Mein heimlicher Hunger - Gundis Zámbó - E-Book

Mein heimlicher Hunger E-Book

Gundis Zámbó

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Beschreibung

Gundis Zámbó ist zehn, als sie das erste Mal im Sportunterricht in der Schule feststellt, dass sie dickere Beine hat als die anderen Mädchen in ihrer Klasse. Die nun folgenden Jahre, die einsetzende Pubertät, sind der Beginn eines jahrelangen Kampfes gegen ihr – objektiv gar nicht vorhandenes – Übergewicht. Eines Tages verraten ihr Freundinnen, wie man nach Herzenslust essen und trotzdem dünn bleiben kann – die Ess-Brech-Sucht, die Bulimie, hält Einzug in ihr Leben. Je älter Gundis wird, desto verbissener versucht sie, sich ihren Körper untertan zu machen. Nur so könne sie die perfekte Tochter, Mutter und Geschäftsfrau sein. Ihre Essstörungen nehmen lebensbedrohliche Züge an. Aber schließlich gelingt es Gundis, sich aus den Fängen der Bulimie zu befreien.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 379

Veröffentlichungsjahr: 2009

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Gundis Zámbó

Mein heimlicher Hunger

Ich hatte Essstörungen und bin geheilt

Inhaltsverzeichnis

Widmung

Anmerkung der Autorin

Vorwort

Schreiben ist Therapie

Zum Kotzen

Omama

Arschwackeln ist erst ab vierzehn erlaubt!

Keine weiteren Fragen

Große, weite Welt

As big as possible

Wie eine Fremde

Baby, ich bring dich ganz groß raus!

Die zarteste Versuchung, seit es Fernsehen gibt

Und kochen kann sie auch noch

Die Reise nach innen

Die Liebe leben

Wie neugeboren

Nachwort

Adressen und Hilfe

Literatur

Danksagung

In Gedanken an dich, Gábor, und für dich, meine Greta, damit du nie vergisst, wie wertvoll du bist

Dieses Buch erzählt meine wahre Geschichte. Natürlich aus subjektiver Sicht – so subjektiv, wie Erinnerungen nun mal sind. Um die Privatsphäre der Protagonisten zu schützen, habe ich teilweise Namen und in einigen Fällen auch charakteristische Züge bzw. Lebensumstände verfremdet.

Vorwort

Dies ist ein offenes und ehrliches Buch von einer mutigen Frau. Sie hat ein heimtückisches Leiden, die Bulimie, viele Jahre im Verborgenen mit sich herumgetragen. Als sie das Problem endlich erkannt hat, in sich erkannt hat, ist sie es mit der ihr eigenen Energie angegangen. Sie hat sich ihrer Krankheit mit einer Gründlichkeit und Unerschrockenheit gestellt, die nicht wenige Menschen, darunter auch so manche Betroffene, das Fürchten lehrt. Sie hat ihr Problem ergründet, es offengelegt und ausgebreitet, und zwar in allen übelriechenden, peinlichen und abstoßenden Einzelheiten. Sie hat das Leiden vor sich entblößt, auch auf die Gefahr hin, selbst davor wegzulaufen. Aber gerade dies war die einzig richtige Art und Weise, ihrer Krankheit wirklich beizukommen.

Und sie schließlich zu überwinden.

Gundis Zámbó hat das Abenteuer ihres Lebens in diesem Buch in einer Sprache aufgeschrieben, die an Klarheit nichts zu wünschen übriglässt. Sie hat dies in erster Linie für sich selbst vollbracht, um sich vor alten Lügen und Rechtfertigungen endgültig in Schutz zu nehmen und zu bewahren. Zugleich ist dieses Buch aber auch eine Ermutigung für ihre Leidensgenossinnen und -genossen, es ihr gleichzutun. Nicht zuletzt richtet es sich aber auch an nicht Betroffene und Angehörige von Erkrankten, die nach der Lektüre sicher mehr Verständnis für Menschen mit Essstörungen haben werden.

Dieses Buch ist ein großer Sieg und zugleich ein großes Vorhaben. Ich wünsche ihm viele erkenntnishungrige Leser. Den Betroffenen, die das Wagnis eingehen, es zu lesen, wird es ein Segen sein.

Dr. med. Franz Josef Stickel

Internist und Psychoanalytiker

Schreiben ist Therapie

«Wir haben […] die Erfahrung gemacht, dass unsere Patientinnen die wahren Expertinnen in Sachen Magersucht und Bulimie sind. Wo wir die Essstörungen sozusagen von außen, anhand von Zeichen und Verhaltensweisen festmachen […], da sehen sie nach innen, fördern Erlebnisse und Gefühle zutage, stellen Assoziationen zu ihrem gestörten Essverhalten her, auf die wir mit unserem psychologisch-psychiatrischen Wissen nicht gekommen wären. Wer essgestörten Frauen zuhört, kann viel über den Sinn ihrer Krankheit erfahren und vermag sie auf diese Weise vielleicht besser zu verstehen.»

GERLINGHOFF/​BACKMUND, S.56

Mein Name ist Gundis Zámbó. Ich bin Mutter, Hausfrau, Lebensgefährtin, Moderatorin, Schauspielerin und Autorin. Und ich habe eine Geschichte zu erzählen. Es ist die Geschichte von der Sehnsucht nach Erfolg und Schönheit, von der Sehnsucht nach Liebe – nach Liebe zu mir selbst. Es ist meine Geschichte.

Ich habe fünfundzwanzig Jahre lang mit einer Essstörung gelebt und mich schließlich selbst geheilt. Und zwar, indem ich meine Liebe zu mir entdeckt und angenommen habe. Jetzt lebe ich ein zweites Mal. Das ist mein Glück.

Wenn jeder lernen würde, sich so anzunehmen, wie er ist – mit allem, was dazugehört: dicken Oberschenkeln, dünnen Haaren, Selbstzweifeln, Sorgen, Träumen, Frust und Freude–, dann wäre die Welt ein bisschen mehr in Ordnung.

Wir sind geboren, um so zu sein, wie wir sind. Nicht, um so zu werden, wie irgendjemand uns gerne hätte, und auch nicht, um dem Bild zu entsprechen, das wir selbst – beeinflusst von Medien und Gesellschaft – im Laufe der Jahre von uns geschaffen haben. Schließlich sind wir keine Roboter, wir sind Menschen.

Ich empfinde mein Leben als beispielhaft, denn es zeigt, wie man schleichend in die Fänge dieser Krankheit geraten kann und wie es möglich ist, sich aus eigener Kraft von den Essstörungen zu befreien, um ein neues, gesundes und erfülltes Leben zu beginnen.

Die Lektüre dieses Buches, das sei Ihnen hier verraten, ist gewiss nicht immer leicht, und sensible Naturen werden sich vielleicht hier und da schockiert abwenden. Aber was ist schon leicht?

