Markennummer 4298 - Klaus Günter Roth - E-Book

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Klaus Günter Roth

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Beschreibung

1962 sitzt Klaus Roth in einem Zug von Dortmund nach Ost-Berlin. Er will dort seine Schwester besuchen. Was dann geschieht, stellt sein Leben auf den Kopf. Beim ersten Halt in der DDR müssen er und andere Reisende den Zug verlassen. Die DDR-Grenzsoldaten nehmen Ausweise und Geld ab und verfrachten die Bundesbürger in ein Aufnahmelager. Wochenlange Verhöre beginnen. Klaus Roth wirft seinen Peinigern Freiheitsberaubung vor. Er glaubt, in einem Alptraum zu stecken, will zurück in die Bundesrepublik, zu seiner kranken Mutter, die sich Sorgen über den spurlos verschwundenen Sohn macht. Monate vergehen in der Eintönigkeit des Lagers. In dieser Zeit erinnert er sich an den Krieg und wie er später im Ruhrgebiet im Bergbau arbeitete. 1962 gibt es kein Zurück mehr dorthin. Er muss in der DDR bleiben. Packend erzählt der Autor von seiner Kindheit, vom Bergbau und einem aufgezwungenen Leben in der DDR.

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Seitenzahl: 141

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Vorwort

Herbst 1944 – Kindheit im Krieg

Castrop-Rauxel

Heimatlos

Im Personenzug nach Thüringen

Fahrt in den Westen

Wieder in der Heimat

Meine erste Liebe

Existenzkampf

März 1962 – Gefangenhaltung und Internierungszeit

Noch immer im Lager Eisenach

Meine erste »Freiheit« in der DDR

Liebe ohne Glück

Berufliche »Wanderschaft« in der DDR

Berufliche Entwicklung in der DDR

Eine große Liebe – Wohnen und Bauen

Die Wende – die Freiheit!

Epilog

Vorwort

Dieses Buch basiert auf wahrheitsgetreuen Berichten.

Es werden der Lebens- und Leidensweg sowie die weitere Entwicklung des Kindes zum Mann in aufregender Darstellung geschildert.

Dabei spielt der Zweite Weltkrieg und auch das spätere Entstehen der zwei deutschen Staaten eine ganz entscheidende Rolle.

Es begann 1938 im Ruhrgebiet und findet seine Vollendung in Sachsen.

Herbst 1944 – Kindheit im Krieg

Meine große Schwester Inge ruft uns schon wieder: »Hans und Klaus sofort raufkommen!«

Schade, wir waren gerade so schön in unser Spiel im Hinterhof des großen Wohnhauses in Rauxel vertieft gewesen. Aber es war schon gut so. Ordnung musste sein. Außerdem konnte unser Vater sehr streng sein, wenn wir Kinder nicht hörten.

Morgen würden wir wieder in unsere Birkenwäldchen am Rande der Stadt gehen.

Der Tag danach: Aus dem Spiel im geliebten Birkenwäldchen wurde nichts mehr.

Das plötzliche Aufheulen der Sirenen warnte uns vor den vielen Luftangriffen feindlicher Flugzeuge, die sich einige Minuten später von ihren furchtbaren Bombenlasten befreiten.

Von diesem Tag an wurde mein Leben verändert, was ich jedoch in meinem kindlichen Alter selbstverständlich nicht bewusst wahrnehmen konnte.

Zum ersten Mal erfuhr ich in meinem ach so jungen Leben, denn ich war ja erst sechs Jahre alt, was überhaupt Krieg ist.

Aus den bisherigen Erzählungen meines ältesten Bruders, der ja schon Soldat war, glaubte ich immer, dass der Krieg sogar etwas Schönes sei. Jedenfalls, wenn Wilfried Heimaturlaub bekam, so freuten sich meine Eltern und ganz besonders auch meine Schwester sehr auf seinen Besuch. Und alle in der Familie nahmen regen Anteil am »herrlichen Soldatenleben« meines großen Bruders. Was der so alles erlebte, da konnte man direkt ein wenig neidisch werden.

Mein lieber Bruder kam in einer schwarzen Uniform in seinem Urlaub zu uns nach Hause. Er sagte uns, dass er einen Panzer fahren würde.

Castrop-Rauxel

Der Angriff des feindlichen Kampfgeschwaders begann kurz vor dem Mittagessen.

Ich erinnere mich noch ziemlich genau daran.

Mein Vater wollte nicht mit uns in den nahe gelegenen Bunker gehen, er wollte inzwischen lieber das Mittagessen kochen. Erst durch das beharrliche Eingreifen eines Feuerwehrmannes brachte dieser meinen Vater dazu, dass er die Wohnung in der vierten Etage unseres Elternhauses ebenfalls zu verlassen hatte.

