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Ein junger Mann verlässt sein Elternhaus mit zwanzig Jahren und zieht fünfzehn Jahre lang durch die Welt. Er lebt und arbeitet auf allen Kontinenten, lernt Berufe und Sprachen und wandelt sich vom unglücklichen und frustrierten Heranwachsenden in einen zufriedenen Menschen, der am Ende der Reise seine neue Heimat in Berlin findet, wo er ein erfülltes Leben führt.
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Seitenzahl: 645
Veröffentlichungsjahr: 2021
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If a man does not keep pace
with his companions,
perhaps it is because he hears
a different drummer.
Let him step to the music he hears,
however measured or far away.
Henry David Thoreau
Vorwort
I.
Das Leben fängt mit zwanzig erst an - Raus aus Deutschland
II.
Freude am Leben - Lehrjahre eines Globetrotters
Die Schweiz
Paris
London
Barcelona
Wieder in Bern
III.
Entwurzelung - Die große weite Welt
Australien
Überland durch Asien nach Europa
Überland durch Afrika
Südafrika
Israel
IV.
Wiedergutmachung Berlin ist ein paar Jahre wert
Berlin
Transsibirische Reise, der Ferne Osten, Abstecher in Sydney
V.
Seelische Reife - der letzte Kontinent
Überland und Wasser nach Südamerika
Der erste Eindruck
Argentinien
Reise nach Feuerland
Zweiter Kurzbesuch in Australien
Nachwort
”Du müsstest eigentlich ein Buch schreiben”, ist die Reaktion vieler Leute, denen ich aus meinem Leben erzähle. In meiner Familie und meinem Freundeskreis fragte man mich von Zeit zu Zeit, ob ich denn noch nicht damit begonnen hätte, Mein Buch zu schreiben. Es gäbe bestimmt eine Menge Leute, die sich dafür interessieren würden.
Ich fragte mich dann immer, ob sich denn wirklich jemand für mein Leben interessieren würde, denn für mich war meine Lebensweise mit der Zeit so selbstverständlich geworden, dass es mir schwerfiel, mich in die Lage derer zu versetzen, die nicht so lebten.
Meistens antwortete ich dann, es sei eine Sache, etwas zu erleben und eine andere, es so aufzuschreiben, dass es auch für andere ein Erlebnis wäre.
Dennoch verspürte ich zuweilen ganz von selbst den Drang, die Dinge festzuhalten, um sie nicht aus der Erinnerung gleiten zu lassen und wertvolle Einzelheiten niederzuschreiben.
Aber was für ein Buch stellten sich die Leute eigentlich vor? Ich habe sie nie danach gefragt. Eine Autobiographie etwa, einen Abenteuerroman oder einen Reisebericht vielleicht?
Und was für ein Buch wollte ich selber schreiben? Über mein Leben wollte ich schreiben, das fünfzehn Jahre lang eine Reise voller Abenteuer auf den fünf Kontinenten der Welt war. Das wichtigste Motiv für Mein Buch ist jedoch, die Veränderung aufzuzeigen, die diese Zeit in mir bewirkte - die fünfzehn Jahre Globetrotten besehen im Licht der Vergangenheit mit den Augen der Gegenwart ohne Sorge um die Zukunft.
Wenn ich heute in einer stillen Stunde zurückdenke, was mir in den letzten fünfzehn Jahren so alles passiert ist, kann ich es manchmal selbst kaum glauben. Und wenn ich bedenke was ich für ein Mensch war, als ich wegging, wird mir erst richtig bewusst, dass es nicht das Reisen ist oder die damit verbundenen Erlebnisse, was ich am höchsten bewerte, sondern die Veränderungen, die diese Reisen und Erlebnisse in mir bewirkt haben, Veränderungen, durch tiefe Erlebnisse hervorgerufen, die nach und nach einen neuen Menschen aus mir machten, einen Menschen, der dem anderen, dem alten nur noch äusserlich ähnelte.
Von Zeit zu Zeit komme ich zurück dahin, wo ich aufgewachsen bin, in diese Industriestadt mittlerer Größe, deren Bürger glauben, sie sei eine große Stadt, weil es noch viele kleinere Städte drumherum gibt. Diese Stadt, die zeitlebens versucht hat, mit der Stadt auf der anderen Seite des Flusses zu konkurrieren, deren Jugend über die Brücke in die Beatschuppen und später in die Diskotheken ging, und deren Bürger zum Einkaufsbummel oder Restaurantbesuch ebenfalls die andere Stadt wählten, womit ihre Rebellion allerdings auch schon endete.
Diese Bürger, die, als sie ihr modernes Theater bekamen, die bekannten Operettenmelodien bei der Aufführung laut mitsummten, die ihre überaus mittelmäßige Tageszeitung mit der gleichen Selbstverständlichkeit lesen, mit der sie die Straßenbahn oder den Bus nehmen, und noch stolz darauf sind, dass sie nicht nur die Bild-Zeitung lesen.
Der Chemiekonzern, der diesen Bürgern sowohl die Arbeit als auch den Charakter gibt, schlängelt sich wie ein langer Arm am Rande der Stadt entlang, beschützend und gleichzeitig abschirmend, so, als wolle er den Fluss noch in seinem Bemühen unterstützen, die Bürger in ihren Grenzen zu halten.
Bei einem meiner Besuche in dieser Stadt, in der ich fünfzehn junge Lebensjahre verbrachte und die wohl somit zu meiner Heimatstadt, wurde, fiel mir von weitem auf, dass man eine Hochstraße darüber gebaut hatte. Nicht schlecht, dachte ich. Jetzt kann man nicht nur auf der Autobahn an ihr vorbeifahren, mit dem Zug ohne Halt durch sie hindurchreisen, sondern auch von der Hochstraße aus, dieses seelenlose Gebilde ignorieren. Zum Glück ist den Stadtvätern noch nicht eingefallen, einen Flugplatz für ihr hässliches Kind zu bauen, denn sonst würde man ganz sicher auch noch darüber hinwegfliegen, außer im Falle einer Notlandung vielleicht.
Meine Stadt, meine Bürger, auf die ich heute schaue und mich wiedererkenne, als blätterte ich in einem alten Fotoalbum. Besonders an ihrer Sprache fällt mir die Verwandtschaft auf. Die Kinder sprechen so, wie ich einst gesprochen habe, der gleiche Dialekt, die gleichen Ausdrücke, und die Erwachsenen sprechen die Sprache, die ich heute sprechen würde, hätte mir das Schicksal nicht einen anderen Weg gezeigt. Ironischerweise war es die Stadt über dem Fluss, die, obwohl sie nichts von einer Weltstadt hat, mir den Weg in die Welt eröffnete.
Zufall, Glück, Schicksal oder gar eigenes Verdienst? Oft habe ich mir diese Frage gestellt. Vielleicht eine Mischung von allem. Noch heute staune ich, was eine scheinbar unbedeutende Handlung im Leben eines Menschen für Folgen haben kann. Noch heute erinnere ich mich genau an den Verlauf der Dinge, die zu diesem bedeutenden Wendepunkt in meinem Leben führten.
Ich hatte mir die Zeitung gekauft, nicht die meiner Stadt versteht sich, denn die kannte ich in- und auswendig und wusste, was ich von ihr zu erwarten hatte. Schließlich hatte ich drei ”Leerjahre”, bei ihr verbracht und ein weiteres, um etwas Belohnung für meine dreijährige Anpassung zu kassieren. Nicht diese Zeitung, sondern die der anderen Stadt hatte ich mir gekauft, wobei ich mir schon ziemlich weltmännisch vorkam. Ich hatte sie mir nicht gekauft, um den redaktionellen Teil zu lesen (den hätte ich sowieso nicht verstanden, obwohl ich wie alle meine Mitbürger der festen Überzeugung war, dass diese Zeitung wesentlich besser sei als die hiesige - ohne sie jedoch jemals zu lesen); ich hatte sie mir gekauft, um den Anzeigenteil zu studieren.
Ich war auf Arbeitsuche und die Zeiten waren recht gut Anfang der Siebziger Jahre; also war der Anzeigenteil ziemlich umfangreich. Ich hatte, trotz heftigen Abratens von Seiten meiner Eltern (oder besser gesagt meiner Mutter, denn mein Vater hatte selten eine Meinung), man weiß nie, was noch kommt und was man hat, das hat man, bei meiner Lehrfirma gekündigt und war nun arbeitslos. Arbeitslos! Welch ein Wort in den frühen Siebzigern. Arbeitsloser, Gammler, Asozialer, Krimineller - der Unterschied war nicht sehr groß damals, zumindest nicht in ”meiner” Stadt. Man kündigte auch nicht, ohne vorher eine neue Arbeitsstelle gefunden zu haben.
