Mein geteiltes Herz - Claire Hake - E-Book

Mein geteiltes Herz E-Book

Claire Hake

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Beschreibung

«Wenn ich zurückschaue, so ist mir, als hätte ich sieben Leben gelebt: Das erste war meine behütete Kindheit in der Schweiz. Dann ging es hinaus aus der Enge in die Welt, auf nach Sumatra, wo ich dem wichtigsten Menschen dieses Lebens begegnen durfte und mit ihm die Freuden und Leiden eines Pflanzerehepaars zu kosten bekam. 1940 stürzte der Himmel für uns ein, und mein drittes Leben in Gefangenschaft in Indonesien begann. Mein viertes Leben verbrachte ich in Japan und Shanghai, danach folgten die Heimkehr und das ersehnte Wiedersehen, aber ein bescheidener Neubeginn auf Trümmern, mein fünftes Leben in Hamburg. Nummer sechs war unser gemeinsames Alter, eine stille, friedvolle Zeit der Einkehr, die so jäh mit dem Einzug ins Altersheim und dem Abschied von meinem geliebten Gustel endete. Mein letztes und siebtes Leben als Witwe ist ein Leben des Rückblickes und des Richtens. Vielleicht schreibe ich auch deshalb Lebensgeschichte auf.» Mitte der zwanziger Jahre reist die junge Schweizerin Claire Hake allein nach Sumatra und begegnet auf einer abgeschiedenen Tabakplantage inmitten des Urwalds ihrer großen Liebe Gustav, einem deutschen Pflanzer. Claire und Gustav heiraten; ihr Leben auf der Plantage ist zwar entbehrungsreich, aber glücklich – bis im weit entfernten Europa der Krieg ausbricht. Als die Wehrmacht 1940 in Holland einfällt, kommt es zu unglaublichen Szenen in der holländischen Kolonie. Die Deutschen werden beschimpft, gedemütigt, und auch Claire ist betroffen. Sie wird von Gustav getrennt und interniert. Erst nach sieben Jahren in einem indonesischen Lager und in Shanghai gelingt es Claire, sich in die Schweiz durchzuschlagen. Als sie die Nachricht erhält, dass auch ihr Mann das Lager überlebt hat, gibt es für Claire kein Halten: Sie macht sich auf, um Gustav endlich wieder in die Arme zu schließen. Nach Gustavs Tod, mit 83 Jahren, beginnt Claire, ihr Leben und ihre Liebesgeschichte aufzuschreiben. Ihrer Enkelin Nicoline hinterlässt sie einen alten Koffer voller Manuskripte und Fotos.

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Seitenzahl: 569

Veröffentlichungsjahr: 2010

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Claire Hake / Nicoline Hake

Mein geteiltes Herz

Eine große Liebe zwischen Sumatra, Shanghai und Deutschland

Inhaltsverzeichnis

Widmung

Karten

Prolog

1 Kleine Fluchten

2 Von einer, die auszog, das Fürchten zu lernen

3 «Ich suche mir meine Männer selbst aus»

4 Die umgekehrte Braut

5 Ticke Tacke Tintenfass

6 Vipern und Perubalsam

7 Knickerbocker und Dauerwelle

8 Blechmusik und Hakenkreuz

9 «Wir sind die Frauen mit den geteilten Herzen»

10 Im Schatten des Krieges

11 Vertreibung aus dem Paradies

12 Der Weg nach Shanghai

13 Rette sich, wer kann

14 Tee und Tränen

15 Viehwaggon und Naziprominenz

16 «Wo soll ich mit deinem Mann hin?»

17 Der fremde Sohn

18 Abschied

Widmung

Danksagung

Literatur

Abbildungen

Für meinen Vater

Prolog

Jeder Tod, selbst der vorhersehbarste, trifft meine Familie in den Grundfesten. So weit ich zurückdenken kann, war das Sterben eines Menschen aus dem persönlichen Umfeld etwas, das meine Eltern kopflos machte, obwohl es sich immer um alte Menschen handelte. Mit Staunen registrierte ich ihre Hilflosigkeit, als die Nachricht vom Freitod meines neunzigjährigen Großvaters Gustav eintraf. Es folgte ein besinnungsloses Agieren aller Beteiligten. Das hatte mich schon als Kind irritiert und irgendwie gestört, vertraute ich doch selbst unerschütterlich in ein Weiterleben nach dem Tod. Obwohl sein Weggang auch für mich ein Schock war, empfand ich sein Handeln zwar als nicht richtig, aber als stark und bei aller Tragik konsequent in seiner Biographie.

Doch wie sollte seine Frau Claire, meine Großmutter, weiterleben können, wenn sie vom Tod ihres Mannes erfuhr? Sie wartete seit drei Tagen im Krankenhaus auf die erste von mehreren komplizierten Operationen. Keiner wusste, ob die Zweiundachtzigjährige mit dem schwachen Herzen sie überhaupt überleben würde. Der Eingriff sollte nun am Todestag ihres Mannes durchgeführt werden, ohne dass ihr jemand die Wahrheit sagen mochte.

Noch unter Schock entschied mein Vater, seine Mutter dürfe vorläufig nichts erfahren. Er wolle persönlich die Hunderte von Kilometern zu ihr fahren und ihr die Nachricht überbringen. Dies hielt ihn allerdings nicht davon ab, sämtlichen Verwandten Traueranzeigen zu schicken, mit dem Ergebnis, dass meine Großmutter noch vor unserer Ankunft die erste Beileidspost erhielt. Als meine Eltern mit mir, der Enkelin, endlich im Krankenhaus ankamen, fanden wir eine erschütterte und tiefverwundete Witwe vor, die fest darauf hoffte, die bevorstehende Folgeoperation nicht zu überleben. Sie weinte und war kaum in der Lage, mit uns zu sprechen. Es war klar, dass sie ahnte, auf welche Weise ihr Mann gestorben war.

Sechzig gemeinsame Jahre lagen hinter ihnen, in denen sie im Taumel der Weltgeschichte zwischen Ostasien und Europa hin und her gerissen worden waren. Den größten Widrigkeiten zum Trotz und über die Kontinente hinweg hatte ihre tiefe Liebe sie immer wieder zueinanderfinden lassen. Bis Claires Zuneigung in ihren letzten gemeinsamen Jahren auf einmal in Hass umschlug. Nun stellte sie sich immer wieder die schmerzende Frage, ob sie ihren Mann im Stich gelassen hatte. Aber sie sollte eine Antwort darauf erhalten.

***

Meine Großmutter konnte gut erzählen. Ihre Geschichten entführten mich in den Urwald Sumatras mit seinen fremden Geräuschen und der unerträglichen Hitze, zu den Bier saufenden, syphilitischen Pflanzern und den fremdartigen malaiischen Bediensteten. Es war eine versunkene Welt, die Welt, in der sie einmal glücklich gewesen war und die ihr der Krieg grausam geraubt hatte. Manches schien so unwirklich, dass ich, älter werdend, beruhigt feststellte: Da wurde selbst über viele Jahre hinweg niemals etwas ausgeschmückt. Wie meine Großeltern sich kennengelernt hatten, hörte ich Hunderte Male von ihr. Was für eine Liebesgeschichte.

Claire hat ihr Leben in schonungsloser Offenheit erzählt. Dass sie beim Schreiben durchaus an eine Veröffentlichung dachte, zeigen einige Schriftstücke, die sie ihrem Manuskript beilegte. Sie enthalten sowohl verfremdende Namensänderungen als auch Listen mit Lebensdaten. Es existiert sogar eine Aufstellung der jungen Männer, die sie als Mädchen und junge Frau in der Schweiz verehrte.

Mir erschien ihre Lebensgeschichte nicht vollständig ohne einige ergänzende Erklärungen zum historischen Hintergrund und zu unserer Familiengeschichte. Wo es mir nötig erschien, habe ich Fachliteratur zurate gezogen. Um den Lesefluss nicht durch Anmerkungen zu behindern, habe ich im Literaturverzeichnis genau aufgeführt, welche Werke für welche Abschnitte benutzt wurden.

Eine große Hilfe war mir mein Vater Gustav Hake jun., der nicht nur die erste Abschrift des handschriftlichen Manuskripts seiner Mutter besorgte, kommentierte und korrigierte. Er steuerte auch seine eigenen Erinnerungen an sein Leben als Kind in Sumatra bei und lieferte mir so viele wichtige Details, die meine Großmutter im Eifer des Schreibens übersehen hatte. Einige Namen von Personen und Firmen wurden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert.

Nicoline Hake

1Kleine Fluchten

Wenn unser geliebtes Hausmädchen Babett in der Küche Kupfer, Silber oder Messing putzte, sang sie mit voller Stimme unzählige Volkslieder und Balladen. Ich kleines Ding hockte auf einem kleinen Schemel ihr zu Füßen und fraß die Melodien mit offenen Augen und Ohren nur so in mich hinein. Damals gab es noch keine Aluminium- oder Edelstahltöpfe. Milch kochte man in Messingpfannen, für Braten und Kuchen gab es Kasserollen und Formen aus Kupfer. All dies wurde mühsam poliert und blinkte dann von den Regalen. Das kupferne Wasserschiff des Holzherdes, seine Messingknöpfe und der Wasserhahn funkelten stolz mit.

Mucksmäuschenstill saß ich da und ließ die schaurigschönen Balladen in mein Herz dringen. So auch das Lied von dem Mädchen, das ins Kloster geht und von seinem Liebsten gesucht wird. «Da kam sie hergeschritten,/​schneeweiß war sie gekleid’t,/​ihre Haar war’n kurz geschnitten,/​zur Nonn’ war sie bereit.» Wie hoffte ich jedes Mal, dass die Geschichte doch ein gutes Ende nehmen möge, aber immer wieder blieb der arme Jüngling allein zurück, und ein trauriges Gefühl bemächtigte sich meiner.