Diese Krankheit ganz bestimmt nicht, genauso wenig wie ihre Aufarbeitung. Entsprechend lange hat es gedauert, bis dieses Buch endgültig in der heutigen Fassung vorlag. Im Jahr 1996, als mein Leben aus den Fugen geriet, habe ich angefangen, meine Geschichte aufzuschreiben. Damals kam einfach zu viel zusammen: zum einen die Trennung vom Vater meiner Tochter inklusive Gerichtsverhandlungen, einstweilige Verfügungen, Presserummel, Bodyguards und Psychoterror, zum anderen die Auflösung meines Vertrages bei SAT.1 und die bittere Erfahrung, dass viele meiner Freunde gar keine wahren Freunde waren. Der Kreis derer, die diesen Titel wirklich verdienen, reduzierte sich schnell auf ein Minimum. Wie heißt es doch so schön? «Freunde in der Not gehen tausend auf ein Lot.»

Zwar hatte ich damals die Einsicht, dass ich ein ernsthaftes Essproblem habe, dass meine Lebensphilosophie nicht funktioniert, dass Dünnsein meine Sehnsüchte nicht stillt und dass Bewunderung von außen mir kein inneres Glück geben kann. Aber was nun? Mein in jahrelanger Arbeit aufgebautes Kartenhaus brach mit einem Mal in sich zusammen, und plötzlich fühlte ich mich nackt, verletzbar und einsam. Ich war unglücklich und meines bisherigen Lebens überdrüssig. Ich musste also etwas ändern. Nur was? Und wie?

Der erste Schritt lautete: Erkenntnis. Ich musste herausfinden, warum ich überhaupt an diesem Punkt angelangt war. Also fing ich an zu schreiben, und im Grunde war es wie eine Therapie für mich. Das Zu-Papier-Bringen meines Lebens lief bei mir damals fast unbewusst ab, und wahrscheinlich war es genau deshalb so authentisch. Jedenfalls durchlebte ich alle Phasen meines Lebens und die damit verbundenen Emotionen noch einmal. Das brachte zwar viele Tränen mit sich, aber auch Erleichterung, Erkenntnis, Freude und eine unbändige Lust auf ein neues Leben. Und es brachte all diese Zeilen hervor, aus denen letztlich mein Buch entstanden ist.

Nachdem ich mir beim Aufschreiben über die wichtigsten Dinge klar geworden war, ging es an die Aufarbeitung. Allerdings war die Umsetzung des Erkannten wesentlich schwieriger, als ich es mir je vorgestellt hatte. Während dieser alles andere als leichten Phase schrieb ich fleißig weiter, doch irgendwann wurde mir alles zu viel. Ich packte die vollgeschriebenen Blätter, Hefte und Blöcke in eine große Plastiktüte und verstaute mein bisheriges Leben ganz oben hinter den Winterpullovern im Kleiderschrank. Dort blieb es erst einmal liegen.

Ich erwog damals durchaus, meine Erfahrungen und Erlebnisse zu veröffentlichen. Schließlich waren Essstörungen schon 1996 ein immer brisanter werdendes Thema, und die Zahl der Betroffenen nahm rapide zu. Dennoch konnte ich es nicht, denn mir fehlte dafür ein ganz entscheidender Teil des Prozesses: die Heilung. Ich hatte nämlich kein Ende für mein Buch, da ich noch immer von der Krankheit betroffen war.

Jetzt, über zehn Jahre später, bin ich gesund. Trotzdem wäre es falsch, zu behaupten, mein Heilungsprozess sei endgültig abgeschlossen, denn der wird andauern, solange ich lebe. Wie bei Alkoholikern, die trocken sind, haben auch Menschen mit Essstörungen für den Rest ihres Lebens mit ihrer Sucht zu tun – denn um nichts anderes handelt es sich bei einer Essstörung.

Aber zumindest weiß ich inzwischen, wer ich bin, was ich will, was mein Leben bereichert, wie ich mit mir umgehe und was mich nährt. Ich habe meinen Selbstwert erkannt und gefunden. Ich mag mich. Ich bin glücklich. Das wirkliche Ende meiner Geschichte als Betroffene, sofern es überhaupt eines gibt, steht in den Sternen. Aber eines ist sicher: Ich habe meine erste Lebenshälfte abgeschlossen und meine Essstörung überwunden.

Wie neugeboren starte ich nun in die zweite Lebenshälfte mit Erkenntnissen, die so wertvoll sind, dass ich mich auf all das freue, was noch kommen wird. Ich weiß, es wird ein reiches und authentisches Leben werden, das mir niemand nehmen kann. Denn ich habe gelernt, mir selbst von innen heraus das zu geben, wonach jeder Mensch sucht und was er mit Hilfsmitteln wie Erfolg, gutem Aussehen, Anerkennung, Bewunderung und Geld zu erlangen glaubt: die Liebe zu sich selbst. Ich brauche diese Hilfsmittel nicht mehr, um meine Sehnsüchte zu stillen, was natürlich nicht heißt, dass ich all diesen Dingen abgeschworen habe. Selbstverständlich möchte ich nach wie vor gut aussehen, Geld und Erfolg haben und von anderen Menschen geliebt werden. Ich lebe nun mal – wie wir alle – auf dem Marktplatz dieses Lebens. Aber heute, nach meiner Genesung, besteht der Unterschied zu damals darin, dass ich all diese Dinge für mich nutze und sie nicht zur Grundlage meines Handelns und meines Glücks werden lasse.

Über zehn Jahre habe ich Einsichten und Erfahrungen in mir wachsen und gedeihen lassen, und jetzt schicke ich sie als Buch in die Welt. Nicht, weil ich andere Menschen missionieren oder bekehren möchte, und auch nicht, weil ich meine, die Nation mit meiner Autobiographie beglücken zu müssen. Ursprünglich war Mein heimlicher Hunger eine Form der Selbsttherapie, inzwischen ist es hoffentlich ein Stück Aufklärung geworden.

Was ich all die Jahre ahnte, aber nicht wusste, während ich unter meiner Krankheit litt: Essstörungen betreffen heutzutage erschreckend viele Menschen in unserer Gesellschaft. Und die Tendenz ist steigend, wozu nicht zuletzt die Medien und das von ihnen geprägte extreme Schlankheitsbild beigetragen haben.

Es gibt verschiedene Formen von Essstörungen. Neben der anorexia nervosa, besser bekannt als «Anorexie» oder «Magersucht», bei der die Betroffenen die Nahrungsaufnahme auf eine tägliche Essensration von einer Tomate oder einem Apfel reduzieren oder die Nahrungsaufnahme gar komplett verweigern, ist die Bulimie, umgangssprachlich «Ess-Brech-Sucht», das typischste Beispiel für eine Essstörung. Die genaue Bezeichnung bulimia nervosa stammt ursprünglich aus dem Griechischen und heißt übersetzt «Ochsenhunger». Der Zusatz nervosa deutet darauf hin, dass die Ursachen der Krankheit psychischer Natur sind.

An Bulimie erkrankte Menschen nehmen übergroße Mengen an Nahrung zu sich, um anschließend aktiv ein Erbrechen herbeizuführen oder um sich durch die Einnahme von Abführ- und/​oder harntreibenden Mitteln des Gegessenen wieder zu entledigen. Die Essattacken, bei denen jeweils bis zu zehntausend Kalorien und mehr, also regelrechte Unmengen – die normale Tagesration einer Frau beträgt gerade mal zweitausend Kalorien–, zugeführt werden, enden stets mit anschließendem Erbrechen und können in schweren Fällen bis zu zehnmal täglich oder noch häufiger auftreten. Bei mir war das nicht anders.

