Matthias und das Ende der Welt - Paul Kavaliro - E-Book

Matthias und das Ende der Welt E-Book

Paul Kavaliro

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Beschreibung

Matthias wächst in unruhigen Zeiten zum Erwachsenen heran: Die Welt steht am Rande eines Atomkriegs. Das Klima, die knappen Ressourcen, das alles spornt einen Wettlauf um die globale Vorherrschaft an. Koste es, was es wolle. Und dann erscheint auch noch so ein merkwürdiger Besucher in seiner Gartenlaube und bittet ihn um Hilfe. Woher kommt er und was will er hier? Gleichzeitig hat Kommissarin Wilke einen neuen Fall auf dem Tisch: Ein Anhänger von Verschwörungstheorien ist entführt worden. Seine Kernaussage: Die Menschen haben einige ihrer wichtigsten Erfindungen von Außerirdischen abgeschaut. Wie passen diese beiden Geschichten zusammen? Matthias geht auf die Suche nach der Wahrheit, um zu retten, was noch zu retten ist.

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Seitenzahl: 188

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Matthias und das Ende der Welt

Paul Kavaliro

Buchbeschreibung

Matthias wächst in unruhigen Zeiten zum Erwachsenen heran: Die Welt steht am Rande eines Atomkriegs. Das Klima, die knappen Ressourcen – das alles spornt einen Wettlauf um die globale Vorherrschaft an. Koste es, was es wolle.

Und dann erscheint auch noch so ein merkwürdiger Besucher in seiner Gartenlaube und bittet ihn um Hilfe. Woher kommt er und was will er hier?

Gleichzeitig hat Kommissarin Wilke einen neuen Fall auf dem Tisch: Ein Anhänger von Verschwörungstheorien ist entführt worden. Seine Kernaussage: Die Menschen haben einige ihrer wichtigsten Erfindungen von Außerirdischen abgeschaut.

Wie passen diese beiden Geschichten zusammen?

Matthias geht auf die Suche nach der Wahrheit, um zu retten, was noch zu retten ist.

Über den Autor

Paul Kavaliro schreibt Bücher für Kinder (Spuk für Anfänger) und Erwachsene (Final Logout, Die zwei Seiten des Ichs, Wenn die Raben südwärts ziehen, Die Klick-Demokratie, Herrscher der Gedanken, Digitaler Erstschlag), auch als Ratgeber (Heimwerken macht sexy).

Beim Literaturwettbewerb Goldenes Kleeblatt gegen Gewalt 2024 erhielt er den 2. Preis.

Matthias und das Ende der Welt

Geschichten aus der Zukunft 8
Paul Kavaliro

paul-kavaliro.com

Impressum

Texte und Umschlag:

© Copyright Alf Ritter Alle Rechte vorbehalten

Bilder:

Auf Pixabay:

Maicon Fonseca Zanco

Chris

Kohji Asakawa

Verlag:

Alf Ritter

Weidenstraße 10A

D-85253 Erdweg

E-Mail:

[email protected]

URL:

paul-kavaliro.com

Druck:

epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin,

www.neopubli.de

Erstveröffentlichung:

14. Februar 2026

Hilfe!

Das Kontrollzentrum der European Space Agency ESA – der Europäischen Weltraumorganisation – liegt noch im Dunkel des frühen Morgens. Jetzt im Frühling ist die aufgehende Sonne zu dieser Tageszeit nur eine vage Andeutung am Horizont.

Karina Bauers Augen werden vom grellen Licht der Lampen am Eingang geblendet. Sie zieht ihre Zugangskarte heraus und hält sie an das Lesegerät. Damit qualifiziert sie sich für Teil zwei der Authentifizierung: den Irisscan. Tapfer präsentiert sie ihren soeben noch geblendeten Augapfel. Sie besteht den Test und darf passieren – wie jeden Tag, an dem sie Dienst hat. Alles ist Routine hier.

Sie unterdrückt ein aufkommendes Verlangen zu gähnen, während sie ihren Arbeitsplatz vom Vorgänger aus der letzten Schicht übernimmt. Mechanisch spult sie ihr Programm ab, checkt die Systeme und vermerkt die Ergebnisse im elektronischen Protokoll. Alles funktioniert, wie immer.

