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"Mauerflieger" ist eine wahre, ergreifende Liebesgeschichte aus der Zeit der DDR und des Eisernen Vorhangs. 1965, im Schatten des Kalten Krieges, verlieben sich zwei Studierende ‒ Isolde aus Ostberlin und Hans Christian aus Stockholm. Die Berliner Mauer ist gerade mal vier Jahre alt und stark bewacht. Hunderte DDR-Flüchtlinge sind bereits bei dem Versuch, sie zu überwinden, festgenommen oder getötet worden. Nun steht sie auch dem Glück dieses jungen Paares im Wege. Doch wahre Liebe kennt keine Grenzen. Und so fassen die beiden einen scheinbar aberwitzigen Plan: Hans Christian soll fliegen lernen, um Isolde über den Eisernen Vorhang zu holen. Nach neun Monaten und vierzig Flugstunden ist es endlich so weit: Als frisch gebackener Pilot fliegt der junge Schwede los, um die Liebe seines Lebens in die Freiheit zu entführen ...
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Seitenzahl: 345
Veröffentlichungsjahr: 2019
Isolde Cars / Hans Christian Cars
Eine grenzenlose Liebe im Schatten des Kalten Krieges
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
1965, im Schatten des Kalten Krieges, verlieben sich zwei Studierende – Isolde aus Ostberlin und Hans Christian aus Stockholm. Die Berliner Mauer ist gerade mal vier Jahre alt und stark bewacht. Hunderte DDR-Flüchtlinge sind bereits bei dem Versuch, sie zu überwinden, festgenommen oder getötet worden. Nun steht sie auch dem Glück dieses jungen Paares im Wege. Doch wahre Liebe kennt keine Grenzen. Und so fassen die beiden einen wagemutigen Plan: Hans Christian soll fliegen lernen, um Isolde über den Eisernen Vorhang zu holen. Nach neun Monaten und vierzig Flugstunden ist es endlich so weit: Als frischgebackener Pilot fliegt der junge Schwede los, um die Liebe seines Lebens in die Freiheit zu entführen ...
Prolog
Berlin Ostbahnhof
Sehnsuchtslandschaft
Die andere Seite
Ungarischer Tanz Nr. 5
Bizarres Land
Kristóf Tér
Feuervogel
Kein Thema mehr
Genfer Studien
Auf nach Berlin
Unerwarteter Besuch
Die »Nathalie« von Ostberlin
Die Fähre, die nie ablegte
Der Check am Checkpoint Charlie
Höhere Gewalt
Mauerflieger
Lufttaufe
Abschiedsgedanken
Guten Rutsch!
Die angeschossene Krähe
Heißes Pflaster
Schöne heile Welt?
Strandflucht
Zweifel und Enthüllungen
Ein waschechter Pilot
Von Augenblick zu Augenblick
Henkersmahlzeit
Eine Ewigkeit im Dunkeln
Ab durch die Mitte
Per Anhalter
Auf nach Mlada Garda!
Triumphbogen
Wochenendverkehr
Ein Nachmittag Ende August
Überraschungseffekt
See der Erinnerung
Ehrenrunde
Der Kampf zwischen Hell und Dunkel
Das Aschenputtel von Aspern
Postkarte aus Wien
Luftlöcher
»Wo kommen Sie denn her?«
Mission accomplished
Zimmer 1
Hochzeitstag
Rückschau
Epilog
Bildteil
In Warnemünde schloss sich der Kreis. Hier hatte Isolde am 13. August 1961 erfahren, dass die DDR ihre Grenzen dichtmachte, hierher kam sie knapp fünf Jahre später, um mit mir ihren Sprung über diese Grenze zu planen. Da kannten wir uns seit gut einem Jahr und waren seit sieben Monaten im Geheimen verlobt. Nüchtern betrachtet hatte unsere Beziehung keine Zukunft. Wir stammten aus verschiedenen Hemisphären jenes Europas, das der Kalte Krieg in zwei Teile gespalten hatte. Isolde lebte östlich des Eisernen Vorhangs in der DDR, ich in Schweden. Streng bewachte Grenzen trennten unsere Welten voneinander. Doch dass die politischen Verhältnisse unsere Liebe unmöglich machen sollten, konnten wir nicht hinnehmen. Deshalb beschlossen wir, dass Isolde in den Westen fliehen würde. Mit meiner Hilfe. In einem Flugzeug.
Jetzt war die letzte Gelegenheit, gemeinsam an unserem Plan zu feilen und Risiken abzuwägen. Es lag eine knisternde Spannung in der Luft. Zugleich fühlten sich die Tage am Meer ein bisschen wie Flitterwochen an. Sie waren das strahlende Trugbild einer Freiheit, von der wir wussten, dass es sie in dem Land, das Isoldes Heimat war, nie geben würde. Seit dem Bau der Berliner Mauer und der totalen Abschottung Ostdeutschlands vom Westen Europas war die innerdeutsche Grenze für DDR-Bürger zu einem fast unüberwindbaren Hindernis geworden. Zwar hatten es immer wieder Menschen geschafft, in den Westen zu fliehen – mit Zügen, Booten, gepanzerten Bussen oder durch Tunnel –, doch jede gelungene »Republikflucht« führte zur weiteren Aufrüstung der Grenzanlagen. Viele Menschen ließen sich dennoch nicht von ihnen abhalten. Allein an der Berliner Mauer kamen im ersten Halbjahr 1966 acht Menschen durch die Schüsse von Grenzsoldaten ums Leben.
Genaue Informationen über diese fürchterlichen Ereignisse hatten wir damals nicht. Trotzdem wussten wir um die Risiken unseres Vorhabens. Deshalb hatten wir beschlossen, Isoldes Flucht nicht an der innerdeutschen Grenze, sondern in der Tschechoslowakei ins Werk zu setzen. Damals dachten wir, der Eiserne Vorhang würde weiter südlich nicht ganz so penibel bewacht wie in der DDR. Jahre später erfuhren wir, dass zwischen der Tschechoslowakei und Österreich bis zum Mauerfall 129 Menschen ihren Fluchtversuch mit dem Leben bezahlten und damit fast ebenso viele wie an der Berliner Mauer. Ob wir unseren Plan abgebrochen hätten, falls wir diese Zahlen damals schon gekannt hätten? Bestimmt nicht. Wir waren verliebt und wir wollten zusammen sein. Das ging nur, wenn einer in die Welt des anderen übersiedelte.
Theoretisch hätte natürlich auch ich zu Isolde in die DDR ziehen können, aber das wollten wir beide nicht. Das Regime, das ihr eine Mauer vor die Nase gesetzt und ihren unbändigen Freiheitsdrang gegängelt hatte, lehnte Isolde kategorisch ab. Sie fand das Leben in der DDR durchaus nicht unerträglich und litt auch nicht unter Schikanen, doch dass ein politisches System seine Bürger durch Stacheldraht und Schüsse in Schach hielt, widersprach ihrem Begriff von Menschlichkeit ebenso wie meinem. Innerlich war sie schon lange bereit, dieses Land hinter sich zu lassen – und sei es für immer.
