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Das erste Buch, «Christine, alle meine Mütter», endet mit Christine als 17-Jährige mit der Reise in die Schweiz. Sie will, als Au-pair, Französisch lernen, aber sie ist enttäuscht mit der Arbeitsstelle, die dem Inserat absolut nicht entspricht. Wie sich die Situation weiter entwickelte, verdient den Buchtitel «#Me Too!». Trotz turbulenten Ereignisse, gibt es am Schluss ein «Happy End». Obwohl es autobiografisch ist, benutze ich weiterhin den Namen Christine. So manche Facetten in meinem Leben wollte ich nicht mehr verschweigen, um dies endlich niederzuschreiben und schlussendlich noch zu veröffentlichen brauchte es viel Mut.
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Seitenzahl: 504
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Autorin: Ernestine Nicolussi Smyth.
Schweizerin, geb. in Österreich. Emigrierte mit 17 Jahren in die Schweiz. Ehemann England-Schweizer. 2 Töchter, 5 Enkelkinder, in Vancouver Kanada.
Beruf: Gastronomin.
Letzte langjährige Tätigkeit:
im Chefteam, Grand Hotel Bellevue-Palace Bern.
Nebenberuflich: Fotomodel, Stylistin.
Autobiographie von "Christine" alias Ernestine Nicolussi Smyth. Geboren in Österreich am 7. April 1939 als sechstes Kind von zwölf.
#Me Too! Kann man auch als Fortsetzung der bereits erschienenen Familien Biographie/Historie durch 5 Generation betrachten: "Christine ALLE MEINE MUETTER" welches auch in Englisch mit dem Titel: "Aristocrash" erhältlich ist. Die Autobiographie setzt sich fort als "Christine" mit 17 Jahren in die Schweiz einreiste. (Mehr Information: www.ernestine-nicolussi-smyth.ch)
Wegen der bereits existierenden Biographie, "Christine ALLE MEINE MUETTER", ist die Fortsetzung, #Me Too!, weiterhin in dritter Person von mir geschrieben worden. Ich habe meinen eigenen Namen nicht benutzt weil, mir das Schreiben der Geschichte dadurch leichter fiel.
Au-pair in der Schweiz
Von zu Hause weg
An der Schweizer Grenze
Am Ziel angekommen
Der erste Au-pair Tag
Anmeldung bei der Fremden Polizei
Erste Entäuschung
Erste Begegnung mit Dorfbewohner
Besuch bei Inge
Eine schockierende Entdeckung
Sollte zuerst Schweizerdeutsch lernen
Patron verkauft Nazi Medaillen
Christine trifft Hans
Die Schwester von Hans erzählt
Katrin
Reise nach Lausanne
Picknick mit Folgen
Abfahrt ins Schullager
Erste Annäherung
Küchenmaschinen Vorführung
Versuchte Vergewaltigung
Jetzt nichts wie weg
Rapport an den Polizeibeamten
Notfallstation
Suche nach Unterkunft
Bei der Fremdenpolizei
Die Aussage von Wirt
Neue Au-pair Stelle
Stellenvermittlung
Lehrstelle bei der Bäckerei
Zurück in Österreich
Wieder in Bern
Stefan, der Traummann?
Christine und Milly in Salzburg
Beginn der Hauswirtschaftslehre
Karl und Vera
Fehlgeburt
Die Suche nach Stefan
Uriella, lesbische Begegnung
Karl
Erster Zahltag
Bäckereichef Herr Iseli
Stefan verweigerte jeden Kontakt
Mit Karl nach Kufstein
Karls Familie
Besuch bei Karls Tante und Onkel
Abreise von Kufstein
Arbeitsuche für in den Service
Abschluss des Lehrjahrs
Unterkunft
Kein Arbeitszeugnis
Neue Arbeit am Buffet
Stellen Wechsel
Sonntag beim Springbrunnen
Tea-room in Wabern
Reise nach England
Gerrys Verlobte Hanelore
Au-pair Alice kam, Dorli ging
Laura
Besuch bei Familie Weiss
Modell Agentur
Besuch bei Herbert
Der letzte Tag mit Karl
Alices Freund, ein Krimineller?
Maria Callas, in Covent Garden
South Pacific
Tag der Abreise zurück in die Schweiz
Ankunft in Bern
Unterkunft bei der Italienerin
Arbeit im Service
Die kranke Mutter
Weihnachten in Tirol
Christine zurück in Bern
Silvesterball
Hellenes Geschichte
Emmanuels Flucht
Wohnungs suche für Rita
Karl zurück in Bern
Studio Möbelieren
Renato tanzt Ballett
Charlotte wurde angestellt
Emmanuel liegt im Sterben
Charlotte hat Neuigkeiten
Christine gebar ihr erstes Kind
Simone, ein Schrei Baby
Karls Kündigung
Kurz vor Weihnachten in Tirol
Traudls neuer Freund
Besuch vom Theologie Professor
Simones Taufe
Ein kalter Januar
Charlottes Verhältnis zu ihrem Chef
Christine ging wieder arbeiten
Christines zweite Schwangerschaft
Schicks Kündigung
Das Baby boxt im Bauch
Not Operation
Aus dem Spital entlassen
Besuch von Karls Schwester Traudl
Frau Schick in Nöten
Frau Schick meldete sich zurück
Ferien auf Malorca
Zurück im Alltag
Die violette Rose
Christines erstes Auto
Christines zweites Angebot als Modell
Christine und das Wirte Patent
Ferienzeit
Suche nach den Vermissten
Neue Arbeitsstelle
Pierres Beerdigung
Christine fügte sich dem Schicksal
Arbeiten im Hotel Bellevue-Palace
Der Schritt zum Modell
Arbeiten an Messen
Nach vielen Jahren die Wende
Christine wollte unbedingt Französisch lernen, in ihrer Situation war das nur als Au-pair in der französischen Schweiz möglich.
Ein Zeitungsinserat zeigte genau das, was sie suchte: Gelegenheit Französisch zu lernen.
Christine bewarb sich und bekam eine positive Antwort, worüber sie fast ausflippte vor Freude. Das Datum war auch schon fix, bald nach ihrem 17. Geburtstag.
Die Zeit der Abreise in die Schweiz kam näher. Alle nötigen Papiere hatte Christine beisammen. Vier Kleidungsstücke und ein Paar Schuhe das meiste auf Abzahlung gekauft. Sie hatte das Geld für den Zug zweiter Klasse, dritte Holzbank-Klasse gab es in diesen Zug nicht. Ihr Bruder Reinhard meinte, sie solle wenigstens im Liegewagen fahren, es sind ja immerhin weit über 1'000 Kilometer, doch sie wollte nicht alles Geld für die Fahrt verbrauchen. Sie sparte, wo sie konnte und meinte: „Wer weiss, was alles auf mich zukommt!“ Der Abschied fiel ihr leicht. Eigentlich freuten sich alle mit ihr, dass sie es geschafft und den Mut hatte, ins Ausland zu gehen. Jeder umarmte sie, nur ihren Vater und ihre Mutter musste sie an sich ziehen, um ihnen einen Abschiedskuss auf die Wange geben zu können. „Schreib uns, wenn du angekommen bist“, hörte sie noch sagen.
Ohne das jemand sie begleitete, ging sie mit ihrem grauen, kartonierten Koffer und ihrer schwarzen Handtasche und einer Jacke am Arm, zum Bahnhof. Als sie dann so allein im fahrenden Nachtzug am Fenster sass, kollerten Tränen über ihr Gesicht. War es Trauer oder war es Freude? Sie wusste es selber nicht genau.
Ganz früh am Nebel verhangenen Morgen stiegen in Feldkirch Zöllner und Grenzkontrolleure ein. „Etwas zu verzollen?“ Taschen und Koffer wurden geöffnet und kontrolliert. „Alle Pässe, Visa vorzeigen!“ Christine zeigte ihren Pass und ihre Papiere. „In Buchs aussteigen!“ Der Grenzkontrolleur behielt ihren Pass, steckte die Aufenthaltsbewilligung und das Arztzeugnis zwischen die Seiten. Christine ging in die stinkende Toilette, um sich ein wenig in dem fast blinden Spiegel zurechtzumachen. Männer kamen mit Kübeln und Putzutensilien. Sie musste die Toilette verlassen und auf ihren Platz zurückkehren. Schliesslich befand sie sich jetzt in der Schweiz, wo alles sauber sein musste.
In Buchs stiegen viele Leute aus südlichen Ländern, meist Italiener aus. Der Grenzkontrolleur rief: „Alles mir nach!“ Sie gingen in ein Gebäude. „Frauen in dieser Abteilung!“ Da standen sie in einer Reihe, jede bekam das Arztzeugnis zurück. Einzeln mussten sie vor einen Arzt hintreten, den Mund weit öffnen und „AAA“ sagen. Dann sich oben freimachen und in einen Röntgenkasten steigen. Es gab einen Stempel aufs Arztzeugnis und anschliessend einen anderen in den Pass, nicht alle konnten jetzt in Schweizer Zügen weiterfahren, waren sie krank oder fehlte ein Dokument, so wurden sie zurückgewiesen.
