfte wieder mit zu AMPO. Als dieser Entschluß fiel, raste Panam trotz Fiebers in seine Hütte und kam sofort mit seiner Tasche zurück, nahm die Hand Issakas und war bereit zur Abfahrt. Er hatte seine Sachen nämlich seit zwei Wochen gar nicht ausgepackt gehabt!

Für mich war inzwischen AMPO leer, trotz der 49 anderen Jungen. Jeden Tag sprachen wir von Panam, selbst seine eingeschworenen Gegner vermissten ihn! Vergessen seine Rechthaberei, seine Beleidigungen und sein anmaßendes Auftreten; daß er die Schule schwänzte und sich nie waschen wollte, war ja eigentlich nicht so wichtig. Wo ist Panam, er ist doch einer von uns?

Vier Tage später mitten in der Nacht kamen die beiden dann in Ouagadougou an. Issaka klopfte, bis ich wach war, und als ich die Tür öffnete, fiel mir kraftlos ein kleines Bündel von 8 Jahren in die Arme: mein Panamtougouri war endlich nach Hause gekommen.....

Am nächsten Tag rauschte er bei AMPO ein wie ein König, lässig lachend und alles mit einem Wink der Hand abtuend:

„Na und? Bin halt mal in Togo gewesen!“

Aber bis heute, wenn mal wieder was nicht klappt, frage ich ihn nur mit den Augen, ob er lieber nach Togo zurück möchte, und jedesmal dreht er sich um und geht sich waschen oder auch brav in die Schule....

Inzwischen gibt er sich gute Mühe in der Schule. Sein Dilemma ist typisch für ehemalige Straßenjungen, denn er ist intelligent, aber absolut unfähig zur Konzentration. Als Kind schon machte er ausschließlich was ihn interessierte und auch nur genauso lange, wie es Spaß machte, danach suchte er sich andere Tätigkeiten. Er kannte keinerlei Disziplin oder auch nur Ordnung, sein Tag verging mit betteln, schlafen, angeln, essen und spielen. Da eine Grundschulklasse in Burkina Faso zwischen 120 und 140 Kinder umfaßt, verlangt das Lernen auch viel Geduld. Selten kommt man als Erster dran, und das eben ist Panams Ziel: er oder keiner, ansonsten verliert er schnell die Geduld und dann geht er eben, so wie früher auch...

In burkinischen Schulen wird viel geschlagen, nicht mit der Hand, sondern mit Stöcken, Linealen und Peitschen. Wir haben schon viele Platzwunden auf Köpfen nähen müssen oder tagelang Rücken verpflastert. Oft müssen die Kinder stundenlang zur Strafe auf ausgestreutem Reis knien oder papierene Eselsohren tragen, wenn sie aus Versehen More anstatt französisch sprechen. Einmal nahm ich vier Kinder auf einmal aus einer Schule, weil der Lehrer unerträglich war. Natürlich ist es auch nicht leicht, so viele Kinder zu unterrichten, das stimmt. Es bleibt immer ungerecht, weil die Schüchternen zurückbleiben.

Auch in den Pausen wird sich in den Schulen viel geprügelt, die Aufsicht über so viele Kinder kann niemals ausreichen.

Hier sehe ich einen guten Beweis für unsere Erziehung bei AMPO: es ist sämtlichen Erwachsenen und Großen verboten, die Kleinen zu schlagen; damit sind wir eine große Ausnahme hier in Afrika. Tagelang, ja jahrelang habe ich mir in allen Personalversammlungen sagen lassen müssen, daß dies afrikanische Kinder seien und man sie züchtigen müsse. Ich als Europäerin würde nichts davon verstehen. Aber ich habe darauf bestanden und sogar schon Personal verwarnt oder entlassen, das sich nicht daran gehalten hat.

Und siehe da: in allen diesen acht Jahren hat es nur zweimal eine ernsthaftere Auseinandersetzung zwischen zwei Jungen gegeben, obwohl wir wahrlich einige rauhe Gesellen beherbergen – so langsam begreift nun sogar der Tischlermeister was ich meine!

