Maria Theresia und ihre Zeit - Eduard Duller - E-Book

Maria Theresia und ihre Zeit E-Book

Eduard Duller

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Beschreibung

In "Maria Theresia und ihre Zeit" bietet Eduard Duller eine tiefgründige und empathische Darstellung des Lebens von Maria Theresia, einer herausragenden Fürstin aus dem Hause Habsburg. Als regierende Erzherzogin von Österreich sowie Königin von Ungarn und Böhmen von 1740 bis zu ihrem Tod prägte sie maßgeblich die Epoche des aufgeklärten Absolutismus. Duller beleuchtet, wie Maria Theresia, obwohl nie offiziell gekrönt, durch ihre Heirat mit einem Kaiser den ehrenvollen Titel einer Kaiserin erlangte und ihre Rolle in einer männlich dominierten Welt souverän meisterte.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Eduard Duller

Maria Theresia und ihre Zeit

e-artnow, 2023 Kontakt: [email protected]

Inhaltsverzeichnis

Erster Band
Zweiter Band
Dritter Band

Erster Band

Inhaltsverzeichnis
Vorwort.
Erstes Buch.
Marien Theresiens Ältern.
Marien Theresiens Geburt und Taufe.
Marien Theresiens Jugend und Erziehung.
Marien Theresiens Vermählung.
Drei Töchter.
Besitznahme von Toskana.
Der Türkenkrieg.
Karls VI. Tod.
Die pragmatische Sanktion.

Vorwort.

Inhaltsverzeichnis

Das Publikum erhält hier eine Darstellung jener Epoche der österreichischen Geschichte, deren Würdigung, meiner Ansicht nach, bisher noch allzusehr vernachlässigt wurde, der Epoche des Werdens und Keimens neuer und dem allgemeinen Fortschritt der Civilisation entsprechender Einrichtungen, welche in der unmittelbar darauf folgenden Zeit Josephs II. theilweise zur Blüte gekommen, und in noch späteren Zeiten Frucht getragen haben; ich enthalte mich, diese Ansicht hier weiter auszuführen, da ich dieselbe sowohl in der Einleitung andeutete, als auch in dem Werke selbst an geeigneten Orten entwickelte. Indem ich meine Aufgabe von diesem Gesichtspunkte aus betrachtete, durfte ich bei Lösung derselben nicht bloß das äußerliche Interesse der Ereignisse, besonders der Kriegsvorfälle, sondern vielmehr ebenmäßig das innerliche der Staatsentwickelung hervorheben, und durfte ich ferner, wenn ich den Charakter der großen Monarchin als Mittelpunkt annahm, nicht  versäumen, die Charaktere jener bedeutenden Männer zu schildern, durch welche und mit welchen Mana Theresia ihrer Regierung eine bleibende Bedeutung für die Geschichte der österreichischen Monarchie verschaffte. Es war meine redliche Absicht, vorurteilsfrei und unpartheiisch die Wahrheit zu ergründen und darzustellen; und so schien es mir nicht unzweckmäßig, in gleicher Weise, wie ich die bedeutenderen Charaktere oft selbstredend anführte, auch zuweilen die Aeußerungen der öffentlichen Meinung jener Zeit hervorzuheben, wie sie einzelne Handlungen der Fürsten und wichtige Zeitereignisse vom Partheistandpunkte aus betrachtete. Schließlich habe ich mich kaum zu rechtfertigen, daß ich Citate soviel als möglich vermied; man wird dessenungeachtet, wie ich hoffe, wahrnehmen, daß ich aus einem reichen Schatze von Quellen schöpfte, deren Benutzung ich theils der Großherzogl. Hofbibliothek zu Darmstadt, theils der Gefälligkeit von Freunden verdankte.

Darmstadt, November 1843.

Erstes Buch.

Inhaltsverzeichnis

Dem deutschen Volke will ich das Bild einer deutschen Frau zeigen, deren Charakter einzig dasteht in der Reihe der deutschen Fürstinnen, das Bild Marien Theresiens, der Tochter des letzten Habsburgers, der Mutter Josephs II.

Die deutsche Geschichte ist wahrlich an Männern nicht arm. Mit gerechtem Stolz kann sie jede Nation der Erde auf solchen Reichthum blicken lassen; aus dem Zusammenklang der Namen deutscher Männer hallt ein Grundton, stark genug, um in dem lebenden Geschlecht das Bewußtsein dessen zu wecken, was es sein kann, wenn es will, und was es sein soll. Wie das germanische Wesen überhaupt zu der großen Aufgabe berufen war, der Entwickelung der Menschheit im Europäismus zum Brennpunkt zu werden, und, – durch mehr als tausendjährigen Kampf, durch mehr als tausendjährige Leiden nicht ermüdet, nicht erschöpft, – die ersten und einzigen Bedingungen jener Entwickelung: »Wahrheit und Freiheit« für alle Zeiten  festzustellen, – so waren es, von dem größten Hohenstaufen, vom zweiten Friedrich an, deutsche Männer, wie ein Gregor von Heimburg, wie ein Ulrich von Hutten, welche der Gewalt der Gewohnheit die Macht der Ueberzeugung entgegenstellten, und durch den Untergang der Persönlichkeit den Sieg der Idee vorbereiteten und begründeten. Sie haben die Bedeutung unserer Geschichte gemacht, (und es ist Zeit, daß diese Bedeutung in's Bewußtsein unseres Volkes übergehe); sie haben ihr die sittliche Weihe gegeben, wehe dem, der sie verkennt!