Christines Zug stoppte in Sargans wo Hans, ein Schweizer Ex-Fremdenlegionär, den Christine in Vorderberg noch kurz kennengelernt hatte, zusteigen sollte, so war es abgemacht! Christine lehnte sich zum Fenster hinaus und suchte den Bahnsteig ab. Der Zug fuhr weiter, von Hans keine Spur. Enttäuscht setzte sie sich wieder hin, doch nach ein paar Minuten stand er plötzlich strahlend vor ihr. Er hatte ein markantes Gesicht und für sein Alter eine gute Figur. Zwischendurch sprach er aus Spass ein paar Wörter auf Französische, sie lachten viel zusammen.
Hans wollte ihr unbedingt noch seine Heimatstadt Näfels zeigen und sie mit seiner Familie bekannt machen.
Die Reise ging dem Walensee entlang, wo sich die aufgehende Sonne im Wasser spiegelte, es war wunderschön, genau so stellte man sich die Schweiz vor.
Es ging nicht lange, da kamen sie in Näfels an.
Bei Hans zu Hause wurden sie schon von seiner Familie erwartet. Ein Topf mit Essen stand auf dem Tisch, in der Stube gingen die grösseren Männer gebückt umher, weil die Holzdecke so niedrig war. Überall lagen verstreut religiöse Hefte herum, an den Wänden einige Heiligen Bilder und ein riesiges Kruzifix. Als alle am Tisch sassen, wurde Brot herumgereicht, Christine nahm eine halbe Scheibe, brach ein Stück ab und schob es in den Mund. Sie hatte nicht gleich bemerkt, dass alle ihr Brot neben dem Teller legten und auf das Tischgebet warteten. Sie hielt die Hand vor den Mund und tat so, als würde sie es wieder herausnehmen können. Nach dem Frühstück zeigte Hans ihr die kleine Altstadt, doch bald drängte Christine zur Weiterfahrt, denn sie wollte noch am Abend ihre Au-pair-Stelle antreten.
Auf den Weg zurück zum Bahnhof fragte sie Hans, ob sie Katholisch seien? „Nein, nein, da kommst du nie drauf, das ist eine besondere Glaubensgemeinschaft mit vielen Mitgliedern auch in Nord und Südamerika verbreitet.“
Hans verabschiedete sich von Christine mit einem starken Händedruck: „Wann sehen wir uns wieder?“ „Du kannst mich ja besuchen kommen, wenn du willst, die Adresse hast du ja!“ Lächelte sie ihn bei der Abfahrt neckisch zu.
Während der Fahrt, überkam Christine ein wunderbares Gefühl der Freiheit die sie ab jetzt, wie sie sich das vorstellte, geniessen werde!
Die Reise ging nun weiter an ihr Ziel, als Au-pair in einem Haushalt, doch am wichtigsten war ihr die Gelegenheit Französisch zu lernen, so wie es im Inserat geschrieben stand. Bei sich hatte sie ein kleines französisches Lexikon, suchte die Wörter raus, die sie unterwegs auswendig lernte.
Umsteigen und nochmals umsteigen, sie kam sich vor im falschen Zug zu sitzen, fragte daher immer nach, ob es richtig sei.
Endlich angekommen! Es wurde schon langsam dunkel. Die Bahnstation war ziemlich klein, kein Mensch ringsum ausser dem Stationsvorsteher, der gerade verschwinden wollte. „Entschuldigung! Wo finde ich das Restaurant „Kreuz“? Ich habe telefoniert und Bescheid gesagt, wann ich ankomme, ich dachte, mich holt jemand ab?“ „Ja da hast du falsch gedacht! Dort gibt es heute ein Frühlingsfest, da kann keiner weg. Laufet die Strasse hier uffe dann ghöret dir schon die Musik, dort ist es dann!“ Er hatte Mühe Hochdeutsch zu sprechen, wahrscheinlich spricht er mehr Französisch oder klingt so Schweizerdeutsch, dachte sie.
Die Strasse war steil und dunkel, ganz selten fuhr ein Auto vorbei. Ihr Koffer fühlte sich immer schwerer an, sie musste auch ihre Schuhe wechseln, weil sie die meiste Zeit auf Kieselsteine am Strassenrand lief. Fussgängerweg gab es keinen.
Endlich! Ländler Musik war zu hören, also muss es hier sein. Das Gebäude sah aus wie ein Bauernhof, sie trat ein und stand in der Diele. Eine Stiege ging in den ersten Stock von, wo die Musik herkam, also ging sie die Treppe hinauf und öffnete die Tür, da stand sie direkt hinter der Theke. Ein rundliches Bauerngesicht begrüsste sie mit: „Grüesech! sid ihr guet greist? D' Serviertochter wird dir dis Zimmer zeige, wo du schlafe kannst, muesch e chli warte!“ Der Mann hat sich nicht einmal vorgestellt.
Christine hatte Hunger und Durst, fragte, ob sie ein Glas Wasser haben könnte und wo die Toilette sei? Er stülpte ein Glas über eine Bürste, die im nicht gerade sauberen Wasserbecken in der Mitte befestigt war und füllte es ihr mit Wasser aus dem Wasserhahn. Sie nahm nur einen kleinen Schluck. Zur Toilette musste sie durch den Saal gehen, wo die Gäste sie anstarrten, sie versuchte nicht links und rechts zu schauen. Dort angekommen warteten kichernde, meist in ländlichen Trachten, Frauen in einer langen Reihe, um die eine Toilette benutzen zu können. Jede hielt ein Stück Papier in der Hand, zu ihrem Glück war sie auch gewohnt Toilettenpapier in ihrer Tasche zu haben. Dann endlich. Oh mein Gott! Das Waschbecken war rostig und der Wasserhahn tropfte vor sich hin. Ein kleines, verschmiertes Stück Seife lag in einer Schale aus Blech, das schief an die Wand genagelt war. Das einzige Handtuch am Hacken war schon grässlich durchnässt. Christine hielt ihre Hände unter den Wasserhahn, schüttelte sie, und ging in den Saal zurück. Ein junger Mann stand auf und hielt sie am Arm zurück. „Jetzt tanzet mir eis!“ Christine drehte sich ein paar mal, um loszukommen, was ihr auch gelang. An seinem Tisch lachten die Leute ihn anschliessend aus.
Christines Magen knurrte und sie war müde. Da endlich kam die Kellnerin und zeigte ihr das Zimmer oben im Dachboden. Es war eine schräge Kammer mit einer hängenden Glühbirne in der Mitte und einen Ofen, den man heizen könnte, ein Kleiderkasten und ein Bettkasten an der Holzwand.
„Ich schlaf grad nebenan, wenn was brauchst, klopfst einfach. Ich bin auch Österreicherin, morgen reden wir weiter, gute Nacht!“ Und weg war sie. Christine schaute sich noch ein wenig um, öffnete die Tür und erspähte etwas weiter hinten Speck und Würste hängen. Sie lief auf Zehenspitzen hin und holte eine hart getrocknete Wurst herunter. Zurück in ihrer Kammer, biss sie hinein, um die Wursthaut herunter zu schälen und ass die Wurst mit grossen Appetit. Christine schlich nochmals herum, um zu sehen, an welcher Seite die Kellnerin hauste? Links und rechts von ihrer Kammer war eine Tür, die eine war geschlossen und die andere liess sich öffnen. Neugierig schaute sie sich um, der Mond leuchtete in die Kammer der Kellnerin, an der Wand standen ein paar Liter Flaschen mit der Aufschrift “Orangina.“ Da Christine durstig war, nahm sie, ganz ungeniert, eine Flasche mit.
Wo kann man sich hier waschen? Wo ist die Toilette? Eine Waschschüssel stand in einer Ecke, Leintücher waren auf einem Strick aufgehängt, da nahm sie eines herunter, nachdem was sie bisher gesehen hatte, vermutete sie das ihr Bett nicht sauber war. Sie schloss die Türe ab, löschte die herab hängende Glühbirne und legte sich enttäuscht und übermüdet ins kalte Bett. Auch hier schien der Mond durch das Dachfenster.
Es hat noch keiner, Französisch gesprochen, schoss es ihr noch durch den Kopf. Man hörte die Musik vom Saal, dann endlich schlief sie ein.
Durch den starken Regen auf dem Dach wachte Christine auf. Wie spät es ist, konnte sie nicht feststellen. Zu Dumm! Sie hätte sich eine Uhr besorgen sollen, doch dann rasselte ein Wecker im Nebenzimmer und schon klopfte es an der Tür. „Guete Morge! Komm in die Gaststube wir werden dort z'Morge ha, Frühstück meine ich!“ „Ja ich komme gleich!“ Christine öffnete die Tür, es war niemand mehr zu sehen, sie klopfte ans Zimmer nebenan, keine Antwort.