Vor einem Lied aber fürchtete ich mich geradezu, und das eigentlich ohne Grund. Bei der vierten Strophe graute es mir so, dass ich Tränen vergoss: «Was trübt dich sehr? Ich kann nicht nach Hause, hab keine Heimat mehr.» Ich lief zu meiner Mutter und warf mich schluchzend in ihre Arme: «Keine Heimat mehr? Kein Zuhause! Gibt es das denn?»

«Ja», antwortete sie, «dann muss man sich eine neue Heimat im Herzen schaffen.»

•••••••

Meine Großmutter Clara Elsa, genannt Claire, wird am 11.August 1900 in dem kleinbürgerlichen Städtchen Sankt Gallen geboren. Nie zuvor hat jemand aus ihrer Familie außerhalb der Schweiz gelebt, man ist stolz auf seine Herkunft und verkehrt mit Ausländern eher verhalten oder als Arbeitgeber. Fast alle Hausmädchen, von denen meine Großmutter erzählt, sind arme Schwabenmädchen, so auch die erwähnte Babett aus Tuttlingen.

Auf ihrem Verlobungsbild tragen die Eltern meiner Großmutter hochgeschlossene, unbequem wirkende Kleidung. Zu dieser Zeit lächelt man nicht in die Kamera, und so sehen beide recht verkniffen aus, sie etwas dicklich, er ebenso klein wie seine Frau, mit abstehenden Ohren. Es soll eine Liebesheirat gewesen sein, Ende des 19.Jahrhunderts keine Selbstverständlichkeit.

Mein Urgroßvater ist Kaufmann und verkehrt am Abend in verschiedenen Männervereinigungen. So übernimmt er stets zuverlässig Vormundschaften für arme, verwaiste Mündel und lässt sich Ehrenamt um Ehrenamt aufbürden. Meine Urgroßmutter bleibt zu Hause, erzieht die Kinder und beaufsichtigt das Dienstmädchen. Die beiden interessieren sich nicht besonders für die Politik, geschweige denn für Kultur. Wichtig sind allein Geschäft und Haushalt. Doch vielleicht lesen sie im St.Galler Tagblatt, dass es am Tag der Geburt ihrer Tochter in Paris einen Kongress über «koloniale Soziologie» gibt. Und möglicherweise erfahren sie einen Tag später, dass der Boxeraufstand in China vom internationalen Heer der Kolonialmächte niedergeschlagen worden ist. Fünfundzwanzig Prozent der Weltbevölkerung leben in Kolonien. Während die Herrscher der Reiche damit beschäftigt sind, den Rest der Welt unter sich aufzuteilen, wiegen sich die Bürger Europas in Sicherheit und blicken erwartungsvoll in die Zukunft. Nie kämen meine Urgroßeltern auf den Gedanken, dass ihre Tochter als gebürtige Schweizerin eines Tages zwischen die Fronten der Kolonialmächte geraten könnte.

•••••••

Mein Eintritt in diese Welt bereitete meinen Lieben mehr Enttäuschung als Freude. Mein Vater befand sich zu dieser Zeit als Reservist zu einem Wiederholungskurs beim Militär. Er war nicht entzückt von der Nachricht, dass ihm eine Tochter geboren war, hatte er sich doch so sehr einen Sohn gewünscht: Vor vier Monaten war ihm sein vergötterter Junge an einer damals kaum heilbaren Hirnhautentzündung gestorben. Wie hatte meine Mutter um das Leben ihres Ältesten gekämpft, war wochenlang Tag und Nacht nicht von seinem Krankenbett gewichen. Dem neuen Leben unter ihrem Herzen konnte sie nur wenig Aufmerksamkeit schenken. Aller aufopfernden Pflege zum Trotz verloren sie den aufgeweckten vierjährigen Sohn. Vater war untröstlich und beachtete die dreijährige Tochter Louise überhaupt nicht mehr.

Meine Schwester hatte sich unter dem neuen Geschwisterchen etwas vorgestellt, mit dem sie spielen konnte wie mit dem entschwundenen Bruder. Und nun lag da im Korbwagen etwas Winziges, Schreiendes. Meine Mutter stillte nicht selbst, dies galt als unmodern, geradezu peinlich. Es wurde eine Pflegerin engagiert, mit der man allerdings großes Pech hatte. Sie gab mir gleich unverdünnte Kuhmilch zu trinken und verdarb mir damit den Magen für das ganze Leben. Die Krämpfe, die mich als Säugling überfielen, ließen alle das Schlimmste befürchten. Der Arzt riet zu einer Amme, aber schon den Gedanken daran fanden Mutter und die Familie schockierend.

So blieb ich bis zu meinem vierzehnten Lebensjahr ein zartes, mageres Ding. Vater begann erst, Freude an seinen Töchtern zu haben, als wir Backfische wurden, die Jungen sich nach uns umdrehten und seine Freunde ihm Komplimente machten. Aber wir gingen ihm immer etwas aus dem Weg und fanden nie ein wirklich herzliches, vertrautes Verhältnis zu ihm.

Unser Vater führte das Möbel- und Aussteuergeschäft von Sankt Gallen: Wenk & Wildhaber. Direkt über den Verkaufsräumen in der Brühlgasse 35 wuchsen wir in einer geräumigen Wohnung auf. Sie bestand aus der Winterstube mit dem großen Kachelofen, der das angrenzende Elternschlafzimmer mit warm hielt, der Sommerstube und dem Kinderzimmer. Unter dem Dach schlief unser jeweiliges Hausmädchen in seiner kleinen Kammer. Heizbar waren unsere Schlafzimmer nicht, und im Winter prangten am Fenster die schönsten Kristallblumen. Eine Stunde vor dem Zubettgehen wärmte man unsere Betten mit Kirschkernsäcken an, die tagsüber auf dem Kachelofen Wärme speicherten.

Aber Frühling, Sommer und Herbst machten alle Unannehmlichkeiten des Winters wieder gut. Der erste Sonnenstrahl fiel in unsere Fenster, der erste Vogelgesang entzückte unsere Ohren, und der Blick in die Gärten und Bäume des nahen Parks ließ unsere Mädchenherzen mit jedem Jahr erwartungsvoller schlagen.

An den Fenstern zur Gassenseite drückten wir uns an den Scheiben die Nasen platt, denn es war mehr als vergnüglich, auf die belebte Gasse hinunterzuschauen. Vor unserem Geschäftshaus wurden mehrmals in der Woche Brautfuder aufgeschlagen und zurechtgemacht, besonders an Samstagen konnten wir ein reges Treiben beobachten. Da fuhren vormittags die Brautpaare vom Land, die in unserem Geschäft ihre Aussteuer bestellt hatten, mit zwei bis drei leeren Tischwagen vor, die von je zwei Pferden gezogen wurden. Die Pferde wurden ausgespannt und in einem nahen Gasthaus, in dem die Brautleute zu Mittag aßen, untergestellt. Um die Wagen vor dem Haus begann nun eine große Geschäftigkeit. Vaters Arbeiter, Schreiner und Tapezierer luden die Möbel auf und zurrten sie fest. Der erste Wagen, der vom Brautpaar kutschiert wurde, trug das vollständig aufgestellte Wohnzimmer mit Buffet oder Vertiko, Sofa oder Kanapee, Tisch und Stühlen. Auf dem zweiten kam die Küche, und der dritte trug das Schlafzimmer mit den zwei Betten, Matratzen, Federdecken, Kissen, alles weiß bezogen und hoch aufgebettet, daneben die Nachtkästchen, der Spiegelschrank und die Kommode. Ganz hinten stand die Wiege. Zur vereinbarten Zeit erschienen dann Brautleute und Fuhrknechte mit den Pferden. Aufs genaueste besah man die Möbel und rüttelte daran, um zu prüfen, ob auch alles stabil stand. Dann zogen Braut und Bräutigam mit unserem Papa in die gegenüberliegende Wirtschaft, um bei einem Wein die Rechnung zu begleichen. Unterdessen wurden die Pferde eingespannt, das Brautpaar stieg mit auf den Kutschersitz des vordersten Wagens, und unter lautem Peitschengeknall, Adieu-Rufen und Jauchzen ging es stadtauswärts, ihrem Dorf oder Städtchen zu, wo das Brautgut dann stolz durch Gassen und Straßen gefahren und bewundert wurde.

An der Hand meiner großen Schwester eroberte ich mir die Welt, erst den Garten mit der hohen Schaukel, dann den dahinter gelegenen Gymnasiumspark, und schließlich Stück für Stück die kleine Innenstadt. Im Gegensatz zu meiner Schwester saß mir der Schalk im Nacken, ich gab mir alle Mühe, meinen verstorbenen älteren Bruder durch Wildheit zu ersetzen. Großvater Wenk schlachtete manche seiner Tauben für mich, damit ich endlich dicker würde, aber bei meiner Lebhaftigkeit war dies gar nicht möglich: Meine Beine mussten hüpfen und springen, Lachen und Singen mit meinen Freundinnen gehörten einfach zu mir. Meine Mutter sagte manchmal kopfschüttelnd zu uns: «Kinder, wenn ihr im Leben so viel weinen müsst, wie ihr jetzt lacht, dann könnt ihr mir heute schon leidtun.» Über diesen Ausspruch kicherten wir von neuem los. Das Leben war ja so schön und lustig, warum sollte man denn weinen?

