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Der Autor steht für einen unverwechselbaren Schreibstil. Er versteht es besonders plastisch spannende Revolverduelle zu schildern und den ewigen Kampf zwischen einem gesetzestreuen Sheriff und einem Outlaw zu gestalten. Er scheut sich nicht detailliert zu berichten, wenn das Blut fließt und die Fehde um Recht und Gesetz eskaliert. Diese Reihe präsentiert den perfekten Westernmix! Vom Bau der Eisenbahn über Siedlertrecks, die aufbrechen, um das Land für sich zu erobern, bis zu Revolverduellen - hier findet jeder Westernfan die richtige Mischung. Lust auf Prärieluft? Dann laden Sie noch heute die neueste Story herunter (und es kann losgehen). Das Blei fuhr ihm in die Knochen und warf ihn gnadenlos um. Hart knallte er auf die Planken des Gehsteiges und rollte sich geistesgegenwärtig in die nachtdunkle Hofeinfahrt hinein. Bösartig peitschten vom anderen Straßenrand die Schüsse herüber, und grelles Mündungsfeuer erhellte sekundenlang ein haßverzerrtes Gesicht. Kugeln prasselten gegen die Holzwand des Hauses und zertrümmerten das Fenster. Glas klirrte. Jemand schrie im Haus bellend auf. Siedend heiß zuckte der Schmerz durch die Knochen des Marshals. Ächzend warf er sich auf den Bauch und stieß die Faust mit dem Coltrevolver nach vorn. Der Kolben riß eine Furche in den Sand. Hämmernd jagte der Colt Feuer und Blei über die Straße – dorthin, wo die Mündungslichter des heimtückischen Gewehrschützen das Dunkel der Nacht zerrissen. Niemand sah in diesen Sekunden das Gesicht des Marshals – dieses steinerne Gesicht mit den rauchgrauen Augen. Niemand hörte seine kalten, heiseren Worte. Und niemand stand ihm bei, als er dem Tode näher war als dem Leben… Drüben ertönte ein Aufschrei, gellte durch die Stadt und versickerte in der Nacht. Ein Gewehr polterte auf den Gehsteig. Röchelnd schwankte der hinterhältige Schütze aus dem tiefen Schatten des Hauses hervor und griff mit flatternden Händen an die Brust. Wieder brüllte der schwere Colt des Marshals auf, und der Mann drüben am Straßenrand sank auf die Knie und kippte aufs Gesicht. Türen wurden aufgestoßen, Stimmen tönten durcheinander. Aus dem Saloon quollen Männer hervor. Wild stampften die angeleinten Pferde. Aus dem Sheriff's Office stürzte der Sheriff mit seinen Gehilfen auf die Straße. Langsam und schwankend wuchs der Marshal aus
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Seitenzahl: 148
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Das Blei fuhr ihm in die Knochen und warf ihn gnadenlos um. Hart knallte er auf die Planken des Gehsteiges und rollte sich geistesgegenwärtig in die nachtdunkle Hofeinfahrt hinein. Bösartig peitschten vom anderen Straßenrand die Schüsse herüber, und grelles Mündungsfeuer erhellte sekundenlang ein haßverzerrtes Gesicht. Kugeln prasselten gegen die Holzwand des Hauses und zertrümmerten das Fenster. Glas klirrte. Jemand schrie im Haus bellend auf. Siedend heiß zuckte der Schmerz durch die Knochen des Marshals. Ächzend warf er sich auf den Bauch und stieß die Faust mit dem Coltrevolver nach vorn. Der Kolben riß eine Furche in den Sand.
Hämmernd jagte der Colt Feuer und Blei über die Straße – dorthin, wo die Mündungslichter des heimtückischen Gewehrschützen das Dunkel der Nacht zerrissen.
Niemand sah in diesen Sekunden das Gesicht des Marshals – dieses steinerne Gesicht mit den rauchgrauen Augen. Niemand hörte seine kalten, heiseren Worte. Und niemand stand ihm bei, als er dem Tode näher war als dem Leben…
Drüben ertönte ein Aufschrei, gellte durch die Stadt und versickerte in der Nacht. Ein Gewehr polterte auf den Gehsteig. Röchelnd schwankte der hinterhältige Schütze aus dem tiefen Schatten des Hauses hervor und griff mit flatternden Händen an die Brust.
