Marija - Janez Leskovec - E-Book

Marija E-Book

Janez Leskovec

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Beschreibung

Slowenien zu Beginn des 20. Jahrhunderts: In einem bäuerlichen Milieu, in der Obhut einer kaltherzigen Stiefmutter und eines abweisenden Vaters aufgewachsen, macht sich die junge Marija auf in ihr eigenes Leben. Vor dem Hintergrund des Ersten und Zweiten Weltkrieges erzählt der Roman die Geschichte eines entbehrungsreichen Lebens: Als Mutter eines unehelichen Kindes findet sich Marija plötzlich am Rand der Gesellschaft wieder und ist gezwungen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Als sie ihren zukünftigen Ehemann kennenlernt, hofft sie, dass sich ihr Leben zum Guten wendet, doch das Schicksal schreibt eine andere Geschichte: Sie schenkt weiteren 12 Kindern das Leben, und das in einer Zeit, in der die großen historischen Ereignisse wie der Zweite Weltkrieg und der gleichzeitig verlaufende Bürgerkrieg im damaligen Jugoslawien auch das ländliche Milieu nicht verschonten. Der Roman lässt die kleinen Leute einer vergangenen Zeit wieder aufleben: die Häusler, die tagtäglich um ihr Überleben kämpfen, die jungen Männer, die ihr Leben einem fremden Machthaber opfern müssen und die Frauen, die in Armut und Einsamkeit ihre Familien ernähren müssen, da Krieg und Arbeit ihre Männer immer wieder dazu zwangen, ihre Familien zu verlassen. Marija ist aber auch ein Roman über Werte, die heute vergessen scheinen: ein Roman über Solidarität, Nächstenliebe, Treue, Gottvertrauen und den Rhythmus der Natur, der das Leben der Menschen mitbestimmte und ihnen immer wieder Trost und Zuflucht bot.

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EPUB
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Seitenzahl: 511

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Janez Leskovec

Marija

Eine Lebensgeschichte aus Slowenien

© 2019 Janez Leskovec

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-7497-6561-4

Hardcover:

978-3-7497-6562-1

e-Book:

978-3-7497-6563-8

Bildnachweis: Die Fotografien stammen aus dem Privatarchiv des Autors.

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Das Tal am Rande eines dunklen Waldes lag an diesem spätsommerlichen Nachmittag schon im Schatten. Die warmen Sonnenstrahlen erreichten den Bauernhof, der sich unweit des Waldes befand, schon nicht mehr. Nur der steile Hügel östlich des Hofes lag immer noch ganz im Sonnenlicht. Vom Bauernhof aus führte ein steiler Weg in Serpentinen den Hügel hinauf. Oben angekommen, bot sich dem Wanderer ein schöner Ausblick über die hügelige Landschaft; bei klarem Wetter sah man sogar bis hin zu den Steiner Alpen.

Als Marija aus dem Haus trat, wanderte ihr Blick zum Hügel hin, der ihr diesmal beinahe unüberwindbar erschien. Schon öfter in ihrem jungen Leben war sie diesen steilen Weg gegangen, heute aber fühlte sie tief in ihrem Herzen einen bisher unbekannten Schmerz. Lange schon hatte sie darüber nachgedacht, wie sie sich wohl an dem Tag fühlen würde, an dem sie ihr Elternhaus für immer verlassen würde. Manchmal hatte sie sich sogar schon ein wenig darauf gefreut, dass der Tag, an dem für sie alles anders werden würde, nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. Heute war es nun endlich soweit. Sie nahm ihr Bündel mit ihren wenigen Habseligkeiten und verließ ihr Elternhaus. Als sie aus dem Schatten des Hofes auf den steilen Weg trat, verlangsamte sie ihren Schritt. Sie wusste nur zu gut, dass sie am Anfang kleinere Schritte machen musste, sonst wäre sie gegen Ende des Weges völlig außer Atem. Schritt für Schritt näherte sie sich dem höchsten Punkt. Mehrmals verspürte sie den Wunsch, noch einmal zurück zum Elternhaus zu blicken, doch sie unterdrückte ihr Verlangen. „Wenn ich oben auf der Anhöhe bin, mache ich eine kleine Pause und nehme Abschied von allem, was ich da unten zurückgelassen habe.“

Oben angekommen, setzte sie sich in den Schatten einer dicken Eiche. Sie legte die Hand auf das neben sich liegende Bündel, als wollte sie sagen: „So mein Freund! Von nun an bist du mein einziger Begleiter.“ Ihr Blick wandte sich zurück zum Tal. Obwohl die Schatten dort unten schon länger wurden, waren die Gebäude noch gut zu erkennen: Das Haus, die Stallungen, die Scheune, sogar die Hundehütte ihres Freundes Sultan. Jetzt, hier oben unter der Eiche, erschienen ihr die Erinnerungen an ihr Dasein dort unten auf einmal ganz anders. Aus dieser Entfernung fiel es ihr leichter, ihre Gedanken ein wenig zu ordnen. Doch auch hier konnte sie nicht so richtig begreifen, warum das Schicksal in ihrem Elternhaus mit ihr so ungnädig umgegangen war. Soweit sie zurückdenken konnte, hatte sie in diesem Haus dort unten nie Liebe und nur wenig Wärme erfahren. Schon als kleines Kind musste sie oft mit Bitterkeit erleben, dass die Frau, die sie für ihre Mutter gehalten hatte, nicht ihre Mutter sein konnte. Warum sonst war sie wohl immer so grob zu ihr? Ihren kleinen Bruder dagegen trug sie immer mit sich herum und spielte zärtlich mit ihm. Das schmerzte Marija in ihrem tiefsten Inneren und machte sie sehr traurig. Oft ging sie dann in den Obstgarten zu „ihrem“ Baum, setzte sich darunter und weinte bitterlich. Als ihr dann nach einer Weile wieder leichter ums Herz wurde und der Schmerz nachließ, ging sie zurück ins Haus. Die kleine Marija versuchte ihr Dasein so gut wie möglich zu ertragen. Mal fühlte sie sich recht gut, war fröhlich und vergnügt, dann wieder war sie traurig und fühlte sich einsam. Wenn sie sich wieder einmal unsanft von ihrer Mutter behandelt fühlte, ging sie zu „ihrem“ Baum und wartete auf die Tränen, die ihr den Schmerz erleichtern würden.

Als sie eines Tages wieder so da kauerte und weinte, spürte sie plötzlich eine Hand auf ihrer Schulter. Sie erschrak und wollte aufstehen, doch die Hand der Kleinmagd, die noch nicht so lange auf dem Hof diente, drückte sie sanft nieder. Sie hatte die kleine Marija in den Garten laufen sehen und wollte nach ihr schauen. Auch sie hatte schon gemerkt, dass Marija von ihrer Mutter nicht gut behandelt wurde. Sie wusste aber auch, dass Marijas richtige Mutter drei Tage nach ihrer Geburt gestorben war. Die Magd setzte sich neben Marija und wartete, bis sie sich ein wenig beruhigt hatte. Das Mädchen tat ihr leid und sie wollte ihm helfen. Marija wischte sich die Tränen mit dem Ärmel ihres Kleides ab und schaute die Magd erstaunt an. Die Röte in ihrem Gesicht verriet, dass sie sich schämte. Sie schaute auf den Boden und wartete darauf, dass die Magd sie fragen würde, warum sie denn hier sitze und weine. Nach einer Weile dann legte die Magd den Arm um sie, drückte sie an sich und redete leise auf sie ein: „Ich hab´ dich schon oft hier sitzen sehen, aber ich wusste nicht, dass du so traurig bist und dass du weinst! Was hast du denn? Kann ich dir helfen? Komm, sag´s mir!“ Mit verweinten Augen schaute Marija die Magd an, doch ihr Schluchzen ließ sie nicht zu Wort kommen. „Hat deine Mutter wieder mit dir geschimpft? Bist du darum hierhergekommen und wolltest alleine sein?“, fragte die Magd weiter. „Jaa“, schluchzte Marija, doch mehr brachte sie nicht über die Lippen. Das Schluchzen wurde wieder stärker. Sie rang mit dem Schmerz, der in ihrer Brust steckte. Geduldig wartete die Magd, bis sich das Mädchen ein wenig beruhigt hatte. Sie wollte sie nicht unnötig quälen. Nach einer Weile seufzte Marija aus voller Brust und schaute die Magd vertrauensvoll an. Die Magd nahm die kleine Hand des Mädchens in ihre Hände. Sie wusste nicht recht, wie sie mit dem Gespräch anfangen sollte, denn sie wollte die kleine Marija nicht zu sehr erschrecken. Marija schaute sie fragend an, als wollte sie sagen: „Was willst du hier bei mir?“ Nach einer Weile fing die Magd dann doch an: „Du tust mir sehr leid, Marija. Ich weiß gar nicht, ob dir schon jemand in der Familie die Wahrheit über deine richtige Mutter gesagt hat. Wahrscheinlich nicht.“ Sie schaute Marija an, um zu sehen, wie sie auf ihre Worte reagieren würde. Marija schaute sie ängstlich an und fragte: „Was ist denn mit meiner Mutter? Wo ist sie? Wieso kommt sie nicht zu mir? Warum lässt sie mich hier alleine?“ „Weißt du, Marija“, fuhr die Magd vorsichtig fort, „deine richtige Mutter ist ein paar Tage nach deiner Geburt gestorben. Sie war sehr krank.“ „Ja, aber, …. ist die Mutter, die ich jetzt habe, dann gar nicht meine richtige Mutter?“, fragte Marija vollkommen verwundert. „Nein, Marija! Sie ist deine Stiefmutter. Und sie kam erst nach dem Tod deiner Mutter ins Haus!“ Marija schaute durch die Baumkrone in die vorbeiziehenden Wolken. Sie war ganz ruhig und versuchte die Worte, die sie soeben von der Magd gehört hatte, zu verstehen. Nach einer Weile fragte sie: „Ist meine Mutter dann da oben im Himmel? Kann sie deswegen nicht zu mir kommen?“ „Ja, Marija! Sie ist ganz bestimmt da oben im Himmel und schaut auf uns herunter. Hoffentlich bist du mir nicht böse, weil ich dir das erzählt habe. Aber ich finde, du musstest einmal die Wahrheit erfahren. Vielleicht wirst du jetzt besser verstehen, warum deine Stiefmutter nicht immer freundlich zu dir ist. Das ist wirklich nicht schön von ihr. Aber so ist´s nun mal!“ Marija bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und weinte bitterlich. Sie zog ihre Knie ganz fest an sich und legte die Hände mit dem Gesicht darauf. Die Wahrheit, die sie soeben erfahren hatte, war so schmerzlich, dass ihr schmaler Körper zitterte und ihr Weinen war herzzerreißend. Die Magd machte sich jetzt Vorwürfe, weil sie ihren Mund nicht hatte halten können. „Aber einmal musste sie es doch erfahren“, sagte sie zu sich selbst. Behutsam stand sie auf und ging. Bevor sie hinter dem Haus verschwand, schaute sie noch einmal zurück. Noch immer kauerte Marija unter dem Baum.

