Mama Ukraina, Papa Russia - Olexesh - E-Book

Mama Ukraina, Papa Russia E-Book

Olexesh

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Beschreibung

Olexesh steht für harten Straßenrap. Seine Songs drehen sich um Armut, Drogen, Kriminalität. Aber hinter der brutalen Gangstarap-Fassade steckt ein Mensch, den das Erlebte nie kaltgelassen hat. In seinem Buch erzählt Olexesh von seinen ersten Lebensjahren in Kiew. Von seinen Erinnerungen an den Vater, einem Russen, der in die USA auswanderte. Und von seiner Mutter, einer Ukrainerin, die mit ihm nach Deutschland ging. Von der Zeit, als niemand an ihn glaubte, er sich mit krummen Dingern über Wasser hielt und das Glück und die Anerkennung in der Musik fand. »Mal deine Bilder fertig«, lautete der Rat seiner Mutter. Olexesh hat ihn befolgt. Der Erfolg gibt ihm recht.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 441

Veröffentlichungsjahr: 2022

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OLEXESH

MAMA UKRAINA PAPA RUSSIA

MIT GUNNAR KRUPP & NIKO BACKSPIN

OLEXESH

MAMA UKRAINA PAPA RUSSIA

VOM ASYLANTENHEIM IN DIE CHARTS

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen

[email protected]

Einige Orte und Namen in diesem Buch wurden anonymisiert, um die Persönlichkeitsrechte der Beteiligten zu wahren.

Die Bilder stammen aus dem privaten Archiv des Autors.

Wichtiger Hinweis

Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.

Originalausgabe

1. Auflage 2022

© 2022 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Türkenstraße 89

80799 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Redaktion: Sabine Franke

Umschlaggestaltung: Goran Gardes, Karina Braun

Umschlagabbildungen: Sascha Prieters

Satz: abavo Gmbh, Buchloe

eBook: ePUBoo.com

ISBN Print 978-3-96775-000-3

ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-0876-1

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-0877-8

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.rivaverlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter: www.m-vg.de

Inhalt

Prolog Der Krieg

Kapitel 1 Die Haare und der Fernseher

Kapitel 2 Die Mafia

Kapitel 3 Die Verkleidung

Kapitel 4 Der Sandberg im Hof

Kapitel 5 Das Blut auf dem Asphalt

Kapitel 6 Der Plan

Kapitel 7 Die Flucht

Kapitel 8 Die Ankunft

Kapitel 9 Das Heim

Kapitel 10 Die Einschulung

Kapitel 11 Die Lehrerin

Kapitel 12 Das Wunderland

Kapitel 13 Das andere Heim

Kapitel 14 Das Frauenhaus

Kapitel 15 Die Heimkehr

Kapitel 16 Der Pizza-Express

Kapitel 17 Die Köche

Kapitel 18 Das Gras

Kapitel 19 Die Lotterie

Kapitel 20 Die Sirenen von Schwalbach

Kapitel 21 Der Vorfall

Kapitel 22 Die Folgen

Kapitel 23 Die CD

Kapitel 24 Die ersten Texte

Kapitel 25 Die Hip-Hop-AG

Kapitel 26 Der neue Eminem

Kapitel 27 Die Freundin

Kapitel 28 Der letzte Schultag

Kapitel 29 Der Film

Kapitel 30 Der Neuanfang

Kapitel 31 Die Sonderschule

Kapitel 32 Das Jugendzentrum

Kapitel 33 Die Tarnung

Kapitel 34 Das Tonstudio

Kapitel 35 Die Parkbank

Kapitel 36 Die Security

Kapitel 37 Die ARGE – 1. Akt

Kapitel 38 Die Handys

Kapitel 39 Der Contest

Kapitel 40 Der Raub

Kapitel 41 Der Weihnachtsbaum

Kapitel 42 Die Mandalas

Kapitel 43 Die ARGE – 2. Akt

Kapitel 44 Die Sandwiches

Kapitel 45 Die Liste

Kapitel 46 Die ARGE – 3. Akt

Kapitel 47 Der Supermarkt

Kapitel 48 Die Couch

Kapitel 49 Der Name

Kapitel 50 Das Familien-restaurant

Kapitel 51 Die Briefe

Kapitel 52 Das Blinken der Automaten

Kapitel 53 Die Leere

Kapitel 54 Die Facebook-Page

Kapitel 55 Der Anruf

Kapitel 56 Die Entdeckung von Bornheim

Kapitel 57 Der Junkie auf der Autobahn

Kapitel 58 Feuer

Kapitel 59 Die Nacht der Baguettes

Kapitel 60 Das Mixtape

Kapitel 61 ARGE – 4. Akt

Kapitel 62 Der Vertrag

Kapitel 63 Der Straßencocktail

Kapitel 64 Der Straßenbau

Kapitel 65 Die Pause

Kapitel 66 Die Tour

Kapitel 67 Die Augen waren Husky

Kapitel 68 Das Kind

Kapitel 69 Das Auto

Epilog Der Krieg

»Der Rap lässt meine dunkle Seite raus. Er ist wie ein Schatten, der mich begleitet. Das, was andere nicht aussprechen wollen oder können, bei mir haut es der Rap raus. Er ist immer da.«

Mein Vater ist aus Russland, meine Mutter aus der Ukraine. Am 24.02.2022 kam es zum Krieg zwischen diesen beiden Ländern. Die russische Armee marschierte in das Land ein, in dem ich zur Welt kam. Ich saß fassungslos vor dem Fernseher, schaute tagelang die Nachrichten, sah Soldaten in den Straßen kämpfen, in denen ich einst mit Kreide bunte Bilder malte. Große Teile meiner Familie leben noch immer in Kiew. Ich werde immer wieder gefragt, wie ich mit dieser Situation umgehe. Ich bin vor allem sprachlos, verabscheue jede Art der Gewalt, Waffen und Krieg und brauche vermutlich noch viel Zeit, um zu begreifen, wie und vor allem warum all das passiert ist.

In diesem Buch möchte ich euch meine Geschichte erzählen. Euch mitnehmen in meine Kindheit, wie ich meine Musik brauche, um Geschehnisse zu verarbeiten, und wie dieser Tag im Februar 2022 mein Leben noch einmal veränderte.

Aber beginnen möchte ich ganz am Anfang. In Kiew.

Prolog

Der Krieg

Der Kripaks patrouilliert über den Makadam

Mit Walkie-Talkie sucht er nach Infos und Namen

Sie wollen wissen, wie ich heiß’

1988 Kiew, google nach dem Scheiß

Olexesh, »Makadam«

Kiew, 1988

Lena schrie. Sie schrie, weil das Kind kam, das über neun Monate in ihr herangewachsen war. Hätte sie damals, vor über neun Monaten, gewusst, wie so eine Geburt abläuft, sie wäre wohl kaum mit sechzehn schwanger geworden, hätte besser aufgepasst. Doch in der Sowjetunion sprach man nicht über Verhütung, man sprach allgemein über wenig. Niemand hatte sie gewarnt und jetzt, wo die Wehen einsetzten, war der falsche Zeitpunkt, sich über ihre Dummheit, das System oder die Tatsache, dass man in der Sowjetunion allgemein über wenig sprach, zu ärgern.

Normalerweise sollte eine schwangere Frau wohl von ihrem Mann ins Krankenhaus begleitet werden oder er zumindest dafür sorgen, dass der Krankenwagen sie pünktlich abholt. Diese Aufgabe erfüllte Lenas Mutter, da der Erzeuger mit eingegipstem Bein und höchstwahrscheinlich voll mit Drogen bei seinen Eltern vor sich hinvegetierte. Dass er nicht bei ihr war, empfand Lena als durchaus positiv. Ihre Unterlippe hatte die Schwellung, die seine Faust in der Woche zuvor hinterlassen hatte, gerade erst überwunden. Und auch der Tritt in ihren Magen und der anschließende misslungene Versuch eines weiteren, bei dem ihr Mann sich den Fuß brach, hatte keine bleibenden Schäden hinterlassen. Nicht bei ihr. Bei dem Kind in ihrem Bauch sah das vielleicht anders aus. Lena wusste es nicht.