Wieder brüllte der schwere Colt des Marshals auf, und der Mann drüben am Straßenrand sank auf die Knie und kippte aufs Gesicht.
Türen wurden aufgestoßen, Stimmen tönten durcheinander. Aus dem Saloon quollen Männer hervor. Wild stampften die angeleinten Pferde. Aus dem Sheriff’s Office stürzte der Sheriff mit seinen Gehilfen auf die Straße.
Langsam und schwankend wuchs der Marshal aus dem kalten Staub empor und senkte den rauchenden Colt. Er machte zwei Schritte und taumelte gegen die Hauswand. Die Augenlider flatterten, er kniff sie zusammen und stierte auf die Fahrbahn hinaus. Fackellicht geisterte durch die Dunkelheit. Männer beugten sich drüben über den Toten.
Es war geschehen – und Marshal Sharlock hatte wieder einmal mehr in seinem Leben schießen und töten müssen. Er konnte nicht auf den Beinen stehen. Mit dumpfem Geräusch fiel er auf die Seite und stöhnte auf. Das Gesicht war verzerrt vor Schmerz. Er schob den Colt in die Halfter zurück und hörte die Menschen rufen und durcheinanderreden.
Der heimtückische Gewehrschütze hatte ihn erwischt. Das Hosenbein war zerfetzt worden. Eine andere Kugel hatte seine Schulter aufgerissen.
Marshal Sharlock wollte es nicht wahrhaben, daß er zusammengeschossen worden war. Er kämpfte gegen die Schmerzen an und biß die Zähne so hart zusammen, als wollte er sie ineinander verkeilen. Als er den Sheriff und dessen zwei Gehilfen erblickte, brüllte er auf – und der Sheriff kam herangehastet.
»Marshal!« keuchte er erschrocken. »Was ist los? Hat der Halunke Sie erwischt?«
»Ja, ein paar Schrammen. Aber ich kann nicht gehen, zum Teufel. Ziehen Sie mich hoch und bringen Sie mich in das Office.«
Sheriff Malone packte Sharlock unter den Schultern und zog ihn langsam hoch. Sharlock stützte sich schwer auf ihn. Er atmete gepreßt und starrte mit verengten Augen zur Straße.
»Kennen Sie den Kerl, Sheriff?«
»Nein. Das ist irgendeiner dieser tollwütigen Kerle gewesen, die uns das Leben zur Hölle machen können. Kommen Sie, Marshal.«
»Nicht auf die Straße!« Sharlock sträubte sich. »Über die Hinterhöfe, Sheriff!«
Malone blickte ihn seltsam an. Sie konnten sich in der dunklen Hofeinfahrt nur verschwommen erkennen. Licht zuckte herüber. Malone schickte einen seiner Gehilfen weg, um den Arzt zu holen. Dann geleitete er Sharlock über die Hinterhöfe. Der Marshal zog ein Bein nach. Wie ein Dieb mußte er sich über die dunklen Höfe bewegen. Niemand sollte sehen, daß es ihn erwischt hatte. Ein Marshal wie er hatte zu viele Feinde.
»Ich hab noch einen anderen gesehen«, ächzte er. »Der Kerl verschwand sofort, als ich zurückschoß.«
»Warum das alles, Marshal? Wer sollte einen Grund haben, Sie wie einen tollwütigen Hund abzuknallen?«
»Es gibt verdammt viele Gründe, Sheriff. Ist noch niemals auf Sie geschossen worden?«
Malone lachte bitter auf.
»Mehr als einmal, aber ich lebe noch, wie Sie sehen.«
»Ja…« Sharlock schwieg und biß die Zähne zusammen. Sie erreichten die Hintertür des Office und verschwanden ungesehen vom Hof. Im Hinterraum des Office ließ Sharlock sich auf dem Schlaflager nieder. Horchend saß er still. Auf der Straße liefen Menschen. Irgendwer schrie laut nach dem Sheriff.
»Ich muß raus«, sagte Malone. »Der Doc wird gleich hier sein. Ich fang ihn ab und schicke ihn durch die Hintertür.«
Sharlock nickte und sah ihm nach. Die Tür klappte zu. Er war allein. Schweißperlen standen auf seinem harten Gesicht. Wieder kniff er die Augen zusammen, wischte mit dem Handrücken über die Augen, atmete rasselnd und griff zum Messer, schlitzte das Hosenbein auf und betrachtete die Wunde.