•••••••

Claire wird eine gute Schülerin, sie liebt ihre Lehrer, besonders diejenigen, die lebendig und anschaulich unterrichten. Trotz hervorragender Noten besucht sie nur die Realschule. Es ist undenkbar, dass die Tochter eine höhere Schulbildung erlangt als die Eltern. Geradezu allergisch reagiert Claire auf den Religionsunterricht. Ihre innere Gewissheit vom Aufgehobensein und Leben im Jenseits verträgt sich nicht mit der Vorstellung vom zornigen und strafenden Gott der reformierten Kirche. Claires Revolution gegen den zuständigen Pfarrer mündet in völliger Unterrichtsverweigerung, sodass ihre Eltern sich gezwungen sehen, sie in eine andere Gemeinde zu geben. Ihr Vater, selbst katholisch aufgewachsen, kurz vor der Ehe aber konvertiert, um seine reformierte Frau heiraten zu dürfen, verkneift sich das Lachen, als er die Argumente seiner kleinen Tochter gegen den Pfarrer hört.

•••••••

Bereits als Kind hegte ich jedoch auch sehr ernste Gedanken und fühlte oft eine Sehnsucht in mir, die ich nicht recht fassen konnte. Mit neun Jahren hatte ich einen seltsamen, unvergesslichen Traum. Lange meinte ich, es sei gar kein Traum, sondern ein wirkliches Erlebnis gewesen. Es war Herbst, und den ganzen Nachmittag hatte ich mit einer Freundin im Park unter dem alten Nussbaum gespielt und von seinem raschelnden Laub eine Art Nest gebaut.

In der Nacht darauf sah ich mich wieder auf dem Blätterhaufen sitzen. Da zupfte mich etwas am Kleid: Ein freundliches Männlein stand vor mir im grünen Wams und mit einem roten spitzen Mützchen. Es winkte mir, ich erhob mich und folgte ihm unter den Nussbaum. Es klopfte an den Stamm, und ich sah, dass da eine kleine Tür war, die sich öffnete. Der Zwerg ergriff meine Hand, und da war ich plötzlich genauso groß wie er. Ein kleiner Wagen mit zwei Sitzen stand unter der Tür. Kaum eingestiegen, ging es in rasender Fahrt abwärts. Tiefste Finsternis umgab uns, immer weiter hinunter fuhren wir. Da war ein Lichtschein, und schon hielt unser Gefährt. Um mich herum nahm ich unzählige fröhlich lärmende Zwerglein wahr, die mich zum Schmausen einladen wollten. Mein Freund aber winkte mir, ihm zu folgen. In einen tiefen, dunklen Gang ging es hinein, vor einem hohen, metallbeschlagenen Holztor hielten wir an. Dreimal klopfte mein Begleiter, dann tat es sich auf, und wir betraten ein hohes Gewölbe. Dort, ganz am äußersten Ende saß an einem Tisch, auf dem nur eine Kerze brannte, ein wunderschöner blonder Knabe, dessen blaue Augen fest auf uns gerichtet waren. Ich wollte meinen Gefährten fragen, was der Junge da machte, so allein und verlassen. Aber das Zwerglein legte den Finger an den Mund. Wieder blickte ich stumm und voller Mitleid auf den bleichen, ernsten Knaben. Da durchfuhr es mein Herz wie mit einem Messer: Gefangen ist er, gefangen!

Hastig ergriff das Männlein meine Hand und zog mich hinaus, das Tor fiel zu. Da stand der kleine Wagen, wir stiegen ein, und er rollte mit uns davon und hielt oben vor der Tür im Stamm des Nussbaums, die sich öffnete und uns ins Tageslicht entließ. Da war ich plötzlich wieder viel größer als das Männchen, das lächelnd zum Gruß seine Kappe zog und durch die Tür verschwand, die sich hinter ihm schloss.

Im selben Augenblick erwachte ich, meinte aber, ich befände mich immer noch im Park unter dem Nussbaum. So lebendig war und blieb dieser Traum in mir, dass ich ihn für Wirklichkeit hielt. Ich konnte kaum den Morgen abwarten und rannte über die herbstliche Wiese zu dem Nussbaum. Rund um den dicken Stamm suchte ich nach der verborgenen Tür, fand sie aber nicht. Später, längst erwachsen, wurde mir klar, dass ich mich selbst dort unten gesehen hatte, gefangen in der verklemmten und engstirnigen Gesellschaft Sankt Gallens.

Am Heiligen Abend hatten unsere Eltern geschäftlich stets viel zu tun, die Läden waren bis zwanzig Uhr geöffnet, der Verkauf lief noch rege. Danach folgte die Abrechnerei mit den Angestellten und unserem Lieferknecht. So verlebten wir diesen «schönsten Tag des Jahres» still für uns. Erst am Abend des ersten Feiertages kamen wir zusammen. An ein Weihnachtsfest erinnere ich mich noch ganz genau, denn mitten in die Bescherung hinein platzte unser Onkel. Mit verbissenem Gesicht saß er lange auf dem Sofa, während die Familie mit dem Auspacken der Geschenke fortfuhr. Man ließ ihn in Ruhe, denn er war durch nichts zum Reden zu bewegen. Später beim Essen platzte es dann aus ihm heraus: Er habe seiner Frau doch verboten, den Töchtern Ski-Ausrüstungen zu schenken, schließlich wolle er keine Mannweiber zu Töchtern haben, sondern richtige Mädchen. Und nun hätten alle vier von seiner Frau komplette Wintersport-Monturen bekommen, da sei er mitten aus der Bescherung weggelaufen. Seine Frau habe doch alles, was sie sich wünsche, eine Köchin, ein Stubenmädchen, ihre Waschfrau, dürfe zweimal im Jahr zur Kur und würde doch in keinster Weise von ihm unterdrückt. Aber wer kämpfe fürs Frauenstimmrecht, wer wolle die Töchter «modern» erziehen? Seine Frau, diese Suffragette! Er mache da jetzt nicht mehr mit.

•••••••

Claire ist wild, lebendig, phantasievoll und eigensinnig, ihre drei Jahre ältere Schwester eher still und folgsam. Vermutlich hat Louise als Ältere früher lernen müssen, sich so zu verhalten, wie man es von einem Mädchen erwartet. Aber bei Streit, und den gibt es häufig, kann sie piesacken, reizen und hemmungslos petzen. Claire rächt sich regelmäßig mit unkontrollierbaren Faustschlägen. Auf diese Weise zertrümmert sie einmal das Glas der Wohnungstür und zerschneidet ihrer Schwester dabei das Gesicht. Einige Jahre später schlägt sie Louise die Polypen aus der Nase. Die Stube schwimmt in Blut, aber der Arzt ist begeistert: Die Operation, die einige Tage später stattfinden sollte, ist nicht mehr nötig.

Zur Erholung werden die beiden Mädchen im Sommer zu Verwandten aufs Land geschickt. Dies ist allein schon wegen Claires ewigen Hals- und Ohrentzündungen wichtig, denn sie fehlt häufig in der Schule. Im Jahr 1907 gibt es eine schicksalhafte Begegnung. Claire ist gerade wieder von einer Mittelohrentzündung genesen, und der Arzt rät dringend zu einer Luftveränderung. Die beiden Mädchen weigern sich aber, wie bisher in den Ferien zu einer Tante zu reisen. Da wird der Mutter ein Sankt Gallener Lehrerehepaar empfohlen, das alljährlich Kinderferien auf einem Hof in den Alpen anbietet. Die beiden, selbst Eltern von drei Söhnen, haben einen guten Ruf, man hört, dass die Kinder mit heller Begeisterung jedes Jahr wieder dorthin fahren. Schnell werden die Mädchen angemeldet, und ein paar Tage später macht Frau Abderhalden, die Lehrergattin, einen Besuch bei Claires Eltern.

•••••••

Bei meinem Anblick schlug sie schier die Hände über dem Kopf zusammen, so blass und mager sah ich aus. Aus reinem Mitleid mit dem sichtlich erholungsbedürftigen Kind nahm sie mich in ihre Liste auf, all ihren Befürchtungen zum Trotz, ich könne ihr durch Krankheit einen Haufen Mehrarbeit verursachen.

•••••••

Claire blüht geradezu auf in der Gruppe und nimmt sogar ein Kilo zu. Sie ist die Jüngste von etwa achtzig Kindern und Jugendlichen, der Älteste ist Abiturient. Mit dabei sind auch die drei Söhne der Abderhaldens, wobei Louise besonders der jüngste, der vierzehnjährige, blondgelockte Urs, beeindruckt. Dieses erste zarte Band zwischen den beiden soll in der Folge auch für Claire schicksalsbestimmend werden. Immerzu wird gespielt, gesungen, getanzt, und für den geselligen Abend studiert man Sketche, Scharaden und Gedichte ein. In den Folgejahren bilden sich Freundschaften quer durch Sankt Gallen.

Auch Claire lernt in diesen glücklichen Zeiten ihre erste Liebe kennen. Max ist Gymnasiast und trifft die Sechzehnjährige täglich auf dem Schulweg oder holt sie vom Klavierunterricht ab. Obwohl nie mehr als ein verliebter Blick zwischen den beiden ausgetauscht wird, versucht Vater Wildhaber, der Sache bald ein Ende zu machen.

•••••••

«Wer holt dich jeden Samstagnachmittag von der Klavierstunde ab?», stellte Papa mich zur Rede.

«Max Hungerbühler», antwortete ich wahrheitsgemäß.

«So, und ich habe mich blamiert, indem ich behauptete, du würdest noch keine Buben angucken und noch mit Puppen spielen. Darauf wird mir erklärt, jede Woche sehe man dich mit der Klaviermappe an der Seite eines Gymnasiasten einen Spaziergang an den Klosterweihern machen. Wie lange geht diese Geschichte schon?»

«Seit den Sommerferien.»

«Und wie weit bist du mit diesem Hungerbühler?»

«Wie weit bist du denn mit deinen Mädchen gegangen?»

«Frech wirst du auch noch!», brüllte er mich an. «Dem alten Hungerbühler werde ich Bescheid sagen über seinen Filius!»

«Den kennst du ja gar nicht», wagte ich anzubringen.

«Natürlich kenne ich ihn, ich bin sogar per du mit ihm.»