Quietschend öffneten die stummen Sanitäter die Hintertüren des Krankenwagens. Die Ausrüstung war spärlich: Es gab keine Lichtquelle, Kabel schlängelten sich von der Wand über den mit seltsamen Farben verschmierten Boden. Das Einzige, das Lena an einen Notarztwagen erinnerte, waren die unterschiedlich geformten Blutflecken, die, stümperhaft mit ausgewaschenen Tüchern überdeckt, den Untergrund pflasterten. Die Trage, deren Schrauben lose umherrollten, war offenbar zu Geld gemacht worden. Alles, was nicht wirklich fest angeschweißt war, wurde zu Geld gemacht. Es waren schlechte Zeiten. Lena nahm auf der Holzbank Platz. Sie sah aus, als hätten die Sanitäter sie auf dem Weg zu ihr aus einem anliegenden Park rausgerissen und mit einem Seil halbherzig an die Innenwand des Krankenwagens gebunden. Im Bauch boxte das Kind, als sich die Türen schlossen und sie in der Dunkelheit einsperrten. Sie war allein. Ihre Mutter und sie hatten sich nicht richtig verabschieden können. Vielleicht durfte sie ja aber auch im Fahrerhaus zwischen den Sanitätern mitfahren und ihr während der Geburt zur Seite stehen. Ach, wären sie doch einfach zusammen zu Fuß gegangen, wie Lena es eigentlich vorgehabt hatte. Das Krankenhaus lag nur wenige hundert Meter von ihrer Wohnung entfernt. Durch das Fenster der Gemeinschaftsküche konnte sie die grüne Fassade sehen.

Nun musste sie sich festkrallen, um nicht von der Bank auf den Boden zu rutschen. Die holprige Fahrt dauerte bloß vier Minuten. Zwei weitere Sanitäter warteten bereits am Eingang, als sie endlich aus der Dunkelheit befreit wurde. Der vertrocknete Baum sah aus wie eine knochige Hand, die versuchte, die tief stehenden, grauen Wolken herunterzuziehen. Sie führten sie in das Gebäude. Mit den Augen suchte Lena nach ihrer Mutter, fand sie nicht. Es roch nach Desinfektionsmittel. Doch noch auffälliger war, dass alles dieselbe sterile Farbe hatte: die Wände, die Kittel, die Vorhänge. Noch nie hatte sie so viel sattes Grün gesehen.

»Ausweis!«, sagte einer der Helfer und streckte ihr die Hand entgegen. Lena zog das Portemonnaie aus der Tasche und der Sanitäter griff zu, durchwühlte die Fächer, bis er fündig wurde. Emotionslos flogen seine Augen über das Dokument, bis er nickte und die Geldbörse, statt sie ihr zurückzugeben, in einen Schrank hinter dem Tresen legte.

»Ausziehen!«, sagte der zweite Helfer, und bevor Lena nachfragen konnte, wurde sie unsanft in eine winzige Kabine gestoßen. Zitternd entkleidete sie sich bis auf die Unterwäsche. Es klopfte. »Komplett ausziehen!«

Sie stutzte. Woher wussten die Männer, dass sie noch BH und Höschen trug? Man stellte keine Fragen. Nicht solche, nicht hier. Sie tat, was verlangt wurde. Die Tür öffnete sich und einer der Männer packte sie am Arm. Ihr Herz klopfte und das Kind in ihrem runden Bauch ebenso. Sie wurde in einen gekachelten Raum geführt. Die Fliesen waren kalt und feucht. Einen kurzen Moment war sie allein, stand nackt in einer Art Kammer, die sie mehr an einen Schlachtkeller als an ein Krankenhaus erinnerte. Eine streng aussehende Frau mit eng gebundenem Pferdeschwanz kam mit einem größeren Gerät, das sie auf Rollen hinter sich herzog, durch die Tür. Sie nahm den langen Stab, der in der Halterung steckte, in beide Hände. Er ähnelte den Gewehren, die die Soldaten in der Stadt mitführten. Sie drückte den Auslöser. Es brummte. »Augen zu!«, sagte sie und Lena gehorchte.

Es wurde kalt. Druckvoll schoss der Wasserstrahl auf ihre Haut, sodass es fast wehtat. Die Gase des Desinfektionsmittels stiegen in ihre Nase. Kurz hatte sie das Gefühl, ihre Gedanken würden abdriften und sie vom strengen Alkoholgeruch einfach umkippen. Das Kind boxte, verhinderte die drohende Ohnmacht. Das Brummen verhallte und Lena öffnete die Augen. Die Frau schmiss ihr ein raues Handtuch entgegen und zeigte auf einen Haufen mit Nachthemden. »Davon ziehst du ein passendes an!«

Lena nickte stumm, trocknete Körper und Haare und zog am feuchten Stoff eines der Hemden. Das Muster bestand aus aufgedruckten Logos des Gesundheitsministeriums. Sie schlüpfte hinein, streifte es über die nackte Haut. Es war kalt. Der muffige Geruch ließ sie zusammenzucken. Ab dem Dekolleté bis runter zum Bauchnabel war der Stoff aufgerissen. Seltsam. Sie durchwühlte den Haufen, fand kein heiles Hemd. Alle hatten diesen Riss, der den Bauch freilegte. Die Frau zückte eine kleine Schere, griff nach Lenas Hand. So fest, dass die Finger es nicht einmal mehr schafften zu zittern. Sie setzte an und schnitt die Fingernägel so weit herunter, dass kein weißer Rand mehr übrig blieb. Dann kniete sie sich hin und tat selbiges mit den Zehennägeln. Als sie fertig war, zog sie ein Stück Watte aus dem Kittel und überschüttete es großzügig mit Jod, strich über die Zehen, die Finger, deren vorderste Kuppen sich dunkelgrün färbten.

Das Kind boxte im Bauch und Lena krümmte sich, als die Ärztin sie den langen, dunklen Flur entlangdrängte. »Weiter!«

In der Ferne hörte sie das Schreien der Babys und Frauen. Unerträgliche Laute, die sich in ihr Hirn brannten und alles infrage stellten. Was waren das für unmenschliche Zustände? Wo war ihre Mutter? Sie kamen zu einer breiten Tür, die von einem abgenutzten Keil offen gehalten wurde. Lena hielt sich am Türrahmen fest. Der Schmerz wurde immer stärker.

Der große Saal lag im Dunklen. In zwölf Betten krümmten sich die schwangeren Frauen, schrien, zappelten, keuchten, die jodfarbenen Finger krallten sich in den dünnen Stoff der Bettlaken, hinterließen Abdrücke und Risse. Alle trugen die gleichen, vorne offenen Nachthemden. Lena bekam das Bett am Ende des Raumes, legte sich flach auf die Matratze und versuchte sich die Kissenenden in ihre Ohren zu drücken, um die quälenden Schmerzensschreie auszublenden. Sie fühlte ihr Kind und wie es gegen die Innenwand drückte. Bald würde es kommen.

In der Nacht wurden die Frauen abgeholt. Eine nach der anderen verließ schlurfend den Saal. Lena beobachtete alles, brachte kein Auge zu. Zunehmend verstummten die Schreie, bis das letzte Bett herausgeschoben war und man sie mit der Dunkelheit, mit der Stille allein ließ.