Wo sich waschen, Zähne putzen? Ja dann halt nach dem Frühstück. Sie lief zur Toilette durch den Saal und dann suchte sie die Gaststube, die sich im Erdgeschoss befand. „Guten Morgen!“ Begrüsste sie die Anwesenden. Sandra, die Kellnerin stand als erste auf und reichte ihr die Hand. Dann stellte sich das Wirte Ehepaar mit ihrer Tochter Betli, Hände schüttelnd, vor. Sie sprachen einen unverständlichen, urchigen Schweizer Dialekt miteinander. Christine verstand nur wenig davon, Sandra übersetzte das, was ihr wichtig schien. Als sie beide einen Moment alleine waren, fragte Christine „Spricht den hier keiner, Französisch?“„Nein! Also die Wirtin kann's schon!“ „Im Inserat stand aber, Gelegenheit Französisch zu lernen?“ Sandra lenkte ab, indem sie sagte, das gestern ihr letzter Arbeitstag war und sie den Zug nicht verpassen wolle und entfernte sich.
Die Wirtin rief Sandra, Christine und Betli, um ein Foto von ihnen zu machen, draussen vor dem Haus. Betli hatte blondes, krauses Kurzhaar und ein rundliches typisches Landmädchen Gesicht mit roten Backen, war dazu noch sehr scheu und wollte nicht fotografiert werden. Endlich setzte sie sich neben Sandra hin und schaute trotz guten Zurufen ständig auf den Boden.
Sandra verabschiedete sich kurz und ging mit ihrer Reisetasche, die sie bei sich hatte, die Strasse entlang zum Bahnhof. Von ihr konnte ich also nichts mehr erfahren, wie es hier so läuft, schaute Christine ihr noch eine Weile nach. Ein Fahrrad hielt an, es war ein Mann in Polizeiuniform: „Du bisch neu hier nehme ich an?“ „Ja! Gestern von Österreich angekommen.“ „Du musst dich noch bei mir im Büro anmelden, nimmst deinen Pass und deine Unterlagen mit, also bis in einer halben Stunde. Kannst mir jetzt die Sandra holen, sag ihr das ich warte.“ Christine erstaunt: „Sie ist jetzt gerade auf dem Weg zum Bahnhof.“ Der Polizist schwang sich aufs Fahrrad: „Die hat sich noch nicht abgemeldet!“ Rief er und radelte die Strasse Richtung Bahnhof hinunter.
Wieso hat sie sich nicht abgemeldet, mit mir wollte sie auch noch reden? Christine war froh, dass sie den Polizisten getroffen hat, von ihm wird sie sicher etwas mehr erfahren.
Die Wirtin schaute nach wo Christine blieb, freundlich rief sie nach ihr, um mit ihr ein paar Worte über ihre Anstellung zu sprechen.
„Komm setzt dich hier auf die Bank, ich werde dir erklären was es zu tun gibt. Wir werden die meiste Zeit zusammen arbeiten. Einen Plan gibt es nicht, es ist alles ganz einfach. Nur heute musst du unsere Mittagsgäste servieren, bis unsere Neue kommt. Ich zeige dir, wo alles ist, wir haben noch ein wenig Zeit, dann muss ich in die Küche, wo du mir später auch helfen kannst.“
Christine erwähnte, dass sie sich jetzt beeilen muss und sie sich zuerst anmelden geht. Es sind noch Fragen wegen dem Gehalt nicht klar, das hat man ihr an der Grenze schon beanstandet, das müsse sie wegen der Steuer und AHV angeben. Es war schon der Polizist da, der jetzt im Büro auf sie wartet.
„Können sie mir sagen, wo ich mich anmelden muss. Ich denke der Lohn, der in ihren Brief an mich angegeben ist, versteht sich als netto Gehalt?“ Nun schien ihr die Wirtin nicht mehr sehr freundlich: „Ja, ja! Ist in Ordnung, also bis nachher. Das Anmeldebüro ist im Dorf oben gleich neben der Kirche“, war ihre Antwort.
Christine: „Ich beeile mich!“ Sie holte ihren Pass und was sie noch zu zeigen gedenke, so auch das Zeitungsinserat, schon wegen wie man hier Französisch lernen kann, wenn es keiner spricht.
Die abgemachte Zeit war so schnell um, Christine dachte, schon sie käme zu spät. Doch der Polizeibeamte schob sein Fahrrad erst eine gute halbe Stunde später den Hügel hinauf, stellte es an die Wand und winkte Christine das sie ihn folgen sollte.
An seinem Bürotisch kramte der Polizeibeamte ein paar Seiten Papier hervor, zeigte auf den Stuhl, wo sich Christine hinsetzten soll, dann prüfte er alle Dokumente, die sie bei sich hatte. Bis jetzt hat er noch kein Wort gesprochen, stempelte als Erstes eine Anmeldung in den Pass, dann lächelte er Christine an: „Auf diese Anzeige hast du dich also gemeldet?“ Christine nickte nur. „Ich gebe dir hier eine Vorschrift mit, das du gut durchlesen musst bevor du, als Au-pair, nur einen Handgriff machst. Und noch etwas, da du erst 17 bist, darfst du im Restaurant nicht arbeiten, das heisst servieren, auch am Buffet nicht. Hier musst du unterschreiben und diesen Bogen bringst du mir Morgen mit der genauen Lohnangabe und der Unterschrift beider Arbeitgeber. Deinen Pass und die Papiere gibst du nicht aus der Hand, sollten sie danach fragen, dann sagst du ihnen, du musst die mir später noch einmal vorbeibringen. Wir sehen uns dann Morgen um die gleiche Zeit. Hast du noch Fragen?“ Christine zögerte zuerst: „Aber ich sollte heute die Mittagsgäste bedienen, hat die Wirtin gemeint und noch etwas, ich bin hierhergekommen, um die französische Sprache zu lernen, bin ich hier nicht in der französischen Schweiz?“ „Ha, ha, ha!“ lachte der Beamte. „Dazu musst du nur einige Kilometer weiter in die Westschweiz, ich weiss nicht wie sich's der Wirt vorgestellt hat, um der Anzeige gerecht zu werden, da musst du sie fragen!“
Christine ging ins Restaurant zurück, um die Unterschriften zu bekommen und auch einige Fragen zu stellen. Beim Eingangstor begegnete sie den Wirt: „Pass auf, wenn dich wer fragen sollte, wie alt du bist, dann sagst du 18!“ Christine antwortete: „Aber der Polizeibeamte, zu dem ich morgen diese Unterlagen mit ihrer Unterschrift bringen soll, weiss schon wie alt ich bin.“ „Ach der! Der kommt sowieso nicht in unsere Gaststube, dem musst du nichts erklären!“ Christine: „Ich hab noch eine Frage wegen dem Französisch lernen. Wie muss ich mir das vorstellen?“ Der Wirt ganz verlegen: „Lern' zuerst Schweizer Deutsch, hier spricht man Berner Dialekt, meine Frau, die Madam, die kann Französisch!“
„Wie heisst du jetzt schon, Christine gell? Aber wir werden dich einfach halber Tini rufen.“ Christine entsetzt: „Oh Gott! Nein! Das möcht ich nicht!“ Der Wirt entfernte sich, ging dann in die Gaststube. Christine lief hinterher, um seine Unterschrift zu bekommen. Doch er meinte das pressiert nicht. So legte sie den Bogen Papier mit Kugelschreiber hinters Buffet. „Christine!“ Hörte sie die Wirtin aus der Küche rufen. So ging sie zu ihr: „Du musst jetzt schon helfen, ich muss dir noch vieles zeigen. Der Menüplan ist für die ganze Woche schon geschrieben. Heute gibt es Tagessuppe, Rösti mit Bratwurst und Salat dazu. Jetzt kannst du die Tische decken, jede Person hat seinen Stammplatz mit der Servietten Tasche. Da steht, wie du sehen kannst, der Name des Gastes drauf. Die Stoff Serviette da drin wird nur gewechselt, wenn es nötig ist, das heisst wenn sie sehr schmutzig ist. Hier hat es Papiersets von der Brauerei, die wir verwenden, kannst die mal auflegen.“ Christine wollte alles richtig machen und fragte auch gleich nach dem Besteck. Bald waren alle Tische gedeckt, nur fehlten noch einige Messer. Der Wirt kam hinzu und fing an zu lachen: „Das wäre nicht schlecht, wenn so viele Gäste kommen würden, du brauchst nur ein paar Tische decken. Ich lege dir die Servietten Taschen dort hin, wo die Männer sitzen, das andere Zeugs kannst du wieder abräumen“, grinste er und ging in die Küche, um es seiner Frau zu erzählen. Welche Gläser soll ich jetzt nehmen? Christine ging lieber fragen, bevor sie wieder was falsch macht. Sie erfährt, dass hier jeder sein eigenes Glas über dem Buffet hängen hat, da muss man sich halt merken, welches wem gehört. Der erste Gast kam, Christine huschte schnell Richtung Toilette und wartete, bis sie jemand rief. Sodann lief sie in die Küche und bekam schon einen randvollen Teller Suppe zum Servieren in die Hand gedrückt. Vorsichtig mit zittrigen Hände ging sie zum Gast, der Teller war auch noch ziemlich heiss. „Grüss Gott!“, sagte sie schnell, stellte den Teller ab und lief weg ohne aufzuschauen. Bald waren alle da für die es gedeckt war. Der Wirt servierte die Getränke und kassierte auch ein. Es wurde einiges gesprochen und gelacht, Christine verstand kein Wort davon.