Vater ging aber trotzdem nicht mit uns in den Bunker. Von diesem Tag an habe ich meinen Vater viele Jahre nicht mehr gesehen. Das war im späten Herbst des Kriegsjahres 1944.

Heimatlos

Ach ja, die Flucht! Die begann eigentlich schon mit der Evakuierung, nachdem mein Elternhaus in Castrop-Rauxel im November1944 von einer Phosphorbombe völlig zerstört wurde, während wir im Tiefbunker waren, um uns vor den häufigen Bombenangriffen zu schützen.

So erlebte ich es zum Beispiel aus meiner kindlichen Erinnerung mit sechs Jahren.

Das waren meine ersten grausamen Bilder, die ich in diesem Krieg sehen musste. An der Stelle unseres Hauses war nur noch ein rauchender Trümmerberg zu sehen. Wir hatten plötzlich kein Zuhause mehr!

Von unserem Haus standen nur noch zwei Wände. Als wir nach der Entwarnung den Luftschutzbunker wieder verließen, stand der Rest unseres Hauses noch in Flammen und Rauch.

Am nächsten Tag, wir Kinder schliefen bei Freunden, versammelten sich alle Bewohner des Hauses vor der Ruine, aus der es immer noch qualmte. Eine von den zwei Wänden, die noch standen, war eine Küchenwand. Und daran hing noch mein Hampelmann. Ich glaube, der tat so, als wenn ihn das alles gar nichts anging. Den wollte ich ein paar Tage später natürlich haben. Keiner konnte mir jedoch diesen Wunsch erfüllen. Selbst mein sonst so mutiger Vater weigerte sich, in die Ruine zu klettern. Zu groß wäre das Risiko für ihn geworden. Es wäre für Vati lebensgefährlich gewesen, in der Ruine herumzuklettern.

Das konnte ich kleiner Bub selbstverständlich nicht verstehen.

An dieser Stelle möchte ich die Erinnerungen meiner zwölf Jahre älteren Schwester, mit ihrer ausdrücklichen Genehmigung und leicht gekürzt, wiedergeben:

»Ende Herbst 1944 kam Mutter mit Hans und Klaus aus Schlesien zurück, um für den Winter warme Kleidung zu holen.

Sie waren wegen der zunehmenden Luftangriffe im Sommer in das Ruhrgebiet evakuiert worden und lebten in Klein Öls bei Breslau.

Ihre Heimreise stand aber unter keinem guten Stern.

Im Ruhrgebiet – und so auch in Castrop-Rauxel – nahmen die Luftangriffe massiv zu. Das Leben spielte sich zunehmend unter Sirenenalarm-Bedingungen ab.

Als Luftschutzbunker diente uns ein Grubenstollen der Zeche Victor (Rauxel) der Klöckner-Werke AG.

Der Stollen bestand aus einem in Fels gehauenen, endlosen Gang, der war eiskalt und nass. Zum nächtlichen Sitzen waren Lattenbänke an den Wänden entlang aufgestellt, der verschlammte Boden war mit Laufbohlen abgedeckt.

Das Wasser tropfte von den Wänden und hinterließ auf der Kleidung Kalkflecken. In diesem Umfeld mussten wir oft ganze Nächte zubringen.

Der Bunker galt als sicher, es waren ja auch 500 Treppenstufen hinab ins Erdinnere zu steigen.

Am nächsten Tag ging aber das Leben mit den vielseitigen Pflichten für den Einzelnen weiter. Am 4. November 1944, mittags um 13.00 Uhr, stand auch unser Haus in Flammen.

Der Wohnbereich, inmitten der strategischen Industriebetriebe ›Klöckner-Werke GmbH‹ und ›Rütgerswerke und Teerverwertung AG‹, war mit Phosphorbomben eingedeckt worden.

Noch nach Wochen flammten erneut Brandherde auf der Straße auf.

Unser Haus, ein massives dreistöckiges Klinkergebäude, war restlos zerstört. An einer stehen gebliebenen Wand hing im ›dritten Stock‹ noch unsere Küchenuhr – ein weißes Stück Porzellan mit blauen Zahlen und Ornamenten. Ein gespenstischer Anblick in brennenden Trümmern – das letzte Stück von einem sechsköpfigen Haushalt.

Nach diesem Schicksalsschlag wurde uns als erste Schlafstelle die Wohnung einer evakuierten Familie zugewiesen.

