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Im Sommer 2018 stirbt unser dreiundzwanzigjähriger Sohn Matteo völlig unerwartet. Mein Mann und ich versuchen noch, ihn zu reanimieren. Unsere Hilfe und die Hilfe der Ärzte kommt jedoch zu spät. Ich hatte mit meinem erstgeborenen Sohn ein inniges Verhältnis und sein Tod bringt mich an die Grenzen meiner Kräfte. Meine Welt wird aus den Angeln gehoben. Dabei habe ich schon einmal den Tod kennen gelernt. Der Verlust meines Sohnes löst eine tiefe Todessehnsucht in mir aus und ich beginne eine Psychotherapie. Mein Therapeut ermutigt mich, über meine Gedanken, Gefühle und Träume zu schreiben. Das habe ich dann getan.
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Seitenzahl: 143
Veröffentlichungsjahr: 2022
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„Ich bin nicht tot, ich tausche nur die Räume, ich leb in euch und geh durch eure Träume“
(Michelangelo)
Vorwort
Einleitung
Schreiben
Die Urnenbeisetzung
(Un-) Glaubensgespräch mit Matteo
Hinter der Fassade – Philosoph und Menschenfreund
Schule und Ampelsystem
Ein unsichtbares Band
Todessehnsucht
Finn
Trauerratschläge
Nach 10 Monaten
Rugia
Essen
Rauchen
Ein neues Kind
Der Vorgesetzte
Psychotherapie
Ein Traum
Träume
Meine Kindheit
Südafrika
Gebet und Meditation
Abschied
Worüber weder gesprochen noch geschrieben wird
Spiel
Matteos Freund Ralf
Wo die Sprache an ihre Grenze kommt
Christoph
Meine starke Schwiegermutter
Neue Träume
Geschichte und Politik
Suche
One-Night-Stand
Max
Angst
Die Geburt des ersten Kindes
Zu dritt
Silas
Zu viert
Venedig und andere Urlaube
Matteos Schulweg
Silas’ Zivildienst
Zwei Brüder
Mein größter Wunsch – Vernunft ist nicht alles
Die nicht beschriebene Todesnacht
Todesnacht
Schuldgefühle
Rosa und Matteo
Verzeihen
Was nicht sein darf – ein verwirrender Traum
Was treibt mich an?
Zweifel
Italienreise
Meine Schwester und ich
Die Kinder und der Kater
Matteo und die Semmeln
In den Kirchen
Allerheiligen und die Aussicht auf Weihnachten
1. November
Spiritualität
Alleine
Albträume
Die Realität – schlimmer als Albträume
Fieber
Beruhigende Träume
Zeit und Entfernung - Eine neue Zeit
Noch einmal ein Traumbild
Todesnacht (letzter Teil)
Zu Besuch im Himmel
Nach der ersten Stunde mit Katja war ich selbst tief erschüttert. Ihr erst dreiundzwanzigjähriger Sohn Matteo studiert in Wien. Einen Teil der Sommerferien verbringt er bei seinen Eltern. In der Nacht werden diese von einem bedrohlichen Röcheln aus Matteos Zimmer geweckt. Die Eltern versuchen alles, um ihn zu retten, jede Hilfe kommt zu spät. Matteo hat keine Drogen genommen und war nicht krank.
Dein Kind stirbt völlig überraschend, mitten im Leben. Seine so vielversprechende Zukunft verschwindet von einer Minute auf die andere im Nichts. Ich habe selbst einen Sohn in Matteos Alter.
Katja erzählt mir genau, was in dieser Nacht passiert ist. Am Ende der Stunde sagt sie mir, sie wolle trotz allem weiterleben, nicht verbittern. Sie möchte für ihren zweiten Sohn, für ihren Mann und auch für sich selbst da sein. Ich möge ihr dabei helfen.
Wir kommen gut miteinander zurecht. Immer wieder sprechen wir auch über ihre Träume. Ich ermutige sie, diese und auch Gedanken und Gefühle aufzuschreiben. Katja liest viel und ich merke, wie gut sie sich mit Worten ausdrücken kann. Ihr innerstes Erleben aufzuschreiben hilft ihr. Oft lesen wir gemeinsam ihre Aufzeichnungen. Sie beeindrucken und berühren mich sehr.
Vier Jahre später ist aus diesem therapeutischen Schreiben ein Buch entstanden. In klarer Sprache, ohne jeden Pathos, erzählt Katja von dem, was sie durchlebt und gefühlt, was sie verletzt und was ihr geholfen hat. Sie erzählt von Schmerz und Verzweiflung und der Sehnsucht nach dem Tod, von Trost, Hoffnung, Ermutigung und der Freude am Leben. Manche Sätze haben mich beim Lesen staunend innehalten lassen, weil sie so schön sind, andere weil sie so treffend etwas ausdrücken, wo uns sonst so oft die Worte fehlen.