Ich hatte mich schon zwei Jahre vorher völlig abgenabelt und lebte für mich Und was, wenn du keine Arbeit findest Und was, wenn du krank wirst? Dieses und was, wenn kannte ich seit dem Tage, an dem ich meinen Entschluss bekanntgegeben hatte, kurz vor Beendigung meiner Leerjahre den häuslichen Bürgerkrieg gegen eine totale Unabhängigkeit einzutauschen. Dieses ”und was, wenn” begleitete mich lange Jahre, und vor jedem größeren Wechsel in meinem Leben, versuchte es, eben diesen Wechsel zu verhindern, erreichte jedoch nur, mir einen faulen Beigeschmack mit auf den Weg zu geben. Und was wenn, und was, wenn, und was, wenn? Solange ich dieser Stadt Besuche abstatte, werde ich und was, wenn hören. Das Glaubensbekenntnis ihrer Bürger.
Glücklicherweise war ich kaum zwanzig Jahre alt, als ich mein Elternhaus verließ und tat, was ich gefühlsmäßig für richtig hielt, obwohl das und was wenn mich wie ein drohender Schatten umgab. Mehr noch diente es am Anfang als Motor, der mich antrieb, es nicht zum wenn kommen zu lassen. Auf keinen Fall durften die Und-was-wenn-Leute recht bekommen, wobei ich hauptsächlich an meine Mutter dachte. Die Hauptantriebskräfte in den ersten zwei Jahren waren der Wille, es ihnen, oder besser gesagt, ihr zu zeigen, dieser Wille und die Angst, es eventuell nicht zu schaffen, die Angst vor der Erniedrigung, die Angst, jemals zu Hause um Geld bitten oder schlimmer noch, nach Hause zurückkehren zu müssen, um zu hören Ich habe es dir ja gesagt. Unmöglich! Ich musste es schaffen.
So hatte ich also schon zwei erfolgreiche Jahre der Unabhängigkeit hinter mir, als ich den Anzeigenteil der anderen Zeitung durchblätterte. Irgend etwas Kaufmännisches musste es sein, denn ich hatte Kaufmann gelernt, also musste ich auch als Kaufmann arbeiten. Womöglich im Außendienst, denn nur hier bestand die Möglichkeit, überdurchschnittlich zu verdienen. Und wenn ich schon etwas arbeiten muss, das mir keinerlei Vergnügen bereitete, dann sollte es wenigstens einträglich sein, war mein Gedanke.
Mir etwas ganz anderes zu suchen, kam mir erst gar nicht in den Sinn, da ich als guter Bürger meiner Stadt mich auch geistig innerhalb ihrer Grenzen bewegte und gerade mal damit begann, meine Fühler anderweitig auszustrecken, und von Hause aus gingen mir so etwas wie Flexibilität oder Spontaneität völlig ab. ”Zu Hause” war ein geistiger und seelischer Holzboden.
Noch heute sehe ich die Kleinanzeige vor mir: ”Wer hätte Lust, 1 Jahr oder länger in Bern/Schweiz Deutschunterricht zu erteilen? Näheres unter Tel. .....”. Deutschunterricht in der Schweiz...? Ich stellte mir alles mögliche darunter vor. Hauptsächlich jedoch dachte ich an Privatunterricht in einer reichen nicht deutschsprachigen Familie.
Deutsch war das einzige Fach, in dem ich des öfteren im Gymnasium ein ”gut” erzielt hatte. Der Rest lag weit unter dem Durchschnitt. Deutsch war auch das einzige Fach, in dem ich dann und wann in der Klasse lobend erwähnt wurde. Vor allem fand mein ”Ausdruck” Anerkennung bei den Lehrern, und so kam es auch vor, dass meine Aufsätze als gute Beispiele der Klasse vorgelesen wurden. Dies waren auch schon die einzigen positiven Höhepunkte meiner schulischen Karriere, die eher das Wort Misere verdiente.
Ich kam bis zur neunten Klasse und da ich diese nicht schaffte und auch schon die achte zweimal hatte durchlaufen müssen, war mir jeglicher Besuch eines staatlichen Gymnasiums von nun an verwehrt. - Ende! Schiffbruch ein Jahr vor der Mittleren Reife. Ende auch einer Kette von Misserfolgen, Erniedrigungen, Demütigungen und Minderwertigkeitsgefühlen. Ende von Zwängen, Ängsten und Albträumen. Ende von erfolglosen Fürbitten.
Am anderen Ende der Leitung sagte man mir Namen und Adresse durch, wo ich mich vorstellen sollte. Den Namen hatte ich nicht verstanden, und da ich zu aufgeregt und ängstlich war, wagte ich auch nicht nachzufragen. Die Adresse jedoch war klar, und die würde vorerst schon genügen. Über Nacht malte ich mir alle möglichen Dinge aus und setzte tausend Wünsche und Hoffnungen in diesen Einspalter/dreißig.
Am nächsten Tag fuhr ich mit der Straßenbahn über den Fluss meinen vierten Gebrauchtwagen hatte ich auf einer Außendienstmission für die Zeitung zu Schrott gefahren - und suchte klopfenden Herzens die angegebene Adresse. Als ich sie fand, machte ich auf den Absatz kehrt und ging zur Straßenbahnhaltestelle zurück. Das war ja eine richtige Schule, die da einen Lehrer suchte, eine große internationale Sprachschule. Was habe ich denn da verloren? Haben die mich etwa am Telefon gefragt, ob ich Lehrer sei? Ich habe das doch gar nicht mitbekommen. Na ja, das war wohl nichts.
Nun komme ich aus einer Familie, in der Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit groß geschrieben wurden, das heißt, bei meiner Mutter - der Rest zählte nicht - und so machte ich wieder kehrt, um die Schule davon zu unterrichten, dass es sich hier um ein Missverständnis handele, da ich doch gar kein Lehrer sei.
Wie überrascht war ich aber, als man mir sagte, man suche gar keine ”richtigen” Lehrer, sondern nur Leute, die ihre Muttersprache gut beherrschten. Man bilde sie dann schon selbst zu Lehrern aus. Außerdem könne die formale Ausbildung eines Lehrers auch ein Hindernis beim Unterrichten in der ”direkten Methode” sein. Ich verstand nur Bahnhof.
Außer mir war da noch ein junger Mann, der sich für die Stelle bewarb, und so hörten wir beide einem alten Lehrer zu, der uns diese neue ”direkte” Methode erklärte. Ich war beeindruckt. So etwas hatte ich noch nie gehört. Sprachen lernen ohne Übersetzungen, ohne langwierige Erklärungen, direkt in der Sprache, die gelernt werden sollte
Man brauchte einen Deutschlehrer für die Schule in Bern in der Schweiz. Das heißt, die Schule in Bern brauchte einen Deutschlehrer und hatte diese Schule gebeten, einen für sie ausfindig zu machen. In zwei Wochen müsste man anfangen können. Ich war begeistert. Nur war da noch ein Haken: Ich war nicht der einzige Bewerber. Auch sollten wir am nächsten Tag unsere Schul- beziehungsweise Arbeitszeugnisse mitbringen und der Direktorin vorlegen. Mein Gott! Gegen Arbeitszeugnisse hatte ich ja nichts. Aber Schulzeugnisse!
Was sollte ich tun? Das Abgangszeugnis vom Gymnasium war eine einzige Katastrophe, die vorhergegangenen Gymnasialzeugnisse nicht viel besser; blieben das gute Zeugnis der fünften Volksschulklasse, in der ich zum ersten Male einen richtigen Menschen zum Lehrer hatte, die mittelmäßigen davor und das gute Abschlußzeugnis, der ”Kaufmännischen Berufsaufbauschule”, einer Abendschule, in der ich parallel zu meiner Lehrzeit die der Mittleren Reife gleichkommende ”Fachschulreife” erreichte. Und natürlich das gute Abschlusszeugnis der Berufsschule.
Ich beschloss, den ganzen Kram mitzunehmen und aufs Beste zu hoffen. Als die Direktorin am nächsten Tag die Papiere durchblätterte und beim Gymnasialzeugnis ankam, versuchte ich, nicht wieder in das mir mühsam abgewöhnte, nutzlose Beten zu verfallen und legte ihr schnell das Berufsschulzeugnis vor um ihre Aufmerksamkeit ein wenig abzulenken. Mein Abgangszeugnis vom Gymnasium, wies nämlich vier Fünfen, fünf Vieren und drei Dreien auf. Allein in Religion hatte ich eine Zwei!
Am Ende sagte sie nur: "Na ja, in Deutsch waren Sie ja immer recht passabel. Wenn Sie mit dem Trainingsprogramm hier zurechtkommen, können Sie gehen". Eine Hürde war überwunden. Der alte Lehrer gab uns noch eine Stunde Unterricht und somit war auch dieser Tag gut verlaufen.
Am nächsten Tag war ich alleine. Der andere erschien nicht. Man rief ihn an, er meldete sich nicht. Ebenso am darauffolgenden Tag. Die Sache war entschieden. Ich sollte gehen. Blieb nur noch eine Demonstration meiner Fähigkeiten in Anwesenheit der Direktorin am Montag darauf.
Wenn das klappt! Das Ende der ganzen Misere hier in Deutschland. Zum erstenmal in meinem Leben freute ich mich auf die Zukunft. Zum erstenmal sah ich mein Leben in hellen Farben vor mir. Zum erstenmal lebte ich nicht nur einfach vor mich hin, sondern wollte wirklich leben. Ich hatte ein Ziel vor mir, das ich dem Ende aller Sorgen gleichsetzte. Ein neues Leben!