»Verdammter Mist«, flüsterte er, »fast wärst du für immer auf die Nase gefallen… Hol der Teufel die Halunken!«
Still saß er auf dem Lager und wartete.
Nebenan im Office war es still. Die Lampe blakte und streute ihr gelbes trübes Licht aus. In einer der Zellen kauerte ein Mann und stierte wie gebannt zur Tür, doch niemand kam, um ihn zu befreien.
Die Hintertür knarrte. Sharlock sah, wie der Arzt hereinkam. Schweigend stellte der Arzt seine dickbauchige Tasche auf das Lager und betrachtete die Beinwunde. Wortlos holte er seine Instrumente hervor, verschiedene Tinkturen, Verbandzeug und eine Flasche Whisky.
»Trinken Sie, Marshal.«
»Ich brauche das Zeug nicht, Doc. Fangen Sie an.«
Sharlock stöhnte verhalten auf, als der Arzt die Beinwunde behandelte. Schließlich legte er den Verband an und zog das zerfetzte Hosenbein über den Verband.
»Legen Sie sich hin, Marshal. Sie haben verdammt viel Glück gehabt. Hätte der Kerl Sie voll getroffen, wäre es aus mit Ihnen. Auf diese kurze Entfernung reißt ein Gewehrschuß glattweg die Schulter weg. Die Kugel hat die Schulter nur gestreift. Sie müssen einen Schutzengel haben, Marshal.«
Sharlock lächelte verzerrt.
»Schon möglich, Doc. Flicken Sie mich wieder zusammen. Ich muß bald wieder weg, ich kann nicht ewig in Tucson bleiben…«
»Sie haben einen großen Willen, Marshal. Sie sind zäh wie Rindsleder – aber so schnell geht das alles nicht. Sie werden sich ein paar Tage gedulden müssen. Zweimal sind Sie erwischt worden. Sie brauchen Ruhe. Vergessen Sie mal Ihre Pflichten und die Gedanken an Ihren Job.«
In den grauen Augen des Marshals flackerte es kurz auf. Er bewegte sich kaum, als der Arzt die Schulterwunde freilegte. Sanft drückte der Arzt ihn auf das Lager zurück und hob seine Beine vorsichtig hoch, legte sie auf das Lager und behandelte dann die Schulter.
»Ich bin US-Marshal, Doc«, murmelte er. »Mein Office ist fünfzig Meilen von hier – in San Pedro. Mein Bruder lebt dort. Ich will nicht lange dort bleiben. Ich muß wieder weiter, Doc.«
»Ihr US-Marshals seid wohl niemals irgendwo zu Hause, wie? Ihr müßt immer unterwegs sein.«
»Stimmt, Doc.«
»Das ist ein Höllenjob. Das wäre nichts für mich. Ein Mann muß sein Zuhause haben, einen festen Platz, wo er sich ausruhen kann, wo eine Frau immer für ihn da ist.«
Sharlock blickte gedankenversunken zur Decke empor.
»Ich bin nicht allein, Doc«, sprach er fast klanglos vor sich hin. »Ich habe meinen Bruder und eine gute Bekannte.«
»Keine Freundin, Marshal?«
»Doch – sie ist es. Aber ich werde sie wohl niemals heiraten. Ich will sie nicht unglücklich machen. Ein Marshal darf nicht verheiratet sein. Die Frau wäre nicht glücklich, sie müßte immer Angst um ihren Mann haben. Das will ich meiner Bekannten nicht antun.«
»Dann legen Sie doch den Stern ab!«
»Das ist nicht so einfach, Doc. Als Marshal habe ich mir zu viele Feinde gemacht. Selbst wenn ich wollte, wenn ich in Ruhe und Frieden und als einfacher Bürger leben wollte, würden die Halunken mich nicht in Ruhe lassen! Irgendwann würden sie kommen und sich rächen wollen. Und wenn sie mich nicht sofort erwischen könnten, dann würden sie über meine Frau herfallen und mich zwingen, zu ihnen zu gehen. Sie würden mir eine tödliche Falle stellen.«
»Sie halten nicht viel von den anderen Menschen, wie?«
»Irrtum, Doc. Ich halte nichts von Halunken, aber viel von den Menschen, die tapfer sind. Feiglinge kann ich nur verachten.«
»Halten Sie still, ich muß die Stofffetzen herausholen… Ja, Sie haben wirklich Schwein gehabt, Marshal… So, das wäre geschafft. Sie müssen sich jetzt ausruhen. Sie haben Blut verloren.«
Der Arzt legte den Verband an und warf immer wieder schnelle Blicke in das graue angespannte Gesicht des Marshals. Deutlich war der bittere, harte Ausdruck zu erkennen.