Sie fühlte, dass das Laken unter ihr nass geworden war. Was war passiert? Blutete sie? Langsam tastete sie ihren Körper ab. Was war mit dem Baby? Irgendwas stimmte hier nicht. Das war nicht normal. Ein seltsam kribbeliges Gefühl durchfuhr ihr Nervensystem und für einen Moment war ihr so, als stünde der Tod am Fußende des Bettes, bereit, sie auf der Stelle mitzunehmen. Sie versuchte sich aufzurichten, scannte den Raum nach einer Fluchtmöglichkeit, fand einen Lichtspalt durch die Flügeltüren blitzen. Einmal noch aufbäumen. Ein letzter Versuch, Gevatter Tod zu entkommen. Sie setzte einen Fuß auf den Boden. Der Schweiß tropfte von ihrer Stirn. Hatte sie Fieber? Das gesamte Hemd war nass und kalt. Sie drückte sich hoch, stellte sich wankend auf. Für die ersten Gehversuche musste sie sich am Bett abstützen. Für den Rest, bis zum Ende des Lichts, gab es keine Hilfe. Das musste sie ganz allein schaffen. Sie spürte das Kind nicht mehr. Sie ließ los und langsam, Schritt für Schritt, quälte sie sich in Richtung Tür. Ihre Atmung war schwer, vom Hemd tropfte es auf den PVC-Boden. Kurz musste sie sich auf den Knien aufstützen, um Kraft für die letzten Meter zu sammeln. Sie würde nicht aufgeben! Niemals! Würde es irgendwie schaffen! Und als ob es gemerkt hatte, dass seine Mutter Unterstützung brauchte, begann das Baby sich zu bewegen. Ganz leicht nur und doch für Lena merklich. Zusammen kriegen wir das hin! Sie richtete sich auf, strich die schweißnassen Haare aus dem Gesicht und ging weiter, drückte mit der flachen Hand gegen die Tür und blickte auf den riesigen Körper der Ärztin, die sie entsetzt ansah. »Was machen Sie denn hier?«

Lena keuchte. »Irgendwas stimmt nicht. Es ist alles nass.«

Ein kurzer Blick und die Sache war klar: »Ihre Fruchtblase ist geplatzt.« Lena wusste nicht, was das bedeutete, hatte noch nie etwas von einer Fruchtblase gehört. Die Ärztin schien überlegen zu müssen, bevor sie den Gang hinunterzeigte. »Kommen Sie mal mit durch die Tür dahinten!« Keuchend folgte Lena, auch wenn der Weg endlos schien.

Am 25. Februar 1988 kam das Kind unter höllischen Schmerzen in Kiew zur Welt. Als die Ärzte es Lena zeigten, war sie so von der starken violetten Farbe überrascht, dass sie ihre Erschöpfung für einen Moment vergaß. Sie hielten es ihr vor die tränenunterlaufenen Augen und alles, was sie sah, waren die lila Hoden. Ein Junge. Olexiy. Es war überstanden, dachte sie noch, bis die Ärzte das Kind wegtrugen und die Bettdecke ein weiteres Mal hochhielten. Mit einem heftigen Ruck zogen sie die Nachgeburt heraus. Ein Höllenschmerz. Sie schrie. Es fühlte sich an, als würden alle inneren Organe auf einmal herausgerissen. Die Männer reagierten nicht, niemand half ihr, hielt ihre Hand oder redete ihr gut zu. Die Schwester holte einen langen Stab hervor, an dessen Spitze Watte befestigt war. Dann fischte sie eine kleine Flasche aus der Tasche ihres Kittels und tränkte alles mit giftgrünem Desinfektionsmittel. Der plötzlich eintretende, brennende Schmerz überraschte Lena so heftig, dass sie laut brüllte, die Hände auf das Laken schlug, keuchte, als die Schwester den Stab in ihr herumdrehte und ihr Inneres unsanft desinfizierte. Sie fühlte sich wie ein Suppenhuhn, das ausgenommen dalag.

Man schob sie zurück in den Raum mit den anderen Frauen, legte sie auf das noch immer nasse Laken. Lena zog sich die Decke über den Kopf und hoffte einfach nur, die letzten Stunden irgendwann vergessen zu können.

Nacheinander bekamen die neuen Mütter die eingewickelten Babys überreicht. Immer wieder glaubte Lena kurz, sie wäre endlich an der Reihe, ihren Olexiy zu sehen, ihn an sich zu drücken und dann, so schnell es ging, aus diesem Kerker zu verschwinden. Und immer wieder zog ein Gefühl der Enttäuschung durch ihren Körper, als ein Kind einer anderen Mutter gebracht wurde. Abends fragte sie einen der Ärzte, wo denn ihr Sohn sei.

»Der hat Gelbsucht«, war die kurze Antwort. Natürlich wusste sie nicht, was das bedeutete. Und als am nächsten Tag wieder Babys verteilt wurden und sie die Letzte war, die noch auf ihren Sohn wartete, verlor sie kurz die Hoffnung. Alle Mütter waren glücklich und zufrieden, hielten strahlend die eingewickelten Babys im Arm. Bald musste es doch so weit sein?! Bei jedem noch so kleinen Geräusch, das aus dem Flur kam, dachte Lena, der Zeitpunkt wäre gekommen.

Abends, als die Hoffnung am tiefsten Tiefpunkt war, brüllte am Ende des Ganges eine Frau. Lena schreckte auf. Da war noch etwas anderes, das sie hörte. Auch ein Kind schrie. Und obwohl sie es nur kurz wahrgenommen hatte, erkannte sie es sofort.

»Wem gehört denn dieses verdammte Kind hier?«

Lenas Augen wurden größer. »Mir! Mir, das ist Olexiy! Mein Sohn ist das!«

Die riesige Krankenschwester schob das Kind auf einem Wagen durch den Saal. Lena bekam endlich ihren Sohn überreicht. Eingewickelt bis zum Kopf. Die violette Farbe war verschwunden. Noch etwas gelb schaute er seine Mutter an, die ihn fest an sich drückte.

Kapitel 1

Die Haare und der Fernseher

So wie das Land es will, Korruption, Hungerlohn

Slawisches Reich mit endlosen Zeitzonen

Krumme Dinger drehen, immer schön den Mund halten

Wirtschaften in 10 Varianten

Olexesh, »Gewaltmonopol«

Kiew, 1991

»Du hältst jetzt deine Schnauze, Olexiy!« Nikolaj tobte, hatte beide Hände tief in meine Haare versenkt. Die Muskeln angespannt, zog er, so doll er konnte. Der Schmerz war unglaublich. Als würde mein Stiefvater die komplette Kopfhaut abziehen wollen. Laut schrie ich auf. Es gab einen Ruck, und wir beide landeten unsanft auf dem Boden. Der Geruch von Kondensmilch stand im Raum und er starrte auf das Büschel blonder Strähnen, das zwischen seinen Fingern steckte. Ich fühlte die kahle, brennende Stelle am Hinterkopf. Nach der kurzen Schrecksekunde fing er an, mich zu beschimpfen, während er, mit der geschlossenen Faust gestikulierend, durchs Wohnzimmer stampfte und nach einer Möglichkeit suchte, die Haare zu entsorgen. Im Müll würde meine Mutter sie sofort entdecken. Er zog also den Fernseher im Einbauschrank ein Stück vor, streckte seinen Arm in den Zwischenraum und öffnete die Hand. Hass. Ich war drei Jahre alt und hasste ihn in diesem Moment, wie ich nichts vor ihm gehasst hatte. Ein drei Jahre alter Junge sollte so tiefen Hass niemals verspüren. Ich zitterte, kauerte an der Wand, wimmerte und hoffte, er würde nicht wieder auf mich losgehen.

Ich wurde im Jahr des Drachen geboren, kurz bevor Jean-Claude Van Damme mit »Bloodsport« seine Actionfilmkarriere startete. Davon war nichts mehr zu spüren. Meine Mutter und ich teilten uns mit mehreren anderen Parteien eine Kommunalwohnung in Kiew. Mein leiblicher Vater war mit seiner ganzen Familie einen Monat nach meiner Geburt nach San Francisco ausgewandert. Er wollte über meine Mutter bestimmen, nahm sämtliche Drogen dieser Welt, schlug sie beinahe täglich und klaute alles, was nicht angewachsen war oder streng bewacht wurde. Obwohl ihn das auch nicht immer aufhielt. Er war mehrfach vorbestraft. Diebstahl, Drogen, Gewalt. Und so war es eine Erleichterung, als seine Familie beschloss, das Land zu verlassen. Freudig unterschrieb meine Mutter alle Scheidungspapiere, sodass er abhauen durfte und sich nicht mehr um sie oder seinen neugeborenen Sohn (mich) kümmern musste. Als Entschädigung für die ausfallenden Alimente schlug seine Familie vor, meiner Mutter einen Pelzmantel zu kaufen. Sie lehnte ab. Die Auswanderung war Segen genug. Außerdem waren Pelzmäntel nutzlos: Man konnte sie weder essen noch irgendwo ohne größeren Aufwand zu Geld machen. Denn in unserem Umfeld hatten die Leute kein Geld. Erst recht nicht für protzige Kleidung. Sie hatten gar nichts. Die Mäuse führten Kriege gegen die Kakerlaken, ihr Schlachtfeld war unsere Wohnung.