Die Abenddämmerung legte sich schon über das Tal, als Marija ins Haus kam. Sie wollte nichts essen und suchte gleich ihre Kammer auf. Dort legte sie sich ins Bett, sprach noch ihr Abendgebet und versuchte einzuschlafen. Dabei versuchte sie inniglich, sich das Gesicht ihrer Mutter vorzustellen, aber es wollte ihr nicht gelingen. Sie wurde immer trauriger und ohne das Bild der Mutter in ihren Gedanken gefunden zu haben, schlief sie schließlich ein.

Das Leben auf dem Hof nahm ohne größere Veränderungen seinen Lauf. Die tägliche Arbeit musste verrichtet werden und so hatte jeder genug zu tun. Unter den Bediensteten sprach es sich bald herum, dass die kleine Marija jetzt wusste, dass sie ohne ihre richtige Mutter aufwachsen musste, und alle fanden es auch richtig so. „Das Mädel geht ja schon bald in die Schule und jetzt ist es wirklich an der Zeit, dass es erfährt, was mit ihrer Mutter geschehen ist“, hieß es. Wenn Marija nun wieder einmal von ihrer Stiefmutter angeschrien wurde oder sogar Schläge bekam, dachte sie nur: „Ich bin ja nicht dein Kind … darum bist du so zu mir … darum muss ich das alles aushalten.“ Manchmal durfte Marija mit ihrem kleinen Halbbruder spielen. Sie hatte ihn gern und war stolz, wenn sie mit ihm auf dem Hof spazieren gehen durfte. Wenn er dann hin und wieder mal weinte, schaute die Stiefmutter natürlich grimmig drein und wieder bekam Marija nichts Schönes zu hören.

Nun war die Zeit gekommen, dass Marija in die Schule gehen musste. Sie hatte sich schon lange darauf gefreut. Aber leider war die Schule im Dorf, das eine gute Stunde zu Fuß vom Hof entfernt war. Marija machte aber der Weg dorthin nicht viel aus. Sie freute sich jeden Tag aufs Neue, dass sie dort in der Schule auch andere Kinder traf, die sie bisher noch nicht gekannt hatte. Nur wenige der Kinder wussten, wo Marija zu Hause war. Sie wussten aber, wie weit Marija jeden Tag gehen musste, um in die Schule zu kommen. Aber so war es in diesen Zeiten. Bei Wind und Wetter mussten die Kinder mit dem Schulweg fertig werden, andere Möglichkeiten gab es nicht. Ganz schwierig wurde es im Winter, wenn viel Schnee lag. Viele Kinder blieben dann zu Hause. Auch Marija konnte dann oft nicht zur Schule gehen. Dann war sie sehr traurig. Zu Hause musste sie dann alle möglichen Arbeiten tun, die ihr keine Freude bereiteten. Auch im Frühling und Sommer durfte sie die Schule sehr oft nicht besuchen, weil sie bei der Arbeit auf dem Bauernhof helfen musste. Bei der Heu- und Getreideernte wurde auf dem Hof jede Hand gebraucht. Marija war sehr traurig deswegen. Sie wusste jedoch, dass sie sich weder beim Bauern noch bei seiner Frau beschweren konnte, denn die Arbeit ging vor und die Schule konnte ihrer Meinung nach warten.

Im Spätsommer kam es häufig vor, dass sie die Kühe auf die Weide treiben musste, weil der Hirte, der schon groß und kräftig war, dem Bauern und dem Knecht im Wald aushelfen musste, wo das Brennholz für den Winter geschlagen wurde. Das brachte Marija oft zum Weinen. Das Alleinsein und die Sorge um die Kühe und Kälber waren für ein zehnjähriges Mädchen einfach zu hart. Sie sehnte sich nach der Schule und den Kindern, die dort sein durften. „Wenn meine Mutter da wäre, dürfte ich bestimmt jeden Tag in die Schule gehen und könnte viel lernen. Aber so versäume ich so viel davon, was die anderen Kinder lernen!“, dachte sie dann traurig. Sie war sehr unglücklich wegen alledem. Auch weil sie sich ihre Zukunft so gar nicht vorstellen konnte. Keiner sprach jemals mit ihr darüber. Es tat ihr weh, dass sie hier auf dem Hof nur arbeiten musste – wie eine Magd, obwohl sie doch hier zu Hause war. Aber sie wusste, dass sich hier für sie nichts ändern würde, bis sie volljährig war. Das hatte ihr ihre Tante erzählt, als sie einmal zu Besuch auf dem Hof war.

So ertrug Marija ihr Dasein oft mit schwerem Herzen. Es gab nicht viele Augenblicke der Freude in ihrem jungen Leben und sie hatte auch niemanden, dem sie sich hätte anvertrauen können. Auch zu den Bediensteten auf dem Hof fand sie kein richtig freundschaftliches Verhältnis. Oft bekam sie zu spüren, dass sie trotz allem die Tochter des Hauses war und es somit nicht üblich war, dass Knechte oder Mägde ihre Gesellschaft gesucht hätten. Schon als junges Mädchen, wenn die anderen an Sonn- oder Feiertagen zum Dorffest gingen und sie nicht mitnahmen, begriff sie, dass es wohl besser war, sich nicht mehr um deren Freundschaft zu bemühen. Sie konnte nicht verstehen, warum sie so allein sein musste. Die Stiefmutter kümmerte sich nicht um sie. Sie sprach nur dann mit ihr, wenn sie ihr irgendwelche Arbeiten im Haus auftrug, oder über belanglose Dinge. Immer wieder bekam Marija zu spüren, dass die Stiefmutter sie nicht mochte. Es tat ihr weh, dass es so war und sie konnte einfach nicht begreifen, warum sie nicht auch ein wenig ihre Tochter sein durfte. Schließlich hatte sie doch den Mann geheiratet, der ihr Vater war. Auch, dass ihr Vater sich nicht viel um sie kümmerte, wollte ihr nicht in den Kopf. „Männer sind halt anders“, dachte sie bei sich. Doch oft verspürte sie das Bedürfnis, sich ein klein wenig an ihn anlehnen zu dürfen. Einmal seine Wärme zu spüren. Von seinen starken Armen gehalten zu werden. Stattdessen jedoch hatte sie einen so großen Respekt vor ihm, dass es schon an Angst grenzte. Als sie heranwuchs, dachte sie oft darüber nach, ob ihr Vater seine erste Frau vielleicht nicht geliebt hatte und dass sie vielleicht sogar ein unerwünschtes Kind war. Doch darauf gab es keine Antwort. Marija konnte das Verhalten ihres Vaters einfach nicht verstehen.