Innerlich grinste ich, denn ich wusste, dass er einen ganz anderen Hungerbühler im Sinn hatte.

«Also, die Geschichte hat ein Ende. Mama holt dich von jetzt an von der Klavierstunde ab.»

So zottelte ich das nächste Mal brav an Mutters Seite die steile Straße zur Stadt hinunter. Misstrauisch beäugte sie mich von der Seite, ob ich meinen Verehrer wohl gewarnt hatte. Leider freute ich mich zu früh, denn, sichtlich in Eile, nahte Max, sah uns, stutzte und kam auf uns zu. Er begrüßte mich, und ich stellte ihm Mama vor.

«Sie sind Herr Hungerbühler und wollen unsere Claire von der Klavierstunde abholen. Sicher begreifen Sie, dass dies nicht länger sein darf, denn meine Tochter muss an ihren guten Ruf denken.»

«Natürlich begreife ich das», antwortete Max und entschuldigte sich vielmals, gab meiner Mutter und mir die Hand, zog schneidig die Gymnasiastenmütze und ging mit Riesenschritten davon.

«Guter Ruf, so ein Quatsch», maulte ich vor mich hin und wäre vor Wut und Herzweh am liebsten aus der Haut gefahren. So rasch, dass Mama kaum folgen konnte, rannte ich heimwärts und wurde dort von Papa in Empfang genommen.

«Warum hast du mir nicht gesagt, dass es ein anderer Hungerbühler ist als der, den ich kenne? Da hab ich mich ja fein blamiert! Geh ich zu ihm ins Geschäft und sage: ‹Du Willy, sag deinem Sohn gefälligst, er soll erst trocken hinter den Ohren werden und nicht schon meiner Tochter nachsteigen!› – ‹Welchen Sohn meinst du?›, fragt der mich. ‹Na, den Max!› – ‹Ich habe keinen Sohn Max, außerdem ist mein Jüngster in Paris, und der andere hat gerade geheiratet. Bist also an die falsche Adresse geraten, dein sauberes Töchterli hat dich schön reingelegt!›»

«Aber, Papa», wagte ich da einzuwenden, «ich habe dir gestern doch gesagt, dass du Max’ Vater nicht kennst.»

«In Grund und Boden habe ich mich blamiert. Ich stecke dich ins Mädchen-Besserungsheim auf den Rosenberg und nicht ins Pensionat.»

«Fein», lachte ich, «da darf ich dann jeden Samstag auf dem Markt Gemüse verkaufen und sage allen Leuten: Ich bin dem Wildhaber seine Tochter, dann bist du blamierter als ich.»

Mutter war inzwischen in die Stube getreten: «Aber Claire!», tadelte sie mich, und zu Papa gewandt: «Den jungen Mann habe ich abgefangen. Er versprach mir, Claire nicht mehr abzuholen.» – «Wie sieht er denn aus?» – «Gut, er ist ein netter, wohlerzogener Junge.» – «Wenigstens einen guten Geschmack scheinst du zu haben», sagte er.

•••••••

Die Affäre ist längst nicht beendet, heimlich wurden Briefe ausgetauscht und in der Folge erste zarte Küsse eingefordert. Dies geht Claire dann doch zu weit, und sie rennt davon. Der junge Mann verliert kein Wort über seine Entgleisung und probiert es nicht wieder. So dauert die Freundschaft auch an, als Claire für das obligatorische Jahr ins Mädchenpensionat in der französischen Schweiz fährt.

Louise hat es gerade hinter sich und wird abgeholt, ihre Schwester kann ihr Bett übernehmen. Claires Busen ist kurz vor der Fahrt zu unnatürlicher Größe angewachsen, denn dort ruhen all die Liebesbriefe ihres Freundes. Was der mitfahrenden Mutter nicht auffällt, bemerkt Louise sofort. Die Schwestern vertrauen sich ihre Geheimnisse an, und Claire erfährt, dass Louisli fest gewillt ist, auf Urs Abderhalden zu warten. In ihrem Dekolleté trägt Louise eine Fotografie des gelockten Jünglings in weißem Tropenanzug mit Kneifer auf der Nase. Er versucht sein Glück als Kautschukpflanzer auf der Insel Sumatra in «Hinterindien», dem späteren Indonesien.

Während im Rest von Europa der Erste Weltkrieg tobt, sind Männer aus der neutralen Schweiz gern gesehene Arbeiter auf den Sunda-Inseln, dem späteren Indonesien. Wer Glück hat und lange genug durchhält, hat berechtigte Chancen, eines Tages als Millionär nach Hause zu kommen. Viele Schweizer verlassen die Heimat, Urs ist nur einer der Ersten aus dem Freundeskreis. Die jungen Männer gehen zunächst als Junggesellen in die unbekannte Ferne und kehren erst nach sieben Jahren auf «Europaurlaub» zurück, um zu heiraten – wenn sie Glück haben und in den acht Monaten Ferien ein Mädchen finden. Louise muss also noch einige Jahre auf ihren Urs warten.

In der Pensionatszeit steht Claire im Mittelpunkt der Mädchen, sie lernt gutes Benehmen und besseres Französisch. Mit der Musik von Schubert, Schumann und Wolf tut sich eine neue Welt für sie auf. Wie gern würde sie ihre Altstimme ausbilden lassen, aber Sängerinnen zählen, wenn sie nicht gerade berühmte Primadonnen sind, gemeinhin zum Gesindel. Ein wenig singen darf eine höhere Tochter durchaus, aber nur für den Hausgebrauch.

Ihre Gedanken wandern immer öfter zu Max, sie schreibt ihm jede Woche. Welche Enttäuschung, als seine anfangs ausführlichen Briefe nach und nach ausbleiben. Irgendwann ist klar, dass er ein anderes Mädchen hat. Für Claire bricht eine Welt zusammen. Alle kindlichen Vorstellungen von einem gemeinsamen zukünftigen Leben sind mit einem Schlag weggewischt. Nach einem Jahr, das Handelsschulexamen in der Tasche, kehrt eine sichtlich gereifte Claire nach Sankt Gallen zurück.

Eines der wichtigsten «Mitbringsel» aus der Pensionatszeit ist die sexuelle Aufklärung. Dieses Thema wird an der Schule nicht unterrichtet, aber wo viele Mädchen und junge Frauen miteinander das Zimmer teilen, kommt es über kurz und lang auf den Tisch. Zu dieser Zeit spricht man nicht über das Geschlechtsleben, schon gar nicht im kleinen Sankt Gallen und erst recht nicht in der Familie Wildhaber. Claire kommt also zwar von der Liebe enttäuscht, aber auf entschlossene Weise neugierig auf das Leben zurück ins engstirnige Elternhaus.

Hier ist man in Aufruhr. Alles dreht sich um Louises Aussteuer. Doch nicht Urs Abderhalden gilt das unermüdliche Nähen, sondern einem fremden Deutschen! Auch Louise hat also ihren Liebeskummer. Kaum war ihre Pensionatszeit zu Ende, erhielt sie keine Post mehr von ihrem geliebten Urs. Der weiß als gut erzogener junger Mann, dass Mutter Wildhaber auf den Ruf ihrer Mädchen achtet und keine Post von Männern duldet. Dem hat er sich gefügt, und der Strom der Liebesbriefe ist einfach abgebrochen. Louise ist am Boden zerstört, vermutet, er liebe sie nicht mehr, und beginnt kopflos, Ersatz zu suchen. Der findet sich schnell in der Handelsschule, die sie besucht. Die Eltern sind entsetzt, gestehen der Tochter aber zu, dass sie eine Reise nach Deutschland antritt, um die zukünftige Familie kennenzulernen. Danach solle sie entscheiden.

•••••••

Nun sollte auch ich an meiner Aussteuer werkeln. Ich fand es blöd, en gros Wäsche zu nähen und dann in einer Wäschetruhe zu versenken, wo sie zu warten hatte, bis vielleicht ein Bräutigam aufkreuzte. Mama hatte so viele Freundinnen, die nie geheiratet hatten und wehmütig ihre ganze Aussteuer betrachteten. Während die arme Louise nähte, sprang ich durchs Zimmer und sang herausfordernd:

«Spinn, spinn, mein Töchterlein,/​Morgen kommt der Freier dein./​Tochter spann, Träne rann,/​niemals kam ein Freiersmann.»

Ich ging dann auch auf die Handelsschule, lernte gern und leicht und beschloss, mir eine Stelle als Sekretärin zu suchen. Kaum hatte ich meiner Schwester dies im Vertrauen mitgeteilt, wusste es Mama schon. Einen Tag später wurde ich von Papa zur Rede gestellt, ob ich mir wirklich eine kaufmännische Lehrstelle suchen wolle. Als er meinen Entschluss hörte, wurde entschieden, dass ich bei ihm im Geschäft anfangen solle. Er brauchte ohnehin Entlastung. Ich willigte ein, über Gehalt, geschweige denn Taschengeld wurde nicht gesprochen. Als ich einmal davon anfing, hieß es: «Was willst du denn, hier hast du doch alles, was du brauchst. Wenn du etwas nötig hast, kannst du es ja sagen.»

•••••••

Claire kocht vor Wut, weiß aber nicht, wie sie etwas an der Situation ändern könnte. Ihr Vater ist ein ungeduldiger, harter Lehrer, nie gibt es ein aufmunterndes Wort. Er bittet nicht, er befiehlt. Sie kann sich ein Bein ausreißen und sogar am Sonntag die salbungsvollsten Briefe abtippen, der Vater lobt nicht. Und dann seine ganzen Ehrenämter mit den Verpflichtungen: Waisenhaus, Mündelversorgung, Krankengelder verteilen. Während die Spanische Grippe grassiert, die auch den Vater wochenlang ans Bett fesselt, wird all dies nun auf die Tochter abgewälzt. Die hat bald die Nase voll von der Aussicht, ein Leben lang mit ihrem Vater im muffigen Büro zu sitzen. Aber die einzige Möglichkeit, dem Trübsinn zu entgehen, ist die Ehe.