Meine Mutter studierte Kunst. Sie malte Bilder und nahm mich häufig mit zu den Kursen, weil sie sich niemanden leisten konnte, der auf mich aufpasste. Dort entstand auch ein Foto aus dem Album Makadam: ich, als Baby, mit weißem Mützchen. Das machte meine Mutter nach einer Kunstprüfung in der Uni, an der damals auch die Klitschko-Brüder studierten. In dieser Zeit lernte sie ihren zweiten Mann Nikolaj kennen. Ich war sechs Monate alt, als sie sich ineinander verliebten und zusammenzogen. Zwei Jahre später heirateten sie.

Bis zu dem Moment, als Nikolaj meine Haare hinter dem Fernseher entsorgte und der Geruch von Kondensmilch in meine Nase zog, verstanden wir uns relativ gut, waren fast so etwas wie eine kleine Familie. Ich hatte nichts Schlimmes gemacht, nur gedankenversunken mit Lego gespielt, während er versuchte, auf dem Sessel zu schlafen. Seitdem er die Nächte dafür nutzte, in Casinos unser Geld zu verspielen (oder, wie er es formulierte: zu verdoppeln), benötigte Nikolaj jede Sekunde am Tag, um die Ruhe zu finden, die ihm die blinkenden Automaten stahlen. Schwierig, da unser Teil der Wohnung aus nur einem Zimmer bestand, wo ein Junge im spielfreudigen Alter in der Legokiste wühlte, um den einen, besonderen Stein zu finden, der sein Spielzeug vollenden sollte. Erst jetzt bemerkte ich den langen Riss in meiner Hose, der wohl entstanden war, als ich durch die ausgerissenen Haarwurzeln zu Boden ging.

Als meine Mutter an dem Abend von einem Kunstseminar nach Hause kam, entdeckte sie als Erstes die fehlenden Haare.

»Was ist passiert?«, fragte sie schockiert.

Ich hatte es fast schon wieder vergessen, musste ernsthaft überlegen. »Der Papa hat mir die rausgerissen.«

»Das stimmt nicht!«, fauchte Nikolaj aus seinem Sessel.

»Doch, es stimmt! Er hat sie mir rausgerissen und hinter den Fernseher geworfen.«

Nikolaj krallte die Finger in die Armlehne, die an dieser Stelle schon abgewetzt war. »Der Junge lügt! Er hat zu viel Fantasie!«

»Wie kann ein Junge zu viel Fantasie haben?«, fragte meine Mutter, kniete sich vor den Einbauschrank und fühlte mit der Hand hinter den Fernseher. Dort fand sie meine Haare und war fassungslos. Als sie dann noch den Riss in der Hose bemerkte und ich ihr erzählte, was vorgefallen war, wurde sie sauer und wollte meinen Stiefvater zur Rede stellen. Doch statt einer Diskussion gab es eine schallende Ohrfeige. Meine Mutter ging in die Knie und das Gespräch war beendet. Auf allen vieren half sie mir dabei, meine Hose auszuziehen, sie wollte sie mit ihrer Nähmaschine flicken. Doch auf dem Beistelltisch, wo das Gerät gestern noch gestanden hatte, konnte man es durch den helleren Tischabdruck nur noch erahnen.

»Nikolaj, wo ist meine Nähmaschine?«, fragte sie, während sie sich mit den Fingern ihre Tränen aus dem Gesicht wischte.

»Verkauft«, sagte er beiläufig.

»Wie, verkauft?«

»Ich kauf eine neue, eine bessere, sobald ich das Geld zurückgewonnen habe.« Er drückte auf die Lautstärketaste der Fernbedienung, bis die wütende Stimme meiner Mutter von der russischen Quizshow im Fernsehen übertönt wurde.

Nach der Unabhängigkeit der Ukraine hatte es angefangen: Die ersten Casinos öffneten und Nikolaj fuhr Geschäftsleute im Taxi in die Vergnügungsviertel der Stadt. Es war klar, dass er letzte Nacht vorm Spielautomat gehockt, sich besoffen und das Geld der verkauften Nähmaschine einem Schuldner, dem Barmann oder einem Automaten zugesteckt hatte. Als meine Mutter dann noch sah, dass in ihrem Portemonnaie das Bargeld fehlte, drückte sie auf den Ausschaltknopf und stellte sich vor den Fernseher.

»Wo ist das Geld, Nikolaj?«

Ich konnte sehen, wie sich die Ader am Hals meines Stiefvaters vergrößerte. Er schwieg.

»Ich wollte gleich noch Essen für uns einkaufen. Wo ist mein Geld?«, wurde meine Mutter lauter.

Nikolaj begann zu zittern, zog sich an den Lehnen hoch. Mit der Schulter stieß er sie beiseite, nahm sein Sakko vom Stuhl. »Dann gewinn ich es halt wieder zurück, wenn ihr so scharf auf Geld seid!«, schrie er und knallte die Tür hinter sich zu.

Kapitel 2

Die Mafia

Über den Makadam weht der Wind, lauf mit

Vertrau mir blind, einen Schritt

Entscheide, was du tust

Es sei denn, du musst Luft holen

Am Ende des Tages sehen wir, was uns bleibt

Und wenn die Sonne spricht

Olexesh, »Makadam«

Den ganzen Nachmittag kam er nicht nach Hause. Im Wohnzimmer spielte klassische Musik. Meine Mutter malte an ihrer Staffelei das kleine Quadrat blauen Himmels, das man hoch oben, umschlossen von dunkelgrauen Wohnblocks, in unserem Innenhof sah. Ich saß noch immer auf dem Teppich und baute mit Lego. Mit dem roten Rennauto gab ich mir besonders Mühe. Es sollte perfekt werden.

Als es an der Haustür klingelte, legte meine Mutter den Pinsel beiseite. Da unsere Wohnung aus mehreren Parteien bestand, die sich unter anderem auch die Küche teilten, stand der Besuch bereits in der Tür direkt vor unserem kleinen Flur. Meine Mutter öffnete und ich schaute um die Ecke, um zu sehen, wer unsere Gäste waren. Vier Männer standen da. Sie sahen aus wie die Boxkämpfer, die Nikolaj an unzähligen Wochenenden im Fernsehen bewundert hatte: riesig, vernarbt, stark, ernst. Ich setzte ein Rad an das Lego-Auto und kümmerte mich nicht weiter darum. Sie redeten über irgendwelche Geldsachen, wurden lauter. Dann schubsten sie meine Mutter durch den Flur. Ich sah die glänzende Pistole, die der Größte von ihnen meiner Mutter gegen die Schläfe presste. »Wenn du schreist, war’s das!«

Ihre aufgerissenen Augen folgten den Bewegungen der Waffe. Die Arme schlotterten, waren dicht am Körper verschränkt, machten sie so klein, wie es ihr möglich war.

»Komm, ich knall sie ab, dann weiß der Scheißwichser vielleicht, dass mit uns nicht zu spaßen ist. Darf ich sie abknallen?«

Ein anderer schüttelte den Kopf. »Erst mal nicht.« Enttäuscht nahm der Typ die Pistole herunter, zog stattdessen den roten Seidenschal meiner Mutter vom Haken und wickelte ihn um ihren Hals. Ich sah, wie sich die Fingerknochen lila färbten, als einer der Männer die Schlinge zuzog. Ich dachte, sie spielten Indianer. »Hallo, Onkel«, sagte ich zu einem der Männer, der sich, statt zu antworten, erschrocken zu mir umdrehte und seinem Freund etwas ins Ohr flüsterte. Der Kleinste von ihnen fragte meine Mutter: »Ist das dein Kind?«

Meine Mutter japste, richtete sich auf und lockerte den Schal an ihrem Hals. »Ja«, sagte sie heiser.

»Wie heißt er?« Ich konnte sehen, dass dem Typen ein Eckzahn fehlte.