Während anorektische Menschen rein optisch durch ihr extremes Untergewicht auffallen, haben Bulimiker zwar meist eine sehr schlanke, aber doch eher normale Figur und wirken nicht so abgemagert. Und die anderen Begleiterscheinungen der Essstörung, etwa schlechte Zähne, brüchige Fingernägel, stumpfe Haare, lassen sich relativ leicht verbergen.

Da bei beiden Krankheiten die panische Angst der Betroffenen vor einer Gewichtszunahme im Vordergrund steht, ist das exzessive Betreiben von Sport ein typisches Merkmal für essgestörte Menschen. Frauen stellen übrigens mit über neunzig Prozent die größte Gruppe bei den Bulimikern. Ebenso unglaublich, aber wahr: Ganze dreieinhalb Prozent aller Frauen im Alter von vierzehn bis fünfundzwanzig Jahren leiden unter Bulimie, und das «Einstiegsalter» liegt heute oft schon bei zehn Jahren oder gar darunter. Aus Scham halten fast alle Betroffenen, genau wie ich, ihre Krankheit lange geheim. Daher kommt es in der Regel erst nach fünf Jahren zum ersten Behandlungsversuch. Doch nicht immer verspricht eine Therapie auch wirklich Heilung. Eine deutliche – und vor allem dauerhafte – Verbesserung des Krankheitsbildes tritt bei etwa vierzig Prozent aller behandelten Patientinnen ein, eine geringe immerhin bei knapp zwanzig Prozent, der Rest der Therapien erweist sich als erfolglos.

Bei den Vierzehn- bis Fünfunddreißigjährigen leiden sogar bis zu fünf Prozent der Frauen unter einer Essstörung, und auch die Zahl der von Bulimie oder Anorexie betroffenen Männer nimmt rapide zu. Eines darf man nicht vergessen: Etwa zehn Prozent der erkrankten Männer und Frauen sterben, und in aller Regel ist der Krankheitsverlauf sehr langwierig. Etwa die Hälfte aller Essgestörten leidet noch nach zehn Jahren an ihrer Krankheit.

Ich habe, wie bereits erwähnt, ganze dreiundzwanzig Jahre – mit einer kurzen Unterbrechung während meiner Schwangerschaft – an Bulimie gelitten. Ich bin, was diese Krankheit angeht, eine Vorreiterin, denn ich zähle nicht nur zu den ersten Betroffenen, sondern ich habe den Mut, meine Geschichte zu erzählen. Ich habe all das erfahren, wonach so viele junge Menschen streben. Sie glauben, wie auch ich mir lange Jahre eingeredet habe, ihr Glück in einem perfekten Image zu finden: ein makelloser Körper, Jugend, Frische, Erfolg, Starruhm, Bewunderung, Luxus. Ich wollte alles und noch viel mehr: stets ein offenes, freundliches Wesen an den Tag legen und zudem die perfekte Tochter, Geliebte, Mutter, Geschäftsfrau und Society-Lady sein – am besten alles gleichzeitig! Dass das zwanghafte Streben nach diesen Werten irgendwann zum Wahn werden kann, der schließlich in eine lebensbedrohliche Essstörung mündet, habe ich am eigenen Leib erfahren. Doch mir ist es dank meiner Willenskraft und der Unterstützung durch mir wichtige Menschen gelungen, mich aus den Fängen der Bulimie zu befreien. Ich habe es geschafft, mich zu heilen, gesund und zufrieden zu werden.

Das Schwierige daran war, diese lange psychische Durststrecke zu durchschreiten, denn der Heilungsprozess umfasst viele Stationen. Es war wirklich alles andere als leicht, meine Erkenntnisse im Alltag umzusetzen. Schließlich galt es nicht, mein Leben umzukrempeln, denn das hatte ich mir ja bewusst so eingerichtet, wie es war. Das Entscheidende war und ist auch heute noch vielmehr, mit meinem Leben und vor allem mit mir selbst anders umzugehen, andere Wertmaßstäbe zu setzen. Ganz besonders schwierig war es, den gesunden Umgang mit dem «Suchtmittel» Essen zu erlernen.

Rauchen, Alkohol und andere Drogen kann man letztlich aus seinem Leben verbannen. Essen dagegen nicht. Ohne Essen sterben wir. Ess-Brech-Süchtige können ihrer Droge daher nicht «einfach» entsagen, sondern sind ihr auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Sie müssen stattdessen lernen, mit ihr umzugehen. Sie müssen lernen, Lebensmittel nicht als Todfeinde, sondern im wahrsten Sinne des Wortes als «Mittel zum Leben» zu betrachten.

Auf meiner Suche nach einem Ausweg aus meiner Situation habe ich mir einen ganzen Berg an Fachliteratur besorgt, auch gibt es inzwischen unzählige Artikel und Beiträge zum Thema in den Medien. Mutige Frauen wie Lady Di, Victoria Beckham, Kelly Osbourne, Veronika Ferres oder Kronprinzessin Viktoria von Schweden haben in den letzten Jahren den Schritt in die Öffentlichkeit gewagt und sich zu ihrer Essstörung bekannt. Muriel Hemingway dagegen wurde als Betroffene erst in den Medien «abgehandelt», nachdem sie infolge von Bulimie an Herzversagen gestorben war. Dennoch bin ich bei all meinen Recherchen kaum auf Berichte von Betroffenen gestoßen, in denen jemand sozusagen «aus erster Hand» berichtet, was die Bulimie mit einem Menschen anstellt, wie sie sich anfühlt und welchen emotionalen Achterbahnfahrten man als Bulimiker ausgesetzt ist.

Nicht zuletzt aus diesem Grund will ich in diesem Buch erzählen, was in meinem Leben dazu geführt hat, dass ich an Bulimie erkrankt bin. Ich will erzählen, wie es mir mit meiner Essstörung gegangen ist, wie ich mich damit gefühlt habe, wie diese Krankheit mein Leben bestimmt hat. Und ich will erzählen, wie ich Heilung erfahren habe, was mir wirklich geholfen hat. Abgesehen davon, dass ich das Versteckspiel, all die Lügen und Ausflüchte irgendwann satthatte, will ich vor allem Betroffenen aufzeigen, dass sie mit ihren Nöten nicht allein sind. Es gibt unglaublich viele Menschen, die dasselbe durchmachen und von Sorgen und Zweifeln geplagt werden. Aber es gibt mindestens so viele Lösungen, es gibt Auswege aus den Fängen dieser Krankheit, und es gibt professionelle Hilfe – auch wenn ich selbst sie nicht in Anspruch genommen habe.

Deshalb nehme ich auch kein Blatt vor den Mund, deshalb beschreibe ich schonungslos und authentisch – und manchmal auch unappetitlich und schockierend–, was Bulimie wirklich ist, wie es möglich ist, sich von der Sucht zu befreien, und was Heilung wirklich bedeutet.

