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In dem vorliegenden Band erzählt die Autorin Geschichten ihrer Vorfahren, die in verschiedenen Dörfern im südlichen Teil des ehemaligen Kreises Ortelsburg (heute die polnische Stadt Szczytno) lebten. Sie schildert ihre eigenen Erlebnisse aus ihrer schönen Kindheit, der fürchterlichen Flucht aus Masuren, den Verlust der Heimat, und den Neuanfang in Westfalen. Und von ihren Reisen, bei der sie nach 33 Jahren zum ersten Mal ihr Heimatdorf wiedersehen konnte.
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Seitenzahl: 187
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Vorwort
Sommer 1978 - Eine Reise nach Masuren
Masuren im Jahre 1898
Zwischen Masuren und Westfalen
Die Zeit zwischen den Kriegen
Meine Kindheit in Masuren
Die letzten Tage in unserem Dorf
Auf der Flucht
Ankunft in Westfalen
Fluchtschicksale
Die Nachkriegsjahre
Meine erste Reise nach Ostpreußen
Meine zweite Reise nach Masuren
Die nächsten Reisen in meine alte Heimat
Anmerkungen
Dieses Buch musste ich schreiben für mich, um es mir von der Seele zu schreiben, für meinen Sohn und die Nachkommen und Familie, die nur wenig von unserem schönen Masuren wissen, von den Dörfern, die weitab von den großen Städten Ostpreußens lagen.
Denn der untere Süden, das tiefe Masuren von Ortelsburg bis zur polnischen Grenze über Willenberg bis Flammberg, das scheint vergessen zu sein. Diesem Landstrich gilt mein Buch. Gerade diese Landbevölkerung, die dort mit ihren Höfen angesiedelt war, hat durch die Flucht am meisten gelitten.
Manche haben in ihrem ganzen Leben nicht einmal ihre Kreisstadt besucht, sie lebten nur für ihren Hof und für ihr Land. Zum andern, wenn sie es nicht geschafft haben, im Januar 1945 vor den Russen zu flüchten, haben sie am meisten die Folgen zu spüren bekommen. Sie haben, nach der Grenzüberschreitung der Russen auf dem Gebiet, den aufgestauten unsäglichen Hass auf alles was Deutsch ist, zuerst abbekommen. Ganze Familien wurden erschossen oder erschlagen.
Ihnen gilt mein ganzes Mitleid.
Ich habe dieses Buch also geschrieben für meinen Sohn Ralph; meine Cousine Christiane, die Tochter des jüngeren Bruders meiner Mutter, und ihre Tochter Nina; für meine Cousine Gloria, der Tochter des älteren Bruders meiner Mutter, der mit 18 Jahren nach Amerika ausgewandert ist, und die ich nicht kennen gelernt habe; und für die vielen anderen Verwandten und Bekannten, die immer mal wieder fragen, wie es denn damals war, das Leben in Masuren.
Aber auch für manche polnischen Freunde, die ich heute in Szczytno/ Ortelsburg habe, wie die nette Bibliothekarin, die immer wissen wollte, wie wir Deutschen in dem Land, in dem sie – die Polen – jetzt leben, und in der früher wir Ostpreußen, wir Masuren gelebt haben. Wie wir gelebt und gewirkt haben, welche Sitten und Gebräuche bei uns üblich waren.
Und ich habe es für mich geschrieben, weil es an der Zeit ist, die schönen und die schrecklichen Jahre aufzuarbeiten.
