Mein innerer Ruf nach Afrika! - Bruder Andreas - E-Book

Mein innerer Ruf nach Afrika! E-Book

Bruder Andreas

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Beschreibung

Von 1994 bis zum Jahr 2023 habe ich acht Buchbindereien, elf Bäckereien und eine Küche gebaut und komplett eingerichtet. Im Anschluss bilde ich Einheimische in diesen Handwerken aus nach meinem Prinzip: Hilfe zur Selbsthilfe. Für einen Bäckereibau mit drei afrikanischen Mitarbeitern brauche ich in der Regel drei bis fünf Monate. Anschliessend rechne ich für die Ausbildung Lernender etwa ein Jahr. Sobald sie in der Lage sind, selbständig die Backstube zu führen, kehre ich in die Schweiz zurück und suche wieder Bäckereimaschinen zusammen, die ich später in Containern mit dem Schiff nach Afrika schicke.

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Seitenzahl: 516

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Mein erster Aufenthalt in Tansania

Reise nach Peramiho und die Sprache Kiswahili lernen

Das Leben in Peramiho

Ausflug nach Imiliwaha und dem Malawisee

Führerausweis, Monatslöhne und die Geburt im Auto

Aufenthalt im Schwesternkloster Chipole und der Abtei in Hanga

Start der Hausbuchbinderei in Peramiho. Professfeier in Chipole

Begegnung mit einer Schlange und kranke Menschen im Aussatzdorf

Das Schwesternkloster Imiliwaha und Uwemba

Die ersten Mönche und Schwestern von St. Ottilien, Reise nach Tansania

Arme Menschen in Tansania

Das bescheidene Leben der Afrikaner in Tansania

Ausbildung in der Abtei-Buchbinderei Peramiho und der Aberglaube

Klosternachwuchs und die Fahrt zum Kloster in Ndanda

Rückkehr in die Schweiz

Einsatz im Kloster Tigoni. Ausbildung in der Klosterbuchbinderei (Kenia)

Klostergründung in Nairobi und Tigoni (Kenia)

Tödlicher Autounfall eines Mitbruders (Kenia)

Reise mit einem Mitbruder in das Keriotal (Kenia)

Verkehrschaos und Trockenheit (Kenia)

Das Elendsviertel in Mathare Valley (Kenia)

Rückkehr nach Peramiho mit zwei Autopannen

Das Leben der Massai in Ostafrika

Meine Missionsarbeit bis Ende Jahr 2000 verlängert

Rückkehr in die Schweiz um Bäckereimaschinen zu besorgen

Rückkehr nach Peramiho und der Bäckereibau

Start der ersten Bäckerei in der Abtei Peramiho

Regenzeit vom Monat Dezember bis April

Die Reise mit dem Motorfahrrad bis nach Mbinga

Buchbinderei bei den Vinzentiner-Schwestern in Mbinga

Die Fahrt mit dem Motorfahrrad nach Litembo

100jähriges Bestehen der Abtei Peramiho

Einführung in der Buchbinderei bei den Schwestern in Morogoro

Das afrikanische Leben in Morogoro

Rückreise zu der Bäckerei der Abtei Peramiho

Back-Kurs in der Haushaltschule in Uwemba

Ausflug mit dem Fahrrad in den Busch

Rückkehr in die Schweiz, um Bäckereimaschinen zu besorgen

Zurück in die Bäckerei in Peramiho und das Jahr 2000

Der Abschied meiner Missionstätigkeit in Afrika

Mein dreijähriges Orgelstudium in St. Ottilien

Die Gelegenheit einen Altmissionar nach Tansania zu begleiten

Die Vorgesehene Backstube im Kloster Tigoni (Kenia)

Bäckerei in Arua und das Leben der Klosterfrauen (Uganda)

Die Guerillas in Arua und eine junge Klosterfrau ermordet (Uganda)

Nächster Missionseinsatz im Schwesternkloster in Chipole

Meine ersten Fahrübungen mit dem Motorfahrrad

Die Aussendungen von zwei Mitbrüdern nach Kasachstan

Bäckerei in Chipole und Ausbildung einiger Schwestern

Besuch bei Bäckereien ohne Voranmeldung

Jubiläumsreise nach Mosambik

Eine Bäckerei bei den Vinzentiner-Schwestern in Mbinga

Die ersten Aussendungen der Schwestern von Untermarchtal

Fledermäuse und die Begegnung mit einer Kobraschlange

Das neue Restaurant bei der Bäckerei in Songea

Start der Bäckerei bei den Vinzentinerinnen in Mbinga

Jagd auf Albino-Menschen im Norden Tansania

Auf Bäckereimaschinensuche in der Schweiz für das Kloster Uwemba

Restaurierung der Bäckerei in Songea

Start der Bäckerei in Uwemba

Bäckerei in der Diözese Njombe

Der Präsident John Magufuli und sein Ableben

Die Reise mit Father Peter Wella zur Klosterneugründung in Urulia

Back-Kurs im Tan-Swiss Mikumi beim Josef Gwerder

Strassenverkehrspolizisten mit denen ich gut zu Recht komme

Die Reise mit Father Peter Wella nach Ndanda

Einschätzung der Liegenschaft in Mtwara durch Br. Andreas (Architekt)

Der zweistöckige Neubau für das Kloster Uwemba

Zurück nach Tansania, um den Neubau in Uwemba in Angriff zu nehmen

Garten hinter der Klosterküche

Der Bäckereirohbau in Mtwara

Einführung in der Diözesanbäckerei in Mbinga

Start der Klosterküche in Uwemba

Die Bäckerei in Mtwara und die Segnung durch Bischof Tito Ndoe

Pandemieausbruch auf der ganzen Welt

Die ganze Welt spielt verrückt

Das heisse Klima in Mtwara am indischen Ozean

Bischof Alfred Maluma starb nach einem Autounfall

Beenden des zweistöckigen Baus in Uwemba

Drei afrikanische Gäste von Tansania im Kloster Uznach

Der Tod meiner Mutter im 100sten Lebensjahr

Die elfte Bäckerei in Tunduru

Der erste Missionseinsatz der Mönche und Schwestern in Lukuledi

Mein Gottesbild mit dem ich zu Recht komme

Zusammenfassung

Schlusswort

Einleitung

In diesem Buch möchte ich Ihnen liebe Leserinnen und Leser meine Eindrücke und Erfahrungen mitteilen, die ich seit 30 Jahren, von 1993 bis 2023, in Ostafrika erleben durfte. Im Jahr 1972 trat ich in das Benediktinerkloster in Uznach (Kanton St. Gallen in der Schweiz) ein. Zwei Monate vor der ewigen Profess im Jahr 1977 verliess ich das Kloster wieder und arbeitete in Zürich auf meinem erlernten Beruf als Bäcker, Konditor und Confiseur. Nach reiflicher Überlegung kehrte ich im Jahr 1982 wieder in das Kloster zurück. Damals war ich 31 Jahre alt und konnte in der Zwischenzeit unterscheiden, was mich bei dem zweiten Eintritt in die Benediktinergemeinschaft von Uznach erwartete. Damals mit 21 Jahren war ich definitiv zu naiv und glaubte in einer religiösen Gemeinschaft in Zuversicht, Frieden und Freude miteinander zu leben. Das heisst, dass in einem Kloster, sei es ein Männer- oder Frauenkloster, auch nur Menschen zusammenleben, die nicht besser sind als andere Menschen, welche sich in der Aussenwelt durchkämpfen müssen. Auch in Klöstern und Gemeinschaften gibt es Meinungsverschiedenheiten, Empathie und Ekpathie (Abneigung). Empathie ist sicher den meisten von uns ein Begriff. Wer empathisch ist kann sich in andere Menschen hineinversetzen und deren Gefühle nachvollziehen - ohne Zweifel eine vorteilhafte Eigenschaft. Doch das Wort Ekpathie kennen vermutlich nur wenige. Es bezeichnet das Gegenteil von Empathie und wird daher oft nur negativ verstanden. Doch Ekpathie hat auch Vorteile. Wer sich von Emotionen nicht so leicht ablenken lässt, trifft mitunter bessere und rationalere Entscheidungen. Bei meinem zweiten Klostereintritt war mir klar, dass das auch so sein darf. Allerdings ist die Frage: Wie geht man damit um und man muss bereit sein, bis ins hohe Alter, stets an sich zu arbeiten, um ein Herzensmensch zu werden. Leicht ist es nicht, weil viele verschiedene Charaktere in einer Gemeinschaft zusammenkommen. Dazu kommt noch, dass bei der Geburt Erbanteile mitgegeben werden. Jeder Mensch erbt Gene von seiner Familie, das steht ausser Zweifel. Zum Beispiel: Krankheiten, Charaktereigenschaften und vieles mehr.