Zweifel spielten in jenen Warnemünder Sommertagen deshalb kaum eine Rolle. In den warmen, klaren Nächten am Strand machte das Funkeln der Sterne sie vergessen, an den hellen, heißen Tagen verdunsteten sie im Licht der Sonne. Rückblickend habe ich das Gefühl, dass wir nach den Besprechungen der ersten Tage nicht mehr viel über die Flucht redeten. Stattdessen machten wir Urlaub. Im friedlichen, unablässigen Rauschen der Brandung vergaßen wir unsere Sorgen und genossen das Strandleben. Isolde war eine gute Schwimmerin. Sie war viel ausdauernder als ich, der lieber an Land blieb, sich auf dem Badetuch ausstreckte und zusah, wie ihr zierlicher Schatten mit der funkelnden Wasseroberfläche verschmolz. Dann wünschte ich mir manchmal, ich könnte den Moment einfrieren und die Zeit anhalten. Es war ein fast perfektes Idyll. Aber eben nur fast. Denn in der Ferne patrouillierten Tag und Nacht die Boote der ostdeutschen Küstenwache. Sie warteten nur auf ihren Einsatz, sobald jemand ihre Route kreuzte, um nach Westdeutschland, Dänemark oder Schweden zu entkommen. Ihr Anblick holte mich in die Wirklichkeit zurück.
Am Nachmittag, bevor wir auseinandergingen, steckten Isolde und ich ein letztes Mal weitab der Hörweite anderer Badegäste die Köpfe zusammen, um über das rote Tuch, das codierte Telegramm und den unsichtbaren, darum bedrohlichen Propeller zu sprechen. Wir absolvierten die Generalprobe für unser großes, romantisches Schauspiel mit dem Titel »Isoldes Flucht«. Uns blieb noch ein knapper Monat, bis wir mit der Wirklichkeit konfrontiert wurden. Die Flucht war gar kein romantisches Schauspiel. Sie war eine Herausforderung, eine Zerreißprobe. Sie war das größte Abenteuer unseres Lebens.
Es gab noch keinen Fernsehturm am Alexanderplatz, als ich am Karfreitag des Jahres 1965 mit dem Saßnitz-Express im Berliner Ostbahnhof einrollte. Es gab nicht weit von dort die Mauer an der Spree. Und in der Bahnhofshalle gab es einen alles überdeckenden Smog, der die Strahlen der untergehenden Sonne brach und streute, sodass die abendliche Szenerie in einem unwirklich gelben Zwielicht erglühte. Jetzt war ich auf meiner Reise nach Prag also in Ostberlin angekommen, der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik.
Ich besuchte Ostberlin nicht zum ersten Mal. Ein paar Jahre zuvor war ich im Rahmen eines Fechtturniers hier gewesen, vor dem Bau der Mauer. Dass Berlin eine geteilte Stadt war, hatte sich damals noch nicht mit unverrückbarer Endgültigkeit gezeigt. Nun war es anders. Als ich, dem Strom der Reisenden folgend, aus dem Zug stieg, hatte ich das Gefühl, unerwünscht zu sein in dieser Stadt. Im Grunde war es ja auch so. Als schwedischer Staatsbürger kam ich zwar aus einem Land, das sich im Kalten Krieg neutral positionierte, aber ein Besucher aus dem kapitalistischen Westen war ich dennoch und stand zudem dem DDR-System kritisch gegenüber.
Für mich war der Mauerbau vom August ’61 der endgültige Beleg dafür gewesen, dass das DDR-Regime ein abscheuliches, totalitäres System war, das seine Bürger einsperrte und elementarer Freiheiten beraubte. Dies war mir schon nach der Niederschlagung der Volksaufstände von Berlin, Budapest und Posen in den Fünfzigerjahren klar gewesen. Doch seit dem Mauerbau fragte ich mich verstärkt, wie man die starren Grenzen des Kalten Krieges wieder aufweichen oder gar überwinden könnte. Politisch hatten sich die Fronten immer mehr verhärtet, auf dieser Ebene wirkte die Lage zunehmend hoffnungslos. Bessere Aussichten der Annäherung schien mir die Wirtschaft zu bieten. Wo man für ökonomische Verflechtungen und Handel zwischen den Völkern sorgte, wurden Austausch und ein besseres Verständnis füreinander gefördert. Beides konnte zur Öffnung beitragen, das hoffte ich zumindest. Deshalb beschloss ich 1962 im Alter von 23 Jahren, meinen Beruf als Offizier an den Nagel zu hängen und an der Stockholmer Universität Russisch und Ökonomie mit Schwerpunkt Ost-West-Handel zu studieren.
Im Rahmen des Studiums unternahm ich Reisen nach Moskau und Warschau. Ich staunte über die gigantischen Weiten des Roten Platzes und stand am Lenin-Mausoleum Schlange, ich diskutierte mit moderaten Studenten und strammen Kommunisten. Die Frau des schwedischen Militärattachés fuhr mich zusammen mit ein paar Kommilitonen in ihrem Wagen nach Sagorsk. Auf der Fahrt sah ich, wie Wachposten an jeder Kreuzung unser Autokennzeichen registrierten, und in der Klosterstadt staunte ich über den dort zur Schau gestellten religiösen Pomp. Einige Jahre später fuhr ich im Auto eines schwedischen Diplomaten mit von Warschau nach Berlin. Dabei wurde ich Zeuge, wie uns eine polnische Staatskarosse bis zur Überquerung der DDR-Grenze beständig folgte. Auf meinen Reisen in den Oststaaten erlebte ich den blühenden Schwarzhandel mit Devisen und Westartikeln, der an öffentlichen Plätzen in Moskau und Warschau erstaunlich unverhohlen betrieben wurde. Mir waren die Widersprüche und Eigenheiten der Welt jenseits des Eisernen Vorhangs also nicht völlig unbekannt, als ich an jenem Abend in der Hauptstadt der DDR eintraf. Doch Berlin mit seiner Mauer, dem weltbekannten Checkpoint Charlie und den geheimnisumwitterten Geisterbahnhöfen war eine Klasse für sich. Die geteilte Stadt war ein Ärgernis und ein Rätsel zugleich. Sie hatte etwas Ungreifbares.