An einem schönen Sonntag im Frühling des Jahres 1910 fuhr ein leichtes Pferdegespann auf den Hof. Die Stille des Sonntagnachmittages wurde durch Pferdehufe und das Knirschen der Wagenräder gestört. Marija, die wieder einmal unter ihrem Baum saß, sprang auf und lief neugierig zum Haus. Wer mochte das wohl sein? Als sie auf den Hof kam, stiegen die Ankömmlinge schon vom Wagen. Zuerst konnte sie niemanden erkennen. Eine Frau im Sonntagskleid versuchte die Falten in ihrem Kleid zu glätten und machte sich an ihrem Hut zu schaffen. Ein Mann, ebenso in einem dunklen Sonntagsanzug, ging um das Gespann herum und gab dem Pferd ein wenig Heu, das er in einem Sack mitgebracht hatte. Marija versteckte sich hinter der Hausecke und wartete, dass sich die Herrschaften anschickten ins Haus zu gehen. „Das sind doch der Onkel und die Tante!“ rief sie dann fröhlich und lief über den Hof, um sie zu begrüßen. Die beiden kamen nur selten zu Besuch. Marija wusste nicht, warum. Es sah ganz so aus, als hätten sich die beiden Ehepaare nicht allzu viel zu erzählen. Marija freute sich trotzdem immer sehr, wenn die Tante und der Onkel kamen. So hatte sie dann auch immer die Gelegenheit, sich ein wenig bei der Tante über ihr Schicksal auf dem Hof zu beschweren. Oftmals ging die Tante dann mit ihr ein wenig weg vom Hof, so dass Marija in Ruhe mit ihr sprechen konnte. Die Stiefmutter sah das gar nicht gerne. Am nächsten Tag wollte sie dann immer von Marija wissen, was die beiden zu besprechen gehabt hätten. Marija wollte natürlich nicht alles von diesen Gesprächen preisgeben und so war die Stiefmutter meist verstimmt.

An diesem Sonntag spürte Marija irgendwie, dass sich die Tante und der Onkel ein wenig anders benahmen als sonst. Die Tante hatte Marija zwar herzlich begrüßt, doch sie drängte ihren Mann, er solle doch nicht so viel herumtrödeln und lieber mit ihr ins Haus gehen. Von den Herrschaften des Hauses hatte sich noch keiner bemüht, die Besucher an der Eingangstür zu empfangen, wie das sonst üblich war. Marija fand das doch sehr seltsam. „Vielleicht verstehen sie sich nicht mehr so gut miteinander?“, fragte sie sich im Stillen. Irgendetwas lag doch hier in der Luft, dessen war sie sicher. „Nun ja“, dachte sie, „ich werde es schon erfahren.“

Die Haustür stand weit offen, wie fast immer, wenn jemand zu Hause war. Die Tante schritt mit festem Schritt über die Schwelle und ihr Mann bemühte sich hinterher. Im großen dunklen Flur ging eine Tür auf und eine helle Frauenstimme begrüßte die Gäste überschwänglich. Bald darauf schloss sich die Tür wieder und Marija, die das ganze Geschehen neugierig verfolgte, setzte sich auf den dicken Stamm vor dem Holzschuppen gegenüber dem Haus und wartete. Die Stimmen, die aus dem Haus drangen, waren zwar laut, doch konnte man nicht richtig verstehen, worüber gesprochen wurde.

Die Tante und ihr Mann wohnten am Rande des nächsten Dorfes in einem schmalen düsteren Tal. Sie bewirtschafteten einen Bauernhof, den der Mann vor längerer Zeit erworben hatte. Eigentlich war er Marijas richtiger Onkel. Ihre verstorbene Mutter und er waren Geschwister gewesen. Ihre Vorfahren stammten aus dem österreichischen Tirol. Viel mehr jedoch war über diese Familie in der Gegend nicht bekannt. Dem Onkel und seiner Frau war zu Ohren gekommen, dass Marija von ihrem Vater und ihrer Stiefmutter nicht gut behandelt wurde. Je größer und kräftiger sie wurde, umso mehr musste sie auf dem Bauernhof arbeiten. Mehr noch. Die Stiefmutter hatte sogar eine Magd entlassen, deren Arbeit von da an Marija übernehmen musste. Marija verrichtete ihre Arbeit zwar zur Zufriedenheit der Stiefmutter, doch sie fühlte sich ungerecht behandelt. Sie fragte die Stiefmutter, warum sie ihr keinen Lohn zahlte, da sie doch genauso gut wie die Magd vor ihr arbeitete. Doch die Antwort der Stiefmutter war nur: „Du hast doch hier bei uns alles, was du brauchst. Sei nicht undankbar!“

Es dauerte nicht lange, bis sich diese Ungerechtigkeit, mit der Marija leben musste, in der Gegend herumgesprochen hatte. So erfuhr auch Marijas Tante von der ganzen Geschichte. „Das können wir doch nicht zulassen, dass deine Nichte so unverschämt ausgenutzt wird!“, sagte sie eines Tages zu ihrem Mann. „Das muss ein Ende haben und zwar bald! Wir nehmen Marija erst mal zu uns, dann wird sich schon ergeben, wie es mit ihr weitergehen soll.“ Gesagt, getan. An diesem Sonntag also sollte sich Marijas Leben von Grund auf ändern. Natürlich wusste sie von dem Vorhaben ihrer Verwandten noch nichts. Ihr kam nur das Benehmen der beiden bei der Begrüßung auf dem Hof sehr merkwürdig vor. Darum schien ihr ihre Neugierde darüber, was da im Hause vor sich ging, berechtigt.

Als die Tante und der Onkel nach längerer Zeit aus dem Hause kamen, konnte man an ihren Gesichtern erkennen, dass die Unterhaltung, die sie geführt hatten, nicht angenehm gewesen sein konnte. Aus dem Flur drang die schrille Stimme der Stiefmutter. Die beiden aber kümmerten sich nicht darum, was die aufgeregte Frau ihnen nachschrie. Marija wurde es angst und bange. „Was ist denn da nur passiert, dass die Stiefmutter so böse ist?“, fragte sie sich verzagt. Ängstlich ging sie auf die Tante zu und wollte wissen, was denn passiert sei. Der Onkel machte sich bereits am Fuhrwerk zu schaffen und wendete es. Das hatte wohl zu bedeuten, dass die beiden sofort wieder abfahren würden. Die Tante fasste Marija unter dem Arm und ging schnell mit ihr auf den Wagen zu. Der Onkel kletterte bereits auf den Wagen. „Komm, Marija, fahr ein Stückchen mit uns. Ich erzähle dir, was wir mit deinen Leuten besprochen haben.“ Marija bekam Angst. Was war los? Warum schrie die Stiefmutter so fürchterlich? Unsicher stieg sie auf den Wagen und schon fuhren sie vom Hof. „Du kannst nachher zurücklaufen“, sagte der Onkel freundlich. Die Tante war noch immer ganz aufgeregt. „Diese Frau ist unmöglich!“, fing sie an. „Wie kann man nur so unverschämt sein? Ich wollte ihr nur sagen, was die Leute so reden und dass es nicht schön und richtig ist, wie sie dich behandelt! Sie hat natürlich alles abgestritten und behauptet, dass das alles Lügen sind, was sich die Leute so erzählen. Als ich sie dann fragte, wie viel Lohn sie dir im Monat zahlt, wurde sie ganz rot und dann wusste ich, dass an den Geschichten, die ich gehört habe, was Wahres dran sein muss.“

Marija hörte den Worten der Tante gespannt zu. Einerseits war sie froh, dass ihre Verwandten gekommen waren, um die Sache irgendwie zu regeln. Doch sie hatte Angst, was sie erleben würde, wenn sie nachher wieder nachhause kommen würde. „Du sollst ruhig wissen, dass dein Onkel und ich dich von hier wegholen werden, sobald du achtzehn Jahre alt bist. Das haben wir auch deiner Stiefmutter gesagt. Da hättest du sie sehen sollen, wie sie ihre Augen aufgerissen hat und dann gleich anfing zu schreien! Dein Vater hat kaum was gesagt. Er weiß sowieso, dass seine Tochter die längste Zeit zu Hause gewesen ist, aber ich glaube, dass er sowieso nicht gegen diese Frau ankommt!“ Die Tante drückte Marija zärtlich an sich, als sie spürte, dass die Kleine mit der Angst kämpfte. Sie wollte sie ermuntern und sagte: „Du brauchst keine Angst zu haben. Ich habe deiner Stiefmutter schon gesagt, dass sie sich dir gegenüber anständig benehmen soll, sonst komme ich wieder!“ Der Onkel brachte sein Fuhrwerk zum Stehen und schaute Marija ein wenig mitleidig an. „So, mein Mädchen! Jetzt müssen wir uns verabschieden. Du hast noch einen ganz schön langen Weg zurück nachhause und wir beide müssen uns auch beeilen, dass wir noch vor der Nacht zurück in unser Dorf kommen.“ Sie verabschiedeten sich herzlich und schon polterte der Wagen davon. Marija schaute den Fahrenden nach, bis der Wagen hinter der ersten Kurve verschwunden war, dann machte sie sich auf den Heimweg.