Dem alten hatte ich fünf Jahre vorher ein Ende setzten wollen. Aber auch das war mir missglückt. Den Schock des Rausschmisses aus dem Gymnasium hatte ich nicht verkraftet, und er wurde somit zum Auslöser für einen Selbstmordversuch, an den ich mehr als einmal zuvor gedacht hatte. Auch ”Abhauen” hatte ich in Erwägung gezogen, doch fehlte mir der Mut dazu. Einige meiner Freunde hatten es gewagt und kamen bis nach Wien, wo sie von der Polizei aufgegriffen wurden. Wieder zu Hause angekommen, wussten sie tolle Geschichten zu erzählen; doch das war nichts für mich. Entweder ganz oder gar nicht. Und so versuchte ich es ganz, doch ein dummer Zufall wollte es, dass meine Eltern früher als erwartet zurückkehrten, und es wurde gar nichts daraus. Jedesmal, wenn ich heute ein wenig ausströmendes Gas rieche, erinnere ich mich daran.
Wenn das klappt! Kein langweiliger Kaufmannsberuf mehr, kein Buckeln und Treten, keine dummen Sprüche mehr. Obwohl die Lehrzeit und die darauffolgenden zwei Jahre der Unabhängigkeit noch die schönsten meiner rundherum tristen Jugend waren, hatte ich mir dennoch oft gewünscht, in irgendeinem Sozialberuf tätig zu sein, womöglich mit Kindern. So war ich dann auch mal nach Abschluss meiner Lehre auf dem Arbeitsamt und erkundigte mich nach den Möglichkeiten einer staatlich geförderten Umschulung. Man erklärte mir, diese Förderung sei nur für Leute gedacht, deren Beruf nicht mehr marktgerecht sei, nicht aber für einen Kaufmann, der merkt, dass er den falschen Beruf ergriffen hat. Außerdem könne ich ja zu meinen Eltern zurückziehen und mit deren Hilfe eine neue Ausbildung beginnen. Zu meinen Eltern zurückziehen!
Wenn das klappt! Die Bundeswehr samt Kreiswehrersatzamt können mich dann mal. Abmelden werde ich mich bei denen nicht. Meine Musterung hatte ich schon hinter mir und meinen Wehrpass hatte ich auch schon in dem vermerkt war, dass vor einem Verlassen des Landes für mehr als drei Monate die Erlaubnis vom Kreiswehrersatzamt einzuholen sei. Nirgendwo werde ich eine Erlaubnis einholen, nicht bei denen und abmelden bei der Polizei werde ich mich auch nicht. Wenn ich erstmal von hier weg bin, sieht mich so schnell keiner mehr in diesem Land. Am allerwenigsten das Kreiswehrersatzamt. Dort wurde ich in der ersten Instanz als Antragsteller auf Kriegsdienstverweigerung abgelehnt. Man hatte befunden, dass meine Gründe nicht stichhaltig gewesen seien; vielmehr hatte man den Eindruck, ich hätte mir die Gründe irgendwo zusammengesucht und glauben machen wollen, es seien meine persönlichen.
Teils hatten sie recht, die vier Holzköpfe, die über meinen Antrag entschieden. Ich hatte mir die Argumentation bei einer Art Hilfsstelle für im Verfahren befindliche Kriegsdienstverweigerer geholt, denn allein hätte ich meine Motivation nicht zu Papier bringen können. Ausserdem wusste ich wirklich nicht hundertprozentig, warum ich keinen Militärdienst leisten wollte.
Die Vorstellung, mit dem Gewehr durch die Gegend zu laufen und auf andere Menschen zu schießen, war mir zuwider. Meine Argumentation, dass ich das nicht könne, war bestimmt damals nicht wahrheitsgetreu. Hätte man mich richtig gedrillt, mir ein paar blöde Sprüche von Selbstverteidigung etc. eingetrichtert, hätte ich bestimmt auch auf den Feind schießen können. Damals waren mir die Dinge nicht so klar, eigentlich war mir gar nichts klar damals. Mein ganzes Innenleben war ein großes Knäuel, das zu entwirren mindestens zehn Jahre bedurfte.
Mir war ebenfalls zuwider, achtzehn Monate lang irgendwelche stupiden Dinge zu verrichten und die geschrienen Befehle irgendeines Uniformierten entgegenzunehmen. Wozu das alles? Um im Ernstfalle einmal mein Vaterland verteidigen zu können? Mein Vaterland - daran lag mir überhaupt nichts. Ich hatte zu meinem Vaterland soviel Bindung wie zu meiner Familie. Von mir aus hätte mein Vaterland in Schutt und Asche zerfallen können - mitsamt meiner Familie. Mir selbst lag auch nicht so viel am Leben, als dass ich es mit meinem Leben hätte verteidigen wollen.
Außerdem bestand hier eine weitere, wunderbare Möglichkeit, genau das nicht zu tun, was meine Familie oder genauer gesagt, meine Mutter gerne gesehen hätte. ”Warte nur bis du zum Militär kommst, da werden sie’s dir schon zeigen. Da lernst du zu gehorchen. Da machst du, was man dir sagt. Da treiben sie dir die Fürze schon aus dem Kopf. Warte nur”! Welch eine prächtige Gelegenheit, ihr hiermit eins auszuwischen. Welch gute Chance, nochmals zu beweisen, dass es nach meinem Kopf ging und nicht nach ihrem.
Wenn das klappt! Und es klappte. Ich gab meine Probestunde, die aus ca. zwanzig Minuten bestand, in Anwesenheit des alten Lehrers und eines weiteren Lehrers, den ich nicht kannte. Die Direktorin war verhindert. Man gab mir den Namen und die Adresse des Direktors in Bern und ich sollte mich dort vor Beginn der folgenden Woche einfinden. Es hatte geklappt. Ich schwebte in den Wolken.
Ich kann mich heute nicht erinnern, mich vor diesen nächsten Tagen einmal derart auf etwas gefreut zu haben. Ich hatte eigentlich immer gebangt. Gebangt vor der Fünf in der Klassenarbeit, gebangt vor dem Zeugnis, gebangt vor der Ankunft des blauen Briefes, gebangt vor dem Auffliegen der gefälschten Unterschriften, gebangt vor dem Nichtversetztwerden und gebangt vor dem Rausschmiss.
Und nach dem anfänglichen Bangen hinsichtlich meiner Verselbständigung wurde ich dann wesentlich ruhiger, und die zwei Jahre des Alleinlebens hatten mir ein gewisses Selbstvertrauen gegeben, an dem es mir zuvor sehr mangelte. Ich wusste nun, ich konnte mich alleine durchschlagen, und alle ”was wenns” meiner Mutter waren nur Angstmacherei. Ich war nicht in schlechte Gesellschaft geraten, wie sie es mir prophezeit hatte. Ich war nicht krank geworden und musste nach Hause zurückkehren, wie sie es gehofft hatte. Ich war nicht in finanzielle Schwierigkeiten gekommen und musste sie um Geld bitten, wie sie es geglaubt hatte. Ich hatte es alleine geschafft und ich war stolz darauf.
Und nun hatte es mit der Schweiz geklappt! In den folgenden Tagen schwebte ich in den Wolken und bereitete meinen Auszug vor. Die ”was wenns”, die ich auch diesmal von meiner Mutter zu hören bekam, tat ich lässig ab. ”Ich habe es die letzten beiden Jahre geschafft, also schaffe ich es weiterhin”.
Peter, ein alter Freund und Arbeitskollege, der mir in meinen Verselbständigungsjahren sehr zur Seite gestanden hatte, holte mich in der Früh mit dem Auto ab, und wir fuhren zur Autobahn in die Stadt überm Fluss. Ich konnte kaum glauben, dass alles um mich herum seinen ganz normalen Gang ging: Die Leute gingen zur Arbeit, die Straßenbahnen und die Busse fuhren wie immer. Und ich - ich fuhr in die Schweiz einem neuen Leben entgegen! Ich fühlte eine nie gekannte innerliche Sensation, die ich später im Leben noch einige Male, in verstärkter Form sogar, fühlen sollte. Ein wahrer Schwall von Gefühlen überwältigte mich, die meinem Blut gewaltige Stöße versetzten und mich in einen Zustand der Euphorie.
Mal regnete es, mal schien die Sonne - mir war's egal. Um elf Uhr kamen wir in Bern an und setzten uns mit dem Besitzer der Schule in Verbindung. Dieser wies mir ein möbliertes Zimmer in einem zweistöckigen Gebäude zu und bat mich, am nächsten Tag um zehn Uhr in der Schule zu sein. Ich war in Bern und mein Leben begann.
Mein Leben - mit der Betonung auf Leben - begann erst mit meinem Wegzug aus Deutschland. Alles davor war mehr ein Existieren als ein Leben. Auf jeden Fall war es eine negative Zeit, ein permanentes Tief. Vielleicht würde ich es nicht ganz so krass sehen, wäre die darauffolgende Zeit nicht ein einziges Hoch gewesen, das mein vorhergegangenes Dasein nur als eine schlechte Kopie des wirklichen Lebens erscheinen ließ.