Als die Gäste weg waren und das Geschirr abgewaschen war, konnte auch sie etwas essen. In der Zeit lass die Wirtin was sie unterschreiben sollte und reichte es auch ihren Mann hinüber. Sagte dann noch: „Christine, wenn du fertig bist, dann kannst du in die Zimmerstunde. Wir schliessen bis um 5 Uhr.“ „Was meinen sie mit Zimmerstunde?“, fragte Christine. Du kannst dich ausruhen bis dann, oder was für dich machen. Die Wirtin trug ein grosses Tablett mit deren Mittagessen, das sie jetzt in die Privatwohnung nahm, so hatte Christine keine Gelegenheit weitere Fragen zu stellen.
Christine ging hinauf in ihre Kammer, Zimmer kann man das nicht nennen. Sah sich nun im Tageslicht um. Oh meine Güte, hier ist ja alles dick verstaubt. Da hat sicher schon lang niemand mehr gehaust. Brrrr! Es schüttelte sie heftig. Sie suchte, ob es irgendwo eine Waschgelegenheit gibt, weil sie sich gestern und heute noch nicht richtig gewaschen hat. Sie ging nebenan in Sandras verlassene Kammer, da stand ein Becken, ein Eimer und zwei Handtücher, davon war eines noch nicht gebraucht. Das alles nahm sie jetzt in ihre Kammer und holte warmes Wasser, das am Herd in der Küche stand und reinigte auch das Becken, das sie gefunden hatte. Auf dem Dachboden war ein Rest Stück Linoleum, das sie ausbreitete, jetzt konnte sie sich endlich waschen. Anschliessend kontrollierte sie den Bettkasten. Die Bettwäsche sah frisch gewaschen aus, suchte dann einen Besen, kehrte den Boden und wischte diesen nass auf. Sie putzte, so gut es ging, das dreckige Wasser schüttete sie über den Dachboden flach aus. Sandra hatte einen grossen Wecker und einen kleinen Tisch hinterlassen, beides stellte Christine jetzt in ihre Kammer, sie hatte noch eine knappe Stunde, bis sie wieder runtergehen musste.
Christine fragt sich, was jetzt noch alles auf sie zukommt. Sie ging die Stiege hinunter, an den Privaträumen vorbei, hörte einen Hund knurren. „Komm Ado, raus hier!“ Das war der Wirt mit scharfem Befehlston. Dann sah sie ihn mit einem grossen Schäferhund übers Feld laufen. Christine sass eine Weile auf einen Stuhl vor dem Haus, sah das hier noch viel zum Aufräumen wäre. Sie hörte die Wirtin kommen und ging ihr entgegen. Sie trug ein Tablett beladen mit schmutzigem Geschirr, Christine nahm es ihr höflich ab und brachte es in die Küche. „Jetzt nehmen wir einen Kaffee zusammen, komm, ich zeig dir, wie man den macht.“ Sie nahm einen Krug mit Filtervorrichtung, indem man noch einen Papierfilter hinein platzierte, tat vier Esslöffel Kaffeepulver rein und nahm kochendes Wasser, das sie dann langsam darüber goss. Zucker und dicke Milch stellte sie auf die Theke, dazu gab es Kekse.
„Also“, äusserte sich Christine, „wie ist das jetzt mit Gelegenheit Französisch zu lernen?“ „Ja ich muss mich in Biel erkundigen, wann und wo du dort Französisch lernen kannst. Das braucht noch ein paar Telefonanrufe, aber das werden wir bald haben, inzwischen kannst du ja von uns Bern Deutsch lernen, zum Telefonieren ist es jetzt schon zu spät“, meinte die Wirtin Christine enttäuscht: „Ich dachte, man spricht hier Französisch?“ „Also ich kann, wenn du willst, mit dir Französisch reden, kannst du schon etwas?“, fragte sie. Christine: „Nur etwa 150 Wörter, ganze Sätze noch nicht so. Komm in den Küchengarten, da fangen wir an die Beete zu richten und Unkraut zu jäten. Also wenn ich Deutsch spreche, dann nur noch unseren Dialekt, damit du unsere Gäste verstehst und noch andere Leute, die du begegnen wirst. Ich lasse dich jetzt allein gärten!“ Sie zupfte noch hier und da etwas aus und zeigte noch, wie die Beete zu richten seien. „Das hab ich noch nie vorher gemacht!“, warnte Christine. Die Wirtin: „Das ist doch einfach, kann doch jedes Kind. Ich bin in der Küche, wenn du Fragen hast!“
Am darauf folgenden Tag, gleich nach dem Frühstück, ging die Wirtin in den Garten um ein paar Kräuter, wie sie sagte, zu holen. Auf einmal hörten wir sie: „Oh Merci! Was hat die da gemacht, es sind fast alle Kräuter weg. Setzlinge und die kleinen Blumen Zwiebeln alles fort!“ Der Grünabfall Haufen war noch in der Ecke, da Christine nicht wusste, wohin damit. So versuchten sie beide die Setzlinge und Zwiebeln aus den Haufen zu sortieren und in die schön gemachten Beete zu setzten.
Natürlich war dies wieder etwas worüber sie und ihre Gäste sich amüsieren konnten.
Christine ging dann noch rechtzeitig ins Polizeibüro, wo sie erwartet wurde. Sie erfuhr dort auch das eine Rita aus Vorderberg im Nachbardorf in einem Restaurant arbeitet und nicht gerade einen guten Ruf hat. Man erzählt, das ein junger Bauernsohn bei ihr ständig auf Besuch ist, und zwar kletterte er meist beim Fenster hinein. Christine kannte keine Rita, sie vermutete das dies sicher nicht ihr richtiger Name war.
Der Polizist fragte: „Hast du dich wegen dem Französisch lernen erkundigt?“ Christine erzählte ihm, dass die Wirtin heute nach Biel telefonieren will und sie dort in einer Schule anmelden werde. „Und wie kommst du dort hin? Mit dem Fahrrad ist es eine ganz schöne Strecke und mit dem Zug ist es umständlich. Postautos gehen auch nicht direkt nach Biel. Hast du überhaupt ein Fahrrad zur Verfügung?“ Christine: „Ich glaube schon, es steht eins unter der Laube? Aber am liebsten möchte ich in eine französisch sprechende Familie oder in ein Restaurant wechseln, wenn möglich in eine Stadt, wo man bald einmal die Sprache lernt. Wie und wo finde ich so eine Stelle? Ich fühle mich, wenn ich das so sagen darf, irgendwie betrogen!“ Er meinte: „Nun mal langsam, mit deiner Aufenthaltsbewilligung kannst du nur im Kanton Bern als Au-pair bleiben. In die Französisch sprechende Schweiz wechseln ist jetzt noch nicht möglich, erst wenn du drei Monate an der gleichen Stelle bleibst. So hatte es auch Sandra vor, leider hatte sie sich das anders überlegt. Ich hoffe, sie kommt zurück“, murmelte er. „Oder du gehst für drei Monate nach Österreich zurück und reist neu ein. Wenn du gelesen hättest, was ich dir gestern mitgegeben habe, wüsstest du das alles schon. Sandra und ich haben uns gut verstanden, dem Wirt hat das nicht gefallen, darum gehe ich auch nicht in seine Beiz. Ich war enttäuscht, dass Sandra einfach wegging, ohne mir Bescheid zu sagen. Aber das gehört nicht hierher, vergiss, was ich dir gesagt habe. Solltest du Hilfe brauchen, lass es mir wissen, ich bin ein neutraler hilfsbereiter Mensch. Ich werde dir auch einen `Kopfjäger`, ist so eine Art Stellenvermittler, vorbeischicken. Vielleicht weiss der einen Ausweg. Also ich rate dir, Pass und alle Papiere an einen guten Ort verstecken, nicht unter der Matratze oder im Kasten. Ja dann alles Gute und Salü! Da ist noch etwas, dein Arztzeugnis gehört separat aufbewahrt.“ Christine stand auf: „Danke für die Ratschläge, jetzt fühle ich mich irgendwie beschützt. Auf Wiedersehen!“
Im Dorf sprach sich bald herum, dass eine junge neue Österreicherin im „Kreuz“ ist. So kamen immer mehr neugierige, davon meist junge Burschen in die Gaststube.
Eine Schweizer `Serviertochter` (Kellnerin) sollte schon längst hier ihre Stelle antreten. Christine bediente ungern die Gäste, weil sie deren Sprache nur wenig verstand, sie arbeitete lieber hinter der Theke.