Unterwegs konnte sie keinen klaren Gedanken fassen. Das ging ihr alles viel zu schnell. Sie sollte von zu Hause weggehen, hatte die Tante gesagt. Ja, darüber war sie froh. Sie würde hier alles zurücklassen müssen und bei der Tante dann ein neues Zuhause finden. Aber sie hatte ihre Zweifel, ob das wirklich die bessere Lösung für sie war. In ihre Gedanken vertieft kam sie schnellen Schrittes zum Hof. Sie schaute sich ein wenig um, weil sie vermutete, dass die Stiefmutter auf sie wartete, um sie darüber auszufragen, was ihr die Tante noch alles erzählt hatte. Die Stiefmutter saß auf dem Baumstamm vor der Hütte, auf dem Marija zuvor gesessen hatte. Sie lehnte behäbig an der Hauswand und wartete, bis Marija in ihre Nähe kam. Marija wollte ins Haus gehen und sich umziehen, denn sie musste gleich die Schweine füttern, die schon hungrig grunzten.

„Wo treibst du dich so lange rum? Soll ich etwa die Schweine füttern?“ Erschrocken blieb Marija stehen. Die Stiefmutter kam auf sie zu und holte mit der Hand aus. Marija duckte sich, doch trotzdem bekam sie noch etwas von der Ohrfeige ab. Sie sprang zur Seite und sagte laut: „Sie haben kein Recht mich zu schlagen! Ich habe nichts verbrochen und die Schweine, die kriegen ihr Fressen gleich! Ich muss mich nur noch schnell umziehen!“ Marija ging ins Haus und ließ die Stiefmutter stehen. Sie kannte sich nicht wieder. Woher nahm sie überhaupt den Mut, der Stiefmutter die Stirn zu bieten? Sie ging in ihre Kammer, um sich umzuziehen. Dort trat sie vor den Spiegel und schaute sich an. Der Schlag der Stiefmutter tat ihr nicht mehr weh und zum ersten Mal war sie stolz auf sich. Bisher war sie nach den Ausbrüchen der Stiefmutter immer traurig und niedergeschlagen gewesen, heute aber machte ihr der Vorfall auf dem Hof nichts aus und sie fühlte sich stärker als je zuvor. Sollte der Besuch ihrer beiden Verwandten so viel ausgemacht haben? Sie freute sich über sich selbst. Die wenigen Monate, die ihr noch zur Volljährigkeit fehlten, würde sie schon noch durchstehen, und sie nahm sich vor, sich in Zukunft nicht mehr alles gefallen zu lassen.

Die Bediensteten auf dem Hof nahmen mit Erstaunen zur Kenntnis, dass Marija ein wenig anders geworden war. Im Grunde genommen war nicht viel passiert, doch in Marijas Leben hatte sich etwas bedeutend verändert. Das Leben auf dem Hof dagegen nicht. Die Arbeit musste getan werden und jeder musste mit anpacken. Marija bekam aber schon zu spüren, dass ihre Stiefmutter sie noch weniger beachtete als vor dem Besuch ihrer Tante. Doch sie machte sich nichts daraus, tat ihre Arbeit und versuchte zu jedem freundlich zu sein. Ab und zu ertappte sie sich jedoch dabei, dass sie in Gedanken schon auf dem Hof ihrer Tante und ihres Onkels war. Sie versuchte sich auch vorzustellen, wie es wohl werden würde, wenn sie erst dort wohnte. Sie wusste natürlich, dass sie auch bei der Tante kein richtiges Zuhause finden würde. Sicher würde es am Anfang schwer sein sich einzuleben, aber mit der Zeit würde es bestimmt für sie besser werden, als es jetzt war. Sie freute sich schon, dass die Zeit immer näher rückte, wo sie endlich ihre Sachen zusammenpacken und den Hof verlassen konnte.

Doch da war noch etwas, was sie traurig stimmte. Ihr Halbbruder, mit dem sie sich doch immer ganz gut verstanden hatte, ging ihr in letzter Zeit ein wenig aus dem Weg. Eine Zeitlang hatte Marija das Verhalten ihres Bruders so hingenommen, doch eines Morgens im Stall, als beide mit der Arbeit fertig waren, fragte sie ihn, was der Grund für sein abweisendes Verhalten sei. Er schaute sie erstaunt an und sagte: „Das fragst du noch? Wie kannst du so einfach von zu Hause weggehen und uns alle mit so viel Arbeit zurücklassen? Du weißt doch genau, dass unser Vater nach dem schweren Unfall nicht mehr so kann wie früher. Dass meine Mutter auch kränklich ist. Und ich bin auch noch nicht erwachsen. Wer soll denn dann die ganze Arbeit schaffen, wenn du bald auch nicht mehr da bist?“ Marija sah ihren Halbbruder erstaunt an. Im Grunde genommen tat er ihr leid. Er war wirklich noch viel zu jung, um die volle Verantwortung für den Hof übernehmen zu können. Doch was konnte sie jetzt dafür? „Er hat sich ja auch keine Gedanken darum gemacht, wie sehr ich darunter gelitten habe, dass ich zwar hier geboren bin, aber eigentlich nicht hierhergehöre. Dass mich die Mutter nie so gernhatte wie ihn. Dass sie nie ein freundliches Wort für mich übrighatte. Soll er das alles nicht gemerkt haben?“ Sie trat zu ihm und sagte: „Schau mal, Josef, du hast doch bestimmt auch gesehen, wie schwer mein Leben hier auf dem Hof ist. Du hast nie versucht, mich wenigstens einmal vor der Mutter in Schutz zu nehmen. Wenn du mitbekommen hast, wie sie mich manchmal geschlagen hat, hast du dich nur umgedreht und bist weggegangen! Du hast es einfach hingenommen, dass sie mich so schlecht behandelt hat. Du hast dich genauso benommen wie der Vater, wenn es um mich ging. Bist du einmal zu mir gekommen und hast mich getröstet, wenn ich da unter meinem Baum geweint habe und einsam und traurig war, weil ich mich nach meiner Mutter gesehnt habe? Immer bist du einfach nur an mir vorbeigegangen, als ob ich gar nicht da wäre. Und jetzt fragst du mich, wie ich euch und mein Elternhaus verlassen kann!? Wir haben nie irgendwas gemeinsam unternommen, so wie das andere Geschwister tun. Immer hattest du Angst, deine Mutter könnte dich sehen, wenn du mit mir zusammen warst. Kannst du nicht verstehen, dass ich hier wegwill?“ „Marija, du weißt doch, wie streng die Mutter ist, auch zu mir! Ich habe mich nicht getraut etwas zu sagen. Oft hatte ich mir vorgenommen, ihr was zu sagen, aber sie hat immer gleich gemerkt, was ich wollte und mich immer gleich unterbrochen. Ich geb` ja zu, ich hab` Angst vor ihr. Aber eins versprech` ich dir, Marija. Sobald ich den Hof übernehme, dann weht hier ein anderer Wind! Dann lass` ich mich nicht mehr von ihr rumkommandieren! Ich hätte nie gedacht, dass du mal von hier weggehst. Und jetzt ist es soweit. Sicher hab` ich gedacht, dass du auch mal heiraten würdest, aber bis dahin kam es mir noch so lang vor… Ich weiß auch, dass ich dich nicht umstimmen kann hierzubleiben und das tut mir leid. Ich weiß nicht, warum es immer so schwer ist, mit den Erwachsenen zu leben.“ Während er so sprach, stocherte er mit der Mistgabel im Stroh herum und vermied es Marija anzusehen. Ab und zu schaute er zur weit geöffneten Stalltür, als ob er befürchtete, dass die Mutter zufällig in den Stall kommen könnte. Marija hatte Mitleid mit ihm. Sie wusste nur zu genau, was er durchmachte. Sie ließ ihn stehen und ging im Schweinestall ihrer Arbeit nach.