Witten, im Oktober 2012
Ursula Greschkowitz
Samstag, 29. Juli 1978 nachmittags. Ein schöner, ganz warmer Sommertag. Endlich ist es soweit, endlich geht für mich ein Traum in Erfüllung, etwas worauf ich 33 Jahre lang gewartet habe. 33 Jahre war mein Herz voller Sehnsucht. Ich hatte Heimweh nach einem kleinen Dorf, nach einem kleinen Haus in Masuren, im Süden des ehemaligen Ostpreußen. Bei unserer Flucht im Januar 1945 war ich acht Jahre alt. Es kam mir immer so vor, als hätte ich die ersten acht Jahre meines Lebens im Paradies gelebt und bin dann daraus vertrieben worden. Seitdem hat mich die Sehnsucht nach diesem Paradies nie mehr verlassen. Ich wollte es wieder sehen, dieses Paradies, dieses kleine Dorf im Süden Ostpreußens, zwischen Wäldern und wogenden Kornfeldern. Es lag zwischen unserer Kreisstadt Ortelsburg und Willenberg, nur etwa 20 Kilometer von der damaligen Grenze zu Polen entfernt. Und nun wartet auf einem Parkplatz in Gelsenkirchen-Buer in Westdeutschland ein Bus, der meine Mutter, mich und über 30 andere Leute nach Masuren in unsere Heimat bringen soll.
„Wieso Heimat“, bin ich oft gefragt worden. „Ist Heimat nicht dort, wo man gerade lebt?“
Nein, wo ich gerade lebe, da ist mein Zuhause, aber Heimat ist dort, wo ich geboren bin, und das ist nun mal für mich, und für alle, die damals von dort flüchten mussten, unser Masuren.
Denn erst viele, viele Jahre nach unserer Flucht vor den Russen im Januar 1945, durften wir Deutsche wieder unsere Heimat besuchen. Nach dem unglückseligen Zweitem Weltkrieg, nach der Aufteilung der Ostgebiete, nach Flucht und Vertreibung der ostpreußischen Bevölkerung waren wir heimatlos.
Zwar haben wir uns hier im Westen ein neues „Zuhause“ aufgebaut, aber unsere Heimat, dort wo wir geboren und aufgewachsen sind, ist nun einmal im fernen Osten.
Jetzt wohnen dort fremde Menschen, Polen, die 1945 ebenso ihre angestammte Heimat verlassen mussten, und auf die Höfe und in die Häuser der geflüchteten und vertriebenen Deutschen gebracht wurden.
Wir konnten uns jetzt auf ein Wiedersehen freuen, aber für viele ist es zu spät. Menschen, die bei Kriegsende 40, 50 Jahre oder älter waren, die niemals ihre Heimat verlassen haben, nie aus ihren Dörfern raus gekommen sind, liegen in fremder Erde begraben, ohne ihre Heimat je wieder gesehen zu haben. Und gerade bei ihnen war das Heimweh am größten, gerade sie waren über die lange Lebenszeit am meisten mit ihrer Scholle verbunden. Gerade sie wären sicher auch noch zehn Jahre nach dem Krieg zu Fuß „nach Hause gelaufen“.
Wir verabschiedeten uns von meinem Mann Werner und meinem Sohn Ralph, der 16 Jahre alt ist. Beide haben uns zum Bus gebracht. Mein Vater ist zu Hause geblieben und war nicht dazu zu bewegen, mit in die Heimat zu fahren. Er, der seine Heimat so geliebt hat.
Die Reisegesellschaft bestand ohnehin fast nur aus Frauen. Die meisten waren sechzig, siebzig Jahre alt, hatten aber auch Töchter oder Enkel in ihrer Begleitung.
Warum nur so wenig Männer? Ich glaube, weil wir Frauen die Stärkeren sind, wir erlauben uns, Gefühle zu zeigen und wenn es nicht anders geht, weinen wir auch. Und das würde bestimmt passieren auf unserer Reise in die Vergangenheit.
Und gerade das wollte wohl mein Vater nicht. Er hätte es nicht verkraftet, den Hof seiner Eltern, die geschundene Stätte seiner Kindheit und Jugend wieder zu sehen. Fremde Menschen um Erlaubnis bitten zu müssen, den Hof zu betreten. Trotz seiner Sehnsucht, nein, das konnte er nicht. Er hat seine Heimat nie wieder gesehen.
Nach Winken und Platznehmen ging es auf die Autobahn. Diese Autobahn in Gelsenkirchen-Buer, wo es auf der A2 in Richtung Hannover geht. Wie oft sind wir schon vorher mit unserem Auto auf diese Autobahn gefahren, vorbei an dem Hinweisschild „1100 Km bis Allenstein“. (Gelsenkirchen hat seit 1952 Verbindungen und seit 1992 eine formelle Partnerschaft mit Allenstein.)
