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Warum hatte ich ihm nicht die Zeit gegeben, die er brauchte? Warum hatte ich ihn vor eine unmögliche Entscheidung gestellt? Warum hatte ich nicht einmal nachgedacht, was kommen könnte? Doch nun war es zu spät. Ich hatte alles kaputt gemacht. Es gab nur eine Antwort, auf all diese Fragen. Nur eine. Das Warum – war ich.
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Seitenzahl: 92
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Anita Rippl
Mehr als ein Leben
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
1 Der Plan
2 Der Brief
Impressum neobooks
„Ich verstehe nicht, wie du so ruhig bleiben kannst“, kam es von mir, während ich meine beste Freundin Beate ansah, die seelenruhig auf ihrem Bett saß und sich die Fußnägel lackierte. „Es geht schließlich um deine Zukunft“, fuhr ich fort. „Hörst du mir überhaupt zu?“ Beate blickte von ihrer Arbeit auf. „Natürlich höre ich dir zu. Du redest wie mein Vater. – Ich dachte, du wärst auf meiner Seite, Kiki?“
Ich schüttelte energisch den Kopf, wobei meine braunen Locken wippten. Meine Locken, auch so ein Problem, aber Beate hatte Vorrang.
„Das bin ich doch“, versicherte ich ihr. „Wir sind schließlich Freundinnen. Ich möchte nur nicht alleine im Herbst in die elfte Klasse wechseln.“ Beate lackierte weiter. „So, so. Also ist es mehr eigenes Interesse, als echte Anteilnahme an meinem Schicksal“, folgerte sie.
Ich stand genervt aus dem Korbsessel auf und setzte mich aufs Bett. Dieses schaukelte und somit wurde Beates nächster Lackiervorgang ein Desaster.
„Hey, mal langsam!“ rief sie und brachte den Nagellack Farbe Rubinrot in Sicherheit. „Ich meine es doch nur gut mit dir“, kam es von mir. Beate rollte mit den Augen und tupfte mit einem Kosmetiktuch die Bescherung von ihrem großen Zeh.
„Ja, Kiki. Alle meinen es nur gut mit mir. Genau, das ist es ja. Ich möchte einfach nur Spaß haben.“ – „Mit zwei Fünfen im Zeugnis?“ hielt ich ihr entgegen. Beate seufzte. „Du brauchst mich nicht immer daran zu erinnern. Das machen meine Eltern schon.“
Ich legte versöhnlich die Hand auf Beates Schulter. „Tut mir leid. Es ist nur schade, dass…“
Beate winkte ab und lächelte spitzbübisch. „Keine Trauerreden. Es steht noch eine Schulaufgabe in Latein an. Da habe ich ein richtig gutes Gefühl. Damit reiße ich das Ruder noch einmal rum. Du wirst schon sehen. Dann gehe ich noch ins Mündliche und…“
Beate blickte in mein ungläubiges Gesicht. „Ach, komm, Kiki. Ich habe wirklich etwas getan. Das reicht bestimmt und dann…hopp, bin ich mit dir in der elften.“
Ich versuchte ein Lächeln, was mich jedoch viel Anstrengung kostete. Beates Optimismus war geradezu erschreckend. So war sie immer schon gewesen. Es hatte immer irgendwie gereicht, aber dieses Mal hatte ich kein gutes Gefühl. Klar, noch eine Schulaufgabe bis Notenschluß. Das waren fünf Tests zu wenig.
*
Zwei Wochen später strahlte mich Beate an wie ein Honigkuchenpferd. Ich aß gerade an meinem Apfel und blickte auf Studienrat Mehrens, der Pausenaufsicht hatte.