Den Werth und das Andenken unserer Männer in Ehren! Aber, was Großes und Herrliches in unserer Geschichte ist, – die deutschen Frauen haben Theil daran. Schlagt die Bücher der deutschen Volksgeschichte auf! Jedes Blatt rechtfertigt jenen eigenthümlichen Grundzug des deutschen Volkscharakters, mit welchem sich die romanische Galanterie nicht messen kann, die hohe Achtung des Frauenthums. Sie liegt in unserm innersten Wesen tiefbegründet, sie spiegelt sich klar und treu in unserm alten Recht. Sie ist nichts Zufälliges, wie es durch die Wiederholung vereinzelter ähnlicher oder übereinstimmender Erscheinungen sich gibt; diese Letzteren sind nur Wirkungen einer und derselben Ursache, Blüten aus einem Samenkorn. Als die Teutonen in der Schlacht bei Aquä Sertiä, bei aller Urkraft und Tapferkeit, der römischen Kriegskunst erlagen, erwürgten sich ihre auf der Wagenburg gefangenen Weiber, weil die Sieger die Bitte: ihre Keuschheit zu  schonen, nicht gewähren wollten. Als die Kimbern aus den raudischen Feldern erschlagen waren, kämpften ihre Frauen noch fort und erdrosselten lieber ihre Kinder und sich selbst, als daß sie Knechtschaft ertragen hätten. Wie erhaben steht Thusnelda, die der eigne Vater den Römern überliefert, das Kind ihres Gatten unter'm Herzen, schweigend und thränenlos vor dem Sieger, den sie durch ihre sittliche Würde zur Ehrfurcht zwingt! Als der edle Bataver Claudius Civilis den Freiheitskampf gegen die Herren der Welt erhob, war es Veleda, die begeisterte Jungfrau der Brukterer, die von der Zinne ihres einsamen Thurmes die Gauvölker weckte und ermuthigte; in heiliger Ehrfurcht nahten ihr die Gesandten, die Sprüche der Seherin zu vernehmen. Als zum erstenmal die weltgeschichtlichen Losungen: »Hie Welf! hie Waiblinger!« erschollen, überwand die Klugheit der treuen Weiber von Weinsberg den trotzigen Männerwillen und erzwang's, daß man ein Königswort nicht drehen solle und deuteln. Wie sinnig hat die Volkssage die milde Hingebung einer Fürstin für's Volk verklärt! Sie verwandelt das Brot, das der keusche Fürstenmantel der heiligen Elisabeth bedeckte, in duftende Rosen; und noch heute ist der Duft dieser Rosen nicht verflogen, die hehre Bedeutung der Sage nicht verloren für's Verständniß des Volksgemüths. In anderer Weise, nicht minder herrlich, strahlt deutsche Weiblichkeit im romantischen Zauberglanze der Sage vom Sängerkrieg auf der Wartburg; da deckt die Landgräfin Sophie den bürgerlich gebornen unterliegenden  Ofterdingen mit dem unverletzlichen Mantel gegen die siegenden ritterlichen Dichter, und der Umkreis, so weit ihr Odem reicht, ist unantastbar heilig, wie die Freistatt der Kirche. Mit vollem Recht aus voller Brust sang Walther von der Vogelweide das Lob deutscher Zucht und deutscher Frauen hundert Jahre vor dem Meistersänger Heinrich Frauenlob, den die Mainzer Frauen zu Grabe trugen. Jahrhunderte seither bis zu den Tagen, da ein neuer Frauenlob – Schiller – die Würde der Frauen sang, und bis heute hat jenes Lob in Hütten wie auf Thronen immer neuen Stoff gefunden. »Meinen armen Unterthanen muß das Ihrige werden, oder bei Gott: Fürstenblut für Ochsenblut!« so sprach die verwittwete Gräfin Katharine von Schwarzburg beim ernsten Frühstück im Rudolstädter Schlosse 1547 zu dem Herzog von Alba. Zwölf Jahre später, als Holstein und Dänemark den freien Dithmarschen Bauern die Fehde ankündigten (schon 1500 hatte ihnen eine wehrhafte Jungfrau aus Hochwörden die Fahne vorgetragen im Kampf gegen die dänische Uebermacht), da waren es die Weiber, welche die Männer zur Vertheidigung der Freiheit ermahnten und in Mannskleidern und Harnischen voranfochten. Als der erste König von Preußen den Grund zu einer norddeutschen Macht legte, deren moralische Bedeutung für Gesammtdeutschland der große Kurfürst Friedrich Wilhelm vorbereitet hatte, war es seine Gemahlin, Sophie Charlotte, die Freundin des großen Leibnitz, welche das geistige Saatkorn in  Grund und Boden des neuen Königthums legte. Und wer hat jene andere Preußenkönigin Louise vergessen, deren sittliche Größe in den Tagen von Preußens Noth und Deutschlands tiefster Erniedrigung die Wiedergeburt des Staates durch das Volk vorbereiten half? War es nicht ihre reine verklärte Gestalt, die dem Landsturm voranschwebte im heiligen Krieg, wo deutsche Jungfrauen die Schlachten der Männer mitschlugen? So lange man die Namen der großen Geister nennen wird, welche am Vorabend des Weltereignisses, das die morsche politische Form Deutschlands zertrümmerte, das Erwachen des Volkes im Reiche der Ideen erwirkten und durch das Verständniß der Schönheit das der Freiheit vorbereiteten, – so lang wird auch Amalie von Sachsen-Weimar genannt werden. Und so lange die Humanität das Wort »Kleinkinderbewahranstalt« kennt, wird das Andenken Paulinens von Detmold gesegnet werden. – Ja, deutsches Frauenthum ist von den urältesten Zeiten bis zur neuesten sich treu und gleich geblieben in seiner eigenen Art, immer innerhalb des heiligen Kreises der Zucht und Milde, aber aus demselben heraus mächtig einwirkend auf Nahes und Fernes, – wo Männerkraft fehlte, für Männer einstehend, oder jene ergänzend und stärkend durch jenen sittlichen Nachhalt, dessen weder Weisheit noch Muth entbehren kann, wenn gutem Anfang gutes Ende entsprechen soll.

Eine solche Bedeutung hat auch der Charakter Marien Theresiens; und überdieß noch eine andere geschichtliche,  welche ebenso in unsere Gegenwart hereinreicht, wie die des achtzehnten Jahrhunderts überhaupt.