Als ich jetzt auf dem Bahnsteig stand – umgeben von Reisenden, die an mir vorbeieilten, und Schaffnern in blauen Reichsbahn-Uniformen, die mit schwarzen Pfeifen zwischen den Lippen das Geschehen lenkten –, bedauerte ich, dass ich nicht ein, zwei Tage für die Erkundung Berlins eingeplant hatte. Aber man konnte nicht alles haben. Ich musste weiter zum Anschlusszug nach Prag, wo ich am folgenden Morgen zu einer Gruppe schwedischer Kommilitonen stoßen sollte, die zu einer Studienreise durch Osteuropa aufbrach. Für den kommenden Tag standen Treffen mit Diplomaten der Tschechoslowakei auf dem Programm. Solche Termine waren eine gute Möglichkeit, um Kontakte zu knüpfen. Zudem war die Tschechoslowakei in jenen Jahren eines der wenigen Länder des Ostblocks, von denen eine Aufbruchstimmung ausging. Im Mai 1963 hatten Schriftsteller und andere Intellektuelle bei der Kafka-Konferenz in der mittelböhmischen Stadt Liblice fortschrittliche Debatten über einen modernen Sozialismus in Gang gesetzt und damit den Weg für eine Demokratisierungsbewegung geebnet. Ich hatte die Entwicklungen gespannt verfolgt und versprach mir viel davon. Mit der brutalen Niederschlagung des »Prager Frühlings« 1968 sollte die Bewegung ein jähes Ende finden.
Während sich außerhalb der Bahnhofshalle die Sonne dem Horizont näherte, kämpfte ich mich durch das Gedränge zum Fahrplan vor. Rauch vermischt mit Kohlenstaub und Diesel stieg mir in die Nase. Mein Anschlusszug, der Hungaria Richtung Budapest, sollte in anderthalb Stunden von Bahnsteig B abfahren. Von dort fuhren die »Fernzüge Richtung Osten«. Ohne Umschweife schlenderte ich dorthin.
Da der Zug noch nicht bereitstand, stellte ich meinen Koffer ab und lehnte mich an ein Treppengeländer, um die Menschen zu beobachten, die unablässig vorbeiströmten, als hätte man sie mir zur Begutachtung geschickt. Viele Frauen schienen sich für die Ostertage fein gemacht zu haben. Sie trugen Hüte mit breiten Krempen und schmal geschnittene Stoffmäntel mit Taillengurt, unter deren Säumen bunt gemusterte Kleider zum Vorschein kamen. Schuhe mit hohen Absätzen klapperten gegen die ohrenbetäubenden, aber zur völligen Unverständlichkeit verzerrten Lautsprecherdurchsagen an. Ich sah Hochsteckfrisuren und Dauerwellen, Ansteckblumen und Handtaschen, Halstücher, Ohrringe, Stehkragen und gepunktete Haarreife. Die Männer hingegen glichen sich alle irgendwie. Die meisten trugen Anzüge in gedeckten Braun- und Grautönen, schmale Schlipse und Trenchcoats.
Genau wie ich. Mein Studenten-Chic jener Tage waren ein braun kariertes Sakko mit gemustertem Schlips und ein beiger Mantel, dessen Innenfutter etwas zerfetzt war, den ich aus Kosten- und Bequemlichkeitsgründen trotzdem weitertrug. Auf Äußerlichkeiten gab ich nicht viel, mich interessierten die Dinge hinter den Fassaden. So fragte ich mich auch jetzt, wie die DDR-Bürger wohl ihr Leben empfanden. Ob sie sich so eingesperrt fühlten, wie ich es mir als Beobachter aus dem Westen vorstellte? Ob sie das System gleichgültig hinnahmen oder es tatsächlich guthießen? Ob sie das, was ich als Unfreiheit interpretierte, vielleicht sogar als Geborgenheit empfanden? Die DDR-Regierung verkaufte die Mauer schließlich als »antifaschistischen Schutzwall«.
Während ich überlegte, jemanden anzusprechen, fuhr die klobige Diesellok des Hungaria ein. Sie zog eine Reihe Waggons hinter sich her, deren Farbe vom gleichen Staubschleier gezeichnet war, der die Luft in der Bahnhofshalle trübte. Die schmutzige Glanzlosigkeit stand in direktem Gegensatz zu den herausgeputzten Reisenden. Doch das hinderte die Menschen nicht daran, den Wagen entgegenzudrängen wie einer Verheißung.
Nur eine junge Familie trotzte dem Sog der Menge und verharrte am Rand des Bahnsteigs. Die drei boten einen Anblick, wie man ihn wohl täglich weltweit auf Bahnhöfen zu sehen bekommt. Trotzdem fesselte er mich, weil die wenigen beiläufigen Gesten dieser Menschen ein Gefühl von Wehmut in mir auslösten. Der Mann war in die Hocke gegangen, um sich von seinem weinenden Sohn zu verabschieden, der krampfhaft versuchte, den Vater am Kragen zurückzuhalten. Die Frau betrachtete die beiden mit traurigem Blick. In ihrem engen grauen Kleid und den hochhackigen Schuhen wirkte sie elegant, doch dies konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch sie den Tränen nahe war. Aus Kummer über den Abschied von ihrem Liebsten oder über das Leid ihres Kindes? Mich rührte das Bild. Es war wie ein Funke stiller Wahrhaftigkeit in einem Meer aus Hektik und Lärm.
Widerwillig gliederte ich mich in die rempelnde und schubsende Menge ein, die den schmalen Waggontüren zustrebte. Zunächst ignorierte jedermann den Schaffner, der mit zackigen Pfiffen zur Disziplin mahnte. Erst als er über die Köpfe der Leute hinweg etwas rief, das ich zunächst nicht verstand, stockte der Strom ins Innere des Waggons. Eine Menschentraube bildete sich vor dem Zug. Der Bahnbeamte wurde zum Zentrum einer aufgeregten Debatte. Mein Deutsch war eigentlich ganz gut, doch hier, wo alle durcheinanderredeten und unablässiger Hintergrundlärm dröhnte, war ich aufgeschmissen.
»Gibt es ein Problem?«, fragte ich einen älteren Mann mit Hut neben mir.
Er sah mich prüfend an und antwortete: »Wenn Se ’ne Platzkarte ham, nich!«
»Platzkarte?«
»Der Herr Beamte verklickert uns jerade, dass hier Reservierungspflicht is’. Wer keene Platzkarte hat, muss draußen bleiben.«
Das hörte ich zum ersten Mal, von Reservierungspflicht war beim Kauf der Fahrkarte keine Rede gewesen.
»Und wo bekomme ich so eine Platzkarte?«, fragte ich den Mann.