An diesem Abend konnte Marija lange nicht einschlafen. Sie dachte über das Gespräch mit Josef nach. Bis heute war ihr nie in den Sinn gekommen, dass auch sein Leben auf dem Hof nicht einfach war. Auch er war nicht frei vom starken Einfluss seiner Mutter. Schon als Kind durfte er nicht oft mit seiner Halbschwester spielen und als die beiden schon halb erwachsen waren, ging jeder von ihnen auf dem Hof seiner Arbeit nach. „Schade“, dachte sie. „So viele schöne gemeinsame Stunden sind uns darum verloren gegangen … Und wir kennen uns ja auch gar nicht richtg. Wir haben immer so nebeneinander her gelebt, ohne richtige Geschwisterliebe. Um die sind wir betrogen worden. Aber jetzt ist es zu spät. Ich werde fortgehen und andere Menschen kennenlernen. Und er wird wohl auf dem Hof bleiben und mit den alten Gewohnheiten weiterleben.“

Am nächsten Morgen begegnete ihr Josef auf dem Weg in den Stall. Dieses Mal ging er nicht an ihr vorbei, sondern bat sie stehen zu bleiben. Marija war sichtlich überrascht, aber auch sehr erfreut darüber, dass er mit ihr sprechen wollte. „Vielleicht hat das Gespräch von gestern Abend doch etwas in ihm bewegt“, dachte sie. „Was gibt`s, Bruderherz? Hast du auch so schlecht geschlafen?“ Sie schaute ihm in die Augen und wartete auf seine Antwort. Eine leichte Röte ging über sein Gesicht. Er senkte den Blick und suchte verlegen nach irgendetwas, worauf er seinen Blick richten konnte. „Ja, ich hab` auch schlecht geschlafen. Ich kann und will einfach nicht glauben, dass du wirklich von hier fortwillst! Ich hab` mir große Vorwürfe gemacht, dass ich nie versucht hab`, mit dir zu sprechen. Ich hatte nicht die Kraft, mich gegen die Mutter zu wehren und so zu dir zu sein, wie sich das für Geschwister gehört… Jetzt schäme ich mich dafür… Du bist doch meine Schwester! Und jetzt wirst du uns verlassen und wir kennen uns noch nicht einmal richtig!“ „Ja, das haben wir der Mutter zu verdanken! Sie hat uns aufwachsen lassen wie Fremde, obwohl wir unter einem Dach leben. Es ist so traurig, dass es so gekommen ist. Aber wir sind noch jung und vielleicht finden wir doch noch zueinander. Wenn ich bei der Tante lebe, kannst du mich ja ab und zu mal besuchen kommen. Es ist nicht so weit bis dahin und ich würde mich wirklich freuen.“ „Das mach` ich! Ich versprech`s dir!“ Er warf einen Blick über seine Schulter, als ob er den bösen Blick seiner Mutter im Nacken spürte. Sie stand auf der Schwelle des Hauses und beobachtete die beiden jungen Menschen, die sich da unterhielten. Sofort und ohne Worte gingen sie auseinander, jeder seiner Arbeit nach und froh darüber, keine bösen Worte hinter sich zu hören.

Der Sommer zog ins Land. „Sommerzeit – Arbeitszeit!“, hieß es bei der Landbevölkerung. An den heißen Sommertagen musste man hart zupacken, damit die Arbeit nicht liegenblieb.

Marija sollte zu dieser Zeit schon zu ihrer Tante umgezogen sein, doch ihr Vater bat sie, noch ein paar Wochen auf dem Hof zu bleiben, um bei der Heu- und Getreideernte mitzuhelfen. Im Juli wurde sie 18 Jahre alt und somit volljährig. Sie tat dem Vater den Gefallen und blieb noch ein paar Wochen. Die Arbeit in der Sommerhitze war schwer zu ertragen. Während der Arbeit war Marija in Gedanken schon oft bei ihrer Tante und ihrem Onkel und freute sich, dass es nicht mehr lange dauerte, bis sie dort wohnen würde. „Wie es dort wohl sein wird?“, dachte sie. Sie konnte sich nicht so richtig vorstellen, was auf sie zukommt, wenn sie erst einmal dort wäre. „Komme, was wolle, so schwer muss ich dort bestimmt nicht arbeiten wie hier. Und die Tante und der Onkel sind ja wirklich freundliche Leute!“

Am letzten Abend auf dem heimischen Bauernhof war es Marija schon ein wenig schwer ums Herz. Das Abendessen verlief wie immer. Nach dem Essen wurde besprochen, was am nächsten Tag zu machen war und wer dies oder jenes erledigen sollte. Marijas Namen fiel dabei schon gar nicht mehr. Sie verspürte ein beklemmendes Gefühl in der Brust: „So fühlt es sich also an, wenn man morgen nicht mehr dabei ist!“ Sie hatte in den letzten Tagen schon oft daran gedacht, wie es wohl am letzten Abend sein würde, aber dieses dumpfe Gefühl hatte sie nicht gehabt. Umso stärker spürte sie es heute. Sie räumte den Tisch ab und brachte das Geschirr in die Küche. „Wie jeden Abend“, dachte sie. „Und doch ist es anders. Ja, weil es das letzte Mal ist!“, sagte sie sich. „In der Stube, als sie über morgen sprachen, hat keiner mehr an mich gedacht. Warum auch, morgen verlasse ich das Haus und die da drin werden in Zukunft auch ohne mich zurechtkommen.“

Als sie mit der Arbeit in der Küche fertig war, ging sie in die Stube zurück. Sie blieb in der Nähe der Tür stehen und schaute mit Wehmut in die Gesichter, die ihr so vertraut waren. Außer ihrem Halbbruder schaute sich keiner mehr nach ihr um. Sie schluckte ihre Tränen hinunter, sagte noch: „Gute Nacht!“, drehte sich um und ging in ihre Kammer.

Marija wusste nicht, wie lange sie dort oben unter der Eiche gesessen hatte. Sie war so tief in Gedanken versunken, dass sie die Dämmerung, die sich allmählich auf die Landschaft legte, nicht bemerkt hatte. Erschrocken blickte sie nach Westen und stellte fest, dass die Sonne dort schon unterging. Die letzten Sonnenstrahlen waren erloschen, nur eine schwere Wolke, die am Himmel hing, bekam noch eine goldene Umrandung. Das Land begab sich zur Ruhe.

„Bis zum Hof der Tante ist es noch so weit! Das schaffe ich ja heute gar nicht mehr! Ich habe zu lange hier gesessen und gar nicht mehr daran gedacht, dass ich weitermuss. Wie konnte ich nur so dumm sein?!“ Eine leichte Panik ergriff sie. „Was mach` ich jetzt nur? In einer Stunde ist es dunkel und der Weg führt doch die meiste Zeit durch den Wald!“ Schnell machte sie sich auf den Weg. Es war schon lange her, dass sie den Weg zum letzten Mal gegangen war. „Solange es noch hell ist, werde ich den richtigen Weg finden, aber wenn es dunkel wird, weiß ich nicht, wie ich durch den Wald zum Hof der Tante finden soll.“ Unterwegs überlegte sie, ob sie nicht bei einer Freundin ihrer verstorbenen Mutter übernachten sollte, die auf einem kleinen Hof in der Nähe wohnte. „Die wird Augen machen, wenn ich bei ihr auftauche und frage, ob ich bei ihr übernachten kann…“

Es war schon fast dunkel, als Marija den kleinen Hof erreichte. Als sie die ersten Schritte über den sandigen Hof machte, hörte sie bereits das Klirren der Kette, an die der Hund gebunden war. Gleich darauf gellte das Bellen des Hundes über den Hof. Marija blieb erschrocken stehen, denn sie wusste nicht, wie weit der Hund auf den Hof vor dem Haus kommen konnte. Sie wollte lieber abwarten, ob nicht jemand aus dem Haus nachschauen kam, wer sich zu so später Stunde noch draußen herumtrieb. Eine ganze Weile tat sich gar nichts. Marija bereute schon ihrer spontanen Idee nachgegeben zu haben. „Ich könnte ja auch in der Scheune im Heu schlafen, statt die Leute hier zu belästigen! Wenn es Morgen wird, kann ich wieder verschwinden, ohne dass es jemand merkt. Morgen früh, wenn es hell wird, werde ich den Weg schon finden.“ Sie wollte sich gerade umdrehen, um zu schauen, wie sie auf den Heuboden in der Scheune kommen könnte, als eine Frauenstimme dem immer lauter bellenden Hund mit scharfen Worten befahl, sich endlich in seine Hütte zu legen. Knurrend und seine Kette hinter sich herziehend, zog er sich in seine Hütte zurück.