Wenn ich mir für dieses Buch eines wünschen dürfte, dann das: Es möge Aufklärung und Transparenz für dieses oft nebulöse Thema schaffen und die Mauer des Schweigens endgültig niederreißen.

Denn dann hat es sich wirklich gelohnt, dass ich nach so vielen Jahren die Plastiktüte aus meinem Kleiderschrank gekramt und das Buch zu Ende geschrieben habe.

Zum Kotzen

Bulimie ist der Hammer, sie ist ein Vampir, ein echter Killer! Sie saugt dich aus! Sie macht dich fertig. Sie bringt dich um – wenn du Pech hast!

Oft fängt es völlig harmlos an. Das Ganze ist zwar eklig, aber durchaus praktisch, denn es funktioniert: Du kannst essen, so viel du willst, und bleibst dabei schlank. Doch irgendwann schleicht sie sich immer mehr in dein Leben, diese Sucht. Sie legt sich um deinen Körper wie ein Gürtel, der enger und enger wird. Sie schnürt dich ein, immer mehr. Sie drückt dich zusammen. Sie macht dich klein, macht dich schwach. Bis die Bulimie die Macht über dich ergriffen hat. Du bist niemand mehr. Du denkst Bulimie. Du fühlst Bulimie. Du lebst Bulimie. Du bist Bulimie. Du fühlst dich zum Kotzen. Du bist zum Kotzen.

Schleier vor den Augen, Leere im Gehirn. Kein Gedanke, kein Fühlen, kein Garnichts mehr. Meine Hände zittern. Meine Knie werden weich. Vorsicht, damit niemand etwas mitbekommt! Beim Gehen knicke ich ein und versuche verzweifelt, aufrecht zu bleiben, damit es keiner sieht. Ich spüre, wie die Bulimie mir das Blut aus dem Kopf saugt, mir das Leben entzieht. Hoffentlich bemerkt mich niemand! Verdammt, diese Sterne vor den Augen – wo sind die nur her? Ich mag nicht mehr aufrecht stehen, möchte am liebsten in mich zusammensinken, und zwar hier und jetzt! Ich möchte diesen Irrlichtern folgen, möchte schwach sein, endlich aufhören zu kämpfen – jedes Mal wieder, nach einem entleerenden Toilettengang.

Doch ich weiß, dann hat sie gewonnen, dann hat sie mich endgültig in ihren Fängen. Ich will nicht! Ich will nicht Bulimie sein! Aber sie packt und umschlingt mich wie eine Spinne ihr Opfer. Sie umschlingt mich und saugt mich aus, macht mich leer, nimmt mir meine Seele. Wie ich sie hasse, diese Bulimie!

Genauso wie die Fressanfälle. Sie sind mein ständiger Begleiter. Ich werde sie einfach nicht los. Immerzu sind sie da, lauern auf ihren Einsatz, attackieren mich, wo ich gehe und stehe. Im Auto, im Studio, bei Fernsehaufnahmen, im Bett, in der Badewanne, beim Tennisspielen. Immer und überall sind sie bei mir und lassen mich nicht aus ihren Fängen. Ich hasse auch sie!

Und erst diese Toiletten! Nie hätte ich gedacht, dass Toiletten mal eine so große Rolle in meinem Leben spielen würden. Diese nach Pisse stinkenden, ewig nassen und verdreckten Toiletten. Allein die Türklinken anzufassen kostet mich jedes Mal aufs Neue eine unvorstellbare Überwindung. Aber ich tu’s. Sofort schlägt mir ein Schwall mieser Luft entgegen – sofern man den Gestank überhaupt als Luft bezeichnen kann. Diese widerliche Melange aus Desinfektionsmitteln, Urin, Kot, gebrauchten Damenbinden und dem Schweiß der Klofrau, die den verdreckten Lappen, mit dem sie gerade über die Brillen gewischt hat, mit bloßen Händen im trüben Wischwasser ausspült.

Ich spüre schon lange keinen Ekel mehr, bloß noch Gleichgültigkeit und Leere. Trotzdem möchte ich am liebsten rückwärts wieder herausfallen aus der Kabine. Doch ich kann nicht. Eine schier unbezwingbare Kraft treibt mich hinein in die Bedürfnisanstalt. «Anstalt» ist in diesem Fall wirklich eine treffende Bezeichnung. Die Kraft der Sucht, die mich ergriffen hat, zwingt mich in die Toiletten dieser Welt. Ich habe gegen sie nicht die geringste Chance.

Hinter mir fällt die Tür zu. Ich bin gefangen im Vorraum der Toilette. Es gibt nun kein Zurück mehr. Ich starre auf den Boden, schäme mich vor den Blicken der anderen, vor mir selbst, vor Gott. Denn ich weiß, was gleich auf mich zukommt. Ich will es zwar nicht, aber ich muss es hinter mich bringen.

Hastig sehe ich mich um und versuche, normal zu wirken, den anderen Frauen ganz natürlich in die Augen zu sehen, damit sie nichts merken. Sie merken doch nichts, oder? Ich versuche zu lächeln und pfeife locker vor mich hin auf meinem Weg zum Ort des Geschehens. Sie merken doch etwas. Warum sonst sollten sie mich so anstarren? Oder bilde ich mir das alles nur ein? Nein, ich sehe ihre Blicke, spüre ihre Blicke in meinem Rücken, direkt und indirekt, über Spiegel, durch Brillen. Diese vorwurfsvollen, durchdringenden Blicke, die mich anklagen – so kommt es mir zumindest vor. Blicke, die mich quälen. Ich möchte schreien, weglaufen, dem Ganzen ein Ende bereiten, mich befreien. Doch ich kann nicht! Ich werde gezwungen, diesen Weg zu gehen, gezwungen von einer Kraft, die mich in ihren Bann gezogen hat, von meiner Sucht, der Ess-Brech-Sucht. Ja, es ist wirklich und wahrhaftig eine Sucht!

Wenn doch nur dieser quälende Druck in meinem Bauch nicht wäre. Ich habe das Gefühl, gleich zu platzen. Mein Bauch ist voll bis oben hin. Mehr geht nicht. Und ich spüre, dass es allerhöchste Zeit ist: Ich muss mich beeilen. Ich weiß nicht mehr, was ich genau gegessen habe. Ich weiß auch nicht mehr, wie viel es war. Ich weiß nur noch, dass es viel war. Sehr viel. Zu viel. Ein Bissen mehr, und ich wäre explodiert – mein Magen wäre gerissen oder die Speiseröhre oder sonst was. Getrunken habe ich zum Glück genug. Das Gegessene müsste also weich genug sein, damit ich es schnell und einfach wieder loswerden kann.

Es ist wichtig, beim Essen möglichst viel zu trinken. Sonst kann man sich hinterher des Mageninhalts nicht gut entledigen, weil er zu dick und schwer geworden ist. Dann geht es einem lange Zeit richtig schlecht, und zwar genau so lange, wie es dauert, bis man sich auf natürliche Art und Weise entleert hat. Das kann für einen Bulimiker ewig dauern. Und es bedeutet: ewige Qualen, ewiger Druck, ein ewig schlechtes Gewissen. Und dazu ein ewiges Ekelgefühl.