Und wie oft haben wir gedacht, und Werner, der aus Ortelsburg stammt, sprach es aus: „Jetzt auf der Autobahn bleiben und immer geradeaus fahren, bis wir in Allenstein sind.“
Von dort hätten wir noch 46 Kilometer in südlicher Richtung bis zu unserer Kreisstadt Ortelsburg, die jetzt „Szczytno“ heißt. Von Ortelsburg, wo er seine Kindheit und Jugend verbrachte, konnte er so viel erzählen. Und wären wir erst einmal dort, ist es auch nur ein Katzensprung, nämlich zwölf Kilometer, dann wäre ich in meinem Dorf, nach dem ich solche Sehnsucht hatte. Und ich würde nie mehr fortgehen, sondern für immer dort bleiben. Wer sollte uns daran hindern, immer geradeaus gen Osten zu fahren?
Nachdem wir wieder ein bisschen geträumt hatten, meinten wir: „Na ja, bei Helmstedt- Marienborn würden sie uns schon daran hindern, weiterzufahren.
Wir haben zwei nette Fahrer, die sich auf der Fahrt ablösen werden. Sie begrüßen uns herzlich und schildern uns den Verlauf der Fahrt. Es ist ziemlich ruhig im Bus, man merkt den Leuten ihre Anspannung an.
Meine Mutter sah mich an. „Na, aufgeregt?“
Ja sagte ich, aufgeregt und kribbelig, ich wünschte mir, der Bus würde fliegen. Noch immer konnte ich nicht glauben, dass ich morgen in meiner geliebten Heimat sein werde.
Wieder hingen wir unseren Gedanken nach. In Hannover nahmen wir noch Mitreisende auf. Schließlich um 23:45 Uhr erreichten wir Helmstadt- Marienborn. Ende der Bundesrepublik Deutschland, hinter der Grenze die DDR, „Deutsche Demokratische Republik“.
Ohne große Schwierigkeiten durften wir weiterfahren. Die Grenzbeamten haben wohl auch nicht damit gerechnet, dass jemand freiwillig in der DDR bleiben wollte. Auf der Rückfahrt war die Kontrolle schon schärfer, da hätte es schon eher passieren können, dass vielleicht ein Passagier aus Polen so in den Westen wollte.
Noch fünf Stunden Fahrt bis zur nächsten Grenze, Frankfurt an der Oder, die Grenze zu Polen. Jetzt wurde es doch laut im Bus, alle waren aufgekratzt. Polen, ja genau, wir reisten ja nach Polen, so steht es in den Reiseunterlagen, Ostpreußen gab es nicht mehr, es wurde 1945 von der Landkarte gestrichen. Wir sind damals aus Ostpreußen geflüchtet und kommen jetzt in unsere Heimat zurück, die nicht mehr unsere Heimat ist, sondern es ist jetzt Polen. Um 4:30 Uhr standen wir in einer endlosen Schlange von Bussen und Pkws. Jetzt wurde es ernst. Ein Grenzpolizist betrat unseren Bus. Er hatte eine kleine Kiste in der Hand und sammelte unsere Pässe mit Visum ein.
Passkontrolle, Gesichtskontrolle, Untersuchung des Kofferraums und Angaben über Geldsummen, die man mit nach Polen nehmen wollte. Für jeden Tag, den man in Polen verbringen wollte, musste man 30 DM in der Wechselstube in polnische Zloty umtauschen. Nachdem das erledigt war, saßen wir im Bus und warteten. Um 8:30 Uhr endlich durften wir weiterfahren.
Wir waren müde und erschöpft, als wir um zwölf Uhr mittags in Posen ankamen. Hier sollten wir im Novotel den Rest des Tages und die Nacht verbringen, bevor es am nächsten Morgen weiterging.
