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James Mangan ist seine Rolle als Gatte und Anhängsel der berühmten Broadway-Schauspielerin Beatrice Abbot satt. Er beschließt, nach Irland, ins Land seiner Vorfahren, zu reisen und nach seinen Wurzeln zu suchen. Diese Reise zu sich selbst nimmt aber ein ganz anderes Ende, als Mangan sich vorgestellt hat …
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Seitenzahl: 521
Veröffentlichungsjahr: 2018
Brian Moore
Mangans Vermächtnis
Eine irische Familiengeschichte
Roman
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
Diogenes
{4}Für Jean, abermals
Es klingelte. Mangan ging zur Tür, blickte durch den Spion und schloß auf. Der Hausmeister trat ein, gefolgt von einem seiner puertoricanischen Arbeiter.
»Hi. Sie haben Ärger mit dem Bad?«
Er zeigte ihnen den tropfenden Wasserhahn. Der Hausmeister drehte ihn auf, dann wieder zu. »Die Dichtung. Sonst noch was?«
»Nein, sonst ist alles in Ordnung.«
»Wie geht’s Ihrer Frau? Ich sehe sie gar nicht mehr übers Dach joggen.« Der Hausmeister lachte bei dem Gedanken an diese liebenswürdige Marotte. Mangan starrte ihn an. Wußte er nicht Bescheid?
»Sie wohnt nicht mehr hier. Wir haben uns getrennt.«
»Oh, das tut mir leid.«
Was sollte er auch sonst antworten? Mangan nahm sein Mitgefühl mit einem Kopfnicken zur Kenntnis.
»Dann gehe ich jetzt. Mein Arbeiter wird die Sache mit der Dichtung erledigen, okay?«
Auf dem Weg zur Tür warf der Hausmeister einen Blick ins Wohnzimmer. An den weißen Wänden waren helle Rechtecke wie Nachbilder an jenen Stellen, wo ihre Gemälde gehangen hatten. Die Teppiche und ein Großteil des Mobiliars waren bereits abgeholt worden. Wie war es {8}möglich, daß der Hausmeister nicht Bescheid wußte? Hatte er etwa ihre Inneneinrichtung auf dem Bürgersteig übersehen, als der Umzugslaster auf sich warten ließ?
»Frohes neues Jahr«, rief Mangan dem hinausgehenden Hausmeister nach, doch die Tür fiel zu, ohne daß er eine Antwort hörte. Lag es an seinem Weihnachtskuvert? Letztes Jahr waren allein hier im Haus zweihundertfünfzig Dollar Trinkgeld zusammengekommen, doch ohne Beatrice glaubte Mangan haushalten zu müssen. Allerdings hatte der Hausmeister nicht gewußt, daß Beatrice fort war.
Kaum war er wieder allein im Wohnzimmer, ging Mangan ans Panoramafenster. Draußen schneite es. Weiß ist im Orient die Farbe der Trauer. Schnee, diese Stimme der Stille, ließ die Tonspur der Stadt verstummen. Heute werden die Belegschaften vieler Büros früh nach Hause gehen. In anderen Büros werden sie auf Schreibtischen sitzen, Wein aus Pappbechern trinken und Leckereien essen, die ihnen der Delikatessenladen nebenan geliefert hatte. Bürowitze, Scherze, verschmierte Lippenstiftküsse. Ein frohes neues Jahr.
Was soll ich heute abend anziehen? – »Wissen Sie, was er manchmal macht, wenn er allein in der Wohnung ist«, hatte Beatrice ihren Freund Dr. Hopgood gefragt. »Er geht ins Schlafzimmer und verbringt Stunden damit, Sachen anzuprobieren. Er zieht sich um und betrachtet sich im Spiegel. Narzißtisch, finden Sie nicht?« – »Vielleicht«, sagte Dr. H., »deutet es aber auch auf ein tief sitzendes Identitätsproblem hin.« – Wenn es ihr in den Kram paßte, wußte Beatrice Analytiker zu zitieren. Sie war nicht der Typ, der endlos zaudert und in sich geht.
{9}Der Puertoricaner kam aus dem Bad. »Fertig.«
»Danke schön.«
Der Arbeiter, unangreifbar in seiner einsilbigen Art, nickte und ging hinaus. Mangan fiel ein, daß er frühmorgens anrufen sollte. Sie gab irgendeinen Kurs um neun Uhr dreißig ihrer Zeit. Er ging in die Küche, um sich zur Stärkung einen Kaffee zu holen.
»Ridgewood Genesungsheim, guten Morgen.«
»Könnte ich bitte mit Mrs. Mangan sprechen?«
»Einen Augenblick, ich sehe nach.«
»Kunsttherapie. Joan Mangan am Apparat.«
»Hallo Mutter.«
»Jamie!« rief seine Mutter. »Wo bist du? Wie geht es dir?«
»Ich bin in New York. Ich rufe nur an, um dir ein frohes neues Jahr zu wünschen.«
»Das neue Jahr beginnt doch erst morgen«, sagte seine Mutter, die es wie immer sehr genau nahm.
»Na ja, ich dachte nur, ich rufe an, bevor die Leitungen völlig überlastet sind.«
»Stimmt, gute Idee. Was machst du? Gehst du heute abend auf eine Party?«
»Vielleicht, kann sein.«
»Mach das«, sagte seine Mutter. »Während der Festtage sollte man nicht allein sein. Rufst du morgen deinen Vater an?«
»Nein, das hatte ich eigentlich nicht vor. Ich habe ihn doch erst Weihnachten angerufen.«
»Ach, richtig, das hast du. Ich sollte auch mal wieder von mir hören lassen, aber ich habe einfach zuviel zu tun. {10}Wirklich, du müßtest das hier mal erleben. Das reinste Irrenhaus.«
Aber es ist ein Irrenhaus. Trotzdem, schön, daß sie nicht so darüber denkt. – »Sie nehmen dich also hart ran?« fragte er.
»Das kann man wohl sagen. Dr. Edie ist in Urlaub, und Dr. Hollins muß alles allein machen, der arme Mann. Übrigens habe ich im Augenblick draußen ein Zimmer voller Patienten. Aber es tut gut, deine Stimme zu hören, Liebling. Schön, daß du mich angerufen hast. Und ich hätte mich auch ganz bestimmt gemeldet, weißt du.«
»Ich weiß. Frohes neues Jahr, Mutter. Und alles Gute.«
»Ach, Jamie? Wenn du morgen mit deinem Vater sprichst, könntest du ihn dann von mir grüßen? Ehrlich gesagt, ich habe ihn nicht mehr angerufen, weil sie immer an den Apparat geht.«
»Na schön«, sagte er. Sie hatte vergessen, daß er nicht anrufen wollte. ›Sie vergißt ziemlich viel‹, sagte Dr. Edie. »Auf Wiederhören, Mutter.«
»Auf Wiederhören. Gutes neues Jahr. Und Jamie? Im nächsten Jahr geht es dir bestimmt besser, du wirst sehen. Dann hast du all das hinter dir.«
Er legte auf und trat wieder ans Panoramafenster. Große Schneeflocken trieben vorbei und verwischten den Blick auf den East River und den Verkehr auf dem Drive unter ihm. Mutter in ihrem Zimmerchen im kalifornischen Santa Monica, wie sie sich in ihrem braunen Kunstledersessel umdreht, den Rücken zum Pazifik, den Hörer zwischen Schulter und Ohr geklemmt. Und dann der große Aufenthaltsraum, Menschen in Freizeitkleidung, die auf Tabletten {11}und auf Rat von Dr. Hollins warten, einem alten, hochgewachsenen Mann mit Nickelbrille. ›Ihre Mutter ist uns hier eine große Hilfe, und ihr Kunstunterricht ist sehr beliebt. Kunst ist eine hervorragende Therapie für unsere Patienten und zudem eine gute Therapie für sie selbst, wissen Sie.‹ – Die Weihnachtskarte von diesem Jahr zeigte ein kalifornisches Motiv, zwei Pelikane, die im Sturzflug über eine Welle fliegen, eine feine und anmutige Zeichnung, doch mit einem Anflug von Kitsch, wie er sich in all ihren Werken zeigte.
Weihnachtskarten. »Willst du etwa behaupten, du hast sie schon abgeschickt?« hatte Beatrice gefragt. Es tat ihm sofort leid, daß er das Thema angeschnitten hatte. Er sagte, er hätte die Umschläge noch nicht zugeklebt.
»Schön, ich habe da eine Idee. Ich laß einen kleinen Zettel drucken, auf dem steht, daß wir uns getrennt haben und daß meine Adresse von jetzt an das Strandhaus sein wird, du aber in der Wohnung bleibst. Du könntest den Zettel zu den Karten in die Umschläge stecken. Dann wissen alle, was passiert ist und wie sie uns erreichen können.«
Er fand den Vorschlag gräßlich, sagte aber nichts. Zehn Tage später traf ein Päckchen mit bedruckten Zetteln ein. Die Adresse in Amagansett hatte sie nicht erwähnt. Auf den Zetteln stand:
Wir haben beschlossen, uns zu trennen. Von heute an ist Beatrice in der 77 East 71st Street zu erreichen, Jamie bleibt in der 455 East 51st Street.