»Nirjends«, lautete die Antwort. »Der Herr Beamte behauptet, es is’ ausjebucht.«
Der Mann muss mir meinen Schreck angesehen haben, denn er schlug mir lachend auf die Schulter und sagte: »Überrascht? Dann jeht’s Ihnen wie den meisten hier.«
Mit diesen Worten wandte er sich wieder der Menge zu, wedelte mit seiner Fahrkarte in Richtung Schaffner und brüllte irgendetwas im Berliner Dialekt. Danach schnappte ich nur noch Wort- und Satzfetzen auf. »Werd mich beschweren«, »wohl ’n Witz«, »reine Willkür« – das war, was ich aus dem Geschrei heraushörte. Der Rest war selbsterklärende Körpersprache. Während die Fahrgäste hinter und vor mir aufgebracht gestikulierten und die Fäuste ballten, stand der Reichsbahner mit verschränkten Armen ungerührt da und wiederholte stoisch immer wieder den gleichen Satz. So lange, bis sogar ich ihn verstand: »Bewahren Sie Ruhe und halten Sie Ihre Platzkarten bereit!«
Dass der Großteil der Menschen keine Platzkarten besaß, schien ihn nicht zu kümmern. Er sah einfach hochmütig über die Menge hinweg. So trafen sich kurz unsere Blicke. Seine kalten, gleichgültigen Augen machten mich wütend, doch ich ließ mir nichts anmerken. Vielmehr dachte ich darüber nach, was ich jetzt tun sollte. Den Rückzug antreten und auf die nächste Verbindung nach Prag warten? Meine Fahrkarte verfallen lassen und doch meinem Wunsch nachgeben, eine Nacht in Ostberlin zu verbringen? Mit dem Bahnbeamten diskutieren, ob er vielleicht eine Ausnahme machte? Die dritte Option erübrigte sich, als ich ein zweites Mal in die kalten Augen des Schaffners sah. Sein Blick ließ keinen Zweifel daran, dass er niemand war, der sich weichklopfen ließ. Option Nummer zwei war unrealistisch, weil ich für eine Übernachtung in Ostberlin kein Visum hatte. Und was den nächsten Zug anging: Wer garantierte mir, dass die Platzkarten dort nicht ebenfalls »ausjebucht« sein würden? Niemand. Also entschied ich mich für eine vierte Option: Ich warf meine Skrupel über Bord, wühlte mich durch die Menge und stieg kurzerhand in den Zug ein. Ich würde mich einfach dumm stellen. Als Ausländer hatte ich ja wirklich nichts von der Platzkartenregel gewusst. Das Schlimmste, was passieren konnte, war wohl, dass ich an der nächsten Station an die Luft gesetzt wurde. Dann konnte ich immer noch auf die nächste Verbindung warten. Ich hatte also nichts zu verlieren.
Im Zug setzte sich das Gedränge nahtlos fort. Schon nach wenigen Metern ging nichts mehr. Im Abteil rechts von mir warfen sich die Fahrgäste beim Verstauen ihrer Koffer in den Gepäcknetzen beinahe gegenseitig um, in dem engen Gang vor mir kamen die Menschen kein bisschen voran. So machte ich es wie die meisten auf dem Gang. Ich stellte meinen Koffer ab, stützte mich mit den Ellenbogen auf die Kante des geöffneten Fensters und beobachtete das Treiben auf dem Bahnsteig. Der Anblick des chaotischen Gedränges erfüllte mich mit einer gewissen Genugtuung. In drei Minuten würde der Zug abfahren. Danach konnte auch eine vermeintliche Reservierungspflicht nichts mehr daran ändern, dass ich mich auf dem Weg Richtung Prag befand. Der Rest war mir egal.
Überrascht stellte ich fest, dass ich direkt neben dem jungen Vater von der Abschiedsszene stand. Er lehnte sich aus dem Fenster, während sein Sohn und seine Frau vom Bahnsteig zu ihm hochblickten. Der Junge hatte aufgehört zu weinen. Er sah jetzt eine kleine Clown-Puppe an, die ihm der Vater durchs Zugfenster entgegenhielt. Im Rücken der Puppe steckte ein Schlüssel. Als der Mann ihn dreimal drehte, begann der Clown, mechanisch in die Hände zu klatschen. Der Junge verfolgte die Bewegungen, die allmählich langsamer wurden, wie gebannt. Als sie endeten, beugte sich der Vater etwas weiter hinaus, streckte den Clown seinem Sohn hin und ließ die Puppe mit verstellter Stimme sagen: »Darf ich bei dir bleiben, Max?«
Das Gesicht des Jungen glühte, seine Augen strahlten, seine Ärmchen reckten sich der Puppe entgegen. Während er begeistert »Jaaaa!« rief, wurde ich durch eine korpulente Dame abgelenkt, die sich mit einem riesigen Koffer und vollem Körpereinsatz in den Gang drängte. »Tschuldigung, der Herr!«, sagte sie, als sie mich dabei unsanft anrempelte. Dann polterte sie mit einem lautstarken »Achtung!« weiter und rammte ihren Riesenkoffer meinem Nebenmann in die Seite. Der Vater stieß einen kurzen Schrei aus. Ich dachte zunächst, aus Verärgerung, doch als ich mich wieder dem Fenster zuwandte, wurde mir klar, dass es vor Schreck gewesen war. Ich sah noch, wie der Clown aus seiner Hand glitt und in den Spalt zwischen Zug und Bahnsteigkante fiel. Mein nächster Eindruck war das geschockte Gesicht des Jungen. »Oh nein, gleich weint er wieder«, dachte ich.
Doch damit hatte ich ihn unterschätzt. Mit aller Kraft riss sich der Kleine von seiner Mutter los, die ihn an der Hand hielt, und sprang der Puppe hinterher. Im Nu war er unter den Zug geklettert, dessen Türen soeben mit lautem Krachen schlossen. Bis zur planmäßigen Abfahrt waren es noch zwei Minuten. Jetzt war es der Vater, der mich und alle Fahrgäste, die ihm im Weg standen, ohne Rücksicht zur Seite stieß. Mit drei großen Sätzen hechtete er zum Ausgang, stemmte die eben zugefallene Waggontür wieder auf und sprang mit angstgeweitetem Blick auf den Bahnsteig. Dort herrschte Panik. Menschen, die den Vorfall mitbekommen hatten, liefen aufgeregt hin und her und riefen nach Personal, das die Abfahrt des Zuges stoppen konnte. Die Mutter kniete an der Bahnsteigkante und schrie in heller Verzweiflung immer wieder nach ihrem Sohn: »Max! Komm sofort da raus! Max!« Der Vater versuchte seinerseits, sich in den Spalt zu zwängen, schaffte es aber nicht. Plötzlich der gellende Ruf einer älteren Dame ein paar Meter weiter: »Hierher! Der Junge ist hier!«
Als ich in ihre Richtung sah, reckte sich gerade eine kleine Hand unter dem Zug hervor. Dann eine zweite, die die Clown-Puppe auf den Bahnsteig legte. In diesem Moment schrillte ein Pfiff durch die Halle. Menschen riefen aufgeregt: »Stopp!«, »Nicht losfahren!« Der Vater stürzte hinzu, kniete sich hin, ergriff die Hände seines Sohnes und zerrte ihn aus dem Spalt heraus. Als der Kleine völlig verdreckt, aber bestens gelaunt wieder auf dem Bahnsteig stand, schnappte er sich die Puppe und schloss sie fest in seine Arme. Er hatte seinen Clown gerettet. Warum seine Mutter ihn tränenüberströmt an sich drückte, schien er nicht zu verstehen, die erschreckten Gesichter der Menschen rings um ihn ebenso wenig. Sein Vater hielt für ein paar Sekunden schwer atmend und etwas ratlos inne. Er schien zu überlegen, ob er bleiben oder fahren sollte. Doch als das Tuten der Lok und ein weiterer Pfiff ertönten, löste er sich aus seiner Starre, eilte zur Tür, die er noch vor wenigen Augenblicken voller Angst aufgestemmt hatte, und sprang zurück in den Waggon.
