Meilenweit Leben - Christina Mathesius - E-Book

Meilenweit Leben E-Book

Christina Mathesius

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Beschreibung

Die Kinder sind endlich groß, und die Karriere des Mannes läuft in geordneten Bahnen. Direkt nach dem Sommerurlaub auf Sardinien will Christina endlich wieder beruflich durchstarten. Und dann das! Bei einer Routineuntersuchung heißt es Krebs! Doch was für viele das Ende bedeutet, wird für Christina zum Startschuss. Nicht einen Tag länger will sie mehr warten und endlich ihr eigenes Leben beginnen. Jetzt ist sie allein betroffen, verantwortlich und gefragt. Anstatt für die Chemotherapie entscheidet sie sich, auf einen Halbmarathon zu trainieren. Christina rennt, weil Ausdauersport heilt und sie sich auf den Weg macht in ein selbstbestimmtes, glücklicheres und ehrlicheres Leben. Sie zieht von der Schweiz in die USA und läuft nach ihren Operationen innerhalb eines Jahres fünf Halbmarathons und absolviert im Jahr 2020 eine 100-Mile-Challenge. Ein trockener Humor, eine alte Liebe und zwei sehr tapfere Kinder sind dabei ihre wertvollsten Begleiter. "Christina nimmt dich mit und zeigt dir, was passiert, wenn du dein Herz für dich selbst öffnest, wenn du den Mut hast, alte Muster und Erwartungen hinter dir zu lassen, Hindernisse zu überwinden und deinem Leben mit offenen Armen entgegenzulaufen." Silke Linsenmaier, Vorständin LebensHeldin! e.V. über Meilenweit Leben Ein Teil des Erlöses aus dem Verkauf des Buches erhält LebensHeldin e.V. .www.lebensheldin.de

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Seitenzahl: 220

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Hinweis: Die Personennamen im Buch sind frei erfunden.

Für meine beiden Kinder. Für sie lebe ich. Für sie habe ich mich ins Leben zurückgekämpft.

Inhalt

Meile

Meile

Meile

Meile

Meile

Meile

Meile

Meile

Meile

Meile

Meile

Meile

Meile

Danksagung

Die Autorin

1. Meile

Da stehe ich also wieder. Zum dritten Mal innerhalb von sieben Monaten. Niemals wäre ich zuvor auf den Gedanken gekommen, einen Halbmarathon zu absolvieren. Im Vergleich zu den letzten Läufen bin ich jetzt vollkommen entspannt. Inzwischen weiß ich, was mich erwartet, und ich weiß auch, dass ich es schaffen werde. Wie so vieles in den letzten zwei Jahren.

„Hi, another thirty seconds row sixteen. Are you ready?“, tönt es aus den Lautsprechern. Um mich herum tosendes Gebrüll der Läufer. Ja, das bin ich. Vollkommen „ready“ für diesen Lauf und für noch vieles mehr.

„So let’s count down together: Ten, nine, eight, seven, six, five, four, three, two, one“, und dann setzen sich gleichzeitig mit mir Hunderte Menschen in Bewegung, all diejenigen, die ungefähr so schnell und ausdauernd sind wie ich. In den Blöcken vor uns sind schon stärkere Läufer gestartet, und hinter mir wartet noch ein riesiger ungeduldiger Pulk. Langsam und in kleinen Schritten bewegen wir uns auf die Startlinie zu.

Ich bin nicht allein in der Menge. Mit mir starten noch drei andere Läuferinnen aus meinem Runningclub. Vier weitere Bekannte sind schon einige Blöcke vor uns losgelaufen und werden uns auf den letzten Metern vor dem Ziel anfeuern. In meinem Runningclub treffen sich an die achtzig Läufer zum gemeinsamen Training. Sie haben völlig unterschiedliche Leistungsniveaus und sind völlig unterschiedliche Menschen, aber man unterstützt einander, nicht nur im Sport.

Vor mir liegen jetzt 13,1 Meilen, was 21,08 Kilometern entspricht. Es ist ein warmer Herbsttag, und kurz bevor ich die Startlinie überschreite, schalte ich die Zeitmessung an meiner Uhr und die Musik auf meinem Smartphone ein. Für jede einzelne Meile habe ich dieses Mal eine andere Playlist gespeichert. Ich bin gespannt, wohin mich meine Gedanken heute tragen werden. So herausfordernd das Laufen solcher Distanzen immer noch für mich ist, mein Kopf macht doch jedes Mal eine eigene Reise. Legt ganz andere Strecken zurück, zu weit entfernten Orten, Erinnerungen und Zielen.