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Heiraten war das Einzige, aber wen? Max, der wieder versuchte, mit mir anzubändeln? Niemals! Außerdem studierte er noch und war ein unfertiges Mannsbild. – Dann Papas Mündel Ludwig, der sich vor dem Militärdienst drücken wollte und so wasserscheu war? Vor dem ekelte mir. – Vielleicht der Bankbeamte Hüberli, der fast aus seinem Schalter herauskroch, wenn er mich sah? Der macht bestimmt Karriere, würde Mama sagen. Aber wenn ich nur an seine Stecknadelaugen dachte, wurde mir schlecht. – Dann war da noch Wachtmeister Gyger, der mir in der Jahrmarktszeit ganze Hände voll Freikarten für Rutschbahn, Zirkus, Kino und Achterbahn zusteckte, mit denen ich alle meine Freundinnen einladen konnte. Der war zwar noch ledig, aber mindestens zwanzig Jahre älter als ich. – Blieb noch der junge Bäckermeister Hofeli. Wenn er mich auf der Straße antraf, fiel er vor Verlegenheit schier über seine Füße, lief lilarot an und konnte kaum ein Wort herausbringen.

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Der Zufall kommt Claire zu Hilfe, sie hört im Büro unfreiwillig ein Gespräch zwischen ihrem Vater und einem Geschäftsfreund mit. Erstaunt vernimmt sie, dass der Vater sie geradezu in den Himmel lobt. Nun gibt es kein Halten mehr: Beim Essen tut sie kund, den Bäcker Hofeli heiraten zu wollen. Die Bombe schlägt ein, der Vater ist entsetzt, die Mutter irritiert. Es folgt ein klärendes Gespräch. Zwar bleibt der Vater bei seiner Ansicht, Lob verderbe den Charakter, auch über Gehalt wird nicht gesprochen, Claire aber avanciert zur anerkannten zweiten Kraft im Büro.

Dann kommt ihre Schwester todunglücklich aus Deutschland zurück. Sie ist unsicherer als je zuvor, ob sie den jungen Mann heiraten will. Ganz schlimm wird es, als man ihr zuträgt, Urs Abderhalden komme bald auf Europaurlaub und wolle sich mit einem anderen Mädchen aus Sankt Gallen verloben.

Claire steht fassungslos vor diesem «Kommunikationsproblem». Warum kann denn niemand ehrlich sagen, was in ihm vorgeht? Ein Liebesdrama nimmt seinen Lauf, das schließlich mit einer Absage nach Deutschland und der heißersehnten Verlobung mit Urs endet. Alles ist wieder gut, Louise heiratet und verschifft sich nach Sumatra. Claire bleibt im Büro. Die Eltern hoffen stillschweigend, dass sich daran auch nie etwas ändern wird, man will ja nicht auch noch die zweite Tochter und mit ihr die gute Arbeitskraft verlieren.

Claire begibt sich nun immer öfter auf kleine «Fluchten», wie sie es nennt. Zunächst besorgt sie sich heimlich eine Laute und nimmt hinter dem Rücken der Eltern Unterricht. Das Instrument muss zu Hause versteckt werden, weil die beiden keine «Wandervogelallüren» dulden. Erst als ihnen zu Ohren kommt, welche sängerische und musikalische Begabung unter ihrem Dach lebt, darf die Tochter zu Hause üben. Nur üben, wohlgemerkt, nicht jedoch in der Öffentlichkeit musizieren.

Eines Tages spielt das Schicksal Claire eine junge Frau zu, die wie keine andere geeignet ist, der strengen Herrschaft der Eltern ein Schnippchen zu schlagen: An der achtzehnjährigen Els sind zuvor schon zwei Vormunde gescheitert. Vater Wildhaber kann nicht nein sagen und hat plötzlich ein großes Problem: Das Mädchen ist absolut nicht folgsam und lässt sich praktisch nicht beaufsichtigen. Da bleibt als letzte Rettung die dreiundzwanzigjährige Claire: Sie wird dazu verurteilt, die junge Frau bei allen Unternehmungen zu begleiten und sie zu festgesetzten Zeiten bei der völlig überforderten Mutter, einer Witwe, abzuliefern.

Eine Zeit der Freiheit beginnt: Sie laufen abends auf der Eisbahn Schlittschuh und besuchen, oft heimlich, Vorträge und Tanzveranstaltungen. Claire behauptet einfach, bei Els zu sein. Wunderbar, die Eltern so hintergehen zu können, und das alles mit der ausdrücklichen Erlaubnis des Vaters. Der ist nur zu glücklich darüber, wie gut sich das problematische Mädel macht.

Da Els katholisch war, gerät Claire in einen kleinen Tanzzirkel mit katholischen jungen Leuten, die ihr auf Anhieb gefallen. Hier wird anders gesprochen, ernster und tiefer, als sie es gewohnt ist. Eine besondere Beziehung entwickelt sich zu einem etwa vier Jahre jüngeren Mann, der bald ihr Tanzpartner wird. Zu dem stillen und gebildeten Heinz fühlt sie sich schicksalhaft hingezogen. Aber der Altersunterschied und seine Konfession machen eine Verbindung unmöglich. Claire fühlt sich innerlich zerrissen und hadert mit ihrem Leben. Wie soll es weitergehen?

Die Rettung naht in Gestalt des alten Hausarztes, der Claire schon auf die Welt geholt hat. Für eine Fortbildung benötigt sie ein ärztliches Attest und geht zu ihm in die Sprechstunde. Ihre stille Hoffnung ist, für eine längere Zeit dem Einflussbereich der Eltern entfliehen und außerhalb Sankt Gallens leben zu können. Ohne das Formular eines Blickes zu würdigen, wirft Dr.Jenny es in den Papierkorb und sieht sie über seine Brille hinweg verschmitzt an.

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«Nein, mein Kind! Glaubst du, ich lasse dich von einer überheizten Stube in die nächste ziehen? Was du brauchst, ist frische Luft, etwas Freiheit, weg von zu Hause. Lass mich nur machen, sag Papa, er soll mich um vier Uhr anrufen!»

Vater wurde zu Dr.Jenny bestellt und kehrte besorgt nach Hause zurück. «Wusstest du, dass Claire nicht gesund ist und der Doktor sich Sorgen um sie macht?», fragte er seine Frau. «Wir sollen sie so bald wie möglich an die Riviera oder nach Kairo in die Sonne, in ein wärmeres Klima schicken.»

«Aber da haben wir doch niemanden!» Mama wurde blass.

«Das genau habe ich ihm auch gesagt», fuhr Papa fort, «aber dann fragte ich, ob wir sie nicht zu Louise nach Sumatra fahren lassen könnten, ob sie denn tropentauglich wäre? Ja, das sei wohl kein Problem.»

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Ein Telegramm aus Sumatra erreicht die Familie als Antwort auf die Frage, ob Claire kommen dürfe: «Hurrah, come!» Louise ist begeistert, sie erwartet gerade das zweite Kind und kann Hilfe brauchen.

2Von einer, die auszog, das Fürchten zu lernen

Am frühen Morgen des 18.Mai 1924 bestiegen Vater und ich den Zug nach Genua. Es war eiskalt auf dem Bahnsteig, und ich spürte die Frostbeulen an meinen Fingern. Jeden Winter kamen diese widerlichen Dinger wieder, kein Wunder, wenn man über vier Monate jeden Morgen das Eis auf dem Wasser der Waschschüssel aufkratzen musste. Was für eine wunderbare Gewissheit, dass ich mich in allernächster Zukunft nicht mehr über Kälte beklagen musste. Ich rieb mir die Hände und schob alle naselang den Tragegurt meiner Laute wieder über die Schulter. Auf dem Bahnsteig mochte ich das wertvolle Instrument nicht abstellen.

Es war erstaunlich, wie Mama trotz des Abschiedsschmerzes die Haltung bewahrte, schließlich war ich die zweite Tochter, die nach Ostindien ging. Die Angst um mich merkte ich ihr aber doch an, denn wer wie sie niemals aus Sankt Gallen herausgekommen war, musste daran zweifeln, ob man auf der anderen Seite der Erdkugel überhaupt leben konnte. Außerdem würde ich sicher nicht vor Ablauf der nächsten zwei Jahre wieder nach Hause kommen. Frühestens zu diesem Zeitpunkt würde mein Schwager Europaurlaub erhalten und könnte mit meiner Schwester und den Kindern für einige Monate nach Sankt Gallen zurückkehren. Dann, so hoffte Mama, würde ich für immer bei ihr und Papa bleiben. Wir waren uns nie sehr nahe gewesen, aber jetzt erleichterte ihre unnachahmliche Fähigkeit, sich in Momenten wie diesen zusammenreißen zu können, unseren Abschied. Ich gestattete mir keine weiteren Bedenken und riss mich los. Ich konnte nicht wissen, dass ich sie niemals wiedersehen sollte.

Die Fahrt war lang, noch lag Dunst über der Schweizer Landschaft. In Italien genoss ich die ersten Sonnenstrahlen, die durch das Abteilfenster schienen. Ich zog meinen Mantel aus, hielt meine schmerzenden Hände in das blendende Licht und bedauerte Papa, der mir steif und aufrecht in seinem zu eng sitzenden Reiseanzug gegenübersaß. Wir sprachen nicht viel miteinander und hingen jeder seinen Gedanken nach. Kilometer um Kilometer fiel die entsetzliche Last der Zweifel und Bedenken von mir ab. Der Entschluss, zu meiner Schwester nach Sumatra zu reisen, war weder für mich noch für meine Eltern leicht gewesen.

