Marienblut - A. Kaiden - E-Book
Beschreibung

Leetha führt ein ganz normales Leben, bis zu dem Zeitpunkt, als die Albträume beginnen und sich bewahrheiten. Zahlreiche junge Frauen werden ermordet und unheimliche Vorfälle stürzen die Welt ins Chaos. Das Gleichgewicht auf Erden scheint zerstört und das Böse hält Einzug. Welche Rolle spielt Leetha dabei? Wird es ihr gelingen, die Geheimnisse zu lüften und die Ordnung wieder herzustellen?

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Marienblut

When Angels Deserve To Die

1. Auflage: Dezember 2018

Copyright by A. Kaiden, Alexandra Kraus

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags, sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung der Autorin A. Kaiden

Cover-/Umschlaggestaltung: Buchgewand Covergestaltung | www.buch-gewand.de

Verwendete Grafiken/Fotos:

chagpg - depositphotos.com

FairytaleDesign - depositphotos.com

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frenky362 - depositphotos.com

garybaldi - depositphotos.com

Lektorat:

Prolog – Kapitel 8: Birgit Heneka

Kapitel 6 – Epilog: Marcel Weyers

Die Handlung und die handelnden Personen dieser Geschichte sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit toten oder lebenden Personen oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ist nicht beabsichtigt und wäre rein zufällig.

Widmung

Für Desireé-Nicole und Lyly, die mir zwei gute Freundinnen sind. Ich danke euch für eure Unterstützung, nicht nur auf den Buchmessen und Lesungen.

Und für Birgit, die mir mit Rat und Tat bei der Überarbeitung des Manuskriptes zur Seite stand und deren Hilfe ich mir gar nicht mehr wegdenken kann.

Prolog

Warum siehst du mich nicht?

Bin ich nur einer unter vielen?

Kein Individuum? Nichts Besonderes?

Einer wie alle anderen?

Habe ich keinen eigenen Willen?

Wie kann es sein, dass manche gleicher sind als andere,

wo doch in deinen Augen angeblich jeder gleich ist?

Tiefe Dunkelheit umhüllt mich und lässt mich erschauern.

Stechender Schmerz durchfährt meine Glieder

Und ich balle meine Hände zu Fäusten.

Was haben die anderen, das sie besser macht?

Warum haben sie es und ich nicht?

Wo ist und bleibt die Gerechtigkeit?

Gerechtigkeit, Gleichheit …

Nichts als trügerische, verlogene Worte,

die uns ruhig stimmen sollen.

Ich schließe langsam meine Augen

und lausche in die unendliche Stille.

Wo bist du, wenn alles um mich herum dunkel ist?

Wo bist du jetzt, wo die Stille mein Herz zerfrisst?

Lügen, nichts als Lügen.

Dein honigsüßes Trugbild kannst du behalten.

Ich möchte deine Illusion nicht.

Du würdigst mich keines Blickes,

du siehst mich nicht.

Deswegen tue ich nun das einzig Richtige für mich:

Ich gehe, ohne mich umzudrehen

Und sei gewiss – meine Rache wird fürchterlich sein,

denn sie kommt aus den schwarzen Abgründen

Kapitel I – Es beginnt

Ein Rauch verweht, ein Wasser verrinnt,

eine Zeit vergeht, eine neue beginnt.

(Joachim Ringelnatz)

Kapitel 1

„Hilfe! Bitte, Hilfe!“

Ihre verzweifelten Schreie hallten in den leeren und kalten Straßen wider, die um diese Uhrzeit hätten belebt sein müssen. Die grauen Betonbauten blickten kühl auf sie herab, um unbarmherzige Zeugen des Verbrechens zu werden. Sie konnte das Schnaufen und Heulen ihrer blutrünstigen Verfolger hören, die unaufhaltsam näher kamen. Der tiefschwarze Mantel der Dunkelheit gab ihnen Schutz, doch sie brauchte sie nicht zu sehen – sie hörte und spürte sie.

„Warum hört mich denn keiner? Hilfe!“

Tränen flossen wie Sturzbäche über ihre blassen Wangen und fielen auf den dreckigen Asphalt. Niemand zog die Rollläden hoch, niemand machte das Licht an. Keiner würde ihr helfen und sie war sich nicht sicher, ob die Menschen sie nicht hören wollten oder nicht konnten.

„Bitte“, flüsterte sie flehend als ihr Atem schwerer und ihre Beine immer wackeliger wurden. Ihre zittrige Hand umfasste fest das goldene Kreuz, das um ihren Hals baumelte. Die nächste Kirche konnte nicht mehr weit weg sein. Sie musste diese unbedingt erreichen, dann wäre sie in Sicherheit. Doch die alles verschlingende Dunkelheit nagte an ihrer Orientierung und führte sie in die Irre. Die Kälte fraß sich brutal in ihren Körper und saugte gierig die Kraft aus ihr heraus. Lange würde die junge Frau diese Hetzjagd nicht mehr durchstehen und sie betete zu Gott, dass er sie retten möge. Das hier war nicht richtig – das konnte Gott nicht zulassen …

Sie bog nach rechts ab, bekam die Kurve nicht und stieß hart mit ihrer Schulter an die Laterne. Doch ihr blieb keine Zeit zum Jammern, viel zu nahe waren ihre hungrigen Verfolger. Die Sicht wurde von ihren Tränen getrübt und ihre Augen kämpften sich verzweifelt durch die Finsternis. Ihre Hoffnung schwand mehr und mehr, denn eine rettende Kirche war nicht in Sicht. Sie war mit ihren Kräften am Ende und brauchte dringend eine Pause. Für einen kurzen Moment wurde ihr schwarz vor Augen. Sie stolperte über den unebenen Bürgersteig und fiel ungeschickt auf den rauen Asphalt. Sie schnappte nach Luft und schlug unter Stöhnen ihre Lider auf. Schwerfällig versuchte sie, sich aufzurichten als Schritte die Unheil verkündende Nacht durchdrangen. Das Hecheln der Wesen verstummte augenblicklich und mit einem Mal herrschte eine Totenstille. Sie wagte nicht aufzusehen bis ein Paar schwarzer Schuhe direkt vor ihr zum Stehen kam. Die Luft erschien ihr plötzlich viel zu dünn, um sie einzuatmen.

„Wieso lauft ihr ständig alle davon, wo doch euer Schicksal längst besiegelt ist? Ihr versucht es immer wieder und wieder. Was sind das für Gefühle, die dich gerade durchströmen? Verzweiflung? Hoffnungslosigkeit? Furcht? Was ist es?“

Sie zuckte bei dem kalten Klang der monotonen Stimme zusammen und hob leicht ihren Kopf, sodass ihr Blick über die dunkle Leinenhose glitt und an seinen Knien hängen blieb.

„Bitte … hilf mir“, flehte sie mit erstickter Stimme und ihre Unterlippe zitterte. Überrascht zog er eine Augenbraue in die Höhe und starrte weiterhin auf sie herab.

„Wieso sollte ich das tun?“

„Bitte, ich weiß, dass du es kannst.“

Sein kurzes, trockenes Lachen hallte in den Gassen wider. Von Panik ergriffen krallte sie sich in den Stoff seiner Hose und ließ ihren Blick weiter nach oben gleiten, über den schwarzen Mantel in sein blasses und glattes Gesicht, das sie an Marmor erinnerte. Seine stechend grünen Augen durchbohrten die tiefschwarze Nacht und brannten sich unerbittlich in ihre Seele.

„Die Frage ist nicht, ob ich es kann, sondern warum ich dir helfen sollte.“

Ihr Herz machte einen verzagten Sprung. Sie durfte die Hoffnung nicht aufgeben – sie musste ihn überzeugen. Auch in ihm steckte gewiss etwas Gutes. Niemand war von Grund auf schlecht und er sah nicht böse aus. Vielmehr enttäuscht und unendlich traurig. Wenn sie es schaffte ihn zu berühren, dann würde er sie verschonen. Bestimmt. Dann könnte sie ihn umstimmen – das musste Gottes Plan sein.

„Bitte, hilf mir. Das kannst du doch gar nicht alles wollen.“

„Lächerlich. Glaub doch, was du möchtest.“

Er wandte sich abrupt von ihr ab. Sie krallte sich ängstlich an sein Hosenbein. Er durfte nicht gehen! Wenn er jetzt ginge, dann wäre sie verloren. Die junge Frau konnte das gierige Hecheln und Schnaufen aus der Finsternis hören. Rote Augen blitzten verlangend auf und durchbohrten sie, lechzend nach Blut.

„Ist dir denn das Schicksal der Menschheit völlig egal? All die Toten, all das Leid … das kann dich nicht wirklich kalt lassen! Du musst doch etwas dabei fühlen, bitte!“

Er drehte sich wieder zu ihr um, doch die Erleichterung blieb aus, denn sein verachtender Blick rammte sie unbarmherzig in den Boden.

„Was glaubst du mit deinem Geschwätz bewirken zu können?! Ich soll Mitleid mit euch empfinden? Reue? Glaubst du wirklich, dass es irgendeinen interessiert, was mit euch Menschen geschieht? Niemand interessiert sich für euer sogenanntes Schicksal!“

„Das … das ist nicht wahr.“

Ihre Unterlippe bebte und in ihren traurigen Augen schimmerten erneut Tränen.