Zur Wiederbeschaffung von Wäsche und Kleidung erhielten wir ›Bezugsscheine‹, aber ohne finanzielle Hilfe. Wir standen buchstäblich mit ›nichts‹ auf der Straße.

Das Leben wurde für uns – das heißt für Mutter mit uns zwei Kindern – immer bitterer.

Vater war im Sauerland ›dienstverpflichtet‹, Wilfried, der älteste Bruder, war Soldat.

Die Luftangriffe wurden immer brutaler, man war zu keiner Zeit mehr sicher, die für das tägliche Leben notwendigen Aufgaben durchzuführen.

So endete zum Beispiel die Aktion ›Baden‹ von Hans und Klaus in einer ›Volksbadewanne‹ – die nassen Körper in Decken eingewickelt, die ich als Bündel unter meinem Arm getragen hatte – in einem ›Zuckerhut‹. Das waren sogenannte Einmann-Splitterschutzunterstände. Wir mussten aber zu dritt unterkommen, denn zum Bunker im Stollen hätten wir es nicht mehr geschafft.

Am nächsten Tag haben wir das bestätigt bekommen: Die Erde war mit Bombensplittern übersät.«

So viel aus den Erinnerungen meiner Schwester Inge. Sie schrieb diese Erinnerungen in ihrem 81. Lebensjahr für dieses Buch nieder.

Dafür danke ich ihr von ganzem Herzen, weiß ich doch, dass diese Zeilen sie innerlich sehr aufgewühlt haben.

Da wir jetzt kein Dach mehr über dem Kopf hatten und wahrscheinlich niemand wusste, was aus uns Obdachlosen würde, erhielten wir Kinder ein paar Tage später ein großes weißes Schild um den Hals gehängt. Darauf stand, dass wir wieder evakuiert wurden.

Es war ein großes Glück, dass Mutti mit uns auf die Reise ging. Das Reiseziel war, wie schon im Sommer, Schlesien. Wir wurden in ein kleines Dorf, unweit der Landeshauptstadt Breslau, eingewiesen.

Ich erinnere mich noch sehr genau daran, dass mein Bruder von mir und Mutter getrennt wurde. Dabei dachte ich immer, dass mein lieber Bruder auf einem Rittergut wohnen würde, stattdessen war er aber bei einer Familie in einem schönen kleinen Häuschen untergebracht. Wie es meinem Bruder gelang, zu den Pferden des Rittergutes zu finden, ist mir bis zum heutigen Tag nicht in meiner Erinnerung geblieben. Ich erinnere mich aber noch sehr genau daran, dass er in meiner Heimatstadt bereits schon einige Zeit mit einem Fuhrunternehmer befreundet war, der unter anderem auch Pferde besaß. Was konnte also meinem Bruder Besseres passieren, als zu seinen geliebten Pferden zu kommen? Welch ein Glück für meinen Bruder!

Ich habe Hans in der Zeit unserer Evakuierung in Schlesien sehr wenig gesehen. Ich glaube, dies lag auch ein bisschen an den schönen Reitpferden.

Hans und ich waren zwei gut aussehende Jungen. Mutter war natürlich sehr stolz auf uns. Einmal hat sie für jeden von uns Jungen einen Pullover gestrickt. Noch heute ist es mir ein Rätsel, wie Mutter damals in Schlesien an die Strickwolle kam.

Jedenfalls hatte Mutter eines Tages einen Termin beim Fotografen des Dorfes und so entstand das wohl schönste Foto, das ich noch heute von ihr und meinem Bruder besitze. Selbstverständlich wurden wir in unseren neuen Pullovern fotografiert. Als das Foto entstand, war mein Bruder acht und ich sechs Jahre alt und Mutti war auch noch sehr jung. Dieses Foto befand sich viele Jahre im Besitz meiner Schwester Inge. Ich bin sehr froh darüber, dass sie mir inzwischen diesen kleinen Schatz überlassen hat.

So vergingen die Monate. Es war ein bitterkalter Winter in Schlesien im Januar des Jahres 1945.

Doch es war zum Glück viel Schnee vom Himmel gefallen und ich konnte auf dem Dorfanger mit den anderen Kindern jeden Tag rodeln gehen. Von Mutter wusste ich, dass auch noch viele andere Kinder ihr Zuhause verloren hatten.

Nun hatte ich mich schon in der fremden Umgebung eingelebt, ich fühlte mich fast wie zu Hause.

