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An welchen Orten kommen wir zur Ruhe, schöpfen Kraft, finden Inspiration? Melodie Michelberger, Autorin, Aktivistin und Influencerin, hat diesen Ort schon lange für sich gefunden: Island. In der größten Krise ihres Lebens war eine geplante Reise nach Island der Traum, an dem sich Melodie Michelberger festhielt – seitdem reiste sie zehnmal in dieses unwirklich schöne, besondere Land, dessen Menschen und deren Mentalität sie lieben gelernt hat. Island ist für Melodie Kraftort und Heimat. Und immer hat sie ihre Follower:innen mitgenommen, hat spektakulär schöne Bilder geteilt und wurde von Feedback und Fragen überwältigt. Auf zehn Reisen, die alle nicht unterschiedlicher hätten sein können, mal allein, mal in Begleitung ihres Sohnes, erkundete Melodie Michelberger die ganz unterschiedlichen Regionen Islands, erkundete auch ihre eigenen Grenzen, wuchs, lernte sich selbst kennen und stellte fest: Das, nur das ist mein Ort. Dieses raue Land und seine ungewöhnlichen Menschen stellt sie nun, auch auf dringenden Wunsch ihrer Follower:innen, auf sehr individuelle und unterhaltsame Weise vor.
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Seitenzahl: 315
Veröffentlichungsjahr: 2026
Melodie Michelberger
Vom nichts Suchen und alles Finden
An welchen Orten kommen wir zur Ruhe, schöpfen Kraft, finden Inspiration? Melodie Michelberger, Autorin, Aktivistin und Influencerin, hat diesen Ort schon lange für sich gefunden: Island.
In der größten Krise ihres Lebens war eine geplante Reise nach Island der Traum, an dem sich Melodie Michelberger festhielt – seitdem reiste sie zehnmal in dieses unwirklich schöne, besondere Land, dessen Menschen mit ihrer Mentalität sie lieben gelernt hat. Island ist für Melodie Kraftort und Heimat. Und immer hat sie ihre Follower:innen mitgenommen, hat spektakulär schöne Bilder geteilt, und wurde vom Feedback und von Fragen überwältigt. Auf zehn Reisen, die alle nicht unterschiedlicher hätten sein können, mal allein, mal in Begleitung ihres Sohnes, erkundete Melodie Michelberger die ganz unterschiedlichen Regionen Islands, erkundete auch ihre eigenen Grenzen, wuchs, lernte sich selbst kennen und stellte fest: Das, nur das ist mein Ort. Dieses raue Land und seine ungewöhnlichen Menschen stellt sie nun, auch auf sehr drängenden Wunsch ihrer Follower:innen, auf sehr individuelle und unterhaltsame Weise vor.
Melodie Michelberger, geb. 1976, hat viele Jahre als Redakteurin für Gala und Brigitte und als PR-Expertin für verschiedene Modelabels gearbeitet. Sie engagiert sich auf vielfältige Weise gegen Ungerechtigkeit und für Vielfalt, u.a. auf Instagram (@melodie_michelberger) – mit einem überwältigend positiven Feedback. Sie lebt mit ihrem Sohn in Hamburg. 2021 erschien ihr Buch «Body Politics».
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Februar 2026
Copyright © 2026 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
Covergestaltung Eva Dietrich
Coverabbildung privat
ISBN 978-3-644-02169-3
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Für Juli und alle, die noch ihren Ort suchen.
Ich sitze in Unterhose und kurzem Shirt auf dem Balkon und sehe den ersten gelben Blättern dabei zu, wie sie von den Bäumen vor meinem Haus und übers Kopfsteinpflaster wehen. Mein Kaffee ist mittlerweile kalt geworden, aber das ist egal, ich will nur noch ein paar Minuten in der wärmenden Herbstsonne sitzen, bevor ich in meiner dunklen Küche am anderen Ende der Wohnung verschwinde, um Kuchen und Quiche zu backen.
Es ist mein 38. Geburtstag – der zweite Geburtstag während meines Burn-outs –, und zum ersten Mal seit fast zwei Jahren fühle ich mich wirklich besser. Vor ein paar Tagen wachte ich morgens auf und fühlte mich nicht wie sonst erschöpft, sondern erholt und klar. Dieses Gefühl hat mir einen richtigen Schub gegeben. Ich habe meine alte Kraft zurück und weiß auf einmal wieder, wer ich bin und was ich will.