Mit 42 Jahren im Jahr 1993 durfte ich das erste Mal am 18. Oktober mit dem Flugzeug nach Tansania fliegen und einen einjährigen Einsatz antreten. Inzwischen bin ich 30 Jahre in Ostafrika als Buchbinder und Bäcker tätig und möchte mit diesem Buch meine Erfahrungen und Eindrücke weitergeben und niederschreiben. Die afrikanischen Menschen akzeptiere ich wie sie sind und die Leute sollen sich so entwickeln wie es für sie stimmt. Mir würde es nie in den Sinn kommen, den Einheimischen die europäische Mentalität und Struktur aufzuzwingen. Andere Welten andere Kulturen-Sitten. Übertriebene Perfektion und kleinkariertes Denken gibt es in Tansania nicht. Es bringt nur Stress und Unruhe im Menschen, was auf die Dauer schadet. Jedesmal, wenn ich mit dem Flugzeug nach Afrika fliege, lasse ich den Gott in Europa zurück und nehme den Gott der Afrikaner an. Eigentlich sind wir in Europa die Armen, arm an Mitgefühl und reich an Egoismus. Da könnten wir von Afrikanern noch viel lernen. Sicher gibt es nur den einen Gott, aber hier in Afrika wird Gott viel lebendiger, freudiger und barmherziger zu Ausdruck gebracht, anders interpretiert. Die Gottesdienste werden mit Gesang, Jubel, Musik und Tanz begleitet. In dieser Weise zeigt sich, dass wir als Weltkirche eine Lerngemeinschaft sind. Auch wir Menschen in der Schweiz können viel von der Lebendigkeit, und Glaubensfreude der Menschen in Tansania lernen, die unter einfachsten Bedingungen leben und für die ihr Glaube wirklich eine Lebenshilfe darstellt. Mission ist keine Einbahnstrasse, wo eine Seite gibt und die andere empfängt, sondern wir sind miteinander Christinnen und Christen und bereichern uns auch mit anderen Religionen gegenseitig. Interessant ist, dass das Glaubensleben nicht so sehr vom Klerus und den Priestern getragen wird, sondern durch die Menschen in den Familien, die ihren Kindern den Glauben vorleben. Die Katecheten und Laien, die den Leuten die Frohe Botschaft nahebringen, sind sehr geschätzt. So einen gegenseitigen Austausch der Gaben in den verschiedenen Teilen der Weltkirche macht eine echte Synodalität aus, die auch vor Anfragen und Kritik nicht Halt macht, aber dabei nicht den anderen verurteilt, sondern ihm zuhört und zu verstehen sucht. Es ist gut zu wissen, dass die Einheimischen durchaus selbstbewusst auftreten und sich ihres Beitrags zu einer lebendigen Kirche bewusst sind. Die katholischen Kirchengesetze, werden in Tansania viel offener gehandhabt und auch anders ausgelegt und gelebt. Selbst wenn einige Klerikale Kinder haben, ist das für die Leute in Tansania kein Problem. Geschiedene, oder solche die im Konkubinat leben sind in der afrikanischen Kirche nicht ausgeschlossen, sondern empfangen auch Jesus bei der heiligen Eucharistie. Das wird hier als Barmherzigkeit Gottes bezeichnet „Mungu ni mwema, kila wakati“ - Gott ist Barmherzig zu jeder Zeit -. Es gibt natürlich auch solche, die dann einfach nicht mehr in die Kirche gehen. Wir sind alle fehlerhafte Menschen aber zugleich auch Ebenbilder Gottes. Man spricht öffentlich nicht darüber und in den Medien wird auch nichts publiziert. Die Leute finden es menschlich und die Klerikalen arbeiten weiter im kirchlichen Dienst. Wenn beim Gottesdienst falsche Töne beim Singen vom Volk hörbar sind, der Kirchengesang der Sänger mit der Orgel nicht übereinstimmt oder der Orgelspieler falsche Tasten erwischt, nimmt man es sehr gelassen und niemand stört sich daran. In Europa richten sich die Köpfe sofort nach dem Schuldigen oder man kann beobachten, dass Köpfe geschüttelt werden, um die allgemeine Störung in der Kirche sichtbar zu zeigen. Für mich ist dann immer die Frage, auf welcher Seite steht Gott? Ich denke halt schon, dass Gott auf das Herz des Menschen schaut und nicht auf die Struktur oder Tradition, die von der Kirche oder Klöstern nicht geändert werden will. Es gibt aus kirchlicher Sicht, sicher fundamentale Gegebenheiten die nicht zu ändern sind. Aber der Mensch im 23. Jahrhundert tut sich schwer den alten Traditionen der Kirchen zu folgen. Wir müssen mit der Zeit gehen und versuchen den Gott von „Heute“ den Menschen nahe zu bringen. Also offener werden und wieder das Vertrauen der Menschen zurück gewinnen. Mir selber geht es nicht darum den Menschen konkret eine Religion zu verkünden. Das Wort missionieren hat für mich immer einen fahlen Geschmack. Missionieren bedeutet nämlich: Eine Glaubenslehre, besonders das Christentum, unter Anders- beziehungsweise Nichtgläubigen verbreiten. Oder jemandem eine Glaubenslehre, besonders das Christentum, verkünden und sie beziehungsweise ihn bekehren. Mein Ziel ist es, den Menschen in Ostafrika „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu vermitteln und da lege ich grossen Wert darauf. Sie sollen auch das Recht haben selbständig zu werden, um ihre Familien ernähren zu können und nicht auf Hilfe anderer Staaten angewiesen sind. Manchmal habe ich schon den Eindruck, dass man arme Länder absichtlich abhängig haben will. Sie sollen arm bleiben und wir helfen ihnen mit Transportgütern, im Hinterkopf aber die Ausbeutung im Vordergrund steht. Letztlich ist Arbeit auch Gebet, wenn sie im Namen Gottes verrichtet wird, oder andersrum, für seinen Nächsten da ist (Lk 10.27). In jedem Menschen begegnen wir Gott und nur mit beten kann der Mensch nicht leben. Wenn wir in der Bibel lesen: Bittet und ihr werden empfangen (Mt 7,7-12) geht es um ein geistiges Gut. Diesen Vers darf man nicht wortwörtlich nehmen. Der Mensch muss arbeiten, um zu überleben, da gibt es kein entkommen.

Mein erster Aufenthalt in Tansania

Mit einer MD 11 der Swissair und in Begleitung eines Mitbruders (Br. Viktor Kalberer, der bereits 29 Jahre Missionserfahrung hinter sich hatte) bin ich am 19. Oktober 1993 in der Landeshauptstadt Daressalam gelandet. Der Flug dauerte etwa zehn Stunden mit einer Zwischenlandung in Nairobi. Das Flugzeug ist in einer Höhe von neun bis zehntausend Meter über Meer geflogen und hinterliess immer ein leicht hörbares Sausen in den Ohren. Die Höchstgeschwindigkeit betrug 1100 Kilometer pro Stunde, was etwa 300 Meter pro Sekunde ausmacht. Trotz dieser grossen Geschwindigkeit und Dank dem Sonnenaufgang sahen wir den schönsten Berg von Afrika, den Kilimandscharo. Wir konnten den verschneiten Kraterrand vom Flugzeug, aus nächster Nähe, wunderbar sehen. Der Pilot entschied sich drei Runden über dem Kilimandscharo zu kreisen, weil er mit der Zeit gut dran war. Er hatte angeblich guten Rückenwind was zur Beschleunigung des Flugzeugs mithalf. Dieser erloschene Vulkan gilt als die Perle Tansanias. Er wird gerne von Touristen aus aller Welt bestiegen. Ich selber hätte auch die Gelegenheit gehabt diesen Berg zu besteigen. Die damals 700 Franken, die ich dafür erhalten habe, verwendete ich lieber für das arme Volk in Tansania. Der Berg Kilimandscharo (die Afrikaner nennen ihn (Kili) ist wie viele ostafrikanische Berge vulkanischen Ursprungs. Sein höchster Gipfel ist 5895 Meter hoch und stellt den höchsten Punkt Afrikas dar. Nach der Corona-Pandemie fliegt jetzt die Fluggesellschaft Swiss-Edelweiss regelmässig den internationalen Flughafen Kilimandscharo an. Der Flughafen ist das wichtigste Tor zum Tourismus in Tansania und verbindet den Tourismuskreis Nordtansania mit der Welt. Der Flughafen gehört der Regierung von Tansania und wird von der Kilimandscharo Airports Development Companie (KADCO) betrieben. Es ist ein Unternehmen, das mit der Verwaltung und den Betrieb des Kilimandscharo beauftragt ist, mit der Aufgabe, moderne Infrastruktur und Einrichtungen zu entwickeln und der Luftfahrt-Arbeitsgruppe bessere Flughafendienste anzubieten. Im Süden dieses Berges kann man die Massai-Steppe sehen. Die Massai sind ein afrikanisches Hirtenvolk (sehr gross und schlank gewachsene Afrikaner), die hauptsächlich vom Fleisch Blut und Milch ihrer Rinder leben. Sie trinken das Blut, das sie den Tieren alle zehn bis zwanzig Tage bei einer Schlagader entnehmen. Milch geben diese Rinder nur sehr wenig. Es sind keine Milchkühe wie in Europa und mager sind sie auch. Wenn man auf den Globus schaut, sehen wir die Länder die wir überflogen haben. Wir starteten in östlicher Richtung, flogen über Österreich, Jugoslawien, Griechenland, Kreta, Ägypten (Abu Simbel), Sudan, dem längsten Fluss der Welt dem Nil entlang, bis zu den Quellen des Viktoriasees. In Nairobi landeten wir, wo viele Touristen das Flugzeug verliessen, die auf Safari in die Wildparks gehen. Der Flugplatz von Nairobi liegt 1605 Meter über Meer, also auf einer Hochebene Ostafrikas. Zwei Stunden später, um 06.15 Uhr europäischer Zeit, erreichen wir wohlbehalten den Flughafen in Daressalam. Die Zeitverschiebung beträgt zwei Stunden, sodass das Flugzeug um 08.15 Uhr Ortszeit in Daressalam landete. Deshalb mussten wir die Zeiger der Uhren um zwei Stunden vorwärts drehen. Ende März wird es nur noch eine Stunde sein, weil in Europa die Sommerzeit eingestellt wird. Der Fahrer von Peramiho holte uns am Flughafen ab, der bereits einen Tag zuvor in Daressalam eintraf. In Kurasini etwa 15 Kilometer vom Flughafen entfernt, konnte ich meinen so ersehnten Schlaf nachholen. Dort gibt es ein Gästehaus unserer Kongregation, das von zwei Mitbrüdern aus dem Kloster in Ndanda geleitet wird. Es ist eine willkommene Absteige, die von Missionarinnen und Missionaren aus verschiedenen Ländern unserer Kongregation benutzt wird, die dann ins Landesinnere weiterreisen. Selbstverständlich werden auch Gäste in dieser Niederlassung aufgenommen. Diese Missionsstation wurde im Jahr 1888 von den deutschen Missionaren (Benediktinerkloster St. Ottilien) gegründet. Damals war das Land Tansania eine Deutsche-Kolonie. Nach dem 1. Weltkrieg vom 28. Juli 1914 bis 11. November 1918 mussten sie das Land an die Engländer abgeben und so wurde die englische Sprache zur Verwaltungssprache. Als Auslöser des 1. Weltkrieges gilt das Attentat von Sarajevo auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand und seiner Frau durch einen nationalistischen Serben. In Wien drängte das Militär auf einen schnellen Vergeltungsschlag gegen Serbien. Seit dem Jahr 1961 ist das Land Tansania eine unabhängige Republik und Julius Kambalage Nyerere war der erste Ministerpräsident des zunächst mit einem Autonomiestatus versehenen Landes. Er wurde nach Erlangung der vollständigen Unabhängigkeit im Jahr 1962 zum Staatspräsidenten und Regierungschef der als Präsidialdemokratie verfassten „Republik Tanganjika“ gewählt. Nach dem Zusammenschluss mit der damaligen Volksrepublik Sansibar und Pemba im Jahr 1964 blieb er bis zu seinem Rücktritt im Jahr 1985 der nun mehr Vereinigten Republik Tansania. Auf internationaler Ebene war Nyerere in seinem letzten Regierungsjahr 1984/85 Vorsitzender der Organisation für Afrikanische-Einheit, der Vorgängerorganisation der heutigen Afrikanischen-Union. Tansania schloss sich unter seiner Präsidentschaft der Bewegung der Blockfreien Staaten an. Bis zu seinem Tod war der praktizierende Katholik Nyerere als friedensvermittelnder Diplomat auf dem afrikanischen Kontinent anerkannt und wurde mit entsprechenden übernational verliehenen Auszeichnungen gewürdigt. Bis heute wird dieser Präsident Nyerere, als bester und einfühlsamster Mensch, für sein Volk, verehrt. Samia Suluhu Hassan, die nach dem plötzlichen Tod des Präsidenten John-Josef Magufuli im Jahr 2021, nachrückte, ist am 27. Januar 1960 geboren und seit dem 19. März 2021 die erste weibliche Präsidentin von Tansania. Das Land ist 23 Mal so gross wie die Schweiz, allerdings viel weniger dicht besiedelt. Die Bevölkerung besteht zum grossen Teil aus Bantus und zählt heute 65 Millionen Einwohner. Bantus sind dunkelhäutige Menschen, die Ackerbau betreiben. In den Grossstädten leben viele Inder und Araber, die Handel betreiben.