Als meine Füße die Startlinie überschreiten, nehme ich die Spannung um mich herum schon kaum mehr wahr. Aus meinen Kopfhörern dröhnt „You’re Beautiful“ von James Blunt. „My life is brilliant …“

Hinter mir liegt die härteste Zeit meines bisherigen Lebens, doch in diesem Moment erscheint sie mir fast wie ein schlechter Scherz oder ein böser Traum.

* * *

„Ciao, ihr Süßen. Ich bin in circa einer Stunde wieder zurück. Ich muss nur kurz zum Arzt.“ Mit diesen Worten verabschiedete ich mich vor zwei Jahren von meinen beiden Kindern. Ich wollte noch schnell die Mammografie machen lassen, die seit Wochen in meinem Terminkalender stand, und dann sollte es in den wohlverdienten Sommerurlaub nach Sardinien gehen.

Mein Leben war in den Monaten zuvor wie auf der Autobahn verlaufen, schnell auf der Überholspur, Gas geben und weiterfahren. Zum ersten Mal seit Jahren war ich wieder richtig glücklich. Vorbei die Zeiten, in denen ich mich ausschließlich um meine Kinder gekümmert und meinem Mann den Rücken freigehalten hatte, damit er seine internationale Karriere als Topmanager verfolgen konnte. Endlich hatte auch ich wieder etwas zu erzählen und war nicht nur aufmerksame Zuhörerin, Sparringspartnerin. Die Kinder, Sophie und Frederik, waren fünfzehn und zwölf. Zeit für mich, in den Job zurückzugehen. Schon immer war es mein Traum gewesen, im Trainings- und Coaching-Bereich zu arbeiten, und jetzt stand ich kurz vor der Abschlussprüfung meiner Ausbildung in München. Doch jetzt das.

„Es ist Krebs! Ich glaube es nicht!“ – Gut gelaunt war ich zur Mammografie gegangen, todkrank verließ ich das Spital in Liestal. Dazwischen lag nur eine Dreiviertelstunde, und die Diagnose lautete: Brustkrebs. Was sich in diesen wenigen Minuten abgespielt hatte, war unfassbar gewesen, und noch heute kriege ich Gänsehaut, wenn ich daran denke.

* * *

Mein Atem stockt, und ich komme aus dem Rhythmus. Zu mächtig sind die Erinnerungen an diesen Moment. Sie legen sich auf meine Atmung, fahren mir in die Beine. Ich zwinge meinen Blick zurück ins Hier und Jetzt, sehe die Freundinnen neben mir. „Es ist vorbei, Christina. Es ist alles gut! Du hast es geschafft!“, raune ich mir selbst innerlich zu und bewege wieder kräftig und entschieden einen Fuß vor den anderen. Was für ein Unterschied zu damals.

* * *

Wie in Trance hatte ich das Krankenhaus verlassen und war in eine Welt zurückgekehrt, in der die Sonne schien, die Vögel zwitscherten und mir die Schönheit des Sommertages plötzlich absurd vorkam. Ich selbst passte einfach nicht mehr hinein! Und wie sollte ich am nächsten Tag in den Urlaub nach Sardinien aufbrechen? Zwei Wochen mit Freunden, auf die ich mich schon lange gefreut hatte. Eine Woche Segelyacht und eine Woche in einer großartigen Villa mit Pool. Einfach entspannen und Spaß haben!

„Wie sag ich das Conrad? Wie den Kindern?“, darauf konzentrierten sich meine Gedanken, als ich zurück zu meinem Auto lief, um wieder nach Hause zu fahren. Bei der Mammografie war ich noch entspannt gewesen, und ich hatte auch nichts Böses geahnt, als die Röntgenassistentin auf meine Frage, wie oft man die Mammografie üblicherweise mache, antwortete: „Auf Sie wird das individuell angepasst. Wir machen noch mal einen Ultraschall.“ Ich zog mir meine Bluse wieder über, und wir wechselten den Raum. Während ich es mir mit freiem Oberkörper auf der Liege bequem machte, kam die Ärztin herein, um den Ultraschall in Angriff zu nehmen. Sie war Deutsche wie ich, und in der Schweiz kommen Deutsche immer sehr schnell ins Gespräch. Wir unterhielten uns locker, waren uns sympathisch und stellten fest, dass wir beide in Münster studiert hatten.