»Bis nächste Woche, Max, mein kleiner Held«, rief er an der Tür, während der Zug sich in Bewegung setzte. »Pass gut auf Herrn Clown auf, bis ich zurück bin.«
Max strahlte übers ganze Gesicht. Er lief noch ein Stück neben dem Zug her und winkte seinem Vater mit der Puppe in der Hand nach. Innerhalb weniger Minuten war er von dem kleinen Jungen, der seinen Papa nicht hatte gehen lassen wollen, zum Helden von Bahnsteig B geworden. Ein Triumph. Dass er in Todesgefahr geschwebt und seinen Eltern den Schock ihres Lebens eingejagt hatte, war ihm nicht bewusst. Ich war erleichtert, dass das Ganze glücklich ausgegangen war.
Während der Zug an Tempo gewann, legten sich die Aufregung und das Gedränge im Waggon allmählich. Nach und nach fanden alle Reisenden ihre Plätze. Auch der Vater von Max verschwand in einem Abteil. Irgendwann stand ich allein auf dem Gang. Schlagartig wurde mir meine missliche Lage bewusst. Ich war offenbar der Einzige, der ohne Platzkarte in den Zug gestiegen war. In der vagen Hoffnung, trotzdem irgendwo eine freie Nische zu finden, schritt ich ein Abteil nach dem anderen ab. Alle waren bis unters Dach mit Passagieren und Gepäck vollgestopft.
Doch da geschah es – das kleine Wunder, das mein ganzes Leben gründlich auf den Kopf stellen sollte. Gerade als ich mich innerlich darauf einstellte, die Fahrt auf dem Gang zu verbringen, irgendwann vom Schaffner erwischt und aus dem Zug geworfen zu werden, erreichte ich ein Abteil, das so gut wie leer war. Nur eine junge Frau saß darin. In einem blauen Kleid und mit einer kleinen Handtasche auf dem Schoß thronte sie auf ihrem Polstersitz und betrachtete die vorüberfliegende Landschaft. Sie war hübsch. So hübsch, dass ich sie eine Weile lang nur verzückt betrachtete. Dann fasste ich mir ein Herz, steckte meinen Kopf ins Abteil und fragte in meinem besten Schuldeutsch: »Entschuldigen Sie, ist bei Ihnen noch etwas frei?«
Sie lachte und machte eine einladende Geste: »Bitte sehr. Suchen Sie sich einen Platz aus!«
Am liebsten hätte ich laut »Juhu!« gerufen. Die Einladung der jungen Frau löste nicht nur schlagartig mein Sitzplatzproblem, sie bedeutete auch, dass ich meine Reise in ausnehmend reizender Gesellschaft verbringen würde. Ich bedankte mich höflich, verstaute meinen Koffer in der Gepäckablage, setzte mich auf den freien Fensterplatz gegenüber meiner entzückenden Wohltäterin und sagte in bestem Schulbuchvokabular: »Einen schönen guten Abend.« Ich betrachtete die junge Frau. Sie musste etwa Mitte zwanzig sein. Ihre langen, nussbraunen Haare hatte sie hochgesteckt, ihr hübscher Mund lächelte, zarte Kajalschwünge rahmten ihre grünblauen Augen. Sie glich einer Mischung aus Audrey Hepburn und Romy Schneider. In Erstere war ich schon als Dreizehnjähriger verliebt gewesen, als ich den Film »Ein Herz und eine Krone« gesehen hatte. Romy Schneider hatte mich als junge habsburgische Kaiserin »Sissi« beeindruckt. Beide Schauspielerinnen ließen die Leinwand strahlen. Doch das hier war keine Leinwand, das war die Wirklichkeit!
Trotz meines ganz passablen Deutsch war ich nicht sicher, wie man eine unbekannte junge Frau ansprach. Würde ich ihr zu nahetreten, wenn ich »Du« sagte? In Schweden war es ganz normal, sich zu duzen, aber wir kannten uns ja erst seit ein paar Minuten. Ich fasste mir ein Herz.
»Ich heiße Hans Christian.«
»Angenehm«, erwiderte sie. »Ich heiße Isolde.«
Als ich diesen Namen hörte, musste ich sofort an die berühmte schwedische Opernsängerin Birgit Nilsson denken, die in jenen Jahren als Titelheldin der Wagner-Oper »Tristan und Isolde« weltweit Erfolge feierte. »Hans Tristan und Isolde« – das klang doch ganz lustig.
»Wohin geht denn die Reise?«, fragte ich etwas unbeholfen.
»Ich besuche Freunde in Budapest. Und du? Wohin geht die Reise für dich?«, fragte Isolde mit einem schelmischen Lächeln. Es zeigte mir, dass sie meine Unsicherheit bemerkt hatte, was mir etwas peinlich war. Ich war jedoch erleichtert, dass sie mir so schnell aus der Verlegenheit geholfen hatte.
»Ich komme aus Schweden und fahre nach Prag«, beeilte ich mich zu antworten. »Dort schließe ich mich einer Studiengruppe an. Morgen treffen wir Vertreter verschiedener Ministerien. In drei Tagen fahre ich dann weiter nach Genf, wo ich gerade studiere. Jedenfalls bin ich dir sehr dankbar, dass ich hier sitzen darf. Ich hatte ehrlich gesagt keine Ahnung, dass man für diesen Zug eine Platzkarte braucht.«
»Oh, das macht überhaupt nichts«, horchte Isolde auf. »Von denen habe ich mehr, als ich brauche.« Und sie zauberte aus ihrer Tasche Platzkarten für das gesamte Abteil hervor.
»Ich hab sie für meine Freunde gekauft, aber offenbar haben sie alle den Zug verpasst«, erklärte sie lachend, fügte aber rasch hinzu: »Nur einer wird noch in Dresden zusteigen.«
Bis Dresden waren es etwa 170 Kilometer. Die Fahrt dorthin dauerte zwei Stunden – genug Zeit, um Isolde ein bisschen kennenzulernen.