„Wer ist denn da? Kommen Sie näher! Moment, ich mache Licht …!“ Der Hof wurde hell beleuchtet. Marija trat unwillkürlich ein wenig zur Seite und blieb im Schatten an der Scheunenwand stehen. Die Frau schaute angespannt, aus welcher Ecke des Hofes nun jemand hervortreten würde. Marija drückte ihr Bündel fest an sich und ging über den Hof zu der Frau, die sich immer noch nach allen Seiten suchend umschaute. Als sie die junge Frau mit dem Bündel erblickte, sagte sie halblaut: „Um Himmels Willen! Was wollen Sie denn hier bei uns zu so später Stunde? Haben Sie sich verlaufen?“ Marija trat noch ein wenig näher auf die Frau zu: „Guten Abend! Ich bin`s, die Marija. Erkennen Sie mich nicht?“ Die Frau schaute in das blasse Gesicht des Mädchens. „Ja, jetzt, wo ich dich höre, erkenne ich dich!“ Sie trat zu Marija, packte sie am Arm und zog sie sanft zum Hauseingang. Dort nahm sie ihr das Bündel von der Schulter, schubste sie in den dunklen Flur und sagte leise: „Komm mit in die Küche, da sind wir für uns.“ In der hell erleuchteten Küche setzten sie sich an den Tisch. Die Frau sah auf das Bündel, das an der Wand lehnte, und sagte: „Jetzt erzähl mir mal, was mit dir los ist. Warum bist du so spät noch unterwegs? Wohin gehst du denn überhaupt? Konntest du dich nicht am Tag auf den Weg machen?“ Marija strich verlegen mit der Hand über die Tischplatte und suchte nach Worten. Dann erklärte sie, warum sie unterwegs war. Die Frau hörte ihr gespannt zu. Ihr war nicht unbekannt, dass Marija von ihrer Stiefmutter schlecht behandelt wurde. Hin und wieder fragte sie nach, um noch mehr zu erfahren und ihre Neugier zu stillen. Marija schämte sich sehr. Ihr war es gar nicht recht, dass sie der Frau so viel über ihr bisheriges Leben bei der Stiefmutter erzählte. Trotzdem war sie aber doch irgendwie froh und erleichtert, dass sie das ganze Elend, das sie mit sich herumtrug, endlich jemandem erzählen durfte. Außer ihrer Tante und dieser Frau, die eine leise Ahnung von ihren Sorgen hatten, wusste ja niemand, wie sehr sie zu Hause gelitten hatte. Als sie dann verstummte, trat die Frau zu ihr, strich ihr ein paarmal übers Haar und sagte: „Ich mach` dir jetzt was zu essen. Und dann zeig` ich dir, wo du schlafen kannst.“

Nachdem sie eine Tasse warme Milch und ein Stück Weißbrot zu sich genommen hatte, fühlte sich Marija schon viel besser. Sie bedankte sich bei der Bäuerin und fragte: „Wo kann ich denn schlafen? Ich bin schon sehr müde und morgen früh möchte ich schon früh losgehen, damit sich meine Tante nicht so sehr sorgt, wo ich denn bleibe!“ „Komm mit, ich zeig´ dir dein Zimmer!“ Sie gingen über die breite Treppe in das Obergeschoss. Dort öffnete die Frau eine Zimmertür und machte Licht. „Hier kannst du dich ausruhen und morgen früh wecke ich dich zeitig, damit du noch frühstücken kannst, bevor du weitergehst. Nun schlaf gut! Gute Nacht!“ Als die Bäuerin die Tür von außen schloss, fühlte sich Marija mit einem Mal sehr einsam. Noch nie zuvor war sie in einem anderen Zimmer zu Bett gegangen als in ihrem eigenen. Das Bett war aber sehr weich und roch nach frischer Bettwäsche. Sie war sehr müde und bevor sie sich noch irgendwelchen Gedanken hingeben konnte, schlief sie ein.

Die Bäuerin hielt Wort und weckte sie am nächsten Morgen schon sehr früh. Marija bedankte sich bei ihr und verließ schon im Morgengrauen das Haus. Unterwegs überlegte sie, wie sie ihrer Tante die Verspätung erklären sollte. „Sie wird schon nicht so böse sein, dass ich bei Frančiška übernachtet habe“, tröstete Marija sich in Gedanken. Frohen Herzens schritt sie voran und genoss die frische Morgenluft. Wieder führte sie der Weg durch dunklen Wald. Die ersten Sonnenstrahlen schienen durch die dichten Äste der Tannen und trockneten den Tau, der sich in der Nacht auf den Wald gelegt hatte. „Ein schöner Morgen“, dachte Marija bei sich. „Hoffentlich bleibt der Tag auch weiter so schön!“ Sie versuchte sich vorzustellen, wie es bei der Tante auf dem Hof werden würde. Sie war neugierig darauf, was sie erwartete. Sie war zwar nicht ganz fremd auf dem Hof dort, denn sie war schon ein- oder zweimal dort gewesen, doch dieses Mal würde sie für lange Zeit bleiben. „Schlimmer als zu Hause bei der Stiefmutter wird es bestimmt nicht!“

Wegen der Gedanken, die sie beschäftigen, vergaß Marija gänzlich, wo sie sic befand. Auf den Weg hatte sie nicht sonderlich geachtet, es gab ja nur diesen einen, und so konnte sie sich auch nicht verlaufen. Sie wusste nicht, wie lange sie schon so in Gedanken versunken unterwegs war. Plötzlich hörte der Wald auf und vor ihren Augen öffnete sich ein breites Tal. Die Sonne stand schon hoch am Himmel und wärmte die Felder. Marija blieb einen Augenblick stehen und genoss die schöne Aussicht. Der Weg aus dem Wald schloss sich der Straße an, die hier vorbeiführte, und ab jetzt musste sie ihren Weg an der Straße entlang weitergehen. „Hier geht es sich viel leichter als im Wald, wo man immer aufpassen muss, dass man nicht über die Baumwurzeln stolpert!“ sagte sie laut vor sich hin und setzte ihren Weg fort. In ihrem Innern fühlte sie plötzlich ein bisher unbekanntes Glücksgefühl, das sie fröhlich stimmte. Ja, sie war stolz auf das, was sie gerade tat. Sie ging in ihre Zukunft, obwohl sie noch nicht wissen konnte, wie diese aussehen würde, aber sie war fest entschlossen, ab jetzt ihr Leben so gut wie möglich selbst in die Hand zu nehmen. Nie mehr würde sie sich das Schreien der Stiefmutter anhören müssen… und die bösen Worte, die in ihrer Seele schmerzten …die bösen Blicke, die sie hatte ertragen müssen. Das alles war jetzt Vergangenheit. Ab jetzt, ab heute, würde alles viel schöner werden.

Vorbei an den Häusern, die an der Straße standen. Vorbei an den grünen Wiesen, die so herrlich blühten und dufteten, an dem fröhlich rauschenden Bach, der nicht weit von der Straße im Schatten der Bäume floss. Marija nahm alles in sich auf und war glücklich darüber, dass sie das alles erleben durfte.

Das Tal wurde enger. Es hatte sich in eine dunkle Schlucht verwandelt, in der die Straße kaum Platz hatte. Das Rauschen des Baches wurde lauter und die Sonnenstrahlen versteckten sich hinter dem Berg. Marija wechselte die Straßenseite. Hier fühlte sie sich sicherer, denn der Bach machte ihr doch ein wenig Angst. Alles war neu für sie und sie musste sich erst daran gewöhnen. Sie schaute nach vorne und hoffte, dass sie bald das Haus der Tante sehen würde. „Es kann nicht mehr weit sein“, sagte sie halblaut. Hinter der nächsten Straßenbiegung erblickte sie jetzt das Haus. Es stand rechts von der Straße unter dahinter erhob sich ein hoher Hügel. Vor dem Haus, auf dem großen Hof, stand ein Kastanienbaum und verdeckte es fast gänzlich. Marija blieb eine kleine Weile stehen und betrachtete ihr neues Zuhause. Die Mittagssonne ließ das Anwesen und die nähere Umgebung in einem schönen warmen Licht erscheinen. Noch ein paar Schritte und schon war sie auf dem Hof. Obwohl sie schon vor einiger Zeit einmal hier gewesen war und sich immer wieder in Gedanken an das Haus zu erinnern versucht hatte, erschien ihr jetzt alles noch viel schöner Sie freute sich, dass es endlich so weit war und sie von jetzt an hier leben durfte.