Plötzlich hielt sie inne: „Oh mein Gott! Das tut mir jetzt total leid, dass ich das hier gefunden habe.“ Sie zeigte mir auf dem Ultraschall eine Stelle und grenzte diese ein. Ich vermochte überhaupt nichts zu erkennen. „Einen Moment, Frau Mathesius. Ich hole den Chefarzt.“ Wenige Minuten später trat dieser ein und machte erneut einen Ultraschall. „Ja, das sieht nicht gut aus. Das sieht ganz und gar nicht gut aus. Wir entnehmen jetzt sofort eine Gewebeprobe. Heute ist Donnerstag. Am Montag ist das Ergebnis bei Ihrer Gynäkologin. Sie wird dann alles Weitere mit Ihnen besprechen. Da wir nicht Ihre behandelnden Ärzte sind, sagen wir jetzt gar nichts mehr.“ Mit diesen kryptischen Worten verließ der Chefarzt mit seiner Entourage den Raum, nur um zwei Minuten später wieder hereinzukommen und zu verkünden: „Wir haben für die Stanzbiopsie jetzt alles vorbereitet. Es eilt, Frau Mathesius.“ „Was heißt das?“, fragte ich hilflos. „Heißt das, ich habe Krebs? Ich will doch morgen in Urlaub fahren. Wir haben schon alles gepackt.“ Er schaute mich ernst an und antwortete: „In den Urlaub können Sie fahren. Auf die zwei Wochen kommt es nicht an. Aber die Stanzbiopsie wird sofort gemacht. Ich bringe Ihnen jetzt ein Kältespray auf der Brust auf, dann spüren Sie die örtliche Betäubungsspritze nicht so sehr. Wenn die Spritze wirkt, stanze ich wie mit einem Stempel drei Mal eine Gewebeprobe direkt aus der Stelle heraus. Das hört sich ein bisschen gewöhnungsbedürftig an, aber mit dieser Gewebeprobe können die Pathologen bestimmen, um was für einen Tumor es sich handelt.“

Es gab also unterschiedliche Arten? Ich verstand nichts von dem, was der Arzt da von sich gab. In meinem Hirn ratterte es nur: „Verdammt, es ist Krebs! Ich hab Krebs! Ich?! Ich fass es nicht! Nein, ich doch nicht!“ Eine Krankenschwester kam in das Behandlungszimmer und hielt mir ein Tuch vor das Gesicht, und dann ging alles sehr schnell. Ich vernahm ein Geräusch, als hefte jemand etwas mit einem Tacker in eine harte Oberfläche. Nach fünf Minuten war es vorbei, und ich konnte mich wieder anziehen. „Ja und jetzt?“, fragte ich hilflos. Der Chefarzt hatte sich längst wieder mit einem knappen Kopfnicken verabschiedet, und die deutsche Ärztin, die eben noch so unglaublich nett gewesen war, behauptete nur: „Wir haben alles getan, was möglich ist. Jetzt ist es an den Pathologen. Einen schönen Tag noch, Frau Mathesius.“ Ich war fassungslos. Eine Krankenschwester brachte mich wortlos zur Tür und mied meinen Blick. Auch wenn damals niemand das Wort aussprach, wusste ich es ganz genau: Ich hatte Krebs.