Die Wirtin hat in Biel eine Schule gefunden für jeweils Mittwochnachmittag. „Das ist der Wirte-Sonntag bei uns, das passt gut“, meinte sie. Christine fragte: „Und wie komme ich dort hin?“ „Am besten mit dem Fahrrad, du kannst sicher fahren, oder? Anders ist es zu umständlich.“ Christine: „Ja, aber ich habe kein Fahrrad!“ „Betli hat ein ganz neues von ihrer Patin zu Weihnachten bekommen, sie kann noch nicht damit fahren. Sie hat immer noch Angst, dass ihr etwas passieren könnte. Wir fragen Betli, ob du das benutzen kannst.“
Christine erinnerte sich plötzlich, dass Inge, eine ehemalige Angestellte aus dem Betrieb ihrer Eltern, in einem Restaurant in Biel arbeitet. Sie rief heimlich ihre Mutter an, ob sie deren Schweizer Adresse herausfinden könnte. Sie würde morgen um die gleiche Zeit wieder kurz telefonieren. Ansonsten sei alles gut, log sie. So bekam sie wirklich am Tag darauf die genaue Adresse. Ihre Mutter wollte plötzlich die Telefonnummer von ihrem Arbeitsplatz haben. Zum Glück gab ihr Christine weder die genaue Adresse noch Telefon Nummer, denn sie wusste, dass ihre Mutter manchmal unüberlegt handeln konnte. So versprach sie, sich regelmässig bei ihr zu melden. Damit gab sich Mutter zufrieden.
Mittwoch kam. Christine wollte schon früh am Morgen nach Biel radeln. Ihr wurde noch mitgeteilt, Betli sei einverstanden, dass Christine das Fahrrad ausprobiere und zudem gebe ihr mehr Mut endlich Radfahren zu lernen. Christine erzählte nicht, dass sie auch eine Bekannte besuchen würde und radelte los. Es ist das erste Mal, dass sie so eine lange Strecke per Fahrrad meisterte und die müsste sie Abends wieder zurückfahren, 'oh Schreck' ging es ihr durch den Kopf.
In Biel fragte Christine sich durch, wo das Restaurant, das ihre Mutter ihr angegeben hatte, zu finden war. Die letzte Frau, die sie ansprach erklärte ihr auf Französisch, mit fuchtelten Händen den Weg und ging weiter. So stand sie bald vor dem Restaurant und hoffte, dass Inge anzutreffen sei. Sie lehnte das Fahrrad an die Wand und schloss es vorsichtshalber ab, dann ging sie ins Restaurant. Drinnen war es ziemlich dunkel und schon jetzt am Vormittag voller Rauch. Sie sah Inge hinter der Theke sitzen und stricken. Komisch? Hat die sonst nichts anderes zu tun? Zwei Kellner liefen zwischen den Tischen emsig umher.
„Hallo, Inge!“, rief Christine. Inge stand langsam auf, sie befand sich in anderen Umständen, hatte schon einen grossen Bauch. Christine erschrak, war sprachlos, hielt sich beide Hände vor den Mund. Inge hielt die Arme auf: „Mein Gott! Ist das schön, das du mich besuchen kommst. Wie geht es dir, musst mir alles erzählen.“ Sie umarmte Christine, die ihre Tränen kaum zurückhalten konnte. „Mein Mann, also wir sind verlobt, kommt mich heute abholen. Ich musste mein Zimmer schon räumen, darum bin ich hier gesessen, und dann fahren wir zuerst zu ihm nach Salzburg. Dort werden wir sehen wie ich mich fühle, denn ich möchte gerne bei uns zu Hause heiraten. Ich bin erst im achten Monat, meine Mutter hat schon alles arrangiert, du kennst sie ja, die ganze Familie ist gespannt und aufgeregt, mehr als ich!“ scherzte sie.
Oh je! Dachte Christine, da kann ich keine Hilfe mehr erwarten. So sprach sie nur über belanglose Dinge und dass sie hier in Biel in die Sprachschule gehen werde. „Heute ist mein erster Tag dort, ist nur blöd, dass mein Schulweg so weit ist und ich mit einem geliehenen Fahrrad die Strecke machen muss. Ich bin sicher, du kannst schon gut Französisch?“ Inge lachte: „Oh nein, nur was man so hinter der Theke braucht. Das kommt auch, weil die Stadt Biel zweisprachig ist.“ Christine fragte, ob sie beide nach draussen gehen könnten, da hier so viel Rauch war, musste sie ein paar mal husten. „Weisst du hier sind halt viele Bauarbeiter in letzter Zeit, aber nette Leute. Schau da kommt ein Deutscher, der hat ein Haus hier auf dem Land.“ „Grüss dich Inge, hast Besuch?“ „Servus Horst! Ja meine Freundin kommt jetzt jeden Mittwoch mit dem Fahrrad hier in die Schule, sie arbeitet als Au-pair auf dem Land, ist bisschen weit zum Radeln, sagt sie, andere Möglichkeiten hat sie leider nicht.“
Horst fragte, wo Christine wohnt und stellte fest, dass er den gleichen Weg hatte, aber nur halb so lang. „Wann ist die Schule aus? Ich hab einen Fahrradhalter am Auto montiert, um 5 wäre ich hier, dann kann ich dich mitnehmen, so hast du dann nicht mehr weit zu fahren.“ Horst wartete auf Christines Antwort, die zögerte nicht lange: „Das ist aber nett von ihnen, da bin ich aber sicher um 5 da!“ „Also pünktlich um 5 und keine Minute später gell! Tschüss, ihr Hübschen, mein Bier wird warm!“
Christine: „Was, der trinkt um diese Zeit schon ein Bier? Hat eh schon so einen Bierbauch, hoffentlich hat er beim Autofahren nicht zu viel Alkohol im Blut?“ Inge: „Ach komm der fährt sicher vorsichtig. Also um 13:30h fängt deine Schule an? Da können wir ja noch etwas essen. Ich lade dich ein, wir teilen uns mein Mittagessen. Der Koch gibt mir immer viel zu viel, er meint, ich muss für zwei essen, ha, ha, ha. Heute gibt es Fisch, frisch aus dem Neuenburgersee, Felchen im Bierteig, Pommes frites und gemischten Salat. Wir gehen ins Stübli nebenan, da sind wir allein.“ Inge nahm Christine an der Hand und zog sie durchs Restaurant in die gute Stube. „Komm setzt dich hin, ich sag dem Koch Bescheid und hol auch grad noch was zum Trinken.“ Inge kam mit einem grossen Tablett zurück: „Pass auf, manchmal hat es noch Gräten im Fisch.“ Christine überrascht: „Das sieht aber gut aus, so was hab ich noch nie gegessen. Wie heisst das schon? Pommes frites gell? Siehst du das hab ich mir schon gemerkt“, lachte sie. Inge erzählte noch, dass ihre Mutter ihren Verlobten ausgesucht hat, da sie nie einen Freund mit nach Hause gebracht habe. Er sei schon in Amerika einmal verheiratet gewesen, ist jetzt Witwer. Seine Frau war viel krank, er dachte in Salzburg gefällt es ihr bestimmt, da könnte sie sich erholen, so hat er eine Schiffsüberfahrt gebucht. Da passierte es, dass sie als es schon Nacht war, sich über Port stürzte und nicht mehr gefunden wurde. Ein Matrose hat das beobachtet, wollte sie zurückhalten, kam aber zu spät. Ihr Bruder hat zufällig mit ihren Verlobten in Salzburg gearbeitet und hat ihn ihrer Mutter vorgestellt, die hat dann das weitere eingefädelt. Christine: „Was so alles passiert! Auf jeden Fall wünsche ich euch beiden, nein euch Dreien alles Gute für die Zukunft und schönen Dank für das gute Essen!.“ Zum Abschied umarmten sie sich herzlich.
Christine nahm ihr Fahrrad und suchte die Schule auf. Das war ein altes Fachhaus mit Seesicht. Über dem Eingang stand ganz gross: `Private Sprachschule`. Es befanden sich schon einige gut gekleidete Schüler im Haus. `Réception` stand auf einer offenen Tür, eine Empfangsdame bat Christine und eine andere Schülerin einzutreten. Nachdem sie sich vorgestellt hatten, überreichte sie ihnen ein paar Seiten zum Ausfüllen. Danach prüfte sie diese und führte beide in ein Klassenzimmer und stellte sie den zuständigen Lehrer vor. Christine merkte bald, dass die Schüler hier schon zu sehr fortgeschritten waren. Was auf der Tafel stand und die Konversation untereinander war einfach nicht für Anfänger. Nach einer Weile verliess sie die Klasse und ging zurück zum Sekretariat. „Das ist sicher nicht eine Anfängerklasse, oder?“ Bekam dann zur Antwort: „Nein schon nicht, für eine Anfängerklasse haben wir noch zu wenig Schüler, tut mir leid!“ Hob die Schultern und meinte, sie sollte später mal nachfragen. Doch Christine gab ihr die Telefonnummer von ihrer Au-pair Stelle und bat sie um Bescheid, sobald es eine Anfängerklasse gibt. Sie erkundigte sich noch, was der Unterricht eigentlich koste? Als sie den Preis hörte, zuckte sie zusammen, mit so einer Summe hatte sie bei weitem nicht gerechnet. „Das kannst vergessen!“, sagte sie zu sich selbst.
Sie radelte danach in der Stadt herum, am Bahnhof hielt sie an, studierte den Stadtplan und den Fahrplan, entdeckte die Auskunft und fragte, wie sie in ihr Dorf kommen könnte, den dort ist doch ein Bahnhof? Sie erklärte noch, dass sie mit dem Fahrrad gekommen sei. „Also fahren sie jetzt bis ins nächste Dorf“, er zeigte mit dem Finger auf den Plan. „Von dort weg fahren Züge bis in ihr Dorf.“ Christine überlegte, bis 5 Uhr wollte sie nicht warten, also radelte sie los. So war die Kombination Zug und Fahrrad ganz gut und nicht teuer.