Reise nach Peramiho und die Sprache Kiswahili lernen

Anderntags um 06.00 Uhr morgens brachen wir auf und erreichten nach neun Stunden unsere Missionsstation in Uwemba. Während der Fahrt durchquerten wir den 50 Kilometer langen Mikumi-Park (Naturschutzgebiet). Ich hatte das Glück frei lebende Wildtiere, zum ersten Mal aus nächster Nähe, bewundern und beobachten zu können. Wirklich eine Augenweide in diesem grossen Nationalpark, durch die eine Teerstrasse führt. Wir begegneten Herden von Giraffen, die sich majestätisch präsentierten, Elefanten mit ihren Jungen, Gazellen, Gnus, Büffel, Antilopen, Warzenschweine, die ab und zu die Teerstrasse überquerten und nicht zuletzt die Affen, mit ihren Jungen, die sich am Bauch der Mutter festklammerten und die Strasse besetzten. Ein riesen grosser Affenmann spazierte um unseren Landrover herum und kontrollierte uns Eindringlinge ganz genau. Allzugerne hätte ich ihm meine Hand gereicht mit dem Grusswort „Jambo“. Dazu kam es aber nicht, denn diese Hundsaffen können heftig zubeissen. Am späten Nachmittag erreichen wir die Missionsstation Uwemba. Es ist enorm was in Uwemba geleistet wurde und geleistet wird. Br. Wendelin Bochsler, ein Mitbruder vom Kloster in Uznach, zeigte mir seine riesige Farm, den Kuhstall mit 36 Kühen, Rinder und Kälber. Er besitzt eine Pferdezucht mit 10 Pferden und einige Jungen, sowie einen Hengst, dem er den Namen Simba (Löwe) gab. Den Nachwuchs und auch Pferde verkauft er nach Daressalam, Mbeya und in den Norden von Tansania. Urwald musste gerodet werden um landwirtschaftliche Felder bestellen zu können. Die vielen Bäume wurden wieder an gezielten und geeigneten Plätzen aufgeforstet. Das Klima in Uwemba ist mehr oder weniger wie in der Schweiz, es kann auch sehr kalt werden. Einen eigentlichen Winter mit Schnee und Eis gibt es nicht, ausser ab und zu, in der Regenzeit, Hagelkörner die kurz einen weissen Teppich am Boden aufweisen. Diese Gegend liegt 2200 Meter über Meer und ist nicht weit vom Äquator entfernt. Am anderen Morgen nach vierstündiger Fahrt durch öde und dürre Gegenden erreichen wir unseren Zielort Peramiho. Während der Fahrt begegnen wir Einheimischen, die ihre Hütten, meist mit dürrem Gras bedeckt, neben der Teerstrasse mit vielen Schlaglöchern ansiedelten. So haben sie die Möglichkeit, ihre selbstgemachten Sachen wie zum Beispiel geflochtene Körbe, Stühle, Schnitzarbeiten aus Ebenholz, und verschiedene Früchte an der Strasse zu verkaufen. 25 Kilometer vor Peramiho erreichten wie die Grossstadt Songea. Wir machten einen kurzen Halt im Bischofshaus und wurden vom Bischof Norbert Mtega zum Mittagessen eingeladen. Er hiess mich in Tansania herzlich willkommen und freute sich sehr auf meinen einjährigen Einsatz in seiner Diözese. Nach dem leiblichen Wohl und die Führung durch das Bischofshaus mit der grossen Kathedrale nebenan, ging es weiter nach Peramiho zu der Benediktinerabtei und der Klosterkirche in diesem Ort. Von allen wurde ich herzlich eingeladen.

Der Vorsteher dieser Abtei war Abt Lambert Dörr, dem der Zellerar (Finanzmann) Br. Engelberg Huth zur Seite stand. Br. Dietmar Dietrich bekleidete das Amt als Prokurator und nahm die Container aus Europa entgegen, die in Peramiho eintrafen. Er war für den Verteilungsprozess verantwortlich, dass die bestellten Waren an die jeweiligen Missionare ausgehändigt wurden. In der Regel kamen die Mönche von den Aussenposten in die Abtei und holten ihre Waren ab. Peramiho liegt 1050 Meter über Meer und wies zu der Zeit eine Temperatur von 30 Grad auf. Es war sehr warm und ich hielt es in der mittäglichen Hitze an der Sonne kaum aus. Habe mich aber an die Hitze gewöhnen müssen. Im November und Dezember ist es sehr heiss. Damals hielt die Regenzeit vom Oktober bis April an. Das hat sich inzwischen durch den Klimawandel auch verändert. Seit einigen Jahren beginnt der Regen erst Ende Dezember und endet Ende April. Das Jahr 1993 war ein Regenarmes Jahr. Während dieser Regenzeit wurden nur 760 Milliliter gemessen. Normalerweise gibt es während der Regenzeit 1100 bis 1300 Milliliter Regenmenge. Hier musste ich lernen mit Wasser sparsam umzugehen. Nur wenige Stunden am Tag war Wasser vorhanden (zwei Stunden am Morgen und eine Stunde am Abend). Ich selber habe mich gut eingelebt und mein Zimmer wohnlich eingerichtet. Gut, dass ich im ersten Stockwerk untergebracht war. So wurde ich von den Termiten (eine Art Ameisen, die alles verfressen) nicht belästigt.