Dieses Hoch lehrte mich, den negativen Teil meines Lebens nach und nach ohne Bitterkeit zu besehen. Ich lernte aus eigener Erfahrung, dass man trotz einer unglücklichen Kindheit und Jugend ein glücklicher Erwachsener werden kann, wenn die negativen Eindrücke der jungen Jahre nicht durch weitere negative Erlebnisse im Erwachsenenleben bestärkt werden, sondern wenn eine Folge positiver Erfahrungen über eine längere Zeitdauer hinweg die negativen Eindrücke neutralisiert. In einem solchen Falle ist die Gelegenheit gegeben, die negative Zeit mit der positiven Zeit gewissermaßen zu versöhnen, und somit zu einer inneren Aussöhnung zu kommen.
Nun erhebt sich die Frage, wie kommt man zu positiven Erlebnissen, wenn man hauptsächlich negative gewöhnt ist, oder solche, die überhaupt keine bleibenden Eindrücke hinterlassen. In meinem persönlichen Fall war es ganz klar: Ausbrechen. Ausbrechen aus der Familie, ausbrechen aus dem Beruf und schließlich ausbrechen aus dem Land, in dem ich so unglücklich war.
Das Wagnis muss man eingehen. Vielleicht geht's schief. Dennoch die Möglichkeit, dass es klappt, ist das Risiko wert. Die eigene unzufriedene Existenz muss über Bord geworfen werden für eine neue, vielleicht unbekannte, unsichere und mit vielen Fragezeichen versehene Existenz. Nur so schafft man Raum für positive Erfahrungen, nur so gibt man dem Leben eine wirkliche Chance.
Wieviel eigene Persönlichkeit und wieviele glückliche Umstände anteilmäßig in den nächsten Jahren zu den erstaunlichen Erlebnissen führten, lässt sich wohl nicht bemessen; dennoch gestehe ich gerne ein, dass das Glück auf meiner Seite war.Doch was ist Glück? Zuerst einmal jedoch besteht die Notwendigkeit, sich dem ”Glück” (oder dem Unglück) auszusetzen, das heißt, offen zu sein für jedwede Schicksalswende. Erst dann besteht die Chance, dem Glück zu begegnen, das sich oft nicht einmal am Anfang als solches zu erkennen gibt, sondern meist nur eine von mehreren Alternativen ist, die es auszutesten gilt. Das Glück im Spiel oder in der Lotterie ist mir jedenfalls nie begegnet.
In dem folgenden Jahr unterrichtete ich Deutsch in Bern. Ich war Lehrer! Ich, der ich im Gymnasium ein totaler Versager gewesen war, war auf einmal Lehrer. Es stand Schwarz auf Weiß - oder besser gesagt auf Grau - auf meinem Schweizer Ausweis. Lehrer! Wie gerne hätte ich dieses Papier meinen ehemaligen Gymnasiallehrern gezeigt. Wie gerne hätte ich sie bei meinem Deutschunterricht zuschauen lassen, besonders die unfähigen Fremdsprachenlehrer. Ich, der Lehrer, vor einer Klasse mit zehn Schülern, zumeist älter als ich, Menschen verschiedener Rassen, Religionen, Kontinente, Sprachen. Erwachsene Menschen, die von mir etwas lernten und die sowohl meinen Unterricht als auch mich schätzten und mochten. Von einfachen Arbeitern bis hin zu Diplomaten, von Einzelschülern bis zu zwölfköpfigen Klassen, sowohl in der Schule als auch außerhalb bei Unternehmen: Ich war der Lehrer und ich leistete eine gute Arbeit.
Ich war selig. Ein Traum war in Erfüllung gegangen. Ich hatte eine Arbeit, die mir wirklich Freude machte, in der ich mich entfalten konnte und in der ich täglich neu hinzulernte. Die Schüler mochten mich und kamen gerne zum Unterricht. Oft traf man sich privat oder man begegnete sich zufällig auf der Straße - kein Kunststück in einer Stadt wie Bern! - man ging einen Kaffee trinken oder in eine Kneipe. Ich war beliebt.
Mein Zimmer lag im ruhigen Marzili, direkt mit Blick (nach oben!) aufs Bundeshaus. Das beste aber an meinem Zimmer war, dass es sich genau gegenüber der Berner Jugendherberge befand. Hier machte ich meine ersten Begegnungen mit der weiten Welt, und hier wurde mein weiterer Lebensweg entscheidend beeinflusst.
All diese Leute! Schwarze, Braune, Gelbe, Weiße, und jeder redete anders, und alle wollten sie nur eines, nämlich mit anderen Leuten kommunizieren, Gedanken und Meinungen austauschen, lernen, wissen und Erfahrungen sammeln.
Die Rucksacktouristen kamen mit der Bahn, dem Bus, per Autostopp, mit dem Fahrrad, dem Motorrad oder zu Fuß. Sie waren fast alle jung und für mich alle interessant. Die meiste Zeit fragte ich nur und hörte zu. Mein indischer Freund Navin, der permanent in Bern wohnte, wusste wesentlich mehr von der Welt als ich und führte so zu Anfang die Gespräche mit den Ausländern und ich hörte meist zu. Ich hörte zu und hörte zu und anfangs verstand ich fast gar nichts. Da gab es einen Krieg zwischen Indien und Pakistan, wo es doch dasselbe Volk sei, da gab es eine Schweiz des Nahen Ostens, da wurden Inder aus Uganda rausgeworfen, die zumeist aus Gujarat waren, da gab es chinesische Malayen und malayische Malayen, japanische Amerikaner und Leute, die staatenlos waren und Flüchtlingspässe hatten. Ich verstand nur sehr wenig, doch Navin erklärte mir sehr viel, was zu Anfang auch nicht leicht war, da sein Englisch stark akzentgefärbt war und ich ihn nur sehr schwer verstand.
Was mir am besten gefiel war, dass all diese Leute ruhig und friedlich waren, nicht besser sein wollten als andere, redeten und zuhörten und keinerlei Konkurrenz unter ihnen herrschte. Hier stellte ich mir zum erstenmal richtig vor, wie das wäre, wenn aus irgendeinem Grunde Deutschland Krieg führen würde, und ich als Soldat einen dieser Menschen erschießen müsste, mit dem ich hier friedlich in der Jugendherberge sitze und erzähle. Hier wurde mein Entschluss, den Kriegsdienst mit der Waffe zu verweigern, bestätigt, und hatte ich vorher keine überzeugenden Argumente für meine Einstellung vorzubringen, hier drängten sie sich einem geradezu auf.
Hier saß ich mit Indern und Pakistaner an einem Tisch und hörte zu, wie sie sich über den Krieg, den die zwei Länder geführt hatten, unterhielten. Hier saßen Israelis und Araber am gleichen Tisch und aßen zu Abend; Afrikaner, die zu Hause gerade einen Bürgerkrieg führten, schliefen hier im gleichen Zimmer. Oft war die Jugendherberge voll und Leute wurden abgewiesen. War ich gerade in der Nähe, so bot ich ihnen den Fußboden meines Zimmers an, was auch immer dankend akzeptiert wurde. Ich war glücklich, richtig glücklich. Erst jetzt merkte ich, aus welch kleinbürgerlichen, engen und spießigen Verhältnissen ich kam. Jeden Tag wurde mir aufs Neu widerlegt, was ich so von zu Hause und der Schule vom Ausland und von Ausländern wusste, so wenig das auch war.
Die einzigen Ausländer, die ich von zu Hause her kannte, waren Spaghettifresser, Kümmeltürken oder ähnliches Gesox. Es gab da natürlich noch die Franzmänner, die ja gar nicht so schlecht sind und auch recht freundlich, aber schmutzig sind sie doch. Der sehr oberflächliche Kontakt, den ich von meinen früheren kleinen Reisen mit Ausländern hatte, wurde in Bern wesentlich vertieft. Meine Kollegen, meine Schüler, die anderen Ausländer, die ich traf, alle waren sie für längere Zeit in Bern (mit Ausnahme der Rucksacktouristen) und ich hatte Gelegenheit, sie kennen- und schätzen zu lernen.
Mit Deutschen ließ ich mich überhaupt nicht ein. Die wenigen, die ich kannte, mied ich tunlichst. Was soll ich denn mit diesen blöden Deutschen, dafür bin ich nicht in die Schweiz gegangen. Und die Schweizer? Nun, die Schweizer sind ein Kapitel für sich.
So lebte ich als chaibe Usländer unter anderen chaibe Usländern mitten in der Schweiz und war glücklich. Ich hatte viele Freunde, eine Arbeit, die mir gefiel und ein anständiges Gehalt. Und dann die Stadt Bern! Für mich die schönste aller Schweizer Städte. Die engen Gassen in der Altstadt, die Arkaden, das Marzili-Bähnli (bevor es renoviert wurde), die rustikalen Kneipen, der Rosengarten im Frühling, die Berge des Berner Oberlandes im Winter von der Bundesterrasse aus gesehen, der Fußweg entlang der Aare nach Thun, mein kleines Zimmer in Marzili - was wollte ich mehr?