»Und was machst du sonst?«, fragte ich. »Wenn du nicht gerade nach Ungarn reist?«
»Ich studiere Medizin an der Humboldt-Universität in Berlin.«
»Stammst du aus Berlin?«
»Nein, ich bin erst fürs Studium dort hingezogen.«
»Aber du wurdest in der DDR geboren?«
Diese Frage brachte Isolde zum Lachen.
»Nein, so jung bin ich nicht«, gab sie zurück. »Als die DDR1949 gegründet wurde, war ich schon acht Jahre alt. Ich wurde im Krieg geboren. Wir wohnten damals in der Nähe von Posen. Mein Vater ist Deutscher, die Eltern meiner Mutter waren Polen. Im Februar 1945 flüchtete die ganze Familie im tiefsten Winter vor den anrückenden sowjetischen Truppen nach Westen. Meine Eltern wollten nach Hamburg oder Hannover, doch dann wurden wir kurz vor Berlin von russischen Verbänden eingeholt. Ich war kaum vier Jahre alt, aber an ein paar Dinge von damals erinnere ich mich noch sehr lebhaft. An den endlosen Treck von Flüchtlingen, die schneidende Kälte, an einen Luftangriff, bei dem wir uns flach auf die gefrorene Erde in einen Graben werfen mussten … Es war eine schreckliche Zeit.«
Schlagartig verstummte Isolde. Sichtlich bewegt schien sie den schlimmen Erinnerungen nachzuhängen. Da fuhr der Zug plötzlich über eine harte Schwelle, die den gesamten Waggon durchrüttelte. Die Erschütterung brachte eine Flasche Limonade ins Wanken, die auf dem Klapptisch zwischen uns stand. Für Sekundenbruchteile tanzte sie am Rand der Tischkante hin und her, bis ich geistesgegenwärtig nach ihr griff. Sofort verschwand der melancholische Ausdruck aus Isoldes Gesicht.
»Gut gemacht«, rief sie lachend. »Du hast gute Reflexe.«
»Das hat vielleicht damit zu tun, dass ich seit meinem dreizehnten Lebensjahr Fechter bin.«
»Du bist Fechter? Interessant. Ich bin noch niemandem begegnet, der ficht. Die meisten meiner Freunde spielen Basketball. Ich selbst bin Mitglied im Sportclub der Universität, treibe außer Schwimmen aber keinen anderen Sport. Das ist auch nicht nötig. Ich wohne im vierten Stock eines Altbaus, da bekomme ich sowieso genug Bewegung.«
Quietschend wurde die Abteiltür zur Seite geschoben. Der Reichsbahnbeamte mit den kalten Augen trat ein und verlangte unsere Reisepapiere. Gehorsam reichten wir sie ihm. Mit ernster Miene schien er jeden einzelnen Buchstaben auf den Dokumenten zu prüfen. Weil das so lange dauerte, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, mich zu erkundigen, was passiert wäre, wenn ich keine Platzkarte gehabt hätte.
»Warum wollen Sie das denn wissen?«, kam in scharfem Tonfall zurück. Sofort bereute ich die Frage. Mit einer beschwichtigenden Geste winkte ich ab und sagte: »Nicht so wichtig. Ich war nur neugierig.«
»Dann werde ich dem jungen Herrn mal etwas sagen«, dozierte der Schaffner. »In diesem Land beantworten wir keine hypothetischen Fragen. Schon gar nicht von Fremden.«
Mit abschätzigem Blick musterte er mich von Kopf bis Fuß. Vielleicht bemerkte er dabei, wie unangenehm mir die Situation war, denn auf einmal ging ein joviales Grinsen über sein Gesicht: »Keine Sorge, war nicht so ernst gemeint. Ihre Frage sicher auch nicht, Sie sind ja stolzer Besitzer einer Platzkarte.«
Er stempelte unsere Fahrausweise und gab sie zurück. Dann verließ er das Abteil und schloss mit einem resoluten Knall die Schiebetür hinter sich. Isolde beugte sich mit hochrotem Kopf zu mir hinüber.
»Um Himmels willen, warum hast du denn diese dumme Frage gestellt?«
»Ich wollte ihn gar nicht provozieren«, erwiderte ich. »Ich war einfach neugierig.«
»Behalt deine Neugierde für dich«, riet mir Isolde mit strengem Blick. »Besonders in diesem Land.«
Ihre heftige Reaktion überraschte mich. Zugleich stimmte sie mich nachdenklich. Einerseits sah ich ein, dass meine Frage überflüssig gewesen war. Andererseits hatte ich sie wirklich völlig harmlos gemeint. Ich bekam eine Ahnung davon, wie sehr man »in diesem Land« seine Worte abwägen musste. Zudem schloss ich aus Isoldes Bemerkung, dass sie von der DDR wohl nicht besonders viel hielt. Das gefiel mir, weil es mich darin bestätigte, dass wir auf einer Wellenlänge lagen.
Nach diesem unerfreulichen Zwischenfall war eine kleine Belohnung fällig. Aus meiner Manteltasche angelte ich eine Tafel Schokolade, die ich in Schweden eingesteckt hatte. Ich zog die Silberfolie auf und bot Isolde ein Stück an. Sie schien kurz zu zögern, dann griff sie mit einem fröhlichen Leuchten in den Augen zu.
»Als ich klein war, hat meine Mutter mich immer vor gefährlichen Männern gewarnt, die Mädchen mit Schokolade verführen«, lachte sie und biss genüsslich ab. »Aber du siehst ja nicht so gefährlich aus.«
Als junger Mann möchte man von einer schönen Frau nicht unbedingt als »ungefährlich« eingestuft werden, aber ich beschloss, die Bemerkung als Vertrauensbeweis anzusehen. Während ich mir ebenfalls ein Stück Schokolade genehmigte, bat ich Isolde, mehr von sich zu erzählen. Mein Interesse galt gleichermaßen ihrer Person und dem Leben unter dem DDR-Regime. Letzteres sprach ich allerdings nicht offen aus. Mir war bewusst, dass man politische Themen in den Oststaaten behutsam angehen musste. Überall war es wichtig abzuwägen, mit wem man sprach und was man sagte. Dass dies für die DDR in erhöhtem Maße galt, hatte der Vorfall mit dem Schaffner überdeutlich gezeigt. Außerdem konnte man nie wissen, wann und wo die Stasi, der gefürchtete Staatssicherheitsdienst, mithörte. Während Isolde über ihr Studium, ihre Reisen und ihre Berliner Wohnung erzählte, mied ich Nachfragen zu politischen Themen. Aus Randbemerkungen hörte ich dennoch immer wieder heraus, dass die junge Frau mit der Situation in ihrem Land ziemlich unzufrieden war. Ich bezweifelte sogar, dass sie die DDR als ihr Land betrachtete.