Das achtzehnte Jahrhundert vollendete das Werk, welches die goldene Bulle begonnen und welches die Reformation und der westphälische Friede weiter ausgeführt hatten, – die Feststellung selbstständiger unter sich wetteifernder deutscher Mächte, Oesterreich und Preußen an der Spitze, die Zertrümmerung der alten Reichsverfassung. – Schon in der goldenen Bulle war die Zertheilung des deutschen Reiches in verschiedene deutsche Staaten gesetzlich vollendet worden, freilich zunächst zu Gunsten der Kurfürsten; aber der Grundsatz stand damit einmal fest. Die Reformation begünstigte die Entwickelung aller Konsequenzen, welche sich daraus zu Gunsten sämmtlicher Reichsstände ergaben; und, ungeachtet des energischen Versuches, welchen Kaiser Karl V. zur Wiederherstellung des alten Verhältnisses machte, trennte sich das Fürstenthum nicht blos vom Kaiser, sondern trat, im Bunde mit den Städten, Diesem sogar im muthigen Kampf gegenüber; die provinzielle Selbstständigkeit, welche in der Wahlkapitulation keine genügende Garantie mehr hatte, wurde durch eine wahre Grundbedingung unseres deutschen Wesens zu diesem Aeußersten getrieben. Es war das eine geschichtliche Nothwendigkeit; einer von den entscheidenden Wendepunkten im Leben einer Nation. Wenn ein solcher eintritt, wenn der Geist eines Volkes der Form entwachsen ist, in welcher er sich bis dahin offenbarte, dann kann von einer Zurechnung  nicht die Rede sein, die ihn dafür träfe, daß er sie zersprengt, wegwirft, und sich aus seinem eigensten Wesen eine neue erschafft. – Die naturgemäße Frucht der Reformation war der dreißigjährige Krieg. In ihm begegneten sich nämlich eine neue Reaktion, des Kaiserthums und die mittlerweile eben durch die Reformation erstarkte provinzielle Selbstständigkeit. Nicht durch schwedische Waffen, nicht durch Frankreichs Eisen, Gold und Intriguen siegte die Letztere (freilich auf Kosten des Gesammtbewußtseins der Nation für lange Zeit!), sondern dadurch, daß die Sache des Kaiserthums zugleich als die Sache der Dynastie Habsburg betrachtet wurde, wobei denn die alte auf dem Grundelement des Wahlreiches beruhende Besorgniß der deutschen Reichsfürsten vor dem Uebergewicht der Hausmacht einer Dynastie längst in noch höherem Grade auf die Staaten Europa's übergegangen war. Unbegründet war diese Besorgniß allerdings nicht, wiewohl die Sache des Kaiserthums als solche eine verlorene blieb. Seit Karl V. bei dem großen welthistorischen Gegensatz des romanischen und des germanischen Elementes für das erstere den Ausschlag gegeben hatte, waren sowohl die spanische als auch die deutsche Linie des Hauses Habsburg seinem Prinzipe gefolgt; und als die spanische Linie (bei Philipps II. Ausgang) immermehr an Energie, Bedeutung und Ansehn einbüßte, übernahm die deutsche (österreichische) Linie, gleichsam mit der Gesammtbürgschaft, auch die Rolle des Gesammthauses, – mit spanischer Hofsitte auch spanische  Centralisationsideen, wenngleich gemildert durch deutsches Rechtsgefühl. Immerhin ging der Gedanke des Staates in dem der Dynastie auf; die spanische Linie Habsburgs ging dabei unter, ein warnendes Beispiel für alle Zeiten! – Das achtzehnte Jahrhundert brachte nun die Reife aller Entwickelungen, welche in Deutschland vorgegangen waren. Das Kaiserthum als solches war in demselben Grade immermehr bedeutungslos geworden, als sich die Hausmacht der Kaiser aus der habsburgischen Dynastie consolidirte. Als diese Letztere nach dem Ableben des letzten Habsburgers in Spanien die Wiedervereinigung der beiden Hälften ihrer Hausmacht, der romanischen und germanischen, anstrebte, welche unter Karl V. ein Ganzes gebildet hatten und deren Trennung schon diesem Monarchen selbst als naturgemäß nothwendig erschienen war, – da sprach sich eine Ahnung völkerrechtlicher Nothwendigkeit in Bezug auf die Gesetze, denen die Entwickelung der Neuzeit folgen müsse, dadurch aus, daß der spanische Erbfolgekrieg zu einem europäischen wurde. Für Karl VI. ergab sich eine Collision zwischen der früher angedeuteten Aufgabe Oesterreichs: die Tendenz des Gesammthauses Habsburg konsequent durchzuführen, einerseits, und anderseits wieder der allernächsten Sorge für die Erhaltung der Untheilbarkeit seiner deutsch-magyarisch-slavischen Erb-Staatsmacht. Karl VI. verzichtete auf jenes Erstere um dieses Letzteren willen. Abgesehen von der alten feindseligen Politik Frankreichs gegen das Haus Habsburg und von den Interessen der Seemächte, gebot schon die  Rücksicht auf die selbstständige Stellung der bedeutendsten deutschen Fürstenhäuser jene Sorge für die Erhaltung der Untheilbarkeit. Habsburg sah neben sich die Dynastie Wittelsbach, gereizt durch frische Erinnerungen, und Kursachsen, eitel auf den Nimbus der polnischen Krone, – beide nicht ohne Wünsche und Ansprüche, welche sich auf Verschwägerung mit Habsburg beriefen. Aus den Trümmern des alten Reichsverbandes war ferner in Preußen eine neue protestantische Macht erwachsen, und wenngleich Habsburg von derselben damals nichts besorgen zu müssen, vielmehr ihre Interessen an die seinigen festgeknüpft zu haben glaubte, so war doch schon die Thatsache bedenklich genug, daß Habsburg nicht mehr eine Stellung über, sondern blos neben den andern deutschen Dynastieen einnahm. – Fast bei allen diesen galt Ludwigs XIV. bekannter Spruch: L'état c'est moi als oberster Grundsatz; aber das fürstliche Ich war bei den meisten blos der weite Purpur, welcher die eigentlichen Herrscher, die männlichen und weiblichen Günstlinge, den Egoismus und oft die verworfenste Sittenlosigkeit der Höflinge, vom Minister bis zum Lakaien herab, bedeckte. Das Volk in deutschen Landen hatte, selbst da wo noch Schatten von Landständen waren, blos Pflichten, keine Rechte; es hungerte, duldete und schwieg. So hatte sich die Souverainetät, nachdem sich die Fürsten und sonstigen Reichsstände aus dem alten Lehensverhältniß zum Kaiser, aus der alten Treue zum und im Reich losgerungen, bis zur furchtbaren Höhe eines Despotismus  emporgegipfelt, der über dem Gesetz, über jeder Verantwortlichkeit stand. Ein wahrhaft entsetzlicher Zustand! Der Despotismus in Deutschland ahmte allen Glanz des französischen, bis zur lächerlich-kleinlichsten Liebhaberei am Flitter und Tand nach. Auch den beispiellosen Leichtsinn desselben theilte er. Die Rechtlosigkeit war in jenen Tagen der Cabinetsjustiz schlimmer als in den schlimmsten des Faustrechts. Das volle Gewicht dieses Zustandes wohl erwogen, muß man Achtung bekommen vor der Unverwüstlichkeit des deutschen Volks, anderseits ermißt man aber auch dann erst recht die ganze Bedeutung eines Friedrich II. von Preußen und einer Maria Theresia, welche letztere die geschichtliche Bezeichnung »groß« und »einzig« in gleichem Grade wie Jener verdient. Maria Theresia vertheidigte die Sache ihrer Dynastie mit männlicher Energie, aber sie machte als deutsche Frau die Sittlichkeit zur sichern Grundlage derselben. Sie zerstörte jene unseligen Schranken einer von Spanien überkommenen starren Abgeschlossenheit und Unnahbarkeit des Fürsten und stellte das naturgemäße Verhältniß desselben zu dem Volke wieder her, das Vertrauen zwischen beiden, die wechselseitige Achtung, des Fürsten vor den Rechten des Volkes, des Volkes vor jenen des Fürsten. Eben hierin liegt Marien Theresiens geschichtliche Bedeutung, – in ihrer Gewissenhaftigkeit, als Herrscherin das Recht anzuerkennen. So mußte sich allmälig die neue Idee des Staates in voller Würde erheben und zum Segen des Volkes reifen und  sich geltend machen. Wie Friedrich II., vollbrachte Maria Theresia diesen Umschwung, welcher für die ganze Neuzeit entscheidend wurde, und dessen Folgen noch in unsere Tage eingreifen, durch die Macht des Charakters; mögen uns auch einzelne menschliche Schwächen an dieser Frau erscheinen, welche nicht beschönigt werden sollen, wenn ihnen gleich oft gute Absicht zu Grunde lag, – rein und unbefleckt steht Marien Theresiens Charakter vor dem Urtheil der Nachwelt. Daß nach dem Untergange des deutschen Kaiserthumes der österreichische Kaiserstaat als eine fertige, große und achtunggebietende Macht dastand, mit der vollen Kraft zur Erreichung der doppelten Aufgabe, ein selbsteigenes Staatsleben anzutreten und zugleich Deutschlands festes Bollwerk im Osten zu sein, – das ist Marien Theresiens Werk.

Marien Theresiens Ältern.