{12}Turnbull wohnte in der einundsiebzigsten Straße. Damit war es endgültig. Mangan steckte die Zettel in die Umschläge mit den Weihnachtspostkarten und zählte nach, ehe er sie abschickte. Insgesamt waren es neunundsiebzig Karten. Bis zum Morgen des ersten Weihnachtstages hatte er nur sechsundvierzig Antwortkarten erhalten, der weitaus größte Teil davon war Geschäftskorrespondenz, Schreiben von Presseagenten und Theaterleuten, mit denen Beatrice zu tun gehabt hatte, und Karten, die an sie beide oder an Beatrice gerichtet waren, als wären die Zettel nicht zur Kenntnis genommen worden. Sieben Karten kamen von Freunden, die ihre Post bereits vorher abgeschickt hatten. Sie wünschten ihnen beiden eine frohe Weihnacht und ein glückliches neues Jahr. Also blieben drei Karten, die allein an ihn gerichtet waren. Eine kam von seiner Mutter. Dann war da noch eine Karte von seinen Freunden, den Connells, mit einer hingekritzelten Einladung zu ihrer alljährlichen Silvesterfeier sowie eine Karte und ein langer einfühlsamer Brief zu ihrer Trennung von seinen Freunden Jack und Rosa Hutter. Die Hutters waren inzwischen endgültig nach London gezogen.
Drei Karten. Eine von einer Verwandten, zwei von Freunden. Er drehte sich um, ging durch das Wohnzimmer, dann ins Schlafzimmer, von wo aus er auf die Straße schauen konnte. Dort unten kamen zwei professionelle Hundeausführer vom Beekman Place, kleine drahtige Männer, die ihre geballten Hände wie Wagenlenker an die Brust preßten, während sie die zahlreichen Leinen der reinrassigen Schoßhunde umklammerten. Die beiden Männer gingen Seite an Seite, hielten die Hunde zu raschem Trab an {13}und beschrieben einen Kreis nach dem anderen in der kleinen Sackgasse der East Fifty-first Street, die vor einer zum East River Drive hinabführenden Treppe endete.
»Warum nicht am Beekman Place?« hatte Beatrice gefragt. »Natürlich können wir uns das leisten. Außerdem ist es nicht direkt am Beekman Place, sondern in der East Fifty-first Street. Wo kann man sonst schon beim Aufwachen am Morgen Schiffe vorbeifahren sehen? Und so eine Lage ist eine gute Investition. Wenn wir hier eine Wohnung kaufen, verliert sie nie an Wert.«
Natürlich wollte sie damit sagen, daß es ihr Geld war. Er konnte es ausgeben, aber es blieb ihr Geld, von ihr verdient. Ein Auftritt am Broadway brachte ihr wöchentlich viertausend Dollar, und wenn sie eine Rolle in einem Film übernahm, was eher selten geschah, bekam sie zehnmal soviel. Trotzdem hatte sie auf gemeinsame Kapitalanlagen und Girokonten bestanden. Geld, sagte sie, sollte nicht zwischen den Menschen stehen. Doch es war ihr Geld. Daran war nicht zu rütteln.
Rücksichtslos schoß ein brauner Mercedes aus dem Beekman Place und bremste unter seinem Fenster. Kevin, der Türsteher, trat unter der Markise hervor, noch während er vornübergebeugt am Verschluß eines großen Regenschirms hantierte. Als die Wagentür aufflog, versperrte ein kurzes Schneegestöber Mangans Blick. Winzige Wasserschlieren zogen diagonal über die Fensterscheibe. Hinter sich hörte er ein Geräusch, drehte sich um, kehrte ins Wohnzimmer zurück und sah, daß die Post unter der Tür hindurchgeschoben worden war. Mit der Spitze seines Halbschuhs {14}schob er die Briefe auseinander, bückte sich, blätterte einige Sendungen durch und las die Anschriften. Alle für sie. Er hob die Briefe nicht auf und ging in die Küche, um sich die vierte Tasse Kaffee dieses Morgens einzugießen. Letzte Woche war er beim Herumblättern in einer Anthologie auf einige Zeilen von Byron gestoßen:
Die Liebe ist im Leben des Mannes
nur ein Ding unter vielen
Doch ist sie der Frauen ganzes Sein.
Er griff nach der Kaffeekanne. Laut Byrons Behauptung war er kein Mann. Er schenkte sich ein, und in diesem Augenblick klingelte es. Er erwartete niemanden, ging zur Tür, als würde er einem Eindringling entgegengehen und blickte durch die winzige Weitwinkellinse des Türspions auf die wie in einem Alptraum verzerrte Gestalt seiner von ihm fortgelaufenen Frau. Sein Herz hämmerte. Er öffnete.
»Darf ich hereinkommen?«
Wortlos bat er sie herein. Sie schritt in die Wohnung, als würde sie eine Bühne betreten, jenes Lächeln im Gesicht, das ihr so sehr zum Schutzschild geworden war, daß es sogar in Augenblicken der Wut ungebeten auftauchen konnte. Und lächelnd wurde sie zu jener Beatrice Abbot, die Tausende von Menschen kannten und bewunderten, ohne ihr jemals wirklich begegnet zu sein, keine Schönheit, aber eine attraktive Frau mit blondem, zu einem schlichten Bubikopf frisiertem Haar, das ihre großen braunen Augen gut zur Geltung brachte. Selbst jetzt, mit über dreißig Jahren, strahlte sie einen mädchenhaften Charme aus, eine {15}Illusion, die sie durch einfache Kleidung verstärkte – Tweedrock und Bluse, gelegentlich ein Cashmerepullover. Heute jedoch trug sie zu Mangans großer Überraschung elegante, kniehohe Stiefel aus glänzendem, cognacfarbenem Leder und einen langen, überaus schönen, dunklen Nerzmantel, über dessen sattem Schimmer schmelzende Schneeflocken perlten. Auf ihrem Kopf (sie, die niemals Hüte trug) saß ein Kosakentschako aus gleichem Pelz. Ihr braunes Cashmerekleid kannte er schon, doch heute zierte es eine ungewöhnliche Halskette aus Türkisen, groß wie Hühnereier. »Frohes neues Jahr«, sagte sie.
War das sarkastisch gemeint? Er schaute sie an. Nein, vermutlich nicht.
»Und wie ist es dir so ergangen, Jamie?«
»Ganz gut.«
Sie lächelte ihn wieder an, ging dann ins Wohnzimmer wie zur Bühnenmitte, öffnete ihren schönen Nerz und warf ihn sich wie ein Cape über die Schultern. »Ich wollte erst anrufen, um dich zu fragen, ob ich kommen kann, aber dann hatte ich Angst, du würdest nein sagen. Also bin ich einfach in den Wagen gestiegen und hergefahren. Es macht dir doch hoffentlich nichts aus.«
»In was für einem Wagen?«
»In Perrys.«
»Ist das auch sein Pelzmantel?«
»Ein Weihnachtsgeschenk.« Sie drehte eine Pirouette, als führte sie den Mantel in einer Modenschau vor, und setzte sich dann in den Sessel, der letzte, der noch im Wohnzimmer geblieben war. »So«, sagte sie. »Und wie war deine Weihnacht?«
{16}»Geht so.«
»Was hast du gemacht?«
»Interessiert dich das?«
Sie seufzte, lehnte sich zurück, den Kopf leicht gesenkt, die gestiefelten Beine ausgestreckt, und einen Augenblick lang sah sie aus wie ein junger Stutzer der Regencyzeit. »Tut mir leid«, sagte sie. »Es wäre schön, wenn wir es fertigbrächten, uns nicht zu streiten.«
Er ging zum großen Fenster und setzte sich auf die lange Fensterbank, seine Hände umklammerten die Knie. Eliots Zeilen kamen ihm in den Sinn:
Wer ist der Dritte, der allfort an deiner Seite geht?
Zähl ich, so sind nur du und ich selbander,
Doch blick ich voran auf die weiße Straße, ist immer
Noch einer da, der neben dir einhergeht.
In den drei Wochen, seit sie mich verlassen hatte, ging immer noch einer neben uns einher. »Warum bist du gekommen?« fragte er. »Hast du etwas vergessen?«
Sie überhörte seine Frage. »Weinberg hat die ganze Woche versucht, dich zu erreichen. Warst du verreist?«
»Nein. Ich hatte nur keine Lust, mit ihm zu reden.«
»Na ja, es gibt da ein Problem. Ich will für einige Wochen fort, aber Weinberg meint, wir beide sollten vorher über die Scheidung reden.«
»Wo willst du hin?« Doch im selben Augenblick bereute er seine Frage. Was ging es ihn an, wohin sie wollte?
»Perrys Familie besitzt ein Haus in Jamaica. Ich dachte mir, wir könnten dort bleiben, bis meine Proben im {17}Kennedy Center anfangen.« Sie stand auf und ließ den Pelzmantel auf den Sessel fallen. »Stört es dich, wenn ich mir eine Tasse Kaffee mache?«
»Es steht noch Kaffee auf dem Herd«, sagte er und sah ihr nach, als sie in die Küche ging, ihr Schritt noch ein wenig wacklig in den ungewohnten Stiefeln. Die Stiefel waren bestimmt ganz nach Turnbulls Geschmack. Einen Augenblick lang stellte er sich vor, wie sie gestiefelt und bepelzt, die Reitgerte in der Hand, auf Turnbulls knochigen nackten Hintern einhieb, wie Turnbull vor Lust und Schmerz grunzte. Die Kälte der weiten Glasfläche hinter ihm kroch über seinen Rücken. Er hörte, wie sie an dem Filter rüttelte, und er sah ihr zu, wie sie aus der Küche kam, in der rechten Hand vorsichtig eine volle Kaffeetasse balancierte und sich wieder in den Sessel setzte mit ihrer amüsierten Ist-das-nicht-lustig-Miene, die sie früher so oft Fremden gegenüber aufgesetzt hatte. War er nur noch ein Fremder? Er drehte sich um, starrte aus dem Fenster und sah den Fluß kalt unter geweißtem Himmel liegen. Auf dem kabbeligen grauen Kanal tuckerte ein Schleppkahn flußaufwärts, Müllprähme wie ein Beerdigungszug im Gefolge.