Ich schreckte auf, denn Vater war aufgestanden und sah nervös aus dem Fenster. «In ein paar Minuten müssten wir da sein.» Und wirklich, in der Ferne sahen wir immer öfter das Blau der offenen See schimmern. Ich wurde ganz aufgeregt, denn ich war noch nie am Meer gewesen. Da eröffnete sich die ganze Weite des Wassers. Wie Sekt sprudelte das Blut durch meine Adern.

In Genua logierten wir im Hotel Britannia nahe dem Bahnhof. Wir erfuhren gleich, dass mein Schiff, die Königin der Niederlande, am kommenden Tag gegen Mittag einlaufen würde, so unternahmen wir an diesem herrlich warmen Abend noch einen Bummel durch die Stadt. Auf einer Bank mit Blick auf den Hafen ließen wir uns nieder. Sofort stand ein gutaussehender Offizier vor uns, der uns offenbar schon länger gefolgt war. Er ergoss einen Schwall italienischer Worte über Papa, der höflich nachfragte, ob die Unterhaltung nicht auf Französisch geführt werden könne. In einem deutlich langsameren Französisch bat der junge Kerl Papa dann tatsächlich, mich näher kennenlernen zu dürfen, denn er beabsichtige, mich zu heiraten.

«Nein, das ist nicht möglich», antwortete Vater erstaunlich ruhig, seine Tochter würde morgen nach Indien reisen, um dort zu heiraten, worauf der junge Mann stramm salutierte und sich entfernte. Trotz meines Schrecks musste ich lachen: «Ich fahre also zum Heiraten nach Sumatra! Gut, dass ich das jetzt weiß, dann werde ich die männlichen Mitpassagiere unter ganz anderen Gesichtspunkten betrachten.» Papa reagierte nicht, irgendwie war er verstimmt, und als wir in der Stadt noch eine Bouillabaisse aßen, rückte er mit seinen Sorgen heraus: «Möchtest du nicht wieder mit heimkommen? Wir könnten es doch so schön miteinander haben, ich gebe einfach ein paar von meinen Ämtern auf und habe dann viel mehr Zeit für dich und Mama.» Einen Augenblick lang taten mir meine Eltern leid, und ich sah mich in meinem Entschluss wanken. Da erinnerte ich mich daran, dass ich unter keinen Umständen nachgeben durfte, weil ich mich damit selbst aufgeben und immer Kind bleiben würde. Diese Warnung hatte mir eine kluge Frau mit auf den Weg gegeben, deren Bekanntschaft ich kurz vor meiner Abreise aus Sankt Gallen gemacht hatte.

Zwei Wochen bevor ich meine Reise antreten sollte, hatte meine Freundin Sophie mir ganz aufgeregt von dem Schneider ihres Vaters berichtet, dessen Frau wahrsagen könne. «Ich möchte wahnsinnig gern hin, aber allein traue ich mich nicht. Du musst unbedingt mitkommen, denn du fährst so weit weg, vielleicht kann sie dir etwas über deine Zukunft sagen.» Das war etwas für mich. So trafen wir uns gleich am nächsten Tag vor dem Haus der angeblichen Wahrsagerin. Eine aparte dunkelhäutige Frau öffnete uns die Tür und fragte nach unseren Wünschen. Sophie stammelte, dass wir uns gern wahrsagen lassen wollten. Die Frau blickte uns ernst an: «Ich bin heute nicht in Stimmung, kommen Sie in der nächsten Woche wieder.»

Wir waren enttäuscht, fühlten uns aber doch seltsam ernst genommen. Eine Woche später standen wir wieder vor der Tür, und diesmal wurden wir tatsächlich hereingelassen. Sophie war die Erste und wurde in einen anderen Raum geführt. Mit hochrotem Kopf kam sie fünf Minuten später wieder heraus, dann war ich dran.

Im Nebenzimmer setzten wir uns an einem kleinen Tisch einander gegenüber, und die Schneidersfrau schaute mich erst nur lange und ruhig an. Dann erhob sie sich, nahm meinen Kopf in beide Hände und murmelte etwas. Schließlich ergriff sie meine Hände und vertiefte sich intensiv in meine Handflächen. «Sie werden zwei Kinder bekommen.»

«Hoffentlich von einem Mann», versuchte ich zu witzeln, aber mein Gegenüber blieb verschlossen.

«Von einem Mann ist noch nichts zu sehen. Sie haben noch recht kindliche Handlinien, kommen Sie in zwei Jahren wieder, dann kann ich Ihnen mehr sagen. Aber das eine sehe ich schon: Sie werden ein sehr unruhiges Leben haben, viel reisen, viel unterwegs sein, ich möchte fast sagen: ein Nomadenleben führen. Einen Rat gebe ich Ihnen: Setzen Sie Ihren Kopf mehr durch, denn was Sie wollen, ist gut! Geben Sie nicht immer nach, gehorchen Sie nicht immer, werden Sie selbstbewusster, selbstsicherer, dann wird schon alles richtig laufen. Kommen Sie in zwei Jahren wieder!» Damit war ich entlassen. Nur einige Schweizer Franken hatte sie für diese Beratung genommen, wahrhaft wenig Geld für diesen schicksalhaften Augenblick. So jedenfalls kamen mir die Minuten bei ihr vor. Nie zuvor hatte ich mich so erkannt und als Persönlichkeit «wahr-genommen» gefühlt.

An diese Prophezeiung musste ich denken an diesem Abend in Genua. Da konnte ich zu meinem eigenen Erstaunen ruhig antworten: «Nein, Papa. Ich freue mich so auf die Reise und habe doch noch nichts von der Welt gesehen. Und Louise braucht mich auch bald, wer soll auf ihr Kind aufpassen, wenn sie Nummer zwei bekommt?»

Als wir am nächsten Morgen den Frühstückssaal betraten, erhob sich ein glatzköpfiger Herr, der in der Nähe der Tür saß, verbeugte sich und grüßte. Vater nickte etwas irritiert zurück, und als wir an unserem Tisch saßen, flüsterte er mir zu: «Das ist sicher der Saalchef.» An unserem Tisch kam ich so zu sitzen, dass ich auf die Eingangstür schaute. Der vermeintliche Saalchef ließ keinen Blick von mir, ganz ungeniert fixierte er mich mit seinen auffallend engstehenden Augen. Rattenaugen, schoss es mir durch den Kopf. Papa saß mir gegenüber, und ich bat ihn, unsere Plätze zu tauschen, da es mir auf den Hals ziehe. Kaum hatten wir das Frühstück beendet und machten Anstalten, den Saal zu verlassen, erhob sich der Glatzkopf wieder von seinem Platz und verbeugte sich. Sein Blick war süffisant und zog mich regelrecht aus. Noch als wir das Hotel verließen, schien er an mir zu kleben.

Papa und ich spazierten wieder zu der kleinen Bank, von der aus man so herrlich den Hafen überblicken konnte. Die Morgensonne wärmte, und das Meer glitzerte derart, dass ich die Augen halb schloss und mit den Lichtern spielte. Vom Horizont her sah man nun einen schneeweißen Dampfer langsam näher kommen, bald erkannten wir die niederländische Flagge: rot-weiß-blau, das musste die Königin der Niederlande sein. Eine halbe Stunde später schon fuhr sie majestätisch in den Hafen ein, mein Zuhause für die nächsten drei Wochen. Wir eilten zurück ins Hotel, packten unsere Sachen und nahmen noch ein kleines Mittagessen ein. Wieder saß da der unangenehme Herr, erhob sich und nickte mir zu. Die gleiche Prozedur beim Verlassen des Saales, warum merkte Papa von alledem nichts?

Mit dem Taxi fuhren wir zum Hafen hinunter, bei mir hatte ich nur einen Koffer, eine Reisetasche und meine Laute. Die großen Gepäckstücke waren von Sankt Gallen aus direkt an Bord geschickt worden. Ein Offizier nahm uns gleich unten an der Gangway in Empfang, besah sich meine Fahrkarte, rief einen der malaiischen Stewards und zeigte auf mein Gepäck, das der Chauffeur am Fuß der Treppe abgestellt hatte. Uns übergab er einem Herrn ganz in Weiß, den er uns als «Hofmeester», also Obersteward, vorstellte und der uns in meine Kabine zweiter Klasse führte. Letztere teilte ich mit einer jungen holländischen Krankenschwester, einem Fräulein de Lange, die aber noch nicht an Bord gekommen war.

Mein Vater war entsetzt über all die malaiischen und chinesischen Gesichter, die vielen «Mischlinge», die unter Passagieren und Personal in der Mehrzahl waren. «Komm wieder mit nach Hause», sagte er, «ich kann dich nicht so allein unter diesen wildfremden Menschen reisen lassen.» Wieder lachte ich ihn aus, wovor sollte ich mich denn fürchten?

Der geschniegelte Obersteward war mir absolut nicht sympathisch, aber er sprach sehr gut Deutsch und führte uns auf dem Dampfer herum. Papa sprach mit ihm über seine Ängste. «Herr Wildhaber, seien Sie ganz unbesorgt, ich werde mich Ihrer Tochter voll und ganz annehmen, Sie können mir völlig vertrauen.» Ich sah, wie Vater ein Riesenstein vom Herzen fiel, und mit einem festen Händedruck besiegelten die beiden Männer ihre Abmachung. Mir selbst war bei dieser Verabredung nicht so wohl, warum, wurde mir nicht ganz klar. Wichtig war allein, dass Papa sich entspannte.