Meine erste Freundin war eine Finnin, die ich zeitweilig auch als Schülerin hatte. Arja war groß und schlank und hatte eine tolle Figur. Leider kamen wir nicht so richtig klar miteinander und so brachen wir das ganze nach drei Wochen ab.
Danach kam Sonja, eine hübsche Schwedin (sie war wirklich sehr hübsch). Wir kamen gut zusammen aus und auf einer Reise per Anhalter ins Tessin, gelobten wir am Lago Maggiore, uns jedes Jahr, ganz gleich, wo wir lebten, um die gleiche Zeit wiederzutreffen.
Noch bevor Sonja nach Schweden zurückfuhr, fing ich ein Verhältnis mit Jill an, auch eine meiner Schülerinnen. Die Tatsache, dass sie Engländerin war, kam meinem Englisch äußerst zugute. Noch während ich mit Jill zusammen war, fuhr ich nach München, wo ich mich mit Tomoko, einer Japanerin traf, die ich mal in der Jugendherberge kennengelernt hatte, und mit der ich dann einige Tage in Paris verbrachte.
Als ich von meiner Reise zurückkam, tat ich mich mit Lisbeth zusammen, einem holländischen Au-Pair Mädchen, das ganz lustig Deutsch sprach. Später tat es mir leid, dass ich auch sie verlassen hatte.
Vielleicht war die Reihenfolge, in der ich mit diesen Mädchen ging, anders. Sicher war sie anders, denn jetzt, wenn ich darüber nachdenke, fällt mir auf, dass zeitlich etwas nicht ganz stimmt, doch das ist nicht wesentlich. Wesentlich ist, dass ich zum erstenmal im Leben so etwas wie Erfolg verspürte. Erfolg auf der ganzen Linie: Bei Freunden, im Beruf und bei den Mädchen. Und das nützte ich aus. Ich merkte zwar, dass ich den meisten Mädchen damit sehr weh tat und das tat mir auch leid, denn das wollte ich nicht, doch eine Chance ungenutzt zu lassen, das wollte ich auch nicht. Und ich war weit davon entfernt, so etwas wie echte Zuneigung zu empfinden, oder gar Liebe.
Jill sagte mir einmal, kurz nachdem ich sie verließ: You will never be able to love anybody, because nobody ever loved you. Und sie bezog sich damit auf meine Kindheit. Ich glaubte das damals nicht und sah auch keinen direkten Zusammenhang zwischen dem einen und dem anderen. Ich dachte, man liebe einfach und fertig. Entweder man liebt oder man liebt nicht. So etwa wie, entweder man friert oder man friert nicht.
Ich war einfach zu unreif für eine enge Bindung. Jedesmal wenn ein Verhältnis begann, sagte ich mir, bei diesem Mädchen bleibst du aber, und schon nach ein paar Wochen setzte das Gefühl des Überdrusses ein, und eine neue Gelegenheit bot sich. Heute komme ich mir deswegen wie eine miese Ratte vor, denn keins dieser Mädchen hatte eine solche Behandlung verdient, doch zur gleichen Zeit weiß ich, dass ich damals zu keiner anderen Haltung fähig war. Ich war wie ein Kind, dem man plötzlich eine Menge Geld in die Hand drückt.
Hinzu kam die Bewunderung meiner Freunde, die mich einen „lucky bastard” nannten, wegen meines Erfolges bei den Mädchen. Auch sie konnten mir nicht genau erklären, woher dieser Erfolg kam, da ich niemals das Auftreten und Gehabe eines Frauenheldes an den Tag legte. Sie meinten, you’re just a nice guy, that's all, was ich wiederum sehr gerne hörte. ”A nice guy, das war genau das, was ich sein wollte. Geld, Karriere, Status, all das interessierte mich nicht.
Wie wenig vermisste ich die Lebensweise, an die ich von zu Hause gewöhnt war: Büro, Papiere, dumme Sprüche, schicke Hemden und Krawatten, Intrigen, Büroflirts, Diskotheken, die Art Mädchen, die man da aufriss, Autos, überzogene Gehaltskonten etc. All dies waren für mich Symbole eines vergeudeten Lebens, eines Lebens, in dem man die Zeit durch Arbeiten vergeudete anstatt sie zu nutzen, die Freizeit mehr totschlug als sinnvoll verbrachte, einfach stupide vor sich hin lebte.
Was brauchte ich elegante Kleider? Diskotheken? Ein Auto? Eine Menge Geld? Ich kam ohne all dies wesentlich besser aus und war wesentlich glücklicher als zuvor.
Meist trafen wir uns im ”Pickwick”. Hier verkehrten Anne, meine Kollegin aus England, die ganzen Computer-Leute von Hasler, unter ihnen auch Jill. Da waren die vielen Au-Pair Mädchen aus Holland (z. B. Lisbeth), England und Skandinavien, meine indischen Freunde Navin und Vipin. Da war mein spanischer Freund und Schüler Mosquito, und da war Pancake aus Tibet. Im Pickwick verkehrten eigentlich alle Leute, auf die ich etwas hielt, und so verbrachte ich einen Großteil meiner Freizeit entweder dort oder in der Jugendherberge.
Meine engsten Freunde waren der Inder Navin und der Tibetaner Panden, den wir Pancake nannten. Navin wollte ursprünglich nach Deutschland, wo er einen Onkel hatte, doch mit den Papieren klappte es nicht. Daher ging er in die Schweiz und lief offiziell unter der Kategorie Student, was allerdings nicht der Wahrheit entsprach. Er jobbte sich durch Hotels und Wäschereien und schrieb Studentenbriefe nach Hause, denn er wollte seine Familie nicht mit der Wahrheit belasten. Er versuchte ein paarmal, an der Uni unterzukommen, doch scheiterte er jedesmal an seinen ungenügenden Deutschkenntnissen. Obwohl er schon einige Deutschkurse besucht hatte, jedoch in unregelmäßigen Abständen, schaffte er die Aufnahmeprüfung in Deutsch nicht. Er machte auch nicht den Mangel an Sprachbegabung durch gesteigerten Fleiß wett und so blieb es beim guten Vorsatz und beim Jobben.
Wir spielten endlose Partien Schach und Tischtennis in der Jugendherberge und führten endlose Gespräche. Anfangs hatte ich Schwierigkeiten mit der Konversation, da Navins Englisch sehr indisch gefärbt war und mein Englisch auf recht schwachen Füßen stand. Doch schon nach wenigen Wochen hatte sich mein Englisch erheblich gebessert, bis hin zu einer leicht indischen Intonation.
Navin erzählte mir von seiner Heimatstadt, seiner Familie und seiner Schulzeit in Gujarat und von den Erwartungen, die er und besonders seine Eltern in seinen Aufenthalt in Europa gesetzt hatten. Maschinenbau sollte er in München studieren, und mit der Hilfe seines dort ansässigen Onkels eine Arbeit finden, doch all diese Pläne scheiterten an der Aufenthaltsbewilligung, der Arbeitsbewilligung, seinen indischen Papieren und irgendwelchen anderen bürokratischen Verordnungen. Navin hatte genug von den deutschen Behörden und machte sich auf in die Schweiz, wo er sich alleine durchschlug.
Als er Indien verließ war er sowohl Nichtraucher als auch Nichttrinker. Anfangs vertrug er auch die europäische Kost nicht und von Milch bekam er Durchfall. All das hatte sich in wenigen Monaten grundlegend geändert, und in seiner Lebensweise unterschied er sich kaum noch von einem Europäer. Ein enger Kontakt mit Mädchen war für ihn in Indien unvorstellbar gewesen und noch heute, wenn ihm ein Mädchen seine Aufmerksamkeit schenkte, was nicht selten vorkam, denn er war ein sympathischer und gutaussehender Typ, wurde er leicht verlegen.
Navin hatte Freunde bei der indischen Botschaft in Bern, nicht den Botschafter oder andere Diplomaten, sondern Köche, das Küchenpersonal und andere Leute in den unteren Rängen. Auch kannte er einen Inder, der in Indien bei einer reichen Schweizer Familie als Koch, Butler etc. angestellt war und der dann mit der Familie in die Schweiz kam, als deren Aufenthalt in Indien zu Ende war, wo er weiterhin für sie arbeitete und bei ihnen wohnte.
Balu hieß er und war um die fünfundsechzig Jahre alt und eine Seele von Mensch. In seiner recht knapp bemessenen Freizeit war er sehr aktiv und hatte mehrere Freundinnen seines Alters in der Schweiz verstreut. Er ging gerne tanzen, war sehr freizügig und gesellig und überhaupt ein lieber Mensch. Später traf ich mich mit ihm in Indien. Er war auch aus Gujarat, was dazu beitrug, dass er und Navin ein sehr herzliches Verhältnis zueinander hatten. Durch meine Indian connection war ich dauernd zu irgendeiner Party eingeladen und lernte eine Menge Inder kennen. Ich lernte, mit den Fingern zu essen, was mich anfangs ganz schöne Überwindung kostete, ganz abgesehen von der Soße, die mir am ganzen Arm herunterlief, und ich lernte mit gekreuzten Beinen zu sitzen. Ich lernte Gastfreundschaft zu akzeptieren und zu schätzen und ich lernte, dass man fröhlich und ausgelassen sein kann, auch wenn man nur wenig Hab und Gut sein eigen nennt. Ich lernte das zu schätzen, was von Herzen kommt und nicht vom Verstand.