Katjas Buch ist außergewöhnlich, es ist kein religiöses Trostbuch, kein Ratgeber, es will nie belehren und lehrt uns doch vieles.
Manfred Ulrich R. (Psychotherapeut)
Im Sommer 2018 ist der ältere von unseren zwei Söhnen gestorben. Es war eine dieser heißen Sommernächte. Matteo hatte sein drittes Studienjahr in Wien mit großer Leidenschaft hinter sich gebracht und war für ein paar Tage bei uns in Oberösterreich. Während der Nacht wurden mein Mann und ich von ungewöhnlichen Geräuschen aus Matteos Zimmer geweckt. Als wir an seinem Bett standen, ahnten wir, dass er im Sterben lag.
Wir haben alles versucht, Matteo reanimiert, den Notarzt gerufen, gebetet, gehofft. Er konnte nicht mehr gerettet werden. Sein Herz hatte ihm den Dienst verweigert. Nie werde ich diese Nacht vergessen.
Sein Leben hatte erst richtig begonnen, er war voller Elan, Mut und Neugier auf all das, was kommen würde. Matteo und ich waren uns immer sehr nahe. Sein Tod brachte mich an die Grenze dessen, was ich aushalten kann. Ich hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Dabei kannte ich den Tod bereits. Meine erste große Liebe war bei einem Motorradunfall gestorben, als ich zwanzig war, und zwei Brüder meines Mannes sind ebenfalls jung gestorben.
Aber diesmal war es anders. Ich war einerseits erfüllt von einer tiefen Todessehnsucht. Andererseits wollte ich für meinen zweiten Sohn und meinen Mann weiterleben. Weniger für mich. Gedanken wie diese konnte ich nicht mit meinem Mann teilen, weil auch er stark unter dem Verlust litt. Ich hatte das Gefühl, dass wir uns in dieser extremen Situation gegenseitig nicht mehr helfen konnten. Deshalb begann ich eine Psychotherapie. Mein Therapeut ermutigte mich, über meine Gedanken und Gefühle zu schreiben. Das habe ich dann getan. Ehrlich und offen darüber schreiben, was in mir ist.
Keinesfalls will ich jemandem etwas raten oder jemanden belehren. Das ist nicht mein Anspruch.
Plötzlich war sie da, diese Idee, zuerst nur vage, dann immer konkreter. Ich will schreiben. Über Matteo, was ihn ausmachte, seine schwierigen Seiten, das Widersprüchliche, vor allem aber über seine Talente und Vorzüge. Und über mich. Teile meines Lebens und meine Gedanken zu Papier bringen. Weniger das Außen möchte ich beschreiben, mehr das, was nicht sichtbar ist.
Wesentlich war für Matteo die Suche nach Wahrheit, auch wenn er beim Erzählen seiner spannenden Geschichten gelegentlich übertrieb, einfach nur um seine Zuhörer in den Bann zu ziehen. Diese etwas abgewandelten Erzählungen stimmten nicht immer ganz mit der Realität überein. Das meine ich nicht. Es ging ihm um Grundlegendes, nämlich darum, eine oft überraschende Erkenntnis hinter dem oberflächlich Sichtbaren zu gewinnen. Nicht dem Mainstream hinterherzulaufen, sondern immer und alles zu hinterfragen, das war sein Anspruch. Dem Kern einer Sache auf den Grund zu gehen und zu bemerken, dass es auch mehrere Wahrheiten gibt, spornte ihn an.
Daher ist es auch meine Absicht, so nahe wie möglich an der Wahrheit zu sein und zu bleiben und darüber zu berichten. Das soll sein Vermächtnis sein, das ich versuche weiterzuführen.
Dass ich bei einem solchen Vorhaben viel von mir, meiner Familie und natürlich von Matteo preisgebe, ist unausweichlich notwendig und ich hoffe, meinen Söhnen dabei gerecht zu werden. Offenheit ist manchmal unangenehm, manchmal auch berührend und schön. Und vielleicht würde Matteo ein kleines bisschen stolz auf seine Mutter sein, weil sie auch andere Menschen an seinem so kurzen Leben teilhaben lässt. Ein noch besseres Kennenlernen im Rückblick sozusagen. Sicher würde er auch froh sein, wenn Schreiben mir bei der Verarbeitung seines Todes hilft.