Wir gingen an Deck und sahen von oben dem lebhaften Treiben am Kai zu: Passagiere kamen zu Fuß, in Kutschen und Autos bis zur Gangway. So viele verschiedene Menschen: Arme und Wohlhabende, Familien mit Kindern samt fremdländischer Dienerschaft und auffallend viele junge, alleinreisende Männer. Wie wir so an der Reling standen und uns in Schweizerdeutsch unterhielten, wurde ich plötzlich von hinten umfasst. Ich fuhr herum. Da stand eine ältere Dame: «Sie sind Schweizerin, nicht wahr?» Während ich erleichtert nickte und mich wunderte, warum ich mich so erschreckt hatte, sprudelte es schon aus ihr heraus: «Reisen Sie auch nach Singapur? Wissen Sie, wir sind auch Schweizer, und meine Tochter fährt ganz allein auf diesem Schiff, ich habe solche Angst um sie.» Damit wies sie auf eine sich uns nähernde junge, etwas üppige Dame, die keineswegs aussah, als ob sie Hilfe brauchte. Papa brachte der redseligen Mutter schonend bei, dass auch ich völlig allein reisen würde, inzwischen beschnupperten wir beiden jungen Frauen uns ein wenig und beschlossen auf der Stelle, uns gernzuhaben. So lernte ich Miggi Pfeiffer kennen. Unsere Eltern waren überfroh, dass wir jungen Mädchen versprachen, ein Auge aufeinander zu haben. Dies erleichterte allen vieren von uns den Abschied. Gegen 16Uhr ertönte aus den Lautsprechern: «Alle Nichtpassagiere von Bord!»

Der Abschied von Papa war etwas herzlicher als der von Mama. Da es kein Zurück gab, waren wir beide sehr unsentimental und fröhlich. Miggi und ich standen an der Reling und winkten zu unseren Lieben hinunter, während sich das Schiff langsam vom Pier entfernte. Dann hieß es: «Volle Kraft voraus!», und wir fuhren hinaus ins offene Mittelmeer.

«Komm, ich zeige dir meine Kabine», schlug Miggi vor. Gerade als wir in den Flur der ersten Klasse einbiegen wollten, verstellte mir jemand den Weg. Ich dachte, mich trifft der Schlag, es war der Mann mit den Rattenaugen, der vermeintliche Saalchef vom Hotel. «Padberg!», stellte er sich vor – also ein Deutscher. «Ich freue mich außerordentlich, in so netter Gesellschaft zu reisen.» Miggi und ich nickten nur, gingen aber zielstrebig an ihm vorbei. Der hatte mir gerade noch gefehlt.

Kaum standen wir in Miggis komfortabler Erster-Klasse-Kabine, da begann das Schiff, leicht zu schlingern. «Ich werde seekrank, mir wird ganz übel», rief meine neue Freundin, «ich muss mich hinlegen.» Ich spürte das Schwanken des Schiffes kaum, aber Miggi hielt sich stöhnend den Kopf. Um sie abzulenken, erzählte ich ihr die ganze «Saalchef»-Geschichte. Bald hatte sie ihr Unwohlsein vergessen, und wir lästerten nach Herzenslust.

Sie reiste nach Singapur, um dort ihren Verlobten zu treffen, den sie fünf Jahre zuvor auf einer Reise von Amerika nach Rotterdam kennengelernt hatte. Miggi sollte ihm folgen, sobald ihre Aussteuer fertig wäre. Fünf volle Jahre waren inzwischen vergangen. Nun wollte sie den guten Derk, dem langsam die Geduld ausging, nicht mehr länger hinhalten und an Ort und Stelle prüfen, ob sie ihn noch liebte und ob ihr das Leben in den Tropen gefallen würde. Sie hatte vor einiger Zeit zwar einen netten Schweizer kennengelernt, der ihr auch sehr zusagte, aber da hatte Papa Pfeiffer ein Machtwort gesprochen: «Fahr hinaus und sieh dir den Kerl nochmals an! Gefällt er dir noch, heirate ihn, gefällt er dir nicht mehr, nimm das nächste Schiff und komm wieder heim!»

Schon war es Zeit zum Abendessen, und ich war noch nicht einmal in meiner Kabine gewesen. Miggi wollte lieber liegen bleiben. So begab ich mich hinüber in die zweite Klasse zu meiner Kabine, wo ich Fräulein de Lange kennenlernte. Sie verstand kein Deutsch und ich kein Niederländisch, aber auf Französisch konnten wir uns ausgezeichnet unterhalten. Mein Bett lag direkt unter dem Bullauge, und ich schaute noch eine Weile auf das Meer.

Dann machte ich mich auf zum Speisesaal. Der Steward wies mir meinen Platz an einem runden Tisch an, rechts und links von mir junge, alleinreisende Holländer, die mit mir ganz ordentlich deutsch sprachen. Padberg saß an einem anderen Tisch, weit genug entfernt, was ich mit großer Erleichterung feststellte.

Es war nach elf Uhr am Abend, als ich, nachdem ich nochmals nach Miggi gesehen hatte, zu meiner Kabine auf brach. Die Salons und Musikräume, an denen ich vorbeikam, lagen verlassen. In den Bars und im Tanzsaal dagegen herrschte Hochbetrieb. Und auf den Schiffsgängen hockten und lagen die malaiischen Diener, die «Boys», und die Kinderfrauen, die «Babus», auf dem Boden und hüteten die Kinder ihrer europäischen Herrschaften. Was für ein Anblick: Die Europäerkinder waren zum Umpusten dünn, bleiche, zerbrechliche Kreaturen, die zwischen ihren Betreuerinnen hin und her rannten, von ihnen aufgefangen und umhergewirbelt wurden. Die ganz Kleinen krabbelten durch die Gänge und schliefen zwischen Boys und Babus. Es war kaum ein Durchkommen. Mir stand das Herz still beim Anblick dieser zarten Wesen, die, mit den Eltern aus den Europaferien kommend, kein bisschen erholt aussahen und für die die eigenen Mütter nicht die Zeit fanden, sie ins Bett zu bringen. Während die Eltern an den Bars hockten und die letzten drei Wochen auf dem Schiff genossen, bevor sie wieder für viele Jahre im indonesischen Urwald auf Zerstreuung verzichten mussten, lagen ihre Kinder auf dem Fußboden der Korridore.

Die ersten zwei Tage verbrachte Miggi seekrank im Bett. Oft saß ich bei ihr und lenkte sie ab. Das Wetter war herrlich, doch es ging eine steife Brise. Zwei Liegestühle ließ ich auf Deck an einen windgeschützten Platz bringen, und sobald es Miggi etwas besserging, lagen wir dort zusammen und erzählten uns unser Leben.

Port Said in Ägypten war unser erster Halt nach Genua. Miggi und ich gingen an Land, ein junger Schweizer aus der dritten Klasse schloss sich uns an. Noch am Morgen hatte ich mich heftig gegen zwei aufdringliche Muselmanen wehren müssen, die mir in allen Sprachen der Welt anboten, uns Port Said zeigen zu wollen. Ich musste richtig grob werden, um diese Kerle loszuwerden.

Wir besichtigten das Denkmal von Ferdinand de Lesseps, dem Erbauer des Sueskanals, und das große Warenhaus des Tabakproduzenten Simon Arzt, aber Geld gaben wir keines aus. In Port Said gab es mehrere berühmte Warenhäuser, in denen die Verkäufer alle Sprachen der Welt zu beherrschen schienen. Mit unglaublichem Geschrei handelte man in Sekundenschnelle einen Preis aus und berechnete ihn in den verschiedenen Währungen. Wie betäubt kehrten wir aus dem Völker- und Menschengewirr, dem Lärm und Dreck wieder an Bord zurück und waren froh, als die Reise weiterging.

Gespannt erwarteten wir die Einfahrt in den Sueskanal. Er war damals noch nicht so breit, und uns wurde gesagt, dass wir bequem die Ufer auf beiden Seiten beobachten könnten. Die Schiffe aus Europa hatten Vorfahrt, und die aus dem Osten kommenden mussten ankern, um die anderen vorbeizulassen. Miggi und ich standen an der Reling des Promenadendecks, als hinter uns plötzlich Bewegung entstand: Stühle wurden gerückt und im Kreis aufgestellt. Einige Niederländer, alles Männer, setzten sich. Dann sah ich Padberg, das Rattengesicht, mitten unter ihnen. Offenbar hatte er die Versammlung hier einberufen, denn er war eindeutig ihr Wortführer. Er rief immer mehr Männer herbei, man versammelte sich, wie ich vermutete, zu einem Spiel. Miggi und ich wollten uns gleich verdrücken, aber Padberg versperrte uns den Weg. Nein, wir müssten mitspielen, er hätte eine Wette abgeschlossen, dass Fräulein Wildhaber ihm keine zehn Minuten in die Augen sehen könne, ohne sie errötend niederzuschlagen. Noch keine Dame hätte dies je fertiggebracht.

Ich dachte nicht daran, an dieser blödsinnigen Wette teilzunehmen. Aber aller Protest nutzte nichts, ich wurde auf einen von zwei Stühlen gedrückt, die in der Mitte des Zuschauerkreises standen. Auf den zweiten setzte sich Padberg und rutschte ganz dicht vor mich hin. Die Zuschauer holten ihre Uhren hervor, einer rief: «Los!», und da hockte der Kerl und stierte mich süffisant an. Ich sah notgedrungen zurück. «Saukerl, eingebildeter Affe», dachte ich und ließ meinen Blick nicht eine Sekunde von seinem miesen Gesicht. Als dann einer der Männer rief: «Die zehn Minuten sind vorbei!», erhob ich mich und wollte den Kreis verlassen, aber die Zuschauer klatschten und gratulierten lautstark. Padberg kam auf mich zu: «Sie müssen doch ihren Preis entgegennehmen. Sie sind die erste Frau, die meinem Blick standhalten konnte.» Und damit zog er aus seiner Jackentasche eine bunte Kette mit einem Tutanchamun-Anhänger hervor, die er mir um den Hals hängen wollte: «Ein Andenken an mich.»