»Olexiy.«

Der Mann nickte. »Und wie alt ist er?«

Sie hustete, rieb mit der Hand über ihren Hals. »Vier Jahre alt.«

Er bückte sich zu mir herunter, nahm mir das Auto aus der Hand, hob das abgefallene Rad auf und drückte es fest. Dann streichelte er über meine haarlose Stelle am Kopf. Seine Hand war rau und groß. Er lächelte, umspielte mit den Fingern das Spielzeug. »Er erinnert mich an mich damals.«

Seine Knie knackten, als er sich aufrichtete und mit seinen Freunden flüsterte. Als sie eine Entscheidung getroffen hatten, reichte der Kleinste meiner Mutter die Hand. »Sie haben Glück, dass er da ist.« Er gab mir mein Auto zurück »Hast du gut gebaut«, sagte er und deutete seinen Freunden mit einer wischenden Handgeste den Weg nach draußen. Mit dem Fingernagel kratzte er sich über das freiliegende Zahnfleisch, machte ein paar Schritte durch unsere Wohnung und nahm ein Bild vom Regal. Es zeigte meine Mutter, Nikolaj und mich vor einem Tigergehege. »Nettes Familienfoto. Ist das hier im Zoo aufgenommen?« Meine Mutter nickte. Er stellte es zurück. »Ich mag ja Tiger gerne. Sie umschleichen ihre Beutetiere, ohne dass die es merken. Und dann, wenn sie es am wenigsten erwarten« – er holte aus und das Bild zerschellte auf dem Boden. Ich erschrak. »Wo ist Nikolaj?«, zischte er meiner Mutter entgegen.

Ihre Lippen vibrierten. »Wahrscheinlich bei seinen Eltern.«

Er zückte einen Block und einen Kugelschreiber. »Wie ist die Adresse?« Die Stimme meiner Mutter war kraftlos, als sie diktierte. Der Mann schrieb. Als er fertig war, lächelte er. »Wenn Nikolaj hier auftaucht, rufen Sie mich an!« Er führte seinen Kugelschreiber an unsere beige Wandtapete und kratzte in großen Ziffern eine Telefonnummer darauf. »Mach es gut, Olexiy«, sagte er, und ich hob meine Hand zum Gruß. »Schönes Auto!« Noch einmal strich er über meinen Kopf. »Deine Mutter kann froh sein, dass sie dich hat.«

Die Tür war kaum wieder zu, da hörte ich, wie ein Schlüssel ins Schloss gesteckt wurde. Gespannt schauten meine Mutter und ich den Flur entlang, als Nikolaj hektisch hereinstürmte, die Tür zudrückte und sich fest dagegenstemmte. Ihm standen die Haare zu Berge und der offene Anzug knitterte. »Sind sie weg?«, fragte er uns mit aufgerissenen Augen. Meine Mutter sah ihn ungläubig an. Sie strich mit den Händen über ihren Hals, auf dem rote Striemen zu sehen waren. »Wer waren diese Leute?«

Nikolaj rutschte an der Tür herunter auf den Boden. Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar und schluckte. »Die Mafia.«

Ich fuhr mit dem Lego-Auto gegen die Wand, sodass es in der Mitte zerbrach.

Meine Mutter zitterte. »Was wollten die denn? Und wo kommst du gerade her?«

»Ich hab gehört, dass sie mich suchen, sie waren direkt hinter mir. Ich bin dann an unserer Tür vorbei nach oben und hab im Flur gewartet.« Er stemmte die Hände in den Boden und richtete sich auf. »Zum Glück wussten die nicht, wie ich aussehe«, ignorierte er die erste Frage meiner Mutter. »Das ist ja noch mal gut gegangen.«

»Die wollten mich umbringen!« Meine Mutter stampfte geräuschlos mit dem Fuß auf. Zu schwächlich waren ihre Beine.

Nikolaj ließ sich auf den Sessel fallen, als wäre nichts gewesen. Seine Aufregung war mit einem Schlag verschwunden. »Ach was. Ist doch nichts passiert«, sagte er trocken, bevor er zur Fernbedienung griff. »Gucken wir einen Film?«

Sie schaute auf die Nummer, die der Mann an der Wand hinterlassen hatte, hob den Telefonhörer an und legte ihn schließlich zögerlich wieder auf die Gabel. Dann stellte sie sich vor den Fernseher. »Du haust jetzt hier ab! Fahr zu deinen Eltern!«

Statt meine Mutter zu beachten, zog Nikolaj die Schuhe aus und legte seine Füße auf dem Hocker ab. »Mach hier mal jetzt nicht wieder so eine Szene. Gleich kommt Fußball! «

Kapitel 3

Die Verkleidung

Ständig klopft es an der Tür

Papa wird ab jetzt gejagt, ja

Mutter muss Perücken anziehen

vor der Tür die Mafia

Papa war am Dealen und zu Hause gab’s ’ne Razzia

Olexesh, »Papa war am Deal’n«

Er blieb, trank Bier, schaute Fußball und fuhr, wie gewöhnlich, gegen 22 Uhr ins Casino.

Am nächsten Tag, als mich meine Mutter in den Kindergarten bringen wollte, sah sie verändert aus. Sie stand vor dem Spiegel, kämmte ihre Haare und band sie stramm zu einem Zopf zusammen. Dann setzte sie sich eine übergroße Brille, die ich noch nie vorher gesehen hatte, auf die Nase. Wenn ich ihre Verwandlung nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, ich hätte meine eigene Mutter nicht erkannt.

»Warum verkleidest du dich?«, fragte ich sie und sie lächelte nur. »Einfach so. Willst du heute auch etwas anderes tragen?«, fragte sie und nahm eine Federboa, die seitlich über dem Spiegel hing, und legte sie mir um den Hals. »Das sieht doch super aus, guck mal!« Sie griff mir unter die Arme und hob mich hoch, damit ich mich im Spiegel betrachten konnte. Wir sahen wirklich cool aus, waren ausgehbereit.

Draußen vor unserer Wohnung herrschte reger Verkehr. Am Straßenrand parkten einige Autos und meine Mutter schaute umher, als würde sie etwas suchen.

»Da ist Papas Auto«, zeigte ich auf den gelben Wagen, bei dem die Beifahrertür schon seit über einem halben Jahr fehlte. Der Wind pfiff hinein, wenn man damit unterwegs war, und als Beifahrer musste man sich gut festhalten, um bei scharfen Kurven nicht herauszufallen. Sie drückte meine Hand und zog mich hinter sich her. Der Kindergarten war nicht weit entfernt, und als wir nach nicht einmal fünf Minuten ankamen, kniete sie sich zu mir herunter und nahm die große Brille ab.

»Olexiy, wenn dich jemand Fremdes anspricht, lauf sofort zu einer der Erzieherinnen, hörst du?«

Ich nickte und rannte zu meiner Gruppe. Als ich mich noch einmal umdrehte, stand meine Mutter noch immer im Gang und schaute mir nach. Ich winkte ihr zu, sie lächelte und hob ihre Hand, bis meine strenge Kindergärtnerin an ihr vorbeilief. Meine Mutter tippte ihr auf die Schulter, redete mit verschränkten Armen und blickte dabei immer wieder zu mir rüber.

Ich hasste den Kindergarten. Vor allem an diesem Tag. Alles war grau, es gab kaum Spielzeug, er war kahl und trostlos. Meine Kindergärtnerin wich mir an dem Tag nicht von der Seite, rauchte am Gerüst lehnend, während mir auf der verrosteten Schaukel der Wind das Gesicht kitzelte. Es quietschte und die Federn meines Schmucks fühlten sich an wie das Cape eines Superhelden.

Wir spielten fast täglich Weltkrieg gegen die andere Gruppe. Deutschland gegen Russland, Plastikeimer als Helme auf dem Kopf, Stöcke waren unsere Gewehre. Der einzige Vorteil, wenn man auf der Seite der bösen Deutschen kämpfte, war, dass man vorher mit Kreide die cool aussehenden Symbole an die Wand malen durfte. Am Ende des Tages gewann Russland. Immer. Jeden Tag. So wurde es bestimmt.

»Komm, lass uns reingehen.« Die Erzieherin hielt die Schaukel an. »Mir ist kalt.« Sie hustete, schnippte ihre Kippe in einen Busch und ich tapste hinter ihr her.

Sonst passierte nichts. Niemand Fremdes sprach mich an. Ich musste weder weglaufen noch Bösewichte mit meinen Superkräften in die Luft schlagen. Am Nachmittag kam meine Mutter und holte mich ab. Wieder sah sie verändert aus, trug einen übergroßen Mantel und einen braunen Hut, der einen weiten Schatten tief in ihr Gesicht warf. Ich lachte, als ich sie daran erkannte, dass sie meinen Namen rief.