»Weinberg«, sagte sie, »ist auf eine gütliche Scheidung aus. Er meint, das sei für uns beide das beste. Ich weiß nicht. Mir ist das egal. Ich wiederhole nur, was ich dich fragen soll.«
»Was sollst du mich fragen? Ob ich mit einer gütlichen Scheidung einverstanden bin?«
»Na ja, weißt du noch, damals – an dem Tag, an dem ich es dir erzählt habe – da haben wir doch beschlossen, daß ich vorläufig das Strandhaus nehme und daß du hierbleibst?«
{18}»Du hast das beschlossen. Nicht ich.«
»Also schön. Aber du weißt, was ich meine?«
Er dachte an die gedruckten Zettel, die sie ihm geschickt hatte, damit sie mit den Weihnachtskarten versandt wurden. Dieses ganze falsche Theater. Seine Stimme klang heiser vor Wut. »Du hast doch nicht einen Moment daran gedacht, im Strandhaus zu wohnen«, sagte er. »Du bist direkt zu Turnbull gezogen.«
»Was ändert das schon?«
Sie hatte natürlich recht.
»Hör mal, laß uns nicht die Beherrschung verlieren«, sagte sie. »Nur das eine. Ich möchte, daß du diese Wohnung behältst. Ich bin bereit, sie dir zu überlassen. Ohne Abstriche. Ich behalte das Strandhaus. Okay?« Sie lächelte, ein gezwungenes Lächeln, das Lächeln eines Menschen, der mehr als großzügig ist. Er konnte fast hören, wie sie es sagte: mehr als großzügig.
»Nein, das ist nicht okay«, sagte er. »Raten und Unterhalt für die Wohnung belaufen sich im Monat auf dreizehnhundert Dollar, schon vergessen? Und das kann ich mir nicht mehr leisten, seit du mich verlassen hast. Letzten Monat habe ich zum Beispiel vierhundert verdient. Und im November zwölfhundert. Das war ein guter Monat. Außerdem gehört dir sowieso beides. Wir haben es mit deinem Geld gekauft.«
»Dein Geld, mein Geld.« Sie schleuderte ihre Füße von sich, die Hacken knallten auf das Parkett. »Weißt du was, ich übernehme die monatlichen Zahlungen für – sagen wir – zwei Jahre. Danach zahlst du dann weiter, oder du verkaufst die Wohnung, wenn dir danach ist, und behältst {19}den Erlös. Wir haben nun mal sieben Jahre zusammengelebt, und wir trennen uns, weil ich aus der Beziehung raus will. Also möchte ich dir gegenüber großzügig sein. Was ist? Habe ich was Lustiges gesagt?«
»Nein.«
»Also, willst du die Wohnung?«
»Ich habe es dir schon gesagt. Nein.«
»Was ist mit dem Strandhaus? Wäre dir das lieber? Das gehört uns wenigstens schon, du bräuchtest also keine Raten zu zahlen.«
»Ich will das Strandhaus nicht. Ich will überhaupt nichts von dir. Und wieso diese Eile mit der Scheidung? Willst du Turnbull heiraten?«
Sie zögerte. »Weinberg meinte, wenn ich dir davon erzähle, würdest du es uns nur schwermachen wollen. Aber das machst du doch nicht, nicht wahr, Jamie?«
Sie beugte sich beim Reden vor. Wie zwei polierte Ovale ragten ihre Knie aus dem glatten braunen Leder ihrer Stiefel, ihr Gesicht, das sich jetzt zu einem Lächeln verzog, war auf drei Seiten vom Rechteck ihrer blonden Bubikopffrisur umrahmt, dieses vertraute Gesicht, das jetzt das Gesicht einer Fremden war. Er spürte ein leichtes Frösteln der Angst, weil diese Fremde so genau wußte, mit welchem Blatt sie gegen seine entschlossene Haltung gewinnen konnte.
»Warum sollte ich dir irgend etwas schwermachen wollen?« hörte er sich fragen. Dabei hatte er tatsächlich vorgehabt, ihr Ärger zu bereiten, falls sie Turnbull heiraten wollte, doch wie ein Dibbuk durchfuhr ihn heißer Stolz. »Willst du dich von mir freikaufen? Geht es darum?«
»Natürlich nicht. Das ist gemein.«
{20}»Außerdem«, sagte er, »gibt es sowieso keine Vereinbarung, die mich für das entschädigen kann, was du mir angetan hast.«
»Was genau habe ich dir denn angetan?«
»Nichts, nichts.« Beschämende Tränen traten ihm in die Augen. »Geh schon«, sagte er. »Du kannst jetzt gehen. Sag Weinberg, es sei alles in Ordnung, du hättest mich abgefunden. Sag ihm aber auch lieber gleich, daß du diese Wohnung übernehmen mußt. Ich ziehe nämlich aus.«
»Das ist doch überhaupt nicht nötig. Dann steht sie doch bloß leer.« Sie stand auf, ging zu ihm und legte ihre Arme um ihn. »Ach, Jamie, es tut mir leid. Es tut mir wirklich leid.«
Und wieder einmal war er der Schwache gewesen, wieder einmal hatte er ihr gestanden, was sie auf keinen Fall wissen sollte. Ein Niemand ohne Stolz. Der Dibbuk verließ ihn. Er stand auf, ließ sich von ihr umarmen, beschämt, hatte er doch geweint, um ihr Mitleid zu gewinnen. »Ich wollte dich nicht beleidigen«, sagte sie. »Ich weiß, wie schrecklich all dies für dich ist.« Und er hörte sich mit beherrschter Stimme sagen, daß er nicht vorgehabt hatte, sie anzuschreien. Doch mit der Wohnung meine er es ernst. Und morgen wolle er Weinberg anrufen.
»Morgen ist Neujahr«, sagte sie und ließ ihn los. »Übermorgen wäre besser.«
Mit diesen Worten wandte sie sich von ihm ab, griff nach dem langen Pelzmantel, glitt hinein und kehrte ihm dabei den Rücken zu, zeigte ihm nur das braune Fell, die glänzenden Lederstiefel, den Pelztschako und den blonden Bubikopf, als wäre sie ein Tier, nichts als Pelz und Haar. Wie {21}hatte er nur glauben können, es würde ihm gelingen, diesem bepelzten Tierrücken seine neue Angst anzuvertrauen? Dann drehte sie sich zu ihm um und war für einen Moment wieder jene Frau, die, so unwahrscheinlich es nun klang, ihn gebeten hatte, sie zu heiraten, die sich vor einem Angestellten des Rathauses mit ihm vermählt hatte, die im Doctor’s Hospital jenen totgeborenen Sohn gebar, den er nie gesehen hatte. All dies, ihr gemeinsames Leben, war vorbei. Morgen war Neujahr, und Weinbergs Büro würde geschlossen sein. ›Übermorgen wäre besser.‹ Sie hatte ihre Angelegenheiten hier erledigt.
»Gehst du heute abend zu den Connells?« fragte er.
»Ich weiß nicht. Ich dachte, wir könnten später auf ein paar Minuten vorbeikommen. Warum? Willst du hin?«
»Jetzt nicht mehr.«
»Ach, komm schon, Jamie, das ist doch blöd. Bei denen treibt sich immer eine riesige Meute rum. Da können wir uns leicht aus dem Weg gehen, falls du dir deshalb Sorgen machst.«
»Hat Bob Connell dich eingeladen? Dich persönlich, meine ich.«
»Ich weiß nicht. Ich glaube schon, daß es da eine Einladung gab.«
»Nun, mich hat er eingeladen. Ausdrücklich. Die Connells sind meine Freunde.«
»Ich habe sie auch für meine Freunde gehalten«, sagte sie. »Aber laß uns nicht darüber streiten.«
»Du und Turnbull, ihr könnt doch bestimmt zu einem Dutzend anderer Parties gehen.«
»Also gut. Wie du willst. Du gehst. Wir nicht.« Sie {22}öffnete die Tür, dann legte sie die Hand auf seinen Arm und schaute ihn an. »Aber bitte, bleib in der Wohnung. Es wäre doch nur Verschwendung, sie leerstehen zu lassen.«
»Ich will sie nicht. Kapiert?«
Sofort zog sie ihre Hand zurück. »Na schön«, sagte sie und ging über den Flur, ganz wallender Nerz und wacklige polierte Stiefel. Absurderweise wollte er sie zurückrufen und die Auseinandersetzung noch mal von vorn beginnen. Tagelang hatte er überlegt, wie er sich benehmen wollte, wenn sie sich begegneten. Er wollte höflich sein. Er wollte sie glauben machen, daß er ohne sie besser dran war, wollte sich großzügig, doch gleichgültig zeigen, denn Gleichgültigkeit ist die höchste Form der Rache. Statt dessen hatte er geweint, hatte die Beherrschung verloren und sie sogar um einen Gefallen gebeten, hatte sie gefragt, ob sie nicht Connells Party fernbleiben könne.