„So? Ist es nicht? Und auf wessen Hilfe hofft ihr? Feen? Engel? Gott?“

„Gott wird das nicht zulassen“, wimmerte sie und konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Ihr Widersacher lachte auf. Ein kaltes, hässliches Lachen, das ihr bis ins Mark fuhr.

„Ach? Gott wird euch also retten?“

„Ja, das wird er.“

Ihre Stimme war nicht mehr als ein Flüstern, das zu ersticken drohte. Seine Augen blitzten gefährlich auf. Um sie herum begannen die Schattenwesen zu heulen und hüllten sie in einen schaurigen Gesang.

„Dann sag mir eins, Maria. Wo ist dein Gott jetzt? Wo ist er?“

Er blickte in den düsteren Himmel, an dem kein einziger Stern zu sehen war und lachte verbittert auf, als sie nicht im Stande war zu antworten. Die Worte blieben ihr im Mund stecken und ihre Kehle war staubtrocken.

„Du weißt es nicht, habe ich recht? Natürlich … aber ich sage es dir: er sitzt oben auf seinem Thron und sieht nicht hin. Ihr seid ihm egal, er wird nicht kommen.“

„Nein, nein, das ist nicht wahr. Es darf nicht wahr sein!“

Seine Augen wanderten nach unten zu dem noch immer knienden und zitternden Mädchen. So erbärmlich. Verloren. Unsagbar dumm. Angewidert schlug er ihre Hände von seinen Beinen, worauf sie voller Furcht zusammenzuckte.

„Widerlich.“

„Was?“

„Ihr Menschen seid so widerlich. Es ist mir egal, ob du es glaubst oder nicht. Du wirst es nun am eigenen Leib zu spüren bekommen!“

„Bitte, geh nicht. Du darfst nicht zulassen, dass sie mich fressen!“

Die zitternde Frau griff sofort wieder nach dem Stoff seiner Hose und zeigte mit ausgestrecktem Finger der linken Hand in die alles verschlingende Dunkelheit. Unheimliches Jaulen umgab sie und die Finsternis erschien ihr wie eine sich bewegende Masse, die bereit war, sie zu zermalmen.

„Nicht doch“, erwiderte er knapp, strich ihr über den Kopf und hob ihr dann die Hand entgegen. Ihre Augen weiteten sich überrascht und wie in Trance streckte sie sich der ersehnten Hilfe entgegen. Konnte es tatsächlich sein, dass sie ihn berührt oder gar überzeugt hatte? Es musste wohl so sein, denn er zog sie mit einer eleganten Bewegung auf die Beine. Doch ihr Hoffnungsschimmer wurde sogleich jäh zerstört, als er seine Hände um ihren dünnen Hals legte und ihr ins Ohr flüsterte: „Das erledige ich sogar selbst!“

Ihr panischer Schrei erstarb zu einem erstickenden Röcheln, als er erbarmungslos zudrückte und sie schließlich zum Schweigen brachte. Ihr lebloser Körper glitt fast geräuschlos auf den Boden.

„Und? Wo ist er nun, dein toller und überaus fürsorglicher Gott?“

Er gab dem am Boden liegenden Körper einen Tritt und schüttelte leicht den Kopf.

„Ich werde dir sagen, wo er ist. Er sitzt oben auf seinem Thron und ist damit beschäftigt, sich anbeten zu lassen!“

Er wandte sich mit einem schwungvollen Ruck von ihr ab und starrte misslaunig in den von Wolken behangenen Sternenhimmel. Mit einer kurzen Handbewegung leitete er die hungrigen Schattenwesen fort.

„Heute wird nicht gefressen – nicht hier“, murmelte er nachdenklich und wartete, bis er mit der Leiche der jungen Frau allein war. Dann drehte er sich ein letztes Mal zu ihr um und starrte mit trüben Augen auf sie herab.

„Das sind also deine gutgläubigen Zombies, die dir blind hinterher rennen? Tss… wie die Lämmer auf dem Weg zur Schlachtbank und du? Du siehst nicht einmal hin. Du wirst nie hinsehen. Dafür bist du dir zu schade.“

Schweißgebadet wachte die 17-Jährige auf und starrte mit vor Schreck geweiteten Augen an die Decke. Es dauerte einige Minuten, bis die Furcht, die sie zu Boden drückte wie ein starkes Raubtier, von ihr abließ und sie sich langsam im Bett aufrichten konnte. Mit zittrigen Händen suchte sie in der Dunkelheit nach dem Lichtschalter der Nachttischlampe aus Rosenquarz.

„Komm schon, Leetha, es war nur ein Traum. Sei kein Hasenfuß“, flüsterte sie ermattet vor sich hin und strich sich die wirren Strähnen ihrer langen Haare aus dem Gesicht. Sie holte tief Luft und spürte, wie ihr Herz noch immer wild in ihrem Körper pochte, als wolle es herausspringen. Sollte sie aufstehen und sich etwas zu Trinken holen? Einschlafen würde sie in den nächsten Minuten nicht mehr können. Sie ließ ihren Blick auf die digitale Uhr gleiten und seufzte leise auf. Es war 1:30 Uhr. Noch dreieinhalb Stunden und ihr Wecker würde klingeln, damit sie sich zur Schule fertig machte. Gerade als sie überlegte, ob sie das Licht ausmachen oder doch den Gang zur Küche antreten sollte, klopfte es leicht an ihre Tür. Müde sah sie auf.

„Leetha, bist du wach? Kann ich reinkommen?“

Ein flüchtiges Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie antwortete.

„Ja, klar. Komm rein.“

Mit einem leisen Quietschen öffnete sich die Tür. Ihr älterer Bruder schlüpfte in ihr Zimmer und kam auf sie zu. Seine türkisfarbenen Augen musterten sie besorgt, als er neben ihr auf der Bettkante Platz nahm und ihr eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht strich.

„Schon wieder ein Albtraum?“

„Mmh … ja.“

„Der wievielte ist das jetzt? Der fünfte? Der sechste?“

„Das ist der sechste innerhalb von sechs Wochen.“

„Wieder dasselbe? Über diesen Typ?“

„Ja, da war dieser Mann, ganz in schwarz gekleidet und wieder hat er eine junge Frau mit dem Namen Maria umgebracht.“

„Vielleicht sollten wir deine Träume von jemand deuten lassen? Es muss irgendetwas dahinterstecken.“

„Mmh … ich weiß nicht. Ich glaube nicht an sowas. Wenn ich wenigstens eine dieser Personen kennen würde. Es heißt doch, dass wir in Träumen Dinge vom Unterbewusstsein verarbeiten und die Leute kennen, über die man träumt. Allerdings kann ich mich nicht erinnern, irgendeinen von ihnen je gesehen zu haben.“

Leetha seufzte abermals auf und fuhr sich mit den Fingern gedankenverloren durch ihre hüftlangen Haare. Ihr Bruder betrachtete sie aufmerksam. Vorsichtig strich er ihr über den schmalen Rücken.

„Was hältst du von einer heißen Schoko mit viel Sahne?“

„Hört sich gut an“, antwortete sie mit einem ehrlichen Lächeln. „John, wie kommt es eigentlich, dass du immer merkst, wenn ich nachts aufwache?“

„Reiner Zufall“, versicherte ihr Bruder grinsend und zwinkerte ihr verschwörerisch zu. „Ich schlafe eben unruhig und du redest im Schlaf, wenn du Albträume hast. Das ist alles.“

„Wir sollten echt zusehen, dass dein Schlafzimmer verlegt wird. Wenn du noch länger direkt neben meinem Zimmer verharren musst, wirst du nie ruhig durchschlafen können.“

Leetha sagte dies zwar mit einem Zwinkern, doch sie meinte es durchaus ernst. So konnte es einfach nicht weitergehen. John erahnte ihre Gedanken und tippte ihr übermütig mit dem Zeigefinger an die Stirn.

„Mach dir mal darüber keine Gedanken. Jetzt lass uns erst mal gemeinsam in die Küche gehen und eine heiße Schoko trinken.“

Er stand auf und half ihr auf die Beine. Gemeinsam gingen sie in die Küche im Erdgeschoss und es sollte ihr gelingen, den Albtraum für die nächsten Stunden zu vertreiben.

Kapitel 2

„Meine Güte, seid ihr gesprächig. Was habt ihr denn heute Nacht gemacht, dass ihr dermaßen fertig seid? Ihr macht sogar dem Tod Konkurrenz.“

Anja schaute kopfschüttelnd von Leetha zu John, die beide sehr blass und ausgelaugt waren.

„Oh Gott, sag mir bitte nicht, dass ich auch derart kaputt aussehe“, bat Anja ihre beste Freundin und nahm sie kurz in die Arme.

„Das ist ja ne schöne Begrüßung. Charmant wie eh und je.“

„Darum liebst und schätzt du mich als Freundin“, scherzte Anja und lachte auf.

„Tja, das wird es wohl sein“, antwortete Leetha und lächelte sie müde an. Danach wandte sich Anja neugierig an John.

„Hi, wie kommt es, dass du heute mal mit uns mitfährst?“

John grinste und reichte ihr flüchtig die Hand. Anja verzog kurz ihr Gesicht, setzte dann wieder ein Lächeln auf.

„Hey Leetha, du musst deinem älteren Bruder noch beibringen, wie man eine Frau begrüßt“, beschwerte sie sich halb im Spaß bei ihrer Freundin und versetzte ihr einen kleinen Stups.

„Ich finde, er macht alles richtig“, gab die nur frech feixend zurück und zwinkerte ihrem Bruder verschwörerisch zu.