So zeigt sich in der täglichen Praxis, daß Gewaltlosigkeit die bessere Lösung ist und darüber bin ich froh. Jeder AMPO-Junge hat einen Bruder, immer gehören ein Großer und ein Kleiner zusammen. Sie helfen sich gegenseitig, wenn einer von ihnen krank ist, schläft der andere bei ihm in der Krankenstation, wenn einer sich streitet, kommt der andere schlichten.

Wir haben die Erfahrung gemacht, daß übernommene Verantwortung das Wichtigste im Leben eines Kindes ist. Jemand der jahrelang auf der Straße war, wird mit Freuden auf einen kleinen Hund, ein kleines Huhn oder auch einen kleinen Bruder aufpassen. Endlich traut ihm jemand etwas zu und das muß er nun unter Beweis stellen, vor allen anderen Kindern. Zu Beginn läuft vieles schief, weil Zeiten oder Regeln nicht eingehalten werden, aber wenn man so etwas wie Regeln nie kannte, wie soll es auch gleich klappen?

Gott sei Dank ist dies das Land, in dem das Verzeihen geboren ist. Rat wird hier freigiebig verteilt und auch angehört, schon aus Respektsgründen.

Was Achtung und Respekt und Höflichkeit angeht, ist Burkina Faso sicherlich generell ein kleines Paradies. Die Achtung ist bei den Mossi schon in der Tradition begründet, jahrhundertelang begrüßte man die Alten und die Könige hier auf den Knien, viele tun es heute noch. Alle AMPO-Kinder, auch die Jungen, knicksen bei der Begrüßung!

Überhaupt dauert eine Begrüßung in diesem Lande längere Zeit, vor allem auf dem Lande kann sie gerne einige Minuten einnehmen. Man erkundigt sich mit festgelegten Formeln, nach Haus, Hof, Feldern, Vieh, nach Kindern, Frauen und Großeltern. Danach werden Wetter, Ernte und mögliche Abmachungen oder Reisen besprochen. Auch beim Abschied müssen alle in der Familie einzeln gegrüßt werden, viele Segen über Feld und Hof werden gesprochen und herzlich mitgegeben – ohne Segen geht hier gar nichts, die Segen waren das erste was ich in der Sprache der Mossi lernte.

Natürlich sieht das in der Stadt wieder ganz anders aus. Unter sich herrscht je nach Alter ein lässiger Ton, aber den Älteren gegenüber wird im Ganzen noch heute die Achtung erwiesen in Sprache und Umgangston, die Augen werden niedergeschlagen und der Kopf gesenkt.

Nach ein paar Witzen und einigen Scherzworten traut sich dann aber ein jeder doch, mit seinen Problemen oder Wünschen herauszurücken.

Diese schöne Höflichkeit, gemischt mit der unbändigen Lebensfreude, ist ein wahrer Grund, in Afrika alt werden zu wollen! Immer wieder erschrickt mich das Murren und Knurren in Deutschland, patzige Antworten von Kindern sind hier undenkbar. Ich habe schon Minister am Handy zusammenknicken sehen, wenn ihre Väter am anderen Ende des Telefons waren! Ja, hier muß ein Sohn normalerweise machen, was der Vater sagt, auch wenn der Sohn vielleicht 60 und sein Vater 80 Jahre alt ist, so gehört sich das in Afrika!

Und so hören unsere Kinder bei AMPO generell gut auf uns und auf sich untereinander, insofern haben wir es leichter als in Europa.

Selbst Panam mit seinem so eigenen Willen bleibt am Ende nichts anderes übrig als nachzugeben; allerdings muß ich bei ihm immer darauf achten, daß die Einsicht von ihm selber kommt, sonst fühlt er sich überrannt und in seinem Stolz verletzt. Das erfordert lange Gespräche, aber irgendwann kommt er dann zu mir zurück und findet alles richtig, sogar das Waschen sieht er inzwischen ein, nachdem ich ihn über Jahre nach der Ohrenkontrolle anerkennend zugeblinzelt habe - inzwischen kommt er von selbst und will seine Nägel geschnitten haben. Jeden Morgen kommt er frisch gewaschen und mit hochgezogenen Socken von der Pumpe, die Zähne strahlen von Sauberkeit und im Haar sind keine Wollfäden von seiner Schlafdecke – ich glaube es liegt daran, daß er so langsam die Mädchen entdeckt, und auch da will er natürlich mal wieder der Beliebteste sein, mein Panamtougouri!