An mein zerstörtes Elternhaus dachte ich gar nicht mehr. Doch eines Morgens war kein Kind auf dem Rodelhang am Dorfanger zu sehen. Es waren auch keine Leute von dem Bauernhof zu sehen, auf dem ich mit meiner Mutter wohnte. Auch war mein Bruder auf einmal ganz überraschend bei uns. Und nicht zum ersten Mal hörte ich plötzlich wieder dieses verdammte auf- und abschwellende Geheul einer Sirene. Nur dass ich es diesmal nicht in meiner Heimat, sondern in der Fremde wahrnehmen musste. Ich wusste sofort, was die Stunde geschlagen hatte.

Abbildung 1: Mein Bruder Hans vor seiner damaligen Unterkunft

Irgendjemand schrie: »Die Russen kommen!«, und alle Leute rannten ganz aufgeregt im Dorf herum. So jedenfalls habe ich es mit meinen sechs Jahren jedenfalls empfunden. Plötzlich war die Angst wieder da; sie übertrug sich auf alle Menschen, die sich vor dem Gauamt des Dorfes versammelten. Durch den Gauleiter wurde den Herumstehenden mitgeteilt, dass die feindliche Armee, aus Osten kommend, in Kürze in »sein Dorf« einmarschieren würde und deshalb alle Bewohner unverzüglich das Dorf zu verlassen hätten. Das war natürlich die Übersetzung meiner Mutter in eine verständliche Sprache für uns Kinder.

Den Vorrang erhielten selbstverständlich die evakuierten Familien, für die auch schon Militärfahrzeuge der deutschen Wehrmacht bereitgestellt wurden. Meine Mutter, mein Bruder und ich mussten in einen Sanitätskrankenwagen einsteigen. Als Geleitschutz waren auch zwei Soldaten dabei. Die Fahrt ging über eine lange Zeit. Ich erinnere mich, dass wir mehr standen als fuhren. Aus den Gesprächen der begleitenden Soldaten konnte man entnehmen, dass unser Konvoi von feindlichen Flugzeugen häufig beschossen wurde.

Meiner Mutter habe ich ihre Angst nicht angemerkt, zumindest zeigte sie uns Kindern nicht ihre Gefühle in dieser Situation.

Im Krankenwagen war es sehr kalt. Wir befanden uns im hinteren Teil des Autos, die Seitenscheiben waren völlig vereist, und so konnten wir nicht sehen, was sich da draußen abspielte Das war vielleicht auch ganz gut so.

Mutter wärmte uns mit Decken aus dem Fahrzeug und wir kuschelten uns an sie, wahrscheinlich so lange, bis wir einschliefen.

Dabei haben mein Bruder und ich nicht einmal bemerkt, dass Mutter uns mit ihrer Decke noch zusätzlich warm halten wollte. Für diesen freiwilligen Verzicht wurde unsere liebe Mutter wahrscheinlich wenige Monate später sehr krank.

Auf diese Weise haben mein Bruder und ich die Fahrt bis Breslau überstanden. Diese große Stadt musste wohl schon einige Bombenangriffe hinter sich haben. Überall Rauch und Flammen, so weit das Auge reichte!

Wir liefen durch zerbombte Straßen und viele Häuserfronten sahen so aus wie unser ausgebombtes Elternhaus in Castrop-Rauxel.

Es war schon dunkel und wir hatten noch keine Unterkunft. Du lieber Gott, was musste Mutter mit uns durchmachen!

Es war kalt, wir froren und wir hatten Hunger. Auf einmal befanden wir uns in einer Turnhalle. Man hörte ständig Befehle und lautes Schreien auf der Straße. Im Übrigen waren wir immer in großer Gefahr. Die Angriffe der feindlichen Flugzeuge und deren Bombardierungen hielten die ganze Nacht an. In bedrohlicher Nähe der Turnhalle schlugen ständig die Fliegerbomben ein.

Ich glaube noch heute daran, dass der liebe Gott in dieser Nacht seine schützende Hand über die Turnhalle hielt. Leider konnte unser Herrgott aber nicht überall zur gleichen Zeit sein. Das sah man am nächsten Tag.

Im Umkreis unserer nächtlichen Unterkunft stand kein Haus mehr. Überall hörte man Namen rufen, viele Menschen weinten, und es brannte und rauchte in den Straßen mehr denn je.

Diese Dinge habe ich in meinem ganzen bisherigen Leben nie vergessen, sie sind mir immer in Erinnerung geblieben.

Doch es sollte noch schlimmer kommen. Die nun folgende Bahnreise aus dem bereits von feindlichen Armeen besetzten Teil Deutschlands übertraf aus meiner Sicht und in meinem kindlichen Empfinden alles bis zu diesem Zeitpunkt Erlebte um ein Vielfaches an Grausamkeiten. Wir Kinder hatten wahnsinnige Angst.