Ich stelle den ofenwarmen Johannisbeerkuchen neben einen Stapel Servietten mit Regenbogenmuster auf den Tisch im Esszimmer und ziehe einen knallpinken Luftballon aus der Tüte. Dieser Geburtstag soll bunt und fröhlich sein, ich will die dunkle Wolke, die mich fast zwei Jahre begleitet hat, ein für alle Mal hinter mir lassen. Ich habe alle eingeladen, die ich mag – egal, ob ich sie erst seit wenigen Monaten oder seit zehn Jahren kenne. Der Austausch mit meinen Freund*innen, aber auch die lockeren Kontakte mit Menschen, die ich über Instagram kennengelernt habe, haben mir während der vergangenen Monate Kraft gegeben, und die Vorstellung, sie alle gleichzeitig in meiner Wohnung zu haben, macht mich glücklich.
Während ich den pinken Ballon aufpuste, öffnet sich die Tür zum Kinderzimmer. Ich habe meinen Sohn ganz vergessen. Er ist erst vor wenigen Wochen eingeschult worden und verkriecht sich am Wochenende gerne mit Lego und Hörspielen in seinem Zimmer. Die Arme hinter dem Rücken verschränkt und mit einem verschmitzten Lächeln kommt er zu mir ins Esszimmer. «Mama, welche Seite willst du?» Ich zeige auf seine linke Seite. Strahlend hält er mir ein selbst gemaltes Bild hin. «Hier, für dich, Mama!» Auf dem Bild ist ein blaugrauer Wal zu sehen, der unter einem kleinen Boot schwimmt, aus dem zwei Figuren mit bunten Pudelmützen winken. Über ihnen eine Wolke in den Farben der isländischen Flagge. Ich bin so überwältigt von dieser Überraschung, dass ich nur ein «Oh, wow!» herausbekomme und meinen Sohn umarme. Das Bild rührt mich, und ich weiß sofort, dass wir beiden die Figuren mit den übergroßen Pudelmützen sind. Und die Vorstellung, dass wir zusammen furchtlos übers Meer vor Island schaukeln und dabei Wale beobachten, erfüllt mich mit Glück. Ich hole Washitape aus der Schublade und klebe das Bild mit einem gepunkteten Streifen an meine dunkelblaue Wand gleich neben den Esszimmertisch. Es soll nicht in irgendeiner Schachtel verschwinden, sondern genau hier, am Mittelpunkt unserer Wohnung, als Versprechen für die Zukunft hängen. Ich schaue es mit einem breiten Schmunzeln an, bis die ersten Gäste an der Tür klingeln.
Als ich in der dritten Klasse war, schrieb ich in einem Über-mich-Aufsatz: «Meine Leidenschaft ist die Oper» und «Meine Hobbys sind Reiten, Erfinden, Wandern, Theater spielen» und noch 15 weitere Dinge, die allesamt glatt gelogen waren. Zwar hörte ich gerne klassische Musik im Radio, wenn ich nicht einschlafen konnte, aber ich war noch nie in einer Oper gewesen. Geschweige denn in einer Reitschule oder im Theater. Ich dachte mir Geschichten über mich aus, parallele Leben, in denen ich schön und beliebt war und zu den Kindergeburtstagen meiner Mitschüler*innen eingeladen wurde.
Als Mädchen fühlte ich mich oft fehl am Platz. Unpassend. Als würde ich nirgends dazugehören. Nicht zu meiner Familie, nicht zu den anderen Kindern. In der Grundschule kam ich ständig zu spät oder hatte bloß die Hälfte meiner Schulsachen dabei. Häufig bekam ich zu hören, ich sei eine Träumerin und müsse mich mehr anstrengen. Das Gefühl, überall anzuecken, machte mich traurig und manchmal wütend.
Mein Kinderzimmer war mein sicherer Ort, hier verbrachte ich viele Stunden allein. Spielte mit Barbies, malte Bilder oder nahm mit meinem Kassettenrekorder Quatschgeschichten auf. Mit großer Begeisterung bastelte ich aus Stoffresten neue Outfits für meine Barbies – bunte Kleider mit asymmetrischen Säumen und voluminöse Röcke aus mehreren Lagen Stoff. Ich war dabei äußerst kreativ und fand unkonventionelle Lösungen. Da ich noch nicht gut nähen konnte, klebte ich die Stoffe einfach zusammen oder fixierte sie mit Schleifen.