Inhaltsverzeichnis

Karl VI. (geboren am 1. October 1685) war ein Fürst von manchen trefflichen Eigenschaften des Geistes und Herzens. Ritterlichen Sinn und persönlichen Muth hatte er an den Tag gelegt, als er, ein achtzehnjähriger Jüngling, nach Spanien zog, um sein Recht auf dies herrliche Reich mit den Waffen in der Hand zu behaupten. Er war fromm, wie mancher Zug in seinem Leben und  manche Stiftung, wie noch heute die prachtvolle Karlskirche in Wien bezeugt, die er, ein während der Pest geleistetes Gelübde zu erfüllen, erbaute. Seine treue Anhänglichkeit an die katholische Religion erhielt aber anderseits ihre schönste Folie in der Achtung, welche er dem Recht der freien Ausübung eines fremden Kultus (wie z. B. in Ungarn und Siebenbürgen) zollte, in seiner eifrigen Betheiligung an den Verhandlungen auf dem Reichstag zu Regensburg, welche den wechselseitige religiöse Duldung betreffenden Reichstagsschluß von 1721 zur Folge hatten. Künste und Wissenschaften zu pflegen und zu fördern, war ein Bedürfniß für den Monarchen, welcher die Sprachen aller von ihm beherrschten Volksstämme und die Weltsprache von Versailles redete, – die deutsche wurde allerdings auch an seinem Hofe gering geachtet! – welcher täglich einige Stunden in seinem Bibliothekzimmer zubrachte und auch auf Reisen und Feldzügen eine kleine auserwählte Büchersammlung und ein Kästchen der seltensten Münzen mit sich führte, welcher selbst dichtete, zeichnete, mehrere Instrumente spielte und Musikstücke komponirte. Denkmale von Karls Kunstliebe sind nicht blos jene Prachtbauten zu Wien, wie die Hofbibliothek, die Reichskanzlei, die Reitschule, das Zeughaus u. s. w., sondern auch die Restauration der in Verfall gerathenen Akademie der Künste, die reiche Vermehrung der Gemälde- und Münzsammlungen. Wahrhaft kaiserlich war nicht sowohl der Ankauf der seltensten Handschriften für die Hofbibliothek  und deren Vermehrung durch kostbare Sammlungen von Druckschriften, als vielmehr die Liberalität, womit Karl VL, kleinliche Rücksichten und Bedenken hintansetzend, jedem Berufenen die Archive öffnete, und die Freigebigkeit, womit er jede Forschung unterstützte (es war die Zeit der frischen Quellenforschungsluft, in welcher ein Gottfried Bessel, die Brüder Petz in Mölk, ein Hergott in St. Blassen wirkten), womit er bedeutenden Gelehrten Gnadengehalte aussetzte. Den Künstler in der Steinschneidekunst, Becker erhob er in den Adelstand) für ihn baute ein Fischer von Erlach; ihn umgaben ein Gentilotti, Garelli, Marinoni; mit einem Leibnitz wechselte er Briefe, und es handelte sich dabei um nichts Geringeres als um die Errichtung einer österreichischen Akademie der Wissenschaften. Bei seinem großen Drange, selbstthätig zu herrschen, Alles mit eignen Augen zu sehen, mit eignem Geist zu prüfen und zu ordnen, wurde für Pflege der Gerechtigkeit, für öffentliche Sicherheit und Sittlichkeit, für Humanität nicht wenig geleistet. Von großer Wichtigkeit war dem Kaiser die Beförderung der Handelsinteressen in seinen Staaten. Er sah ein, daß die verschiedenartigen Bestandtheile derselben eben durch den Handel zu einem großartigen Ganzen verbunden werden könnten, und er traf zur Begünstigung desselben sehr zweckmäßige Anstalten in Bezug auf Straßenbau und Schifffahrt; so waren ferner die Errichtung einer Handelskompagnie zu Ostende, welche er endlich der Eifersucht der Seemächte widerstrebenden Herzens opfern mußte,  und die einer orientalischen Handelskompagnie zu Wien Gegenstände seiner eifrigsten Bemühungen. – Bei so vielen trefflichen Eigenschaften fehlte nun aber Karl VI. jene durchgreifende Energie, welche nicht blos offenem Mißgeschick entgegentreten, sondern auch die geheimen Machinationen feindseliger Politik vereiteln kann; die Besorgniß um das Schicksal seines Hauses ließ ihn nach zu vielen Seiten hin abmessen und erwägen, Zugeständnisse-machen und hoffen, wo allein durch ein imposantes Entfalten des Selbstvertrauens gewonnen werden konnte. So gerieth er allmälig in eine solche Menge von Verwickelungen, deren eine sich an das Ende der andern knüpfte, daß er, wie unermüdlich er auch sein Ziel im Auge hielt, zuletzt doch ermattete, seiner Stellung vergab und nichts gewann als eine Hoffnung, welche er, bei seinem richtigen Blick in Menschen und Verhältnisse, doch für eine Täuschung hätte halten müssen, wäre er nicht zu leicht geneigt gewesen, bei anderen Fürsten eine gleiche Redlichkeit vorauszusetzen, wie sie ihm selbst eigen war. Den Unterthanen gegenüber bewies er eine so große Leutseligkeit, als er am Hofe mit Strenge für Aufrechthaltung der spanischen Etikette sorgte, welche unzertrennlich schien von dem Begriff der Majestät und der Stellung des Kaisers vor allen übrigen Potentaten. Eine eigenthümliche Mischung von angeborner Gutmüthigkeit mit anerzogner und ernstbehaupteter Gravität sprach sich in seinem Aeußern aus. Der habsburgische Typus war in den Zügen seines edelgeformten Gesichts nicht zu  verkennen, aber eben so wenig der Schatten spanischen Ernstes, ein Anflug jener Melancholie, welche Karl V. von seiner unglücklichen Mutter Johanna überkommen und welche ihn nach Sankt Just geführt hatte; wenn in Karls VI. Zügen diese Melancholie durch einen Anstrich von Phlegma wertiger gemildert als verdeckt war, so zeigt sie sich um so unverkennbarer als Grundrichtung in seinem Leben, vorwaltend in allen jenen tausend Sorgen und Mühen um Die pragmatische Sanktion. Musterhaft und in jener Zeit, welche die Sittenlosigkeit so gern zum angebornen Vorrecht der Großen stempelte, im schönsten Lichte hervorstrahlend, war die sittliche Reinheit von Karls VI. Privatleben. Das eheliche Verhältniß dieses Monarchen und seiner Gemahlin war nicht blos untadelhaft und über jeden Verdacht – erhaben, sondern auch hauptsächlich durch die Innigkeit wechselseitiger Achtung ein vorzugsweise sittliches. Karls VI. Gemahlin Elisabeth Christina war aber auch einer solchen Achtung im hohen Grade Werth.

Elisabeth Christina, geboren am 28. August 1691, war die Tochter des Herzogs Ludwig Rudolf von Braunschweig-Lüneburg, eine Dame von hoher imposanter Gestalt, welche durch die ausgesuchte Pracht eines von Demanten schimmernden Anzuges noch mehr gehoben wurde, mit einem gewinnenden Ausdruck von Liebenswürdigkeit in den schönen und edlen Zügen. Einem solchen Aeußeren entsprachen glänzende Eigenschaften des Geistes und Gemüthes, Scharfblick, Menschenkenntniß, Entschlossenheit und Seelenadel,  der Zauber geistreicher Unterhaltung, – alle Vorzüge, welche die Herzen eines Volkes für seine Königin begeistern müssen. Zur Gemahlin eines katholischen Prinzen bestimmt, der 1?en Thron einer so strengkatholischen Monarchie wie Spanien besteigen sollte, trat die junge Fürstin zu Bamberg am 1. Mai 1707 vom evangelischen Glauben zum katholischen über; am 23. April des folgenden Jahres wurde sie dann zu Hietzing bei Wien dem bereits in Barcelona befindlichen Erzherzog Karl durch Procuration vermählt. Sie folgte nun dem ritterlichen Gemahl auf den Schauplatz seiner Thaten, nach Spanien, wo das Beilager zu Barcelona am 1. August 1708 vollzogen wurde. Bald fand die junge Königin von Spanien Gelegenheit, die Selbstständigkeit ihres Charakters in schwieriger Lage zu erproben. Noch währte der Kampf Habsburgs mit Bourbon um die spanische Krone, als der deutsche Kaiserthron durch den plötzlichen Tod Josephs I. (1711) erledigt ward. Sein Bruder Karl sah sich nun genöthigt, mitten aus dem spanischen Kampf ohne Säumen nach Deutschland zu eilen, um als einziger männlicher Erbe des habsburgischen Hauses die Huldigung der Erbstaaten anzunehmen und nicht zu fehlen, wenn die Wahl der Kurfürsten die Kaiserkrone auf sein Haupt setzen würde. Allen eifrigen Versuchen Frankreichs und Kursachsens zum Trotz, fiel die Kaiserwahl an demselben Tage, an welchem Karl auf der Seefahrt die Höhe von Vado. erreichte, zu seinen Gunsten aus. Nicht ohne Bestürzung hatte Catalonien  den Fürsten scheiden sehen, für dessen Recht es mannhaft einstand, und wohl rechtfertigte die Folgezeit die bange Vorahnung, welche damals manches treue Herz erfüllte, daß der König seinem Reiche für immer Lebewohl gesagt habe. Statt seiner blieb die schöne, liebenswürdige, entschlossene Königin als Regentin in Catalonien zurück, ihr zur Seite Fürst Anton Lichtenstein, der die Erziehung des Kaisers geleitet hatte, und Graf Guido von Stahremberg, – zu ihrer Vertheidigung gegen die Macht der Bourbons das ganze ritterliche Volk von Catalonien, Mann für Mann, in schöner Begeisterung und glorreicher Ausdauer. Inmitten dieses Volkes, im Vertrauen auf dasselbe und auf die eigene Kraft, blieb Elisabeth Christina noch in Barcelona, als die Sache ihres Gemahls in Spanien bereits so gut wie verloren war. Der Königin Gegenwart – die englischen Unterhändler wußten es wohl – reichte hin, fast eben so wie Stahrembergs Truppen, den Widerstand der muthigen Catalonier gegen den fremden Herrscher aus dem Hause Bourbon zu erhalten, gegen Philipp V., dem die europäische Politik durch die Friedensschlüsse den Besitz der spanischen Krone garantirt hatte. Als Elisabeth Christina Catalonien verließ, war ihr Scheiden ein Verzichten; aber treu und hoffnungskräftig kämpfte das Volk für ihre Rechte mit Erbitterung gegen Philipp V., dem es in Barcelona feierlich den Krieg erklärte, noch fort, bis es endlich der Uebermacht erliegen mußte. Furchtbar büßte Barcelona, als es 1714 erstürmt ward, den Widerstand,  und ganz Catalonien durch den Verlust seiner alten Freiheiten und Rechte die Treue für Karl und die schöne Königin.