Auf einer der zahlreichen Partys in der indischer Botschaft - im dem Teil des Gebäudes, in dem das Dienstpersonal wohnte - bat jemand einen kleinen Inder namens Kusal zu erzählen, wie er von seinem Heimatdorf nach Bern gekommen war. Er zierte sich ein bisschen, denn er war recht schüchtern und nicht gewohnt, vor allen Leuten laut zu sprechen. Außerdem war er sich seines Bildungsunterschiedes zu den meisten anderen Indern bewusst. Er sprach ein ziemlich fehlerhaftes Hindi, denn er war aus einem kleinen Dorf im Süden Indiens, wo man eine andere Sprache sprach und Hindi nur in der Schule unterrichtet wurde. Und da er so gut wie keine Schulbildung besaß, war Hindi für ihn fast eine Fremdsprache.
Doch auf das allgemeine Drängen der anderen hin, hielt er sich mit seinen Blicken an zwei Freunden fest, und begann zu erzählen. Navin übersetzte für mich mehr oder weniger gleichzeitig, wenn er nicht gerade vor Lachen in Tränen ausbrach, denn Kusals Geschichte war tragisch und komisch zur gleichen Zeit, und die Art, wie er sie erzählte, gab ihr eine besondere Färbung.
Kusal hatte durch irgendwelche verwandschaftlichen Beziehungen die einmalige Chance erhalten, beim indischen Botschafter in Bern eine Stellung als Hilfskoch anzutreten. Man hatte für ihn ein Flugticket Bombay-Genf bei Air India in Bombay hinterlegt und auch den Flug schon gebucht. Also bekam er eines Tages die Nachricht, er solle sich sofort in Richtung ”Switzerland” aufmachen.
Kusal war noch nie in einer Stadt wie Bombay gewesen, doch er hatte viel von Bombay gehört und kannte Bombay durch zahlreiche Filme im Kino. Bombay war für Kusal die Welt und er war sehr aufgeregt. Also machte er sich auf - mit zwei Pappkoffern, notdürftig mit Stricken verschnürt - in Richtung ”Switzerland”.
Das ganze Dorf war gekommen, um ihn zu verabschieden. Zusammen mit seiner Familie stieg er auf einen Ochsenkarren und fuhr in den nächstgrößeren Ort. Es kamen noch viele Freunde mit, die sich kurzfristig entschieden, ihn zu begleiten und in einem Ochsenkarren ist immer noch Platz für einen mehr. Dort gesellten sich noch mehr Leute hinzu, die dem Ochsenkarren hinterherliefen und Kusal bis zum Bus begleiteten. Viele kannten Kusal, denn er hatte sein ganzes Leben lang dort gewohnt, andere kannten ihn nicht, verabschiedeten ihn dennoch sehr herzlich.
Mit dem Bus fuhr Kusal nach Hyderabad und fühlte sich recht zuversichtlich, denn Hyderabad kannte er von früheren Besuchen her. Auch waren seine Eltern und seine Frau mitgekommen, um ihn zum Zug nach Bombay zu begleiten. Das Baby auf dem Arm seiner Frau schlief fest.
In Hyderabad verabschiedeten sie sich unter Tränen und Kusal bestieg den Zug nach Bombay. Bombay! Er hätte nie gedacht, dass er einmal nach Bombay kommen würde, und als kleiner Junge hatte er immer von Bombay geträumt. Noch heute, wenn er ins Kino ging wurden seine Augen weit, wenn er die Straßen, und Gebäude von Bombay auf der Leinwand sah. Und nun war er selbst auf dem Weg dahin.
Als er in Bombay ankam, war es zu spät, zum Air-India Büro zu gehen und so suchte er sich ein billiges Hotel in der Nähe des Bahnhofs und wanderte den Rest des Tages durch die Riesenstadt. Noch nie hatte er so viele Menschen gesehen, so viel Verkehr und so viele teure Autos. Kusal war fasziniert.
Am nächsten Tag ging er ins Bürogebäude von Air-India, um sich sein Flugticket zu holen. Es dauerte eine ganze Weile, bis er die Adresse fand, denn er hatte Mühe, sich zurechtzufinden. Bei Air-India schickte man ihn von Büro zu Büro, doch niemand wusste etwas von einem Flugticket. Er fühlte sich mit jedem Male kleiner, denn die Leute sprachen alle Hindi und außerdem sehr schnell und schienen sich über ihn lustig zu machen. Er hatte einen Brief von seinem Verwandten mitgebracht, den er überall vorzeigte, doch niemand konnte ihm weiterhelfen.
Endlich sagte ihm jemand, er müsse direkt zum Flughafen gehen, und dort sein Ticket abholen. Also fuhr Kusal mit dem Bus zum Flughafen, wo es ihm ein bisschen Angst wurde, als er die Flugzeuge dort sah, denn er war noch nie geflogen. Bei Air-India sagte man ihm, man wisse nichts von einem Ticket für ihn und er müsse in die Stadt Bombay zum Air-India Büro gehen. Kusal erklärte, dass er gerade von da komme und man habe ihn hierhergeschickt. Wieder studierten sie Kusals Brief, der mittlerweile schon recht zerknittert und nicht mehr so weiß war bis jemand sagte, er müsse zu Herrn Patel gehen, der sei hierfür zuständig. Sofort sagten alle Patel, Patel, jawohl der Herr Patel mache das. Der aber sei in der Stadt, und Kusal müsse dahin zurück.
Als Kusal mit dem Bus wieder in Bombay ankam, war es schon zu spät um zu Air-India zu gehen und so schlenderte er wieder durch die Stadt. Doch diesmal konnte er nicht seine volle Aufmerksamkeit auf das richten, was um ihn herum geschah, denn er machte sich Sorgen wegen seines Flugtickets. Man hatte zwar festgestellt, dass ein Flug für ihn gebucht war, doch das Ticket wollte ihm keiner ausstellen, und selbst hätte er es nie bezahlen können. Die ganze Familie hatte dazugegeben, sodass er sich auf der Reise verpflegen konnte.
Am nächsten Morgen machte er sich schon früh auf, um gleich bei Bürobeginn bei Air-India zu sein. Heute sollte er nach ”Swit-zerland” fliegen, und bei dem Gedanken wurde ihm ganz flau in der Magengegend. Zu dem Mann am Informationsschalter sagte er, er möchte Herrn Patel sprechen. ”Welchen Herrn Patel?" meinte dieser, es gäbe mindestens fünf. Kusal zog seinen zerknitterten Brief heraus, und wurde zu einem Herrn Patel geschickt. Er musste jedoch eine gute Stunde auf Herrn Patel warten, denn dieser pflegte nicht zur normalen Bürozeit seinen Dienst anzutreten. Er war schließlich kein kleiner Angestellter.
Als Herr Patel kam, war er ungehalten, dass da schon jemand auf ihn wartete. Obwohl er eine recht gesicherte Stellung hatte, vermied er es, von seinem Zuspätkommen viel Aufhebens zu machen, und jemand, der schon so früh nach ihm fragte, kam ihm nicht sehr gelegen. Also fragte er Kusal barsch, was er wolle und Kusal erklärte in höchst untertäniger Weise sein Anliegen, und dass man ihm auf dem Flugplatz gesagt habe, er solle sich an ihn, Herrn Patel wenden.
Worauf ihm Herr Patel sofort sagte, dass er zu Herrn Patel in Zimmer fünfhundertzweiundzwanzig zu gehen habe und er mit dieser Sache nichts zu tun habe. Kusal verneigte sich und machte sich auf in Richtung Zimmer fünfhundertzweiundzwanzig. Herr Patel widmete sich alsdann der Lektüre seiner Morgenzeitung und bestellte von einem ”Boy”, der da auf dem Gang herumlief, einen Tee.
Kusals Maschine ging um drei Uhr nachmittags und obwohl er keine Uhr hatte, wusste er, dass es auf Mittag zuging. Auf dem ganzen Weg nach Zimmer fünfhundertzweiundzwanzig sagte er die Zahl fünfhundertzweiundzwanzig vor sich hin, um sie ja nicht zu vergessen. In Zimmer fünfhundertzweiundzwanzig gab es keinen Herrn Patel und man kannte auch keinen in der Nähe dieses Büros. Kusal war wieder auf Punkt Null angelangt. Was sollte er tun? Langsam stieg seine Unruhe. Er ging zurück zum ersten Herrn Patel, der einen ärgerlichen Gesichtsausdruck bekam, als er von seiner Zeitung aufblickte und Kusal vor sich stehen sah.
Kusal berichtete ihm untertänigst, dass es in Zimmer fünfhundert-zweiundzwanzig keinen Herrn Patel gäbe und bat ihn inständigst, ihm zu helfen, da seine Maschine um drei Uhr abflöge, und er sie unbedingt erreichen müsse.