Das alles spüre ich, während ich im Vorraum der Toilette stehe. Wie habe ich mir das nur antun können? Wie konnte ich dieser Sucht nur wieder nachgeben? Ich fühle mich so was von schlecht, vollgestopft wie eine Gans, die gemästet wurde, damit möglichst viele Menschen von ihrer Leber essen können. Ob meine Leber wohl auch schon größer geworden ist? Genau wie bei diesen Stopfgänsen? Was für eine Vorstellung!

Ich kann mich kaum mehr gerade halten, so stark ist der Druck auf meinen Bauch. Ich muss mich so schnell wie möglich von all dem Zeug befreien und meinen Weg fortsetzen, auch an den Blicken der anderen vorbei. Ich komme mir schäbig vor, habe das Gefühl, dass mich selbst die schwitzende Klofrau mit ihren Urinfingern durchschaut hat, und weiß, was ich im Schilde führe, was mir zum fünften Mal an diesem Tag bevorsteht. Und der Tag ist noch lange nicht vorbei.

So schleiche ich möglichst unauffällig pfeifend dahin. Welche Toilette nehme ich denn diesmal? Welche Kabine ist die größte, damit ich genug Platz habe, um mich hinunterzubeugen? In welcher können die anderen Frauen am wenigsten hören und sehen? Normalerweise ist die letzte Toilette in der Reihe ideal. Bei welcher Kabine kann man durch den unteren Rand der Trennwände die Füße erkennen und sehen, dass sie in die falsche Richtung zeigen? Die darf ich auf keinen Fall nehmen! Welche Kabine hat ausreichend Klopapier und eine Klobürste, damit ich sämtliche verräterischen Spuren hinterher gut wegwischen kann? Gibt es vielleicht eine mit Duftspender, sodass ich den entlarvenden Geruch vertreiben kann? Das wäre optimal! Nicht zuletzt muss natürlich die Tür perfekt schließen. Viele Toiletten haben defekte Schlösser und gehen gleich auf, wenn jemand mit Schwung gegen die Tür drückt. Ein Horror: Plötzlich steht jemand hinter dir und sieht dir zu!

Das Abchecken der Räumlichkeiten muss schnell gehen. Schließlich kann ich nicht ewig vor den Kloreihen stehen und nachdenken, das würde mich gleich verraten. Ein paar hastige, heimlich prüfende Blicke, dann die Entscheidung! Die letzte, die entlegenste Kabine soll es sein. Stinken tun sie sowieso alle! Ich mache mich also auf den Weg, bewege mich langsam, aber zielsicher auf den auserwählten Ort zu und öffne die Tür. Ich hasse Toilettentürenklinken. Entweder sind sie nass, wovon auch immer, oder sie fühlen sich einfach nur dreckig an.

Wieder trifft mich der Gestank wie eine Keule. Allein von dem widerlichen Geruch, der mir x-mal am Tag entgegenschlägt, ist mir jetzt schon zum Kotzen. Dazu dieser Druck, dieser schier unerträgliche Druck auf meinen Bauch. Ich muss es einfach tun. Jetzt nur noch schnell die Tür hinter mir zumachen, abschließen, alles klar. So weit bin ich schon mal sicher und habe gute Chancen, unentdeckt zu bleiben. Der Schlitz zwischen Boden und Trennwänden ist eng genug, und auch Klopapier ist zur Genüge da. Zwar gibt es kein Duftspray, aber da es sich um eine öffentliche Toilette handelt, wird wohl niemand ausmachen können, ob ich, meine Vorgängerin oder sonst wer diesen Geruch hinterlassen hat. Jenen bittersüßen Geruch von Frischerbrochenem, der mir auf privaten Toiletten immer Sorgen bereitet.

Meiner Befreiungsaktion steht nun also nichts mehr im Wege – bis auf mein ungutes Gefühl. Wie gerne würde ich auch einfach nur kurz pinkeln und diesen Ort ganz schnell wieder verlassen, so wie alle anderen hier. Alle? Wohl kaum. Weiß ich doch inzwischen, dass sehr viele Menschen die gleichen Qualen durchmachen wie ich. Das lässt sich an verschiedenen Merkmalen feststellen, die nur Gleichgesinnte bemerken. Leider kenne ich sie nur zu genau.

Da wäre zum einen die Klomuschel: Diejenigen, die sich schon lange nicht mehr schämen und denen alles egal geworden ist, reinigen die Muschel hinterher nicht einmal mehr. Befinden sich dort also Flecken und Spritzer, die nicht wie Kot aussehen und auch nicht so riechen, dann sind es mit ziemlicher Sicherheit Essensreste, die bereits diverse Wege hinter sich haben. Meistens sind sie ähnlich braun wie Kot, riechen aber ungewohnt, eher süßlich oder ganz schlicht nach Kotze. Manche Bulimiker, die unentdeckt bleiben wollen, versprühen deshalb anschließend mitgebrachtes Parfüm. Jedenfalls hängt der Geruch davon ab, wie schnell es der Betroffene auf die Toilette geschafft hat. Einige erleichtern sich sofort nach dem Essen, dann riecht das Erbrochene noch einigermaßen erträglich. Andere lassen sich bis zu ein paar Stunden Zeit, und dann wird es für die Nachfolgerin auf der Toilette eher unangenehm, wenn nicht gar unerträglich.

Ein weiteres Indiz lauert in dem Wasser, das in der Toilettenschüssel steht. Sehr sorgsame Bulimiker spülen so oft nach, bis das Wasser wieder klar ist – so habe ich es jedenfalls immer getan. Andere achten gar nicht darauf, noch nicht einmal auf die Essensreste, die nach dem Abziehen oft noch auf der Wasseroberfläche schwimmen, weil sie zu leicht sind, um im Strudel hinabgezogen zu werden. Honigsmacks zum Beispiel. Oder nicht ordentlich zerkaute Wurstreste, die sich im Wasser nicht auflösen. In solchen Fällen hilft es, wenn man ein Stück Klopapier in die Toilette wirft. Beim Spülen wird es mit herumgewirbelt, wickelt sich um die Essensreste und zieht sie so mit in die Kanalisation.

Verdächtig ist auch der ölige Film auf dem Wasser, den jeder kennt, der schon einmal Essensreste in der Toilette entsorgt hat.

Jetzt bin ich also dran. Sollte ich mich nicht sofort entleeren können, falle ich tot um. Ich muss endlich mein Geschäft erledigen. Leider kein kleines oder großes – wie leicht wäre das gewesen! Nein, ein Geschäft, das sich wie der höchste Berg der Welt vor mir auftürmt. Also los, denke ich, bring die Selbstgeißelung endlich hinter dich, dann geht es dir wieder besser – zumindest für kurze Zeit! Denn ich weiß: Ist der Magen erst einmal leer, packt mich sogleich wieder der Hunger, und dann geht das verdammte Spiel von vorne los. Als Bulimiker schwankt man ständig zwischen absolutem Völlegefühl und nagendem Hunger im Bauch. Es ist ein einziger Teufelskreis.