Nach einem kurzen Gruß an den abziehenden Kollegen lässt sie sich in ihren Stuhl fallen. Damit ist der aufregendste Teil ihrer Schicht schon geschafft. So ist das eben, wenn man etwas überwacht, das eigentlich nicht die Augen und Ohren eines Kontrolleurs aus Fleisch und Blut erfordert: Signale im Weltraum. Die wertet man aus zwei Gründen aus: erstens um aktuelle Missionen abzusichern und dafür relevante Mitteilungen und Warnung zu destillieren, die nicht den direkten Informationsweg zur ESA nehmen. Zweitens: aus Neugier und Forscherdrang. Ist außer den Menschen und ihrer Technik jemand da draußen, der aus den Tiefen des Alls in Richtung Erde funkt?

Vor allem dieser zweite Punkt speist die Motivation von jungen Menschen wie Karina, die noch nicht die Schwelle der 30 überschritten haben, hier in der Organisation einzusteigen und auf Entdeckungstour zu gehen. Schon als Jugendliche hat sie sich mit ihrem Rechner an Projekten wie SETI@home beteiligt. Wer möchte nicht der erste Mensch sein, der eine interstellare außerirdische Botschaft empfängt? Der den Moment erlebt und definiert, in dem das Zeitalter des Alleinseins der Erde und ihrer Bewohner in eine neue Ära überwechselt – in die des intergalaktischen Nachrichtenaustauschs?

Das ist der große Traum. Die Kollegen der Schicht vorher haben ihre Chance auf seine Erfüllung für heute verwirkt. Karina hingegen sitzt jetzt hier mit ihrem Headset am Monitor, lauscht hierhin und dahin auf der Suche nach dem größten denkbaren Durchbruch. Wenn er gelingt, so würde dieser Ruhm länger als ein Menschenleben halten. Er ist unsterblich, genauso wie der Name der Person, die im richtigen Moment am Schaltpult gesessen und die Ohren aufgesperrt hat. Damit nicht nur stets die Astronauten in den Nachrichten aufgezählt werden, wenn sie abermals eine Heldentat vollbracht und ein neues Experiment zum Erfolg geführt haben. Sondern damit auch die Namenlosen hier im Kontrollzentrum im Rampenlicht der vorderen Reihe stehen. Wenigstens ein Mal.

So die Theorie.

In der Praxis hört man von draußen höchstens ein paar kosmische Radioquellen rauschen oder glucksen: Sonnen, Supernovae, Quasare, Radiogalaxien. So hat es ihr schon Wikipedia angekündigt, als sich Karina aufs Studium vorbereitet hat. Und so ist es noch heute. Ihr ist bislang keine Spur von Signalen künstlichen Ursprungs vor den Empfänger gelaufen, ausgesandt von einer entfernten Intelligenz.

So ist es jedem hier im Kontrollzentrum bewusst, dass man seine Brötchen stattdessen zum großen Teil mit dem Verfolgen von irdischen Quellen verdienen muss. Dabei geht es nicht nur um den besagten Schutz der Weltraummissionen. Es könnte etwas darunter sein, das man wissen sollte, bevor es andere erfahren. Oder das man besser kennt, damit es nicht nur den Konkurrenten bekannt ist und ihnen einen Vorteil verschafft. Das böse Wort Spionage vermeidet man an dieser Stelle.

Jede Kraft im Weltraum, die etwas auf sich hält, verfolgt daher Funksignale. Neben ESA und der befreundeten NASA auch die Russen, die Chinesen, die Inder und einige mehr.

Dabei würde sich Karina lieber auf den interessanten Teil des irdischen Funkspektrums konzentrieren – auf die Quellen, die wirklich etwas Neues verheißen. Deren Ursprung noch nicht aufgeklärt ist, die vielleicht eine spannende Geschichte erzählen, um die man herum recherchieren kann wie ein Detektiv. Doch dazu fehlt ihr bei der Fülle der Signale schlicht die Zeit. Natürlich spannt man künstliche Intelligenzen ein, die all das Aufgefangene vorsortieren. Aber noch immer ordnen sie zu viel des belanglosen Geplappers aus dem Äther als relevant ein und Karina muss sich damit herumschlagen, Zeit verbrennen und hinterher einen Bericht dazu schreiben. Die Bürokratie stirbt nie aus. Sie gehört genauso zur Routine.