Dies sind in kurzen Umrissen die Züge der Aeltern Marien Theresiens.

Marien Theresiens Geburt und Taufe.

Inhaltsverzeichnis

Am 13. Mai 1717 lud vollstimmiges Geläute die Bevölkerung Wiens zum feierlichen Gottesdienst im St. Stephansdom, und beim Schalle von Trompeten und Pauken stimmte dort der Bischof von Wien, Graf Siegmund von Kollonitsch,1 umgeben von dem Domkapitel, von der bischöflichen Kur und dem Stadtrath Wiens, den ambrosianischen Lobgesang: »Herr Gott, dich loben wir«, an. Die sämmtlichen Glocken des Doms, darunter jene Riesenglocke in der Thurmpyramide, welche erst 6 Jahre vorher durch Johann Achamer aus erobertem Türkengeschütz gegossen worden war, begleiteten den Lobgesang, diesen feierlichen Ausdruck frommen Dankes dafür, daß die Kaiserin Elisabeth Christina am Morgen jenes Tages, wenige Minuten nach halb 8 Uhr, ihrem Gemahl Karl VI. eine  Tochter, den habsburgischen Stammlanden eine Erbin geboren hatte. Je größer im vorhergegangenen Jahre 1716 die Bestürzung und Trauer des Hofes und Volkes über das rasche Ableben des noch nicht halbjährigen männlichen Erben, des Erzherzogs Leopold, gewesen, um so lebhafter war jetzt die Freude über die Geburt der Prinzessin, und wohl nur ein Herz, das des Vaters, vermochte die Freude nicht ganz ungetrübt zu empfinden, weil die Geburt einer Tochter, statt eines ersehnten männlichen Erben, schweren Besorgnissen über die Zukunft des Erzhauses neuerdings Raum gab. Wie frisch war noch die Erinnerung an das Erlöschen der spanischen Linie Habsburgs, auch in einem Karl (1700)!

Auf Befehl des Kaisers fand die Taufe der neugebornen Erzherzogin noch am Abend desselben Tages in der Burg und zwar mit höchster Pracht statt. Die Schilderung dieser religiösen Feierlichkeit charakterisirt die damalige Sitte des Wiener Hofes.

Zu der feierlichen Handlung war die Ritterstube der Burg mit den kostbarsten, von Gold, Silber und Seide gewirkten Tapezereien behangen und durch eine Menge reicher Hänge- und Wandleuchter erhellt; neben der Thüre, die aus der Trabantenstube in den Saal führte, erhob sich, unter einem Baldachin von Goldstuck, der Altar, auf welchem vor einem großen silbernen Kruzifix die beiden Taufbecken standen, ein größeres und ein kleineres, beide von Gold und mit Edelsteinen reich besetzt. In das Taufwasser  hatte man fünf Tropfen Jordanswasser gegossen. Auch an Reliquien fehlte es nicht; da war unter andern heiliges Blut, ein Dorn aus der Krone, die der Heiland getragen, und einer von jenen Nägeln, womit er an's Kreuz geheftet worden. Sämmtliche Heilthümer holte der Almosenier und Hofkaplan, feierlich von zwei Trabanten begleitet, aus dem Schlafzimmer der Kaiserin. Neben dem Altar stand ein reichbehangener Tisch mit einem Kruzifix und einem Kissen von Purpursammt; dem zunächst waren die prachtvollen Betstühle für den Kaiser, die verwittweten Kaiserinnen und die Erzherzoginnen hingestellt, andere für den päpstlichen Nuntius, für den Gesandten der Republik Venedig und für den Prinzen von Portugal bereit. Die kaiserliche Hofmusik hatte ihren Platz auf einem Balkon, der über der Thüre erbaut war, durch welche die Zeugen der heiligen Handlung eintreten sollten.

Nach 8 Uhr wurden die Pforten geöffnet, Trompeten und Pauken erschollen, und im höchsten Glanze wie in voller spanischer Grandezza schritten zuerst alle Kavaliere und die niederösterreichischen Stände, die kaiserlichen geheimen Räthe und Kämmerer in den von blendendem Kerzenschimmer erhellten Saal. Dann erschienen der päpstliche Nuntius und der Gesandte Venedigs. Hierauf Kaiser Karl VI. im spanischen Mantelkleide, das von Gold und Silber starrte, mit einer rothen Feder auf dem aufgekrämpten Hut. In schwarzer, von Diamanten blitzender und reich mit Perlen geschmückter Kleidung folgten nun die Wittwen der verstorbenen  Kaiser Leopolds I. und Josephs I., Eleonore und Wilhelmine Amalie. Hinter ihnen schritt die kaiserliche Frau Aya, die Reichsgräfin von Thurn und Valsassina. Ihr folgte der Fürst Anton Lichtenstein, Obersthofmeister, Ritter des goldnen Vließes und Grand von Spanien, welcher auf einem weißatlassenen Kissen das Fürstenkind trug, begleitet von zwei anderen Rittern des goldnen Vließes, den Grafen Cifuentes und Oropesa. Jetzt erst erschienen die Erzherzoginnen, die hinterlassenen Töchter Leopolds I. und Josephs I., paarweise, in goldstückner, von Edelsteinen funkelnder Kleidung. Ihnen folgte die Obersthofmeisterin der regierenden Kaiserin, die verwittwete Fürstin Auersperg, und die Obersthofmeisterinnen der verwittweten Kaiserinnen, die Freifrau von Fünfkirchen und die Gräfin Caraffa. Ihnen schlossen sich zahlreiche Hofdamen, Frauen der ersten Beamten u. s. w., alle im höchsten Staat prangend, an. Nachdem sich nun die kaiserliche Familie, der Nuntius und der venezianische Gesandte nach den Betstühlen begeben, legte Fürst Lichtenstein das Kind auf das rothsammtene Kissen, wo die kaiserliche Aya dessen kostbaren Anzug insoweit aufband, als dieß wegen der Taufceremonien nöthig war; worauf sie es wieder auf die Arme nahm. Inzwischen hatte Kollonitsch, Bischof von Wien und Fürst des heil. römischen Reiches, im blauen Vespermantel die sogenannten gewöhnlichen Kirchenceremonien »ausser des Altars« (der Altar vertrat symbolisch die Kirche) vorgenommen; vier hohe Prälaten mit Inful und Vespermantel  assistirten; außerdem waren auch der Hof und Burgpfarrer, so wie der Ceremoniarius der Kaiserin-Wittwe Amalie anwesend und drei Hofkaplane ministrirten. So wurde der weltliche Punkt des Hofes durch die glänzende Versammlung der Geistlichen ergänzt. Nachdem der Bischof die Ceremonien »außer des Altars« verrichtet, legte er den blauen Vespermantel ab und einen weißen mit Silber gestickten an; die Wittwe Leopolds I., die Kaiserin Eleonore, empfing ihre Enkelin aus den Händen der Aya, und zu ihr traten Wilhelmine Amalie und der Nuntius Spinola im Namen des Papstes Clemens XI., als Pathen. So nebeneinander stehend legten sie die Finger auf die Prinzessin, während der Bischof von Wien dieselbe taufte und ihr die Namen »Maria, Theresia, Walburga, Amalia, Christina« gab. Bezeichnend für die Religiosität des kaiserlichen Hofes ist unter Anderm die Art der Beschenkung der jungen Prinzessin durch die beiden verwittweten Kaiserinnen nach vollendetem Taufakt; Eleonore schenkte ihrer Enkelin Reliquien der heiligen Theresia, Wilhelmine Amalie Reliquien des heiligen Ignatius von Loyola, in kostbarster Demantfassung. Der Bischof aber stimmte jetzt das Tedeum an, welches unterm Schall von Trompeten und Pauken abgesungen wurde, als wäre der Kaiser, der ernste Mann dort im Betstuhl, als Sieger aus der Feldschlacht gekehrt. Fromm betete Karl VI. das Schlußgebet mit, welches nun folgte, und empfing, in Demuth den Segen, welchen der Bischof hierauf allen Anwesenden spendete. Nach derselben  strengen Richtschnur des Ceremoniels, welcher an diesem Hofe der Kaiser nicht minder als jeder Andere unterworfen war, verließ nun der Zug unter Trompeten- und Paukenschall den Saal. Die Etikette verlangte, daß die Aya die Erzherzogin dem Obersthofmeister wieder übergab, daß Dieser, begleitet von den Grafen Cifuentes und Oropesa, sie wieder in das Vorgemach brachte, und daß die Aya sie ihm dort wieder abnahm, um sie in's Schlafgemach der regierenden Kaiserin zu tragen.