Obwohl die letzte Nacht im Bus eher schlecht war, hatten wir nicht die Ruhe, uns in unseren Zimmern hinzulegen. Mit mehreren Leuten gingen wir an der Warthe spazieren. Erst nach dem Abendessen legten wir uns hin und schliefen tief und fest, bis wir geweckt wurden.
Nach dem Frühstück um 7:30 Uhr bestiegen wir wieder unseren Bus uns los ging es zur letzten Etappe in Richtung Heimat.
Über Thorn, wo wir eine Stunde Aufenthalt hatten, und Osterode fuhren wir die letzten Stunden durch kleinere Städte und Dörfer.
Der Zustand der Häuser und Straßen war schrecklich. Abgeplatzter Putz, kaputte Dächer und Zäune.
Ständig fuhren wir durch Schlaglöcher, immer wieder flogen wir mit dem Kopf gegen die Decke. Dann verfuhr sich auch noch unser Busfahrer und war plötzlich von zwei Polizeiwagen umstellt. Aber es dauerte nicht lange und die Sache war geklärt. Wir wurden auf den richtigen Weg gewiesen.
Die Abstände zwischen den Dörfern wurden immer größer, dazwischen große Weideflächen, viel Wald und immer wieder Seen. Ich hing meinen Gedanken nach. Es war erst Mittag.
„Um 16:00 Uhr sollen wir ja in Allenstein sein, ob das wohl klappt?“, meinte meine Mutter. Und dann: „Warum bist du so still?“.
Ich sagte: “Ich bin in meinen Gedanken ganz weit weg in der Vergangenheit. Je mehr wir uns unserer Heimat nähern, desto mehr denke ich an das, was du mir immer erzählt hast.“
Und was immer wieder an kalten Winterabenden und bei flackernder Petroleumlampe erzählt wurde.
An die Anfänge unserer Familie, einer Familie aus Masuren.
In einem Dorf in Masuren in Ostpreußen, in Jeschonowitz (später Eschenwalde), ist für meine Urgroßmutter Luise Sokolies die Welt zusammengebrochen. Sie hat vier Kinder, einen großen Bauernhof, und nun ist ihr Mann Gottlieb gestorben. Er starb an Gelbsucht, damals ein Todesurteil, gerade einmal 40 Jahre alt. Luise war untröstlich, wie nur sollte sie die Arbeit auf dem Feld und mit den Tieren bewältigen. Die Arbeitskraft ihres Mannes fehlte. Ein paar Tage lang weinte sie heftig, ein paar Wochen trauerte sie, und dann stand fest, dass sie nicht alleine bleiben wollte. Die „guten“ Nachbarinnen kam ständig zu ihr, bemitleideten sie, und nach einiger Zeit wisperten sie ihr zu:
„Du Luise, in Schiemanen, der Jan Kapteina, er sucht eine Frau. Vor einem halben Jahr ist seine Frau gestorben und nun steht er mit seinen beiden Töchtern und der großen Landwirtschaft da, und es ist keine Ordnung mehr bei ihm in Haus und Garten“.
Die Nachbarinnen sahen sich an, wie würde Luise reagieren? Das Verkuppeln machte ihnen richtig Spaß.
Und Luise reagierte, wie man es von ihr erwartet hatte. Ja, sie sollten dem Herrn Kapteina ausrichten, dass sie ihn am Sonntag zum Kaffee erwartete.
Sie wollte nicht die ewig trauernde Witwe sein, also zog sie am Sonntagnachmittag ihr bestes Kleid an, bürstete ihr dickes dunkelblondes Haar, das so viele an ihr beneideten, und ertappte sich dabei, wie sie sich vor dem Spiegel am Kleiderschrank drehte wie schon lange nicht mehr. Pünktlich hielt Jan mit Pferd und Wagen vor der Tür. Luise ging hinaus und begrüßte ihn. Er war von ihrer Erscheinung so überwältigt, dass es ihm die Sprache verschlug. Schweigend trottete er hinter ihr her. Auch bei Kaffee – es gab noch keinen Bohnenkaffee, nur einen Aufguss aus gerösteten und gemahlenen Gerstenkörnern – und selbstgebackenem Kuchen taute er nicht so richtig auf. Das einzige, was er hervorbrachte, war: “Ich brauche eine Frau!“ Luise nickte. Erst als sich beide ein Schnäpschen genehmigt hatten, kam Jan zur Sache und konnte Luise überzeugen. Die Kinder August, Fritz und Auguste, außer dem zweijährigen Ludwig, versteckten sich hinter dem Gartenzaun, und hatten die Ankunft von Jan beobachtet. So lange war dieser Herr Kapteina nun schon bei ihrer Mutter. Ihr Herz klopfte bis zum Hals, denn obwohl sie noch so jung waren, erkannten sie, dass sich da etwas anbahnte, was sie überhaupt nicht wollten. Luise kam einmal aus dem Haus und rief nach ihnen, aber sie waren verschwunden.