Karina hat an diesem Tag nun schon zwei Stunden gearbeitet, ein paar Grashalme hier umgedreht und dort hingelauscht. Berichtenswertes ist nicht dabei gewesen. Sie schaut zum Fenster. Inzwischen ist es hell. Andere Leute fahren jetzt zur Arbeit los. Sie hingegen ist schon das erste Mal müde. Sie gähnt unauffällig und streckt die Arme auf der Suche nach etwas körperlicher Spannung aus. Eine kurze Pause wäre gut und ein frischer Tee dazu, mit dem sie zurückkehren wird. Ihre Tasse von heute früh steht schon seit einer Weile leer neben der Tastatur ihres Computerterminals.

Die Anzeigen vor ihr werden es drei Minuten verkraften, dass sie sich selbst überlassen sind. Die KI wird wie stets eine Zusammenfassung liefern, auch wenn die nicht von hoher Güte ist.

Gerade will Karina aufstehen, da zieht sie eine frische Anzeige auf ihrem Monitor in den Bann. Ein Signal von enormer Stärke wird registriert. Es hat einen Funkspruch auf seinem Rücken und trägt ihn hinaus ins All. Ein Absender steht nicht dabei. Das ist unüblich. Das muss sie sich ansehen! Und die Botschaft hat es in sich. Überträgt man ihren Inhalt ins Deutsche, so ist der kurz, aber deutlich: „HILFE! RETTET UNS VOR DEM KRIEG!“

Wer wars?

10 Tage später

Routine war gestern. Seit dem Eintreffen des Funkspruchs ist die Zeit des beschaulichen Umdrehens von Grashalmen und dem hier und dort mal Reinhören für Karina vorbei.

Sie ist die erste Mitarbeiterin bei der ESA gewesen, die den dramatischen Hilferuf protokolliert und gemeldet hat. Und in zuletzt rar gewordener Harmonie haben sich die Raumfahrtnationen vernetzt und Informationen zu diesem Vorfall ausgetauscht. Außergewöhnliche Situation lassen selbst konkurrierende Nationen zusammenrücken.

Karina ist dafür einem Impuls gefolgt. Sie hat sich noch nicht ihre Sporen in der Organisation verdient, ein belastbares Ansehen erarbeitet. Aber dennoch hat sie sich in diesem Moment etwas getraut, bei dem sich etabliertere Kollegen erst langatmig rückversichert hätten: Sie hat neben der vertrauten NASA außerdem bei Roskosmos, der russischen Raumfahrtbehörde, und anderen Institutionen sowohl angefragt als auch auf deren Fragen geantwortet.

So hat sie schnell ein Bild skizzieren können: Der Funkspruch wurde von nahezu jedem dazu fähigen Satelliten empfangen. Dabei war es egal, wo die Erdtrabanten im Orbit gestanden haben. Sie alle konnten die Botschaft hören – es ist ein Rundbrief im wahrsten Sinne des Wortes gewesen. Er hat nicht nur wie üblich einen oder zwei Quadranten abgedeckt, sondern alle. So wie die Erde Kugelform hat, so hat sie wie ein gigantischer Lautsprecher ihr Signal in jede erdenkliche Richtung ins All hinaus gebrüllt.

Die automatisierten Vehikel auf dem Mond haben es aufgefangen, genauso wie die auf dem Mars. Auch weiter ins All vorgedrungene Satelliten haben einen Bericht dazu zurückgefunkt. Schließlich sind gerade sie auf der Suche nach außerirdischem Leben und sperren dafür Augen und Ohren weit auf. Genauso hat es Karina in ihrer täglichen Routine getan, wiederholbar, langweilig. Doch dann ist er gekommen – der Tag, der für sie alles verändert hat.

Die anfängliche Hoffnung auf einen extraterrestrischen Sender hat sich schnell gelegt. Der Ursprung der Nachricht ist vielmehr auf der Erde verortet. Die große Stärke des Signals hat ein paar Tage für Kopfzerbrechen gesorgt. Mittlerweile weiß man, auch dank des von Karina angekurbelten internationalen Austauschs, dass eine riesige Anzahl von Sendestationen quer über den Globus beteiligt gewesen ist. Sie haben gleichzeitig gefunkt. Nahezu alles, was Antennen hat, hat sie eingesetzt.

„Hätten das Menschen gesteuert, dann hätte das nie geklappt. Wir machen schlicht zu viele Fehler, verpassen unseren Einsatz“, hat einer von Karinas Kollegen geunkt, der die These vom außerirdischen Ursprung der Botschaft nicht so schnell zur Seite gelegt hat. „Und wenn es hier auf der Erde unentdeckte Aliens gibt, die ihren Freunden draußen im All ein paar Grüße schicken wollen, so sind die uns technisch überlegen und können dadurch auch Sender kapern. Das ist für die ein Kinderspiel!“

Obwohl solche Stimmen von der ESA und den anderen Organisationen offiziell belächelt werden, halten sie sich doch hartnäckig und einige Fakten geben ihnen Rückenwind.