»Also keine Frau, Marshal…«
»Ja, Doc. Jetzt schon gar nicht. Irgendwelche Kerle haben es auf mich abgesehen.«
Der Arzt räumte seine Instrumente weg und nahm die Tasche. Ernst blickte er auf den Marshal hinab.
»Ich komme morgen wieder vorbei, Marshal. Soll nicht morgen der Bandit gehängt werden?«
Sharlock nickte, und als der Doc gegangen war, versank er wieder ins Grübeln.
Draußen auf der Straße wurde es allmählich still. Sheriff Malone hatte sich durchsetzen können und die Leute von der Straße geschickt. Er kam wenig später durch die Hintertür herein.
»Alles in Ordnung, Marshal?«
»Ja. Ich bleibe vorerst hier, Sheriff. Der Bandit braucht mich nicht zu sehen.«
»In Ordnung, Marshal. Es bleibt also dabei – morgen steht er unter dem Galgen.«
»Das Gericht hat ihn zum Tode verurteilt. Das Urteil wird morgen vollstreckt.«
Malone setzte sich auf das Lager eines seiner Gehilfen und rieb die Hände aneinander. Er atmete schwer ein und seufzte.
»Ich frage mich, warum auf Sie geschossen wurde, Marshal. Sie sind erst seit ein paar Tagen in Tucson. Sie haben in der Gerichtsverhandlung den Banditen angeklagt, und die Geschworenen haben mit ihrem Urteil alle Ihre Anklagepunkte bestätigt. Es war ein Erfolg für Sie, Marshal. Dann war es zwei Tage ruhig, und heute nacht wird auf Sie geschossen. Einer konnte noch verschwinden. Was glauben Sie?«
»In der Zelle wartet Joe Flint auf den Tod, Sheriff. Die beiden Halunken könnten seine Komplicen sein. Sie wollten mich abknallen und dann dadurch die Geschworenen, den Richter und Sie unter Druck setzen. Ja, sie wollen Zeit gewinnen und ihren Freund herausholen. Aber wir lassen uns nicht darauf ein, Sheriff! Joe Flint hängt morgen früh. Ich habe ihn nicht umsonst an der Grenze gehetzt und erwischt.«
Malone bewegte unbehaglich die Schultern.
»Ich werde das Gefühl nicht los, daß dieser Joe Flint viele Freunde hat, Marshal! Sie haben ihn zur Verurteilung in diese Stadt gebracht. Seine Freunde werden das wissen. Wir müssen höllisch wachsam sein.«
Sharlock nickte und starrte ins Leere. Die Schmerzen prägten seinen Gesichtsausdruck. Er grübelte und schien die Anwesenheit des Sheriffs vergessen zu haben.
Nebenan im Office polterten die Schritte der Gehilfen. Malone ging in das Office und schloß hinter sich die Tür.
Sharlock hörte die Stimmen.
»Wir haben den Toten in die Sargtischlerei gebracht, Sheriff. In der Stadt ist es wieder ruhig. Die Leute sind im Saloon und in ihren Häusern. Wir haben nach einem Pferd gesucht, aber nichts gefunden. Noch nicht einmal eine Spur.«
»Das ist kein Wunder, Jungs. Tagsüber trampeln Hunderte von Pferden durch Tucson.«
»Ihr Schweine!« fauchte Joe Flint in der Zelle. »Ihr alle werdet sterben! Wenn ihr mich hängen laßt, dann werdet ihr bald schon von Kugeln zerrissen werden! Das schwöre ich euch!«
Im Nebenraum lag Sharlock still. Obwohl er Flint nicht sehen konnte, wußte er genau, wie das Gesicht dieses schwarzhaarigen Banditen aussah. Lange genug hatte er Joe Flint bei sich gehabt und dessen Flüche und Verwünschungen über sich ergehen lassen müssen.