2. Eine Ehre die ich nie vergesse

Jahrelang war ich um die Entscheidung herum geschlichen, jetzt merkte ich es deutlich. Gerade ich, allgemein bekannt für meine kurzen und konsequenten Entschlüsse!

Nun saß ich hier am Strand und wußte genau: es gab ein entscheidendes Loch in meinem Leben, das ich grandios und großflächig übertüncht hatte. Die großen Wellen des Atlantik rauschten herein, ich saß hier nun schon drei Tage lang.

Was wollte mein Leben von mir?

Und was hatte ich zu bieten?

Die Palmen rauschten wie im Kino.

*

Mein Leben sah so gut aus: meine Buchhandlung im Norden Deutschlands lief prächtig, die vielen Lehrlinge bereiteten mir Freude. Mein Sohn John war inzwischen groß genug um selbständig zu leben. Männer in meinem Leben hatte es reichlich gegeben, gute Freunde hatte ich auch.

Woran lag es denn, daß ich damit nicht fröhlich war? Ich hatte immer schöne Musik, feine Motorräder, konnte in meinem großartigen Garten arbeiten, in jede Richtung reisen und essen was ich wollte. Mehr konnte es doch nicht geben. Oder?

Viele Frauen hatten mir gesagt, wie sehr sie mich um mein Leben beneideten, sie sahen mich als Inbegriff der Emanzipation. Ich kümmerte mich wenig um meinen Ruf, ließ mich konsequent im Laufe meines Lebens dreimal scheiden und bezahlte jede Scheidung selbst. Obwohl ich in einer Kleinstadt wohnte, hatte ich einen Afrikaner geheiratet. Das kostete mich anfangs einige Kunden, aber nachdem sie merkten daß sich nichts änderte, kamen sie auch wieder zurück. Jedenfalls hatte ich eine Menge Spaß in meinem Leben!

Irgendwo gab es ein Lücke. Ich war immer so um Wahrheit und Ehrlichkeit anderen und mir selbst gegenüber bemüht, aber ich mußte etwas übersehen haben, und zwar etwas ganz Essentielles.

*

Die nächste Welle rollte auf den Strand, ich fühlte mich trostlos. Wo war die Lebensfreude in mir abgeblieben?

*

1989 war das Jahr in dem ich das erste Mal nach Afrika gereist war. Diesen dunklen Kontinent hatte ich bei meinen vielen weiten Reisen immer ausgelassen: zu gefährlich, alleine konnte ich dort nicht reisen, zu komplex, um auch nur etwas davon zu verstehen. Darauf wollte ich mich nicht einlassen.

Doch eines Tages landete einer der Asylanten aus unserer Stadt in der Psychiatrie. Ich war damals Mitglied des Vereines „Freunde der Asylanten“ und wir besuchten ihn dort abwechselnd.

Es ging ihm schlecht. Jedes Mal wieder fanden wir ihn ans Bett gefesselt oder in der Zwangsjacke, er wurde immer grauer und immer dünner. Wir versuchten, die behandelnde Ärztin dazu zu bewegen, sich mit Ärzten in Frankreich oder Belgien zu beraten, denn der kulturelle und traditionelle Hintergrund eines Afrikaners mußte doch anders aussehen als bei einem Deutschen! In diesen Ländern hatte man schon mehr Erfahrungen mit „verrückt“ gewordenen Afrikanern. Doch sie lehnte alle Hilfe ab.

In Afrika hat der Vogelflug eine große Bedeutung. Eines Tages bestellte die Ärztin den jungen Mann zu einem Gespräch in ihrem Behandlungszimmer im 4. Stock. Als er es betrat, flog vor dem Fenster ein Schwarm von Vögeln vorbei. Er stürzte schnell hin, um aus ihrem Flug zu lesen, die Ärztin aber drückte sofort den roten Knopf, weil sie dachte, er wolle sich aus dem Fenster stürzen – wieder kamen die Wächter, wieder wurde er ans Bett geschnallt und bekam Beruhigungsmittel – ein neuerliches Mißverständnis zwischen zwei Kulturen.