Zu Hause angekommen, rief ich Conrad im Büro an. „Ich war bei der Mammografie. Ich glaube, du solltest jetzt besser sofort kommen.“ Und während ich sonst immer stundenlang auf meinen Mann warten musste und ihm teilweise Termine eine Stunde früher in den Kalender schrieb, damit er pünktlich kam, war er dieses Mal innerhalb von fünfundvierzig Minuten daheim. „Egal was es ist, Christina, es ist unsere Krankheit. Wir gehen diesen Weg gemeinsam. Egal wie es ausgeht“, sagte mein Mann und versuchte, mich in den Arm zu nehmen. Es gibt Momente im Leben, die brennen sich in dein Gehirn, die vergisst du nie. Ich erinnere mich noch ganz genau, wie ich ihn fassungslos anstarrte und monoton antwortete: „Nein, Conrad! Das ist ganz allein meine Krankheit. Und die stehe ich auch ganz alleine durch, egal wie sie ausgeht. Es gibt Dinge, die kann man nicht teilen.“ Was hatte ich in den vergangenen Jahren mit diesem Mann nicht alles geteilt! Jetzt aber, wusste ich plötzlich mit absoluter Gewissheit, war das völlig unmöglich. Dennoch berichteten wir unseren beiden Kindern gemeinsam, was sich in den letzten Stunden ereignet hatte, obwohl es noch keine Gewissheit gab. „Was ist es genau? Wie schlimm ist es tatsächlich? Werde ich sterben oder überleben?“ Ich wusste es nicht, und genauso kommunizierte ich das auch meiner fünfzehnjährigen Tochter und meinem zwölfjährigen Sohn, weil ich immer für einen offenen Umgang mit ihnen gewesen war.

„Fahren wir denn jetzt noch in Urlaub?“, fragte mich Sophie unsicher. „Na klar!“, kam es von mir, wie aus der Pistole geschossen. „Es ist alles gepackt. Und es ist besser, ich bin im Urlaub, als dass ich hier zu Hause in Schockstarre verfalle.“ Innerlich zerbarst ich beinahe, aber mir wurde in diesem Moment schlagartig klar, dass ich auch für meine Kinder kämpfen und ihnen die Hoffnung geben würde, dass ich es schaffe!

* * *

„Durch diese schweren Zeiten“, singt Udo Lindenberg mit rauchiger Stimme gerade in meine Kopfhörer und holt mich wieder auf die Strecke zurück. Schnell einen Schluck aus der Trinkflasche, und ich laufe weiter durch diesen wunderschönen Herbsttag im Oktober 2019 in Louisville, Kentucky. Am Streckenrand stehen vereinzelt ein paar Zuschauer und jubeln uns zu. Ich versinke in diesem Song von Udo Lindenberg. Er war immer dabei gewesen, und ich habe Sturzbäche zu dieser Musik geheult, als ich noch keine Ahnung hatte, wie es weitergeht.

* * *

Ich hatte mich also entschieden, trotz des ärztlichen Befundes, den ich erhalten hatte, mit meiner Familie in den geplanten Sommerurlaub zu fahren. „Augen zu und durch!“, lautete mein damaliges Motto und zwar in allen Lebenslagen. Nach einer achtstündigen Autofahrt, einer Übernachtung in Genua und einer schier endlosen Fährüberfahrt waren wir auf Sardinien angekommen. Die Sonne schien grell, es war unendlich heiß und überall lärmten gut gelaunte Menschen in Ferienstimmung. Vor allem am Yachthafen, wo mir meine Freundin Susanna mit ihren beiden Kindern freudestrahlend entgegenlief.

Wir kannten uns schon aus unserer gemeinsamen Schulzeit. Zwar hatten wir uns lange aus den Augen verloren, doch eines Tages waren wir uns auf Spiekeroog bei einer Wattwanderung wieder völlig unverhofft über den Weg gelaufen. Seither sahen wir uns regelmäßig. Unsere Kinder waren im selben Alter, und unsere Männer verstanden sich auch sehr gut, daher hatte ich mich wochenlang auf diese gemeinsame Zeit gefreut.

Irgendwann an diesem Nachmittag erzählte ich Susanna schließlich, was sich erst zwei Tage zuvor ereignet hatte. Ich war mir sicher, sie als Ärztin könnte damit umgehen. Und da ich grundsätzlich eine offene Person bin, würde es mir ohnehin nicht gelingen, ihr das Ganze zu verheimlichen. Mit ihrer Reaktion jedoch hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Völlig geschockt, versicherte sie mir bloß ein ums andere Mal, wie leid ihr das tue, und das war der Moment, in dem ich zum ersten Mal wirklich Todesangst bekam.