Nicht minder bezeichnend wie jene Reliquienschenkung war die Art, wie die Kaiserin Wittwe Wilhelmine Amalie das Gedächtniß des Geburts- und Tauftages ihrer Nichte zu erhalten beschloß. Sie legte am Vormittag auf dem Rennweg (einer Vorstadt Wiens) den Grundstein zu einem Kloster, welches sie, ein Gelübde zu lösen, für Nonnen nach der Regel S. Augustins und der Stiftung des heil. Franz von Sales (daher ihr Name: »Salesianerinnen«) erbaute, unter deren Verpflichtungen – neben den gewöhnlichen Klostergelübden – sich auch die besondere befand: junge adelige Damen standesgemäß zu erziehen. Kloster und Kirche der Salesianerinnen, im neuitalienischen Geschmack erbaut und mit Gemälden Pellegrini's und Altamonte's verziert, stehen noch heute in Wien. Wilhelmine Amalie pflegte nach Vollendung des Baues in dem Kloster zu residiren, und verließ es nur, wenn besonders festliche Gelegenheiten ihre Anwesenheit an Hof unumgänglich erforderten.

Eine Nachfeier anderer Art hielt drei Monate später Prinz Eugen, »der tapfere Ritter« durch ganz Europa wohlbekannt. Er schlug die Türken am 16. August, und am 18. fiel Belgrad. Bald darauf ergaben sich Semendria, Sabacs und Orsowa, – ein bedeutsames Pathengeschenk für die junge Erzherzogin, welche einst Königin von Ungarn werden sollte! – Die Walachei war besetzt, ihr Hospodar und der der Moldau wollten dem Kaiser Tribut bezahlen! Im folgenden Jahre drückte der Passarowitzer Friede (vom 21. Juli 1718), welcher, dem Kaiser den Besitz des Temeswarer Banats, Bosniens bis zur Unna, der kleinen Walachei und Serbiens bis an Timok und Drina mit Belgrad sicherte, das Siegel auf dies Pathengeschenk, das der größte Held seiner Zeit der Erbin Karls VI. brachte.

Marien Theresiens Jugend und Erziehung.

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Mochte Karl VI. auch immerhin die Hoffnung nicht aufgeben, daß ihm noch ein männlicher Erbe geboren würde, so war doch die Besorgniß, daß sein Wunsch unerfüllt bleibe, in ihm vorwiegend. Und in der That folgten nicht Prinzen, sondern nur zwei Prinzessinnen, Maria Anna 1718, Maria Amalie 1724, der Erstgebornen. Karl VI. mußte Diese als Thronfolgerin betrachten; als solche nahm er sie schon im zarten Alter 1723 nach Prag mit, wo er  als König von Böhmen gekrönt wurde, und 1728 nach Gräz, wo er die Huldigung von Steyermark, Kärnthen und Krain empfing.

Die Rücksicht auf die muthmaßliche Thronfolge mußte auch bei Marien Theresiens Erziehung vorwalten, welche für Karl VI. und dessen geistreiche Gemahlin ein Gegenstand ebenso großer Sorgfalt als Freude war, – Letzteres deßhalb, weil das Kind, in frühzeitiger Entwickelung die schönsten Anlagen und Eigenschaften des Herzens verrieth. Unter der obersten Aufsicht der Mutter waren die Gräfinnen von Thurn und Valsassina, von Stubenberg und von Fuchs, welche sich nach einander in der Eigenschaft als »Aya der kaiserlichen jungen Herrschaft« folgten, mit Ueberwachung der Erziehung betraut. Pater Franz Xaver Vogel von der Gesellschaft Jesu gab der jungen Prinzessin Religionsunterricht, der Rath Gottfried Philipp von Spannagel führte sie in die Kenntniß der Geschichte ein, deren Studium, wie insbesondere die Hülfswissenschaft der Genealogie bald ihre Lieblingsbeschäftigung war. Zunächst wurde auch das der Geographie und der Sprachen, der lateinischen, französischen und italienischen, als besonders wichtig für ihren künftigen Beruf, vorzugsweise berücksichtigt, ohne daß man jedoch hierüber die künstlerisch-gesellige Ausbildung beeinträchtigte. Außer Vogel und Spannagel waren Pachter, Chieore, Triangi, Marioni, Caldara (Hofkapellmeister) und Lavaffori della Motta (Hofballetmeister) ihre Lehrer. Die Ausbildung ihrer geistigen Anlagen durch Erwerbung von  positiven Kenntnissen, wie ein zur Regierung großer Staaten berufener Fürst deren bedarf, verschmolzen bei ihrer Erziehung mit der Ausbildung edler Weiblichkeit harmonisch zu einem schönen Ganzen, und der Charakter der Prinzessin erhielt frühzeitig den rechten Kern und Halt durch die Sorgfalt, womit man die schönen Eigenschaften und Neigungen des jungen Herzens nach sittlichen Grundsätzen erstarken machte, so daß sie das unerschütterliche Fundament einer wahrhaft männlichen Selbstständigkeit in der Kraft der sittlichen Würde fand.

Unter so vielverheißender Entwicklung aller Anlagen des Geistes und Gemüthes blühte die Erzherzogin zur Jungfrau heran. Eine hohe, edle Gestalt, im vollkommenen Ebenmaß der Glieder stand sie da, die anderen Frauen überragend, wie sie dieselben durch eine liebenswürdige Anmuth überstrahlte. Man sieht es den Bildern Marien Theresiens aus jener Zeit an, daß die Maler nicht zu schmeicheln brauchten, daß sie nur bemüht sein mußten, den seelenvollen Ausdruck des Originals treu wiederzugeben. Tritt man heute in dieser oder jener Galerie vor das Bild der jungen Kaiserstocher2, so wird man von dem vollendet schönen Oval ihres Gesichts, von dem milden Feuer der Blicke überrascht;  äußerst lieblich ist die Form des Mundes, die der Nase stark markirt, die Farbe blühend rein, wozu das hellblonde Haar trefflich läßt. Die imposante Gestalt mit den vollen Formen, in dem schwerstoffenen Gewand, wie etwa in grünem Sammt mit reichem Goldstück, und kostbarem Schmuck im Haarputz, macht den Beschauer, durch den Zauber der Grazie, alles Schwerfällige und Unschöne der damaligen Mode vergessen; man sieht: es ist die geistvolle Jungfrau, die den ernsten Beruf ihrer Zukunft begriffen hat, die aber demselben in moralischer Sicherheit entgegenlächelt. Der ganze Ausdruck ist ein vollkommen deutscher; die unbewußte Majestät der Jungfräulichkeit, die keiner Dueña und keiner klösterlichen Abgeschlossenheit bedarf, steht frei, groß und herzengewinnend da. Diesem Ausdruck der Gestalt, Haltung und Züge der Erzherzogin entsprachen auch ihr Temperament und ihr Benehmen, – jenes sanguinisch, aber durch Bildung beherrscht, dieses lebhaft, aber nie ohne jene Würde, welche den Seelenadel abspiegelt; die Stimme hell und wohlklingend, die Sprache rasch und doch nicht hastig überstürzend, wohl aber von Bewegung der Gebärde begleitet, ohne daß diese die feingezogenen Linien der Schönheit überschritt; immer waltete hiebei der richtige Takt der Weiblichkeit.