»Beatrice?« rief er mit lauter, brüchiger Stimme. Sie stand vor dem Fahrstuhl. Er hob seine Stimme und schrie: »Ich gehe heute abend nicht zu den Connells. Ich fahre nach Montreal und bleibe über Neujahr bei meinem Vater. Wahrscheinlich bin ich eine Weile fort. Die Schlüssel hinterlege ich beim Hausmeister.«
»Und was ist mit Weinberg?«
»Ich rufe ihn aus Montreal an.«
»Gut.« Sie drückte auf den Fahrstuhlknopf. Er knallte die Tür hinter ihr zu. Höflich, großzügig, gleichgültig. War ihr Verhalten damit nicht exakt beschrieben? Er ging ins Wohnzimmer, sah ihre Kaffeetasse und trug sie in die Küche, als wollte er dieses Indiz ihres Besuches fortspülen. Doch dann überkam ihn unerklärlicherweise der Wunsch, {23}sie noch einmal zu sehen, und er stürzte gerade noch rechtzeitig ans Schlafzimmerfenster, um ein Knäuel aus Pelz und Stiefeln in den kleinen Mercedes steigen zu sehen. Kevin, der Türsteher, schloß den Verschlag. Der Mercedes wendete unbeholfen, wurde schneller und geriet im Schnee ein wenig ins Schlingern, als er hinüber zur Second Avenue schoß. Sie fährt ihn zu Bruch, dachte er. Sie hat noch nie fahren können.
So wäre sie von ihm gegangen,
So wie die Seele den Leib verläßt, zerrissen und zerschunden,
Wie der Geist den Leib im Stich läßt, den er gebrauchte.
So war sie. Wilde fürchten die Fotografie, das Klicken des Auslösers, den Diebstahl ihres Bildes, das ihnen als lebloses Souvenir zurückgegeben wird, eingeschreint in einem Stück Papier. Beatrice hatte den Auslöser klicken lassen, hatte den Mann gestohlen, der er einst gewesen war, hatte ihm sich selbst als ihren nutzlosen Gatten zurückgegeben. Er schleppte diese Gattengestalt ins Bad, zog ihr die Kleider aus und stellte sie lange Zeit unter die Dusche, das Wasser zu heiß, so daß die Haut sich rötete. Er trocknete Körper und Haar und ging nackt ins Schlafzimmer, wo er in dem dreiteiligen Spiegel, den sie gekauft hatte, ein erstarrtes Gesicht erblickte, Augen, in denen kein Licht zu sehen war, ein wächsernes Abbild, lebensecht, doch nicht lebendig. Der fotografierte Wilde, beraubt, im Stich gelassen.
Er zog sich an. Er hängte den Anzug auf, den er aus dem {24}Schrank genommen hatte, um ihn auf Connells Party zu tragen, suchte sich statt dessen einen Rollkragenpullover, Tweedhose, Wollsocken und ein Paar feste Schuhe. Er tat dies, ohne darüber nachzudenken, so wie er ihr vor einigen Minuten zugerufen hatte, daß er seinen Vater in Montreal besuchen wolle. Seit sieben Monaten hatte er seinen Vater nicht gesehen, und als er ihn Weihnachten anrief, hatte er es nicht fertiggebracht, ihm zu sagen, daß Beatrice ihn verlassen hatte. Doch jetzt brauchte er plötzlich seinen Vater. Sein Vater war womöglich genau der Mensch, der ihm jetzt helfen konnte. Für seinen Vater war er der einzige Sohn, Fortsetzung einer Ahnenreihe, die bis zurück nach Irland und dem Anspruch ihres Großvaters reichte, vom Dichter Mangan selbst abzustammen. Er blätterte durch sein Adreßbuch, fand den Namen seines Vaters und wählte die Nummer. Vater unser, der du bist in Montreal, bitte sei zu Haus. Es klingelte und klingelte. Er wartete, sah aus dem Fenster, grauer Fluß unter geweißtem Himmel; zwei Lastschiffe trieben flußabwärts zum Meer.
Besser stünden mir ein Paar gezackter Klauen,
Hinhuschend auf dem Grunde stiller Meere.
In Montreal nahm jemand den Hörer ab. Er hörte die Stimme seines Vaters.
»Wo wohnen Sie?« Dem Klang der Stimme nach zu urteilen war der Einwanderungsbeamte Frankokanadier.
»In New York.«
Als Mangan vor sieben Jahren in die Vereinigten Staaten gezogen war, hatte er die amerikanische Staatsbürgerschaft beantragt, so daß er jetzt einen amerikanischen Paß über den Tresen schob, um sich vor den Beamten seines Heimatlandes auszuweisen. Der Mann warf einen flüchtigen Blick auf sein Foto und gab ihm den Paß mit den Worten zurück: »Und was ist der Zweck Ihres Aufenthaltes?«
»Ein Besuch bei meinem Vater.«
»Führen Sie Geschenke, Schnaps oder Zigaretten mit?«
»Nein.«
Der Beamte stempelte die Zollerklärung, gab sie ihm und lächelte zum ersten Mal seit Beginn ihres Gesprächs. »Ein frohes neues Jahr.«
»Danke. Ihnen auch.«
Mit seiner Tasche ging er zum Zoll hinüber, gab dem Zollbeamten die Erklärung und wurde durch eine sich automatisch öffnende Tür zu einem Gewühl wartender Reisender in die Ankunftshalle gewinkt. Als er seinem Vater vor ein paar Stunden am Telefon von Beatrice erzählt hatte, war die Neuigkeit von ihm mit echter Trauer {26}aufgenommen worden. »Natürlich, komm her. Und – weißt du was – wir holen dich ab.« Zum Beweis ihres Mitgefühls drängte sich nun Margrethe, »in voller Lebensgröße«, wie seine Mutter sie einmal bitter beschrieben hatte, durch die wartende Menge nach vorn – sie war ebenso groß wie Mangan, mit blondem Haar, das ihr über die Schultern fiel, blauem Skiparka und passender Stretchhose –, und mit vor Freude blitzenden Wikingeraugen rannte sie nun auf ihn zu, um ihn mit einer warmen Umarmung und feuchten Küssen zu empfangen.
Bei früheren Gunstbeweisen dieser Art hatte Mangan eine verbotene sexuelle Erregung gespürt, wenn er von dieser Frau gehalten und geküßt wurde, diesem hübschen Ehrenpreis seines alternden Vaters, eine Dänin, sechs Jahre jünger als er selbst. Doch als heute abend ihre warmen Lippen seine Wange berührten, spürte er nicht wie sonst le droit de sang und träumte nicht davon, seinen Vater zum Hahnrei zu machen. Statt dessen empfand er Dankbarkeit und war froh, nicht als Beatrices Gatte gesehen, sondern im Hause seines Vaters willkommen geheißen zu werden, ein heimkehrender Sohn.
»Komm, ich bin mit dem Wagen da«, sagte Margrethe mit ihrem abgehackten, englischen Akzent, den sie sich in einer dänischen Schule angewöhnt hatte. Und so ging er mit ihr in die trübe, frostklirrende Montrealer Winternacht und wartete im eisigen Wind, bis sie den Volvo aufgeschlossen hatte. Dann röhrte die Heizung auf, während er sich gemütlich im Sitz neben ihr rekelte, und sie fuhren über eine Zufahrtsstraße, gesäumt von Schneewällen hoch wie Hindernisse in einem Pferderennen und mit Löchern {27}gelber Hundepisse übersät, große, graue Schmutzberge, die vor dem Frühjahr nicht tauen würden. Wie Banquos Geist tauchte ein Montrealer Polizist mit Pelzhut und Übermantel vor ihnen auf, Trillerpfeife im Mund, und fuchtelte mit seinen Lederpranken durch die rauchige Arktisluft. Kanada: grausames Land, dessen Besiedlung der Natur abgerungen war. Zuhause.
»Also«, sagte Margrethe. »Wann hat sie dich genau verlassen?«
»Vor drei Wochen.«
»Willst du lieber nicht darüber reden?«
»Nein, ist schon in Ordnung.«
»Hat sie was mit Perry Turnbull angefangen?«
Erstaunt drehte er sich zu ihr um. Sie ignorierte seinen Blick und konzentrierte sich auf den Verkehr, während sie mit hoher Geschwindigkeit die Spuren wechselte, ihr Profil reglos wie das Porträt auf einer Münze. »Woher weißt du von Turnbull?« fragte er.
»Aha, also doch.« Sie wandte sich einen Augenblick zu ihm um und warf ihm ein herzliches, triumphierendes Lächeln zu.« Sie hat ihn erwähnt, als sie das letzte Mal hier war.«
»Aber das war vor mehr als einem Jahr.«
Der Volvo machte einen Satz nach vorn, als wollte er vor dieser gefährlichen Enthüllung davonrasen. »Ich weiß noch«, sagte Margrethe, »wie sie mir erzählt hat, daß diesem Mann ein großes Haus auf Jamaica gehört.«
»Ja, sie fährt mit ihm hin.«
Margrethe lachte. »Was für eine außergewöhnliche Frau. Warst du traurig, als sie dich verlassen hat?«
{28}»Traurig?« Diese Frage hatte ihm noch niemand gestellt. »Ich glaube, ich fühlte mich beleidigt.«
»Es war bestimmt nicht leicht, sie wirklich zu kennen. Ich meine, sie als Mensch zu kennen. Sie ist durch und durch Schauspielerin.«
CÔTE-DE-LIESSE stand auf dem grünweißen Autobahnschild und lenkte seine Gedanken zurück zu seiner Kindheit, zu einer Zeit vor Beatrice, zu Abzweigungen, von denen er wünschte, er hätte sie nicht genommen.
»Und so charmant«, sagte Margrethe. »Ich habe zugesehen, wie sie deinen Vater traktiert hat. Der arme Pat, ich glaube, er hat ein wenig mit ihr geflirtet.«
›So wie ich Margrethe begehrt hatte, hat also mein Vater Beatrice begehrt.‹ »Und wie geht es Pat?« fragte Mangan.