So hat sich zum Beispiel niemand gefunden, der die Nachricht autorisiert hat.

Allerdings verblasst mittlerweile der von Karina vor zehn Tagen beschworene Gemeinschaftsgeist und an seiner Stelle ist das historisch gewachsene und zur bequemen Gewohnheit gewordene Misstrauen auf dem Vormarsch. Das behindert die weitere Aufklärung des Vorfalls. „Natürlich will das keiner gewesen sein. Die sagen uns doch nichts! Da darf man nicht naiv rangehen“, hat Karinas Vorgesetzte in einer Besprechung gesagt. In der Tat wird der Austausch mit Roskosmos und Co. jeden Tag spärlicher. Die Anzeichen dafür bemerkt die junge ESA-Angestellte deutlich. Wie sollte es anders sein in dieser Zeit der Konfrontation? Denn dass der Hilferuf einen begründeten Anlass hat, das bestreitet niemand. Die internationale Lage ist enorm angespannt.

Unstrittig ist ebenfalls, dass die Gestaltung der Nachricht eine hohe Güte aufweist. Man hat nichts auf eine Karte gesetzt, eine einzelne Codierung benutzt oder nur Buchstaben; vielmehr wurde eine große Bandbreite von Ausdrucksformen gewählt.

„Die Sendung ist regelrecht ein bunter Strauß der Mitteilsamkeit“, hat ein Experte nach der Analyse gesagt. „Das legt den Schluss nahe: Diese Botschaft ist nicht für die Erde bestimmt gewesen. Sie zielt auf andere Zuhörer. Man will mit ihnen in Kontakt treten. Und man bittet sie um Hilfe.“

Wer diese Zuhörerschaft sein könnte, ist der Gegenstand von Spekulationen. Eine bestimmte Rasse von Außerirdischen? Aber warum hat man dann in alle Richtungen gesendet? Wussten die Absender der Nachricht überhaupt, mit wem genau sie reden wollen? Karina ist der Meinung: Mit jedem, der zuhört, egal mit wem. Das würde auch die Bandbreite an Ausdrücken begründen, die der Experte staunend quittiert hat.

Die Frage, wer hinter all dem steht, ist nach wie vor unbeantwortet. Sind es etwa Aktivisten gewesen, die auf die prekäre Lage auf der Erde hinweisen? Aber wenn sie die Bevölkerung aufrütteln wollen, warum funken sie dann ins All hinein?

Oder ist es der Streich eines – allerdings gut vernetzten – Amateurfunkers gewesen? Ist jemand in die Sendeinfrastruktur eingebrochen, hat Rechner gehackt? Der Fakt, dass kein Mensch direkt auf den Sendeknopf gedrückt hat, legt diese Vermutung nahe. Aber nirgendwo haben die Alarmglocken eines Cyberangriffs geschrillt. Niemand hat verdächtige Aktivitäten belegen können, die sich in Logfiles eingebrannt haben und damit eine Verfolgung der Übeltäter ermöglichen.

Zuerst ist alles normal gewesen. Dann hat es die Aktion gegeben. Danach ist wieder alles zur Normalität zurückgekehrt. „Wer als Mensch so tief in Systeme eindringt, der tut das doch nicht nur, um einen einzelnen Brief zu verschicken!“, hat ein Sicherheitsexperte gesagt. „Ein solcher Coup wird zu Geld gemacht! Da erwacht sofort der Geschäftssinn!“

Doch es gibt keine Meldungen von Lösegeldforderungen für gekaperte Systeme und zwangsverschlüsselte Daten. Niemand hat gesagt: „Schaut, was wir alles anstellen können! Zahlt gefälligst oder schnallt euch an bei dem, was wir euch auf den Hals hetzen!“ Keine Überwachungssoftware hat eine Ransomware detektiert, die Datenträger verschlüsselt, oder eine Malware, die von Rechner zu Rechner hüpft. Die Admins weltweit stehen vor einem Rätsel, einer regelrechten Sinnkrise. Wer ist ihr Gegner? Und wie macht er sich unsichtbar?