In Tucson lauerte der Tod.
Sharlock durfte nicht gesehen werden.
Er verbrachte die Nacht im hinteren Raum. Malone und seine Gehilfen lösten sich in der Wache ab. Sharlock hörte sie, wenn sie kamen und sich schlafen legten, um zwei Stunden später wieder geweckt zu werden. Er hatte einen Alptraum und konnte nicht tief und fest schlafen. Er sah gähnende Tiefen und stürzte immer wieder hinunter. Er erblickte im Traum scheußliche und seltsame Wesen, halb Tier, halb Mensch, die wie Schakale aussahen, und er hörte Kojoten kläffen und Wölfe heulen. Eine endlos lange und breite Straße lag vor ihm. Die Häuser waren eingefallen – Ruinen des Grauens. Und aus den Häusern kamen sie alle hervor, gegen die er einst gekämpft hatte. Sie lebten plötzlich, sie schrien und lachten und zeigten mit knochigen Totenhänden auf ihn. Sie griffen nach seinen Beinen, und er konnte nicht mehr gehen. Ihre Finger waren wie kleine Saugnäpfe, die sich an seinem Körper festsogen, als wollten sie sein Blut haben. Die Gesichter waren tot und lebten dennoch. In den Augenhöhlen erschienen Skelette mit den Gesichtern seiner Feinde…
Schweißnaß erwachte er.
Draußen graute der Morgen.
Er stöhnte, drehte den Kopf und sah Malone neben dem Lager stehen.
»Sie haben im Traum gesprochen, Marshal… Ist es so schlimm? Dann geben Sie den Stern doch ab! Noch ist Zeit, Marshal.«
Sharlock schloß die Augen und entspannte sich.
»Es waren nur die Schmerzen, Sheriff«, log er und lächelte matt. »Sonst träume ich nicht.«
»Machen Sie mir nichts vor, Marshal. Auch ich habe manchmal schlimme Träume. Dann bin ich jedesmal froh, wenn ein neuer Tag beginnt und mich weckt… Kein Mensch kann wissen, wie sehr dieser Beruf uns fertigmacht. Wir sind die größten Narren des Westens, Marshal! Wir geben nicht auf, obwohl wir genau wissen, daß es Wahnsinn ist, den Blechstern weiterzutragen. Das kann man nur vier, fünf Jahre tun, aber dann wird es höchste Zeit, sich nach einem anderen Job umzusehen.«
»Ich bin schon wieder in Ordnung, Malone…«
»Natürlich, Marshal – bis zum nächsten Traum. Und diese Träume werden immer schlimmer. – Möchten Sie einen starken Kaffee?«
»Ja.«
Sharlock setzte sich vorsichtig aufrecht und bewegte das Bein. Der Schweiß perlte auf seinem Gesicht. Er unterdrückte den Fluch und entspannte sich noch mehr. Malone kam mit einem Becher voll dampfenden schwarzen Kaffee herein. Langsam trank Sharlock. Die Tür war angelehnt. Im Office saßen die beiden Gehilfen. Joe Flint stand in der Zelle und krampfte die Hände um die Eisenstangen. Der Bandit war blaß und hatte graue Flecken im Gesicht.
Jemand klopfte draußen gegen die Tür.
Die Gehilfen ließen ihn herein. Es war ein freundlich lächelnder Mann mit einem rosigen Gesicht. Schnaufend bewegte er sich durch das Office. Seine Körperfülle ließ keine schnellen Bewegungen zu. Vor der Zelle blieb er stehen.
»Guten Morgen, mein Junge«, sagte er. »Bist du bereit?«
Flint spie ihm ins Gesicht.
»Hau ab, du Dreckskerl!« fauchte er. »Wenn du mich aufknüpfst, dann wirst du elendig verrecken!«
Der Henker wischte den Speichel aus dem Gesicht und schüttelte wie betrübt den Kopf.