„Nun ja, ich habe nicht wirklich gut geschlafen und dachte, ich nehme zur Abwechslung mal den Bus.“

„Apropos Bus, da kommt er“, bemerkte Leetha und deutete nach links.

Im Gegensatz zu Anja waren sie und John nicht bereit, sich in den Bus zu drängeln und um die besten Plätze zu kämpfen. Sie stiegen als Letztes ein und schlängelten sich ihren Weg durch die vielen Schüler, die sich unüberhörbar unterhielten, ihre MP3-Player und Handys in voller Lautstärke aufgedreht hatten. Es roch unangenehm nach Zigarettenrauch und ausgepackten Salamibroten. John rümpfte etwas angeekelt die Nase. Leetha betrachtete ihn amüsiert.

„Du wirst wohl so schnell nicht mehr mit dem Bus mitfahren?“

„Erwischt“, gab John mit einem ertappten Grinsen zu. „Und ich biete dir nochmals an, dich mitzunehmen. Wir haben doch sowieso fast denselben Weg.“

„Mmh, schon. Das ist lieb, aber was soll ich denn mit der da machen? Die kann ich unmöglich allein auf die Menschheit loslassen“, entgegnete sie lächelnd und nickte in Richtung Anja, die die gesamte Rückbank für sie reserviert hatte und sie ungeduldig heranwinkte.

„Einen Mitfahrer könnte ich gerade noch verkraften.“

„Da bin ich mir allerdings nicht so sicher.“ Leetha lachte leise auf und schob ihren Bruder nach hinten durch, wo sie sich direkt zwischen Anja und John setzte.

„Das hat ja ewig gedauert“, kommentierte Anja und fing an, mit ihren Fingern eine ihrer blonden Locken glatt zu streichen. Eine Angewohnheit, die sie sich einfach nicht abgewöhnen konnte.

„Und? Warum seid ihr jetzt beide so am Arsch?“

John lächelte nur leicht und zuckte mit den Schultern. Ihm war es lieber, wenn seine Schwester das Gespräch übernahm. Immerhin war es ihre Freundin und er wollte nicht stören. Vielleicht hätte er doch besser mit seinem Auto fahren sollen, aber nachdem Leetha schon wieder einen dieser seltsamen Albträume gehabt hatte, hatte er es nicht übers Herz gebracht, sie allein fahren zu lassen.

„Na ja, ich hab mal wieder schlecht geschlafen und mein armer Bruder wurde durch mich wach. Das Übliche halt“, beantwortete Leetha die Frage ihrer Freundin knapp, deren dunkelbraune Augen sie geradewegs zu durchdringen versuchten.

„Ja und dann?“

Anja blickte auffordernd zwischen den Geschwistern hin und her.

„Wie und dann?“

„Ja, was ist dann passiert? Was habt ihr gemacht?“, hakte Anja ungeduldig nach.

„Wir haben uns fertig gemacht und sind ausgegangen, um Party zu machen.“

Anjas Augen weiteten sich verblüfft und sie wollte sich beschweren, nicht mitgenommen worden zu sein, als sie bemerkte, dass ihre Freundin sie veralberte.

„Oh manno, ich meine es ernst! Verarsch mich doch nicht!“

„Komm schon, hör auf zu schmollen. Bei so ner blöden Frage bekommst du eben auch ne blöde Antwort.“

„Ja, ja. Ich interessiere mich nochmal für dich“, brummelte Anja eingeschnappt vor sich hin.

„Nichts ist weiter passiert. Wir haben eine heiße Schoko getrunken und haben uns danach wieder hingelegt. Was denkst du denn?“

„Nur das Beste.“

Leetha und Anja grinsten sich neckisch an und begannen ausgelassen zu schwatzen. John betrachtete schmunzelnd die beiden Mädchen. Ab und zu sollte er vielleicht doch mit dem Bus fahren, immerhin war ihm gute Unterhaltung sicher.

Am Busbahnhof hatten sich die Freundinnen von John verabschiedet, da seine Ausbildungsstelle in der entgegengesetzten Richtung lag wie ihre Schule. Lustlos machten sie sich auf den Weg, wobei sie absichtlich schlenderten, um Zeit zu schinden.

„Sag mal, Leetha, ist dein Bruder eigentlich Single?“

Verblüfft blieb sie eine Sekunde lang stehen, dann lachte sie belustigt auf.

„Hey, lach mich nicht aus, sondern beantworte mir einfach meine Frage!“, begehrte Anja beleidigt auf und knuffte ihre Freundin in die Seite.

„Schon gut, schon gut. Ja, er ist noch Single, soweit ich weiß. Er gefällt dir also?“

Anja wedelte mit ihrer Hand verneinend in der Luft herum.

„Gefallen ist ein weitläufiger Begriff. Sagen wir mal so: ich bin jetzt längere Zeit Single und möchte endlich mal wieder einen Freund. Dein Bruder ist echt kein schlechtes Material.“

„Material? Ach du lieber Himmel.“

Leetha schüttelte spielerisch den Kopf. Natürlich hatte Anja deutliches Interesse, auch wenn sie dies nicht zugeben mochte. Allerdings wusste sie auch, dass sich Anjas Geschmack und Meinung schnell änderten und einfach war ihre beste Freundin keineswegs. Dennoch war der Gedanke nicht einmal abwegig, denn John hatte viel Geduld und würde wohl mit ihrem wankelmütigen Charakter fertig werden.

„Und auf was für einen Typ Frau steht dein Bruder?“

„Mh …ich weiß es nicht.“

„Wie, du weißt es nicht?“

„Ich habe keine Ahnung, auf welche Frauen er so steht.“

„Wie kannst du sowas nicht wissen?“

„Wir reden zwar über viele Sachen miteinander, jedoch nicht über alles.“

„Ja, ja, erspar mir das Gerede. Wie sahen denn seine bisherigen Freundinnen aus?“

Leetha schüttelte ihren Kopf. „Tut mir leid, aber soweit ich mich erinnern kann hat er noch nie eine mit nach Hause gebracht.“

„Noch nie? Soll das heißen, er hatte noch keine, obwohl er schon zweiundzwanzig ist?“

„Er ist zwanzig und nein, er hatte Freundinnen, doch vorgestellt hat er keine einzige. Soweit ich weiß, hielten die Beziehungen nicht lang und er meinte, er wolle erst eine mit nach Hause bringen, wenn sich daraus was Ernsteres entwickelt.“

Anja seufzte nachdenklich auf und Leetha wandte sich ihr zu.

„Was? Wieso seufzt du?“

„Ach, dein Bruder scheint aber verdammt anständig zu sein. Zeit, dass wir da mal was ändern.“

„Oha, bitte bloß keine Details“, lachte Leetha und hakte sich bei Anja ein.

Als die beiden Freundinnen schon fast an dem Schulkomplex angekommen, waren eilte ihnen Sey aufgewühlt entgegen.

„Da seid ihr ja endlich“, japste die zierliche Halbkoreanerin aufgeregt und schien sichtlich erleichtert.

„Tut mir leid, wir haben etwas getrödelt“, entschuldigte sich Leetha. Sie wusste, dass Sey nicht gern allein wartete. „Wo ist denn Miaka? Ist sie noch nicht da?“

„Ich weiß es nicht. Da vorne ist die Hölle los. Ich kann sie in der Menschentraube einfach nicht finden.“

„Hä, ist was passiert?“ Anja stellte sich neugierig auf die Zehenspitzen, doch konnte sie außer vielen Köpfen nichts erkennen.

Sey zuckte ratlos mit den Schultern. „Ich weiß es nicht.“

„Wie du weißt es nicht? Du musst schon mindestens fünfzehn Minuten hier sein und du hast nichts mitbekommen? Auf dich ist kein Verlass.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, stürmte Anja auf die raunende Menschenmenge zu. Leetha und Sey sahen sich seufzend an und hetzten ihr dann hinterher. Schnell verhakten sie jeweils ihre Hände in des anderen T-Shirts, um sich in der drängelnden Meute nicht zu verlieren, was gar nicht so einfach war. Leetha spürte, wie sich ihre kleine Freundin ängstlich in ihren Rücken krallte und verfluchte in diesem Moment Anjas unstillbare Neugier. Sie selbst hatte das Gefühl, in der sensationsgeilen Meute zu ersticken, und wollte nur noch raus, doch Anjas Interesse war noch lange nicht gestillt. Ungeduldig quetschte sie sich durch die Menschen hindurch, egal ob Platz war oder nicht. Doch so sehr sie auch versuchte, ganz nach vorne durchzudringen, es gelang ihr nicht. Als sich immer mehr angerempelte Mitschüler wütend nach Anja umdrehten, zerrten ihre Freundinnen sie mit all ihrer Kraft raus aus dem Trubel. In der Nähe eines Krankenwagens hielten sie an.

„Oh Mann, ich war knapp davor, etwas zu erfahren!“

„So sah es aber gar nicht aus“, entgegnete Leetha und schnaufte, erleichtert dem Gedränge entkommen zu sein, auf. Sey erging es nicht anders. Langsam gewann ihre bleiche Haut wieder an Farbe.

„Jetzt kommt mal wieder runter! Da scheint was ganz krasses passiert zu sein. Seid ihr denn kein bisschen neugierig?“

Leetha verdrehte genervt die Augen und öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, als Miaka herbeigeeilt kam. Sie rannte dermaßen schnell, dass ihr langer Pferdeschwanz emsig hin und her wackelte.