Herr Patel nahm sich noch einmal Kusals Schreiben vor, las es langsam und gründlich durch, schaute auch auf die Rückseite und trank dabei seinen Tee. Dann nickte er mit dem Kopf und meinte, Kusal müsse damit zu einem Herrn Bose gehen, der sei dafür zu-ständig - fünf Zimmer weiter auf dem gleichen Gang. Kusal bedankte sich nochmals höflich und ging in die vorgeschriebene Richtung.
Herr Bose war krank, also musste er auf dessen Stellvertreter warten, der sehr beschäftigt war, da er seine und Herrn Boses Arbeit gleichzeitig verrichten musste, was ihn aber nicht daran hinderte, ab und zu ein Schwätzchen mit seinen Kollegen zu halten.
Als Kusal an der Reihe war, war er den Tränen nahe. Es war mittlerweile zwölf Uhr und er war mit seinem Problem keinen Schritt weitergekommen. Der Stellvertreter las den Brief langsam durch und meinte, das müsse Herr Bose entscheiden, der sei aber heute krank Kusal erklärte, dass er nicht warten könne, da seine Maschine um drei Uhr ginge. Der Stellvertreter meinte, da könne man nichts machen, er müsse eben umbuchen. Kusal wusste nicht, was „umbuchen“ war, aber es gefiel ihm nicht.
Da warf ein Kollege, der das Problem am Rande mitbekommen hatte ein, der Stellvertreter solle doch seinen Chef anrufen und den fragen, ob er es nicht auch selbst bewilligen könne. Das gefiel dem Stellvertreter gar nicht, denn es war besser, den Chef nicht zu belästigen. Vielleicht fühlte er sich gestört und wurde ungehalten. Kusal aber bat ihn flehend, doch sein Möglichstes zu tun, und endlich rief er den Chef an.
Nach einer kurzen Unterhaltung am Telefon legte der Stellvertreter den Hörer auf und meinte: ”Na gut, dann mache ich es halt". Kusal war erleichtert. Der Stellvertreter bat jemand im Büro, ihm ein Flugticket zu geben, was ein neues Problem aufwarf, denn es waren im ganzen Büro keine Flugtickets zu finden. Kusals Stimmung änderte sich wieder. Man schickte jemanden los, und nach zehn Minuten war das Flugticket da. Fünf Minuten später verließ Kusal das Air-India Gebäude und er hatte es im Leben noch nicht so eilig wie jetzt.
Im Hotel holte er seine zwei Pappkoffer ab und musste dort noch für den ganzen Tag bezahlen, denn es war schon nach zwölf. Kusal wusste nicht, was die Uhrzeit damit zu tun hatte, aber er bezahlte, denn er hatte keine Zeit, lange zu fragen. Mittlerweile kannte er den Weg zum Bus sehr gut, doch er nahm ein Taxi, denn er wollte den Flughafen-Bus um ein Uhr noch erreichen. Auch das Taxifahren war für ihn neu uns so machte er sich die ganze Fahrt über Sorgen, ob er denn auch genug Fahrgeld habe.
Er erreichte den Ein-Uhr-Bus, der um Viertel nach eins abfuhr und kam um halb drei am Flughafen an. In der Schalterhalle war er ganz verwirrt und wusste nicht, wohin er sich wenden sollte. Also ging er wieder dahin, wo er am Vortage war und zeigte sein Ticket vor. Diesmal war ein anderer Angestellter am Schalter und der antwortete Kusal auf Englisch. Kusal begriff nichts mehr. Hier war ein Inder, der nur Englisch mit ihm sprach! Also rief er in seiner Verzweiflung aus: ”Sprechen Sie bitte Hindi mit mir, ich kann kein Englisch". Der Angestellte lächelte milde und ließ sich herab. Er erklärte Kusal, dass die Maschine zwei Stunden später als vorgesehen abflöge, und dass es noch nicht ”Check-in-time” wäre. Was ”Check-in-time” sei, wollte Kusal wissen. Der Angestellte bedeutete ihm, er könne sich ruhig zu all den anderen Leuten setzen und würde später aufgerufen werden. Kusal fiel ein Stein vom Herzen.
Zwei Stunden später saß Kusal im Flugzeug. Er hatte in der Schalterhalle einen Gesprächspartner gefunden und sich an den gehängt, als die Passagiere aufgerufen wurden. Er hatte inzwischen Tee getrunken und war wieder ganz ruhig geworden. Jetzt aber im Flugzeug befiehl ihn die Unruhe wieder. Er hatte Angst vor dem, was jetzt kam. Man hatte ihm vor seiner Reise gesagt, dass Start und Landung das Gefährlichste am Fliegen seien, das eigentliche Fliegen sei gar nicht so schlimm.
Man reichte ihm ein Erfrischungstuch, doch hatte er keine Ahnung, was das war, geschweige denn, was er damit machen sollte. Also schaute er verstohlen um sich und machte dann genau das nach, was die anderen Passagiere taten. Beschämt faltete er das Tuch zusammen als er merkte, dass es nach seiner ”Erfrischung” gar nicht mehr so weiß war.
Einmal in der Luft schaute er nur noch aus dem Fenster. Selbst als es dunkel wurde, hörte er nicht auf, nach unten zu schauen. Er konnte es nicht fassen, dass er, Kusal hier über den Wolken schwebte, einem ganz fernen unbekannten Ort zu. Erst nach vielen Stunden und als er wieder seine innerliche Ruhe gefunden hatte, schlief er ein.
Als er in Genf ankam, ging er sofort zum Air-India Schalter wie man ihm aufgetragen hatte und fragte, ob für ihn eine Bahnfahrkarte hier hinterlegt worden sei. Man fand die Fahrkarte für ihn und erklärte ihm den Weg zur ”Railway Station”.
Die Fahrkarte in der Tasche und froh, dass das so gut geklappt hatte, ging er auf den Ausgang der Schalterhalle zu. Plötzlich riss ihm der Griff an einem der beidem Pappkoffer und der Koffer fiel zu Boden. Kusal schämte sich sehr, denn nun schauten viele Leute auf seine beiden schäbigen Koffer und genau das hatte er vermeiden wollen, denn er hatte schon bei seiner Ankunft gemerkt, dass die Leute hier alle sehr fein gekleidet waren und alle schönes neues Reisegepäck hatten. Jetzt aber schauten sie alle auf ihn und seine beiden alten Koffer. Schnell nahm Kusal den kaputten Koffer unter den Arm, den anderen am Griff und steuerte auf den Ausgang zu.
Hier aber war er ganz verdutzt, als er sah, dass die Glastür geschlossen war. Noch eben hatte er eine Frau durchgehen sehen und jetzt war die Tür verschlossen. Da aber kam von seitlich ein Herr, ging auf die Glastür zu, diese öffnete sich und der Herr ging hinaus. Kusal nahm seine beiden Koffer vom Boden, doch die Tür hatte sich schon wieder geschlossen. Das gleiche passierte noch mal; also bereitete sich Kusal vor. Als er die nächste Person dem Ausgang zugehen sah, klemmte er sich den einen Koffer unter den Arm, den anderen schnappte er beim Griff, und ging direkt hinterher aus dem Flughafengebäude hinaus. Er hatte es geschafft. Er blickte sich noch einmal um und tatsächlich schloss sich die Tür wieder hinter ihm.
Er kam ohne größeren Zwischenfälle zum Bahnhof und man gab ihm zu verstehen, dass der Zug bald abführe. Also setzte er sich in ein Abteil und wartete auf die Abfahrt. So etwas hatte er noch nicht gesehen. Alle Sitze waren fein gepolstert, der ganze Zug war blitzsauber, die Leute sprachen sehr leise miteinander und niemand rannte im Zug umher. Zuerst glaubte er, er sei in der Ersten Klasse, doch als er jemandem seine Fahrkarte zeigte, deutete dieser an, dass er hier richtig sei, also blieb er sitzen.
Die ganze Fahrt aber kam er sich eher vor wie im Flugzeug als wie im Zug. Alles ging leise und ordentlich vonstatten. Jeder hatte einen Sitzplatz, die Toiletten waren sauber und es gab Papierhandtücher, ja sogar warmes Wasser. Ab und zu kam ein Herr in Uniform vorbei und fragte, ob man etwas zu trinken oder Brötchen zu essen haben wolle. Kusal hatte Hunger, doch traute er sich nicht, etwas zu essen, da er nicht mit dem Geld zurechtkam. Es hatte ein paar Schwierigkeiten auf dem Weg vom Flughafen nach Genf gegeben, da er nur amerikanische Dollars bei sich hatte, doch man hatte ihm am Ende einen Schein abgenommen, und alles war erledigt. Auch hatte er keine Ahnung, was so ein Dollarschein wert war. Man hatte die Dollars für ihn vor seiner Abreise auf dem Schwarzmarkt in Indien besorgt, doch fand er sich nicht damit zurecht.
Er war schon drei Stunden gefahren, als er ein wenig unruhig wurde. Hatte er vielleicht schon ”Switzerland” verpasst? Er wusste ja gar nicht, wo er aussteigen musste. Man hatte ihm nur gesagt, er müsse einige Stunden mit dem Zug fahren. Also fragte er jemand, als der Zug wieder hielt: ”Switzerland?" Der andere Reisende nickte und sagte: ”Yes, Switzerland.” Kusal griff sich seine beiden Koffer und sauste aus dem Zug. Der Mitreisende blickte ganz erstaunt ihm nach und schüttelte den Kopf.