»Aber jetzt zu dir«, drehte sie irgendwann den Spieß um. »Wie lebt es sich denn so in Schweden?«
Ich berichtete, dass ich nach meinem Examen, das dem Abitur entsprach, zunächst eine Ausbildung zum Heeresoffizier gemacht hatte, dann aber an die Uni in Stockholm gegangen war und dass ich derzeit an einem internationalen Institut in Genf studierte, mit einem Stipendium vom Schweizer Staat. Isolde hörte aufmerksam zu. Sie war an meiner Welt ebenso interessiert wie ich an ihrer.
So verging die Zeit wie im Fluge. Viel zu schnell erreichten wir Dresden, wo sich der angekündigte Bekannte zu uns gesellte. Er war ein sympathischer junger Mann, der Isolde überschwänglich begrüßte und auch mich nach anfänglicher Zurückhaltung in die Unterhaltung einbezog. Ich versuchte, ihm zu folgen, hatte aber einige Probleme mit seinem starken sächsischen Dialekt, den ich schwer verstand. Auf Dauer war es ermüdend, ihm zuzuhören. Die Zeit, in der ich mit Isolde allein gewesen war, hatte ich mehr genossen.
Spät am Abend erreichten wir die tschechoslowakische Grenze. Dort kam der Zug längere Zeit zum Stehen. Alle Fahrgäste wurden einer peniblen Passkontrolle unterzogen, die noch langwieriger war als die Inspektion der Fahrkarten. Aus der Erfahrung mit dem Schaffner weise geworden, verkniff ich mir diesmal neugierige Fragen.
Als der Hungaria endlich wieder Fahrt aufnahm, war es nach Mitternacht. Wir waren alle drei todmüde und beschlossen, ein wenig zu schlafen. Auf den gepolsterten Sitzbänken machten wir es uns so gut es ging bequem. Natürlich überließen der Dresdner und ich Isolde eine komplette Reihe, auf der sie sich ausstrecken konnte, und kauerten uns in unsere Ecken. Stille kehrte ein. Bald war nur noch das monotone Rattern der Räder auf den Schienen zu hören.
Im schummerigen Licht der kleinen Glühlampe über der Tür betrachtete ich Isolde, die mit dem Rücken zur Wand und geschlossenen Augen dalag. Sie bot einen vollendet friedlichen Anblick. Den Kopf hatte sie auf ihre weiche Handtasche gebettet, ihre linke Hand unter die Wange geschoben. Über ihrem schönen, ruhigen Gesicht lag eine Haarsträhne, die sich über die Schläfe bis zum Kinn hinunter kräuselte. Sie endete direkt dort, wo der Ausschnitt des Kleides den Ansatz ihres Dekolletés erahnen ließ. Ein Stück weiter erhob sich die Kurve der Hüfte, von deren höchstem Punkt mein Blick die Abwärtslinie der anmutigen Beine bis zu den Füßen hinunterglitt. Im Halbdunkel kam mir all das wie eine Landschaft vor, die ich bewundern konnte, die aber unerreichbar war. Eine unüberwindliche Schlucht trennte mich von ihr – eine Schlucht, in die ein Paar deutlich weniger anmutige sächsische Männerbeine ragte.
Ich schloss die Augen und dachte darüber nach, wie unsinnig die Welt doch war. Wie konnte nur jemand auf die Idee kommen, eine Mauer rund um Westberlin zu errichten und ganz Europa durch einen Eisernen Vorhang aus Wachtürmen, Stacheldraht und Minenfeldern zu spalten? Wie sehr hätte ich mir gewünscht, dass Isolde so wie ich durch ganz Europa reisen konnte – auch durch den Westen, in dem ich mich zu Hause fühlte. Ob sie selbst auch solche Gedanken hatte? In unserer Unterhaltung hatte mir die Diskretion verboten, diese Frage zu stellen. Umso mehr quälte sie mich jetzt und hielt mich vom Einschlafen ab.
»Meine Güte«, tönte es auf einmal von der anderen Seite. Isolde hatte die Augen geöffnet und hob den Kopf. »Kalt ist das hier drin«, stellte sie fest. »Ich friere richtig.«
Da mich die Worte sehr unerwartet aus meinen Gedanken rissen, reagierte ich zu langsam. Bevor ich meinen Mantel vom Haken nehmen und schützend über die fröstelnde Isolde breiten konnte, war mir der Dresdner schon zuvorgekommen. Nun war die Sehnsuchtslandschaft nicht nur unerreichbar, sondern obendrein von einer Bedeckung verhüllt, die all die schönen Kurven, Rundungen und Abwärtslinien unkenntlich machte. Meine Blicke fanden keinen Halt mehr. So schlief ich irgendwann doch ein.
Wir erwachten, als draußen bereits der Morgen graute. Gähnend streckten wir unsere steif gewordenen Gelenke, fühlten uns aber erstaunlich ausgeruht. Schon bald erfüllte wieder munteres Geplauder das Abteil. Durchs Fenster betrachteten wir die im Licht des erwachenden Tages erblühende tschechische Landschaft und freuten uns über jedes Anzeichen des Frühlings. Bald erreichten wir Prag. Dort hieß es Abschied nehmen. Während ich aussteigen musste, fuhren Isolde und ihr Bekannter weiter nach Budapest. Das machte mich wehmütig. Als hätte Isolde meine Gefühle erraten, schlug sie spontan vor: »Komm doch einfach mit nach Budapest!«
Ich fand die Vorstellung reizvoll, doch mir blieb nichts anderes übrig, als abzulehnen.
»Das ist leider unmöglich«, erwiderte ich. »Ich habe hier in Prag Wichtiges vor. Außerdem hab ich gar kein Visum für Ungarn.«
»Vielleicht kannst du ja später nachkommen? Ich kenne Budapest ziemlich gut und könnte dich ein bisschen herumführen. Für alle Fälle gebe ich dir mal die Adresse des Freundes, bei dem ich wohne.«
Hastig kritzelte sie ein paar Zeilen auf einen Zettel und drückte ihn mir in die Hand, und ich gab ihr meine Genfer Adresse, wohl wissend, dass sie mich dort nicht besuchen konnte. Dann musste ich aussteigen. Auf dem Bahnsteig erwartete mich die milde Wärme eines herrlichen Frühlingsmorgens. Die Sonne malte mit ihren Strahlen zarte Schattenmuster auf Boden und Wände, die Luft war erfüllt von der Energie eines jungen, unverbrauchten Tages. Ohne Eile schlenderte ich Richtung Ausgang. Während ich die prächtige Jugendstilhalle des Prager Hauptbahnhofs durchschritt, schienen mir meine Termine auf einmal gar nicht mehr so wichtig und ein spontaner Abstecher nach Budapest durchaus im Rahmen des Möglichen. Musste ich denn wirklich so eilig weiter nach Genf? Budapest schien mir plötzlich viel verlockender.