„Hey, da seid ihr ja! Ich dachte schon, ich finde euch nie in dem Getümmel.“

Sie begrüßten sich alle mit einer kurzen Umarmung und noch bevor sie fertig waren, hakte Anja wissbegierig nach:„Sag mal, Miaka, weißt du, was hier los ist?“

„Ich denke ja, zumindest wenn an den Gerüchten etwas dran ist.“

Alle drei starrten Miaka an, aber die dachte gar nicht daran, das Rätsel derart schnell zu lüften. Schließlich stampfte Anja empört mit dem Fuß auf.

„Nun komm schon, lass uns nicht zappeln! Raus mit der Sprache.“

„Na wenn du mich so darum bittest“, meinte Miaka gehässig und grinste flüchtig, bevor sie wieder ernst wurde. „Anscheinend wurde die Leiche einer jungen Frau vor unserer Schule gefunden. Das ist allerdings alles was ich bisher gehört habe.“

„Eine Leiche? Krass!“ Anja fing begeistert an zu plappern. Leetha jedoch hörte nicht zu. Eine ungute Vorahnung befiel sie aus dem Nichts und biss sich fest wie ein hungriger Straßenköter. Sie schnürte ihr die Kehle zu und ließ sie taumeln. Anjas aufgeregtes Geplapper wurde immer leiser und war schließlich nur noch ein hintergründiges Rauschen. Vor Leethas geistigem Auge erschienen die Bilder aus ihrem Traum: die junge Frau, die verzweifelt um ihr Leben rannte; die hungrigen Wesen, die sie im Mantel der Dunkelheit verfolgt hatten; und der mysteriöse Mann mit dem marmorgleichen Gesicht. Ein Schauer lief ihr über den Rücken und ließ sie bei der Erinnerung schaudern. In diesem Moment bewegte sich die Menschenmasse auf sie zu. Ihre Freundinnen konnten rechtzeitig ausweichen, aber Leetha war zu benommen, um zu reagieren. Unsanft wurde sie auf die Seite gestoßen und schaute erschrocken auf.

„Aus dem Weg! Kannst du nicht aufpassen?“, fauchte ein Polizist sie an, während zwei Sanitäter eine Bahre in Richtung des inzwischen ebenfallseingetroffenen Leichenwagen trugen. Die Polizei hatte Mühe, die sensationssüchtige Schülerschar zurückzuhalten.

„Es gibt hier nichts zu sehen. Die Show ist beendet. Hey!“

Ein Schüler preschte aus der Masse hervor und schnellte an den Beamten vorbei, direkt auf die Bahre zu. Leetha starrte wie gebannt auf die Szene und es gelang ihr nicht, sich abwenden. Seine Hand krallte sich in das Laken und zog energisch daran. Auch die herbeieilenden Gesetzeshüter konnten nicht mehr verhindern, dass das Leichentuch unaufhaltsam auf den Boden glitt.

„Oh … oh nein“, murmelte Leetha fassungslos und das Grauen durchzog eisig ihren Körper und ließ sie erstarren. Ihre Beine waren weicher als Wackelpudding und drohten zu versagen. Alles um sie herum begann sich zu drehen. Wirklichkeit vermischte sich mit Phantasie und sie wusste nicht mehr, was falsch und was real war.

„Leetha, hey, Leetha, was ist denn los? Ist dir nicht gut?“

Anjas Stimme riss sie jäh in die Wirklichkeit zurück. Erschrocken fuhr sie herum und starrte ihrer besorgten Freundin direkt ins Gesicht. Leetha öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch sie bekam keinen Ton heraus. Stattdessen blickte sie abermals zur Bahre, die gerade in den Leichenwagen geschoben wurde.

„Hey, was ist los? Kanntest du die Frau etwa?“, fragte Anja und durchbohrte sie mit ihren dunkelbraunen Augen.

„N-nein.“

„Aber wieso bist du dann so geschockt?“

„Mensch, Anja, sie hat eine Leiche gesehen. Wen schockt das nicht?“, warf Miaka gereizt ein und bugsierte ihre Gruppe aus der Menschenmasse, die sich neugierig um den Krankenwagen scharrte und diesen somit beim Anfahren hinderte.

„Menschen sind doch einfach unmöglich“, murmelte Sey traurig und wandte sich dann ihren Freundinnen zu.

„Ich habe die Leiche auch gesehen und mir geht es trotzdem gut.“

„Meine Güte, Anja! Leetha stand viel näher dran als du und außerdem verkraftet das jeder anders“, fauchte Miaka nun sichtlich missgelaunt zurück.

„Schon gut, schon gut.“

„Alle mal herhören. Ich bitte um eure Aufmerksamkeit“, unterbrach eine laute Polizeistimme durch einen Lautsprecher die Unruhe der Masse, „Aufgrund der Untersuchungen ist die Schule vorübergehend geschlossen. Ich wiederhole: Aufgrund der Untersuchungen ist die gesamte Schule vorerst geschlossen.“

Anjas Miene erhellte sich schlagartig und sie klatschte begeister in ihre Hände.

„Schulfrei, wie geil ist das denn? Wollen wir dann nicht was zusammen machen?“

„Ernsthaft jetzt?“, Miaka starrte Anja entgeistert an und auch Sey schüttelte nur verneinend den Kopf. „Wie kannst du in Momenten wie diesen ans Amüsieren denken? Eine junge Frau wurde hier ermordet!“

Anja schnaufte genervt auf und gab Miaka einen Schubs.

„Jetzt habt euch nicht so! Kannte denn jemand von euch die Tote? Ich jedenfalls nicht.“

„Schon gut, mach was du möchtest. Ich komme jedenfalls nicht mit.“

„Ich auch nicht, sorry“, stimmte Sey ihrer besten Freundin zu. „Wir können ja heute Abend telefonieren, in Ordnung?“

Anja verzog mürrisch das Gesicht, doch bevor sie einen weiteren bissigen Kommentar von sich geben konnte, legte Leetha ihr die Hand auf den Mund und nickte den anderen beiden zu.

„Geht klar. Wir telefonieren heute Abend.“

„Okay, dann passt auf euch auf, ich gehe jetzt heim. Sey, magst du noch ein bisschen mitkommen? Bis dein Bus kommt, dauert es noch eine Weile.“

„Das ist lieb“, antwortete Sey und lächelte Miaka dankbar an, bevor sie sich den anderen noch einmal kurz zuwandte. „Bis dann. Passt auf euch auf.“

„Immer doch“, meinte Leetha und schaute ihnen hinterher, bis sie um die nächste Ecke verschwunden waren. Erst dann nahm sie ihre Hand von Anjas Mund.

„Na vielen Dank auch! Du hättest mich den beiden Trantüten ruhig meine Meinung blasen lassen können. Aber auch gut, wenn wir nur zu zweit sind, ist es sogar besser.“

„Besser?“

Leetha blinzelte irritiert ihre Freundin an. Die nickte bestätigend und über ihr Gesicht legte sich ein breites Grinsen.

„Logisch. So können wir beide in Ruhe schnacken. Meinst du, ich merke nicht, dass da mehr hinter deiner Reaktion steckt als bloß der Schrecken über eine x-beliebige Leiche? Ich bin deine beste Freundin! Natürlich merke ich sowas.“

Leetha lächelte schwach und zuckte leicht mit ihren Achseln. Alles was sie in diesem Augenblick wollte, war ihre Ruhe und ihr kuscheliges Bett.

„Okay, ich muss eh noch kurz in die Stadt und ich würde sagen, wir treffen uns um drei im Schwimmbad. Einverstanden? Dann kannst du dich in Ruhe zu Hause fertig machen und vielleicht noch etwas schlafen. Denn mit Verlaub, du siehst heute echt Kacke aus.“

„Ja, ja. Ich hab dich auch lieb.“

Sie verabschiedeten sich kurz und gingen dann ihre Wege. Zwar hatte Leetha nicht übermäßig auf das spätere Treffen Lust, doch sie kannte Anja schon seit dem Kindergarten. Mit einem Nein würde sie sich nicht abspeisen lassen. Immerhin hatte sie genug Zeit, um sich noch einmal hinzulegen und Schlaf zu tanken.

„Oh Mist, Mist, Mist!“

Fluchend rannte Leetha in ihrem Zimmer umher und warf eilig zwei Handtücher in ihre Badetasche. Sie hatte den ersten Bus zurückgenommen und hatte sich daheim tatsächlich noch einmal schlafen gelegt mit dem Resultat, dass sie nun verschlafen hatte. Sie hätte sich den Wecker stellen sollen.

„Blöd, ich bin so blöd. Das packe ich niemals rechtzeitig!“

Ihr Blick wanderte hektisch zu der Uhr, deren Zeiger einfach nicht stehen bleiben wollten. Schnell ging sie gedanklich alle eingepackten Sachen durch, damit sie bloß nichts vergaß, dann riss sie den Reißverschluss ihrer Badetasche zu und eilte die Stufen im Flur hinunter. Mitten auf der Treppe blieb sie schlagartig stehen und lauschte den lauten Stimmen aus dem Wohnzimmer.

„Ich habe Nein gesagt und dabei bleibt es! Was ist denn nur in dich gefahren?“, polterte die wütende Stimme ihres Vaters durch die offene Tür und ließ Leetha zusammenfahren. Trotzdem konnte sie dem Drang nicht widerstehen, in den Raum zu spicken.