«Ich brauche kein Andenken an Sie», rief ich lachend, riss ihm die Kette aus der Hand und warf sie über die Reling in den Sueskanal, von dem ich bisher noch gar nichts zu sehen bekommen hatte. «Komm», sagte ich zu Miggi, «es ist Zeit zum Abendessen.» Mir war klar, dass ich nur einen vorübergehenden Sieg errungen hatte, das Leben auf diesem Schiff war also wirklich gefährlich für alleinreisende Frauen. Ich nahm mir vor, in Zukunft vorsichtiger zu sein. Meine Zimmergenossin und ich schlossen unsere Kabinentür nun immer ab, und wir vereinbarten ein Klopfzeichen.

In Sues drängten sich die Boote der Händler mit ihren Waren um unser Schiff. Lange Leinen wurden wie Lassos über die Reling geworfen, die oben aufgefangen und befestigt wurden. Dann begann das Geschrei der Händler, und vom Schiff wurde kräftig zurückgebrüllt. Wer mehr als die Hälfte des verlangten Preises für die Ware bezahlte, war entweder blutiger Anfänger oder einfach dumm, wie uns erklärt wurde. Je weiter wir nach Osten fuhren, desto weiter wurden die Preise heruntergehandelt.

Noch am selben Tag wurde ich wieder belästigt: Am Esstisch saß mir ein Holländer mit einem riesigen Mund gegenüber, und er versuchte alles, um mit mir ins Gespräch zu kommen. Irgendetwas an ihm war mir ausgesprochen unsympathisch. Ich nannte ihn bei mir nur «Haifischmaul» und versuchte, seine Annäherungsversuche auf die leichte Schulter zu nehmen.

Im Roten Meer war es brütend heiß, ich zog mich zu einem Mittagsschlaf in meine Koje zurück. Fräulein de Lange würde gleich nachkommen, nur deshalb verriegelte ich die Tür nicht. Kleid und Unterrock hatte ich ausgezogen. Ich wollte von meinem Bett gerade ein Buch nehmen, in dem mein neuer Brieföffner als Lesezeichen steckte, eine silberne Eidechse, etwa dreißig Zentimeter lang. Da hörte ich hinter mir ein Geräusch und fuhr herum: Vor mir stand das grinsende Haifischmaul. Blitzschnell zog ich den Brieföffner aus dem Buch, nahm ihn wie einen Dolch in die Hand und schritt langsam auf den Eindringling zu: «Raus», zischte ich, «sofort raus!» Unzweideutig kam ich ihm mit meiner Waffe näher, bis er merkte, dass ich keinen Spaß machte, und wich rückwärts langsam zurück. Das dreckige Grinsen verschwand aus seinem Gesicht, er öffnete die Tür und verschwand blitzschnell. Wie hätte ich diesen Kerl zugerichtet, wenn er nicht von sich aus das Weite gesucht hätte.

Nach der Fahrt durch das Rote Meer vergingen viele Tage, ohne dass Land in Sicht kam. Unser nächster Hafen lag noch in weiter Ferne: Colombo in Ceylon, dem heutigen Sri Lanka. Seit der Hitze im Roten Meer trugen die meisten Männer ihre Tropenanzüge. Das Bild an Bord veränderte sich durch die weiße Leinenkleidung mit dem hohen, geschlossenen Kragen. Selbst der unscheinbarste Europäer verwandelte sich darin in eine, an europäischen Verhältnissen gemessen, «leuchtende» Gestalt, man ging erhobenen Hauptes über Deck. Trotzdem begannen die Passagiere, sich offensichtlich zu langweilen, und die Männer wurden noch aufdringlicher. Zwar gab es verschiedenste Veranstaltungen an Bord, Sportkämpfe, Konzerte und Vorträge, allerdings auf Niederländisch, das ich noch nicht gut verstand. Abends gab es sogar Kino oder Tanz, wovon ich mich aber wohlweislich fernhielt.

Eines Mittags lag ich in meinem Liegestuhl auf dem ruhigen Oberdeck und musste eingeschlafen sein. Plötzlich fühlte ich etwas Feuchtes auf meinem Mund, etwas schob sich zwischen meine Zähne. Augenblicklich biss ich zu. Ein Schrei, und mein Liegestuhl, dessen Kopfende heruntergedrückt worden war, sauste in seine richtige Stellung zurück. Pfui Teufel! Mein Mund war voll Blut, auch mein Kleid. Ich schoss hoch: Vor mir bog sich, stöhnend vor Schmerz, der Haifisch, die Hände auf seinen blutenden Mund gepresst. Ich spuckte aus, rannte an die Reling und übergab mich vor lauter Ekel. So schnell ich konnte, lief ich in meine Kabine hinunter, zog mich aus, warf den Kimono über und rannte ins Duschbad. Dann zog ich mich frisch an, Mund und Zähne putzte ich immer wieder. Meine blutverschmierten Kleider gab ich dem malaiischen Steward, der sie zum Waschmann brachte. Immer wieder musste ich mich erbrechen.

Kurz danach erschien Miggi in meiner Kabine, fuchsteufelswild. «Ich bin wegen meiner Schlaflosigkeit zum Schiffsarzt gegangen. Der kam mir rotzfrech, sodass ich ihm eine Ohrfeige gab. Von da ging ich schnurstracks zum Ersten Offizier auf die Brücke, um mich zu beschweren, und der kam mir noch frecher, sodass ich auch dem eine runtergehauen habe. In Singapur werde ich gleich zur Reederei gehen und Beschwerde einlegen. Hier ist eine Frau ja ihres Lebens nicht mehr sicher!» Darauf erzählte ich ihr, was ich mittlerweile erlebt hatte. «Dem Saukerl hast du sicher die Zungenspitze abgebissen», feixte sie, «der wird uns nun in Ruhe lassen.»

Zum Mittagessen erschien kein Haifischmaul, auch zum Abendessen nicht. Anderntags saß er an einem anderen Tisch und trank mit einem Strohhalm seine flüssigen Mahlzeiten. Alles grinste und sah vielsagend zu mir herüber. Nach dem Abendessen wollte mich der Hofmeester, dem ich mittlerweile hinten und vorn nicht traute, unbedingt sprechen. Ich betrat sein kleines Büro, er sprang von seinem Stuhl auf und bot mir den Platz an, aber ich setzte mich nicht. «Fräulein Wildhaber», begann er, «ich habe für Sie eine prachtvolle eigene Kabine, Sie werden sicher lieber allein als mit Fräulein de Lange zusammen sein.»

«Ganz im Gegenteil», entgegnete ich, «ich bin gern mit Fräulein de Lange zusammen und habe keinen Bedarf an einer eigenen Kabine.» Damit verließ ich sein Büro.

Bevor ich meiner Zimmergenossin beim Zubettgehen davon erzählen konnte, platzte sie schon heraus: «Eben hat mich der Hofmeester angesprochen und mir eine schöne Einzelkabine angetragen, aber ich habe abgelehnt, ich bleibe lieber mit Ihnen zusammen.» Als sie nun von mir hörte, dass mir dasselbe Angebot gemacht worden war, zweifelten wir beide nicht daran, dass eine große Gemeinheit dahinterstecken musste, und wir versprachen uns gegenseitig, weiter zusammenzuhalten.

Als ich am nächsten Morgen den Frühstückssaal verließ, sprach mich ein älterer Engländer an, er wolle mich kurz allein sprechen. Was er mir denn zu sagen habe, fragte ich misstrauisch zurück. «Hier kann ich es Ihnen nicht mitteilen, kommen Sie doch bitte mit mir aufs Oberdeck.» Skeptisch blickte ich ihn an, da lachte er und zeigte auf seine weißen Schläfen. Na, dachte ich, oben an Deck kann ich ihm auch eine langen, wenn es nötig sein sollte. Er stellte sich als Mr.Honeyball vor und berichtete mir, er habe ein Gespräch zwischen dem Obersteward und Herrn Padberg mitgehört, man würde mir eine eigene Kabine anbieten. Ich solle dies um Himmels willen nicht annehmen und möchte ihm doch erlauben, sich immer etwas in meiner Nähe aufzuhalten. Er habe zwei Töchter in meinem Alter und wolle mich wie diese beschützen. Eine junge Kinderschwester sei heute Nacht überfallen worden und habe sogar über Bord springen wollen. Die habe er leider vorher nicht warnen können.

«Und sehen Sie, ein wenig Verständnis muss man für die jungen Burschen ja auch auf bringen. Die meisten von ihnen sind Sinkeys, Assistenten. Das sind die Anfänger auf den Plantagen und bei den Öl- oder Bergwerksgesellschaften. Sie wissen genau, dass sie vor Ablauf der nächsten sieben Jahre nicht mehr nach Europa kommen. Manche von ihnen haben eine Verlobte zurückgelassen, die meisten von ihnen aber wissen nicht einmal, an wen sie denken sollen, wenn sie die Sehnsucht nach einer Frau überkommt. Deshalb schlagen sie hier so über die Stränge.»

«Dann muss es meinem Schwager damals wohl auch so gegangen sein», bemerkte ich. «Er kam nach sieben Jahren zurück in die Schweiz und heiratete dann meine Schwester. Sie sind jetzt seit ein paar Jahren wieder in Sumatra, und ich fahre hin, um meinen kleinen Neffen zu hüten.»

«Sie sind noch nicht verlobt, Fräulein Wildhaber?»

«Gott behüte, nein!», antwortete ich prompt.

«Nun, schon deshalb sind Sie hier an Bord Freiwild für die Herren. Normalerweise sind alle alleinreisenden Frauen irgendwie schon gebunden oder wenigstens ‹versprochen›. Deshalb dürfen Sie sich nicht wundern, dass die Jungs alles versuchen, Sie zu erobern! Vielleicht hätten Sie sich einen Verlobungsring zur Tarnung anstecken sollen. Aber seien Sie unbesorgt, ich werde mein Bestes tun, um Sie zu beschützen.» Von nun an stellte er seinen Deckstuhl immer in unsere Nähe, und siehe da, alle Übergriffe hatten ein Ende.