Aber im Moment zählt nur das eine: Hinaus mit dem Müll in mir! Ich stelle mich also in Position direkt vor die Toilettenschüssel und beuge mich hinunter. Der Geruch wird immer unerträglicher! Gekotzt hat vor mir anscheinend niemand, dafür umso mehr und großflächiger gepinkelt. Vielleicht hätte ich mir doch eine andere Kabine aussuchen sollen. Egal, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Außerdem ist mir sowieso schon schlecht. Ob es hier auch noch beißend riecht oder nicht, spielt im Grunde keine Rolle mehr.

Ich tauche mit dem Kopf so tief es geht in die Schüssel ein, damit es so wenig wie möglich spritzt. Zum einen möchte ich hinterher nicht die komplette Kabine sauber machen müssen, zum anderen habe ich nicht die geringste Lust auf die ekelhaften Spritzer im Gesicht. Auf dieses widerliche Gemisch aus meinem Mageninhalt und den Bakterien, die in diesem Scheißklo herumschwimmen. Allein bei dem Gedanken wird mir schon wieder schlecht, und ich brauche diesmal gar nicht viel zu tun, denn mir dreht es von alleine den Magen um. Ich muss mir also nur einmal leicht auf den Bauch drücken, und schon spüre ich, wie die Dinge ihren Lauf nehmen. Langsam bewegt sich alles, womit ich mich in der letzten Stunde befriedigt habe, in Richtung Mund.

Hoffentlich bin ich früh genug dran, dann schmeckt es nicht ganz so unerträglich. Ich habe Glück, offenbar habe ich die Toilette noch einigermaßen rechtzeitig aufgesucht. Die Schokolade, mit der ich meine Orgie gekrönt habe, kommt zuerst zum Vorschein und schmeckt in der Tat noch nach Schokolade. Was dann folgt, ist ein Gemisch aus allem, was man sich vorstellen kann. Ich strenge mich an, damit der Strahl möglichst klein und direkt ist, um nicht sämtliche Zahnzwischenräume mit meinem Mageninhalt zu füllen. Außerdem halte ich mein Gesicht, hauptsächlich den Mund, nicht mitten ins Klo, sondern eher über den Rand, damit die ganze Soße nicht so heftig in die Schüssel platscht und mir in die Augen und sonst wohin spritzt, sondern schön am Rand hinunterläuft. Essensreste können in den Augen ganz gemein brennen.

Mein Magen ist jetzt fast leer. Endlich hat dieser unglaubliche Druck auf die Magenwände nachgelassen, und ich fühle mich sofort ein bisschen besser. Dann spüre ich aber, dass doch noch etwas in mir drin ist, und das muss selbstverständlich auch noch hinaus. Ein kräftiger Druck mit beiden Händen auf den Bauch, und zwar direkt unter den Magen, damit sich alles von unten nach oben bewegt, und schon entledige ich mich auch der letzten Reste. Diesmal muss ich besonders auf den Strahl aufpassen, denn was ich jetzt erbreche, befindet sich am längsten in meinem Körper und ist entsprechend mit Magensäure versetzt. Erstens schmeckt es widerlich, zweitens riechen diese Speisereste entsprechend, und drittens zerstört die Säure auf Dauer den Zahnschmelz. Daher haben die meisten Bulimiker auch Probleme mit den Zähnen.

Als ich merke, dass nichts mehr da ist, dessen ich mich entledigen könnte, als ich endlich schmecke und rieche, dass nun wirklich nur noch Magensäure vorhanden ist, lasse ich endlich von meinem malträtierten Bauch ab. Ich richte mich wieder auf – langsam, damit mir nicht gleich schwindelig wird–, wische mir den Mund mit Klopapier ab und spüle das ganze Elend hinunter. Weg damit! Ich drücke nochmal auf die Spültaste und reinige die Innenseite der Klomuschel mit der Bürste.

Zum Kotzen, was da alles zum Vorschein kommt! Offenbar hat die Klofrau diesen Arbeitsgang seit Jahren ausgelassen – widerlich! Die Sitzfläche wische ich mit Papier ab und denke mir, so sauber wird dieses Klo überhaupt noch nie gewesen sein. Danach putze ich mir noch schnell die Nase, denn die läuft nach dieser Prozedur immer, bis die Schleimhäute wieder abgeschwollen sind. Wenn alles gutgegangen ist, kommt nur ganz normales Schleimhautsekret heraus. Ab und zu ist jedoch der Druck, mit dem das Essen durch die Speiseröhre hinaufschnellt, so groß, dass ein Teil davon durch die Nase läuft. Das ist besonders schlimm, denn es tut nicht nur höllisch weh, sondern brennt im Einzelfall auch noch wie verrückt – je nachdem, wie viel Magensäure beigemischt ist.

So oder so ist es einfach ekelhaft, wenn einem die Kotze nicht nur aus dem Mund, sondern auch noch aus der Nase läuft. Außerdem bekommt man das ganze Zeug nicht durch einmaliges Schnäuzen heraus. Manchmal muss man sich eine halbe Ewigkeit danach noch die Nase putzen, etwa wenn ein Nudelstückchen sich da irgendwo festgesetzt hat und sich erst nach Stunden löst. Das nervt nicht nur, sondern ist auch noch sehr unangenehm und schmerzhaft.

Nachdem ich so weit alles wiederhergestellt habe, zupfe ich mir Haare und Kleider zurecht und trete meinen Weg in die Freiheit an. Jetzt nur noch schnell die Hände waschen, den Mund ausspülen und möglichst so tun, als hätte ich etwas in den Zähnen, damit es nicht so auffällt, und dann nichts wie raus aus den Fängen der Sucht! Wirklich? Ich fühle mich vorübergehend bestens. Absolut befreit, schön dünn. Mein Bauch ist jetzt wieder ganz wunderbar flach, herrlich! Und sauber fühle ich mich auch, denn den durch das Völlegefühl ausgelösten Ekel habe ich in der Bedürfnisanstalt gleich mit weggespült. Dieses Gefühl ist jedenfalls himmlisch! Nur hält es leider nicht lange an. Denn der Hunger und damit die nächste Fressattacke warten bereits.

Bald schon holt mich die Realität wieder ein, und ich spüre die eiserne Faust, mit der mich die schleichende Sucht wieder umklammern wird. Und ihr Griff wird immer fester…

Omama

«Das Einverleiben der Nahrung ist ein Ersatz für die Symbiose mit dem Menschen, der nun nicht mehr da ist, und dient dem schwachen Selbst als Halt.»

WARDETZKI, S.88

Meine ersten Lebensjahre waren geprägt von meiner Großmutter, meiner «Omama», wie ich sie liebevoll nannte. Sie war in meinen Augen nämlich keine normale Oma, sondern etwas ganz Besonderes. Sie war so, wie man sich eine Bilderbuchgroßmutter vorstellt: dick und rund, mit einem Busen, so groß und weich, dass ich mein ganzes Gesicht darin vergraben konnte. Meine Omama hatte lange graue Haare, die sie jeden Morgen kunstvoll zu einem Dutt zusammensteckte, eine Warze oberhalb des rechten Mundwinkels, an der ihr Wellensittich Pipsi so gerne herumnagte, wenn er auf ihrer Schulter saß, und die gütigsten Augen, die ich jemals gesehen habe. Ich habe sie geliebt wie niemanden zuvor.