»Besonders in diesem Land« – als ich Hans Christian bei unserer ersten Begegnung durch diesen Nachsatz zu verstehen gab, dass neugierige Fragen in der DDR nicht erwünscht waren, zog er seine Schlüsse daraus. Später erzählte er mir, er habe aufgrund dieser Bemerkung geahnt, dass ich dem DDR-System mit all seinen Einschränkungen und Verboten gegenüber sehr kritisch eingestellt war. Dies überraschte mich anfangs etwas. Die Schlussfolgerung war zwar nicht falsch, aber meine Bemerkung sollte keineswegs eine indirekte Botschaft enthalten. Sie war nicht mehr als ein gut gemeinter Ratschlag für einen Menschen, der mit diesem System nicht so vertraut schien.
Es war ein simpler Erfahrungswert, dass man sich bei DDR-Beamten mit überflüssigen Fragen nur Ärger einhandelte. Mit Funktionsträgern sprach man nicht mehr als nötig. Diese Faustregel war mir in Fleisch und Blut übergegangen, ohne dass ich mich übermäßig an ihr rieb. Sie war eine der zahlreichen Eigenheiten, die vielen Menschen aus dem Westen dramatisch oder beängstigend erschienen, die für mich aber einfach nur Alltag waren – genau wie die eingeschränkte Reisefreiheit, die Mangelwirtschaft und in gewisser Weise sogar die Mauer. Ich lebte jeden Tag damit und arrangierte mich so gut wie möglich. Mein Leben definierte ich jedoch weder über die Grenze noch über die Stasi noch über die Angst vor Beamtenwillkür. Zumindest nicht direkt. Indirekt wirkte sich all dies vielleicht mehr auf mein Dasein aus, als mir damals bewusst war, weil ich dem auswich. Dieses Verhalten war unter DDR-Bürgern nicht ungewöhnlich, nur bei mir vielleicht etwas stärker ausgeprägt.
Es fing bereits damit an, dass ich die Jugendweihe verweigerte. Mir widerstrebte dieses ideologisch aufgeladene Ritual mit seinen Gesängen, Urkunden und Gelöbnissen, das eine Zwangsveranstaltung der Sozialistischen Einheitspartei SED war. Ich wollte nicht das Gleiche machen wie fast alle Gleichaltrigen, deshalb ließ ich mich konfirmieren. Ich war keineswegs besonders religiös, es war ein politisches Statement. Die Konfirmation war eine Alternative, mit der ich mich wohler fühlte.
Wenn ich es recht bedenke, passt diese Entscheidung gar nicht zu der Tatsache, dass ich mit 14 Jahren in die Freie Deutsche Jugend eintrat. Als staatlich geförderte Organisation war der Verband erklärtermaßen eine »Kampfreserve der Partei«. Damit konnte ich mich nicht identifizieren. Rückblickend kommt es mir so vor, als sei der Beitritt automatisch, ohne mein Zutun erfolgt. Ein überzeugtes FDJ-Mitglied war ich jedenfalls nicht. Bei den Umzügen am Tag der Arbeit, zu denen wir jedes Jahr mit Fahne und Blauhemd antreten mussten, wollte ich zum Beispiel nie in der Parade mitmarschieren. Deshalb meldete ich mich immer als Rot-Kreuz-Helferin. Das bedeutete, dass ich nicht im, sondern am Rand des Umzugs mitlief, um im Notfall zu helfen. Meine Taktik war, dass ich mich zu Beginn des Umzugs gut sichtbar mit meinem Erste-Hilfe-Köfferchen an einer Straßenecke postierte und wartete, bis die FDJ-Abordnung an mir vorbeimarschiert war. Danach lief ich durch Seitengassen ein paar Blöcke weiter, überholte dabei die Parade, schwenkte zurück zur Hauptstraße und ließ die FDJ erneut an mir vorbeiziehen. So ging es bis zum Ende der Veranstaltung.
Auf diese Weise hatte ich das Gefühl, nicht vom Gleichschritt des Umzugs vereinnahmt zu werden, sorgte aber zugleich dafür, dass die Zentralratssekretäre sahen, dass ich bis zum Schluss dabei war. Letzteres war dann doch wichtig. Es war allgemein bekannt, dass Boykottversuche sanktioniert wurden. Sie konnten dazu führen, dass man später nicht die Erweiterte Oberschule besuchen durfte, schwerer einen Ausbildungsplatz bekam oder nicht zum Studium zugelassen wurde. Solche Benachteiligungen konnte auch schon die Ablehnung der Jugendweihe nach sich ziehen. Zwischen dem Verteidigen eigener Überzeugungen und dem Vermeiden offensichtlicher Affronts gegen das System musste man also stets einen guten Weg finden, wenn man nicht ständig anecken wollte.
Mein Vater trat gegen seine Überzeugung der SED bei, weil er fürchtete, man werde meiner Schwester und mir andernfalls ein Studium verweigern. Vati hatte damals eine hohe Stellung bei der Speditionsfirma DEUTRANS. Er gehörte also nicht zur Arbeiterklasse, was bedeuten konnte, dass seine Kinder bei der Vergabe von Studienplätzen nicht die bevorzugte Behandlung erhielten, die Arbeiter- und Bauernkindern zuteilwurde. Wer dem vorbeugen wollte, musste für Ausgleich sorgen. Das tat Vati mit seinem Eintritt in die SED. Diesem Schritt ist wahrscheinlich zu verdanken, dass meine Schwester und ich an der Universität zugelassen wurden. Als ich 1960 mein Abitur machte, schlug mir die Schulleitung sogar vor, zum Studieren nach Russland zu gehen. Dieses Angebot war eine Ehre, aber ich wollte nicht nach Moskau. Deshalb übernahm eine Freundin meinen Platz. Sie war die Tochter eines hochrangigen SED-Funktionärs. In seiner Gegenwart verkniffen wir uns kritische Kommentare über politische Missstände oder die Partei.
Dies sind kleine Beispiele für den pragmatischen Umgang mit der Ideologie im DDR-Alltag. Ich empfand diesen Zwiespalt, litt aber nicht in der Weise darunter, dass es mich verstärkt zu offener Kritik am politischen System getrieben hätte. Ich definierte mich nicht über die Grenzen, die mir der Staat und seine Regeln setzten und die zu umschiffen eine alltägliche Übung war. Ich war jung, mochte schöne Kleider, interessierte mich für Sport, Tanzen, Musik, Freundschaften. Ich genoss mein Leben.
Als Hans Christian und ich uns zum ersten Mal unterhielten, erzählte ich nichts über solche Dinge. Stattdessen plauderten wir über meine Pläne, Augenärztin zu werden, meine Reisen nach Ungarn, mein Kleid, das meine Mutter selbst genäht hatte, und darüber, dass ich mal für das Titelblatt des tschechischen Magazins Květy fotografiert worden war und mir damit ein bisschen Geld fürs Studium verdient hatte.
Damals wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, dass sich ein Fremder für Geschichten über meine FDJ