Seit ich in Peramiho angekommen bin, nahm ich mir knapp zwei Monate Zeit, privat Kiswahili zu lernen. Bis Weihnachten durfte ich ein Selbststudium in Kiswahili in meiner Klosterzelle vollziehen. Pater Edwin von der Abtei gab mir in der Woche drei Stunden Sprachunterricht. Während dieser Zeit schrieb ich über 150 Seiten Wörter und Sätze in Kiswahili auf und lernte sie auswendig. Ein kleines Kiswahili-Buch aus der Klosterbibliothek stand mir zur Verfügung. Es dauerte drei Monate, bis ich diese afrikanische Sprache einigermassen beherrschte und ich mich mit Menschen unterhalten konnte. Kurz vor Weihnachten ging ich mit diesen Blättern in die Buchdruckerei und band sie mit einfachen Mitteln zu einem Buch. Das Buch zeigte ich dem damaligen Abt Lambert Dörr und wollte damit andeuten, dass ich nicht wie ein fauler Hund im Zimmer lag, sondern während dieser Zeit fleissig die Sprache Kiswahili lernte. Ihn Interessierte der Inhalt diese Buches nicht gross, vielmehr fragte er mich: Wo ich dieses Buch her habe. Ich entgegnete ihm: Dass ich es in der Buchdruckerei zu einem Buch geleimt habe. Es waren meine Arbeitsblättern, die ich während diesen zwei Monaten in meinem Zimmer niederschrieb und auswendig lernte. Der Abt führte mich sogleich in die Abteibibliothek. Er selbst war (zusätzlich nebst seiner Arbeit) der Bibliothekar dieses Klosters und hat die Bibliothek neu aufgebaut und eingerichtet. Viel Zeit verbrachte er in diesem Raum mit seiner Pfeife, die er stets im Mund hielt. Wenn man ihn suchte, musste man nur in die Bibliothek gehen, oder sich nach dem Tabakgeruch orientieren. Jetzt nahm er einige Bücher aus dem Regal, die sehr schlecht gebunden waren. Viele Bücher sind am Buchrücken gelocht und mit Schnüren zusammengebunden. Wenn man das Buch öffnete, schloss es sich von selbst wieder. Auf einem Tisch ein solches Buch offen zu halten, war schlicht nicht möglich. Von denen gab es viele, die früher so zusammengebunden wurden. Er fragte mich: Ob es möglich wäre, hier in der Abtei Peramiho eine Hausbuchbinderei einzurichten. Ich entgegnete ihm: Alles ist möglich. Das Problem sei, dass ich nur ein Jahr in Peramiho bleiben darf und dann wieder in die Schweiz in das Kloster zurückkehren muss. Trotzdem bestand er darauf, dass ich einen Kostenvoranschlag aufstelle, damit er eine Übersicht hat. Der Abt Lambert wollte unbedingt eine Hausbuchbinderei in der Abtei Peramiho einrichten. Allerdings musste er es mit dem Seniorat zuerst besprechen und natürlich die Kosten der Buchbindereimaschinen und die dazugehörenden Utensilien im Seniorat vorlegen, bevor es genehmigt werden kann. Ich machte ein paar Telefonate mit einer Buchbindereifabrik in Deutschland und kam auf eine Zusammenfassung von etwa 25.000 Deutsche Mark für eine komplette Hausbuchbinderei-Einrichtung. Um Bücher zu binden braucht es eine grosse Pappschere (Schnittfläche einen Meter lang), um die Buchdeckel zu schneiden, eine Stockpresse, um geleimte und gebundene Bücher zu pressen, ein Lumbeck-Gerät, um lose Blätter zusammenzuleimen, ein Heftladengerät, um die gefalzten Papierbögen zu binden und eine Schneidmaschine, um die gebundenen und geleimten Buchblöcke vorne, oben und unten einen sauberen Schnitt zu geben. Es sind alles handbetriebene Geräte. Hinzu kommt noch Kleinmaterial wie Falzbein, Lochstecher, Stoffbänder 15 Millimeter breit und so weiter. Verschiedene Farben (Kaliko in Rollen 25 Zentimeter breit und 1,20 Meter lang) für die Buchumschläge, könnte ich aus der Schweiz von einer Fabrik in Eschenbach, die Fotoalbum herstellt, bekommen. Das Design dieser farbigen Albumumschläge wird immer wieder erneuert und die Restbestände erhielt ich immer sehr günstig für die Buchbinderei im Kloster Uznach. In dieser Fabrik lernte ich den Chef Urs Arnet kennen, von dem ich immer wieder einige dieser Kalikorollen erhielt. Diese Buchbindereigeräte würden mindestens ein halbes Jahr brauchen, bis sie mit dem Container aus Deutschland in der Abtei Peramiho eintreffen. Mein Missionseinsatz für ein Jahr wäre bis dann beinahe abgeschlossen, wie ich den Abt Lambert nochmals daran erinnerte. Er entgegnete mir: Lass dies nur meine Sorge sein, er werde sich mit meinem Abt Ivo auf der Maur im Kloster Uznach in der Schweiz, in Verbindung setzen. Das heisst, dass mir nochmals ein Jahr verlängert würde. Nach drei Tagen rief er das Seniorat zusammen, um von ihnen die Erlaubnis zu erhalten, eine Hausbuchbinderei in Peramiho einzurichten. Nach dem Klostergesetz muss das Seniorat die, 25.000 Deutsche Mark genehmigen oder absegnen. Ich hatte damals noch keine Wohltäter zur Unterstützung von Projekten. Später konnte ich alle Buchbinderei- und Bäckereiprojekte einzig durch Wohltäter finanzieren. Dafür allen meinen Missionsfreunden und jenen Menschen, die mich mit Waren und Transportkosten unterstützen, einen herzlichen Dank. Ohne diese finanzielle Unterstützung hätte ich elf Bäckereien, acht Buchbindereien und eine Klosterküche bis anhin, nicht verwirklichen können. Nach der Seniorat-Sitzung kam der Abt mit grossen Schritten mir entgegen und sagte, ich soll die Geräte für die Hausbuchbinderei für Peramiho in Deutschland bestellen. Weil ich alles neue Arbeitsgeräte über Br. Burkard (Buchbinder der Erzabtei St. Ottilien) bestellte, brauchte ich sie nicht vor Ort zu besichtigen, sondern konnte die Lieferzeit mit dem Container von St. Ottilien bis nach Tansania der Abtei Peramiho abwarten. Heute wäre ich vermutlich nicht mehr in Afrika tätig. Dem Abt Lambert Dörr von Peramiho habe ich es zu verdanken, dass ich meine Tätigkeit in Tansania fortsetzen konnte. Dafür war ich ihm sehr dankbar. Er ist im Jahr 2017 in seinem Heimatkloster in Münsterschwarzach (Deutschland) gestorben. In der Zwischenzeit befand ich mich bei den Schwestern in Chipole und führte dort einige Schwestern in das Handwerk des Buchbindens ein. Geräte zum Buchbinden sind dort einige vorhanden, aber richtig Buchbinden konnten die Schwestern nicht. Später habe ich ihnen die fehlenden Buchbindereigeräte aus der Schweiz mitgebracht.

Das Leben in Peramiho

In der Abtei Peramiho zählt die Benediktinergemeinschaft etwa 79 Missionare (66 europäische- und 13 afrikanische Mönche). Einige Mönche leben auf Aussenstationen und kreuzen ab und zu in der Abtei auf, um ihre Besorgungen zu erledigen. Damals waren vier einheimische Kandidaten, drei Postulanten (Einführung in das Klosterleben), drei Novizen, die in das Geheimnis der monastischen Spiritualität eingeführt wurden, 11 zeitliche Professen (auf sechs Jahre) und zwei mit ewigen Gelübden, die nun ganz der Abtei Peramiho angehören. Hoffen und beten wir, dass der gute Nachwuchs nicht ausbleibt und die afrikanischen Mönche, früher oder später, die Abtei Peramiho selbständig führen können. Dieses Ziel muss angestrebt werden, weil der Nachwuchs aus Europa sehr rar geworden ist. Die Kräfte unserer alten Mitbrüder (Mönche), die Jahrzehnte zur Entwicklung in Tansania beigetragen und sich aufgeopfert haben schwinden. Am 5. Januar 1994 ist nun der so ersehnte Regen eingetroffen. Die ganze Natur hat sich in ein kräftiges Grün verwandelt und sieht bezaubernd aus. Die Blumen blühen, die tropischen Früchte wachsen und die Felder gedeihen. Aus der verdorrten Landschaft sind jetzt grüne Gräser am spriessen und werden wohl in ein paar Tagen zu einem grünen Landschaftsteppich. Hier erkennt man sofort, wie stark die Natur ist. Der Mensch kann die Natur beeinflussen aber nicht zerstören. Sie rächt sich selber durch Erdbeben, Hochwasser, Tsunami-Flutwellen, Lawinenabgänge, Erdrutsche, Waldbrände, Wirbelstürme, Schneestürme, Vulkanausbrüche, Dürren und Epidemien. Verunreinigungen von Luft und Wasser, Abschlachtung von Bäumen in Urwaldgebieten und Ausbeutung der Natur, wie auch immer, werden von Menschenhand geschaffen. Es bleibt immer zu hoffen, dass die Regenzeit auch wirklich dem Wort entspricht. In Tansania haben wir das ganze Jahr 12 Stunden Tageslicht. Das heisst der Sonnenaufgang ist immer zwischen 6.00 und 6.30 Uhr morgens und endet zwischen 18.00 und 19.00 Uhr abends. Um 05.30 Uhr rief mich die Hausglocke aus dem Bett. Eine halbe Stunde später beginnt der Gottesdienst in der Abteikirche, dem das Volk beiwohnt. Um 07.00 Uhr ist das Frühstück und eine Stunde später treffen die Mönche an ihrem Arbeitsplatz ein. In verschiedenen Werkstätten wie Schreinerei, Schlosserei, Goldschmiede Druckerei, Schneiderei, Schuhmacherei, Ziegelei, Maurerei, Spenglerei Autowerkstatt und Landwirtschaft werden viele Lehrlinge ausgebildet, die nach einer drei- oder vierjährigen Lehre ihrem Handwerk nachgehen oder eine eigene kleine Werkstatt in einer Grossstadt betreiben. Nicht selten werden Arbeiter bevorzugt, die in den Missionswerkstätten ausgebildet wurden. Sie finden sehr schnell eine Arbeit. Um 13.00 Uhr wird für das leibliche Wohl gesorgt. Das Essen ist gut. Nebst dem Gemüse aus dem Klostergarten gibt es oft Kartoffeln, die von den Feldern des Klosters in Uwemba kommen und Fleisch, das in der eigenen Klostermetzgerei in Peramiho verarbeitet wird. Man gewöhnt sich schnell an die einfachen Speisen und ich blieb von einem Durchfall bis anhin verschont. Allerdings verursachte die lange Trockenheit eine Shigellen - Epidemie mit Fieber, Übelkeit, Erbrechen, blutigen Durchfällen und starken Bauchschmerzen und einige Mitbrüder mussten sich deshalb in die Krankenstation begeben und wurden sofort behandelt. Um 14.00 Uhr beginnt die Arbeit wieder. Von der Arbeit blieb ich bis 3. Januar 1994 verschont, weil ich vom Morgen bis abends, ausser den Gebets- und Esszeiten, intensiv die afrikanische Sprache Kiswahili lernte. Um 19.00 Uhr nehmen wir das Abendessen ein, dem ein halbstündiger Gottesdienst (Vesper) vorausgeht. Als Abschluss des Tages kommen die Mönche nochmals zum Nachtgebet um 20.15 Uhr in der Kirche zusammen. Die Abtei Peramiho besitzt ein grosses Hospital, das damals zu meiner Zeit von Br. Ansgar Stüfe als Chefarzt geleitet wurde. Er war immer bestrebt, dass dieses Krankenhaus den neuesten Stand aufwies und liess aus Europa moderne Spitalgeräte nach Tansania einführen, um den Patienten die bestmögliche Versorgung zu gewährleisten. Im ganzen Land Tansania war das Spital Peramiho bekannt und viele Menschen aus nah und fern liessen sich dort behandeln. Es galt damals auch eines der besten Spitäler im Land. Inzwischen gibt es in Daressalam und anderen Grossstädten, viele Spitäler, die auch gute Behandlungs-möglichleiten bieten.