Doch das Interesse verflacht mit der Zeit. Das Thema läuft sich so langsam tot. Auch Karina arbeitet nicht mehr den ganzen Tag daran. Denn jenseits der Aufregung um den Funkspruch ist nach seiner Versendung genau gar nichts passiert. Keine Retter stehen vor der Tür, um die munter köchelnde Kriegsgefahr abzuwenden.

Die letzten Zuckungen der Affäre bilden die saloppen Kommentare in der Kantine der ESA beim Mittagessen: „Womöglich haben ein paar auf der Erde lebende Außerirdische die Nachricht geschickt. Sie mögen abgeholt werden, noch bevor es hier so richtig kracht.“

„Aber warum schicken sie das dann in so vielen Ausdrucksformen und Sprachen und nicht nur in ihrer eigenen?“

„Ach, Hilfe kann man nie genug haben! Von wem auch immer.“

Das Pulverfass

Ein Jahr später, 3. April, Mittwoch

Kommissarin Leonie Wilke mag den Frühling. Der Teil des Arbeitswegs, den sie zu Fuß an Bäumen und Sträuchern entlang zurücklegt, wird von lebhaftem Vogelgezwitscher begleitet. Sie liebt dieses Konzert. Es verleiht ihr mehr Lebendigkeit als jeder Kaffee am Morgen.

Sie ist heute extra eine Station früher aus den öffentlichen Verkehrsmitteln ausgestiegen. Im Zug hat sie die Nachrichten des Morgens überflogen. Die haben nichts Gutes verheißen, was inzwischen zur Gewohnheit geworden ist. Keiner kann die neuesten Drohgebärden mehr hören, sodass sie ihr Smartphone schnell wieder weggelegt hat und lieber ein Stück geht.

Der beste Informationsschnipsel ist noch der Hinweis auf den seltsamen Hilferuf vor einem Jahr gewesen. Der ist damals schnell wieder in der Vergessenheit abgetaucht. Er hat zur flüchtigen Sorte von Themen gehört. Kaum ein Tag vergeht, an dem der weniger seriöse Teil der Presse von Ufo-Sichtungen und dergleichen berichtet. Diese Meldungen kommen und gehen.

Der Funkspruch ist damals auch kurz ein Thema bei der Polizei gewesen. Dabei hat man gemunkelt, dass sich die Geheimdienste damit befassen. Vielleicht ist das Thema deswegen so schnell wieder aus den Nachrichten rausgerutscht und abgetaucht.

Wilke fand es damals nicht eben schade, dass sie nicht gerufen worden ist zu ermitteln. Sie und ihr Team haben in den letzten Monaten stattdessen an kleinen Fällen gearbeitet, die sie meist schnell aufgeklärt haben. Diese relative Ruhe tut gut nach den Phasen permanenten Stresses wie zum Beispiel während der zähen Ermittlung um feilgebotene digitale Identitäten von braven Bürgern. Man kann den Akku wieder aufladen.

Beruflich gesehen hätte sie momentan allen Anlass zur Gelassenheit. Dennoch schläft sie schlecht. Wie sollte es auch anders sein? Die Weltlage ist angespannt. Dieser Funkspruch ist nicht gerade aus dem Nichts gekommen. Das wird jeder bestätigen. Die Weltuntergangsuhr oder Doomsday Clock ist seit letztem Jahr wiederum weitere bedrohliche Sekunden weitergerückt. Sie kennt nur eine Richtung: vorwärts.

Wilke sorgt sich vor allem um ihren Sohn. Er ist noch nicht mal richtig erwachsen, hat das ganze Leben vor sich – eigentlich. Aber über seiner Zukunft hängen dunkle Wolken.

Die Konfrontationen auf dem politischen Parkett und die Abwesenheit von Entspannungspolitik sind auch ein stetes Thema in der Kaffeeküche im Kommissariat, das Wilke kurze Zeit später nach ihrem Weg durch den Frühlingsmorgen betritt.