„Betli wartet schon auf ihr Velo!“, rief ihr der Wirt entgegen. Christine stellte das Fahrrad ab und ging ins Haus, sie merkte das Betli sich in der Küche versteckt hat und schlich sich ihr an. Sie wollte sie aber nicht erschrecken und so rief sie nach ihr. Doch Betli stand in einer Ecke und hielt zwei bunte Gummibälle vors Gesicht. „Oh hast du schöne Bälle, willst du mit mir Ballspielen, komm wirf mir einen zu, das wird lustig. Bitte Butli, Batli, Betli, wie heisst du jetzt schon?“ spasste Christine herum. „Wie alt bist du den, hast du bald Geburtstag?“ Da zeichnete Betli mit dem Zeigefinger eine 14 auf den von Mehl bestäubten Tisch, ohne die Bälle loszulassen, ihr Blick war ständig nach unten gerichtet. Dann legte sie einen Ball vor Christines Füssen. „Gehört dieser jetzt mir?“ Betli nickte mit dem Kopf, näherte sich einem Karton und holte dort noch einen Ball hervor, sie rannte schnell die Stiege hinauf in die Privatwohnung. Christine hob den Ball auf, den Betli ihr an die Füsse legte und nahm ihn mit in ihre Kammer.
Dort fiel ihr auf, dass jemand ihr Bett benutzt hatte, dann noch das in ihren Kleidern gewühlt wurde. Das Ofentürchen war auch halb offen, hat sich, dann verwundert, was das mit dem Ofen soll? Schaute genau nach und entdeckte eine Stange Parisienne Zigaretten, die höher darin über dem Türchen eingeklemmt war. Sie zog diese heraus, ein Päckchen fehlte, wusste jetzt nicht was tun? Es melden, oder nicht? Sind meine Dokumente noch hier, nach was wurde den sonst gesucht? Sie sah nervös nach, ob jemand vor der Tür war, sperrte ab und sah in ihr Versteck nach den Sachen. Gott sei Dank, alles noch da! Aber das jemand in ihrer Kammer war, dazu einen Schlüssel hat, gefiel ihr gar nicht! Sie muss ihre Tür in der Nacht versperren können, dazu braucht sie ein Möbelstück oder etwas das sie von innen an die Tür stellen konnte. Auf dem Dachboden hatte es ein paar Holztruhen, eine solche schleifte sie in dem dämmerigen Licht vorsichtig in die Kammer. Ein Zipfel roter Stoff war bei dieser eingeklemmt, mit beiden Händen musste Christine den schweren Deckel öffnen, um den Stoff zurückschieben zu können. „Oh mein Gott!“ Im Deckel waren Waffen angebracht, einige Schachteln mit Munition lagen in der Truhe. Dann nahm sie den roten Stoff in die Hand und merkte bald, dass es eine Fahne war, genauer gesehen mit einem Hacken Kreuz. Ein in Silber gerahmtes Bild von Adolf Hitler in einem schwarzen filzigen Tuch eingewickelt. Kassetten mit Abzeichen aus dieser Zeit, Armbinden, Krawatten, ja sogar Socken, Stiefelröhren und zu unterst noch eine braune Uniform, der Inhalt roch stark nach Mottenkugeln.
Nun aber schnell! Kammer Türe auf, niemand da! Die Truhe zurück auf den Platz, wo sie vorher stand. Christine erlaubte sich noch einen Blick in die nebenstehende Kiste. Eine Militärkappe mit Schweizer Kreuz, eine zusammen gerollte Militärdecke, eine Schweizer Uniform mit Mottenkugeln eingepackt, ein Gewehr, dazu Patronen und eine leere Revolver Tasche an einem dicken Ledergurt. Jetzt aber genug gesehen, Christine nahm noch ein frisch gewaschenes trockenes Betttuch vom Wäscheseil und hängte das von ihrem Bett an dessen Stelle. Holte leise zwei Stühle aus dem grossen Saal, so konnte sie einen vor dem Schlafen gehen fest unter die Türklinke klemmen.
Es war Zeit zum Nachtessen in die Gaststube zu gehen. Es roch gut, da stand Gemüsesuppe und Hausgebackenes, frisches warmes Bauernbrot auf dem Tisch. Die Wirtin hantierte noch in der Küche herum. Christine begrüsste sie und fragte, ob sie ihr helfen könne? „Kannst nach dem Essen das Geschirr abwaschen und die Küche aufräumen, wenn es dir nichts ausmacht, du hast ja heute deinen freien Tag. Warum bist du schon zurück, war der Unterricht am Nachmittag so kurz? Komm, die Suppe wird kalt, Betli und Werner essen oben in der Wohnung.“ Während dem Essen, erzählte Christine von der teuren Schule und meinte noch, dass ihr das Geld, was sie mitgebracht hatte, ausgegangen sei. Und sie unbedingt ihre Schulden zu Hause, für die Kleider, die sie gekauft hatte, Geld schicken müsse. „Na ja, ein bisschen Servicegeld und Trinkgeld ist ja vorhanden. Das kannst du haben, Lohn bekommst normalerweise erst nach einem Monat, da musst du schon noch warten.“ Die Wirtin gab ihr dann doch noch einen Teil vom Lohn dazu: „Jetzt hast genug, um deine Schulden zu begleichen, meinte sie, mehr wirst du ja noch verdienen, bis die Neue kommt. Die Gäste sind mit dir sehr zufrieden, das merkst du ja am Trinkgeld“, und lachte. Christine ging erst in der Woche darauf zur Post, hatte so mehr Geld. Sie bat ihre Mutter im eingeschriebenen Brief, ihre Schulden im Kleidergeschäft, mit den beigelegten Geldscheine zu begleichen. Christine selber war erleichtert, denn jetzt dachte sie, habe sie keine Schulden mehr.
Die Wirtin war sehr nett zu Christine: „Jetzt lernst erst Mal Schweizerdeutsch, etwas hast ja schon gebrauchen können, das hilft dir auch weiter und dann schauen wir, wie wir das mit dem Französisch hinkriegen. Von mir kannst schon etwas lernen, mit Grammatik habe ich zwar selbst noch Mühe“, gestand sie lachend.
Ein Zahnarzt aus Biel kam jetzt öfter als sonst seine Cousine die Wirtin besuchen. Er gab immer generös Trinkgeld in die Hand von Christine und drückte diese zusammen. Christine mochte das nicht und wollte, dass er es beim nächste Mal, wenn er etwas geben will auf den Tisch liegen lässt. Sie mochte auch nicht jeden Gast die Hand schütteln, wie es hier auf dem Land üblich ist.
Ein paar jüngere meist Bauernburschen trafen sich regelmässig an ihren sogenannten Stammtisch, machten öfters Witze über Österreich und hatten es lustig. Christine war dann froh, wenn sie nur die Hälfte verstand. „Musst nicht hinhören, besonders nicht bei solchen unter der Gürtellinie“, wie die Wirtin andeutete.
Kurt, einer von den Burschen, was heute der Erste, der in die Gaststube kam. Er fragte Christine, ob sie Fahrrad fahren könne, er würde gerne mit ihr zusammen zum See radeln, wo er ein Boot stehen hat. Christine zögerte: „Ich muss es mir überlegen, hab auch kein eigenes Fahrrad und wenn, dann kann ich nur Mittwoch, wenn es hier geschlossen ist. Ich werde die Wirtin fragen, ob ich das Fahrrad von Betli haben kann.“ „Nein, nein! Ich bringe eins mit und warte weiter unten bei der nächsten Kreuzung auf dich. Also abgemacht, am Mittwoch um 2 Uhr.“ Da seine Freunde, einer nach dem anderen ankamen, plauderte er weiterhin nur noch mit denen.
Der darauf folgende Mittwoch war ein sonniger Tag, nicht zu kalt für eine Radtour. Also spazierte Christine bis zur Kreuzung. Kurt wartete schon: „Salü! Fährst mir einfach mit einigen Metern Abstand hinterher!“ Von weitem sah man eine Gruppe Leute Richtung Dorf spazieren. Plötzlich sprang Kurt von seinem Fahrrad, warf es über die Böschung hinunter und versteckte sich.
Christine fuhr noch ein Stück weiter, wartete, dann bis die Leute vorbeigegangen waren und ging schauen, wo Kurt blieb. „Sind die schon weg?“ Rief er aus seinem Versteck heraus. „Ja, warum versteckst du dich?“ „Die sollen uns nicht zusammen sehen, sonst wird über uns im Dorf geredet.“ Christine war ganz durcheinander, liess das Fahrrad stehen und marschierte zum Restaurant zurück. Sie hörte Kurt noch rufen, drehte sich aber nicht um. Da es vorne geschlossen war, ging sie ums Haus herum zum hinteren Eingang.