Ausflug nach Imiliwaha und dem Malawisee

Mitte November im Jahr 1993 hatte ich die Gelegenheit, als Begleiter eines Mitbruders Pater Bosco Brunner mitzufahren, der zum 25jährigen Bestehen des Schwesternkonventes in Imiliwaha eingeladen war. Die Feier der heiligen Eucharistie dauerte volle drei Stunden. Weil viel Volk erwartet wurde, fand der Gottesdienst im Freien statt. Der Erzbischof Norbert Mtega von Songea stand der heiligen Feier vor. Zwei weitere Bischöfe Emmanuel Mapunda von Mbinga und Raymond Mwanyka von Njombe, sowie 40 Priestern konzelebrierten mit. Etwa 300 afrikanische Schwestern, einige einheimische Benediktiner von dem Kloster Hanga, Schwestern vom Kloster in Chipole und Mitbrüder von Peramiho waren anwesend, abgesehen von dem vielen Volk aus nah und fern. Es war sehr eindrucksvoll, wie intensiv alle mitfeierten. Sehr schöne einheimische Gesänge wurden dargebracht. Wirklich Lieder die zu Herzen gingen und mich emotional auch berührten. Für mich war alles so neu und unbekannt, wie man Gottesdienste so offen, strahlend, freudig, fröhlich und mit rhythmischen Bewegungen zum Ausdruck bringen kann. In der Schweiz wären solche Gottesdienste unvorstellbar. Eine Struktur, die wie vorgegeben scheint und die Öffnung der Herzen nicht sichtbar macht. Ein Gottesdienst der genau nach Regeln abläuft ohne sich selber einzubringen. Anscheinend war die Predigt vom Erzbischof Norbert Mtega den Schwestern sehr angetan, denn öfters wurde die Predigt durch Händeklatschen und afrikanischen „Jodelrufe“ unterbrochen. Leider konnte ich damals von dem Vortrag nur wenige Wörter verstehen. Umso mehr richteten sich meine Augen oft auf die Menschenmenge, die mit Freude und herzlicher Ausstrahlung beseelt war. Neun Schwestern feierten zugleich ihr 25 jähriges Profess-Jubiläum und legten schriftlich ihre Profess-Erneuerung auf den Altar. Auf den Schleiern trugen sie ein gewundenes Blumenkränzchen und schritten, beziehungsweise tanzten dem Altar entgegen. Die Sonne schien unbarmherzig auf uns hernieder und meinte es wohl gut. Bei mir hat sie es übertrieben. Anderntags sah mein Gesicht aus, wie eine rote Tomate oder ein gegrilltes Hühnchen. Nach der Feier der heiligen Eucharistie wurden wir zum Essen eingeladen. Während der Mahlzeit brachten Kinder mit einheimischen Instrumenten verschiedene Darbietungen wie Singen, Musizieren, Gedichte und Spiele dar. Schon zweijährige Kinder sassen an der Trommel und bewiesen ihr Können damit umzugehen. Sie konnten ihre kleinen Finger geschickt anbringen und etwas ältere tanzten im Takt herum. Unglaublich welche Bewegungen diese kleinen Geschöpfe präsentierten. Ich liess mir sagen, dass Kleinkinder bereits am Rücken der Mutter den Rhythmus mitbekommen, die oft mit ihren Kindern am Rücken ihre Tänze im Busch ausführen. Zwei Tage später mit einer Übernachtung in Uwemba, trafen wir nach vierstündiger Fahrt wieder in Peramiho ein. Für mich war dieser Ausflug in das Benediktinerinnenkloster in Imiliwaha eine grosse Bereicherung. Zwei Wochen später durfte ich mit einer Schweizerfamilie, die einige Tage in Peramiho verbrachten, an den Nyassasee fahren. Der Hinweg dauerte wiederum gut vier Stunden Richtung Mbinga, Nangombo bis Mbambabay zum See. Dieser sehr schön gelegene Malawisee ist 500 Kilometer lang und weist eine Breite von 80 Kilometer auf. Drei Stunden verbrachte ich im Wasser und genoss das kühle Nass, das ich mit einem Sonnenbrand an meinem Hals und meinen Schultern bezahlen musste. Die Gäste sassen lieber im Schatten und wagten nur ab und zu in den See zum Schwimmen zu gehen. Die Sonnenstrahlen am Nyassasee (auch genannt Malawisee) sind sehr intensiv. An einigen Stellen ist es gefährlich zu baden. Nicht selten tauchen Krokodile auf, die ihren Hunger stillen möchten. Jedes Jahr werden Tote beklagt meist badende Kleinkinder, die von den Krokodilen geschnappt, in den Seegrund gezogen und verspeist werden. Im Jahr 1991 verlor ein junger deutscher Tourist auf diese Weise sein Leben, obschon er von Kindern gewarnt wurde. Jedenfalls kamen wir beim Sonnenuntergang wieder glücklich, (die holprige vierstündige Autofahrt war zwar kein Vergnügen) zuhause in Peramiho an.

Führerausweis, Monatslöhne und die Geburt im Auto

Weil ich keinen internationalen Führerschein besass, erhielt ich für drei Monate im Jahr 1994 einen Lehrfahrausweis. Mein Schweizerführerschein wurde nicht akzeptiert. Innert dieser Frist wurde ich zur Fahrprüfung in Songea aufgeboten. Der ganze Prozess kostete 7000 tansanische Schillinge, was etwa 3.50 Franken ausmacht. Vor der Fahrprüfung in Songea erklärte mir der Fahrlehrer, dass ich während der ganzen Prüfung nur den ersten und zweiten Gang benutzen soll. Die Fahrexperten legen grossen Wert darauf, weil es in der Stadt Songea keine Zebrastreifen gibt und viele Menschen überall die Strassen überschreiten, wo sie sich gerade befinden. Bei der Fahrprüfung teilte mir der Fahrexperte mit, dass er nur mit Handbewegungen die Richtung angibt, die ich zu fahren habe und gesprochen wird nichts. Macht er eine Handbewegung nach rechts, geht es Richtung rechts und das gleiche gilt für links. Andernfalls geht es immer gerade aus der Strasse entlang. So fuhr ich mit dem Fahrexperten etwa 30 Minuten in der Stadt Songea herum. Nach einer Linksbewegung mit der Hand des Experten fuhr ich gerade aus. Er fragte mich: Warum ich nicht nach links abbog? Ich gab ihm zur Antwort: Weil es eine Einbahnstrasse ist. Ich durfte an die Motorfahrzeugstelle zurückfahren und habe die Autoprüfung bestanden. Mit Pater Gerold Rupper machte ich als Fahrer die ersten Ausflüge zu seinen ehemaligen Pfarreien, die er ab und zu aufsuchte, aufgebaut hat und finanziell unterstützte. Er selber lenkte kein Auto mehr, weil sein Sehvermögen nachgelassen hatte. Im Jahr 2000 im Monat Juni nach einem erfüllten und erfolgreichen Leben in Tansania, wurde Pater Gerold auf dem Friedhof in Peramiho beigesetzt. Eine grosse Volksmenge von nah und fern nahmen an seiner Beerdigung teil und erwiesen ihm, für seine aufopfernde Tätigkeit in Tansania, die letzte Ehre.

Ein Durchschnittsarbeiter verdiente im Jahr 1994 pro Monat 6000 bis 7000 Schilling, umgerechnet etwa 3,50 Franken. An einem Tag erhielt er also 200 bis 300 Schilinge, was sage und schreibe 70 Rappen ausmacht. Wollte er einen Brief ins Ausland senden, musste er 170 Schilinge ausgeben, fast ein Tageseinkommen. Die Familie ist damit noch nicht unterhalten. Von Bekleidung, Schulgelder und Material ganz zu schweigen. Es ist tatsächlich ein Rätsel, wie sich eine Familie mit mehreren Kindern durchbringt? Deshalb nahm wohl damals die Dieberei untereinander stets zu und mit dem kleinsten Gegenstand, der irgendwo ergattert werden konnte, wurde gehandelt oder verkauft. Schon junge Leute sind in dieser Hinsicht „Spezialisten“ und die Gefängnisse sind überfüllt. Nicht selten kommen eigene Handwerker ans Licht, die Arbeitsgeräte aus den Werkstätten entwenden. Dabei hätten sie es gar nicht nötig, denn sie haben in unseren Missionsstationen ein sicheres Einkommen. Man darf nicht alle in den einen Topf werfen. Es gibt viele junge Menschen, die Kriminalität ablehnen, sehr vertrauenswürdig sind und auch dementsprechend leben. So bleibt den Afrikanern, wenigstens in Tansania, das damals als eines unter den sieben ärmsten Ländern der Welt galt, nichts anderes übrig, als sehr bescheiden zu leben und selbständig Ackerbau zu betreiben. Allerdings hängt das ganze Gelingen der Landwirtschaft vom Wetter ab. Heute nach fast 30 Jahren ist der Monatslohn um das fünfzehnte bis zwanzigfache gestiegen.

Ich mag mich noch gut erinnern, wie anfangs Jahr 1995 eine junge Frau aus dem Busch in ein Spital gebracht werden sollte, weil für die Geburt ihres Kindes nur ein Kaiserschnitt in Frage kam. Die Zeit drängte und ein weiter Weg stand bevor. Der Wagenlenker fuhr ziemlich schnell, um rechtzeitig das Spital in Peramiho zu erreichen. An einen möglichen Unfall hatte er wohl nicht gedacht. Er kam nämlich bei einer scharfen Kurve von der schlechten Strasse ab und brachte es fertig, dass der Land Rover auf der Seite zum Liegen kam. Glück im Unglück hatte die schwangere Frau, ihre zwei Begleiterinnen und der Fahrer. Alle kamen mit leichten Prellungen und Schürfungen davon. Vierfaches Glück jedoch hatte die schwangere Frau. Sie wurde nicht gross verletzt, das Kind hatte keinen Schaden erlitten, sie konnte sich dem Kaiserschnitt entziehen, weil sie vor lauter Schreck am Unfallort, ohne jegliche Hilfe, einen gesunden Jungen gebar und als letztes das Mutterglück. Später wurde dem Jungen, bei der Taufe, den Namen „Baraka-Segen“ gegeben. Ein anderer Fall ereignete sich als eine Frau vor unserer Prokura ein Kind zur Welt brachte, die nicht mehr das Spital in Peramiho (etwa 80 Meter entfernt) erreichen konnte. Zwei Krankenschwestern, die gerade vorbeispazierten konnten der Frau Hilfe leisten. Eine lief schnell in die Prokura und kam mit einer Schere zurück, um die Nabelschnur durchzuschneiden. Anscheinend sind solche Gegebenheiten keine Seltenheit in unserem Land.