In meiner Verzweiflung ließ ich die anderen erst einmal einkaufen gehen, damit sie abgelenkt waren. Ich selbst blieb an Deck und schaute mich auf diesem Boot um, das für eine Woche unser Zuhause werden sollte. Auch wenn es mit vier Kabinen und drei Bädern durchaus geräumig war, wurde mir sofort klar, dass es nicht die beste Idee gewesen war, in meiner Lage an diesem Plan festzuhalten. Ich hatte die Zähne zusammengebissen, um das Beste aus der Situation zu machen, doch jetzt überfiel mich Platzangst und Panik. Die zwei Tage, bis ich die Ergebnisse der Stanzbiopsie bekommen sollte, erschienen mir unendlich lang.

Wie zählte ich die Stunden, bis ich endlich bei meiner Gynäkologin anrufen konnte, um die Ergebnisse abzufragen! Es war furchtbar heiß, stickig und eng auf dem Segelboot. Am schlimmsten waren die Nächte, wenn ich mich schlaflos neben meinem Mann hin und her wälzte. Doch auch tagsüber schaffte ich es kaum, ein einigermaßen entspanntes Gespräch zu führen. Aus diesem Grund hatte ich beschlossen, mich möglichst häufig in meiner Kajüte aufzuhalten und zu lesen. Es war eine kleine, enge Kammer mit einem schmalen Bett und zwei kleinen Bullaugen, nicht wirklich gemütlich, aber immerhin ein Ort für mich allein. Susanna hatte mir bald nach unserem ersten Gespräch klar gemacht, dass sie sich in ihrem Jahresurlaub, auf den sie sich lange Zeit gefreut hatte, leider nicht mit mir und meiner Krankheit auseinandersetzen könne. Sie brauche jetzt dringend Erholung und für eine Ärztin heiße das nun einmal, sich von Krankheiten fernzuhalten. Das hatte gesessen! Aber ich war ohnehin nicht sehr gesprächig, ratterte es in meinem Kopf doch unablässig: „War’s das jetzt? Ist das mein letzter Sommer? Werde ich sterben? Wie schlimm ist es? Werde ich überleben?“

Nun versuchte ich immer wieder vergeblich hoffend, meine Gynäkologin zu erreichen. In der Zeit zwischen den Anrufen surfte ich, sofern es die Verbindung erlaubte, im Internet und verschlang alles, was ich über Brustkrebs zu lesen fand. Als ich bei meinem dritten Anruf in der Praxis erneut von der Arzthelferin vertröstet wurde, die Ärztin sei im Patientengespräch und werde mich sobald wie möglich zurückrufen, verlor ich die Fassung und brach in Tränen aus. „Ich warte seit drei Tagen auf dieses verdammte Ergebnis! Ich habe Tag und Nacht das Gefühl, dass ich sterbe. Würden Sie jetzt bitte die Freundlichkeit besitzen und dafür sorgen, dass mich die Ärztin in den nächsten Minuten zurückruft und mich über die Ergebnisse aufklärt. Ich kann nicht mehr!“ Zwanzig Minuten später rief sie endlich an: „Es sieht nicht gut aus, Frau Mathesius!“, sagte sie und machte eine lange Pause. Offenbar war es ihr nicht leichtgefallen, mich anzurufen und mir diese Nachricht zu überbringen. „Heißt das, ich werde sterben?“, fragte ich tonlos. „Davon gehen wir jetzt erst einmal nicht aus. Aber um ehrlich zu sein, der Tumor ist bösartig, und, um zu wissen, wie Ihre Überlebenschancen stehen, müssen wir die Operation abwarten. Erst wenn wir wissen, ob der Tumor die Lymphknoten befallen hat und ob er gestreut hat, wissen wir Genaueres. Das Einzige, was wir jetzt tun können, ist alles Notwendige für die Operation in die Wege zu leiten, damit Sie, wenn Sie wieder zuhause sind, sofort operiert werden. Überlegen Sie sich schon mal, in welches Krankenhaus Sie gehen möchten. Wir werden dann alles Weitere veranlassen.“ „In welches Krankenhaus ich gehen möchte? In ein Brustzentrum. Das ist dann wohl in Basel“, antwortete ich. Dass für Brustkrebsoperationen am ehesten Brustkrebszentren in Frage kommen, da sie über die größte Routine und Erfahrung verfügen und entsprechend zertifiziert sind, hatte ich bei meinen Internetrecherchen bereits herausbekommen. Dennoch fragte ich nach der Meinung meiner Gynäkologin, die mir das Claraspital in Basel empfahl. Die dortige neue Chefärztin sei ausgesprochen nett und erfahren.