So konnte es nicht weitergehen. Mit Glück fand ich am Telefon einen Bruder von ihm, der in einer Zuckerfabrik im Süden von Burkina Faso arbeitete. Er war der festen Meinung, daß sein Bruder mit traditioneller Medizin geheilt werden könne, es handele sich um einen Zauber und in seiner Ethnie gebe es Mittel dagegen. Ich solle kommen und die traditionellen Medikamente holen.

Was tun?

Gerade war ich selbst von einer Reise zurückgekommen und hatte weder Zeit noch Geld, um mal eben nach Afrika zu fliegen. Da wollte ich doch auch gar nicht hin! Nirgendwo auf der Welt ist das Fliegen teurer als in Afrika – und noch dazu kannte mein Reisebüro die Hauptstadt Ouagadougou gar nicht – wer hatte denn so ein Wort schon mal gehört? Wo sollte das liegen? In der Sahelzone?

Inzwischen gab es so viele Widerstände, daß ich die Herausforderung annahm: ich kaufte ein Ticket nach Banjul in Gambia, das war damals das billigste auf dem Markt, betrachtete mir die Karte von Westafrika und dachte: Also, die 2000 Kilometer über Land bis Banfora sind bestimmt leicht zu schaffen. Grenzen? Bei meiner Reiseerfahrung sind die doch kein Problem!

Als Anfänger hatte ich keine Ahnung, wußte nichts vom Krieg in Mali, von Banditen im Zug, von nächtlichen Überfällen, schweren Unfällen auf Buschpisten mit überfüllten Kleinbussen, diffusen schweren Krankheiten, die im Busch ohne Arzt überstanden sein wollten, den vielen professionellen Betrügern und den kleinen Dieben. Inzwischen weiß ich: das Reisen in Afrika will bedacht sein, niemand weiß, ob und wann er ankommt, auch nicht in welchem Zustand. Selbst mit dem besten Auto, ausgerüstet mit zwei Ersatzreifen, Extrakanistern mit Diesel und Wasser, Kompaß griffbereit, kann immer noch etwas passieren. Dieser Kontinent ist so riesig, man kann sich darin verlieren.

Jeder in meiner Heimatstadt warnte mich, mein Mann war nicht einverstanden, mein Sohn John hatte Angst um mich, meiner Mutter erzählte ich lieber so wenig wie möglich und machte mich dann nach einer langen Impforgie auf den Weg.

Afrika!

Bis heute erinnere ich mich an die plötzliche Einsamkeit am Flughafen in Banjul, nachts um zwei Uhr. Die Pauschaltouristen für die Strandhotels wurden in Bussen abgeholt und ich stand ganz alleine vor der ersten Schwierigkeit: wie komme ich in die Stadt? Eigentlich stand ich dort schon als bereitwilliges Opfer für jeden Betrüger, aber ich hatte Glück Jemand nahm mich mit und setzte mich vor einem sehr zweifelhaften kleinen Hotel ab – es war ein Stundenhotel, die Nutten saßen auf der Treppe und amüsierten sich königlich über mich. Unter meinem Bett raschelten die Mäuse und in der kaputten Klimaanlage nisteten Tauben Während der gesamten Nacht liefen die Frauen den Flur entlang, klopften an alle Türen und riefen auffordernd: „Monsieur, c´est l´amour qui passe!“

Da ich natürlich nicht schlafen konnte, haben wir uns den Rest der Nacht gut unterhalten. Am Morgen ging dann meine erste afrikanische Sonne auf – ich sah den Dreck und die Armut, aber ich blickte auch in fröhliche Gesichter und konnte die allgemeine Lebensfreude nicht fassen! Bereitwillig wurde Tee mit mir geteilt, denn ich hatte noch kein gambisches Geld. Ein Teller mit mir zweifelhaftem Reis stand vor mir. Nach einem unsicheren Blick in die Runde begann ich genauso vergnügt zu essen wie die anderen Freundinnen dieser Nacht. Es hat mir nicht geschadet und für immer lernte ich an diesem Morgen dieses absolut natürliche Teilen, das in Afrika Gesetz ist.

So begann diese Reise in einen unbekannten Kontinent. Die Farben, die Anmut der Menschen, ihre Freundlichkeit und Bescheidenheit beglückten mich. Nie war ich sorgloser gereist! Und seltsamerweise wurden aus den größten Schwierigkeiten später immer Segen, alles klappte, für jedes Problem gab es eine Lösung.