»Er ist großartig in Form. Heute abend gibt er eine Party, hat er dir schon davon erzählt?«
»Eine große Party?«
»Ach, du weißt schon.« Konzentriert beugte Margrethe sich vor, als der Volvo über die Abfahrt schoß und mit einem Ruck langsamer wurde, sobald sie sich der Côte-de-Liesse Road näherten. »Die alte Clique. Wir genehmigen uns ein paar Drinks, und später gibt es dann ein Buffet.«
Scheibenwischer hoben und senkten sich, guillotinierten den Blick. Die Sherbrooke Street hinunter, vorbei am Queen Elizabeth Hospital, wo ihn eine Notoperation – Plazenta praevia – unter Lebensgefahr seiner Mutter auf die Welt gebracht hatte. Margrethe blieb stumm, die einzigen Geräusche waren das Dröhnen der Heizung, das glitschige Abwärtsgleiten der Regenwischer, ihr bleiernes Aufwärtsschaben. Vor ihnen eine Landschaft, die sich seit {29}den Jahren, als dies hier seine Welt gewesen war, kaum verändert hatte, Westmount Park, die Stadtbibliothek, der Eishockeyplatz, die Reihen vorstädtischer Alleen, die steil zum Boulevard anstiegen, dieser Trennlinie auf dem sozialen Monopolybrett zwischen den Managern der Banken und Firmen, die aufwärtsstrebend in den unteren Lagen wohnten, und den Besitzern dieser Banken und Firmen, die sich auf den höheren Rängen der Westmount Mountains niedergelassen hatten. Der Volvo bog in die Lansdowne Avenue ein, die Straße, in der Mangan aufgewachsen war, schob sich hügelaufwärts an rotgeziegelten, viktorianischen Häusern vorbei, deren hölzerne Terrassen unter alten Schneewehen begraben lagen und deren Wände und Treppen man mit Salz bestreut hatte, um den Panzer winterlichen Eises aufzubrechen. Auf halber Höhe bog der Volvo in eine schmale Auffahrt ein, die vor den Eingangsstufen einer Doppelhaushälfte mit einer Fassade aus grauen Feldsteinen endete. Mangan und Margrethe stiegen aus. Links von der Haustür ein erhelltes Fenster, die Vorhänge zurückgezogen. Umrahmt von diesem Fenster sah ihnen sein Vater entgegen, der sich bereits für die Party umgezogen hatte, marineblauer Blazer und königsblaues Hemd, dazu eine Krawatte aus roter Seide. Sein Vater senkte den Kopf zu einem gespielt-komischen Willkommensgruß und entblößte damit seine von langem grauen Haar umringte Tonsur. »Da ist Pat«, rief Margrethe glücklich, rannte die Stufen hinauf, stieß die Tür auf und bat Mangan, ihr zu folgen.
Er winkte seinem Vater zu, betrat den kleinen Flur, suchte sich seinen Weg durch das vertraute winterliche {30}Durcheinander von abgelegtem Ölzeug, Postwurfsendungen und ungelesenen Lokalzeitungen, um dann das Wohnzimmer zu betreten, ein Ort der Kontraste mit seinen hölzernen Bauhausstühlen und Beistelltischen, die in den dreißiger Jahren für viel Geld gekauft worden waren und jetzt alt und verzogen aussahen wie ein Sammelsurium aus einem Trödelladen. Bücher füllten den Raum. In einem Kamin im Stil des neoklassizistischen Architekten Adam brannte ein helloderndes Feuer. Sein Vater, der gerade Margrethe küßte und von ihr geküßt wurde, hob eine Hand und winkte ihm zu.
Don Duncan, der älteste Freund seines Vaters, stand mit dem Rücken zum Feuer, Glas in der Hand, lächelte und nickte ihm grüßend zu. Sein Vater gab Margrethe frei und ging zu ihm, um ihm die Hand zu schütteln.
»Hast du einen guten Flug gehabt?« Er hatte einen festen Händedruck. Mit Menschen und Krisensituationen ging er brüsk, vergnügt und ein wenig distanziert um, eine Angewohnheit, die er sich während seiner Arbeit als leitender Redakteur der Gazette zugelegt hatte, als Menschen und Krisen noch zum täglichen Inhalt seines Lebens gehörten. Wahrscheinlich hatte er sich diesen Charakterzug von einem Redakteur abgeguckt, den er in seiner Jugend gekannt hatte, doch in Mangans Augen verlieh diese Eigenheit seinem Vater eine gravitas, die anderen Menschen zu fehlen schien. Ein wenig unpassenderweise fiel ihm ein, daß er für seinen Vater heute abend den Aufmacher der Lokalnachrichten abgab: SOHN VOM BERÜHMTEN KOLLEGEN ZUM HAHNREI GEMACHT.
»Wie wär’s mit einem Drink?« fragte ihn sein Vater. {31}»Scotch mit Soda, stimmt’s?« Er nickte. Sein Vater ging in die Küche.
»Ich muß jetzt nach oben und mich umziehen«, sagte Margrethe. »Du weißt ja, wo dein Zimmer ist, Jamie.«
Sie ging und ließ Mangan mit Don Duncan allein zurück, der immer noch mit dem Rücken zum Feuer stand, eine massige Gestalt im hellgrauen Anzug mit dichtem weißem Haar, das an einen schlecht gewaschenen Schafwollteppich erinnerte. »Na, Jamie, wie läuft’s denn so?«
»Na ja, so lala.«
»Pat hat mir davon erzählt.«
»Ach ja?«
»Ja, er hat es kurz erwähnt. Nun, was soll ich sagen?«
»Erzähl lieber, wie es dir ergangen ist, Don.«
»Ach, comme ci. Dreht sie gerade einen Film oder steht sie auf der Bühne?«
»Im März kommt ihr neues Stück heraus.«
»Ich habe sie nur einmal gesehen«, sagte Don. »In diesem Film mit Henry Fonda. Ich habe dir das bestimmt schon erzählt. Eine verteufelt gute Schauspielerin, das muß man ihr lassen.«
»Hm.«
»Weißt du, meine Tochter Deirdre ist verrückt nach ihr. Wie sie vor ein paar Jahren das erstemal mit dir herkam, da hat Deirdre mich bearbeitet, damit ich mir ein Autogramm von ihr geben lasse.« Don lächelte und schüttelte den Kopf über seinem leeren Glas. »Na, die Party heute abend wird jedenfalls bestimmt ganz nett. Natürlich kommen keine Berühmtheiten. Wir sind hier nicht in New York, Jamie. Keine Filmstars.« Er lachte.
{32}Sein Vater kehrte zurück. »Dein Scotch. Soll ich dir nachschenken, Don?«
»Laß nur, ich kümmere mich selbst drum. Ich weiß ja, wo die guten Sachen stehen.«
»Danke, das ist lieb von dir.« Don ging hinaus.
»Bist du hungrig, Jamie?« fragte sein Vater.
»Nein.«
»Wir wollen gegen zehn essen. Ist das okay?«
»Ja, prima.«
Sein Vater zögerte. »Am Telefon hast du gesagt, daß du mit mir reden willst. Ging es dabei um was Besonderes?«
»Nein, ich glaube, ich wollte dich eigentlich nur sehen, aber jetzt habe ich plötzlich Lust, dir eine Menge Fragen zu stellen. Vor allem zur Familiengeschichte.«
»Aha«, sagte sein Vater. »Interesse am Stammbaum, heißt es, sei ein erstes Anzeichen für zunehmendes Alter. Jedenfalls liegen die Familienunterlagen oben, soweit sie noch vorhanden sind. Die Bibel mit den Geburtsurkunden, etcetera. Und diese Bücher über James Clarence Mangan, für die ich dich früher mal begeistern wollte. Vielleicht interessierst du dich ja jetzt für sie. Du bleibst doch hoffentlich ein paar Tage, oder?«
»Würde ich gern.«
»Warum kommst du nicht morgen mit uns in die Townships. Du könntest vormittags mit Margrethe rausfahren, und zum Mittagessen stoße ich dazu. Wir hatten vor, ein paar Tage dortzubleiben, wenn das für dich in Ordnung ist.«
»Prima. Und wohin genau soll es dieses Jahr gehen?«
»Wir haben uns in der Nähe von Knowlton eine Hütte {33}gemietet. Von da aus sind es nur fünfzehn Minuten bis zu den Skiliften.«
»Ich dachte, du hättest das Skifahren aufgegeben.«
»Reiner Selbsterhalt. Denk an Margrethe.«
»Ach so, ja, richtig.«
»Gut, das wäre also abgemacht.«
»Okay, aber ich glaube, ich gehe jetzt für einen Augenblick nach oben, wenn es dir nichts ausmacht.«
»Natürlich nicht«, sagte sein Vater. »Nimm deinen Drink mit.«
»Bis später also.«
Mit dem Drink in der Hand ging er die vertraute Treppe hinauf zu dem Zimmer, das seit seinen Jugendtagen keinen ständigen Bewohner mehr gekannt hatte, so daß die Einrichtung und das Aussehen aus Kindheit und Collegejahren erhalten geblieben war. Er machte kein Licht an, schloß die Tür hinter sich und ging zielsicher im Dunkeln zu dem einfachen Bett. Das Licht der Scheinwerfer eines vorbeifahrenden Wagens wanderte über die Zimmerdecke und weckte in ihm die deutliche Erinnerung daran, wie er mit neun Jahren hier gelegen und sich vorgestellt hatte, sein Bett sei ein Boot, die Lichter der Autoscheinwerfer Strahlen eines Leuchtturms, die Decke der Ozean. Longtemps, je me suis couché de bonne heure. Doch im Gegensatz zu Proust habe ich hier nicht gelegen und mich danach gesehnt, daß meine Mama heraufkam und mir einen Gutenachtkuß gab. Ich war nie glücklicher als in jenen Stunden, wenn ich allein war, der Tag vorbei, die Tür geschlossen, und wenn Betten sich in Boote verwandelten – ein Einzelkind, das sich keinen Bruder wünschte.