Aufenthalt im Schwesternkloster Chipole und der Abtei in Hanga

Ab dem 3. Januar 1994 begab ich mich in das Frauenkloster Chipole und lebte, arbeitete und betete mit ihnen. Bei dieser Gelegenheit konnte ich erwirken, dass Schwester Imani von Mbinga und Schwester Amelia von Morogoro drei Monate in Chipole aufgenommen wurden, damit ich sie auch in der Buchbinderei ausbilden konnte. Chipole ist 37 Kilometer von der Abtei Peramiho entfernt. Es ist ein Benediktinerinnenkloster das zu dieser Zeit 280 einheimische Schwestern zählte. Inzwischen sind es über 380 Schwestern. Das war auch ein Grund, weshalb sie im Norden Tansania vor ein paar Jahren eine Neugründung in Same starteten. Nebst den 17 Postulantinnen und 12 Novizinnen leben etwa 80 Schwestern im Kloster. Die übrigen Schwestern sind in verschiedenen Aussenposten in ganz Tansania verteilt. Hier in Chipole führte ich einige Schwestern, in der gut eingerichteten Hausbuchbinderei, in das Handwerk des Buchbindens ein. Sie sind sehr dankbar dafür und wir hatten es immer lustig, wenn wir uns wieder in der Buchbinderei begegneten. Die Schwestern führen ein Mädcheninstitut mit 150 Mädchen, eine Metzgerei, seit dem Jahr 2008 eine Bäckerei, die ich damals gebaut und einige Schwestern ein Jahr in die Backkunst einführte, eine kleine Krankenstation, eine riesengrosse Landwirtschaft, die von den Schwestern selbst bewirtschaftet wird und ein Waisenhaus mit etwa 30 Kleinkinder, die von ihren Eltern verstossen wurden, aus immer welchen Gründen, oder deren Eltern an Aids gestorben sind. In den neunziger Jahren starben viele Menschen an diesem tödlichen Virus und diese Krankheit ist für alle Menschen greifbar geworden. Seit einigen Jahren dürfen Aidskranke jeden Monat, mit einem Ausweis, in der Drogerie gratis Tabletten abholen, die von der Regierung bezahlt werden. Mit diesen Tabletten wird der Aidsvirus in Schach gehalten und Menschen können Jahrzehnte lang damit leben, wenn sie nicht von anderen schweren Krankheiten betroffen sind. Sehr schöne Handarbeiten wie Kirchengewänder, geflochtene Körbe, Rosenkränze, Tongegenstände und Kerzen, die von den Schwestern hergestellt werden sind im Klosterladen, für unsere Begriffe, sehr billig erhältlich. Im Gegensatz zu Peramiho gibt es hier genug Wasser. Allerdings kann nur abgekochtes Wasser getrunken werden, das mir jeder Zeit zur Verfügung stand. Das Kloster besitzt einen kleinen Generator der Strom erzeugt. Weil das Öl zu teuer war, wurde der Generator nur zu den Gebetszeiten eingeschaltet. Ab und zu streikte dieser Stromspender, wenn heftige Gewitter tobten. So blieb den Schwestern nichts anderes übrig, gleichzeitig mit den Hühnern ins Bett zu gehen oder Kerzen, Taschenlampen und Öllampen zu benutzen. Das Abend- und Nachtgebet fiel dann aus. Das Abendessen konnte ich einige Male im romantischen Kerzenlicht oder einer Öllampe auf dem Tisch einnehmen, weil ein Gewitter herrschte und der Generator abgeschaltet wurde. Mein Zimmer erhielt ich im Gästehaus, das mit Solar eingerichtet ist. Auch der afrikanische Spiritual der Schwestern, Pfarrer Hugo ist dort untergebracht. Am Morgen beginnen die Vigil- und die Laudespsalmen um 05.00 Uhr. Hernach eine halbstündige Meditation und anschliessend die heilige Eucharistiefeier. Das Frühstück ist um 07.30 Uhr und danach gehen die Schwestern an ihre Arbeitsplätze. Um 12.30 Uhr ruft die Glocke zum Mittagsgebet und anschliessend wird das Mittagessen eingenommen. Nachmittags ist wieder Arbeitszeit bis um 18.00 Uhr und eine halbe Stunde später wird die Vesper gesungen. Nach dem Abendessen kommen die Schwestern nochmals zum Nachtgebet (Komplett) um 20.15 Uhr in der Klosterkirche zusammen. Stillschweigend begeben sich die Schwestern hernach in ihre Gemächer zurück. Ein Wochenende wollte ich in Peramiho verbringen und entschied mich mit zwei Arbeitern diese 37 Kilometer zu Fuss zu gehen. Erstens ging es mir darum wieder einmal mit meinen Mitbrüdern zusammen zu sein und zweitens konnte ich mein erlerntes Kiswahili auf dem Weg, mit Gesprächen, noch verbessern. Wir bevorzugten einen Tageslauf. Eine Nachtwanderung wäre zu gefährlich gewesen, denn vor vier Wochen um 21.00 Uhr konnten einige Schwestern und ich vom Land Rover aus (drei Kilometer von Chipole entfernt) eine Leopardenweibchen mit ihren zwei Jungen beobachten. Wirklich eine Augenweide solchen Tieren in der Freiheit zu begegnen. Bei dieser Tageswanderung unterhielten wir uns auf dem ganzen Weg und viele Menschen, die uns begegneten, konnte ich in ein Gespräch verwickeln. Am Abend zuvor wollte ich mich bei einigen Schwestern verabschieden mit den Worten: „Tutaoana kesho ni Chipole“. Wie sehen uns morgen in Chipole. Allerdings verwechselte ich das Wort tutaonana mit „tutaoana“, was bedeutet: Wir heiraten morgen in Chipole. Unglaublich, welch ein Gelächter bei den Schwestern ausbrach. Die Schwestern sind sehr happy, weil ich ihnen Sakramentsbohnen aus der Schweiz mitbrachte, die auf ihren Feldern einen besonderen Platz einnahmen. Sie glauben fest, dass sie deshalb eine gute Ernte erhalten. Lassen wir ihnen den Glauben. In der Bibel steht geschrieben „Im Glauben kann man Berge versetzen“ (Mk 11,23). Ich mag mich noch gut erinnern, dass eine Frau in der Umgebung von Chipole Vierlinge auf die Welt brachte. Es ist eigentlich eine Seltenheit in Tansania. Die Frau hatte keine Chance, ihre vier Säuglinge allein aufzuziehen. Die Schwestern waren sofort bereit, sie mit ihren vier Neugeborenen aufzunehmen und stellten ihr einen Raum in der Krankenabteilung zur Verfügung. Von einer Krankenschwester wurde sie betreut so gut es ging. Später hörte ich, dass ein Kind von diesen Vierlingen nach drei Wochen an Malaria starb.

In der Karwoche kehrte ich nach Peramiho zurück und verbrachte dort die Osterntage. Nach Ostern am 5. April 1994 traf ich in Hanga ein, etwa 65 Kilometer von der Abtei Peramiho entfernt, wo ich auch afrikanische Mönche in das Handwerk des Buchbindens einführte. Dort befindet sich ein afrikanisches Benediktinerkloster das nebst den 120 Mönchen, 30 Kandidaten, sieben Postulanten, 16 Novizen und 26 Mönche mit zeitlicher Profess zählt. Sieben Mönche davon legten am 11. Juli, das Fest des heiligen Benedikt, ihre ewigen Gelübde ab. Die Gründung dieses Kloster wurde im Jahr 1957 in Liganga durch den Bischof Eberhard Spiess erschlossen, der Wert darauf legte ein Kloster mit nur Einheimischen ins Leben zu rufen. Bereits vier Jahre später mussten sie wegen Platzmangel und ungünstigen Bedingungen das Kloster verlegen. In Hanga, 25 Kilometer von Songea entfernt, Richtung Mtyangimbole, konnte ein zweckmässiges Kloster mit Werkstätten und einer sehr schönen Kirche, die wirklich zum Beten einlädt, erstellt werden. Das Kloster besitzt ein Seminar mit 150 Schülern und eine Sekundarschule mit 200 Schülern, die nur von einheimischen Lehrkräften geführt wird. Ausserdem verschiedene Werkstätten wie Schreinerei, Schuhmacherei, Maurerei, Schlosserei, Tischlerei, Spenglerei, Metzgerei, Mechaniker-Auto-Werkstatt, Elektrowerkstatt, eine kleine Buchdruckerei, Hausbuchbinderei, ein kleines Spital für ambulante Behandlungen (Operationen im Hospital Peramiho) und natürlich für ihren Lebensunterhalt eine grosse Landwirtschaft mit Mais-, Reis-, Hirse-, Erdnüsse (Karanga) und Gemüsefeldern, die von den Mönchen und Hilfsarbeitern bewirtschaftet wird. Sehr viele Fruchtbäume mit Orangen, Mandarinen, Zitronen, Papayen, Avocados, und Bananen sind für den Eigenbedarf und zum Verkauf vorhanden. Gerne liess ich mich von diesen feinen Früchten verwöhnen, die jeden Tag auf dem Speisetisch greifbar waren. In all diesen Bereichen werden 60 Lehrlinge, mit staatlichem Prüfungsabschluss, ausgebildet. Die Mönche verstehen ihr Handwerk ausgezeichnet. Sie wurden in den Werkstäten der Abtei Peramiho und Ndanda ausgebildet. Da kann man nur staunen, welche Pionierarbeiten unserer Missionare in all diesen Jahren geleistet haben und auch weiterhin leisten. Es liegt doch allen Missionaren am Herzen, dass das afrikanische Volk selbständig wird. Das Kloster Hanga ist ein guter Beweis dafür. Die Materialien und Werkzeuge konnte man in dieser Zeit in Tansania oft gar nicht bekommen, was auch der Grund war, dass unsere Missionsstationen noch von Übersee abhängig waren. Mit Containern wurden die bestellten Sachen der Missionare und den Missionsschwestern in das Land gebracht. Heute ist es anders. Viele Gegenstände sind in Tansania erhältlich. Hauptsächlich billige Waren aus China, die nach kurzer Zeit nicht mehr brauchbar sind, weil es an der Qualität mangelt. Einmal habe ich eine normale Bratpfanne gekauft, bei der sich der Boden von der Pfanne auf der heissen Herdplatte wölbte. Auch ein Gerät mit vier Steckdosen ist sehr gefährlich. Das Kabel wird so heiss, dass man es gar nicht mehr berühren kann. Ich schraubte dieses Gerät auf und musste feststellen, dass die verschiedenen Steckdosen nur mit ganz dünnen Kabeln (nicht in Plastik gekleidet) miteinander verbunden waren. Scheinbar kann es sich die Regierung nicht leisten, für 65 Millionen Einwohnern, Qualitätssachen einzuführen. Die Leute sind zu arm, um es kaufen zu können. Auch las ich vor einigen Jahren in der Zeitung, dass ein Container mit Plüschtieren aus China am Zoll in der Schweiz abgewiesen wurde. Anscheinend wurden diese Plüschtiere mit krebserregenden Materialien hergestellt. Was mich dann schockierte, dass dieser Container den Hafen von Daressalam anpeilte und diese Plüschtiere in das Land Tansania gelangten. War es Unwissenheit oder Korruption kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls müssen immer arme Länder hinhalten, wenn es um dubiose Geschäfte geht. So läuft es leider auf der Welt. Sicher könnte die Regierung von Tansania davon absehen, aber wenn dann solche Dreckswaren extrem billig angeboten werden, ist die Versuchung gross es anzunehmen. Hoffen wir, dass sich das Land Tansania eines Tages selbständig unterhalten kann und nicht mehr auf die Hilfe vom Ausland angewiesen ist.