Ihr Herz begann stärker zu schlagen, als sie die schwere Eingangstür aufmachte. In dem dunklen Gang blieb sie einen Augenblick stehen und wartete, dass sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnten. Sie vernahm Stimmen, die aus dem Inneren des Hauses zu hören waren. Zuerst traute sie sich nicht weiter zu gehen. Sie wusste auch nicht recht, wohin sie gehen sollte. Dann wurden die Stimmen lauter und jemand stieß die Schwingtür auf, die den Gang von den anderen Räumen trennte, und plötzlich stand ein Mann vor ihr, der aus der Gaststube kam und wohl gerade das Haus verlassen wollte. Marija drückte sich an die Wand und wollte ihn vorbeilassen. Der Mann war sichtlich überrascht, als er die junge Frau erblickte. „Was machst du denn hier, warum gehst du nicht weiter in die Stube? Komm, ich zeig` dir, wo sie ist.“ Der Mann stieß die Schwingtür wieder auf und schrie in den Raum, aus dem er gerade gekommen war. „Hallo! Hier ist jemand! Eine junge Frau weiß nicht, wohin. Bäuerin, komm, schau mal, wer das ist!“

Marija nahm ihr Bündel in die linke Hand und wagte ein paar Schritte in die Richtung, aus der lauter männliche Stimmen zu hören waren. Plötzlich wurde es in dem dunklen Flur hell. Jemand hatte das Licht angemacht. In der Tür zum Gastraum stand die Tante. „Ja, wo bleibst du denn so lange, Marija? Wir haben dich gestern Abend erwartet! Hat dich die Stiefmutter nicht gehen lassen? Warum kommst du denn erst heute?“ „Es ist alles in Ordnung, Tante! Ich habe bei Frančiška übernachtet. Es war schon spät und ich wollte nicht in der Dunkelheit durch den Wald gehen. Ich hoffe, du bist mir nicht böse!“ „Ach, woher denn! Komm mit in die Küche, du hast bestimmt Hunger!“ Sie nahm Marijas Bündel und ging vor dem Mädchen in die Küche. Dort roch es nach Mittagessen und Marija freute sich auf eine warme Mahlzeit. Während sie aß, setzte sich die Tante zu ihr und fragte sie, wie es ihr in der letzten Zeit zu Hause ergangen sei. Marija beantwortete nicht alle Fragen, aber doch so viele, dass die Tante am Ende zufrieden war.

Nach dem Essen zeigte die Tante ihr das Zimmer, in dem sie wohnen würde. Das Zimmer war geräumig und hell und Marija gefiel es auf den ersten Blick. Das große Fenster zeigte auf den Hof vor dem Haus. Neugierig trat sie zum Fenster und schaute, was es alles zu sehen gab. Der prächtige Kastanienbaum versperrte ihr ein wenig den Blick auf die Straße, aber das störte sie wenig. „Du bist sicher müde. Ruh dich ein wenig aus! Nachher kommt auch dein Onkel aus dem Wald und dann besprechen wir gemeinsam, was du bei uns tun sollst und welche Aufgaben du übernehmen wirst.“ Die Tante ging aus dem Zimmer und machte die Tür hinter sich zu. Nun war Marija alleine in ihrem neuen Heim. Sie packte zuerst ihr Bündel aus und räumte ihre Kleider in den großen Schrank. Wie wenig sie besaß! In dem Schrank war noch so viel Platz und sie hatte keine Sachen mehr, die sie hätte einräumen können. Aber sie dachte nicht darüber nach, was sie hatte und was sie nicht hatte. Irgendwann würde bestimmt alles anders und besser werden. „Jetzt werde ich mich ein wenig ausruhen und nachher werden wir weitersehen!“ Das Bett war groß und weich und es roch angenehm frisch. Sie wollte an nichts anderes denken. Sie war einfach froh, dass sie es endlich geschafft hatte, hier zu sein und neu anzufangen.

Marija wusste nicht recht, wie lange sie geschlafen hatte. Sie schaute sich in dem Zimmer um und versuchte sich zu erinnern, wie sie hergekommen war. Die Tante hatte sie in das Zimmer begleitet und ihr gesagt, sie solle sich ein wenig ausruhen. Da sie nicht wusste, wie lange sie schon geschlafen hatte, machte sie sich Sorgen, was die Tante von ihr denken würde. Schnell machte sie sich fertig und verließ das Zimmer. Sie stieg die Treppe hinunter in den dunklen Flur und versuchte die richtige Tür zu dem Zimmer zu finden, in dem sich die Tante aufhielt. Sie lauschte an einer Tür. Drinnen hörte sie ihren Onkel sprechen. Sie drückte den Türgriff hinunter und machte leise die Tür auf. In der Ecke gegenüber sah sie ihren Onkel mit noch ein paar anderen Leuten an einem großen Tisch sitzen. Er bemerkte sie, stand gleich auf und ging auf sie zu. Marija stand noch bei der Tür und schaute in die Runde. „Da bist du ja endlich!“, sagte der Onkel. „Wir haben dich schon gestern erwartet! Komm, setz dich zu uns an den Tisch, wir sind gerade am Essen. Warte, die Tante gibt dir gleich einen Teller, du kannst gleich mitessen.“

Marija war so viele fremde Leute nicht gewöhnt und schon gar nicht, mit diesen an einem Tisch zu sitzen. Zuerst war es ihr sehr unangenehm. Die Tante bemerkte es und setzte sich zu ihr. „Brauchst keine Angst zu haben, Marija! Das sind alles Leute, mit denen du in Zukunft zu tun haben wirst. Die helfen uns bei der Arbeit, wenn es nötig ist. Heute waren sie mit dem Onkel im Wald Holz schlagen für den Winter. Die junge Frau hier“, sie zeigte auf ein kräftiges junges Mädchen, das am Ende des großen Tisches ihr Abendessen zu sich nahm, „das ist unsere Magd.“ Die junge Frau schaute Marija über den Tellerrand an und nickte ihr zu. „Wir beide werden uns morgen besser kennen lernen, heute muss ich noch in den Stall.“ Marija löffelte langsam ihre Suppe und traute sich nicht, sich groß umzuschauen. Der Onkel besprach mit seinen Leuten noch, was sie am nächsten Tag zu tun hätten, dann verließen sie die Stube. Nachdem auch die Magd den Tisch verlassen hatte, blieben die Tante und der Onkel mit Marija alleine zurück. Als sie mit dem Essen fertig war, lehnte Marija sich zurück und bedankte sich für das gute Essen.

Marija schaute sich neugierig in der großen Stube um und wartete darauf, dass die beiden mit dem Gespräch anfingen, in dem Marijas Aufenthalt auf dem Hof besprochen werden sollte. Sie war schon sehr gespannt darauf, welche Arbeiten ihr in Zukunft auf dem Hof zufallen würden. Sie hatte keine Angst vor den Aufgaben, die auf sie zukommen würden, denn sie war ja auf dem Bauernhof groß geworden und wusste sehr wohl, welche Arbeiten dort zu verrichten waren. „Ja, Marija, wie du sicher schon bemerkt hast, wird sich in naher Zukunft bei uns manches ändern“ fing der Onkel mit dem Gespräch an. „Wir bekommen schon bald Nachwuchs, worüber wir uns natürlich sehr freuen, aber das bedeutet auch, dass deine Tante in Zukunft nicht mehr so viel arbeiten kann wie bisher.“ Marija schaute verstohlen auf den Bauch der Tante und lächelte ihr freundlich zu. „Die Arbeit in den Ställen, das Melken und Schweine füttern muss neu verteilt werden. Die Magd, die das bis jetzt alles allein machen musste, soll Hilfe bekommen. Sehr bald wird die Magd auch das Kochen übernehmen müssen, wenigstens zum Teil. Am Abend sind dann noch die Leute in der Gaststube zu bedienen. Das kann ich zur Not ab und zu übernehmen. Aber du siehst, dass wir eine Menge Arbeit haben. Deine Tante und ich haben uns gedacht, dass du der Magd bei ihrer Arbeit helfen könntest. Ob du ihr beim Melken hilfst oder die Schweine fütterst, könnt ihr unter euch ausmachen.“ Marija hörte dem Onkel aufmerksam zu. Hin und wieder schaute sie ganz kurz zur Tante hinüber, die aber schaute auf die Tischplatte und wollte Marijas Blicken nicht begegnen. Als der Onkel mit dem Gespräch fertig war und Marija wusste, was auf sie zukommt, begann die Tante zu sprechen.

Dass im Haus noch eine Schankstube betrieben wurde, davon hatte Marija nichts gewusst. Als sie angekommen war, hatte sie sich gewundert, dass einige Pferdewagen auf dem Hof standen, aber sie hatte sich nichts dabei gedacht. „Du darfst jetzt nicht erschrecken, Marija! Du wirst es gut haben bei uns und die Arbeit ist nicht so schwer, wie du vielleicht denkst. Außerdem kennst du dich mit dieser Arbeit ja aus. Ganz bestimmt wird es bei uns leichter für dich als zu Hause. Dein Onkel und ich haben beschlossen, dir auch einen Jahreslohn zu bezahlen, so wie allen, die bei uns arbeiten. Außerdem werde ich dir ab und zu ein hübsches Kleid und was du sonst so brauchst kaufen. Du wirst sehen, du wirst es gut bei uns haben. So, und jetzt kannst du wieder in dein Zimmer gehen, es ist ja schon spät. Morgen früh wecke ich dich beizeiten, damit du mit der Magd in den Stall gehen kannst.“ Marija bedankte sich nochmals, wünschte den beiden eine Gute Nacht, verließ die Stube, ging die dunkle Treppe hinauf in ihr Zimmer, schloss die Tür und legte sich auf ihr Bett. Durch das offene Fenster drangen vom Hof her noch die Stimmen der Männer, die sich noch etwas zu erzählen hatten, bevor sie sich dann in der Wirtsstube auch noch ein Glas Wein genehmigten.