Doch meine Barbies waren nicht nur hübsch angezogen, sie erlebten auch Abenteuer. Kletterten in ihren Glitzerkleidern auf Vulkane, erforschten in Tüllröcken Dinosaurier. Sie waren die bestgekleideten Abenteurerinnen, die ich je gesehen hatte. Als Vulkane hielten zusammengerollte Bettdecken her, aus deren Mitte ein rotes Stück Stoff ragte. Drum herum platzierte ich Steine, die ich von draußen mitgebracht hatte. Nachmittags stromerte ich gerne durch Felder und an Bächen in der Umgebung meines Dorfes in Süddeutschland entlang oder baute Lägerle am Bach: Hütten aus Ästen und Gestrüpp. Bei diesen Ausflügen entdeckte ich immer wieder Steine mit auffälligen Flecken oder eigenartigen Strukturen, und die außergewöhnlichsten Fundstücke nahm ich mit nach Hause. Ich ordnete sie auf einem Regal in meinem Kinderzimmer nebeneinander an, damit ich sie gut sehen konnte und griffbereit hatte, wann immer ich Vulkanausbruch spielen wollte.
Überhaupt machte ich es wie Pippi Langstrumpf – die Augen richtete ich draußen stets auf den Boden. Nicht, um spannende Dinge zu suchen, sondern um sie zu finden. Das ist ein wichtiger Unterschied. Einmal fand ich auf einem Feldweg 20 Mark. Darauf war ich richtig stolz, das war viel Geld für eine Grundschülerin. Ich gab sie pflichtbewusst im Rathaus ab, und weil sie niemand vermisste, bekam ich sie nach ein paar Monaten zurück.
Bei einem Schulausflug ins Naturkundemuseum in Stuttgart lernte ich versteinerte Pflanzen und magmatische Gesteine kennen. Ich war sofort fasziniert von den vielen unterschiedlichen Steinarten und überrascht, dass es die bunt schimmernden Mineralien sogar zu kaufen gab. Für mich sahen sie aus wie wertvolle Relikte aus der Vorzeit. Ich legte mir ein paar Mineralien für meine Sammlung zu. Keine besonders aufregenden, nur das, was mein Taschengeld hergab: kleine Amethyste und Rosenquarz, aufgeschnittene Geoden, die innen blau schimmerten. Mit der immer größer werdenden Steinsammlung wuchs auch mein Wunsch, mehr über ihre Entstehung zu erfahren. Ich wollte unbedingt wissen, wie die glitzernden Hohlräume in die von außen unscheinbaren runden Steine kamen, warum manche Mineralien lila und andere rosa waren, und welche Gesteine aus Vulkanausbrüchen stammten.
Zur gleichen Zeit fing ich an, viel zu lesen, und stürzte mich damit in aufregende Abenteuer, ohne mein Zimmer verlassen zu müssen. Anfangs waren es die Fünf Freunde-Geschichten von Enid Blyton. Woche für Woche lieh ich mir neue Bände dieser Buchreihe in der Gemeindebücherei aus, bis ich eines Tages das Regal mit den klassischen Abenteuerromanen entdeckte. Zuerst las ich Die Schatzinsel von Robert Louis Stevenson, dann Moby Dick von Herman Melville. In 80 Tagen um die Welt von Jules Verne verschlang ich an einem Wochenende – und stieß danach auf ein weiteres Buch dieses berühmten französischen Autors: Auf dem Cover waren drei Gestalten am Fuße eines Vulkans zu sehen, und über ihnen stand in großen Buchstaben Die Reise zum Mittelpunkt der Erde. Sofort machte sich in mir kribbelige Aufregung breit, und ich wollte unbedingt alles über diese Reise erfahren. Wieder zu Hause, legte ich mich in mein Bett unter der hölzernen Dachschräge – der allerbeste Platz in meinem Zimmer, mit der flauschigen Daunendecke und den vielen Kissen eine gemütliche Höhle – und fing an zu lesen. Mit jeder Seite tauchte ich mehr in diese unbekannte Welt ein. Auch wenn ich keinen blassen Schimmer hatte, was «Zirkontitaniate», «trachytische Masse» oder «transzendentale Kristallografie» eigentlich sein sollte. Als es dunkel wurde, nahm ich meine kleine rote Nachttischlampe mit ins Bett und stellte sie neben mein Kopfkissen, damit ich genug Licht hatte, um weiterzulesen, aber das Leuchten nicht bis zur Zimmertür reichte und womöglich meine Eltern alarmierte. Ich las bis weit nach Mitternacht und schlug das Buch erst am nächsten Abend zu, als ich es zu Ende gelesen hatte. Mein Kopf war heiß vor Spannung, und meine Gedanken kreisten um die fantastische Geschichte, in der einfach alles für mich passte. Ein mächtiger Vulkan, jede Menge Fachwissen über Gesteine und ein geheimnisvolles Land, von dem ich zuvor noch nie gehört hatte: Island. Ich lieh mir das Buch viele weitere Male aus, bis ich mit zehn oder elf Jahren mein eigenes Exemplar bekam.