{34}Er legte sich auf das Bett. Ein zweiter Wagen fuhr durch die Allee und hielt direkt vorm Haus. Der Widerschein der Scheinwerfer malte lange Schatten auf einen schwedischen Teakholztisch, ein Geschenk seiner Mutter zu seinem ersten Jahr an der McGill. Beim Anblick dieses Tisches kam ihm das Zimmer wie die Grabkammer seiner verfehlten Ambitionen vor, die nur auf eigene Gefahr zu betreten war. Unten hörte er die Türschelle. Gäste trafen ein, zogen ihr Ölzeug aus, schwere Schritte auf hölzernem Terrassenboden. Seine Träume hätten dieses Zimmer nicht verlassen sollen; Träume können nicht reisen. Doch vor langer Zeit hatte er den Versuch gewagt und wie ein Spieler mit dem ersten Blatt des Abends gewonnen, Omen für eine Nacht des Verlierens: Sein erstes Gedicht war von Poetry angenommen worden. Drei Monate später akzeptierte The New Yorker eines seiner Gedichte und machte ihn mit neunzehn Jahren zu einem zweifach veröffentlichten Dichter. Sein Vater freute sich, drängte ihn aber, praktisch veranlagt wie immer, weiterhin bei Jura zu bleiben, während Mangan seinen Erfolg scheinbar gleichgültig abtat, sich insgeheim aber wilden Tagträumen von Ruhm und Ehre hingab und seinen Magister nur mit halber Kraft anging. Dann lief irgendwas schief. Gedichte kamen zurück. Zeitschriften, die zuvor ermutigende Briefe gesandt hatten, teilten nun ihr Bedauern mit. Nur kanadische Publikationen, die ebenso obskur wie ihre Autoren waren, nahmen seine Gedichte noch an. Bis zum Examen hatte er seinen früheren Erfolg nicht wiederholt, und da er keine anderen Talente besaß, war er gezwungen, die von seinem Vater angebotene Stelle bei The Gazette anzunehmen. Dort blieb er drei {35}Jahre und schrieb nebenbei noch Gedichte, bis er gemeinsam mit seinem Vater entschied, daß es für seine Zukunft besser sei, wenn er zu einer anderen Zeitung wechselte. Und so wurde er, wiederum durch elterlichen Einfluß, bei der Globe and Mail angenommen und verließ sein Zuhause, um in Toronto zu wohnen.
Er hörte Schritte kommen. Jemand klopfte an seine Tür. »Jamie?« Margrethes Stimme. Er gab keine Antwort. Sie öffnete die Tür einen Spaltbreit, schloß sie aber wieder, als sie kein Licht sah. Gelächter perlte aus dem Wohnzimmer herauf. Er erhob sich, machte die Nachttischlampe an und sah, daß das Bild, ein Landschaftspastell seiner Mutter im Stil von Laurencin, das sonst stets neben dem Schalter gehangen hatte, durch ein Poster mit dem Schriftzug The Doors of Dublin vertauscht worden war.
»Jamie?« Wieder Margrethes Stimme. Sie hatte an die Badezimmertür im Flur geklopft.
»Besetzt«, antwortete ihr eine Frauenstimme.
»Oh, tut mir leid«, sagte Margrethe.
Er trat auf den Flur. »Hier bin ich«, sagte er. »Ich hatte das Licht ausgemacht und war für einen Moment eingeschlafen.«
Sie akzeptierte seine Lüge. »Ich hoffe, ich habe dich nicht geweckt.« Sie trug jetzt ein langes Abendkleid aus irgendeinem glitzernden Jerseystoff, der ihre junge, geschmeidige Figur gut zur Geltung brachte. »Dein Vater hat offensichtlich eine Vorliebe für dänisches Gebäck«, hatte seine Mutter einmal spitz behauptet. »Ich glaube nicht, daß ihm das in seinem Alter noch bekommt.« Dabei war es seine Mutter gewesen, die Margrethe nicht verkraftet hatte.
{36}»Jamie!« Er sah nach unten und entdeckte Mark Magennis, der ihm vom Flur herauf Zeichen machte, und ihm fiel ein, daß Magennis jetzt ein hohes Tier bei der kanadischen Rundfunkgesellschaft war, also jemand, in dessen Macht es stand, ihm einen Auftrag zu geben. »Ich wußte ja gar nicht, daß du in der Stadt bist«, sagte Magennis. »Wo steckt Beatrice?«
»Sie ist nicht mitgekommen.«
»Ach, wie schade. Ich hatte mich schon darauf gefreut, ihr sagen zu können, wie gut sie in diesem Film war, diesem französischen, wie heißt er gleich noch? Jedenfalls habe ich ihn letzten September in New York gesehen. Wurde der synchronisiert? Sie kann doch kein Französisch, oder?«
»Stimmt, er wurde synchronisiert.«
»Jedenfalls war sie phantastisch. Ach, entschuldige. Peg? Jamie, kennst du Peg Thornton?«
Nein, er kannte Peg Thornton nicht, eine hexenhafte Person, deren Augenbrauen sich zusammenzogen, als sie ihn musterte. »Sind Sie Beatrice Abbots Mann? Von der reden wir doch, richtig?«
»Ja, das ist er«, sagte Magennis. »Dies ist ihr Mann, Jamie Mangan. Und außerdem ist er Pats Sohn und Erbe.«
»Pats Sohn! Himmel, haben Sie eine tolle Verwandtschaft. Jetzt fällt mir auch wieder ein, daß ich mal gehört habe, Pat hätte einen Sohn, der eine berühmte Frau geheiratet hat – aber Beatrice Abbot! Ich bin ein großer Fan von ihr, genau wie Mark. Sagten Sie, Ihre Frau sei nicht mitgekommen?«
»Nein, sie ist in New York.«
»Auf der Bühne?« fragte Magennis.
{37}»Nein. Ehrlich gesagt, wir haben uns gerade getrennt.«
»Ach?« Peg Thornton sah Magennis an und schaute dann zu Margrethe hinüber. Alle Blicke richteten sich auf Mangan. »Wie wär’s mit einem Drink, Jamie?« fragte Margrethe. »Komm, ich zeig dir, was wir hier alles aufgebaut haben.«
Sie nahm ihn mit sich, doch gleich darauf tauchte Handelman auf, dessen rötliches Haar seinen Schädel wie einen Heiligenschein umrahmte, die Miene zu einem vergnügten Grinsen verzogen. »Hallo Jamie! Frohes neues Jahr! Schön, dich zu sehen. Wo ist Beatrice?«
Es war eben einer dieser Abende.
Als das Fest Stunden später seinen Höhepunkt erreicht hatte und das Geschirr vom Abendessen abgeräumt worden war, trug Mangan auf Margrethes Bitte einen Fernsehapparat aus ihrem Schlafzimmer nach unten und stellte ihn in einer Ecke des Wohnzimmers auf. Zehn Minuten vor Mitternacht wandte sich sein Vater von seinen Gästen ab und schaltete den Apparat ein. Mangan ging zu ihm, als er an den Knöpfen hantierte. Einige Sekunden später sahen sie zu den Schlußklängen eines Songs Bill Lombardos lächelndes Gesicht auf dem Bildschirm. Lombardo schaute auf seine Armbanduhr, setzte sich einen Papierhut auf, griff wieder nach seinem Taktstock und ließ seine Musiker einen neuen Melodienreigen anstimmen.
»Genau richtig«, sagte Mangans Vater. »Kurz vor Mitternacht setzen sie sich immer ihre Papierhüte auf.«
Immer mehr Leute drängten sich um den Apparat. »Bill Lombardo und seine Royal Canadians«, sagte Handelman. {38}»Mein Gott, ich weiß noch, wie ich ’41 im alten Astor zu ihrer Musik getanzt habe.«
Der Times Square war auf dem Bildschirm zu sehen. Gesichter starrten aus der Menschenmenge zu den Kameras hinauf, Menschen winkten und drängten sich im kalten Wind eng aneinander. Doch trotz der kurzatmigen Aufregung in der Stimme des Ansagers war nicht zu übersehen, daß nur wenige Leute gekommen waren. Im Wohnzimmer setzten die Gespräche wieder ein. »Es bedeutet ihnen einfach nichts mehr«, sagte Peg Thornton und kehrte dem Apparat den Rücken. Mangan setzte sich mit überkreuzten Beinen auf den Boden, den Blick auf die Mattscheibe gerichtet. »Sag mir Bescheid, wenn es Mitternacht wird, Jamie, ja?« rief sein Vater. Er nickte. Er fühlte sich betrunken. Hinter ihm unterhielt man sich über Quebecs Chance auf eine Abspaltung vom restlichen Kanada. Sein Vater sagte, es sei wie in der Weimarer Republik. »Das ist bereits das Ende des Landes, wie wir es kennen«, meinte er, doch er hatte sich sein Leben lang über Politik aufgeregt. Dieser Ort, diese Leute, dieses Gespräch, all das schien Mangan weit fort von New York zu sein. Letztes Silvester, dachte er, stand Beatrice auf der Bühne. Er war zum Helen Hayes Theatre gefahren, um sie abzuholen, nur um festzustellen, daß eine Limousine am Bühneneingang wartete. Sie müßten zu drei Parties und würden niemals rechtzeitig ein Taxi finden, hatte sie gesagt. Als er murmelte, wie teuer so eine Limousine sei, hatte sie ihm geantwortet, daß der Produzent des Theaterstückes für die Kosten aufkomme.