Am späten Nachmittag dieses Tages rannte Mutter mit uns Jungen zum Bahnhof. Ich bin fest überzeugt, dass ich hier das erste Mal richtig laufen gelernt habe.

Mutter wollte unbedingt einen ganz bestimmten Zug erreichen. Sie hatte erfahren, dass vom Hauptbahnhof Breslau noch ein Zug nach Thüringen fahren würde.

Im Personenzug nach Thüringen

Hauptbahnhof Breslau im Januar 1945

Der Bahnsteig war so voller Menschen, dass durchaus die Gefahr bestand, die Mutti oder meinen Bruder in diesem Gedränge zu verlieren.

Und alle wollten sie zur gleichen Zeit einsteigen!

Irgendjemand hob mich Knirps durch ein heruntergelassenes Abteilfenster in den Waggon. Da wurden die Fenster ja noch mithilfe eines Lederriemens nach unten oder nach oben gezogen. Bisweilen ging das aber auch nicht, weil die Lederriemen von irgendwelchen Strolchen abgeschnitten worden waren. In dieser Zeit hatten die meisten Waggons der Deutschen Reichsbahn noch für jedes Abteil eine separate Tür. Im Abteil selbst wurde ich in das Gepäcknetz befördert. Na, wenigstens war ich gut aufgehoben. Ich lag in luftiger Höhe und Mutti hatte einen Fensterplatz schräg unter mir ergattert. Mein Bruder muss wohl unter mir einen Sitzplatz gefunden haben oder er saß vielleicht auf einem abgestellten Koffer.

Irgendwann ging die Fahrt endlich los. Der Zug fuhr sehr langsam aus dem Bahnhof heraus. Wenn die Rauchwolken der Lok es zuließen, konnte ich aus meinem »Hochsitz« die beleuchteten Weichen der Gleisanlagen bestaunen. Jahre später nach dieser Fahrt hatte ich noch immer den Eindruck, dass der Zug damals nur in einem großen Kreis fuhr. Dann, irgendwann, waren die Weichen und Gleise neben dem Zug verschwunden. Der Zug wurde schneller und ich in meinem Gepäcknetz immer müder, bis mich trotz aller Neugierde, aus dem Fenster schauen zu wollen, dann wohl doch der Schlaf überraschte.

Unser Zug fuhr inzwischen durch die Unendlichkeit der weiten schlesischen Wälder. Trotz aller Müdigkeit, die mich in meinem »Hochbett« überfallen hatte, wurde ich wieder wach, wahrscheinlich weil der Zug stand und ich gleichwohl die gespenstische Stille im Abteil im Unterbewusstsein wahrnahm. Mutti muss mich gut beobachtet haben, denn als ich sie rufen wollte, hielt sie mir sofort mit ihrer Hand den Mund zu. »Pst! Sei ganz still und hab keine Angst, Klaus.«

Vielleicht war ich aber auch wach geworden wegen des ab und an heftigen Zuknallens der vielen Abteiltüren, die am gesamten Zug vorhanden waren. Ich konnte aus dem Abteil durch das Türfenster erkennen, dass der Zug stand, mitten im tiefen und sehr gespenstischen dunklen Wald. Aber warum war in unserem Abteil und wahrscheinlich auch in den anderen Waggons kein Laut zu hören?

Angst und Entsetzen breiteten sich im Zug aus. Das habe ich später von meiner Mutter in Erfahrung gebracht.

Ab und an hörte man jetzt Schreie von Frauen und Kindern, die sich im und außerhalb des Zuges befanden. Es war aber niemand zu sehen. Wenn ich aus dem Fenster schauen wollte, wurde ich von Mutter sofort wieder in das Gepäcknetz zurückgedrückt. Alles, was ich sehen konnte, war der dunkle Wald.

Als ich Mutter fragte, warum wir wieder standen, versuchte sie mir zu erklären, dass Flugzeuge über dem Wald flogen und der Zug deshalb stehen bleiben musste.

Nach einer kurzen Weile ging es tatsächlich weiter. Aber nicht lange. Als wir wieder standen, wurde plötzlich unsere Abteiltür aufgerissen.

Ich erinnere mich sehr genau:

Draußen, in der Dunkelheit, standen Leute mit Gewehren und schrien meine Mutter an. Ich konnte nicht verstehen, was sie von meiner Mutter wollten. Sie schrien immer lauter und plötzlich wollten sie meine Mutter aus dem Abteil zerren.

Unser großes Glück bestand darin, dass der Zug auch von einigen mutigen Männern begleitet wurde. Diesen Männern gelang es, die Frauen und Kinder in unserem Abteil zu beschützen.