„Die Weltmächte und ihre Allianzgenossen belauern sich rund um die Uhr gegenseitig. Da kann eine einzige falsche Bewegung schon zu viel sein“, sagt Kollege Ansgar Boldt. „China, Russland, USA und wer auch immer sich um die schart.“

„Vergiss nicht Indien und Pakistan“, erinnert ihn Nora Fist. „Das sind ebenfalls Atommächte und sie pflegen einen Nachbarschaftsstreit. Das ist eine ungesunde Mischung.“

Damit nicht genug. Es liegen noch weitere Lunten aus, die das Pulverfass zum Bersten bringen können. Wenn die freie Beraterin Merle Beirer im Haus ist, verweist sie in solchen Unterhaltungen auf die Klimakrise. „Der Meeresspiegel steigt stetig. Land geht verloren, das man fortan nicht mehr nutzen kann. Menschen geraten in Bewegung. Durch die Flüchtlingsströme ist Unfrieden vorprogrammiert. Die Leute müssen ja irgendwo hin und andere fühlen sich bedrängt.“

Die Politik versucht gegenzusteuern, Küsten zu stabilisieren, den Prozess zu verlangsamen. Sie wendet dafür Mittel auf, die dann woanders fehlen. Im Angesicht neuer Bedrohungen und Knappheiten lautet der erste Reflex, die Ellenbogen auszufahren. Nachbarschaftsverhältnisse zwischen Anrainerstaaten von Meeren werden belastet, wenn der eine in seine Küsten investiert, aber das Wasser aus dem Nachbarland herüberschwappt. Dahinter muss noch nicht mal böser Wille stecken. Manchmal fehlen das Budget und die Ressourcen. Der Mangel ist ein allgegenwärtiger Begleiter dieser modernen Ära.

Bausand für Beton steht beispielsweise auf der Hitliste knapper Ressourcen weit oben. Wüstensand ist dafür nach wie vor ungeeignet, trotz ingenieurtechnischer Bemühungen.

Alles wird umkämpfter, begehrter – vom Sandkorn zum Bauen bis zum Siliziumkristall für Elektronik. Seltene Erden sind schon länger rar. Und wenn in einigen Gebieten noch die Rohstoffe robust in die Richtung von Produktionsstätten fließen, so schaut manch gut gerüsteter Nachbar neidisch über den Gartenzaun: Sollte man sich diese Stätten mitsamt ihren Strömen aneignen? Verkehrt man per Handstreich einen Nachteil zu einem Vorteil? Mischt man die Karten neu?

Taiwan ist so ein Beispiel. Wird es der große Nachbar China per Überfall einnehmen, wie er das schon seit Jahrzehnten androht? Wird er direkt einmarschieren oder zumindest einen unausweichlichen Druck entfachen, um die Insel und ihre Führung gefügig zu machen? Wird es einen Handstreich geben wie 2026 in Venezuela, als sich die USA dort Einfluss gesichert haben?

Andere neuralgische Punkte liegen neben den besagten Nachbarn Indien und Pakistan auch im Nahen Osten. Dort ist ebenfalls eine Frontenbildung zu konstatieren. Nur weiß man nie genau, wer da gerade mit wem verbündet oder verfeindet ist. Die Lage ist volatil – was das Gegenteil von Stabilität und Sicherheit bedeutet.

Weiter nördlich ist die Arktis nicht erst seit dem Streit um Grönland in den 2020er-Jahren ein Zankapfel. Das Eis als Schutzpanzer ist dünn oder nicht mehr da. Bodenschätze lauern in greifbarer Nähe. Aber auch die militärische Geltung ist mit der besseren Schiffbarkeit der Gewässer gestiegen. Da gilt es, Handelswege zu sichern und Einflusssphären abzustecken. Neben so manchem ehrlichen Forschungsschiff tummeln sich dort auch „Walfänger“, die es weniger auf die bedrohten Tiere als auf die Auskundschaftung von Gegnern abgesehen haben.

Und im Süden, in Afrika, geht es ohnehin ständig um Allianzen der Gewalt, um das Arrangement mit Machthabern und Milizen und welche Weltmacht da wen auf ihre Seite zieht.

Überall auf dem Globus lauert eine Gelegenheit zur Konfrontation.

Oder wie es Kollege Boldt heute in der Kaffeeküche zusammenfasst: „Manchmal denke ich, dass die Frage nicht heißt, ob da was Größeres passiert, sondern wann.“

„Vor einem Jahr, als jemand diesen Hilferuf per Funkspruch abgesetzt hat“, sagt Nora Fist, „da dachte ich schon, dass es jetzt bald so weit ist. Aber noch hält es.“

„Schön und gut. Das klingt mir allerdings eher nach überstrapaziertem Glück als nach einer Lösung. Die Reibereien gehen doch munter weiter. Solange wie sich da auf hoher Ebene niemand miteinander trifft und Bilder von innigem Händeschütteln durch die Medien gehen, gibt es auch keine Entspannung.“

Wilke steht an die Wand gelehnt daneben und nippt an ihrer Tasse. Die Frühlingsstimmung mit Vogelgezwitscher ist der Bürodepression gewichen.