In der Bahnhofshalle fragte er noch mal: ”Switzerland?” und wieder bejahte man. Also sagte er: ”Indian Embassy?" und man blickte erstaunt. Er zeigte einen kleinen Zettel, den man ihm zu Hause gegeben hatte, mit der Adresse und Telefonnummer der indischen Botschaft in Bern. Man sagte: ”Bäärn", und bedeutete ihm, dass er weiter mit dem Zug fahren müsse. Er zeigte seine Fahrkarte vor und man nickte wieder mit dem Kopf: ”Bäärn". Also nahm er den nächsten Zug nach ”Bäärn". Aber sollte er nach Bäärn oder nach Switzerland? Man hatte ihm doch zu Hause immer gesagt, er werde nach Switzerland gehen. Kusal begriff nichts mehr und wurde wieder unruhig.
Er zeigte seinen Mitreisenden noch ein paarmal den kleinen Zettel mit der Adresse und Telefonnummer der indischen Botschaft und sie gaben ihm zu verstehen, er möge ruhig sitzenbleiben und man würde ihm schon sagen, wann er auszusteigen habe.
Endlich kam er am Abend in Bern an. In der Bahnhofshalle sah er einen Sikh und freute sich sehr, denn hier war jemand, der ihm weiterhelfen würde. ”Namaste, Sardarjee”, begrüßte er ihn, und eine halbe Stunde später war er in der indischen Botschaft angelangt.
Als Kusal mit seiner Erzählung geendet hatte, hatten sich die Gesichter seiner Zuhörer verändert. Man merkte, dass sie mit ihm fühlten und ihn sehr gut verstanden. Einige umarmten ihn und gaben ihm zu verstehen, dass er stolz sein könne auf seine Leistung, alleine diese Reise gemacht zu haben.
Manchmal war ich der einzige Weiße in einer Gesellschaft von Indern und da ich im Sommer recht schnell sehr braun werde, sagte man mir oft: ”You are just like an Indian". Ich freute mich darüber sehr. Kurz vor meiner Abreise aus der Schweiz traf ich Kusal noch einmal. Ich hatte gehört, dass er, zusammen mit dem Botschafter und einem Teil des Küchenpersonals in ein anderes Land überwechseln werde, wusste aber nicht wohin. Er hatte ein paar Sätze Englisch gelernt und so fragte ich ihn, wo er denn hinversetzt werde. Er sagte: ”Narabbi.” Ich stutzte und fragte: ”Where?” Er wiederholte: ”Narabbi.” Ich dachte, vielleicht meint er Nairobi, also sagte ich: ”Kenya?” Er wieder: ”Narabbi”. Ich: ”Africa?” Er: ”Yes, yes, Narabbi”. Er ging wirklich nach Nairobi und als ich vier Jahre später von Nairobi aus die indische Botschaft dort anrief, war er schon wieder woanders.
Mein anderer asiatischer Freund Panden war Tibetaner. Er erzählte, er sei in Tibet geboren, aber schon im zarten Kindesalter mit seinen Eltern vor den Chinesen nach Nepal geflüchtet und habe seine Schulzeit in einer englischen Klosterschule in Darjeeling in Indien verbracht. Ich verstand wieder mal wieder fast gar nichts. Panden machte eine Art kaufmännische Ausbildung an einer Schule in Bern. Parallel dazu lernte er Deutsch und war eine Weile mein Schüler. In Nepal hatte seine Familie einen Teppichhandel und sie standen in engem Kontakt mit der Schweizer Vertretung für Tibet-Flüchtlinge und hatten auch hierdurch Handelsbeziehungen. Ganz verstand ich Pandens Aufenthalt in der Schweiz nie, doch damit war ich nicht der Einzige.
Panden war ein sehr gutmütiger und lustiger Mensch und immer zu irgendwelchem Unsinn aufgelegt. Er rauchte und trank wie ein Europäer und war ein guter Unterhalter. Er hatte eine gute Schulbildung hinter sich und wusste sehr viel, auf jeden Fall sehr viel mehr als ich. Er war sowohl in westlichen als auch in östlichen Umgangsformen zu Hause und auf Partys, ganz gleich wo, benahm er sich völlig ungezwungen. Er verließ Bern noch vor mir, und wir hörten nie wieder von ihm. Einige von uns schrieben ihm nach Nepal, auch ich, doch nie bekamen wir Antwort. Vier Jahre später besuchte ich ihn dann in Kathmandu und er arrangierte ein Weihnachtsfest für mich, mitten in Kathmandu! Typisch Pancake.
Denny Wong, der eine ganze Weile auf meinem Fußboden wohnte, war ”Malayan Chinese” und jobbte sich durch Bern. Er hielt sich immer etwas fern von den typischen Ausländerlokalen, da er Angst hatte, von der Fremdenpolizei kontrolliert zu werden. Was ich anfänglich am schärfsten an Denny fand, war, dass er die Suppe immer nach der Hauptmahlzeit aß. So etwas war mir noch nicht begegnet. Die Suppe nach der Hauptmahlzeit!
Und so waren wir vier oft zusammen in Bern. Navin, Pancake, Denny und ich, und ich fühlte mich sauwohl in ihrer Gesellschaft. Die wussten so viel zu erzählen und waren so angenehme Zeitgenossen. Manchmal, wenn es spät wurde, schliefen wir alle bei mir, da mein Zimmer am zentralsten lag, und ich war sehr stolz, internationale Gäste zu haben.
Auch Ramsan aus Pakistan wurde zu einem lieben Freund, doch hatte er wegen seiner festen Anstellung als Koch bei einer pakistanischen Familie nur sehr wenig Zeit, unser sorgloses Leben zu teilen.
Sorglos war mein Leben, doch mein Unterbewusstsein brachte mir meine Vergangenheit und deren Einfluss in meinen Träumen nahe. Begonnen hatten die ”Was-wenn-Träume” nach meinem Auszug von zu Hause. Ich war in irgendeine schwierige Situation geraten und musste nach Hause zurückkehren und mein Versagen eingestehen.
Meine Mutter nahm mich dann immer wieder mit den Worten auf: ”Ich habe es dir ja gesagt, dass es so kommen wird". Es dauerte dann immer den ganzen Tag, bis mich die Last der Eindrücke völlig verließ. Anfangs hatte ich noch Wochen und Monate gezählt, wie ein Marathonläufer die Kilometer zählt, doch nach und nach war ich ruhiger geworden und die Träume seltener. Ganz verließen sie mich jedoch erst Jahre später. Bis dahin traten sie in unregelmäßigen Abständen auf und erinnerten mich daran, wer ich wirklich war, wenn auch ihre Intensität und die Nachwirkungen immer geringer wurden.
Es gab jedoch auch auslösende Faktoren für meine Albträume, wie zum Beispiel gewisse Briefe meiner Mutter. Die Briefe, in denen ich, wenn auch nur andeutungsweise, über meine privaten Aktivitäten in Bern berichtete, fanden nicht den Beifall meiner Mutter und „sure enough“ kam dann auch eines Tages ein abfälliger und verletzender Brief von ihr. Ich kannte diese Art Briefe schon, denn ich hatte ein Prachtexemplar davon erhalten, als sie erfuhr, dass ich nach meinem Auszug von zu Hause zeitweise mit Marianne zusammenlebte. Ihre moralische Entrüstung war einfach grenzenlos gewesen.
Auf den gemeinen Brief nach Bern reagierte ich noch gemeiner, worauf eine längere Pause unseres Schriftwechsels folgte, der erst wiederauflebte, nachdem meine Mutter einen ganz normalen Brief geschrieben hatte.
Über ein halbes Jahr hatte ich in Bern verbracht, als ich zu Weihnachten eine Einladung von Anne erhielt, sie in London, wo sie mit ihren Eltern die Festtage verbringen würde, zu besuchen. Weihnachten in einer fremden Familie zu verleben, lag mir jedoch nicht, und so beschloss ich, Weihnachten ”im Kreise der Familie” zu sein und für Silvester London anzusteuern. Ich muss verrückt gewesen sein.
Da die Zeit knapp bemessen war, nahm ich den Zug nach Deutschland und war ziemlich aufgeregt, denn ich war noch nie so lange von zu Hause weggewesen. Ich hatte auch für jeden meiner Familie Geschenke mitgebracht und obwohl ich sonst das gemeinsame Weihnachtsfest hasste und in den letzten Jahren gar nicht mehr daran teilgenommen hatte, freute ich mich nach dieser relativ langen Abwesenheit darauf, zu Hause „Besuch“ zu machen.
Natürlich war die Idee nicht gut gewesen. Ich schaffte die geballte Ladung Familie nicht; eher umgekehrt, die Familie schaffte mich, und ich schwor mir: nie wieder Weihnachten bei der Familie! Meine Mutter trug den religiösen Teil des Festes dicker auf als sonst und drückte mich somit in die Rolle des großen Schweigers, des Ketzers; mein Bruder knöpfte mir fünf Mark für ein Telefongespräch in seiner Wohnung ab, das ich mit Tomoko in München führte.