»Heute gehen wir einen anderen Weg nach Hause«, schlug sie vor und ich nahm ihre Hand, zuckte mit den Schultern. »Okay.«

Als wir endlich zu Hause ankamen, schloss meine Mutter sofort doppelt ab, schaute durch den Türspion und vergewisserte sich durch die Gardinen, dass uns niemand beobachtete.

»Darf ich im Hof spielen?«, fragte ich sie.

»Heute nicht, Olexiy. Komm, wir spielen hier was.« Sie holte ein vergilbtes Gesellschaftsspiel aus dem Schrank.

Ich wusste nicht, dass sich diese Frage und ihre Antwort über die folgenden Jahre immer wieder wiederholen sollten. Ich spielte nur im Innenhof, wenn meine Mutter oder die Großeltern dabei waren, besuchte keine Freunde zu Hause, ohne dass einer aus meiner Familie die ganze Zeit über dort blieb. Im Kindergarten folgte mir die Erzieherin sogar bis vor die Toilettenkabine. Meine Eltern benutzten kaum noch die Gemeinschaftsküche, waren skeptisch, wenn das Telefon klingelte oder es an der Tür klopfte. Meist war es wegen harmloser Dinge: Nachbarn, die sich den Staubsauger leihen wollten, kurz auf einen Tee vorbeischauten oder die Post brachten. Jedes Mal zuckte Nikolaj zusammen, räumte die Blumentöpfe von der Fensterbank auf den Boden und war bereit, sich jede Sekunde hinunterzustürzen, sollte einer der Besucher die Mafia auch nur erwähnen. Er fuhr weiterhin Taxi, spielte nachts im Casino und schlief tagsüber auf dem Sessel. Es gab kaum einen Tag, an dem meine Mutter sich normal kleidete. Auch ich ging immer öfter verkleidet in den Kindergarten. Ich fand es witzig und stellte keinen Zusammenhang mit dem Besuch der vier Männer her.

Erst Jahre später habe ich erfahren, was passiert war. Nachdem ihm niemand mehr Geld hatte leihen wollen, hatte sich ein riesiger Schuldenberg angehäuft. Und das war nicht der einzige Grund, weshalb die ukrainische Mafia hinter ihm her war, ihn bedroht und auf offener Straße verprügelt hatte. Meine Mutter ließ solche Situationen nie an mich rankommen. Sie machte aus allem ein Spiel, sodass ich während dieser Zeit nie wirklich Angst hatte. Ich wusste einfach vieles noch nicht.

Im Laufe der Zeit fehlten immer mehr Dinge im Haus. Küchengeräte, der Wohnzimmerschrank, der Wandteppich und auch einige meiner Spielsachen verschwanden auf mysteriöse Weise. Das Einzige, was blieb, war der dauerhafte Geruch von Kondensmilch.

»Wo ist denn mein Rennauto?«, fragte ich meine Mutter.

»Das hat der Papa verkauft«, antwortete sie entnervt. »Willst du nicht mit Lego spielen?«

»Das habe ich schon«, sagte ich. Viel blieb mir nicht mehr übrig. Außer dem riesigen Sandberg im Innenhof, den die Hunde und Katzen des Viertels als ihre Toilette auserkoren hatten, gab es nur noch Lego. Sie suchte im Schrank, fand eine kleine Geige, mit der sie früher oft gespielt hatte, und gab sie mir. Dann holte sie einige Töpfe aus der Küche und stellte sie um mich herum auf. Sie gab mir einen Kochlöffel in die Hand. »Spiel mal Musikgruppe!«, sagte sie und ich tat so, als wären die Geige eine Gitarre, die Töpfe das Schlagzeug und der Löffel ein Drumstick. Ich liebte es, obwohl es grausam geklungen haben muss.

Obwohl Nikolaj schon alles an Kollegen oder auf der Straße verkauft hatte, rief die Mafia weiter bei uns an, wollte Geld und drohte das Haus abzufackeln, während wir schliefen. Es musste eine Lösung her. Doch für Nikolaj hieß diese Lösung nicht, weniger Geld im Casino zu verprassen und stattdessen mühsam den Schuldenberg abzustottern. Er machte immer weiter, sodass meine Mutter versuchte, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Todesmutig fuhr sie mit einer Freundin zu einem der Mafiabosse. Sie überzeugte ihn, dass sie und ich nichts mit der Sache zu tun hatten, dass allein Nikolaj die Verantwortung trug. Das Problem war nur, dass es mehrere kriminelle Organisationen gab und meine Mutter gar nicht wusste, wen sie noch alles von unserer Unschuld überzeugen sollte.

Kapitel 4

Der Sandberg im Hof

Geboren in der Großstadt

Hier fliegt das Glück an dir vorbei und jeder Schritt hat seinen Preis

Hör, was der Typ im Hof sagt

Olexesh, »Geboren in der Großstadt«

Als wir über ein Jahr nichts von der Mafia gehört hatten, dachte meine Mutter, es wäre endlich vorbei. Wir verkleideten uns nicht mehr, gingen keine Umwege. Und auch Nikolaj verlor kein Wort über Schulden oder mögliche Schlägertrupps, die die Wohnung stürmen könnten. Die Paranoia verflog und so kam es, dass ich kurz nach Silvester 1995, mit fast sieben, zum ersten Mal seit Jahren komplett allein im Innenhof spielen durfte. Es war einer dieser Winter, die es nur in der Ukraine gibt: trocken und extrem kalt. Ich kletterte auf den gefrorenen Sandberg, in dem ich die kleinen Löcher fand, aus denen Nikolaj ein paar Tage zuvor einige Raketen in den Himmel geschossen hatte, um das Jahr gebührend zu empfangen.

Von der Straße kam ein Mann im Mantel durch die Unterführung. »Hallo Olexiy«, sagte er in ruhigem Ton, nahm seinen Hut ab und legte ihn auf den Sandberg. Ich erkannte ihn sofort. Zwar waren einige Narben dazugekommen, er war älter geworden. Doch noch immer gab es die markante Zahnlücke. Mir war klar: Es war einer der vier Kerle, die uns vor Jahren besucht hatten. »Du bist aber groß geworden.«

Ich nickte und schaute vom Sandberg zu ihm herab. Er streckte mir beide Arme entgegen.

»Willst du nicht mal herunterkommen? Na los!«, forderte er mich auf, in seine Hände zu springen. »Ich habe eine Bitte an dich.«

Mir war das unheimlich. Ich reagierte nicht, ließ stattdessen meinen Blick hoch zu unserem Wohnzimmerfenster schweifen. Vielleicht schauten meine Mutter oder Nikolaj ja zufällig auf uns herunter.

»Na, komm schon!« Er schnappte nach meinem Fuß. »Ich will dir doch etwas geben!«

Er zog mich herab und hielt mich an den Schultern. »Ich tu dir nichts, Olexiy. Ich bin doch dein netter Onkel Pjotr.«

Ich nickte hektisch, zitterte vor Angst. »Sag mal, kannst du Nikolaj etwas von mir geben, Olexiy?«

»Na klar«, schoss es aus mir heraus. Ich hätte alles getan, damit er mich gehen ließ.

Er lächelte, griff in seine Tasche und holte einen Umschlag hervor. »Das ist ein ganz wichtiger Brief für deinen Papa.« Er drückte ihn mir in die Hand, als die Stimme meiner Mutter durch den Innenhof hallte.

»Olexiy, kommst du zum Essen?«

Pjotr schaute auf. »Willst du deiner lieben Mutter nicht antworten?«

»Ich komme gleich!«, rief ich zurück.

Er ließ mich los und setzte sich den Hut auf. »Danke für deine Hilfe, Olexiy. Mach es gut, bis bald hoffentlich.«

Bevor er ging, drehte er sich noch einmal um. »Und grüß mir deine Eltern ganz lieb. Sag ihnen, dass Onkel Pjotr sie bald wieder besuchen wird.« Dann verschwand er so schnell, wie er aufgetaucht war.

Wir saßen am Esstisch. Nikolaj schaute auf den Fernseher, während meine Mutter Borschtsch mit einer Kelle vom Suppentopf auf die Teller schöpfte. Unter dem Tisch hielt ich den Umschlag, strich mit den Fingern über das glatte Papier.

»Olexiy, iss bitte was!«

Ich reagierte nicht, schaute auf meinen Schoß und den Brief.