Marien Theresiens Vermählung.

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Bei dem Mangel männlicher Nachkommenschaft des Erzhauses mußte die Wahl eines Gatten für die erstgeborne Kaisertochter ein Gegenstand von nicht geringer Wichtigkeit sein. Verschiedene Rücksichten kamen dabei in Betracht. Die Erzherzogin durfte durch eine Verbindung ihre Selbstständigkeit nicht verlieren, und die Autorität ihres Gemahls mußte anderseits doch auch hinreichen, um die ihrige gehörig zu unterstützen. Es handelte sich ferner darum, auch aus Rücksicht auf die Besorgnisse der großen Fürstendynastieen im Reiche sowie auf den außerdeutschen Thronen, das beliebte Gleichgewicht bei dieser Gelegenheit nicht zu verrücken. Auch die Abkunft des künftigen Gatten mußte sich mit jeder anderen messen können.

Anderseits wieder erregte der Gedanke an die Erwerbung so vieler herrlicher Lande durch die Hand der Erbtochter des Erzhauses an mehreren Höfen Wünsche, Hoffnungen und Bemühungen. Die bekannte Devise: » Tu felix Austria nube« leuchtete manchem Prinzen ein; man erinnerte sich daran, wie unter ähnlichen Verhältnissen die Hausmacht Luxemburgs und Burgunds an Oesterreich gekommen. Man wollte die günstige Gelegenheit zu friedlicher Erwerbung, zu gesicherter, auf dem Titel der Heirath und Erbschaft ruhender Rechtsnachfolge nicht ungenützt vorüber gehen lassen. Insbesondere war dies der Wunsch der Königin von Spanien. Wenn, wie es ihre Absicht war, der Infant Don Carlos  die Hand Marien Theresiens erhielt, so stand abermals eine Vereinigung der romanischen Monarchie mit dem deutsch-slavisch-magyarischen Staatsverbande in Aussicht; die spanische Linie, des Hauses Bourbon erntete dann alle Errungenschaften Habsburgs. Wirklich geschah auch 1730 eine Werbung von Seiten Spaniens um die Hand der Erzherzogin Maria Theresia für Don Carlos. War es jedoch Karl VI. zu verargen, wenn er, noch ganz erfüllt von der frischen Erinnerung, daß ihm die Bourbons den spanischen Thron entrissen, seine Einwilligung zu dieser Verbindung, welche allerdings ein kaum hergestelltes freundliches Verhältniß – aber auf welche Kosten! – befestigen konnte, nicht ertheilte? Das war jedoch dem Wiener Kabinet allerdings zu verargen, daß es die ihm bekannten Wünsche der Königin von Spanien 1725 beim Abschluß des Wiener Friedens zu seinen Zwecken klug benützt hatte, ohne schon damals daran zu denken, dieselben zu erfüllen. Die nothwendige Folge der ablehnenden Antwort des Kaisers war die Erbitterung der Königin von Spanien, die neue Feindschaft zwischen den Höfen von Wien und von Madrit.

Wie dieser aus politischer Berechnung hervorgegangene Vorschlag, so wurde auch mancher andere abgewiesen, wobei wirklich aufrichtige und uneigennützige Neigung für die geistreiche und anmuthvolle Kaisertochter den ersten, einzigen, oder überwiegenden Beweggrund gab. Auch König Friedrich Wilhelm I. von Preußen hatte die Absicht gehabt, seinen Kronprinzen Friedrich mit Marie Theresie zu vermählen,  und deshalb Unterhandlungen angeknüpft. Doch weder Karl VI., noch der Kronprinz selbst zeigte Interesse dafür. Welche unermeßliche Folgen, wenn Friedrich II. Marien Theresiens Gemahl geworden wäre!

Am Ende gab doch die Stimme des Herzens den Ausschlag und entsprach glücklicherweise auch den Erwägungen der Politik. Der Prinz, welchem Maria Theresia ihr Herz schenkte, konnte gewissermaßen insofern als ein Glied des Erzhauses betrachtet werden, da er schon seit seinem 15. Jahre sich am Wiener Hofe befunden, dessen Weise und Sitten in sich aufgenommen hatte; es war Franz Stephan von Lothringen.

Franz Stephan, der älteste Sohn des Herzogs Leopold von Lothringen, war am 8. December 1708 geboren (also um nicht ganz neun Jahre älter als Maria Theresia), und als Erbprinz im Jahre 1723 nach Prag zur böhmischen Krönung Karls VI. gekommen, von wo er dem Monarchen nach Wien folgte. Noch lebte in dieser Stadt der Name »Lothringen« in gutem Andenken. Hatte doch der Großvater Franz Stephans, Herzog Karl von Lothringen ein halbes Jahrhundert vorher, im schönen Bunde mit dem Polenkönig Johann Sobiesky, das belagerte Wien von den Türken errettet! Dieser Herzog Karl, gleich ausgezeichnet als Kriegsheld, wie als Freund der Wissenschaften und insbesondere der Geschichte, war der Gatte von Kaiser Karls VI. Tante, von Leopolds I. Schwester Eleonore. Gleiche Jugendschicksale wie der Großvater Karl,  hatte der Enkel Franz Stephan. Beiden kam das Unheil von Frankreich, beiden ward väterliche Aufnahme, Asyl und Ehre am Kaiserhofe zu Wien. Karl VI. hatte Franz Stephan von Lothringen an seinem Hofe erziehen lassen (die Grafen Cobenzl und Neipperg waren seine Hofmeister) und hatte ihn mit dem Herzogthum Teschen belehnt, ihn 1731 eine Reise nach England, Holland und den österreichischen Niederlanden machen lassen, und ihn nach der Zurückkunft zum Vicekönig und Statthalter von Ungarn, wo sein Großvater Karl mit kriegerischer Strenge die Autorität des Erzhauses Oesterreich herstellen und befestigen geholfen, sowie zum Generallieutenant ernannt. Die Regierung Lothringens hatte Franz Stephan schon 1729 angetreten; er verlor sie jedoch in Folge des Krieges, den die Besetzung des polnischen Thrones hervorgerufen hatte; – einer von jenen Kriegen, durch welche die damals herrschende Politik die Immoralität ihres Prinzipes: »Gewalt für Recht« zur Schau stellte. Frankreich wollte den polnischen Thron für den Schwiegervater seines Königs, für Stanislaus Lesczinsky; und als dieser dem Kurfürsten von Sachsen, Friedrich August III. weichen mußte, wollte es – Lothringen, angeblich zur Entschädigung für Lesczinsky, eigentlich aber für sich; in dem Friedensvertrage von 1735 war nämlich ausdrücklich vorgesehen und bedungen, daß Lothringen nach Lesczinsky's Tode an Frankreich fallen und demselben einverleibt werden solle. Während die Politik der Gewalt so mit den Rechten der Fürsten spielte, behandelte  sie das Volk lediglich als ein Ding, als eine rechtlose Zuthat des Landes. Man fragte die Bewohner Lothringens ebensowenig, als ob sie mit den Diktaten der Gewalt einverstanden seien, als man, die Nothwendigkeit einer Entschädigung für Franz Stephan durch Toskana einsehend, die Bewohner dieses Landes fragte. Allerdings gereichte der Tausch, die Verpflanzung eines neuen Fürstenstammes auf den Thron Toskana's, diesem Lande zum Heil. Johann Gasto von Medici war der Letzte seines von einstiger Herrlichkeit bis zu völliger Bedeutungslosigkeit herabgesunkenen Stammes; mit der lothringischen Dynastie und durch sie sollte eine neue schönere Zeit für Toskana heranblühen. Nicht gering wog übrigens in den Begriffen des Wiener Hofes der Umstand, daß der Herzog durch jenen Ländertausch zum Großherzog, zur »königlichen Hoheit« wurde. Diese Erhöhung des Titels durfte Franz Stephan, nachdem ihm im Wiener Präliminar-Frieden von 1735 Toskana zugesichert worden war, nicht lange erwarten.