Ein Auto mit Schweizer BL Nummernschild parkte knapp neben der Türe. Christine hörte Stimmen, wollte niemanden begegnen und huschte eiligst in den nahen leeren Schweine Stall. Von dort aus konnte sie durch ein kleines, fast blindes Fenster gucken. Sie hörte wie sich der Besucher auf Hochdeutsch von Wirt verabschiedete. Der Mann verstaute eine Kassette im Kofferraum seines Autos. Eine dieser Kassetten, die Christine meinte, in der Truhe gesehen zu haben. Als das Auto wegfuhr, zählte der Wirt Geldscheine, die er aus einem Briefumschlag nahm. Er steckte das Geld danach in die Hosentasche, warf das Kuvert in die Abfalltonne und ging ins Haus. Christine fischte den Umschlag aus der Tonne, dieser war unbeschrieben, so konnte sie den noch verwenden. Dann suchte sie sich einen Platz, wo sie die warme Sonne, ohne gestört zu werden, geniessen konnte. Nach einer Weile verliess die Familie das Haus, ihr alter Schäferhund kam knurrend in Christines Nähe, wurde aber von der Wirtin rechtzeitig zurückgerufen.
Christine genoss die Sonne und dachte nach, was sie unternehmen könnte. Im Haus klingelte das Telefon, sie sprang auf, holte den Schlüssel aus dem Blumentopf, sperrte auf und rannte zum Telefon, das an einem Pfosten in der Diele angebracht war. „Ja Hallo!“ „Bist du's Christine?“ „Ja ich bins!“ Grüss dich, ich bin es, Hans! Wollte wissen, wie es dir geht?“ „Oh mein Gott! Was für eine Überraschung, das freut mich unheimlich, dass du dich erkundigst.“ „Nun erzähl schon wie es dir so geht? Aber warte, ich habe nicht so viel Zeit, ich komme dich besuchen, wenn du willst?“ Christine konnte ihre Tränen kaum zurückhalten. „Ich habe immer Mittwoch meinen freien Tag.“ „Dann ruf ich dich um die gleiche Zeit nächsten Mittwoch an, Tschau! Bis dann, machs gut.“ „Ist gut, Servus!“ Zitternd hängte sie den Hörer auf, Hans wird ihr sicher gut beraten können, hoffte sie, wie es weiter gehen soll.
Am 1. Mai früh Morgens rief der Wirt: „Stini aufstehen! Du musst Frühstück für die Burschen machen, die haben dir einen Maibaum vorm Haus aufgestellt! Lueg mal bim Fenschter use!“ Christine stieg auf einem Stuhl und reckte ihren Hals so hoch hinaus wie sie konnte und wirklich eine Spitze von einem Maibaum war zu sehen. Sie lachte vor Freude. Schnell schlüpfte sie in ihre Kleider, die zwar immer noch von Zigarettenrauch stanken, aber was soll’s, sie wird jetzt in der Gaststube erwartet und Frühstück servieren müssen.
Es waren die Burschen vom Stammtisch, die sich da beteiligt haben. Der Wirt zählte sie ab: „Was? Acht von euch hat es gebraucht für den Maibaum aufzustellen, wir waren früher nie so viele und haben es auch rechtzeitig geschafft!“ Dabei grinste er mit seinen Zigarren Stumpen im Mundwinkel und schnitt weiterhin Brot, Käse und Wurst für alle auf. Christine machte Wasser heiss für den Filterkaffee, stellte Milch, Butter, verschiedene Sorten Marmelade und einen Topf voll Honig auf die Theke. Der Wirt fand noch lustige Party-Servietten, die er jetzt gebrauchen konnte. Er strahlte im ganzen Gesicht. Christine sagte zu ihm: „Der Maibaum ist sicher für Betli bestimmt, wieso soll er für mich sein? Betli freut sich sicher darüber.“ „Nei, nei! Der geht immer zum schönste Meitli im Dorf.“ „Das bin ich aber sicher nicht! Ihr macht euch einen Spass daraus, um zu sehen, wie ich reagiere und dann ist dieser doch nicht für mich und ihr könnt euch alle samt krumm lachen. Ganz ehrlich, ist doch so oder?“ „Wart nur ab, es ist noch nicht vorbei,“ antwortete der Wirt. Nach dem Frühstück versuchten die jungen Burschen ein kleines rotes Paket, das ganz oben am Baum angebracht war, herunterzuholen. Die Maibaumstange war mit Rapsöl präpariert, sodass die meisten grosse Mühe hatten nur schon bis zur Hälfte zu kommen. Kurt war auch da, er wartete im Hintergrund, bis fast alle probiert hatten die Stange zu erklimmen. Danach klemmte er sich höher und höher, dann fast oben angekommen rutschte er ab, konnte sich nicht mehr halten. Ein etwa 10-jähriger Bub, nahm einen Anlauf, schlang seine Arme um die Stange und zog sich mit all seiner Kraft den Gipfel hinauf, löste das Paket und kam langsam rutschend am Boden an. Er wusste nicht, wem das jetzt gehört? Es wurde geklatscht und dem Kleinen auf die Schulter geklopft. „Jetzt musst du es der Tini geben, dafür bekommst du einen Kuss von ihr.“ Erklärte der Wirt lachend. Der Junge drückte es Christine in die Hand und lief schnell davon. So ging das Gelächter wieder los.
Es war wiedermal Mittwoch, Christine wartete auf den Anruf von Hans. Er rief viel später an als abgemacht. Um die Wartezeit zu verkürzen, putzte sie fast die ganzer Regalen hinter der Theke. Zum Glück war die Wirte Familie wieder aus dem Haus, sonst hätten sie das wohl seltsam gefunden und Fragen gestellt. Es war schon 5 Uhr, als Hans endlich anrief. Er entschuldigte sich nicht einmal und sagte, dass er ganz in der Nähe sei und Christine um 6 am Bahnhof im Dorf treffen könnte. Christine wusste, dass um diese Zeit kein Zug hier hält, sagte aber nichts. Sie wird es später erfahren, wie er hier hergekommen ist. Sie hoffte nur das die Wirte Familie ihr nicht über den Weg laufen. So eilte sie in Richtung Bahnhof. An einem Feldweg sah sie Hans entlanggehen. „Hallo, bist du schon lange da?“, fragte sie ihn. Hans begrüsste sie flüchtig: „Ich habe mich ein bisschen umgesehen und meine hier könnten wir entlang laufen, ohne gestört zu werden. Nun kannst du mir erzählen, wie es dir bis jetzt ergangen ist. Ein Zug fuhr etwas höher auf einem Gleis langsam quietschend vorbei, sodass Christine laut reden musste. Hans forderte sie nach einer kurzen Weile sanft auf sich hinzusetzen, doch Christine fand, sie würde ihr Kleid schmutzig machen, da gab er ihr einen leichten Stoss, genug um auf den Hintern zu fallen. Er lachte dabei, sie aber fand es gar nicht lustig als er dann noch mit gespreizten Beinen über ihr stand. Ein Hund, der im Feld herumlief fing zu bellen an, das schreckte Hans so auf, dass er die Höhe zum Bahngleis erklimmte, darüber stolperte und davon lief. Dass der so Angst vor einem Hund hat, der nicht einmal zu sehen war, erstaunte sie.
Christine stand geschockt auf, putzte ihr Kleid ab und ging den Feldweg zurück und dann zum Bahnhof. Sie sah sich noch den Fahrplan an, der nächste Zug, der fährt, wäre erst um 22 Uhr. Den Bahnwärter, der gerade die Gleise prüfend abgegangen ist, konnte sie fragen, ob er einen Mann im dunkelblauen Anzug so um 5 Uhr ankommen oder später abfahren sah. „Heute waren wie immer die gleichen wenigen Personen, die ich schon kenne, angekommen und abgefahren, also ich hab keinen Fremden gesehen!“, versicherte er. Christine lief die Strasse zum Restaurant hinauf, sah sich öfter um, aber es war niemand zu sehen. In der Gaststube brannte Licht, die Wirtin hat sich schon gefragt, warum Christine nicht wie immer pünktlich zum Nachtessen kam.
„Guten Abend Christine! Ich habe einen Berner Zwiebelkuchen mitgebracht, setze dich hin. Was möchtest du den trinken? Ubs! Dein Kleid ist schmutzig, wo warst du den?“ Christine fand, dass die Wirtin heute in einen besonderen freundlich Ton sprach. „Ach, ich bin gestolpert und auf den Hintern gefallen, als ich ein bisschen im Dorf herumgelaufen bin,“ log sie. „Da hast du ja gemerkt das die drei Geschäfte, die wir haben am Mittwoch auch geschlossen sind, aber man kann läuten, wenn man was kaufen möchte.“ Ja und dann gibt es eine gute Neuigkeit, wir haben jetzt endlich wieder eine neue Serviertochter gefunden, die Morgen kommen sollte. Wir warten nicht mehr auf die Eine, die schon vor drei Wochen hätte hier sein sollen. Sobald die Katrin Morgen da ist, werde ich der anderen eine Absage zukommen lassen.“ „Wird Katrin in der Kammer neben mir schlafen? Ich frage nur, weil man die ein wenig herrichten sollte, bevor sie kommt“, gab Christine zu verstehen. Die Wirtin: „Würde es dir was ausmachen, dort ein wenig aufzuräumen?“ „Ja gut ich mache das, hab heute aus Langweile die ganzen Regalen und Gläser hier in der Gaststube geputzt und gewaschen, ich glaube sie haben das noch gar nicht gemerkt?“, sagte sie, scheu mit einem Lächeln. Die Wirtin sah sich um. „Da hast du aber ein paar Stunden dazu gebraucht, ich hab schon lange gemerkt, dass du die Arbeit, die zu machen ist, siehst und man dir nicht sagen muss, was zu tun ist. Grossen Dank, du bekommst dafür einen extra Patzen. Übrigens habe ich dir dein Lohnsäckchen parat gemacht. Wart ich hole es dir, den Vorschuss musste ich leider abziehen, aber mit dem jetzt extra versprochenen Patzen und dem Trinkgeld, das du von den Gästen bekommen hast, bis gut dran.“ Christine bedankte sich freundlich und nahm ihr Lohnsäckchen entgegen, zählte sofort nach, ob die abgemachte Summe vorhanden war.