„Ich höre keine Antwort!“

„Es … es war nur so ein Gedanke“, antwortete ihr Bruder eingeschüchtert und starrte finster auf den Boden. Seine Schultern waren eingesunken und er wirkte unendlich erschöpft.

„Nur so ein Gedanke? Ist das alles? Deswegen das ganze Theater? Denkst du eigentlich nach, bevor du sprichst?“

„Richard, Schatz, bitte beruhige dich. Ich glaube, er hat es verstanden.“ Ihre Mutter trat vorsichtig zu ihrem aufgebrachten Mann und legte ihm besänftigend die Hand auf seinen Arm.

„Beruhigen? Wie soll ich mich denn da beruhigen? Junge, ist dir überhaupt klar, was du damit anrichtest? Leetha braucht es nicht zu erfahren. Du bringst alles durcheinander!“

„Was er damit sagen möchte ist, dass es doch gut ist, so wie es momentan ist, oder etwa nicht?“ Seine Mutter sah ihn auffordernd an und John seufzte resigniert auf, wandte den Blick jedoch nicht vom Boden ab.

„Doch, natürlich.“

Für einige Sekunden herrschte eine schwere Stille und Leetha traute sich kaum, zu atmen. Ihre Familie verharrte reglos an ihren Plätzen, bis ihr zorniger Vater fortfuhr: „Sehr überzeugt klingt das alles nicht!“

„Und wenn schon“, murmelte John deprimiert vor sich hin, worauf die Miene von seinem Vater sich sofort verhärtete. Richards Augen zogen sich zu zwei schmalen Schlitzen zusammen, die ihn erbost anfunkelten. Mit erhobener Faust ging er einen Schritt auf John zu, der missmutig am Platz stand und keinen Millimeter zurückwich. Leetha schluckte und starrte wie paralysiert auf die Szene. Zum Glück war ihre Mutter rechtzeitig zur Stelle. Schnell sprang sie an die Seite ihres Mannes und hob ihn fest.

„Richard, bitte. Das bringt doch nichts“, redete sie beschwichtigend auf ihn ein, und ihre Worte schienen Wirkung zu zeigen, denn ihr Mann ließ die Faust wieder sinken, auch wenn er seinen Finger drohend auf John richtete.

„Ich finde, du bist verdammt undankbar, junger Mann! Vielleicht solltest du dir vor Augen halten, warum es dir so gut geht und was du uns zu verdanken hast! Ich kann auch andere Seiten auspacken!“

Vor Schreck glitt Leetha die Badetasche aus der Hand und knallte laut auf den kalten Plattenboden auf. Für einen Moment blieb ihr Herz stehen, aber als ihre Familie aus dem Wohnzimmer eilte, fasste sie sich blitzschnell wieder.

„Ups, sorry. War keine Absicht. Ich bin mit Anja im Schwimmbad verabredet und mach mich auf den Weg. Habe total die Zeit verpeilt und bin viel zu spät.“

„Ja, dann … viel Spaß, Maus“, meinte ihre Mutter mit gespielter Fröhlichkeit und nickte ihr zu. Leethas Blick haftete an ihrem Bruder, der sie gebannt anstarrte. Seine Lippen formten sich zu einem leichten Lächeln, doch seine Augen sprachen das Gegenteil.

„Ich wünsche dir viel Spaß. Pass auf dich auf. Wir sehen uns später.“

Seine Stimme hatte einen mühevoll ruhigen Klang und sein Anblick versetzte ihr einen schmerzenden Stich ins Herz.

„Magst du nicht mitkommen?“, fragte sie zaghaft. Sie hatte das Gefühl ihn aus der Situation retten zu müssen. John schüttelte allerdings den Kopf.

„Das ist echt liebt, danke dir, aber lieber nicht.“

Leethas Blick wanderte zögernd zwischen ihren drei Familienmitgliedern hin und her. Die Luft um sie herum schien zu knistern, als wäre sie elektrisch geladen. Unsicher wiegte sie von einem Fuß auf den anderen.

„Ist bei euch alles okay? Ihr seid echt komisch.“

„Natürlich Liebes, alles in Ordnung. Wir müssen nur etwas Wichtiges mit deinem Bruder besprechen“, antwortete ihre Mutter und schenkte ihr eines ihrer geübtesten Lächeln.

„Betrifft es auch mich?“

„Nein, nur deinen Bruder. Sag mal, hast du nicht gesagt, du seist zu spät dran? Dann solltest du dich jetzt aber sputen.“

Leetha folgte dem Blick ihrer Mutter auf die Wanduhr und erschrak.

„Ach du Schande, das habe ich glatt vergessen! Wir sehen uns später!“

Fluchtartig verließ sie das Haus, schnappte sich ihr Fahrrad und strampelte, so schnell sie konnte. Sie hatte zwar der unangenehmen Situation entfliehen können, doch der Erinnerung an Johns traurigen und von Schmerz erfüllten Augen vermochte sie nicht zu entkommen.

Kapitel 3

Als sie endlich am Schwimmbad ankam, war sie ganze fünfzehn Minuten zu spät. Das würde eine große Standpauke von ihrer Freundin geben, da war sich Leetha sicher. Mit wenigen Handgriffen befestigte sie das Fahrradschloss und stürmte zum Eingang des kleinen Freibads, doch zu ihrer Überraschung war von ihrer Freundin weit und breit nichts zu sehen. Womöglich hatte sie selbst Verspätung. Leetha warf einen kurzen Blick auf ihr Handy, doch Anja hatte sich nicht gemeldet.

„Mmh, vielleicht ist sie bereis drinnen“, murmelte sie leise vor sich hin. Sie beschloss, schon einmal reinzugehen und dort auf ihre Freundin zu warten. Als sie jedoch an den Empfang trat, um ihre Karte zu kaufen, war der nicht besetzt. Ungeduldig sah sie sich um und erst jetzt fiel ihr auf, wie ungewöhnlich still es war. Die Sonne strahlte hell am Himmel und die dreißig Grad trieben einen geradezu ins kühle Wasser. Leetha runzelte die Stirn und ihre Augen glitten über den menschenleeren Rasen und danach über die Reklame und den Schildern vor dem Eingang. Von einem „Geschlossen“ Tafel war allerdings nichts zu sehen. Das Freibad musste geöffnet haben.

„Hallo? Ist da jemand? Ich würde gerne eine Tageskarte kaufen.“

Leetha wartete zwei Minuten, doch es erfolgte keine Antwort. Unentschlossen sah sie sich um, da jedoch niemand zu sehen war kletterte sie über die hüfthohe Absperrung und betrat das Gelände. Zielstrebig schlenderte sie über den trockenen Rasen zu ihrer Lieblingsecke. Das gesamte Freibad war wie ausgestorben. Es roch nach Chlor und blühenden Büschen und die warme Luft war erfüllt von dem Summen der Insekten. Trotzdem lief Leetha ein eiskalter Schauer über den Rücken. Hatte das Schwimmbad vielleicht doch geschlossen? Hatte sie das Hinweisschild übersehen? Allerdings waren die Becken mit Wasser gefüllt, doch wo befanden sich die Menschen, die im Sommer das Freibad besetzten wie Ritter eine Burg? Sollte sie sich nicht freuen, dass sie das gesamte Schwimmbad für sich hatte? Sonst war es meistens ein Kampf, überhaupt ein kleines, freies Fleckchen zu finden. Irgendwie wurde sie das unheimliche, kribbelnde Gefühl nicht los. Und wo steckte Anja bloß? Leetha seufzte und breitete ihre Handtücher auf dem Boden aus. Hätte sie das gewusst, dann hätte sie sich nicht dermaßen abhetzen müssen. Sie blickte sich noch einmal um, dann verschwand sie in eine der Umkleidekabinen und zog ihren Bikini an. Gerade als sie nach draußen kam erblickte sie Anja, die ihre Handtücher neben den ihren ausbreitete. Ein Gefühl der Erleichterung durchströmte sie – nun war sie nicht mehr allein und das Unheimliche war mit einem Mal verflogen. Freudig hüpfte sie auf ihre Freundin zu und sprang ihr ausgelassen auf den Rücken, sodass Anja umflog.

„Au, du Verrückte! Runter von mir. Ist das meine Strafe für’s Zuspätkommen?“, lachte Anja und kämpfte sich unter Leetha hervor wie ein Ringer.

„Ach was, ich bin einfach froh, dass du da bist.“

„Das hast du aber lieb gesagt.“

Leetha setzte sich hin und sah ihrer Freundin zu, wie sie gemächlich ihre Badesachen auspackte.

„Musst du dich noch umziehen?“

„Nein ich habe meinen Bikini unten drunter.“

„Mmh … sag mal Anja, fällt dir nicht etwas auf?“

Anja sah verwundert auf und überlegte ein paar Minuten, schüttelte dann jedoch ihren blonden Lockenkopf.

„Nein, wieso? Was denn?“

„Fällt dir denn wirklich gar nichts auf?“

„Nein, tut mir leid. Könntest du mich jetzt endlich mal aufklären?“

Leetha schaute Anja entgeistert an, doch die meinte es ernst.

„Es ist so gespenstisch still! Wir haben bombenmäßiges Wetter, müsste das Freibad nicht brechend voll um diese Uhrzeit sein?“

Anjas Augen weiteten sich und sie schien endlich begriffen zu haben. Schnell wirbelte sie herum, sodass ihre Locken wild hin und her wogen.