Sollte ich mich jetzt auf dieses Urteil verlassen? Im Anschluss an unser Telefongespräch hing ich erneut stundenlang im Internet. Wer war diese Frau? Wie viel Berufserfahrung hatte sie? Ich weiß bis heute nicht, warum, aber intuitiv hatte ich das Gefühl, dass nur eine Frau verstehen könne, was es bedeutet, seine Brust oder zumindest einen Teil von ihr zu verlieren. Für mich kam daher nur eine Operateurin in Frage. Auch wenn ich Männer grundsätzlich für ebenso fähige Mediziner und Chirurgen halte, bin ich der festen Überzeugung, dass Männer, wenn es um das Überleben einer Frau geht, gern etwas großzügiger schneiden.

Die Telefonleitungen zwischen Deutschland und Sardinien liefen an diesem Nachmittag heiß. Nicht nur, dass ich meine Eltern informieren musste, auch die Onkologen in meiner Familie kontaktierte ich, und natürlich hatte jeder eine andere Meinung. Wenn Brustzentrum, dann in Zürich, das sei das Beste in der Schweiz, kam es vonseiten meiner Familie. Susanna gab mir als Ärztin hingegen den Rat: „Du musst dich jetzt einfach auf die Ärzte verlassen und genau das machen, was sie dir sagen. Du als Laie kannst diese Verantwortung für dich nicht übernehmen!“

Das stieß mir damals wie heute bitter auf. Ich bin ein Mensch, der gern alles im Griff und unter Kontrolle hat, zumindest was mich und mein Leben anbelangt. Und plötzlich sollte ich die Fäden aus der Hand geben?

* * *

In diesem Moment nehme ich meine Atmung wahr. Es ist für mich neu, dass ich meinen Körper so deutlich spüre. Um in mein Lauftempo zu kommen, versuche ich auf den ersten Meilen immer, eine kontrollierte Atmung beizubehalten. Früher atmete ich eher flach, doch durch das regelmäßige Laufen hat sich mein Lungenvolumen erheblich verbessert. Tief dringt die frische Herbstluft jetzt in meinen Körper ein. Die Zeiten, da ich beim Treppensteigen außer Atem in der ersten Etage ankam, liegen hinter mir.

* * *

Grundsätzlich war ich froh, wenn sich die anderen mit Schwimmen und Schnorcheln die Zeit vertrieben und ich allein auf dem Boot zurückblieb. Irgendwann jedoch überkam mich das Gefühl, reden zu müssen! Mit irgendjemandem! Mit Conrad war das unmöglich. Er wollte, dass ich mich komplett auf die Ärzte verließ und einfach nach Zürich ging, um mich dort operieren zu lassen. Es sei doch egal, zu wem ich letztendlich ging, da ich keinen der Operateure persönlich kannte – eine Haltung, die mir grundsätzlich nicht entsprach. Auch musste ich endlich über diese unglaubliche Angst reden, die mir Kehle und Brust zuschnürte!

In unserer kleinen Familie war ich in den letzten Jahren immer der Anker gewesen, sowohl für meine Kinder als auch für meinen Mann. Wesentliche Entscheidungen innerhalb der Familie, etwa die Wahl einer Schule oder eines Wohnorts, hatte immer ich für uns getroffen, während sich Conrad auf mich verlassen und sich ausschließlich um seine Karriere gekümmert hatte. Diese Rolle füllte mich zwar nicht aus, aber ich hatte seinen beruflichen Aufstieg auch gewollt und mich ihr deshalb entsprechend untergeordnet. Vielleicht noch mehr als mein Mann. Immer war ich die Starke gewesen, die Schwäche nicht duldete, und plötzlich sollte ich mein Leben in die Hände anderer legen?