Es mag komisch klingen, aber es scheint mir, als breite sie seit nunmehr achtzehn Jahren schützend die Arme über mich und begleite mich, wohin das Leben mich auch führt. Sie starb kurz vor Weihnachten, am 21.12.1988, im Alter von neunzig Jahren.

Meine Großmutter lebte eigentlich bei meiner Tante in Österreich. Als mein jüngerer Bruder Gerrit auf die Welt kam, zog sie allerdings für eine Weile bei uns in Vechta ein, um meiner Mutter unter die Arme zu greifen. Es gab viel zu tun mit drei kleinen Kindern, immerhin war mein älterer Bruder Gábor damals erst sechs und ich gerade mal ein Jahr alt. Die beiden Frauen teilten sich die Arbeit auf: Während meine Mutter sich um Gábor und den Säugling kümmerte, war meine Großmutter ganz und gar für mich da. Es war wundervoll, denn ich war Omamas erklärter Liebling und hatte dank ihr das tollste Kinderleben. Sie erlaubte mir fast alles und tat immerzu das, was ich wollte – kein Wunder, dass ich meine Sonderstellung in vollen Zügen genoss.

Als Baby mit Mama, 1966

Nie werde ich die Frühsommerspaziergänge mit meiner Großmutter vergessen, vor allem, weil ich sie dann ganz für mich allein hatte. Unser Ziel war stets die italienische Eisdiele mitten in der «Shopping-Meile» von Vechta, die man damals noch Einkaufsstraße nannte. Schon der Weg dorthin war unglaublich aufregend für mich. Es gab unendlich viel zu entdecken in all den Schaufenstern unserer Kleinstadt. Das höchste der Gefühle war allerdings der Gedanke an den krönenden Abschluss unseres Ausflugs: ein Eis bei unserem Lieblingsitaliener. Schon als Kleinkind liebte ich Eiscreme, vor allem das Vanilleeis mit den dunklen Pünktchen drin, das es bei Giovanni gab.

Unser Besuch in der Eisdiele lief jedes Mal gleich ab, fast schon wie ein Ritual, denn meine Großmutter hatte ein resolutes Auftreten und nahm kein Blatt vor den Mund. Sobald wir die Eisdiele betreten hatten, pfiff sie einen der gutaussehenden Kellner zu uns heran und sagte: «Junger Mann, meine Enkelin möchte eine Bestellung aufgeben, und zwar schnell, sie hat nämlich großen Eishunger!»

Wie immer stand der Italiener, den ich besonders hübsch fand, sofort parat. Es gefiel mir, wie er sich über die Theke zu mir herunterbeugte und mich anlächelte, sodass die weißen Zähne in seinem braungebrannten Gesicht funkelten wie leuchtende Sterne am dunklen Nachthimmel.

Wie immer fragte er mich in seinem typisch italienischen Singsang: «Ciao, bella bambina, was darf es denn heute sein?»

Und wie immer antwortete ich: «Eine Kugel Vanille und eine Kugel Zitrone, prego.» Das Zitroneneis fand ich in unserer Eisdiele auch besonders lecker, denn es war sauer und trotzdem sahnig-süß. Genau so mochte ich es.

Gemäß dem Ritual verbeugte sich mein Italiener charmant und sagte: «Sì, signorina, subito», nahm eine von den leckeren Waffeln in die eine, den Kugelformer in die andere Hand, und dann ging es los.

Laut pfeifend und mit sichtlichem Spaß wirbelte er die einzelnen Kugeln durch die Luft. Sie flogen von dem einen Eisbehälter über die Waffel in den gegenüberliegenden Eisbehälter, dann in großem Bogen um eine der Lampen herum, die über der Eistheke hingen, und wieder zurück in den Kugelformer, bis sie von dort aus mit diversen Umdrehungen in der Luft endgültig in meiner Waffel landeten.

Was für ein Schauspiel! Und alles nur für mich! Ich war begeistert und genoss nicht nur das leckere Eis, sondern auch die Tatsache, im Mittelpunkt zu stehen. Daher verfolgte ich das akrobatische Können meines Lieblingseisverkäufers jedes Mal aufs Neue mit andächtiger Bewunderung. Hin und wieder lachte ich lauthals vor Begeisterung, worüber sich wiederum die komplette kinderliebende Belegschaft der Eisdiele freute. So herrschte stets eine ausgelassene Stimmung, wenn meine resolute Omama und ich auf Eistour gingen.

Omama

Auch unsere zahlreichen Exkursionen in die Natur habe ich noch in bester Erinnerung. Meine Großmutter hat mich «sehen» gelehrt und mir die Augen geöffnet für die vielen Dinge, an denen die Menschen nur allzu oft achtlos und blind vorbeilaufen. Dabei merken sie meist gar nicht, was ihnen an Empfindungen und Sinnlichkeit entgeht. Wenn Omama und ich mal wieder stundenlang durch den Wald spazierten, blieben wir ständig stehen, weil es etwas Neues zu entdecken gab. Meine Großmutter zeigte mir die verschiedenen Bäume, Pflanzen, Vögel und was sich sonst noch um uns herum befand, auch erklärte sie mir geduldig alles, was ich wissen wollte. Ständig machte sie mich auf Geräusche aufmerksam und ließ mich unsere Welt fühlen.

Wann immer meine Großmutter mir etwas zeigen wollte, nahm sie meine Hand und sagte: «Pass auf, mein Gundislein.» So nannte sie mich immer, während meine Mutter, die den gleichen Namen trägt wie ich, von ihr «Gundisserl» gerufen wurde, damit es keine Verwechslungen gab. «Pass auf, mein Gundislein», sagte meine Großmutter also, «jetzt mach mal die Augen zu und atme tief ein. Ganz langsam und durch die Nase, saug die Luft richtig in dich hinein und spüre die herrliche Reinheit der Waldluft. Riechst du, wie sie duftet? Und jetzt hör genau hin! Bemerkst du die vielen verschiedenen Geräusche? Was hörst du? Das Zwitschern der Vögel, das Knacken der Äste und Zweige auf dem Boden? Das sind die Tiere, die hier im Wald leben: Füchse, Hasen und Eichhörnchen. Hörst du auch den Wind, der durch die Baumkronen rauscht? Das Rascheln der Blätter?»

Das tat ich, und es war wundervoll. Alles fühlte sich so lebendig an. Gleichzeitig spürten wir die Frische der kühlen Waldluft auf unserer Haut und die noch zaghaften Sonnenstrahlen, die unsere Gesichter wärmten. Es war noch immer Frühsommer. Und es war herrlich in diesem Zirkus der Sinne. Ich hätte ewig so dastehen können mit meiner Großmutter an der Hand und war fast ein bisschen traurig, als sie sagte: «So, Gundislein, jetzt gehen wir wieder nach Hause, ich habe Hunger.» Dabei hatte ich auch Hunger. Auf das Mittagessen und auf den nächsten gemeinsamen Ausflug in die große, weite Welt, um das Leben zu erfühlen. Also gingen wir gutgelaunt nach Hause, um unsere Körper und Seelen zu nähren.