„Du hast recht … aber was soll’s! Umso besser für uns beide.“

Schwungvoll stand sie auf und streckte sich genüsslich. Leetha hingegen blieb sitzen und musterte sie von unten.

„Steh schon auf. Lass uns schwimmen gehen, bevor ich hier noch schmelze.“

Auffordernd streckte sie ihrer Freundin die Hand entgegen, die diese nach kurzem Überlegen ergriff.

„Stört dich das denn gar nicht? Findest du es nicht irgendwie … unheimlich?“

„Machst du Witze? Klar ist es außergewöhnlich, doch wo ist dein Optimismus? Wir haben das gesamte Freibad für uns und es ist astreines Wetter! Besser kann es doch gar nicht werden.“

„Na, wenn du meinst …“

„Natürlich meine ich und jetzt lass uns endlich ins Wasser springen, bevor es sich die Leute doch noch anders überlegen und das Freibad stürmen!“

Ohne eine Antwort abzuwarten, rannte Anja los.

Fassungslos starrten die Freundinnen auf das sieben Quadratmeter große runde Becken, in dem sich etliche Goldfische wie Farbkleckse tummelten.

„Was … was ist das denn?“

„Keine Ahnung, aber letzte Woche war das Becken noch nicht da“, antwortete Anja und konnte den Blick nicht abwenden.

„Wie schnell kann man denn ein neues Becken bauen? In einer Woche bestimmt nicht. Bist du sicher, dass du es nicht übersehen hast?“

„Ich bitte dich, wie sollte ich das denn übersehen haben?“

Anja deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die Fische, während Leetha leicht fröstelnd, trotz der Hitze, die Arme um ihren Körper schlang.

„Meinst du, die beißen?“

„Keine Ahnung.“ Anja zuckte mit den Schultern.

„Sowas kann doch nicht gesund sein. Wie kommt man nur auf eine derartige Idee? Ob das wirklich Absicht ist?“

„Also bitte, wie sollen die denn sonst reingekommen sein? Mit dem Wind wurden sie jedenfalls nicht hier her geweht.“

Anja schnalzte mit der Zunge und stieg dann entschlossen in das dubiose Wasserbecken.

„Was machst du denn da?“, rief Leetha entsetzt aus und tastete automatisch nach dem Arm ihrer Freundin. Die lachte und befreite sich aus dem Griff.

„Nach was sieht es denn aus? Wir sind in einem Freibad. Dies ist ein neues Wasserbecken, es ist irre heiß und ich möchte endlich ins Wasser.“

„Ja, aber da … da …“

„Jetzt mach dir nicht ins Hemd wegen ein paar winzigen Goldfischchen. Die sind doch süß.“

„Schon, im Aquarium, aber nicht im Schwimmbad!“

„Wie du meinst, ich probiere es jetzt aus.“

Mit einem entschiedenen Nicken ließ sich Anja ins Wasser gleiten und genoss das kühle Nass. Mit einem erfreuten Quieken setzte sie sich auf die Erhöhung am Rand, sodass sie bis zum Hals im Wasser saß. Ein Schwarm neugieriger Fische näherte sich ihr und umschwärmte sie vorsichtig. Fasziniert beobachtete Leetha die Szene und wartete auf eine Reaktion von Anja, die seelenruhig in dem Becken saß und die Fische um sich herum betrachtete. Als nach drei Minuten noch immer kein abwertender Ausruf von Anja gekommen war, fasste Leetha Mut und stieg achtsam neben ihre Freundin in das Becken.

„Na also, geht doch. Siehst du, dass ist gar nicht schlimm. Ich finde es sogar richtig cool“, sprach Anja ihr gut zu. Leetha nickte leicht, traute sich jedoch nicht, etwas zu sagen. Sie wollte die Zierfische nicht erschrecken – letztendlich bissen sie vielleicht doch.

Anja gab ihr noch ein paar Minuten, in denen sie einfach genüsslich die Augen schloss und die Situation sacken ließ. Leetha begann schließlich, sich an die kleinen Mitnutzer des Beckens zu gewöhnen, aber richtig Gefallen daran finden konnte sie nicht. Überhaupt kam ihr die ganze Situation so unwirklich vor, fast so, als würde sie träumen.

„Und, wie isses?“

„Ganz okay, denke ich.“

„Also, dann … was war denn heute Morgen mit dir los? Kanntest du die Frau?“

Leetha sah ihrer Freundin für einen Moment, irritiert über den plötzlichen Themawechsel, ins Gesicht. Dann musste sie leicht lächeln. Das war typisch Anja. Von einem Thema zum nächsten ohne Vorwarnung und Übergang.

„Nicht direkt …“

„Wie nicht direkt? Jetzt sprich schon Klartext mit mir bevor ich vor Neugier vergehe.“

Anja gab Leetha einen auffordernden Stoß in die Seite und verzog ihr Gesicht zu einer Grimasse. Ihre Freundin holte tief Luft und beschloss lieber gleich mit der Wahrheit herauszurücken, auch wenn die noch so verrückt klang.

„Ich habe von ihr geträumt.“

„Wie jetzt? Ist das dein Ernst?“

Anja schaute sie verdutzt an und es war offensichtlich, dass sie ihr nicht glaubte. Sie seufzte leise auf und fuhr dann einfach mit ihrer Erklärung fort.

„Ich habe schon längere Zeit Albträume und immer wieder sterben darin junge Frauen mit dem Namen Maria. Jedes Mal werden sie von einem unheimlichen Mann umgebracht und dieses Mal … sie ist wirklich tot!“

Für einen Moment herrschte eine seltsame Stille. Anja beobachtete ihre Freundin und wartete darauf, dass die lachte und zugab, sie zu veräppeln. Jedoch geschah dies nicht. Irritiert runzelte sie ihre Stirn.

„Träume können nicht wahr werden. Nicht in dieser Form.“

„Das dachte ich bisher auch, aber wie erklärst du dir das dann?“

„Bist du sicher, dass es dieselbe Frau wie aus deinem Traum war? Vielleicht bildest du dir das nur ein. Ich meine, es war ein Traum. Den vergisst man meistens, wenn man aufwacht. Du kannst dich bestimmt nicht mehr an alle Details erinnern.“

„Du meinst also, ich spinne?“

„Nein, nein, das habe ich nicht gesagt. Jetzt versteh das doch nicht gleich wieder falsch. Ich kann gut nachvollziehen, dass du geschockt bist und so.“

„Aber?“

„Was, aber?“

„Es hört sich so nach einem aber an.“

„Nein, kein aber.“

Sie schwiegen für einige Sekunden und es herrschte eine angespannte Stimmung. Leetha wusste nicht, ob Anja sie tatsächlich ernst nahm. Auch ein Seitenblick auf ihre Freundin half ihr nicht dabei, sie einzuschätzen.

„Und wie sah er aus? War er heiß?“

„Wie bitte?“

„Na der Mörder? Macht er was her?“

Leetha blickte entgeistert in Anjas grinsendes Gesicht. Wut stieg in ihr hoch wie Feuer in einem Heizkessel.

„Ich finde das nicht lustig! Wie kannst du darüber Scherze machen?“

„Oh Manno, jetzt komm mal wieder runter. Den Mist glaubst du doch selbst nicht, den du mir da gerade auftischst.“

Leethas Kinnladen klappte herunter und sie ballte ihre Hände zu Fäusten. Entschlossen stand sie auf und funkelte böse auf Anja herab.

„Manchmal bist du echt zum kotzen! Wenn du mir nicht glaubst ist das eine Sache, doch lustig brauchst du dich echt nicht über mich machen!“

„Ach du Schande. Bitte, dann sei halt sauer. Sag mir Bescheid, wenn du wieder normal tickst. Ist ja echt nicht auszuhalten! Ich wollt dir helfen, Mädel. Und du? Du zickst hier rum!“

Auch Anja richtete sich auf, gewillt das Becken nicht in derselben Richtung wie ihre Freundin verlassen, und watete stattdessen quer hindurch.

Wie konnte Leetha nur so verdammt verbohrt in etwas derart Dämliches sein? Wahrscheinlich handelte es sich nur um eine Masche, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Nun war das fehlgeschlagen und das machte sie wütend. Da war sich Anja sicher.

„Hätte ich gewusst, dass du heute nur rumspinnst, dann hätte ich meinen Nachmittag nicht für dich geopfert!“, rief sie nach hinten, ohne sich umzudrehen. Aufgebracht kämpfte sie sich weiter durch das Wasser. Viel zu lang erschien ihr der Weg, sie kam nicht schnell genug vorwärts. Was war das nur für ein beschissener Tag! Dabei hatte er so vielversprechend mit Schulfrei begonnen.

Etwas Glitschiges berührte ihren Arm. Wieder und wieder. Sie erschauerte. Diese dämlichen Fische! Genervt blieb sie kurz stehen und ließ ihren Blick nach unten gleiten, wo ein abgetrennter Fischkopf immer wieder gegen ihren Arm glitt, rote und dünne Fäden von seinem Körper durch das Wasser ziehend. Das weit aufgerissene Auge des Fisches starrte sie ausdruckslos an und ließ sie erstarren. Für einen flüchtigen Moment verstummte alles um sie herum und Übelkeit stieg in ihr hoch. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als wolle es ihr dabei helfen sich zu übergeben. Wie in Zeitlupe löste sich ihr Blick von dem abgetrennten Kadaver und glitt über das rötlich gefärbte Wasser. Kein einziger Goldfisch war mehr am Leben. Das Becken war übersät von zerrissenen Fischkadavern.