Da klingelt ihr Mobiltelefon und sie nimmt den Anruf an. Ein paar Mal sagt sie „ach so“, „aha“ und am Ende „verstanden“ in das Mikrofon.

„Es gibt Arbeit!“, scheucht sie Fist und Boldt auf. „Wir haben einen neuen Fall!“

Der Freak

„Ein Mann wird vermisst“, sagt Heiner Althaus, Wilkes Vorgesetzter, als er ihr und ihrem Team in seinem Büro kurz erläutert, worum es in dem neuen Fall geht. „Hoffentlich ist es ‚nur‘ eine Entführung und kein Mord.“

„Also ist es etwas Größeres“, stellt Wilke mit Blick auf die zuletzt übersichtlicheren Ermittlungen fest. „Aber warum gerade wir? Bei unserer Gruppe geht es doch sonst um die neuen Verbrechen, um Technologie und so was.“

„Ach, das passt schon so“, entgegnet der Chef. „Der Vermisste ist nach ersten Aussagen, wie soll ich es ausdrücken, recht besonders. Das ist was für euch.“

Wilke und ihre Leute nehmen es zur Kenntnis, entgegnen aber nichts. Mittlerweile reicht also bereits das Attribut „abseits der Norm“, damit sie und ihr Team den Preis in Form eines neuen Falles gewinnt.

„Gleich drei Arbeitskollegen haben es angezeigt, dass er im Büro fehlt, und das in einer heißen Phase“, erläutert Althaus weiter. „Und sie haben wörtlich gesagt, dass sie sich bei ihm schneller Sorgen machen als bei jedem anderen Kollegen.“

„Also fehlt er seit heute früh?“, fragt Wilke.

„Da haben sie ihn vermisst.“

„Wo arbeitet er denn?“

„Beim Deutschen Patentamt.“

„Und er heißt?“

„Dieter Borken.“

„Gut“, sagt Wilke. Und zu Fist gewandt: „Dann schau mal bitte, was die Datenbanken über ihn hergeben und ob du Bilder von ihm findest. Und sag auch gerne Merle Beirer Bescheid, dass es was zu tun gibt. Ihr beide könnt schauen, ob er irgendwo auf Videoüberwachungen aufgetaucht ist.“

Die junge Kollegin nickt und verlässt den Raum, um sich ans Werk zu machen.

„Und wir besuchen derweil das Patentamt“, sagt Wilke zu Boldt.

In der U-Bahn haben die beiden Zeit, sich in ihre Tablets zu vergraben und sich über diese Behörde zu informieren. Das Deutsche Patent- und Markenamt hat noch nicht lange einen vollwertigen Sitz hier in Berlin. Früher ist hier nur das Informations- und Dienstleistungszentrum dieser Institution angesiedelt gewesen.

Als Residenz dient ein altehrwürdiges Gebäude im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, das bereits das Kaiserliche Patentamt beherbergt hat. Mittlerweile sitzen hier auch Patentprüfer für das Deutsche Patentamt. Man hat diese Entwicklung in den 2030er-Jahren gestartet. So bringe man Interessenten näher an einen Arbeitsplatz und kann die offenen Stellen besser besetzen, heißt es. Denn liegen gebliebene Patentanträge bedeuten wirtschaftliche Unsicherheit. Und das leistet sich ein Staat nicht gerne. Also stockt man Kapazitäten auf, indem man nach und nach einen neuen Standort aufbaut und wachsen lässt, hier in Berlin. Es ist eine Ergänzung zu den bestehenden Geschäftsstellen in München und Jena.

„Ein Europäisches Patentamt gibt es auch noch, witzigerweise im selben Haus“, sagt Boldt. „Warum legt man nicht die beiden Ämter zusammen?“

„Frag doch mal die Suchmaschine“, antwortet Wilke. „Bestimmt gibt es Gründe, Geltungsbereiche von Patenten, Prüfverfahren und so weiter.“

Boldt vertieft sich in sein Tablet. „Das sind schon interessante Konstrukte“, sagt er schließlich. „Und sie stimmen sich in rechtlichen Fragen ab, heißt es. Das klingt wie eine gute Sache.“