Ich musste jetzt reden, doch mit wem? Ich hatte damals, wie heute noch, Hunderte von Telefonnummern in meinem Handy. Jetzt aber, da es ans Eingemachte ging, hatte ich keinen Schimmer, mit wem ich telefonieren könnte. Das Verhältnis zu meiner Herkunftsfamilie war schon seit Jahren angespannt, jeder lebte sein eigenes Leben, und tatsächlich schien es niemanden zu geben, dem ich mich in dieser Lage anvertrauen konnte. Schmerzlich wurde mir bewusst, dass ich in den vergangenen Jahren immer bemüht gewesen war, ein perfektes Bild abzugeben und niemanden zu nahe an mich herankommen zu lassen. Niemanden, außer einen, doch den jetzt anzurufen, war keine Option.

* * *

Wie es mir gelang, in den folgenden Wochen bei Verstand zu bleiben, weiß ich bis heute nicht. Aber ich erinnere mich daran, dass ich einerseits meine Operation organisierte und andererseits ganze Tage mit Lektüre verbrachte. Zu Beginn las ich vor allem Horrorgeschichten über Krebserkrankungen, was meine Verzweiflung noch steigerte und dennoch nicht dafür sorgte, dass ich meine Situation als wirklich und real empfand. Ich, die ich von Kindesbeinen an so widerstandsfähig war, ich sollte auf einmal todkrank sein?

Doch hatte dieses Selbstbild in den letzten Jahren noch etwas mit der Realität zu tun gehabt? Wenn ich an meine ständigen Migräneattacken und den Haarausfall zurückdachte, musste ich mir eingestehen, dass ich bei Weitem nicht immer gesund gewesen war. Nach außen hin hatte ich zwar häufig perfekt funktioniert, doch wie es hinter der Kulisse aussah, hatte ich vor meinem Umfeld und auch vor mir selbst verheimlicht. Kaum war ich körperlich wieder hergestellt gewesen, hatte ich alles daran gesetzt, jene schmerzvollen Tage, die hinter mir lagen, vergessen zu machen. Bis zum nächsten Migräneanfall. Teilweise waren diese allerdings so heftig gewesen, dass ich mich an die dreißig Mal am Tag übergab und nicht mehr ansprechbar war. Diese Attacken hatten mein Leben und das meiner Familie derart bestimmt, dass mich meine Kinder an manchen Tagen, wenn sie aus der Schule kamen, ängstlich fragten: „Mama, bist du heute krank oder gesund?“

Diese Erfahrungen der letzten Jahre und das Bild meiner beiden, fürchterlich tapferen Kinder, die sich mit ihren zwölf und fünfzehn Jahren schon nichts anmerken lassen wollten, gingen mir auch jetzt, da ich über den Krebs nachdachte, ständig im Kopf herum. Dass sowohl meine Kinder als auch mein Mann furchtbare Angst um mich hatten, stand außer Frage. Aber wie immer wollten sie es mir nicht noch schwerer machen.

Eines Abends waren wir am Festland auf dem Weg vom Boot zum Restaurant. Wie so oft in sardischen Fischerdörfchen kamen wir an einem kleinen Kunsthandwerkmarkt vorbei. Ich liebe diese kleinen Märkte und ihre Atmosphäre und schaue mir für gewöhnlich alles genauestens an. Damals jedoch war ich schon beinahe teilnahmslos vorübergegangen, als mein Blick doch noch an einem der Stände hängen blieb. Einem hübsch dekorierten Auslagentisch voller Armbänder war es gelungen, meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die Stoffarmbänder leuchteten in den verschiedensten Farben und waren alle mit winzigen Ankern versehen. Sie hatten mich plötzlich an einige Stunden während meiner Coaching-Ausbildung in München erinnert. Wir hatten dort kurz zuvor gelernt, wie sich positive Reize mithilfe von Neuro-Linguistischer-Programmierung (NLP) verankern lassen, um mit ihrer Hilfe etwa Angstzustände aufzulösen. Kurz entschlossen kaufte ich zwei Bänder, eines für mich und eines für Sophie.