„Oh … oh mein Gott.“

Ihre Unterlippe zitterte und sie wollte nur noch aus dem Becken raus. Sie begann panisch mit ihren Armen zu rudern. Die Angst und der Ekel trieben ihr die Tränen in die Augen und ließen ihre Sicht verschwimmen. Sie hatte es fast geschafft, hatte den Beckenrand fast erreicht, als ein seltsames Geräusch sie aufhorchen ließ. Es klang wie ein Zischen – ein lauter werdendes Rauschen und es war direkt hinter ihr. Anja schnellte herum und entdeckte eine schemenhafte Gestalt unter dem blut- und kadaverbesudelten Wasser, die sich mit rasanter Geschwindigkeit auf sie zu bewegte.

„Nein!“

Ihr eigener Schrei hallte in ihren Ohren wider und voller Furcht kämpfte sie sich auf den rettenden Rand zu, der durch ihren Tränenschleier mit dem Rasen zu einem grotesken Gemälde verschwommen war. Sie streckte ihre Hand verzweifelt nach dem Beckenrand aus, kam ihm immer näher, sodass sie nur noch wenige Zentimeter von ihm trennten. Ihre Fingerspitzen berührten den erwärmten Beton, als etwas ihre Beine ergriff und sie mit einem festen Ruck nach hinten in Beckenmitte zog. Anja sah für den Bruchteil einer Sekunde, dass Leetha am Beckenrand kniete und ihr etwas zurief, doch bevor die Worte ihrer Freundin sie erreichten, wurde sie brutal unter Wasser gezogen. Danach vernahm sie nichts mehr.

Kapitel 4

Ein stechender Schmerz durchfuhr ihren Körper und Anja riss die Augen auf. Ihr Kopf wirbelte herum und an sich herunter zu ihrer Hand. Sie war wie gelähmt, als sie in das Gesicht eines kleinen Mädchens sah. Unschuldig wie ein Engel, wären da nicht diese tiefschwarzen Augen, die sie mordlustig anblitzten. Das Kind hielt ihr Handgelenk eisern mit einer übermenschlichen Kraft umklammert. Anja merkte, dass ihr die Luft ausging. Nicht mehr lange und sie würde ersticken. Verzweifelt begann sie auf das Mädchen einzutreten und mit der freien Hand auszuholen, doch das Biest grinste hämisch und wich ihren Angriffen verdammt schnell aus. Im Gegensatz zu Anja schien das Mädchen einen höllischen Spaß zu haben. Es war ihr Spiel und Anja war ihr Spielzeug, ihre Beute, die es galt zu erledigen. Für einen flüchtigen Moment flammte in der Jugendlichen das Bild von einer Katze und einer in der Falle steckenden Maus auf – und sie war die Maus.

Das kleine Monster krallte sich fest in Anjas Arm, schielte boshaft zu ihr hoch und biss dann fest in ihr Fleisch. Ein gurgelnder Schrei entrann ihrer Kehle und sie zog reflexmäßig und mit letzter Kraft ihr Knie nach oben, direkt in den Bauch des Kindes, das sie daraufhin überwältigt losließ. Sofort schoss Anja nach oben und schnappte gierig nach Luft, doch nur für eine kurze Zeit, dann wurde sie wieder gewaltvoll unter das dreckige Wasser gezogen. Sie schlug ihre Augen sofort auf und konnte gerade noch rechtzeitig der Klinge ausweichen, die zielstrebig auf sie zuschoss. Sie blickte in das enttäuschte und frustrierte Gesicht des Mädchens. Wie konnte das kleine Monster nur so viel Kraft aufbringen? Verzweifelt trat und schlug Anja nach dem unheimlichen Kind aus, doch sie traf das Mädchen nicht mehr richtig. Allmählich spürte Anja, wie die Kraft aus ihrem Körper wich und sie zu erschlaffen drohte. Unsichtbare Tränen vereinten sich mit dem blutverseuchten Wasser und ihr Herz raste in ihrem Brustkorb wie ein wildes Tier. Brennende Schmerzen durchfuhren ihren entkräfteten Körper. Ihre ehrgeizige Widersacherin schielte sie mit einem freudigen, bösen Grinsen von unten an und genoss jede ihrer gequälten Gesichtszüge, als Triumph während sie ihr Messer über die Haut ihres Opfers gleiten ließ. Ein letztes Gurgeln entrann ihrer Kehle und Anja wusste, dass sie den Kampf verloren hatte. Sie schaute zur Wasseroberfläche und streckte ihre Hand aus, doch sie konnte den Himmel nicht sehen. Alles was sie sah, war ein Strudel von Ringelreigen tanzenden Fischkadavern in einem dreckig roten Sud.

Mit weit aufgerissenen Augen kniete Leetha am Beckenrand und wartete darauf, dass ihre Freundin wieder auftauchte. Sie hatte einen Schatten unter Wasser gesehen, der auf Anja zugeschossen kam, bevor diese gewaltvoll hinunter gezogen worden war. Erst dann waren ihr die toten Fische und das viele Blut aufgefallen.

Sie war vor Angst gelähmt und zitterte am gesamten Körper. Innerlich betete sie darum, dass ihre Freundin auftauchte. Angestrengt starrte sie auf das Becken und schluckte. Irgendetwas ging unter Wasser vor, denn die toten Fische wirbelten aufgebracht an der Oberfläche wie Soldaten auf einem Schlachtfeld.

„Bitte, bitte, mach schon“, flüsterte Leetha aufgelöst vor sich hin und spürte, wie ihre Augen zu brennen begannen. Genau in diesem Moment schoss Anja nach oben und schnappte panisch nach Luft. Leetha wollte erleichtert aufstehen, als ihre Freundin auch schon wieder von einer unsichtbaren Macht unter Wasser gezogen wurde. Voller Entsetzen saß sie da und starrte wie gebannt auf die Stelle, wo eben noch ihre Freundin zu sehen gewesen war.

„Anja?“

Sie wusste, dass ihre Frage nicht beantwortet werden würde, doch ihr Verstand schien in den Stand-by Modus zu wechseln, ohne dass sie es verhindern konnte.

„Anja, komm zurück! Lass mich nicht allein!“

Leetha spürte, wie ihr die Tränen über die Wangen liefen und das mit Kadavern gefüllte Becken verzerrte sich zu einem grotesken Bild. Schluchzend fing sie an, mit geballten Fäusten auf den Boden zu schlagen.

„Komm zurück, bitte!“

Ein bohrender Schmerz durchfuhr ihre rechte Faust. Wie hypnotisiert starrte sie für einige Sekunden auf einen fast faustgroßen und spitzen Stein, dann nahm sie ihn mechanisch in die Hand, rappelte sich auf ihre wackeligen Beine und sprang entschlossen in das runde Todesbecken.

„Bist du sicher, dass es ne gute Idee war, doch herzukommen?“

Missmutig blickte Sey zum Eingang des Freibades und ihre Schritte wurden immer langsamer. Ihre Freundin jedoch schlenderte entschlossen darauf zu.

„Wahrscheinlich ist es besser. Wenn wir nicht kommen würden, hätte Anja bloß wieder einen Grund mehr, um zu lästern.“

Sey seufzte leise auf und nickte kaum merklich.

„Wahrscheinlich hast du recht, aber … findest du Anja nicht auch furchtbar anstrengend?“

Überrascht blieb Miaka stehen und sah Sey an, die daraufhin beschämt auf den Boden starrte. Allerdings wusste sie, was ihre Freundin meinte.

„Ja, ich weiß. Manchmal kann sie schon nerven. Doch jeder von uns hat so seine Macken, manche mehr und manche weniger.“

Miaka zwinkerte Sey zu und entrang ihr ein kurzes Lächeln. Gut gelaunt und bereit für die Konfrontation und Sticheleien von Anja hakte sie sich bei ihrer Freundin ein.

„So schlimm wird es schon nicht werden. Du wirst sehen. Gib ihr am Anfang ihre Genugtuung und lass sie etwas pampen, dann kriegt sie sich auch wieder ein.“

„Das hoffe ich“, meinte Sey unsicher und folgte Miaka zum Empfang, der jedoch nicht besetzt war.

Irritiert blieben die beiden stehen und schauten sich suchend um.

„Miaka, findest du es nicht auch unheimlich still hier?“

„Ja … sieh mal, es ist überhaupt niemand im Schwimmbad.“

„Meinst du, es ist überhaupt geöffnet?“

„Ich habe keine Ahnung. Am besten ich klingel mal bei Leetha auf dem Handy durch.“

Mit flinken Fingern fischte die 18-Jährige ihr Mobiltelefon aus der Handtasche und wählte Leethas Nummer.

„Sie geht nicht ran …“

„Was jetzt? Sollen wir wieder gehen?“

Unschlüssig wanderten Miakas Augen über den leeren Rasen des Freibades. Gerade als sie sich abwenden wollte, fielen ihr die entfernt ausgebreiteten Handtücher auf, die wie zwei bunte Inseln auf dem grünen Rasen hervorragten.

„Warte. Schau mal da hinten. Das könnten die Handtücher von Anja und Leetha sein.“

„Mmh, ja. Du hast recht.“

„Lass uns mal nachsehen.“

„Und das Geld für den Eintritt?“, fragte Sey leise, doch Miaka winkte ab.