Nach fast zwei Jahren verließ meine Großmutter uns wieder und ging zurück nach Österreich, um meiner Tante zu helfen. Mein Onkel war gestorben und hatte ihr ein großes Haus und drei kleine Kinder hinterlassen. Die Abreise meiner Großmutter war für mich ein riesiger Schock, denn ich war davon ausgegangen, dass sie für immer bei uns bliebe. Ich konnte es nicht fassen, dass ich von nun an ohne sie zurechtkommen sollte.

Der Verlust machte mir zu schaffen, und es gab keine Nacht, in der ich nicht von meiner Großmutter träumte. Der Ablauf war immer gleich: Ich entdeckte meine Omama in einer großen Menschenmenge, sie winkte mir zu, kämpfte sich durch die Leute und umschloss mich mit ihren weichen, tröstenden Armen. Nichts wünschte ich mir damals mehr, als bei ihr zu sein. Immerhin besuchte sie uns von da an jedes Jahr für ein paar Wochen, und das war in meinen Augen immer die schönste Zeit in meinen ersten Lebensjahren.

Nicht, dass ich mich bei meinen Eltern nicht geborgen gefühlt hätte, doch mit meiner Omama war es anders. Sie war während der zwei Jahre fast ausschließlich für mich da und gab mir so viel Zuwendung, Aufmerksamkeit und vor allem auch körperliche Nähe, wie es meine Eltern nie vermocht hätten. Mein Vater, ein eher nüchterner Mensch, war beruflich recht eingespannt, häufig unterwegs und hat seine Aufgabe als Familienoberhaupt und Versorger pflichtbewusst erfüllt. Und meine Mutter war mit uns dreien so eingespannt, dass häufig nicht so viel Zeit für den Einzelnen übrigblieb. Und die Herzlichkeit meiner Großmutter, die ich in ganz besonderem Maße genoss, war ohnehin nicht zu übertreffen. Natürlich unternahmen meine Eltern mit uns regelmäßig am Wochenende gemeinsam Ausflüge, gingen wandern oder im Sommer ins Schwimmbad, aber das war mit den Spaziergängen zu Omamas und meinem Lieblingsitaliener nicht zu vergleichen.

Ich weiß nicht, ob meine Eltern und meine Großmutter sich jemals gefragt haben, wie ich ihre Abreise aufnehmen würde. Schließlich lief der Alltag einfach weiter, Omama wurde an anderer Stelle gebraucht, und meine Mutter kam inzwischen auch ganz gut ohne Hilfe zurecht, da mein kleiner Bruder Gerrit aus dem Gröbsten heraus war. Ob meine Eltern, praktisch, wie sie nun einmal sein mussten und waren, auch nur einen Gedanken daran verschwendeten, dass mich diese unerwartete Veränderung womöglich traumatisieren könnte, vermag ich nicht zu sagen. Das ist heute auch nicht mehr herauszufinden. Tatsache ist: Ich habe nie wieder in meinem Leben einen Verlust derart schmerzhaft und körperlich empfunden wie die Abwesenheit meiner Großmutter.

Mit sechs Jahren kam ich endlich in die Grundschule, worauf ich mich sehr freute. Ich sollte die Overberg-Schule in Vechta besuchen, wie alle Kinder, die ich kannte. Da ich nie in einen Kindergarten gegangen war – meine Mutter hatte es vorgezogen, uns drei selbst zu hüten–, änderte sich mein Leben von einem auf den anderen Tag dramatisch. Zwar verließ ich mein warmes Nest nur stundenweise, aber immerhin täglich und hatte mich mit einem Mal alleine den Aufgaben der Welt «dort draußen» zu stellen. Gábor war schließlich schon älter, und Gerrit blieb noch zu Hause bei meiner Mutter, so musste ich in der Pause ohne ihre Unterstützung auskommen. Freundschaften und Spaß, aber auch Feindschaften und Kämpfe mit dem einen oder anderen Mitschüler waren an der Tagesordnung. Außerdem machte es sich langsam bemerkbar, dass das Thema «Omama» eine entscheidende Rolle in meinem Leben gespielt hatte und es auch in Zukunft tun würde.

Auf dem Weg zur Grundschule

«Rund und g’sund.» Das war der Leitspruch meiner Großmutter, immerhin hatte sie zwei Weltkriege erlebt und jedes Mal Hunger gelitten. Verständlich also, dass Essen für sie etwas ganz Besonderes war, dass sie es sehr wertschätzte und genoss. Genau so war das für mich auch, und dementsprechend war ich zwar nicht gerade dick, aber immerhin die «stattlichste Dame» unserer Klasse. Bis zu meiner Einschulung hatte ich nie auch nur darüber nachgedacht, ob ich wohl dick oder dünn oder sonst was war. Doch das sollte sich bald ändern, denn es hieß: Ring frei für den Kampf des Lebens!

Meine Mitschülerinnen hatten alle diese niedlich mädchenhaften Spindelbeine und wirkten eher schwach und zerbrechlich, während ich recht gut beieinander war, kräftig und gesund und eben auch ein bisschen mollig. Ich hatte damals sogar leichte Brustansätze, wie sie auch Jungen und Männer haben können, wenn sie nicht ganz dünn sind. Diese kleinen Brüstchen hatten im zarten Alter von sechs Jahren natürlich nichts mit meiner Weiblichkeit zu tun, sondern eher mit den Chips aus der «Naschlade», die meinen Brüdern und mir tagtäglich zur freien Verfügung stand. Diese kleinen Speckbrüstchen, die mir vorher nie aufgefallen waren, bereiteten mir nun die ersten Probleme. Ich fing an, mich dafür zu schämen, und versuchte alles, um sie zu verbergen.

Nie werde ich einen Zwischenfall vergessen, der sich eines Morgens in der großen Pause zutrug, als wir auf dem Schulhof spielten. Wir Mädchen hielten uns an den Händen, ich war wie immer die Anführerin – vielleicht auch wegen meiner optischen Präsenz. Wir standen uns in zwei Reihen gegenüber, gingen alle gemeinsam aufeinander zu, klatschten uns ab und entfernten uns wieder voneinander, um wieder von vorn zu beginnen. Plötzlich streckte das Mädchen mir gegenüber den Arm aus und packte zu. Meine Mitschülerin griff mir einfach so an die Brust und sagte: «Ich wollte nur mal wissen, wie sich dein Busen anfühlt.»

Volltreffer! Ich wusste im ersten Moment gar nicht, wie mir geschah, doch es durchfuhr mich wie ein Blitz, und mir schoss die Schamesröte ins Gesicht. Dann wurde mir abwechselnd heiß und kalt, und am liebsten wäre ich auf der Stelle im Boden versunken. Alle anderen hatten den «Übergriff» mitbekommen und schüttelten sich vor Lachen. Ich war völlig schockiert und schämte mich noch mehr als zuvor. Zumal einige andere sich den Spaß machten, mich fortan damit zu foppen und mich immer wieder in peinliche Situationen zu bringen.

So ging es los. Mit sechs Jahren. Diese Situation war der Auslöser für meinen Wahn. Für mein gestörtes Verhältnis zu