Maria Theresia und Franz Stephan hatten sich im täglichen Umgänge kennen gelernt, und unvermerkt hatte sich eine wechselseitige Neigung zwischen beiden gebildet und befestigt. Karl VI. betrachtete dieses Verhältniß mit um so größerem Wohlgefallen, da er in Franz Stephan, dessen angenehmes Aeußere eben so gewinnend war als sein gewandtes Benehmen, seinen Zögling sah, der alle ihm erwiesene Liebe zu verdienen bemüht war. Was die Fähigkeiten desselben betraf, so hatte man wenigstens die besten  Hoffnungen, in Bezug auf seinen Charakter die Gewißheit, daß derselbe tadellos war.

Die Vermählung der Kaisertochter mit dem Kaiserzögling war beschlossen und bereits festgesetzt, als jener Krieg um die polnische Königskrone ausbrach, welcher unter Anderem die Anerkennung Friedrich August's von Sachsen (er hatte eine Nichte Karls VI. zur Gemahlin) als König von Polen, die Entschädigung Stanislaus Lesczinsky's durch Lothringen und Bar, und Franz Stephan's durch die Anwartschaft auf Toskana zur Folge hatte. Kaum war der Friede abgeschlossen, als der Kaiser die Vollziehung der Vermählung seiner Erbtochter mit Franz Stephan, welche seinen Absichten nicht weniger als den Wünschen Beider und den Hoffnungen der österreichischen Erblande entsprach, beschleunigte, so weit dies wenigstens mit den zeitraubenden Weitläufigkeiten der strengen Vorschriften, welche die spanische Hofsitte auferlegte, und bei den Vorbereitungen, welche die Herstellung des unerläßlichen Prunkes benöthigte, möglich war; Karl VI. mochte, wiewohl der Friede geschlossen war, immerhin noch an die Intriguen denken, welche von Seiten Frankreichs gegen diese Verbindung eingeleitet worden. Franz Stephan hatte damals sein sieben und zwanzigstes Jahr erreicht, Maria Theresia stand in der Hälfte des neunzehnten.

Am 31. Januar 1736 fand die feierliche Werbung bei den kaiserlichen Aeltern statt. Eine treue Schilderung des ganzen Ceremoniels, welches sich dabei geltend machte,  ist weniger an und für sich, als eben wieder dadurch interessant, weil sich das ganze damalige Repräsentationswesen vollkommen darin abspiegelt, ein ungemein weit und fein ausgegliedertes System, dessen Studium eine vollkommene Lebensaufgabe für einen Hofmann der guten alten Zeit sein konnte. Wie fremdartig war es, an asiatische und byzantinische Weise3 erinnernd, gerade für deutsches Wesen! Aber freilich, wie viel des Fremdartigen und deutscher Wesenheit durch und durch Widerstrebenden ward nicht schon in Deutschland eingeführt, wußte sich daselbst zu behaupten und schien unsere Volksthümlichkeit umgeformt zu haben! Ein Trost ist, daß die einfache und gesunde deutsche Kernnatur über Kurz oder Lang doch immer siegte und das Fremdartige wieder ausschied, um dann nur so entschiedener auf die Ausbildung ihrer eigenen Grundstoffe zurückzukommen.

Wie seltsam kontrastirte übrigens die rein menschlich schöne Herzensneigung Franz Stephan's und Marien Theresien's mit dem ganzen Hofprunk von Ehrenchargen, Hofbedienten und Karossen, mit der strengen Vorschrift für jede Redensart und jede Bewegung, mit dem kleinlich  ängstlichen Gesetzbuch der Complimente! Ein Labyrinth von Convenienz, welches das liebende Paar zu durchwandeln hatte, bevor es sich ungestört der schönen Gottesgabe freuen konnte, welche so oft den Hohen und Mächtigen der Erde als Krone des Glückes fehlt!

Schon am Tage vor der feierlichen Werbung war dem hohen Adel das Erscheinen in Gala angesagt worden. Am Vormittag des 31. Januars fuhr der Geheime-Rath, Freiherr von Jaquemin, Franz Stephan's Gesandter am Wiener Hofe, in einer sechsspännigen Karosse nach der Kaiserburg, der kaiserliche Oberstkämmerer und der kaiserliche Oberststallmeister begleiteten ihn, jeder in einem zweispännigen Wagen. Als sie in dem Burghof angelangt waren, – es war um elf Uhr – schritt Franz Stephan in einem kostbaren Kleide von kastanienbraunem Sammt, mit Silber durchwirkt, die Nähte mit Gold gestickt, mit Diamanten statt der Knöpfe, aus den Gemächern, welche er in der Burg bewohnte, durch die kaiserliche Wacht- und Ritterstube bis zur ersten kaiserlichen Antichambre. Voran traten ihm in glänzenden Reihen seine Läufer, Lakeien und Edelknaben, sodann seine stattlichen Cavaliere und Kämmerer, sein Gesandter Jaquemin, die Marquis de Lamberti und de Lenoncourt, sowie der Oberststallmeister, der Reichsfürst von Croan; der herzogliche Oberstkämmerer Marquis de Gablier folgte seinem Gebieter. Am Eingang der ersten kaiserlichen Antichambre, wo die Leibgarde im Gewehr stand, empfingen den fürstlichen Freier der Obersthofmeister Burggraf zu  Reineck und Graf zu Sintzendorf, der Oberstkämmerer Marchese von Pescora und der Obersthofmarschall Fürst Heinrich von Auersperg; der Obersthofmeister begleitete ihn dann bis zur Thüre der kaiserlichen Retirade, an welcher ihn Karl VI. selbst empfing und hereinführte. Alsobald wurde die Thüre geschlossen und blieb es bis zur Beendigung der Unterredung zwischen beiden Fürsten, deren Inhalt die Werbung Franz Stephan's und das Jawort des Kaisers bildeten. Nach gleichem Ceremoniel fand der Rückzug statt, und der Prinz begab sich nun, gefolgt von der genannten Begleitung, nach den Gemächern der regierenden Kaiserin Elisabeth Christina. Im Audienzzimmer standen in einer Reihe die Hofdamen, und als die Flügelthüren des Spiegelzimmers geöffnet wurden, führte Fürst Auersperg den Prinzen in dasselbe, an dessen Eingang die Obersthofmeisterin der Kaiserin und die Aya der jungen Herrschaft standen. An einen Tisch gelehnt erwartete die Kaiserin den Herzog von Lothringen, in kleiner Entfernung von ihr stand links die Erzherzogin. – Die Kaiserin ging dem Herzog erst dann einen Schritt entgegen, als er die dritte Kniebeugung zu machen im Begriffe war. Nun fand die Werbung und Antwort statt, wobei die Erzherzogin ihre ganze Aufmerksamkeit blos ihrer Mutter zuwendete, bis sie auf einen Wink derselben das mit Juwelen besetzte Miniatur-Portrait des Prinzen, statt des Glases mit einem großen Diamant bedeckt, entgegennahm und ihm den Handkuß gestattete. Fürst Auersperg begleitete sodann den Prinzen  bis zum Austritt aus dem Audienzzimmer zurück, worauf sich der Letztere mit seinem Hofstaat in seine Gemächer begab. Die Aufwartung bei der verwittweten Kaiserin Wilhelmine Amalie erfolgte später, so wie dieselbe aus ihrem Kloster am Rennweg in die Burg gekommen war. Auch hier dieselbe Etikette, nur mit dem Unterschiede, der damals nicht geringen Belang hatte, daß die verwittwete Kaiserin dem Prinzen – einen Schritt näher entgegenkam, als die regierende! Offene Mittagstafel mit Musik, welche die regierende Kaiserin »auf ihrer Seite« gab4, wobei die Hofdamen das Ehrenamt der Bedienung hatten, und wobei Franz Stephan das Portrait seiner Braut, welches ihm diese mittlerweile zugesendet, auf der Brust tragend, erschien, beschloß die Festlichkeiten dieses Tages.