Ich selbst trat dieser neuen Welt ganz offen entgegen, das erkennen Afrikaner sehr gut und helfen zu jeder Zeit.

An die Art und Weise des Reisens mußte ich mich erst gewöhnen – mit europäischem Eifer rannte ich morgens zu den jeweiligen Busbahnhöfen oder Haltestellen, an denen die berühmten Buschtaxis in verschiedene Richtungen abfuhren. Der Preis in die jeweiöige Richtung bis zum Zielort mauß ausgehandelt werden. Es dauerte Tage, bis ich begriff, daß die Fahrer mich schamlos anlogen.

„Pas des problemes, ja, natürlich, Madame, wir fahren gleich ab, in fünf Minuten!“

Aus diesen fünf Minuten wurden manchmal fünf Stunden, denn ein Buschtaxi fährt nur voll ab, und voll heißt überladen. Zwei bis drei Menschen, Schafe, Mopeds, Gemüsekörbe oder Bananenbüschel passen immer noch hinein, während der Fahrt rüttelt sich dann alles zurecht! Was ist schon Zeit in Afrika? Immer vorhanden, ein Sprichwort sagt: “Zeit kommt immer mehr.“

Ich ärgerte mich selten, denn diese Haltestellen waren voller Leben und Wunder für mich. Überall gab es Musik, schöne Farben und Rätsel. Egal an welcher Ecke man mich absetzt hier in Westafrika, bis heute habe ich mich noch nie gelangweilt.

Es geschieht immer soviel, und ich bin mittendrin im Leben!

Immer gibt es Gesprächspartner, die nur allzu bereit sind, aus ihrem Leben zu erzählen. Viele lustige Mißverständnisse bei der Frage nach dem woher und wohin bedürfen der Aufklärung, es wird Tee getrunken, Aspirin verteilt und Essen ausgegeben. Kochrezepte werden ausgetauscht, Krankheiten verglichen und Zeitungsartikel diskutiert, je nach Nachbarn, Sprache und Reiserichtung. Freundliches Interesse und ausgesuchte Höflichkeit begegneten mir überall. Dies sollte das gefährliche Afrika sein, vor dem mich alle so warnten? Alle meine Fragen wurden von Mitreisenden beantwortet, jeder fand mein Interesse schön und klärte mich auf.

Warum tragen diese vier Frauen die gleichen Kleider?

Sie haben den gleichen Mann, der ihnen gemeinsam einen Stoffballen geschenkt hatte und demonstrieren in dieser Form ihren Familiensinn.

Warum hatte meine Banknachbarin ihre Hände so schön mit Henna gefärbt?

Sie fährt zu einer festlichen Hochzeit.

Warum durfte ein Mann bei den Mossi seine Frau nicht mit ihrem Namen anreden?

Aus Gründen des Respekts – vor der Heirat ist es noch möglich, aber danach nicht mehr. Selbst Schwiegereltern werden hier noch in der fünften Form angeredet.

Warum haben die Hütten in diesem Dorf hier weiße Striche?

Das vielleicht magische Auge eines Fremden wird damit abgewendet.

Warum müssen wir bei den kleinen Wirbelstürmen das Auto anhalten?

Darin steckt ein schlechter Zauber, sogar ein Fluch.

Warum tragen die Babys winzige kleine Halsketten?

Wenn sie Zähne bekommen haben sie dann keine Schmerzen.

Warum haben so viele Menschen kleine Narben unter dem linken Auge?

Der Flug eines Nachtvogels kann eine unheilbare Krankheit bei Schwangeren und Kindern auslösen – durch diesen Schnitt wird er abgewehrt.

Eine neue Welt! Ich war hingerissen.

Und völlig durchgeschüttelt! Meistens gab es keine Asphaltstraße, sonder Piste, durchlöcherte Sandstraßen, deren Oberfläche die Form von Wellblech hat. Unter 70-80 Stundenkilometer kann man nicht fahren, sonst fällt man in jedes Wellblechtal, darüber ist es höchst gefährlich, denn wenn der Wagen ins Schleudern kommt ist auf dem Sand das Bremsen kaum möglich. Da es zur Regenzeit sonst kein Durchkommen gibt, sind die meisten dieser Pisten hochgelegt, das heißt rechts und links daneben geht es einen bis drei Meter abwärts, bei den meisten Unfällen überschlagen sich die Autos hier mehrfach. Eine Wissenschaft für sich, das Fahren im Sahel.