„Es ist niemand da. Falls trotzdem jemand kommt, können wir es später zahlen und falls nicht, dann ist es dieses Mal eben kostenlos.“

Mit großen Schritten eilte Miaka voraus, dicht gefolgt von Sey. Besorgt sahen sie sich um, doch sie konnten keine Menschenseele entdecken. Ein ungutes Gefühl breitete sich rasant in ihnen aus wie hungrige Parasiten. Sey wollte nach Leetha rufen, aber ein dicker Kloß im Hals machte ihr den Versuch unmöglich.

„Was geht hier vor sich? Irgendetwas stimmt hier nicht!“, wisperte Miaka gedankenverloren vor sich hin und krallte ihre zitternden Händen in den dünnen Stoff ihres T-Shirts. Sie spürte, wie die Furcht in ihr aufstieg und von ihr Besitz zu ergreifen drohte. Plötzlich blieb Sey stehen und ihre Finger bohrten sich in Miakas Arm, sodass diese zusammenzuckte.

„Da vorne! Das ist Leetha!“

Miakas Kopf schnellte in die Richtung, in die Sey mit ausgestrecktem Arm zeigte und ein Schauer lief ihr über den Rücken.

„Was macht sie da? Wieso sitzt sie auf dem Boden?“

„Irgendetwas stimmt nicht. Wir sollten …“

In dem Moment stand Leetha ruckartig auf, als wäre sie eine leblose Holzpuppe, die man an Fäden auf die klapprigen Beine gezogen hätte und sprang kerzengerade in ein rundes Becken, das Miaka und Sey noch nie zuvor gesehen hatten. Entsetzt starrten sich die Freundinnen an, dann rannten sie im stummen Einverständnis darauf zu.

Leethas Augen brannten und das einzige, das sie in den ersten Sekunden erkennen konnte, waren die vielen kleinen und bunten Fischkadaver, die wild durcheinanderwirbelten. Ihr wurde übel, doch sie kämpfte dagegen an und suchte krampfhaft nach ihrer Freundin, die sie dann auch fand. Fast leblos schwebte die im Wasser, übersät von unzähligen Schnittwunden. Leethas Augen weiteten sich geschockt. Dann sah sie etwas, dass ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ein kleines Mädchen, gleich eines heimtückischen Dämons, schwamm neben Anja her, in der Hand ein Messer. Als sie Leetha erblickte, wurde ihr böses Grinsen noch breiter und ihre Augen funkelten herausfordernd. Unschlüssig verharrte Leetha am Fleck, war von dem grauenvollen Anblick wie gebannt. Dann winkte das kleine Biest mit einer lässigen, jedoch bestimmten Handbewegung ihr nächstes Opfer zu sich heran. Obwohl es nicht sein konnte, glaubte Leetha ein bösartiges Kichern zu hören. Sie hatte Angst und zitterte am ganzen Körper, aber ein Blick auf ihre hilflose Freundin genügte, um ihre Entscheidung zu treffen. Sie umschloss den spitzen Stein noch fester mit ihrer Faust, dann schwamm sie so schnell sie konnte auf das Monster zu, bereit zum Kampf.

„Scheiße! Was zum Teufel geht hier vor?“

Sey wusste keine Antwort auf Miakas Fluchen. Fassungslos und von Entsetzen geflutet stand sie vor dem runden, ihr unbekannten Becken und kämpfte gegen den aufkommenden Würgereiz an.

„Wir müssen etwas unternehmen! Sey, hörst du mir zu?“

Eine schallende Ohrfeige riss Sey aus ihrer Starre und verdattert blickte sie Miaka an, deren Gesicht von Panik gezeichnet war. Das zierliche Mädchen brachte keine Antwort über die Lippen. Deswegen nickte sie nur leicht und kaum merklich.

„Hast du dein Handy? Sey, antworte!“

Abermals nickte die Angesprochene und Miaka fuhr gehetzt fort.

„Okay, ruf sofort die Polizei an!“

Mit dieser Instruktion drehte sich Miaka auf der Stelle um und sprang ohne weiter nachzudenken, in das Wasser, das wie das Tor zur Hölle auf sie zu warten schien. Ihr einziger Gedanke galt ihrer Freundin, die in dem Becken verschwunden war.

Das Wasser umfing sie eiskalt und sie unterdrückte einen Schrei, als ein dumpfer Schmerz ihren Köper durchfuhr. Sie riss schnell ihre Augen auf und sah nach unten, um festzustellen, worauf sie bei ihrem Sprung gelandet war. Ein kleines Kind mit kurzen blonden Haaren funkelte sie böse an. Miaka hegte kein Zweifel daran, dass sie das Mädchen bei etwas gestört hatte. Irgendetwas stimmte hier nicht. Ein eiskalter Schauer fuhr ihr über den Rücken. Hektisch suchte sie nach ihrer Freundin, die in einem Meter Entfernung Anja umklammerte und mit nach oben zog. Als Miaka nochmals nach unten blickte, war das unheimliche Mädchen plötzlich verschwunden. Sie wirbelte eilig herum, konnte das Kind jedoch nirgends mehr entdecken und folgte schließlich Leetha nach oben an die frische Luft. Sey half ihnen aus dem Wasser, doch Anja rührte sich nicht.

„Ist … ist sie tot?“, fragte Sey und schien kleiner zu werden.

„Hast du die Polizei gerufen?“, hakte Miaka nach und begann gleichzeitig, Anja auf den Rücken zu rollen.

„Ja und ich habe einen Krankenwagen angefordert …“

„Gut.“

„Was machst du da?“, fragte Leetha am ganzen Körper zitternd und Tränen liefen ihr über die Wangen.

„Ich probiere es mit Mund zu Mund Beatmung und Herzdruckmassage.“

Leetha nickte und hoffte, dass die Erste-Hilfe-Kenntnisse ihrer Freundin ausreichen würden. Schon nach wenigen Sekunden begann Anja zu husten und Wasser auszuspucken und nur zehn Minuten später kam die Polizei mit einem Rettungswagen. Das Becken war allerdings mitsamt dem unheimlichen Mädchen verschwunden, so als wäre nichts davon je da gewesen. Was blieb, waren Anjas Wunden und das ungute, nagende Gefühl der Freundinnen, beobachtet zu werden.

Kapitel II – Das Haus im Wald

Während ich glaubte,

ich würde lernen,

wie man leben soll,

habe ich gelernt zu sterben.

Kapitel 1

Gelangweilt sah Leetha zur Decke und runzelte nachdenklich die Stirn. Seit dem Vorfall im Freibad war eine Woche vergangen und noch immer konnte sie kaum fassen, was passiert war. Sie fand einfach keine logische Erklärung für die Ereignisse. Die Polizei hatte ihnen nicht geglaubt, was Leetha ihnen nicht einmal verübeln konnte. Immerhin war das Becken spurlos verschwunden und von dem unheimlichen Mädchen fehlte jede Spur. Welcher normale Mensch hätte ihnen also glauben sollen? Leetha verstand es ja selbst kaum. Stattdessen hatten sie sich alle einem Drogentest unterziehen müssen, bis auf Anja. Die war sofort ins Krankenhaus gebracht worden, sollte jedoch diese Woche wieder entlassen werden. Natürlich war der Drogentest negativ ausgefallen. Seltsamerweise hatte Leetha keinen Ärger von ihren Eltern bekommen. Dabei hatte sie schon damit gerechnet. Allerdings war das Verhältnis ihren Erziehungsberechtigten zu ihrem Bruder vollkommen anders … kühl, als hätte jemand im Winter die Heizung ausgeschaltet. Immer wieder ging ihr das emotionsgeladene Gespräch ihrer Eltern mit John durch den Kopf, doch so viel sie auch darüber nachdachte, sie kam einfach nicht dahinter. Und John selbst schwieg wie ein Grab. Sollte sie ihn darauf ansprechen? War das klug?

Leetha seufzte laut auf und fuhr sich mit den Händen über das Gesicht, um die lästigen Gedanken zu vertreiben. Die unendliche Grübelei brachte sie nicht weiter. Ihr Blick glitt über ihren belagerten Schreibtisch, doch auf Hausaufgaben hatte sie ganz und gar keine Lust. Seit zwei Tagen war die Schule wieder geöffnet und kaum noch einer redete über die Leiche der jungen Frau. Das Leben ging einfach weiter, aber Leetha konnte es nicht ohne Weiteres vergessen. Schwungvoll stand sie auf und ging hinunter in die Küche, wo John sich gerade einen Smoothie zubereitete. Er sah kurz auf und lächelte ihr zu. Ein müdes und irgendwie trauriges Lächeln, auch wenn er die Gefühle vor ihr zu verbergen versuchte.

„Hey, na wie geht’s? Möchtest du auch einen?“

John deutete einladend auf seinen Früchtecocktail, doch Leetha schüttelte den Kopf.

„Nein, danke. Sag mal, wie geht es dir?“

Überrascht blickte er sie an und fuhr sich mit der Hand durch sein hellbraunes Haar.

„Gut, es geht mir gut. Wieso frägst du?“

„Du siehst nicht danach aus, als ob es dir gutgehen würde.“

„Oh, das ist nicht gerade ein Kompliment“, entgegnete John und lachte unsicher.

„John, bitte, ich meine es ernst. Seit einer Woche bist du nicht gut drauf und ich mache mir Sorgen um dich.“

„Das ist mir nicht aufgefallen. Mach dir keine Gedanken.“