Die Abenddämmerung verlor den Kampf mit der Nacht und auch in Marijas Zimmer wurde es dunkel. Sie war so in Gedanken vertieft, dass sie nicht einmal merkte, wann das geschah. Sie zog sich in der Dunkelheit aus, legte ihre Kleider auf den Stuhl neben dem Bett und legte sich hin. Sie hatte sich fest vorgenommen, die Gedanken, die in ihrem Kopf kreisten, nicht zu beachten, aber es gelang ihr nicht ganz. Sie hatte Angst vor dem Morgen. Obwohl sie sich vor nichts zu fürchten brauchte, dachte sie immer wieder daran, ob die Arbeit, die sie zu verrichten hatte, auch Anerkennung finden würde. Ob die Magd, mit der sie ab morgen zusammenarbeiten würde, mit ihr zufrieden sein würde. Auch der Gedanke an ihr altes Zuhause, an ihre Leute, ließ sie nicht los. Sicher, sie würde es hier guthaben, aber trotzdem, sie war nicht mehr daheim und alles hier war fremd und anders. Sie wusste aber auch, dass es kein Zurück mehr gab. Sie war sich nicht sicher, ob es richtig gewesen war, von zuhause weg zu gehen und alles, was ihr vertraut war, hinter sich zu lassen. Die Gedanken kreisten um ihre Vergangenheit und machten ihr das Herz schwer. In der stillen Dunkelheit betete sie zu Gott, dass er sie in ihrer Entscheidung bestärken möge und dass er ihr die Kraft gebe, die Trennung von zu Hause zu verkraften. Irgendwann in der Nacht konnte sie den Gedanken nicht mehr folgen und versank endlich in einen tiefen Schlaf.

Am nächsten Morgen, es war noch nicht richtig hell, wachte sie zu ihrer gewohnten Zeit auf. Die Stunde, zu der sie zu Hause immer aufstehen musste, war ihr schon ins Blut übergegangen und sie brauchte gar keinen Wecker, der sie unfreundlich aus dem Schlaf riss. Ein Blick auf ihr neues Zimmer brachte sie in die Wirklichkeit zurück und sie versuchte die Gedanken der Nacht zu verdrängen. Sie stand auf, wusch ihr Gesicht und war gerade dabei sich anzukleiden, als jemand leise an die Zimmertür klopfte. Sie machte die Tür auf. Sie hoffte, die Tante zu erblicken, doch es war die Magd, die sie wecken kam.

„Oh, du bist schon aufgestanden!“, sagte die Magd verwundert. „Ich hoffe, du hast gut geschlafen! Wenn du fertig bist, komm einfach runter. Die anderen schlafen noch. Wir gehen heute zuerst in den Stall melken und dann zeige ich dir noch, was im Schweinestall zu tun ist.“ Sie ging leise die Treppe runter und verschwand in der Küche. Marija beeilte sich mit dem Anziehen, schaute sich nochmal im Zimmer um und folgte ihr. Sie fand die Magd im Stall. „Kannst du überhaupt melken?“, fragte die Magd, die sich schon bei einer der Kühe zu schaffen machte. „Dort steht ein Melkeimer und wenn du willst, kannst du die schwarze Kuh dort an der Wand melken.“ Marija nahm den Eimer und den einbeinigen Stuhl und näherte sich der Kuh. Diese war zwar mit Fressen beschäftigt, aber Marija wusste, dass es sein konnte, dass die Kuh sie gar nicht an ihr Euter lassen wollte. Behutsam versuchte sie an das Tier heranzukommen und redete leise auf es ein. Sie streichelte es an seinem Leib und versuchte sich auf den Stuhl zu setzen. Die Kuh schaute sie kurz mit ihren großen Augen an, dann wandte sie sich wieder ihrem Futtertrog zu. Marija war heilfroh, dass die Kuh nichts dagegen hatte, dass sie sie von dem Druck der Milch befreien wollte. Als die Magd sah, wie Marija mit der Kuh zurechtkam, sagte sie nur: „Das hätte ich mir aber nicht gedacht, dass die Kuh dich ´ranlassen wird. Die mag nämlich nicht jeden!“ Marija antwortete nicht, sondern dachte nur: „Sie wollte mich wohl ein bisschen prüfen, aber es ist Gott sei Dank alles gut gegangen.“ Im Schweinestall hatte sich Marija alles, was ihr die Magd gezeigt hatte, gut gemerkt. Sie wusste nun, was und wie viel sie den Schweinen zu fressen geben musste. Am Abend sollte Marija die Fütterung alleine übernehmen, denn die Magd musste nach dem Melken das Abendessen vorbereiten.

Beim Frühstück war die Tante schon neugierig, wie Marija bei der Arbeit zurechtgekommen war. Die Magd sagte nur, dass man merke, dass Marija auf dem Bauernhof groß geworden war und dass sie eine Erleichterung für sie alle sei. Der Onkel lehnte sich zufrieden zurück und schaute Marija freundlich an. „Ich hab` doch gewusst, dass wir mit der Marija eine fleißige Kraft bekommen werden. Ich hoffe, du wirst dich bei uns wohl fühlen und uns allen große Freude bereiten!“ Der erste Arbeitstag ging schnell vorbei. Marija erledigte noch verschiedene Arbeiten, die ihr aufgetragen wurden. Am Abend half sie der Magd beim Melken und dann ging sie noch in den Schweinestall und fütterte die Schweine. Es waren sechs Stück und wenn die Zeit der Fütterung kam und sie noch nichts im Trog hatten, machten sie sich mit lautem Grunzen bemerkbar. Marija versuchte sie so schnell wie möglich zu beruhigen und füllte den Trog. Bald hörte man nur noch lautes Schmatzen und Knurren, ein Zeichen, dass die Tiere zufrieden waren. „Wie schön sich das anhört, wenn sie zufrieden fressen!“ Marija bemerkte die Tante erst, als sie sie hörte. Sie wusste nicht, wie lange sie schon im Stall war. „Hast du zu Hause auch diese Arbeit gemacht? Ich habe dich beobachtet und muss dich loben! Du machst deine Arbeit sehr gut!“ „Ja, manchmal, wenn unsere Magd viel Arbeit hatte, habe ich ihr geholfen.“ Marija nahm die Mistgabel, machte die Tür zu den Schweinen auf und mistete den Verschlag aus. So lange die Tiere fraßen, ging von ihnen keine Gefahr aus. Das wusste Marija. Die vollgeladene Schubkarre fuhr sie dann auf den nicht weit entfernten Misthaufen. Die Tante stand immer noch da und wartete, bis Marija wiederkam. „Ich hoffe, die Arbeit ist dir nicht zu schwer. Ich werde meinen Sohn Franzi bitten, dass er dir den Mist wegfährt. Das macht er bestimmt gerne.“ „Ich habe ihn heute im Stall bei den Kühen gesehen. Das ist Ihr Sohn? Ich dachte, der Junge wäre Hirte.“ „Hat er dich nicht begrüßt? Na warte! Dem werde ich was erzählen!“ „Doch, er hat freundlich genickt. Ich hab` mir nichts dabei gedacht.“ „Manchmal tut er mir leid. Er ist zu viel alleine. Er hat hier in der Nachbarschaft keinen Freund in seinem Alter. Du weißt ja, wie das ist. Morgens geht er, nachdem er das Vieh versorgt hat, ins Dorf in die Schule und wenn er am Nachmittag nachhause kommt und gegessen hat, muss er die andere Arbeit machen. Er ist jetzt schon dreizehn Jahre alt und kann dem Vater schon viel helfen.“ Marija erinnerte sich daran, wie es bei ihr zuhause gewesen war. Auch sie und ihr Halbbruder hatten keine Freizeit mehr gehabt, als sie in dem Alter waren. Manchmal hatten sie vor lauter Arbeit noch nicht einmal ihre Hausaufgaben machen können. So war es eben damals auf dem Land. Jede Hand wurde gebraucht und an die Wünsche der Kinder dachte keiner. „Heute Abend beim Abendessen kannst du ihn und auch den Knecht ein bisschen besser kennenlernen. Gestern Abend warst du ja zu müde vom langen Weg. Da wollte ich dich damit nicht belästigen.“

Als Marija in die große Stube kam, saßen die anderen schon an dem großen Tisch. Die Petroleumlampe an der Decke spendete zu wenig Licht, als dass man die Einzelheiten in dem großen Raum hätte erkennen können. Im Herrgottswinkel, unter dem der große Tisch stand, waren die Bilder der Heiligen an der Wand nur schwer zu erkennen. Das Jesuskreuz hing leicht geneigt über einer kleinen Flamme hinter dem roten Glas der Öllampe. Am ersten Abend hatte Marija all das vor lauter Aufregung gar nicht bemerkt. Deshalb verweilte ihr Blick, bevor sie sich hinsetzte, einen Augenblick auf den Bildern.