»So solltest du nicht mit mir reden, mein Junge. Ich will dir das Sterben doch nur leichter machen. Es gibt manchen Kollegen von mir, der pfuscht dabei und läßt die Jungs ziemlich lange zappeln. Bei mir ist alles richtige Maßarbeit. Ruckzuck und aus ist es. Du wirst nichts spüren…«
Joe Flint wich zurück zur harten Pritsche, würgte und übergab sich. Ein Schüttelfrost befiel ihn. Der ganze Körper bebte.
»Was ist denn mit dir, mein Junge?« meinte der Henker mit sanfter Stimme. »Hast du kein Vertrauen zu mir?«
Sharlock blickte den Sheriff düster an und nickte ihm zu. Daraufhin ging Malone in das Office zurück.
»Aah, Mr. Malone«, hörte Sharlock den Henker sagen. »Ein schöner Morgen heute, nicht wahr? Die Sonne geht schon auf. Wir müssen uns beeilen. Die Leute warten schon…«
»Nur keine Panik, Mister«, antwortete Malone mit kratzender Stimme. »Haben Sie alles vorbereitet?«
»Aber sicher, Sheriff, schon gestern abend. Ich denke, daß wir beginnen können. Willst du keinen Reverend, mein Junge?« Die Frage war an Joe Flint gerichtet.
»Nein!« schrie Flint haßerfüllt und krank vor Angst. »Geht alle zur Hölle!«
»Nach dir, mein Junge«, sagte der Henker freundlich, »und nun sei ganz ruhig. Sonst machst du dir selber alles schwer.«
Sharlock hörte nicht mehr hin. Er wollte nichts mehr hören. Langsam trank er den Kaffee, versuchte, den faden Geschmack hinunterzuspülen, und starrte auf irgendeinen Punkt im Raum.
Das Gesetz verlangte von ihm, gefangene Banditen einem Gericht vorzuführen. Er hatte immer gewußt, daß sie zum Tode verurteilt werden würden. Es hatte niemals eine Ausnahme gegeben. Aber gerade dieses Warten auf die Hinrichtung war grausam für die Banditen. Sharlock war der Meinung, daß die Banditen es leichter hätten, im Kampf zu sterben, als noch tagelang auf ihre letzte Stunde zu warten.
Nebenan quietschte die Zellentür. Der Bandit wehrte sich verzweifelt und mußte gewaltsam aus dem Office gezerrt werden. Der Morgenwind bewegte die knarrende Tür des Office. Schritte entfernten sich. Stimmen tönten durch Tucson…
Mühsam richtete er sich auf und schwankte in das Office, setzte sich an den Tisch und blickte auf seine sehnigen Hände.
Draußen liefen Einwohner vorbei. Sogar Frauen und Kinder hasteten zum großen Platz, wo das Galgengerüst stand.
Eine dumpfe Ahnung befiel Sharlock. Er spürte ganz plötzlich die Gefahr, die zwischen den Häusern im Schatten lauerte.
Ächzend kam er hoch und humpelte zur Tür. Die Straße war wie leergefegt. Stimmen waren zu hören. Männer schrien nach dem Tod des Banditen. Haustüren standen offen, Hunde streunten umher, eine Katze hockte vor dem Saloon auf dem Geländer.
Mit verengten Augen stierte Sharlock über die Straße. Der Morgenwind tastete kühl über sein angespanntes Gesicht hinweg. Der erste Sonnenschein fiel gegen die Fenster der gegenüberliegenden Häuser, und die Glasscheiben reflektierten das Licht.
Irgendwo stampften Hufe…
Der Marshal legte die Hand auf den Coltrevolver und horchte. Die Stimmen der Menge übertönten den Hufschlag. Er beugte sich vor, doch kein Reiter war auf der Straße. Vielleicht näherten sich Cowboys im Schutze der Häuser der Stadt, doch Sharlock glaubte nicht daran. Er wollte das Office verlassen, knickte mit dem verbundenen Bein ein und mußte sich am Türrahmen festhalten.
Das Hufgetrappel war nicht mehr zu hören. Tiefe Stille herrschte plötzlich in der Stadt. Sharlock konnte nicht sehen, was geschah, doch er wußte, daß der Henker das Galgengerüst betreten hatte und dem zum Tode verurteilten Banditen jetzt die Schlinge um den Hals legte.