Die augenblickliche Situation war für alle grenzwertig, und jeder von uns versuchte auf seine Weise, mit ihr umzugehen. Viele Worte über die Diagnose und die Zukunft zu verlieren, schien mir zwar wenig hilfreich, zumal wir die Ergebnisse der kommenden Operation noch nicht kannten. Aber hin und wieder redete ich natürlich dennoch mit meinen beiden Kindern darüber, wenn sie mich in einem vertraulichen Moment darauf ansprachen. In einem solchen Augenblick an diesem Abend schenkte ich Sophie eines der Ankerarmbänder und legte auch mir eines um. Wie ein Mantra wiederholte ich dabei immer wieder: „Ich verspreche dir, meine Süße, ich werde alles tun, um wieder gesund zu werden. Ich werde alles Erdenkliche und Mögliche tun!“

Wie genau das aussehen und ob es belohnt werden würde, wusste ich nicht. Und ich hatte meiner Tochter auch wohlweislich nicht versprochen, dass es gut ausgehen würde. Aber ich hatte ihr versichert, alles in meiner Macht Stehende zu tun. Dieser Moment hatte damals sowohl für sie als auch für mich etwas Stärkendes und Beruhigendes. Ich vermochte meine unbändige Angst mit diesem Ritual etwas zu zügeln, und auch mein Kind wurde ein bisschen ruhiger.

* * *

Gerade laufe ich einen Hügel hinauf, wofür ich mehr Kraft benötige, doch schon sehe ich die Kuppe, hinter der es wieder leichter gehen wird. So ist es immer, solange ich in Bewegung bleibe und es weitergeht. Mal schwerer, mal leichter. Wie es ausgeht, wann es zu Ende ist, das weiß ich nicht. Aber weiß man das jemals?

* * *

Es war ein einfacher, silberner Anker an einem dunkelbraunen Stoffarmband, das ich an meinem rechten Arm trug, und doch bedeutete mir der Schmuck unglaublich viel. Wann immer mich in den kommenden Wochen Panik überfiel, betrachtete ich eingehend den Anker und sagte mir selbst mein Mantra auf: „Ich weiß nicht, wie das Ganze hier ausgehen wird, aber ich werde alles Erdenkliche tun, damit ich wieder gesund werde. Eines Tages werde ich sterben, aber bis dahin werde ich jeden einzelnen Tag gelebt haben!“ Ein halbes Jahr später sollte ich dieses Armband spontan an eine Bekannte verschenken, die sich gerade von ihrem Mann trennte. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich den Anker bei einem Abendessen abnahm und zu ihr sagte: „Du kannst ihn jetzt besser gebrauchen als ich.“ Einerseits schien es mir wichtig, mich nicht mehr zu sehr an Dinge zu hängen, andererseits stellte ich ihre Bedürfnisse über die meinen. Noch heute vermisse ich gelegentlich meinen kleinen Anker, von dem ich inzwischen glaube, dass er niemandem so sehr helfen wird wie mir in der damaligen Lage. Vielleicht gerade weil er mich mit seinem überaus bescheidenen Material daran erinnerte, was wesentlich ist. Zum Beispiel ich.

* * *

Noch immer trabe ich freudig durch die herbstliche Luft und genieße die lockere Atmosphäre um mich herum. Nichts Spektakuläres, aber ich bin da, mitten in einem Halbmarathonlauf, für den ich mich noch vor gar nicht langer Zeit konditionell nicht annähernd in der Lage sah.

Die erste Meile ist schon fast geschafft! Es fällt mir heute leicht zu laufen. Dreimal wöchentlich habe ich in letzter Zeit trainiert, bin im Schnitt 34 Kilometer pro Woche gelaufen. Doch nicht nur auf die Kraft in meinen Lungen und in meinem Herzen kommt es an. Auch auf ein Ausgleichstraining von Oberarmen und Rücken. Wer will schon Schwabbelarme haben?! Ich muss unvermittelt grinsen. So fit und gesund wie jetzt mit fünfzig habe ich mich noch nie gefühlt.

Um mich herum löst sich der Menschenknoten allmählich ein bisschen auf. Jeder läuft sein Tempo: Die Schnelleren sind schon meilenweit vor mir, aber es gibt auch noch eine ganze Menge hinter mir. Es beruhigt mich zu wissen, dass ich nicht die Langsamste, die Letzte bin. Warum eigentlich?

Ich war und bin noch immer ein ehrgeiziger Mensch, brauche Herausforderungen. Das hat auch die Zeit seit der Diagnose nicht völlig verändert. Selbst wenn sie mich brutal ins Hier und Jetzt katapultiert hat. Hier und Jetzt. Einatmen, ausatmen. Linker Fuß, rechter Fuß. Weiter.

* * *