»Olexiy, hörst du mich überhaupt?« Sie tippte mir an den Arm. »Was hast du denn da?« Sie zog meine Hand über die Tischkante. Als ich den Umschlag präsentierte, schaute sie auf die Aufschrift. »Wo hast du den denn her? Der ist für dich!« Nikolaj regte sich nicht.

»Na, von Onkel Pjotr«, sagte ich. Nikolaj zog quietschend Luft ein, löste seinen Blick vom Lottospiel und entriss meiner Mutter den Brief. »Pjotr? Welcher Pjotr? Sorokin?«

»Ich weiß nicht. Der, der mal hier war. Aber keine Sorge. Er kommt uns bald wieder besuchen.«

Nikolaj sprang auf. »Wo war er?« Beide Hände auf meinen Schultern, schüttelte er meinen Körper, sodass ich nicht antworten konnte. Meine Mutter drückte ihn zur Seite, ging in die Hocke und legte ihre Hand auf mein Knie. »Wo hast du Pjotr getroffen?«

Ich verstand nicht, was für eine Hektik plötzlich herrschte. »Im Hof. Beim Sandberg«, zeigte ich grob in die Richtung. Nikolaj griff in den Wandschrank und zog einen großen Koffer durchs Wohnzimmer. Meine Mutter drehte sich zu ihm. »Nikolaj, ich dachte, das wäre alles erledigt?«

Er warf seine Wollpullover und Hosen in den offenen Koffer, darauf die wenigen Wertgegenstände, die wir noch hatten. Er strich sich durch das kurze Haar, bevor er aufblickte. »Ich glaube …« Er machte eine Pause. »Ich glaube, es geht gerade erst los!«

Kapitel 5

Das Blut auf dem Asphalt

Lass mal deine Stasi-Moves, geht euch selber überwachen

Vater gab mir den Namen, nach der Schlacht wirst du erwachsen

Celo auf Olexesh, »Vater gab mir den Namen«

Das Auto parkte seitlich zwischen mehreren Autos an der Straße. Hastig kletterte ich durch die Seite mit der fehlenden Tür auf die Rückbank. Meine Mutter setzte sich neben Nikolaj, schnallte sich an und klammerte sich mit der rechten Hand oben am Griff fest, um in einer scharfen Kurve nicht herauszufallen. Statt direkt loszufahren, sah Nikolaj die Straße herunter, wo uns im Lichtkegel des angeschalteten rechten Scheinwerfers ein paar Leute schnellen Schrittes entgegenkamen. Er drehte den Schlüssel um. Der Motor heulte auf. Er trat aufs Gas, riss am Lenkrad und bremste vor dem parkenden Lada vor uns. Die Männer fingen an zu rennen, als Nikolaj den Rückwärtsgang einlegte. Voll zurück, irgendwie aus dieser Parklücke kommen! Kurz vor dem Auto hinter uns ging er in die Eisen, drehte hektisch am Steuer und legte wie ein Rallyefahrer kraftvoll den Gang ein. Meine Mutter hielt sich mit beiden Händen fest am kleinen Plastikhebel. Ich winkelte die Beine an, drückte sie gegen den Fahrersitz. Die Männer kamen näher, waren keine zehn Meter mehr entfernt. Nikolaj gab Gas. Es drückte mich in den Sitz. Es krachte. Mein Körper machte einen Ruck, der Gurt quetschte sich in meine Brust. Vorne rechts touchierten wir den Lada. Nikolaj rammte sein Bein weiter aufs Gas. Das Blech quietschte, die Reifen drehten durch. Die Männer standen vor uns, als Nikolaj den Fuß vom Pedal nahm und sein Kopf auf dem Lenkrad zusammensackte. Er keuchte. »Ich glaube, ich muss vorher noch eine Sache erledigen. Bitte wartet kurz hier!« Nikolaj atmete tief durch, öffnete die Fahrertür und stieg aus.

Mit offenen Armen ging er auf die Leute zu, die ihn, statt ihm die Hand zu geben, direkt mit der Faust ins Gesicht schlugen. Einer nach dem anderen durften sie Nikolaj eine verpassen. Und als er sich am Boden krümmte, traten sie auf ihn ein. Wir hörten, wie sie ihn anbrüllten: »Wo ist das Geld?«

Aus seinem Mund tropfte das Blut auf den Asphalt. Er versuchte sich aufzurichten und wurde mit einem weiteren Faustschlag zurück auf die Straße befördert. Einer der Männer schaute sich um. »Hast du Geld im Auto?«

»Moment«, hob Nikolaj die zitternde Hand. »Da sind meine Frau und das Kind drin!«

Der Mann lachte. »Das ist ja perfekt!« Er rieb sich die Hände. »Die können wir ja dann auch mitnehmen.« Die Gruppe schaute zu uns rüber. Alles ging so schnell, dass ich nicht richtig verstand, was hier eigentlich vorging. War das ein Spiel wie unser Krieg im Kindergarten?

»Duck dich«, sagte meine Mutter. »Der Papa will mit uns Verstecken spielen.«

Natürlich war ich sofort Feuer und Flamme. Meine Mutter stieg aus der fehlenden Beifahrertür und öffnete meine fast lautlos. Wir hörten, wie sie Nikolaj weitere Tritte und Schläge verpassten, seine Schreie gellten in die Nacht.

»Pssst, nicht dass er uns hört.« Ich stieg aus. Wir gingen gebückt an den stehenden Autos vorbei. Vorsichtig und leise, bis sich meine Mutter schließlich umsah und mich zu einem Wettrennen herausforderte. »Wer zuerst am Ende der Straße ist«, sagte sie. Ich ließ mir das nicht zweimal sagen. Schließlich war ich ein sehr guter Läufer und der Weg nicht weit. Ich rannte los und meine Mutter hinter mir her. Noch immer hörten wir die Rufe der Männer und wie sie Nikolaj verdroschen. Ich kapierte das alles nicht.

»Gewonnen!« Ich streckte beide Arme in den Himmel.

»Super«, sagte meine Mutter und zerrte mich hastig weiter, bis wir vor einem Wohnblock standen. »Hier wohnen sie.«

»Wer?«, fragte ich.

Kapitel 6

Der Plan

The last days, die Zeit vergeht

Muss weitergehen, nein, kein Problem

Olexesh feat. Yasha, »Plan B«

Wir saßen in der kleinen Wohnung seiner Eltern. Ich hatte nicht mitbekommen, dass sie ihr riesiges Haus mit Garten verkaufen mussten. Nikolaj hatte so viele Schulden, dass auch sie mit reingezogen worden waren. Ich saß zum ersten Mal auf dem fleckigen Sofa. Vom vormaligen Reichtum war nichts mehr zu sehen: die Wände kahl, die Einrichtung spärlich. Wir fanden alle gerade so Platz am Esstisch. Nikolaj sah furchtbar aus. Sein Anzug war zerfetzt, beide Augen zugeschwollen, sodass ich mich anstrengen musste, um überhaupt seine Pupillen zu entdecken. Seine Wangen waren aufgescheuert, Blut aus dem Mund durchnässte das Küchentuch, mit dem er sich immer wieder übers Gesicht wischte, wobei er schmerzverzerrte Zischgeräusche von sich gab.

»Wir können hier nicht mehr bleiben«, nuschelte er. »Es ist zu gefährlich.« Er spuckte einen Klumpen Blut auf das Tuch, tauchte es in den Eimer, den seine Mutter mit kaltem Wasser gefüllt hatte.

Sein Vater nahm die Brille von der Nase und rieb sich mit Zeigefinger und Daumen gleichzeitig beide Augen. Alt war er geworden. Er setzte sich das Gestell zurück auf den Nasenrücken und atmete tief ein, was ein fiependes Geräusch machte, als hätte er sein Leben lang stark geraucht.

»Okay«, brummte er schließlich. »Wir schicken euch drei nach Deutschland.«

Deutschland? Den Namen kannte ich ausschließlich aus dem Kindergarten, von den Kriegsspielen.

»Ich will nicht weg«, sagte meine Mutter mit verschränkten Armen.

Das fand ich gut, denn das war auch das Letzte, was ich wollte.