Ich möchte es so gut machen, wie ich kann. Nicht perfekt, aber gut sollte es werden. Manchmal ist der Selbstzweifel größer als das Selbstvertrauen und Unsicherheit gefährdet die Begeisterung. Aber ich habe mich entschlossen, den Plan in die Tat umzusetzen, Matteo zu Ehren, für ihn und für mich.
Also gehe ich mit Mut an die Sache heran und hoffe, aus meinem Gedächtnis Erinnerungen hervorholen zu können. Irgendwo sind die Erlebnisse, die Gespräche, die Gefühle abgespeichert. Ich werde mich darauf einlassen und vertrauen, dass mir immer wieder etwas, das sich zu erzählen lohnt, einfällt. Ein wenig muss ich dabei auf mich achten, darf mich nicht überschätzen und mir kein Zeitlimit stellen. Geduld mit mir haben, weil auch die traurigen, verzweifelten Stunden wieder ihren Raum beanspruchen werden.
Wohin mich dieser Weg führt, steht in den Sternen. Aber wer weiß schon so genau, wohin ihn sein Weg führt und wann er endet.
Ich hätte nie geglaubt, wie schwer eine Urne wiegt. Sie anzufassen, im Arm zu halten kostete mich enorme Überwindung. Die Urne wurde uns von der Bestatterin in einem Karton gebracht, zusammen mit zwei kleinen Metalldosen, die ebenfalls Asche enthielten. Name, Geburtsdatum und Sterbedatum standen darauf. Wir dachten daran, einen kleinen Teil der Asche unseres Sohnes irgendwann an einem Ort, der uns passend erscheinen würde, zu verstreuen.
Mein Vater drechselte ein Gefäß, in das wir die Urne hineinstellten. Er legte all sein Können und all seine Liebe in die glatte, geschwungene Holzurne. Zwei Tage bewahrten wir sie noch im Haus auf, bevor sie von Silas tapfer in einem Akt der Bruderliebe von der Kirche zum Friedhof getragen wurde. Asche hatte ich mir immer so leicht vorgestellt.
Sieben Personen, stehend bei sengender Hitze am zukünftigen Grab, blickten abwechselnd zum Pfarrer und in das kleine Loch, in das wir die Urne stellen würden. Wie passend für den zierlichen jungen Mann, dessen sterbliche Hülle nun beigesetzt wurde.
»Ein Kind zu gebären und es dann wieder an Gott herzugeben ist wohl das schwierigste Opfer, das Eltern auferlegt werden kann …«, meinte der Pfarrer bei seiner Ansprache.
Er fand tröstende Worte, die er an uns Eltern und auch an die Freundin richtete. Tief überzeugt sagte er: »Und deine Seele ist unsterblich …«
Wie gerne würde ich an Gott und an die Unsterblichkeit der Seele glauben und mich in meinem abgrundtiefen, unerträglichen Schmerz daran festhalten.
Matteo: »Mama, glaubst du an ein Leben nach dem Tod?« Meine Antwort: »Eigentlich nicht, ich glaube, dass man in der Erinnerung seiner Freunde und Familie, der Menschen, die einen lieben, weiterlebt.«
Matteo: »Ich bin Agnostiker.«
Was war denn das schon wieder? Matteo, ein Student der Geisteswissenschaften, benützte gelegentlich Fremdwörter, mit denen ich nichts anfangen konnte.
Matteo: »Man kann nicht sagen, dass es Gott gibt, genauso wenig, wie man behaupten kann, dass es ihn nicht gibt. Vielleicht besteht noch etwas von uns weiter nach dem Tod. Man wird sehen, wie es wird.«
Wir unterhielten uns öfters über philosophische, gesellschaftliche und spirituelle Themen. Nur wenige Monate später trat ein, was er vielleicht in einer unbestimmten, ungewissen Vorahnung angesprochen hatte. Alles, was wir miteinander in einer gewissen Leichtigkeit diskutiert hatten, bekam nun ein ganz anderes, ein schweres Gewicht.
Frech, schlagfertig, witzig, nicht zurückhaltend, überbordendes Mitteilungsbedürfnis, pausenloses Reden, Alphamännchen, dominant, Aufmerksamkeit erregend, unverschämt, Klassenkasper, Clown, nie spaßgebremst, skeptisch gegenüber Autoritätspersonen, Regeln und Anforderungen hinterfragend, andauernd diskutierend, nachdenklich, ruhelos, rastlos und anstrengend.
Ein Denker und Philosoph, der sich weigerte, Arbeiten, die ihm langweilig oder nicht notwendig erschienen, zu erledigen. Zumindest ging einer Erledigung eine halbstündliche Diskussion ob der Sinnhaftigkeit dieser Arbeit voraus.