Am 15. Dezember 1993 wurde das Kloster Hanga zur Abtei erhoben und einen Monat später empfing der zum 1. Abt von Hanga gewählte Pater Aicuin Nyirenda (42 Jahre jung) die Abtsweihe. Br. Bernadin (von Beruf Schreiner) stand ihm als Prior zur Seite. Zu diesem Anlass trafen die Bischöfe Norbert Mtega von Songea, Emmanuel Mapunda von Mbinga und Alfred Maluma von Njombe ein. Nebst dem Altbischof Gervas Nkalanga, der in Hanga eingetreten ist und bereits zu der Mönchsgemeinschaft zählte, waren fünf Äbte und 75 Priestern anwesend. Viele Schwestern von Chipole und ich trafen gerade noch rechtzeitig ein. Wiederum war viel Volk anwesend, wie üblich während solchen bedeutenden Anlässen. Dieser Tag dürfte wohl in die Geschichte eingehen, weil er der 1. einheimische Abt von Tansania und zudem noch Benediktiner war. Der dreistündige Gottesdienst wurde mit einheimischen Instrumenten, Liedern, Gebeten und Vorträgen eindrucksvoll gestaltet. Ich lebte drei Monate in Hanga und brachte einigen Mönchen in der bereits vorhandenen Hausbuchbinderei das exakte und saubere Herstellen von Büchern, Schulheften und so weiter bei. Einmal hatte ich die Möglichkeit mit einigen Mitbrüdern die Missionsstation Msalaba Mkuu (grosse Kreuz) zu besichtigen. Dort ist ein Mitbruder von ihnen als Pfarrer tätig, wo wir das Wochenende verbrachten. Die Station liegt an einem Berg und erinnert ein wenig an die Heimat in der Schweiz. Die Kirche, die weit und breit eine der schönsten ist, und auf der halben Höhe des Berges, im Jahr 1967 erbaut wurde, bietet einen prachtvollen Anblick. Später wurde auf dem Berg ein grosses Kreuz errichtet, weshalb die Station den Namen Msalaba Mkuu erhielt. Diese Gegend ist eine Perle in der Schöpfung mit einer prächtigen Landschaft und einen traumhaften Sternenhimmel. Bei Vollmond fast taghell, eine Sternenpracht von der man in der Schweiz nur träumen kann. Der Sonnenaufgang und der Sonnenuntergang sind zauberhaft und bewundernswert. Die Hälfte des Himmelgewölbes erscheint, mit durchziehenden Wolkenfeldern, wie eine Feuerbrunst, die sich allmählich auflöst und der Finsternis den Platz frei gibt. Unglaublich, einem solchen Naturereignis begegnen zu dürfen. In der Schweiz habe ich es so intensiv noch nie erlebt, da lassen sich eher die hohen Berge bewundern. Der neue Abt von Hanga hatte sein Amt etwa zehn Jahre inne, bevor er nach Rom in das Haus St. Anselmo übersiedelte und dort viele Jahre die Gäste betreute. Er starb im Jahr 2019 im Spital in Peramiho und wurde in seinem Kloster in Hanga beigesetzt.

Start der Hausbuchbinderei in Peramiho. Professfeier in Chipole

Einen Tag vor Pfingsten kehrte ich endgültig nach Peramiho zurück, wo viel Arbeit auf mich wartete. Die Buchbindereimaschinen trafen Mitte Mai, von Deutschland, für die neu eingerichtete Hausbuchbinderei im Peramiho ein. So konnte ich endlich nach Pfingsten mit der Arbeit beginnen. In dieser Buchbinderei führte ich ein Kandidat aus Hanga, ein Kandidat und zwei Mönche der Abtei Peramiho (Br. Ambros und Br. Bendedikt) in das Handwerk des Buchbindens ein. Später kamen noch Schwester Imani von Mbinga und Schwester Amelia von Morogoro hinzu. Mit viel Freude und Interesse arbeiteten sie. Der Abt Lambert brachte immer wieder Bücher aus der Klosterbibliothek, die überholt werden mussten. Auch die Zeitschriften werden zu Büchern gebunden. Mein Ziel ist es, meine Buchbinderlehrlinge soweit zu bringen, dass sie bis zu meiner Rückkehr in die Schweiz selbständig arbeiten können. In vier Monaten wäre es nicht möglich gewesen ihnen das nötige Wissen in der Hausbuchbinderei zu vermitteln.

Die Freude meinerseits war gross, dass mir ein Jahr (bis Ende 1995) verlängert wurde und ich noch einmal das Weihnachtsfest in Peramiho mit afrikanischen, einfachen und schlichten Menschen erleben durfte. Mir scheint, dass die Afrikaner es verstehen den kirchlichen Festen Glanz und Pracht zu verleihen. Sie machen mit begeistertem Herzen mit, auch wenn der Festtagsgottesdienst drei bis vier Stunden dauert. Es gibt so viele Zeichen tiefen Glaubens, frommer Hoffnung und echter Liebe bei den Menschen in Tansania. Am sechsten, siebten und achten September 1994 weilte ich in Chipole. Es waren besondere Tage der Freude. Neun Postulantinnen wurden in das Noviziat aufgenommen. Zehn Novizen legten die zeitliche Profess ab, und acht Schwestern mit zeitlicher Profess durften sich durch die Ablegung der ewigen Gelübde für ihr ganzes Leben an die Klostergemeinschaft binden. Die Noviziats-Aufnahme fand im Kapitelsaal statt. Schwester Oberin, Mama Mkubwa Shukrani, die im Juni dieses Jahres nochmals für eine Amtsperiode, (drei Jahre) gewählt wurde, sprach eindrückliche Worte über die Notwendigkeit, dem Ideal des heiligen Benedikt nachzueifern. Sie betonte sehr den Prolog der Benediktus-Regel: „Höre meine Tochter, und lausche den Worten des Meisters“. Sie legte den angehenden Novizinnen in mütterlicher Liebe nahe, dass der Weg den sie gewählt haben und jetzt einschlagen werden, steinig, uneben und beschwerlich sein kann. Allerdings verstand sie es, mit aufmunterten Worten ihnen Mut zu machen, auch in Stunden der Einsamkeit, Bedrängnis und Enttäuschung der Berufung treu zu bleiben und sich an Christus festzuklammern, der fortan ihr Weg sei und mit der Hilfe der Benediktus-Regel ihm nachzufolgen. Anschliessend erhielten alle Postulantinnen das weisse Noviziatskleid, den weissen kleinen Schleier auf den Kopf und die Regel des heiligen Benedikt in die Hand. Die ganze Noviziatsaufnahme, die eine Stunde dauerte, wurde mit Liedern umrahmt, die diesem Ereignis eine feierliche Note gaben. Am folgenden Tag legten die Novizinnen, die bereits zwei Jahre Noviziat hinter sich hatten, im Rahmen der heiligen Eucharistiefeier, die zeitliche Profess ab. Der Gottesdienst, dem der Erzbischof Norbert Mtega vorstand, dauerte knapp vier Stunden. Wiederum wurde die Feier sehr eindrücklich und lebendig gestaltet. Die Novizinnen wurden von ihren Eltern an den Altar begleitet. Jedes Ehepaar bestätigte persönlich die Freigabe ihrer Tochter, die sich mit einem Hochzeitskleid, Ring, Halskette, Ohrenring und so weiter präsentierte. Sehr eindrucksvoll war die Szene, als die Novizinnen all ihren Schmuck auf den Altar niederlegten und sich bereit erklärten, auf diese weltlichen Güter zu verzichten und den Weg der Vollkommenheit anzustreben. Jede Novizin erhielt vom Bischof das neue weisse Ordensgewand, den grossen Schleier und das Brustkreuz, das er zuvor gesegnet hatte. Die Urkunde mit dem Versprechen, sich Gott ganz zu weihen (Jungfräulichkeit), nach der Regel des heiligen Benedikt zu leben (Gehorsam) und sich der Klostergemeinschaft von Chipole anzuschliessen (klösterlichen Lebenswandel), legten sie unterschrieben auf den Altar. Vorher wurde von jeder Novizin persönlich die Urkunde vor allen Kirchenbesuchern, als Beweis vorgetragen und mit hoch gehaltenen Händen gezeigt. Nach der eindrücklichen Eucharistiefeier begleiteten zwölf tanzende Mädchen in Einheitstracht die „frisch gebackenen“ Schwestern aus dem Gotteshaus, wo sie von den Angehörigen und Gottesdienstbesuchern mit Freude, Jubel, Musik, Tanz und Händeklatschen empfangen wurden. Der 8. September war der eigentliche Höhepunkt. Die Schwestern, die sechs Jahre ihrer zeitlichen Profess treu blieben, legten die ewigen Gelübde ab. Zu dieser Feier kamen die Generaloberin (Mama Mkuu) Glothilde Sanyika aus Songea und Abtprimas Theissen aus Rom, der sich zu dieser Zeit in Tansania aufhielt. Der Ablauf dieser Feier gestaltete sich in etwa gleich wie der Tag zuvor. Zusätzlich erhielt jede Schwester, vom Bischof Norbert einen Ring an ihren Finger, als Zeichen der endgültigen Vermählung mit Christus und einen Blumenkranz auf den Schleier, damit man die Neuprofessen, wenigstens an diesem Tag, von den übrigen Schwestern unterscheiden konnte. Nach dem Festgottesdienst, wurden alle Angehörigen, Priester und Ordensleute zu einem feinen Mittagessen und gemütlichen Beisammensein eingeladen. Nach den Feierlichkeiten machte ich mich mit dem Motorfahrrad (37 Kilometer), wieder auf den Heimweg nach Peramiho.