»Na gut, schaut mich an«, stammelte Nikolaj. »Dann werdet ihr von der Mafia geholt und gefoltert. Die waren heute noch nett zu mir. Könnt ihr euch ja aussuchen, was euch besser gefällt. Flucht oder so was«, er versuchte sich aufzustehen, legte seine rissigen Hände auf den Tisch, um zu zeigen, wie sie ihn zugerichtet hatten. Er stöhnte, schaffte es nicht und ließ sich zurück auf den Stuhl fallen.

Meine Mutter zögerte, als Nikolajs Vater einen weiteren Kaffee einschenkte. »Ich habe gute Freunde in Deutschland. Also, die finden das toll da«, sagte er. »Und man darf auch nicht vergessen, dass Olexiy zum Militär müsste, wenn er groß ist.« Er krempelte seinen Ärmel hoch und zeigte die Narbe, die ihm, neben den Albträumen, der Krieg eingebracht hatte. Damals hatte einer seiner sowjetischen Genossen, der weder eine ärztliche Ausbildung noch eine feinfühlige Seite besaß, eine Kugel mit einem rostigen Taschenmesser entfernt. Es war dasselbe Messer, mit dem er am Tag davor Zwiebeln fürs Abendessen geschnitten hatte. Die Finger streiften über die Narbe, bevor sich Nikolajs Vater aufrichtete und aus der obersten Schublade der Vitrine einen vergilbten Prospekt holte. »Hier, schaut mal! Das sind die Abfahrtzeiten des Busses.«

Meine Mutter blickte zu mir rüber und ich lächelte sie an. Sie trank einen Schluck Wodka aus dem Wasserglas. »Und was ist mit unseren ganzen Sachen?«

Nikolaj lachte. Kleine rote Tropfen flogen auf die blaue Tischdecke. »Die bleiben natürlich hier. Wir müssen so unauffällig, wie es geht, verschwinden.«

Sie füllte das Glas erneut, schaute eine Ewigkeit zum Fenster hinaus, bevor sie schließlich kaum sichtbar zu nicken begann.

Nikolaj blieb bei seinen Eltern.

Zu Hause angekommen, kniete sich meine Mutter zu mir herunter. »Du darfst niemandem davon erzählen, hörst du?« Sie machte einen so ernsten Gesichtsausdruck, wie ich ihn noch nie zuvor an ihr gesehen hatte. »Das bleibt unser Geheimnis, okay?«

Von da an verkleideten wir uns wieder bei unseren Spaziergängen und warteten auf den Tag, an dem Nikolajs Familie alles für die Flucht vorbereitet haben würde. Nicht mal mit den Eltern meiner Mutter durften wir darüber sprechen, weil es zu gefährlich gewesen wäre.

Kapitel 7

Die Flucht

Geliebte Ukraine, Slawe steht auf mein’ Papieren

Ist doch egal, wo ich grad chille, sei es in Argentinien

Olexesh, »Russki Kanak«

Das Telefon klingelte, die Heizung gluckerte und ich saß auf dem Boden und malte. Meine Mutter hob den Hörer ab und ihr sonst so freundliches Gesicht verfinsterte sich schlagartig. Sie sagte nur ein Wort: »Okay.« Dann legte sie auf und kniete sich zu mir. »Olexiy, es geht los. Wir müssen packen.«

Sie holte meinen Kinderrucksack aus der Ecke, leerte ihn auf den Esstisch aus und winkte mich heran. »Was willst du mitnehmen?«, fragte sie und zeigte auf mein Spielzeug.

»Alles«, sagte ich, zog den Rucksack vom Tisch und fing an, Lego hineinzuschaufeln.

»Das geht nicht.« Meine Mutter schüttete die Bauklötze zurück auf den Fußboden. Dann ging sie zu meinem Schrank, holte allerlei Kleidung und füllte den Rucksack damit bis obenhin. »Hm«, machte sie und zog einen Pullover am Ärmel wieder heraus. »Ein Spielzeug könnte vielleicht noch passen. Such dir ein Teil aus!«

Ich schluckte, als ich sah, was ich alles zurücklassen sollte. Schließlich entschied ich mich für das Lego-Auto, das noch immer aufgebaut auf dem Regal stand. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, um es zu erreichen, und legte es vorsichtig auf die Kleidung.

»Und dann habe ich dir noch diese Jacke besorgt.«

Sie war giftgrün, hässlich und viel zu groß für meinen kleinen Körper.

»Die muss ein paar Jahre halten«, sagte meine Mutter trocken, als sie mir den Reißverschluss nach oben gezogen hatte und ich fast darin versank. Ich schnallte den Rucksack auf den Rücken, meine Mutter griff nach ihrer Tasche.

»Warum nehmen wir denn nicht mehr mit?«, fragte ich und zeigte auf den großen Koffer.

»Die Leute sollen nicht bemerken, dass wir nicht wiederkommen.«

Ich schluckte.

Sie ergriff meine Hand und drängte mich zur Tür, die wir für immer hinter uns schließen sollten. Wir verließen die Wohnung, die Stadt, das Land.

Noch einmal blickte ich zurück auf unser Zimmer, versuchte mir jedes Detail, so klein es auch war, einzuprägen. Ich atmete tief ein. Der starke Geruch von Kondensmilch gab mir ein warmes Gefühl. Dann erblickte ich die kleine Holzgeige auf dem Teppich, riss mich los und hob sie auf. »Ich hab ja noch eine Hand frei.«

Meine Mutter lächelte. Wir schlossen die Tür und ließen die Heimat zurück. Für immer.

Es war eisig. Minus 15 Grad. Ich mochte es, wie meine Atemluft zu Dampf wurde, sich drehte und sich schließlich in nichts auflöste. Nikolaj wartete bereits vor dem beeindruckenden runden Gebäude des Nationalzirkus der Ukraine. Seit ich denken konnte, klebten in der Stadt die Plakate. Tiger waren darauf, Löwen, Elefanten, Akrobaten und Clowns. Immer wenn wir an einem dieser Poster vorbeigegangen waren, hatte ich meine Mutter gefragt, ob wir bald eine der Vorstellungen besuchen könnten. Doch vertröstete sie mich jedes Mal aufs nächste Jahr. Uns fehlte das Geld. Nun lag der Zirkus, erdrückt von tief stehenden Wolken, in einem tristen Grau und strahlte nichts Majestätisches mehr aus. Nikolaj kam von seinen Eltern und hatte einen übertrieben großen Koffer dabei. Er schnippte seine Kippe auf die Straße, kam auf uns zu, und obwohl er sich zur Begrüßung nicht zu mir herunterbeugte, stieg mir der Geruch des Zigarettenatems in die Nase.

»Habt ihr alles dabei?«, fragte er, und meine Mutter schaute auf ihre kleine Tasche. »Wohl kaum.«

Schweigend standen wir an der Haltestelle. Meine Hände waren vollkommen in den dicken grünen Ärmeln der viel zu großen Jacke versunken. Schließlich hielt einer der typischen gelben Busse, die ich schon so häufig in der Stadt gesehen hatte, laut scheppernd vor uns an. Dieser war bereits so zerbeult und mit abgewetzter Werbung zugeklebt, dass man ihm ansah, er würde es nicht mehr lange machen. Schwarzer Rauch stieg aus dem Auspuff, als sich quietschend seitlich eine Klappe öffnete. Zig Koffer und Rucksäcke, Plastiktüten und Müllbeutel voll mit dem Hab und Gut der Passagiere kamen zum Vorschein. Mein kleiner Rucksack passte nur noch hinein, weil ich ihn mit beiden Händen zwischen das übrige Gepäck drückte, bis er hängen blieb. Ich fühlte, wie unter meinem Gewicht das Lego-Auto zerbrach. Weder die Tasche meiner Mutter noch Nikolajs überdimensionaler Koffer fanden Platz.

Es zischte und ein Fahrer mit zerknautschtem Gesicht winkte uns mit wenigen genuschelten Worten heran. Sein übergroßer Schnauzbart hatte die gleiche graue Farbe wie die Schiebermütze, die ihm bis zu den Augenbrauen ging. Meine Mutter suchte in ihrer Tasche nach dem Geld und überreichte mehrere Scheine. Wortlos und ohne nachzuzählen, stopfte der Mann es in eine Plastiktüte links neben dem Lenkrad. Er betätigte einen Hebel und hinter uns schloss sich die Tür.