„Diese Lorbasse hören gar nicht mehr auf mich“, meinte sie. Aber Auguste, ihre zehnjährige Tochter (die einmal meine Großmutter sein sollte), kam doch noch ins Haus und Jan konnte sie begrüßen.
„Ich habe auch zwei Marjellchens zu Hause, sie heißen Lotte und Friederike, werdet scheen miteinander spielen“.
Er sprach, wie alle in Masuren gesprochen haben, einige Worte weit auseinander gezogen und mit rollendem R.
Als Jan weggefahren war, stürmten die beiden Jungen ins Haus.
„Mama, Mama, was wollte der?“ Sie hingen an den Lippen ihrer Mutter und beteten, dass sie nicht das aussprechen möge, was sie befürchteten. Luise rang nach Worten, aber sie musste es ihnen sagen.
„Mama, warum willst du ihn denn heiraten, du hast doch uns?“ Was Luise dann sagte, war noch viel schlimmer. „
„Ja. Jan Kapteina und ich werden heiraten. Er hat einen großen Hof und viele Morgen Land, ich verkaufe hier alles und wir ziehen nach Schiemanen.“ Die Kinder klammerten sich an sie, weinten und bettelten.
„Mama, wir schaffen doch die Arbeit hier auf dem Hof auch alleine, Mama, wir gehen nicht mehr in die Schule. Wir wollen vom Morgen bis zum Abend arbeiten, aber tu es nicht, tu es nicht!“
Im 19. Jahrhundert konnten Kinder, die auf dem Lande wohnten, der Schule fernbleiben. Die Arbeit auf den Höfen und in der Landwirtschaft gingen vor.
„Fritz“, sagte Luise, „du bist doch erst zwölf Jahre alt und du, August, dreizehn. Es geht einfach nicht.“
Luise blieb stur, außerdem fühlte sie sich geehrt und freute sich, wieder einen Mann an ihrer Seite zu haben.
Den Kindern kam es vor, als hätte man ihnen den Boden unter den Füßen weggezogen. Sie warfen sich auf ihr Bett und weinten und weinten. In der nächsten Zeit schlichen sie nur noch über den Hof oder hockten in einer Ecke. Es lohnte sich nicht, hier noch etwas anzufassen. Ein Käufer war bald gefunden und die Hochzeit fand statt, nur mit den Kindern, Geschwistern und Eltern. Es war keine Hochzeit, wie man sie sonst in Masuren feierte. So eine Hochzeit fand üblicherweise vier Tage lang statt. Am ersten Hochzeitstag waren die Familien beieinander, am zweiten Tag entfernte Verwandte und Freunde, am dritten Tag die Frauen, die beim Backen, Braten und Abwaschen geholfen haben, und am vierten Tag der Rest des Dorfes. Das war der anstrengendste Tag, denn die Masuren konnten viel essen, aber auch viel trinken, und der selbstgebrannte Schnaps ließ sie auf den Tischen tanzen.