„Na, was sagst du jetzt?“ kam es von Beate, deren unverschämt gute Laune nur allzu verständlich war. „Ich habe es gepackt – wieder mal. Du sagst ja gar nichts.“ Ich sah Beate an. „Knapp geschafft. Ich habe keine Ahnung wie du es gemacht hast.“ Meine Freundin hob beide Hände. „Keine Spickzettel. Einfach gelernt. Gut, nicht?“ Ich seufzte. „Und warum hast du das im ganzen Jahr nicht gemacht?“ – Nun, ja, wer braucht Latein?“ bekam ich zur Antwort. „Gönnst du mir denn gar nichts? Ich dachte, du möchtest nicht alleine in der elften sitzen.“ – „Aber klar“, sagte ich ehrlich,“aber das nächste Jahr wird echt hart.“ Beate lächelte und drückte mich. „Ich weiß, und deshalb streng ich mich auch an und füge mich dem Willen meiner Eltern. Die Sommerferien bedeuten Nachhilfe. Solange bis ich aus dem Gröbsten raus bin. Ich weiß, dass ich nicht noch einmal soviel Glück haben werde. Am zehnten geht es los. Es ist ein Student, der dann zweimal die Woche für je zwei Stunden mit mir üben wird. Mal sehen, ob es etwas bringt.“ Ich lächelte ihr aufmunternd zu. „Bestimmt.“
*
Beate hielt Wort, vielleicht machten auch ihre Eltern Druck. Sie waren im eigentlichen Sinn nicht streng, aber es musste wohl sein. Beate war nicht dumm, aber das Thema Schule war etwas besonderes. Es war nicht das, was für sie zählte. Ihr das verständlich zu machen, war mir nie möglich gewesen. Ich war einfach froh, auch, wenn wir unsere Unternehmungen in den Ferien einschränken mussten. Ich hatte mir eine Stelle als Kellnerin in einem Eiscafe besorgt. Ich wollte im Herbst mit dem Autoführerschein beginnen. Fahrstunden waren mittlerweile zu einem kleinen Luxus geworden. Beates Eltern, beide Rechtsanwälte, zahlten so etwas nahezu aus der Portokasse - Die Finanzierung des Führerscheins keine Frage des Geldes. Ja, der Mammon war nie ein Thema im Hause Escher gewesen. Beates Versetzung hingegen schon. „Schule ist einfach nicht mein Ding“, wie sich meine beste Freundin auszudrücken beliebte. Und nach ihrer Trennung im Oktober letzten Jahres von Martin da rückte alles schulische noch weiter zurück. Da half auch kein gutes Zureden, sondern nur noch „Abschreiben lassen“. Auf die Dauer war dies natürlich auch nicht das Wahre. Wie sollte Beate damit jemals das Abitur meistern? Das war nun wohl auch bei Beate angekommen, und schon lange vorher bei ihren Eltern, die als Akademiker einen gewissen Anspruch an ihre einzige Tochter richteten.
Gedankenverloren wischte ich einen der Tische im Eiscafe „Picollo“ ab, als sich jemand Bekanntes an eben diesen Tisch setzte.
Beates Augen blitzten mich an.
„Kann man noch etwas bestellen, oder klappst du schon die Stühle hoch?“ Ich sah auf meine Armbanduhr und war erstaunt, dass es schon halb sieben war. Noch eine halbe Stunde und ich hatte Feierabend. Der Nachmittag war wie im Flug vergangen.
Ich stützte die Hand mit dem Lappen in die Hüfte und lächelte.
„Für zahlende Gäste doch immer“, kam es leider nicht mehr ganz so fit wie noch vor vier Stunden.
Beate wedelte lässig mit dem Geldschein. „Ich würde dich ja gerne auf einen Amarena-Becher einladen“, begann sie und grinste, “aber du hast ja leider noch nicht Arbeitsschluß. So ein Pech aber auch. Jetzt muß ich den ganz alleine essen.“
Ich hob gespielt drohend den noch feuchten Lappen, mit dem ich die Tische abwischte.
„Du, sei nicht so frech, sonst kann es leicht sein, dass der hier in deinem hübschen Gesicht landet.“ Beate grinste. „Wag es ja nicht, sonst bist du deinen Job gleich am ersten Tag los.“
Ich winkte lässig ab und wandte mich zum Gehen. „Ich mach mir doch die Hände nicht schmutzig. - Dein Amarena-Becher kommt gleich.“
„Probleme?“ fragte Mario, der Sohn des Besitzers. „Nein, das ist nur eine gute Freundin.“ Mario blickte interessiert drein. Einen Blick, den ich nach vier Stunden zu deuten wusste. Ich sah ihn ernst an. „Bitte verschone Beate. Sie hat derzeit genug um die Ohren. Sie ist…“ – „Ah, Beata“, flüsterte Mario mit strahlenden Augen. „Vergiß es. Brich einer anderen das Herz. – Kann ich jetzt meinen Eisbecher haben?“
Meine Worte duldeten keinen Widerspruch. Schnell bereitete Mario den gewünschten Becher zu. Seufzend reichte er ihn mir. „Du gönnst einem auch gar nichts, Kerstin“ – „Cèst la Vie“, kam es von mir, als ich zu Beate zurückging. „Dein Italienisch ist furchtbar!“ rief Mario. „Ich weiß“, gab ich grinsend zurück.
*
Nach Arbeitsschluß kam Beate noch zu mir. Wir wollten uns die Neuigkeiten des Tages erzählen.
Mein Zimmer im ersten Stock besaß einen herrlichen Balkon, auf dem neben einem Oleander auch eine Hollywoodschaukel Platz hatte. Mit je einem Eistee ausgestattet, schaukelten Beate und ich einträchtig vor und zurück. Die Grillen zirpten an einem lauen Sommerabend. Es war wunderbar friedlich.