Wir sind aber immer gut davongekommen.

Mein Glück schien zu enden, als ich schließlich zwei Wochen später nachts in der Zollstation zwischen Mali und Burkina Faso ohnmächtig wurde. In San hatte ein kleiner Dieb mein letztes Geld gestohlen, ich hatte nur noch Travellerschecks und es war außerordentlich kompliziert gewesen, einen Fahrer zu finden, der bereit war, mich nach Bobo-Dioulasso zu fahren, über die Grenze und nachts. Ich hatte hohes Fieber, mir war ständig schlecht und mein Nacken schmerzte – was konnte das nur sein? Ich mußte irgendwie einen Arzt erreichen.

Diese nächtliche Reise trage ich noch heute wie einen Traum in mir – mitten im Busch wurden wir von einer malischen Militärpatrouille angehalten, rund um das Auto wurden geräuschvoll etliche Kalashnikoffs entsichert, wir waren umstellt. Die Gesichter der Männer waren böse verzerrt, das Licht des kleinen Feuerzeuges ließ die Narben in ihren Gesichtern tief eingegraben erscheinen.

Natürlich war es verboten, auf Nebenwegen über die Grenze zu fahren – aber ich hatte überhaupt keine Angst, obwohl wir lautstark angebrüllt wurden. Mein Fieber war so hoch, daß mir alles vorkam wie im Traum. Mechanisch reichte ich mein Zigarettenpäckchen aus dem Fenster und interessierte mich viel mehr für einen riesigen gelben Mond, der soeben über einem Feld aufging und über den gesamten Horizont zu reichen schien. Faszinierend! Nach einigen aufgeregten Sätzen schienen sich Fahrer und Militär zu beruhigen, ein wenig Geld wechselte den Besitzer und wir fuhren weiter. Glück gehabt, denn es gab immer noch viele Scharmützel an dieser Grenze – das erfuhr ich erst Tage später. Die Afrikaner sagen hier :

“ Die Köpfe der Weißen sind gezählt....“

Eine Stunde später fiel ich in der Zollstation von Burkina Faso um.

Noch bevor ich die Augen aufschlug, roch ich das Petroleum und hörte ich die Zikaden – dann blickte ich in ein einziges breites Grinsen, beleuchtet vom kleinen Licht einer Petroleumlampe, die Zähne leuchteten weiß.

Immer noch hatte ich keine Angst!

Es war Rayayesse, ein Zollbeamter, der mich aufgefangen hatte in dieser Nacht. Später wurde er der beste Freund, den ich jemals hatte.

In seiner Familie wurde ich geheilt, seine Frau braute mir bittere Medizin, Tage verbrachte ich still sitzend mit seinen Kindern in ihrem Hof. Ein Heiler wurde bestellt. Er kam und schrieb mit dem schwarzen Tintensud ausgesuchter Pflanzen interessante Worte murmelnd auf ein Holzbrett, das dann abgewaschen wurde. Die Mischung aus Tinte und Wasser wurde über meinem Kopf ausgegossen. Er zählte stundenlang Kaurimuscheln ab im Sand, nickte leise und gab aufmunternde Laute von sich. Ich fühlte mich ernst genommen und gut aufgehoben. Bitterer schwarzer Sud mußte getrunken werden, ich mußte mich mit heißem Kräuterwasser übergießen. Nach einigen Tagen ließ das Fieber nach und ich fühlte mich besser. Rayayesse brachte mich in die Stadt. Eine Meningitis, meinte der Arzt, und daß ich Glück gehabt hätte....

Glück! Ja, mein Glück dauerte an! Rayayesse lieh mir sein Motorrad, ich fuhr alleine weiter nach Banfora, traf den Bruder des kranken Mannes in Deutschland und mußte eine Woche lang auf die traditionellen Medikamente warten – inzwischen hatte ich ja Geduld gelernt, mein Flieger hob ohne mich ab in Banjul.

Das gab mir Zeit, mehr über Afrika zu erfahren.