Irgendwas geschah auf dem Bildschirm. »Noch eine Minute bis Mitternacht!« rief der Moderator. Mangan {39}drehte sich um und rief: »Dad? Es geht los.« Er blieb sitzen. Der Countdown begann. »Frohes neues Jahr!« riefen die Leute im Zimmer hinter ihm. Er sah, wie sein Vater Margrethe küßte. Überall küßte man sich, schüttelte man sich die Hände und ging herum wie Politiker bei einer Kundgebung. Dann beugte sich Margrethe zu ihm herunter und küßte ihn auf die Wange. »Frohes neues Jahr, Jamie!« Ihm war zum Heulen. Die Royal Canadians spielten ›Auld Lang Syne‹, und die Gäste seines Vaters stimmten ein. Doch was sie da sangen, stimmte nicht: Alte Freunde würden sehr wohl vergessen. Er mußte daran denken, daß Turnbull der Produzent dieses Stückes gewesen war. Also hatte Turnbull letztes Silvester für die Limousine bezahlt. Und heute würden Beatrice und Turnbull wieder in einer Limousine unterwegs sein. Wahrscheinlich fingen sie bei einem von Turnbulls Republikanerfreunden in der Park Avenue an. Und später würden sie natürlich bei den Connells vorbeischauen, würden ihren Auftritt haben, und die Leute würden fragen: ›Mit wem ist Bea da, nein, davon wußte ich nichts. Wann haben sie sich getrennt?‹ Und alle würden sie vor Neugier platzen, so liebten sie den Klatsch.
»Frohes neues Jahr«, sagte sein Vater, beugte sich vor und legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Wie geht’s? Alles in Ordnung?«
»Mir geht’s prima. Frohes neues Jahr.«
»Ich glaube, wir können das Ding jetzt wieder abstellen«, sagte sein Vater und drehte den Fernseher aus.
»Ach, Pat?« rief jemand. »Ist von dem Wodka noch was übrig?« Und sein Vater verschwand wieder, der Fernseher war aus. Mangan starrte sein blasses Spiegelbild auf dem {40}toten Bildschirm an. Beatrice würde geküßt werden, man würde ihr ein frohes neues Jahr wünschen und wahrscheinlich etwas Nettes über ihren neuen Flirt sagen. Sie würde ihr Beatrice-Abbot-Lächeln aufsetzen, sagen, wie wunderbar sie sich fühle und wie glücklich sie sei. Ihre Beliebtheitskurve zeigte steil nach oben. Sogar wenn ein Stück durchfiel, kam sie selbst gut weg. Sie war eine Gewinnerin, eine der typisch amerikanischen Gewinnerinnen. Wenn sie dich fallenläßt, dann deshalb, weil du ein Verlierer bist. Ein kanadischer Verlierer.
Es war an der Zeit, Byrons Verse umzuschreiben:
Die Liebe war in ihrem Leben nur ein Ding unter vielen, doch mein ganzes verdammtes Sein.
Na ja, vorbei. Frohes neues Jahr. Er schloß die Augen und wiegte sich auf seinen Fersen vor und zurück. Um ihn herum der Lärm der Stimmen. »Miststück«, sagte er leise. Es tat gut, das zu sagen. Schließlich war es ihre Schuld. Und es war sinnlos, noch länger fair sein zu wollen. Ich hasse sie. Ich hasse sie.
Die Stille wurde von einem immer lauter werdenden Geräusch durchdrungen, das schließlich wie der Lärm einer fernen Kettensäge klang. Es kam nicht von der kleinen Zufahrtsstraße, sondern vom See herüber. Mangan hatte im Wohnzimmer der Skihütte ein Nickerchen gemacht, stand jetzt aber auf und ging ans Fenster. Hinter einem Vorhang kahler Winterzweige lag der See, starr und weiß, die eisige Fläche von schneebedeckten Hügeln umschlossen, aus denen Stoppeln schwarzer, entblätterter Ulmen herausstachen. Irgendwo da draußen in dieser gefrorenen Welt schwoll der wütende Lärm an, und endlich entdeckten seine vor dem blendenden Weiß zusammengekniffenen Augen etwas, das sich über das Eis bewegte. Es kam näher, zog dicht am Fenster vorbei, ein leuchtendgelbes Schneemobil, gesteuert von einem jungen Mann, der einem Kobold glich, wie er sich da mit hellroter Wollmütze und scharlachrotem Parka über seine laute Maschine beugte. Der Lärm erstarb.
Hinter ihm in der Küche sprang mit hohem, wimmerndem Pfeifen der alte Kühlschrank an. Hier gab es kein Telefon. Als er in diesem Zimmer aufgewacht war, hatte er sich an die schäbigen Sommerhütten seiner Kindheit erinnert gefühlt, an dieses Gefühl, am See zu sein, nichts tun zu {42}müssen, unerreichbar zu sein, am Rande der Wildnis. Wie schön wäre es doch, wenn er hier bleiben könnte, nachdem sein Vater und Margrethe abgereist waren, wenn er hier lesen, spazierengehen, kochen, vielleicht etwas schreiben könnte. Doch das war nur ein Tagtraum. Denn obwohl an die zweihunderttausend Dollar auf ihrem gemeinsamen Sparbuch liegen mußten, glaubte er nicht, dieses Geld ehrlichen Gewissens anrühren zu können. Auf seinem eigenen Konto waren nur etwa fünfhundert Dollar. Wahrscheinlich hatte Weinberg Beatrice längst angewiesen, das Sparbuch auf ihren Namen umschreiben zu lassen. Schließlich war es ihr Geld.
Geld. »Du darfst dir deshalb nicht solche Sorgen machen«, hatte Beatrice immer gesagt. »Sorgen, Sorgen, Sorgen«, neckte sie ihn. »Ich verlange doch gar nicht von dir, daß du viel Geld verdienst. Wir brauchen auch nicht viel. Bei dem, was ich für dich empfinde, könnte ich mit dir von Lebensmittelmarken in einer Zwei-Zimmer-Wohnung mit fließend Kaltwasser in der Bronx wohnen und glücklicher als mit jedem anderen Mann der Welt sein.« Und sie hatte es ernst gemeint. Obwohl sie, wie er später herausfand, gar nicht wußte, was Lebensmittelkarten waren. Und er hatte ihr geglaubt. Denn das war am Anfang gewesen, als es gerade erst losgegangen war.
Er war damals siebenundzwanzig und Journalist bei der Globe and Mail in Toronto. Von der Canadian National Railway war ein Sonderzug bereitgestellt worden, der Zero Mostel und einige Broadwaystars in Schlafwagen nach Toronto bringen sollte, damit sie dort in einer {43}Benefizvorstellung auftreten konnten. Die Globe and Mail war einer der Sponsoren dieser Veranstaltung, und so schickte sie Mangan nach New York, damit er diesen Zug begleiten, eine Story über die Benefizvorstellung schreiben und Mostel für die Samstagskulturbeilage interviewen konnte. Im letzten Augenblick warf ihm der Feuilletonredakteur noch drei weitere Zeitungsausschnitte auf den Tisch. »Die schreiben was über Beatrice Abbot«, sagte er. »Vielleicht können Sie die auch noch unterbringen, falls Sie genug Zeit haben. Angeblich soll sie die nächste Mrs. René Chandler sein.«
René Chandler, in Toronto gut bekannt, war der Erbe von Algonquin Metals, zweimal verheiratet und Anfang dreißig. Von Beatrice Abbot hatte Mangan noch nie gehört, doch durch die Zeitungsausschnitte erfuhr er, daß sie fünfundzwanzig war, am Anfang ihrer Karriere stand, in diesem Jahr einen Tony Award für ihre Rolle in Major Barbara am Broadway erhalten hatte und in die Schlagzeilen geriet, als sie bei ihrem ersten Film aus den Studios der Warner Brothers stürmte mit den Worten: »Das Drehbuch ist völliger Schwachsinn, und der Hauptdarsteller ist seit drei Jahren nicht mehr nüchtern gewesen.«
Anhand des Zeitungsfotos konnte Mangan Beatrice Abbot im Sonderzug nicht wiedererkennen, und er mußte sie sich im Salonwagen zeigen lassen. Als er um ein Interview bat, sagte sie, hier sei es zu laut, und sie bat ihn in ihr Schlafwagenabteil. Nach dem Interview bot sie ihm einen Scotch an. An diesem Abend konnte er seine Verabredung mit Zero Mostel nicht mehr einhalten, und es gelang ihm nur mit Beatrice Abbots Fürsprache, für den nächsten {44}Nachmittag einen neuen Termin zu vereinbaren. Mangan und Beatrice verbrachten die Nacht in ihrem Schlafwagenabteil. Danach waren sie beinahe unzertrennlich.