Minimalist in materiellen Dingen und schulischen Leistungen. Ich konnte und wollte ihn nicht verändern, seinen Widerspruchsgeist nicht brechen, obwohl er uns mit seiner manchmal nervenaufreibenden Art zur Verzweiflung gebracht hat.
Er wollte – vielmehr konnte – sich den gesellschaftlichen Konventionen nicht immer anpassen und hatte den Mut, unangenehme Dinge auszusprechen. Er versuchte hinter dem Schein der Wahrheit näherzukommen. Man musste ihn dafür gernhaben.
Seine Deutschlehrerin bezeichnete ihn einmal als Denker, worauf er besonders stolz war. Nachdenken, den Dingen auf den Grund gehen und dabei sich selbst nicht immer allzu ernst nehmen bezeichne ich als seine hervorstechendsten Eigenschaften. Obwohl er langen Reden nicht abgeneigt war, konnte er auch gut und genau hinhören. Die Probleme seiner Freunde waren auch seine und sie durften sich seiner seelischen Unterstützung sicher sein.
Nicht nur Freunde und Familie wurden Zeuge von seiner Empathie und seinem aufrichtigen Interesse, auch etliche Bettler und Obdachlose in Wien. Aufgrund seines chronischen Geldmangels reduzierte sich die anfängliche Ein-Euro-Gabe und er ging dazu über, ihnen eine Tschick zu spendieren. Beim gemeinsamen Rauchen verwickelte er sie in ein Gespräch, schenkte ihnen Zeit und Aufmerksamkeit und gab ihnen ein Stück Würde zurück.
Für seinen Weitblick, seine Kontaktfreudigkeit und seine offene Freundlichkeit Menschen am Rande der Gesellschaft gegenüber, seine Strahlkraft, seinen Sinn für soziale Gerechtigkeit, seine Abneigung gegenüber Macht und Gier und zu hohem Leistungsdruck bewundere ich ihn noch immer.
Das Ampelsystem in der Hauptschule besagte, dass ein Schüler bei einem Vergehen wie wiederholtem Schwätzen, ständiger Unaufmerksamkeit, frechem Verhalten oder verbaler Entgleisung einen Schlechtpunkt bekommt. Zuerst einen grünen, dann einen orangen und beim dritten Mal den roten Schlechtpunkt, der einen Klassenbucheintrag mit gleichzeitiger Information der Eltern zur Folge hatte.
Jede Woche ohne Nachricht im Mitteilungsheft ließ mich aufatmen. Einmal, als Matteo zwei Einträge innerhalb einer Schulwoche erhalten hätte, teilte sie seine liebe Deutschlehrerin auf zwei Wochen auf, mit den Worten »Lass uns die Nerven deiner Mutter schonen …« Ich war ihr dafür sehr dankbar.
Matteo suchte ständig Kontakt zu seinen Mitschülern, was klarerweise während des Unterrichts zu störenden Situationen führte. Ob gelegentliche Langeweile oder pubertäre Rebellion die Hauptrolle dabei spielten oder schlicht und einfach der Umstand, dass er trotz Aufzeigens oft übergangen wurde, kann ich aus heutiger Sicht und nur auf Basis seiner Aussagen nicht mehr beurteilen.
Einmal war im Mitteilungsheft von einer »verbalen Entgleisung« die Rede. Auf Nachfrage bei meinem 13-jährigen Sohn, worin denn die »verbale Entgleisung« bestanden habe, bekam ich Folgendes erzählt: Der Mathematiklehrer hatte von einem neu angeschafften Deckenventilator berichtet, worauf Matteo laut und provokativ meinte: »Ah, der Herr Lehrer hat sich einen Vibrator zugelegt.« Gelächter war ihm sicher, vor allem vonseiten der MitschülerInnen. Zugegeben, ich vermied ein vertiefendes Gespräch in dieser Sache und ermahnte ihn, braver zu sein und seine Lehrer nicht in Verlegenheit zu bringen oder zu ärgern.
Matteo wunderte sich darüber, dass einige Mitschüler den Lehrern zu Weihnachten oder am Ende eines Schuljahres Geschenke überreichten. Sein Mathelehrer erhielt von einem Mitschüler vor den Weihnachtsferien ein kleines Packerl. Der Lehrer hielt es hoch, betrachtete es von allen Seiten und meinte dann: »Was wird denn da wohl drinnen sein?«
Matteo spontan: »Sicher eine Zeitbombe.« Jetzt musste sogar der Lehrer lachen.