Ich hörte ein Sirren und schon klatsche meine rechte Hand geistesgegenwärtig gegen mein linkes Schienbein. „Erwischt?“ fragte Beate interessiert und sah von ihrem Eistee auf. Ich blickte der entkommenen Mücke hinterher, die gerade über das Balkongeländer sich ihrer Freiheit erfreute.
„Ja, sie mich“, gab ich zurück und kratzte an meinem juckenden Schienbein. „Oh“, kam es von Beate, die geräuschvoll mit ihrem Strohhalm die letzten Eisteereste aus dem Glas saugte.
Ich stand auf und humpelte mit meinem malträtierten Bein ins Zimmer zurück, um die Karaffe mit dem Eistee zu holen. Die Spezialmischung meiner Mutter. Ich goß Beates Glas voll und ließ mich wieder in die Schaukel plumpsen.
„Nun erzähl mal von deiner Nachhilfe“, begann ich . Beate verzog das Gesicht. „Ich meine doch nicht den Stoff, sondern den Studenten.“ Auch jetzt hellte sich die Miene meiner Freundin nicht auf. „Er hat den Charme von Godzilla“, sagte sie. „Oh“, kam es von mir. „Ach, komm. Das ist nur am ersten Tag so. Er muß ja erst mal deinen Lernrhythmus kennen lernen. Du wirst sehen. Das wird sich noch ändern.“ Ich versuchte motivierend zu klingen. „Wie vermittelt er denn so den Stoff?“ fragte ich und biß mir gleichzeitig auf die Zunge. Ich klang jetzt bestimmt wie Beates Mutter. Demotivierender ging es ja nun wirklich nicht mehr.
„`schuldige“, warf ich ein, bevor Beate etwas erwidern konnte. Diese winkte ab. „Ich dachte, es würde Spaß machen“, sagte sie missmutig, „dabei ist es genauso wie beim Stoll.“ – „Hm“, kam es nur von mir. Sollte ich das Thema wechseln, um meine Freundin aufzuheitern? Leider hatte ich meine Eiscafe-Erlebnisse schon erzählt.
„Ich werde das meistern“, sagte sie laut und überzeugt. „Ich werde lernen und im neuen Schuljahr gute Noten schreiben. Alexander hat zwar den Charme Godzillas, aber zum Glück nicht dessen Aussehen. Ich stell mir einfach vor, er hätte die samtig-weiche Stimme eines Hollywoodstars.“ Ich grinste. „Und wen hast du da so im…Ohr?“ – „Richard Gere“, sagte Beate. Jetzt verzog ich das Gesicht. „Der könnte dein Opa sein!“ – „Ich rede ja auch von seiner Stimme“, berichtigte Beate. „Glaub mir, Kiki, die ist supersexy.“
Lachend ließ sie sich in die Schaukel zurückfallen. Auch ich lachte, als ich mir Beates Nachhilfe als Godzilla mit Richard Geres Stimme vorstellte.
Mein Mückenstich war plötzlich total vergessen.
*
Am Mittwoch war meine Schicht im Eiscafe um die Mittagszeit und ich hatte bereits um drei nachmittags Schluß. Ich holte noch ein Kostüm für meine Mutter aus der Reinigung und radelte dann hinterher zu Beate, deren Nachhilfe um vier endete. Wir wollten beide an diesem heißen Augusttag ins Freibad.
Das Anwesen der Eschers war großzügig. Der Begriff Einfamilienhaus war hier schon untertrieben. Es gab sogar einen Pool und dennoch kam Beate lieber mit mir ins öffentliche Freibad. Da ließ es sich ungezwungener mit Jungs flirten. Ich war gespannt, ob sie diesen Sommer auf Flirts wert legte. Die Beziehung zu Martin war kurz aber heftig gewesen. Zudem hatte sie ihm im Freibad kennen gelernt. Es konnte also gut sein, dass er uns hier über den Weg lief. Ich hatte Beate gefragt, ob sie sich sicher sei. Sie gewinkte gelassen ab.
„Kein Problem. Es ist vorbei“, erklärte sie mir.
Für eine Stunde war dies auch der Fall. Da hatte sie recht. Wir alberten herum und hatten unseren Spaß.
Als wir jedoch auf der Wiese lagen und uns ein Sonnenbad gönnen wollten, tauchte Martin auf. Und er war nicht alleine.
An ihm hing ein schwarzhaariges Mädchen, das vermutlich gerade den Einstieg in die Pubertät geschafft hatte. Sie himmelte Martin geradezu an und nickte eifrig zu allem, was ihr Freund von sich gab.