Mangan verliebte sich auf der Stelle und rückhaltlos. Er fragte sich nicht, was für ein Mensch Beatrice Abbot sein mochte. Er kannte weder ihre politischen Ansichten noch ihre Meinung zu einem Dutzend anderer Themenbereiche. Und selbst wenn er damals herausgefunden hätte, daß ihre Auffassungen den seinen völlig widersprachen, hätte er trotzdem keinen Gedanken daran verschwendet. Er fragte sie allerdings nach René Chandler, doch sie sagte ihm, die Geschichte sei reine Erfindung eines Klatschspaltenschreibers. Er wunderte sich auch, daß sie schon an diesem ersten Abend mit ihm geschlafen hatte, und fragte sich, wer seine Vorgänger gewesen waren. Sie sagte, sie habe sich nie zuvor verliebt. Nie habe sie je etwas Ähnliches gefühlt. Sie könne es nicht fassen, daß ihr dies geschehen sei, aber da es nun einmal passiert war, dürfe sie nichts jemals wieder trennen. Nach Abschluß der Benefizvorstellung verkündete sie, sie fahre erst dann wieder nach New York zurück, wenn sie sich dazu gezwungen sehe. Und als der entscheidende Augenblick nahte (sie mußte zu den Proben für ein Stück, das sie bereits angenommen hatte), beschlossen sie spontan, daß er seinen Job beim Globe aufgeben und ihr einige Wochen später nach New York folgen würde. In diesen Wochen suchte er dann von Toronto aus eine neue Arbeit, bis er schließlich eine Teilzeitstelle im New Yorker Büro der kanadischen Rundfunkgesellschaft fand. Von dem Geld konnte er zwar nicht leben, aber dies war sein annus mirabilis, in dem alles möglich zu sein schien, in dem sich jeder {45}Wunsch erfüllen konnte. Und so bekam er zwei Tage vor seiner Abreise aus Toronto den Auftrag von der Zeitschrift Maclean’s, vier Artikel über die Vereinigten Staaten zu schreiben, und Saturday Night bot ihm eine zweiwöchentliche Kolumne über das New Yorker Theater an. Ende Juni zog er in Beatrices Wohnung in Chelsea ein, und vier Monate später wurden sie auf ihr Drängen hin getraut. Die Zeremonie fand an einem Oktobermorgen im Rathaus statt, zwei von Beatrices Theaterfreunden waren Trauzeugen. Als der Standesbeamte den Namen Beatrice Abbot auf den Formularen sah, rannte er in sein Büro, kam mit einem Fotoapparat zurück und fragte, ob er sich mit den Frischvermählten fotografieren lassen dürfe. Anschließend fuhren sie ins Four Seasons zum Hochzeitsbankett, das von Beatrices Agenten gesponsert worden war. Es kamen etwa zwanzig Gäste, allesamt Beatrices Freunde und Kollegen. Am Nachmittag spazierten sie dann Hand in Hand zwischen den Bildern der Frick Collection umher, bis es Zeit für den Tee mit Beatrices Anwalt und dessen Frau im Plaza war. Am Abend hatte Beatrice eine Vorstellung, und als Mangan sie hinterher abholen wollte, hatten sich alle ihre Mitschauspieler bereits umgezogen und warteten darauf, sie zu einem späten Abendessen ins Sardi’s mitzunehmen.
So wie der Hochzeitstag vergingen auch die nächsten fünf Jahre. Er liebte sie. Sie liebte ihn. Und die Welt liebte Beatrice Abbot. Clive Barnes schrieb in The New York Times: ›Sie ist die vollkommenste Schauspielerin, die in den letzten zwei Jahrzehnten auf New Yorker Bühnen zu sehen war‹, und ein anderer Kritiker beschrieb sie als ›das amerikanische Traumgirl von nebenan‹. Was Mangan betraf, so {46}schien die kanadische Rundfunkgesellschaft, die CBC, mit seiner Arbeit zufrieden zu sein, und er begann, regelmäßige Rundfunksendungen über die Vereinten Nationen nach Kanada zu senden. In diesen Jahren wurde er zum Mitherausgeber einer Anthologie kanadischer Lyrik, die von McClelland & Stewart in Toronto veröffentlicht und in Kanada weitläufig besprochen wurde. Außerdem arbeitete er an einem langen Gedicht sowie an einer Reihe von Nachdichtungen kanadischer Indianerlegenden in der Manier von Robert Lowell, wie es damals eben Mode war.
Sie waren verliebt. Wenn Mangan mit Beatrice am Arm ausging, wußte er, daß andere Männer ihn beneideten. Und Beatrice hatte von Anfang an behauptet, vor ihrer Begegnung nie geahnt zu haben, was Glück bedeutet. Von Beginn an war es ihr fester Glaubensgrundsatz gewesen, daß sie nicht allein wegen einer überwältigenden sexuellen Anziehung so rasch miteinander ins Bett gegangen waren. Es war Liebe, diese große romantische Liebe, von der man in Romanen las, die einem aber nur selten im wahren Leben begegnete. Und ihr zweiter Glaubensgrundsatz lautete, daß sich nichts und niemand zwischen sie drängen konnte, solange sie sich derart liebten. Doch im fünften Jahr ihrer Ehe wurde dieser Glaube auf die Probe gestellt. Beatrice machte auf der Beliebtheitsskala einen plötzlichen Sprung nach oben. Sie wurde für den Motion Picture Academy Award als beste Darstellerin in einer Nebenrolle nominiert und bekam daraufhin Einladungen zu landesweit ausgestrahlten Fernsehtalkshows, weshalb sie kurze Zeit später in New York nicht mehr ins Kaufhaus gehen konnte, ohne erkannt und von Autogrammjägern belästigt zu werden.
{47}Zufällig begann Mangans Glück im selben Jahr nachzulassen. Die Zeitschrift Maclean’s reagierte auf den wachsenden kanadischen Nationalismus und fand es unangebracht, weiterhin so viele Artikel über die USA zu publizieren. Bei Saturday Night kam es zu einem Wechsel in der Chefetage, und die Kolumne über New York wurde fallengelassen. Wie schon zuvor reichte das Geld vom Job beim CBC zum Leben nicht aus, und Mangans Bemühungen, auf dem amerikanischen Zeitungsmarkt Fuß zu fassen, blieben erfolglos. Er schlug ein Buch über das Canadian National Ballet vor, doch vierzehn Verlage gaben ihm einen ablehnenden Bescheid. Als er seinen Sorgen um Geld Ausdruck gab, wurde Beatrice ungehalten. »Aber Geld ist zweitrangig, Darling. Nur daß wir zusammen sind, ist wichtig. Du wirst schon sehen, die Dinge wenden sich auch für dich bald wieder zum Besseren. Außerdem ist es einfach chauvinistisch, sich solche Sorgen zu machen. Wenn du das Geld verdienen würdest, würde ich mir keine Sorgen machen. Wir haben haufenweise Geld. Also laß uns einfach das Leben genießen.«
Aber er konnte nicht. Über die Jahre hatten sie sich einen Lebensstil angewöhnt, dem er mit seinem Verdienst selbst bei günstigsten Prognosen niemals gerecht werden könnte. Außerdem hatte er den Eindruck, daß sie zwar immer mehr Geld ausgaben, das Leben aber immer weniger genießen konnten. Warum mußten sie stets im Lutèce essen oder im Côte Basque oder wie auch immer das neueste und teuerste Restaurant heißen mochte, über das The New York Times die Woche zuvor geschrieben hatte? Die Wohnung in der Fifty-first Street lag in einer Sackgasse, die nur von {48}Millionären bewohnt wurde. Und selbst wenn sie sich in ihr Strandhaus in den Hamptons zu einfachem Leben zurückzogen, endete es damit, daß sie Leute einluden und sich für tausend Dollar am Abend den Partyservice kommen ließen.
Aber das war nicht alles. Wenn er irgendwas Witziges erzählte, wurde es am nächsten Abend oft als »dieses herrliche Bonmot von Beatrice« zitiert. Außerdem war nicht länger zu übersehen, daß er die Rolle ihres Marktschreiers übernommen hatte, von ihren Plänen redete, den aktuellen Klatsch verkündete. Doch schlimmer noch als jene Leute, die ausschließlich etwas von Beatrice hören wollten, waren die, für die ihre Ehe aus Beatrice allein bestand. Leute wie Bloomfield etwa, ihr Produzent. Als Mangan einmal in seinem Vorzimmer warten mußte, konnte er Bloomfield am Telefon reden hören. »Nein, wir brauchen zwei Tickets erster Klasse«, sagte Bloomfield einer Filmgesellschaft. »Nein, nicht für ihren Friseur. Für ihren Mann. Ja, ihren Mann. Ja, Jamie Mangan heißt er. Nein, ich mach keine Witze. J-A-M-I-E.« Oder der Oberkellner bei Sardi’s, der sich zwei Speisekarten griff, wenn sie auftauchten, ihm wie einem Kollegen zunickte, dann an ihm vorbeiging, ein Lächeln aufsetzte, Beatrice begrüßte und sie an einen der besten Tische führte. Oder die Leute fragten: »Wo ist Beatrice?«, wenn er allein das Zimmer betrat. Nun, das hatte alles nichts zu sagen. Es war unwichtig. Ein Mann, der seiner Frau ihren Erfolg nicht gönnte, war ein Mann, der seine Frau nicht liebte. Und er liebte sie.
Und sie liebte ihn. Sie behauptete immer noch, daß es außer ihm niemanden gab, mit dem sie zusammensein wollte. Das Problem war nur, daß er jetzt mehr Freizeit als {49}je zuvor mit ihr verbringen konnte, sie aber ständig auf Proben war, Ballettstunden nahm, bei der Friseuse saß, auftrat, interviewt wurde, mit einem Produzenten zu Mittag aß, bei einem Geschäftstreffen anwesend sein mußte, eine Benefizvorstellung für Schauspieler organisierte oder etwas anderes vorhatte, bei dem seine Anwesenheit überflüssig war. Er beendete sein langes Gedicht. Er stellte eine Sammlung kanadischer Kurzgeschichten zusammen und schrieb dazu eine Einführung. Für beide Vorhaben fand er keinen Verleger, und so ging er ernstlich mit sich zu Rate und kam zu dem Schluß, daß Beatrice recht hatte. Man lebte nur einmal. Er sollte sein Leben genießen. Als man Beatrice daher anbot, einen Film in London zu drehen, beantragte er unbezahlten Urlaub von seinem Job bei der CBC