Ich glaube, nicht zu übertreiben, wenn ich sage: Unsere Beziehung war innig, speziell, vertraut. Wir tauschten uns über Gesellschaft, Politik, Religion, über Gott und die Welt aus und vertraten oft ähnliche Ansichten, konnten aber auch gut und mit Respekt über kontroverse Themen diskutieren. Erwähnenswert dabei war sein Talent, Dinge auf den Punkt zu bringen und mit eindrucksvollen Argumenten seinen Standpunkt zu untermauern. Oft dachte ich mir: Genauso hätte ich es auch formulieren wollen.
Nie werde ich meinen geliebten Sohn ganz loslassen können. Jemand müsste mir schon mein Herz herausreißen, um mich von ihm zu trennen. Lieber ertrage ich die unstillbare Sehnsucht, als das Geringste von ihm zu vergessen. An der Liebe zu ihm hat auch der Tod nichts geändert und ich bin überzeugt, seine Seele wiederzuerkennen und zu spüren, wenn der Zeitpunkt gekommen ist.
Der Gedanke, dort zu sein, wo Matteo war, bestimmte die ersten Wochen nach der Katastrophe. Die Todessehnsucht begleitete mich.
Wenn sich Angst und Verzweiflung breitmachten, wenn sich kein Weg und kein Ziel mehr zeigten, wenn ich mich verlassen und verloren glaubte, wenn sich der Kampf nicht mehr lohnte und alles sinnlos erschien, dann wurde der eigene Tod zu einer Möglichkeit. Mein Leben wie ein Kleid ablegen, mich aus dem Staub machen, um die Qual nicht mehr ertragen zu müssen. Diese Sehnsucht erfüllte mich jeden Tag. Der Tod machte mir keine Angst mehr. Nur, wie sollte ich es anstellen, dorthin zu kommen?
Ich erschrak vor mir selbst. Ich wollte wieder weg von diesen Gedanken. Vielleicht sollte ich meinen Schmerz in Alkohol ertränken oder zu (den gepriesenen Versprechungen der) Antidepressiva greifen? Vielleicht könnten sie mich aus meinem Jammertal herausholen und wieder ein normales Mitglied der Gesellschaft aus mir machen?
Ich wollte mich betrinken, um die schrecklichen Bilder zumindest für ein paar Stunden zu vergessen. Aber nicht einmal das brachte ich zuwege. Irgendetwas Selbstzerstörerisches würde mir doch um Himmels Willen einfallen!
Noch nie fühlte ich eine derartige Last auf mir, eine Last, die mich zu erdrücken drohte und die mir meinen Lebenswillen und meine eigene Daseinsberechtigung nahm. Das eigene Leben hatte keinen Wert mehr und ich wünschte mir sehnlichst, die Zeit zurückdrehen zu können. Alles hätte ich dafür gegeben.
Doch im Inneren meiner Seele spürte ich auch etwas anderes, einen Gegenpol: Ich durfte und wollte nicht an diesem Schicksal zerbrechen, ich durfte nicht aufgeben. Nicht wegen mir, sondern wegen meiner übrigen Familie. Ich erkannte aber auch: Ich brauchte Hilfe, jemanden von außerhalb der Familie, die genauso belastet war, ansonsten würde ich das alles nicht mehr schaffen.
Der Flyer, den mir der Kriseninterventionsdienst des Roten Kreuzes in die Hand gedrückt hatte, musste irgendwo liegen. Ich las die Namen der PsychologInnen und PsychotherapeutInnen und befand, dass es niemand vom Krankenhaus sein durfte, weil Matteo dort starb und ich dort arbeite. Intuitiv wählte ich eine Telefonnummer. Bereits für den nächsten Tag erhielt ich einen Termin und das überraschte mich.
Einmal fand Matteo im Dachbodenzimmer eine grell gemusterte Mappe im 70er-Jahre-Stil mit Singles deutscher Schlager. Rex Gildo, Chris Roberts, Wenke Myrre … – für meinen Sohn unbekannte Sänger aus vergangenen Zeiten. Jene Mappe war ein besonderer Schatz für mich, nicht materiell – ich mochte keine deutschen Schlager –, sondern sie erinnerte mich an die Person, der sie gehört hatte.
Ich hatte meinen Kindern nie erzählt, dass ich, bevor ich ihren Vater kennenlernte, einen Freund hatte, der bei einem Motorradunfall ums Leben kam. Auch wenn unsere gemeinsame Zeit nur kurz war, war es eine sehr wichtige und intensive Zeit für mich. Durch Matteos Fund war der Zeitpunkt gekommen, von meiner ersten großen Liebe zu berichten.