Am Abend vor dem Umzug nach Schiemanen grub Fritz ein kleines Lindenbäumchen auf ihrem Grundstück aus und nahm es mit in ihr neues Zuhause. Dort pflanzte er es im Vorgarten ein. Er begoss es fleißig, und im Jahr darauf zeigte es sich, dass es angegangen war. Sie wohnten jetzt also in Schiemanen, ein 350-Seelendorf, gelegen an der Willenberger Chaussee. Bis zur Kreisstadt Ortelsburg waren es zwölf Kilometer nach Norden, in südlicher Richtung bis zur nächst größeren Stadt Willenberg acht Kilometer, und zur deutsch-polnischen Grenze bei Flammberg noch einmal 15 Kilometer. Über die Grenze hinweg wäre man nach ca. 150 Kilometern in Warschau.
Jan und Luise hatten in den ersten Jahren viel Freude aneinander, denn es wurden noch zwei Mädchen geboren, Marie im Jahr 1900 und Martha 1903.
Nun wurde es eng im Haus, und der typische Fall trat ein. Meine Kinder – deine Kinder – unsere Kinder. Und das sorgte nicht gerade für Frieden im Haus. Obwohl Jan ein ruhiger, friedlicher Mensch war, wollten Luises Jungen bald nicht mehr auf ihn hören. Von dem Geld, das Luise vom Verkauf ihres Grundstücks mit in die Ehe brachte, kauften sie Land um Land und Wald dazu, so dass es bald ein Hof mit vielen Morgen Land war. Jan setzte seine Hoffnung auf Fritz und August, aber sie sagten oft zu ihm: „Was haben wir davon, auf deinem Land zu arbeiten?“ Und ihrer Mutter warfen sie vor, du hast uns unser Zuhause genommen.
Für August stand fest, er würde hier nicht bleiben. Er wollte raus aus der Landwirtschaft. Verwandte vermittelten ihm eine Bäcker-Lehrstelle in Königsberg. Er konnte den Tag nicht erwarten, bis er endlich dorthin konnte. Er war fleißig, gab sich große Mühe, bestand seine Prüfung, und war jetzt Bäcker und Konditor. Nachdem er ein paar Jahre als Geselle bei seinem Meister gearbeitet hatte, legte er selbst seine Meisterprüfung ab und konnte das Geschäft übernehmen.
Als Fritz 18 Jahre als war, beschloss er, nach Westfalen zu fahren, um dort auf der Zeche zu arbeiten. Man sagte nicht „Westdeutschland“ oder „das Ruhrgebiet“, nein, man fuhr nach „Westfalen“. Noch einmal ging er zu seinem Lindenbäumchen, das inzwischen ein Baum geworden ist, und hielt Zwiesprache mit ihm wie so oft in den letzten Jahren. Der Baum, der das letzte war von seinem früheren Zuhause.
Er bekam Arbeit auf der Zeche Zollverein in Essen und schrieb überschwängliche Briefe nach Masuren. Friederike war es, die ihm antwortete, und als auch sie 18 wurde, nahm sie Lotte mit und beide fuhren nach Essen, wo Fritz wohnte.
Kaum ein halbes Jahr später erhielten Jan und Luise die Nachricht, das Fritz und Friederike geheiratet haben.
Jan und Luise blieben nun mit Auguste, Marie und Martha, und Ludwig zurück. Die beiden jüngeren Mädchen und Ludwig waren noch zu klein, um in der Landwirtschaft zu helfen. Auguste, die gut mit Nadel und Faden umgehen konnte, hatte genug zu tun damit, für die ganze Familie zu nähen, zu stopfen und Sachen auszubessern.
Sie wuchs zu einem hübschen Mädchen auf, hatte die dicken Haare wie ihre Mutter, nur ein bisschen heller, und blaue Augen. So fiel sie schon mit fünfzehn den Jungen im Dorf auf. Aber ein junger Mann aus dem Nachbardorf Lindenort machte das Rennen. Friedrich Dorka, mein späterer Großvater.
Immer öfter erschien er auf dem Hof, um Auguste zu necken. Anfangs wurde sie rot und lief ins Haus. Aber Luise machte sich lustig über sie. Sie ging hinaus und machte dann lachend Friedrich Hoffnung und Mut, ruhig wiederzukommen. Es zog sich noch ein paar Wochen, ein paar Monate hin, bis Auguste merkte, dass Friedrich ihr nicht mehr aus dem Kopf ging. Er gefiel ihr ja auch, war nicht viel größer als sie, hatte blaue Augen wie sie und einen dunklen Lockenkopf.