Anschliessend ging sie die Stufen hinauf, mit dem Putzzeug in der Hand, um die Kammer für die Neue in Ordnung zu bringen. Doch zuerst legte sie ihren Lohn in ihr Versteck. Es war etwas mehr als für Au-pair bezahlt worden musste, aber für sie doch nicht zufriedenstellend. Wegen der neuen Serviertochter fällt jetzt auch noch das Trinkgeld weg.
Christine lernte relativ rasch Berndeutsch, die meisten Stammgäste halfen ihr gerne dabei, weil sie sich ungeniert korrigieren liess, dabei gab es auch viel zu Lachen. Es kam vor, dass Schweizer Gäste kamen, die kein Deutsch, sondern nur Französisch konnte. So versuchte Christine deren Sprache zu sprechen so gut sie es fertigbrachte, das war manchmal ganz erheiternd lustig. Immer wieder fing sie neue Sätze auf, aber es war ihr einfach noch zu wenig.
Nun, sie hat sich überlegt und entschlossen die vollen drei Monate, die für einen Stellenwechsel nach Gesetz nötig waren, zu erfüllen, und dann wenn möglich in Lausanne oder in der Nähe von Genfersee ins Hotelfach zu wechseln. Sie hoffte, dass ein Stellenvermittler, den Polizist Grün erwähnt hat, sich einmal bemerkbar machen würde, ansonsten hatte sie vor, sich selber vor allem in Lausanne, sich zu erkundigen. Die andere Möglichkeit nach Hause zu fahren und neu einzureisen, schlug sie aus. Dazu reichte erstens das Geld nicht und noch dazu würde man sie auslachen; es nicht verstehen, dass sie nicht bekommen hatte was ihr versprochen wurde. So würde Christine nie an ihr Ziel kommen.
Katrin, die neue Kellnerin, kam also wie erwartet Mittags an. Christine half gerade in der Küche, als der Wirt grinsend bekannt gab, dass Katrin sich bei jedem Gast mit Handschütteln vorstellt. Die Wirtin und Christine nahm es Wunder, wie sie aussah. Sie konnten sie ein paar Minuten beobachten, schauten sich gegenseitig an und schmunzelten hinter vorgehaltener Hand. Katrin war eine kleine, runde, gut genährte junge Frau mit roten glänzenden freundlichen Gesicht, ihr grosser Busen reichte bis nahe unters Kinn. Anscheinend kam sie frisch vom Friseur, der Wirt hatte einen goldenen Ring an ihren Finger gesehen: „Die ist sicher verlobt oder gar verheiratet!“, vermutete er. Christine zeigte ihr noch schnell ihre Unterkunft.
Als die Mittagsgäste weg waren, wurde die Gaststube wie immer von 2 bis 5 Uhr geschlossen. Die Wirtin, Katrin und Christine nahmen jetzt gemeinsam das Mittagessen ein, dabei wurde von der Wirtin die Arbeitseinteilung erklärt. Doch plötzlich wurden von Katrin Bedingungen gestellt, da sie verlobt sei, wollte sie von Samstag ab 14 Uhr bis Sonntagabend freihaben. In ihrem Dachbodenabteil, möchte sie wenigstens noch einen Tisch, Stuhl und ein Möbel neben dem Bett, wo man was abstellen könne. Also wollte sie auch freie Kost und Unterkunft, 13 % von Umsatz, den sie machen wird und das Trinkgeld wird weder gezählt noch geteilt, dazu den üblichen Grundlohn ohne welche Abzüge. Wenn sie damit einverstanden sind, könnte man den Arbeitsvertrag unterschreiben. Aus ihrer Gobelin Handtasche entnahm sie ein grosses Kuvert mit einem fertig aufgesetzten Vertrag hervor, mit den Worten: „Damit habe ich ihnen, wie sie sehen, schon eine Arbeit abgenommen.“
Die Wirtin war so perplex! Bis jetzt hatte sie sich an ihrer Serviette festgehalten und zugehört. Sie versuchte ihre Ruhe zu bewahren und räusperte sich: „Ich werde das mit meinem Mann besprechen, wir sehen uns dann eine viertel Stunde vor 5, also bis dann.“ Sie stand auf, nahm das Kuvert an sich und ging in ihre Wohnung hinauf. Das war der Hammer! Trotz des Dialekts, den Katrin sprach, verstand Christine das Meiste.
Katrin, tief einatmend, fing an ohne zu zögern Kaffee zu machen, als wäre sie schon länger hier: „Jetzt brauch ich einen starken Kaffee, ich mache dir auch einen. Du warst wahrscheinlich ganz erstaunt über meine Bedingungen. Aber weisst du, ich als Schweizerin und hier noch dazu auf dem Land, kann ich das durchziehen. Denen bleibt ja nichts anderes übrig, als den Vertrag zu akzeptieren, dieser ist von einem Anwaltsbüro ausgestellt worden. Ich habe endlich erfahren, dass man sich heutzutage absichern kann und soll, denn ich habe schon ein paar schlechte Erfahrungen einstecken müssen.“ Dann fragte sie Christine noch, wie alt sie sei? „Darfst du schon in der Gaststube bedienen?“
Katrin sprach vorher ohne Punkt und Komma. „Ich bin 18!“, log Christine: „Ich habe mit dem Wirt zusammen die Gäste bedient, habe dabei viel von ihm gelernt, auch das einige Stammgäste ohne zu fragen bedient werden wollen, weil sie immer das gleiche Getränk in ihrem eigenen Glas haben möchten. Schau mal die verschiedenen Gläser hängen alle hier über der Theke. “Katrin: „Wie lange bist du schon hier?“ Es kam eine Frage nach der anderen ohne Unterbruch, manchmal hörte sie nicht einmal recht zu, was Christine sagte. Katrin trank genüsslich ihren Kaffee aus, danach ging sie in ihre Kammer: „In so einen Taubenschlag hab ich noch nie geschlafen!“, meinte sie noch, bevor sie die steile Stiege in Angriff nahm.
Christines Gedanken schwirrten um Hans, jetzt hatte sie Gelegenheit ihn ungestört anzurufen. Es antwortete eine höfliche Frauenstimme. „Guten Tag, mein Name ist Christine, kann ich Hans....?“ Weiter kam Christine gar nicht. „Vergessen sie aber ganz schnell diesen Dreckskerl, bevor noch mehr passiert. Er bringt unserer Familie nur Schande, dieses, dieses..... Monster, hat er sich bei Ihnen gemeldet? Wenn sie herausfinden, wo er ist, dann rufen Sie uns bitte, ich bitte Sie sofort an!“ Ihre Stimme zitterte. Christine wollte wissen, was er getan hat? „Der soll endlich aufhören Frauen zu belästigen, meine Freundin hat sich bis heute noch nicht von der...... seiner..... Attacke erholt!“ Sie zögerte, um das richtige Wort zu finden. „Oh du meine Güte! Ist das wirklich wahr?“ Fragte Christine. „Hallo! Hallo! Sind Sie noch da?“ Das Telefon wurde ohne zu Antworten aufgelegt. Hans hat sich schon komisch benommen, erinnert sie sich, als sie zusammen am Feldrand gelaufen sind. „Er hat mich ja umgestossen!“ Vielleicht hatte ich Glück, dass ein Hund in der Nähe war, ging es ihr durch den Kopf. Jetzt begriff sie langsam, dass sie eventuell in Gefahr gewesen war, sofern das alles stimmte, was sie am Telefon vernommen hat. Sie bekam Gänsehaut, es schüttelte sie, als hätte sie Fieber. So lief sie rasch in ihre Kammer hoch, um sich zu beruhigen.
Christine konnte nach zweieinhalb Monate für ein paar Tage ihre Familie besuchen. Hans meldete sich nie mehr, auch sein ehemaliger Legionär Kollege in Vorderberg hatte keine Ahnung, wo er sich aufhält: „Der ist sicher in der Schweiz, er hat ja wegen einer Sache abwarten müssen, bis die verjährt war. Um was es dabei gegangen ist, wollte ich eigentlich gar nicht wissen. Geht mich ja auch gar nichts an. Wahrscheinlich waren es Weiber Geschichten. In Algerien hatten wir ein Etablissement mit Mädchen aller Couleur!“ grinste er unverschämt breit. Christine