Begegnung mit einer Schlange, kranke Menschen im Aussatzdorf

Im Oktober hatte ich zum ersten Mal eine Begegnung mit einer Schlange, die sich abends in Richtung Buchbinderei bewegte. Die Puffotter war etwa 1,00 Meter lang und präsentierte sich mit einem Umfang, der meinem Arm entsprach. Ich hatte nicht lange Zeit, das sehr schön gezeichnete Tier zu bewundern. Bereits kamen Afrikaner aufgeregt mit einer drei Meter langen Stange herbei und erledigten sie mit einem gezielten Schlag auf den Kopf. Eigentlich tat mir die Schlange leid, sie hat niemanden angegriffen und war im Begriff zu fliehen. Die Afrikaner haben grosse Angst und Respekt vor diesen Reptilien. Es sterben immer wieder Menschen, besonders im Busch draussen, weil sie von Schlangen gebissen werden. Bis die Betroffenen das Spital erreichen, ist es meist zu spät. Deshalb wird jede Schlange, ob sie giftig ist oder nicht, ins Jenseits befördert. Allerdings ist mit einer Puffotter nicht zu spassen. Sie ist sehr giftig und kann unheimlich schnell zupacken. Eine ausgewachsene Puffotter hat einen Giftvorrat, der ausreichend ist, um vier bis fünf Menschen zu töten. Sie ist nicht angriffslustig, beisst aber wenn man ihr zu nahe kommt oder auf sie tritt. Sie ist aus der Familie der Vipern, welche mit Ausnahmen des Nordens Afrikas, der inneren Sahara und der Regenwaldgebiete in ganz Afrika und Teilen der südwestlichen arabischen Halbinsel vorkommt. Sie ernähren sich von kleinen Säugetieren, vor allem von Mäusen und Ratten, sowie Echsen, Vögeln, Schlangen und Amphibien. Auch Fische, Heuschrecken und Grillen werden gefressen.

Ab und zu besuchte ich mit dem Fahrrad das Aussatzdorf in Morogoro. Es liegt etwa fünf Kilometer von der Abtei Peramiho entfernt und beherbergt die vom Aussatz befallenen Menschen. Gott sei Dank, tritt diese Krankheit nur noch selten auf. Wird sie früh erkannt, ist es möglich, mit Medikamenten den Ausbruch zu verhindern. Bei einem sechsjährigen Mädchen war es der letzte Fall eines Aussatzes im Jahr 1992 in Morogoro. Schwester Frohmunda, die seit über 40 Jahren die Leprakranken betreute und ausserdem ein Waisenhaus mit etwa 100 Waisenkinder unterhielt, die von den Eltern verstossen wurden, oder deren Eltern an Aids gestorben sind, unternahm mit mir einen Rundgang. Mit Freude zeigte sie mir eines von neun gebauten Häusern für ihre fünfzehn Lepraschützlinge. Die alten Behausungen waren von den Termiten so zerfressen, dass diese einzustürzen drohten. Bauarbeiter aus der Gegend bauten diese einfachen Häuser, nach der Vorstellung der Schwester Frohmunda so wie sie es wünschte. Es stimmte mich sehr traurig, als ich diese Menschen vom Aussatz gekennzeichneten Geschöpfen zum ersten Mal begegnete. Ich fühlte mich so ohnmächtig und wusste nicht, wie ich reagieren sollte. In einer solchen Situation wird einem erst recht bewusst, was Gesundheit bedeutet. Es ist sicher nicht selbstverständlich, jeden Morgen gesund aufzustehen, für sich selber zu sorgen und in dieser Hinsicht nicht auf andere Menschen angewiesen zu sein. Solche Gedanken gingen mir durch den Kopf beim Anblick dieser, erstaunlicherweise zufriedenen und mit Frohsinn ihr Schicksal tragenden Geschöpfe. Wie würden wir uns in einer solchen Situation verhalten? Diese Frage ist sicher nicht leicht zu beantworten und es beschäftigte mich noch lange nach dieser Begegnung. Jedem Aussätzigen reichte ich meine Hand und sie freuten sich sehr über meinen Besuch. Niemand beklagte sich über seinen Zustand, obschon die meisten ihre Hände und Füsse nicht mehr gebrauchen können, weil diese vom Aussatz in grosse Mitleidenschaft gezogen wurden, zum Teil mit offenen Wunden, die Fliegen und anderes Ungeziefer anziehen. Einige verloren an ihren Händen alle Finger, andere die Zehen an ihren Füssen, die nur noch als Stummel erkennbar waren. Selbst die Blinden und jene, die sich auf allen Vieren oder mit Stöcken fortbewegen, weil das aufrechte Gehen einfach nicht mehr möglich war, nahmen ihr Schicksal mit grosser Geduld an. Sie haben liebevolle Helfer und Helferinnen, die sich um die aussätzigen Menschen kümmern, ihnen die Speisen reichen und beim gehen behilflich sind. Die Begegnung mit diesen Menschen hat mich tief beeindruckt und auch nachdenklich gestimmt. Sie dürften inzwischen alle erlöst sein und ihren Frieden gefunden haben. Die Waisenkinder erhielten bei der Schwester Frohmunda eine fürsorgliche, aufopfernde und liebevolle Mutter, die viele Kinder aufnimmt, als wären es ihre eigenen Schützlinge und betreut sie bis zur Schulentlassung. Nicht selten holen Mütter ihren Rat bei ihr, was die Ernährung ihrer

Kinder anbelangt. Hunger im eigentlichen Sinn gibt es in Tansania nicht, jedoch schlimme Mangelzustände, durch die völlig einseitige Ernährung mit Mais und Maniok. Der gemahlene Mais und Maniok wird mit Wasser zu einem festen Brei gekocht (genannt Ugali) der meist mit Bohnen oder einer anderen Gemüseart jeden Tag als Hauptnahrung der Afrikaner dient. Oft denken die Mütter, die aufgetriebenen Bäuche ihrer Kinder seien ein Zeichen von Unterernährung, was zu schlimmen Folgen führen könnte. Inzwischen ist auch Sr. Frohmunda mit über 90 Jahren in Peramiho gestorben und ihre Waisenkinder wurden in das Waisenhaus Mji-Mwema nach Songea gebracht. Dieses neue Waisenhaus wird von den Vinzentiner-Schwestern geleitet, die ein Mutterhaus in der Stadt Mbinga mit 280 Schwestern besitzen. Einmal bei einem Spaziergang mit Einheimischen, etwas entfernt von der Abtei Peramiho begegneten wir auf dem Weg einem Schuppentier (Kakakuona). Die Afrikaner wichen zurück und glaubten, das Tier sei gefährlich-giftig und wollten es mit einem Stab erschlagen. Als ich es anfassen wollte, rollte es sich wie eine Kugel zusammen. Trotzdem nahm ich es auf und trug es in meinen Händen bis zu der Abtei. Mit dem Auto brachte ich dieses sehr schön gezeichnete Tier nach Morogoro und liess es im Busch frei. Ich hatte Angst es könnte anderen Einheimischen zum Opfer fallen, falls sie sich wieder begegnen würden. Inzwischen sind diese Schuppentiere in Tansania geschützt und dürfen nicht mehr umgebracht werden.

Das Schwesternkloster Imiliwaha und Uwemba

Diesmal weilte ich vom 26. November bis zum 22. Dezember 1995 im Schwesternkloster in Imiliwaha. Dieses Benediktinerinnenkloster wurde vor 55 Jahren (1968), als Neugründung von Chipole, ins Leben gerufen. Heute zählt diese Gemeinschaft mehr als 400 Schwestern. Dieses Kloster liegt im Njombegebiet etwa 300 Kilometer vom Schwesternkloster Chipole entfernt. Es liegt 2200 Meter über Meer, also in einer Gegend, in der es recht kalt werden kann. Im Gegensatz zu Peramiho musste ich dort warme Kleider tragen, um mich vor einer Erkältung zu schützen. Während meinem Aufenthalt in Imiliwaha führte ich einige Schwestern, davon zwei Vinzentinerinnen aus Mbinga in die Kunst des Buchbindens ein. Br. Ambros ein Mönch von Peramiho mit zeitlicher Profess und ein Verwandter von Erzbischof Norbert Mtega, der nach meiner Rückkehr in die Schweiz die Buchbinderei und Kaffeerösterei übernahm, half mir bei der Ausbildung der Schwestern. Der Tagesablauf ist der gleiche wie im Kloster Chipole. Darauf brauche ich nicht näher einzugehen, weil ich bereits schon ausführlich über diese Klostergemeinschaft berichtet habe. Nennenswert ist, dass die Gemeinschaft von Imiliwaha auch ein kleines Wasserkraftwerk besitzt und mit genügend Elektrizität, besonders während der Regenzeit,