Jan und Luise bekamen alles mit, aber merkten, dass die beiden zu schüchtern waren, sich den Eltern anzuvertrauen.
Eines Tages, als Friedrich wieder auf dem Hof war, kam Jan aus dem Stall auf ihn zu.
„Na, magst die Auguste, ja?“
Friedrich druckste herum.
„Na, Jungchen, dann komm mal am Sonntag vorbei, dann werden wir sprechen.“
In der Nacht davor haben weder Auguste noch Friedrich geschlafen. Am Sonntag erschien er, wie versprochen, auf dem Kapteina-Hof. Jan half ihm über seine Schüchternheit hinweg.
„Na, dann wollen wir mal besprechen, wann die Hochzeit sein soll.“
Sie einigten sich auf Ostern 1906. Auguste war noch nicht einmal 18 Jahre alt, das wurde sie erst am 22. Juli desselben Jahres. Friedrich war 22.
Jan setzte nun seine Hoffnung auf Friedrichs Arbeitskraft, aber auch der wollte unbedingt nach Westfalen. In seinem Elternhaus sah er keine Zukunft für sich. Seine Mutter war bei der Geburt seiner Schwester gestorben und sein Vater holte sich bald eine junge Frau ins Haus. Es war einfach damals so. Eine Frau, die Witwe wurde, konnte zwar das Haus, den Garten und die Kinder versorgen, aber die Landwirtschaft nicht. Bei einem Mann, der zurückblieb, war es umgekehrt. Er schaffte die Feldarbeit und die Ernte, aber eben den Haushalt mit den Kindern nicht. So wurde eifrig in der Verwandtschaft oder im Dorf gekuppelt, bis wieder alle versorgt waren.
Friedrich und Auguste sagten bald nach der Hochzeit „Auf Wiedersehen“, und fuhren nach Westfalen. Auch sie wurden von einem Onkel aufgenommen, bis Friedrich Arbeit auf der Zeche Joachim in Essen-Kray bekam und eine Zweizimmer-Wohnung in Essen-Schonnebeck. Glücklicher konnten die beiden nicht sein. Friedrich, der ein bisschen Geld von seinem Vater mitbekam, konnte bald eine bescheidene Wohnungseinrichtung kaufen. Sie kamen aus dem Staunen nicht heraus, obwohl Schonnebeck nicht gerade groß war, aber gegen Schiemanen war es eine Stadt.
Auguste und Friedrich Dorka in Essen-Schonnebeck
Über ihr Heimweh, das ja doch manchmal aufkam, halfen Fritz und Friederike hinweg, und Maria, eine Schwester von Friedrich, die auch schon ein paar Jahre hier lebte.
Bald merkte Auguste, dass sie schwanger war, und im Januar 1907 kam ihr erster Sohn zur Welt. Sie nannten ihn Wilhelm. Zwei Jahre später folgte eine Tochter, Martha, die aber mit zwei Jahren starb. 1911 wurde Henriette geboren, meine Mutter, und 1915 bekamen sie noch Heinrich. Dabei blieb es.
Auguste war nun voll ausgelastet. Manchmal fühlte sie sich in den zwei Räumen etwas eingeengt und dachte dann wieder an ihre Heimat. Wie schön wäre es, wenn ihre Kinder dort in Masuren in der freien Natur auf Feldern und Wiesen herumtollen könnten.
Bevor der Älteste, Wilhelm, in die Schule kam, fuhr sie mit ihren Kindern doch einmal dorthin. Luise schrieb immer, wie gerne sie doch ihre Enkelkinder sehen möchte und schickte ihr das Fahrgeld. Richtig Ferien hatte sie nicht, Luise bürdete ihr die ganze Näharbeit auf, die sich angesammelt hatte.
Aber immer wieder streifte sie durch Felder und Wiesen und sog den Duft der Nadelwälder ein. Sie wollte sich auch in Westfalen noch daran erinnern.