Im Roman steigt der Geologieprofessor Otto Lidenbrock mit seinem Neffen Axel und dem isländischen Guide Hans in den erloschenen Vulkankrater des Snæfellsjökull in Westisland, um von dort zum Erdmittelpunkt zu gelangen. In den Tiefen der Erde erleben sie wilde Abenteuer, entdecken einen Wald aus Riesenchampignons und treffen auf urzeitliche Flugsaurier. Am Ende der waghalsigen Expedition (Spoiler) spuckt der Vulkan Stromboli die drei Abenteurer wieder aus.
Dass der Roman mehr Fiktion als wissenschaftliche Abhandlung ist, störte mich nicht. Er stillte meinen Wissenshunger nach Antworten über die Entstehung der Erde und verschiedene Gesteinsarten. Ich mochte den persönlichen, tagebuchartigen Schreibstil und die selbstverständliche Art, mit der geologische Begriffe erwähnt werden. In meiner Fantasie kletterte ich oft mit Professor Lidenbrock, Axel und Hans in den Vulkanschlot hinunter bis ins Erdinnere, erforschte mit ihnen zusammen Gesteinsschichten und prähistorisches Leben und war dabei die glücklichste junge Entdeckerin weit und breit.
Ich wollte mehr über den Vulkan Sneffels Yocul, wie Jules Verne ihn schreibt, und das seltsame Land erfahren, in dem es angeblich an jeder Ecke dampft, zischt und brodelt. War Island weit weg? Wie kam man dorthin? Oder war es nur ausgedacht wie Tolkiens Mittelerde? Ich suchte Island in meinem Diercke-Weltatlas und fand es nach einigem Blättern auf der Seite neben Grönland. Dank der guten Beschreibung im Roman wusste ich, wo auf der Karte ich nach dem Snæfellsjökull suchen musste. Im sechsten Kapitel bittet Professor Lidenbrock Axel: «Folge mir auf die westliche Küste Islands. Siehst du seine Hauptstadt Reykjavík? Ja? Gut. Fahre über die unzähligen Fjorde dieser zerrissenen Seeküste, und halte etwas unter dem 65. Breitengrad an. Was siehst du da?» Und genau wie Axel fand auch ich die langgezogene Halbinsel im Westen Islands, auf deren Spitze der Vulkan Snæfellsjökull thront, auf Anhieb. Diesen Vulkan gab es also wirklich! Ich studierte die Landkarte von Island genauer. Es machte mir Spaß, die isländischen Begriffe laut vorzulesen. Sie klangen allesamt wie Fantasienamen, was sicherlich daran lag, dass ich nicht wusste, wie man die isländischen Buchstaben ausspricht. Trotzdem bildete ich mir ein, dass ich meinen Lieblingsvulkan bestimmt richtig ausspreche: Snää-fäälls-jökuhl.
Ich wollte allen von meiner Entdeckung erzählen, dass es das Land aus Jules Vernes Roman wirklich gibt. Aber ich merkte schnell, dass sich niemand so richtig für mein neues Interesse an Island und Vulkanen begeistern konnte. Meine Schulkamerad*innen waren eher für Hanni und Nanni und Gummitwist zu haben, und meine jüngeren Geschwister spielten lieber mit Playmobil, als meinen Ausführungen zuzuhören. Als ich mit dem Weltatlas unterm Arm und meiner Ausgabe der Reise zum Mittelpunkt der Erde in der Hand ins Esszimmer kam, schüttelte meine Mutter nur genervt den Kopf. Ich solle endlich aufhören, in meiner Traumwelt zu leben und mich um meine Schularbeiten kümmern.
So blieb Island mein Geheimnis. Etwas, das nur mir gehörte. Es war der Ort, an den ich mich träumte, wenn ich mich wieder einmal unverstanden oder einsam fühlte. Ein Ort, zu dem ich eine Verbindung spürte, obwohl ich noch nie dort gewesen war.
Doch dann kam die Pubertät und veränderte meinen Körper. Ich schämte mich für meine neuen Rundungen, und plötzlich wurde ich von anderen angeglotzt, als würde mein Körper ihnen gehören und nicht mir. Zu den Blicken kamen wertende Kommentare meiner Eltern: «Streck deinen Bauch doch nicht immer so raus!» Oder: «Du musst aufpassen, dass du nicht dick wirst.» Mit jedem einzelnen davon verlor ich mehr und mehr von dem, was ich vorher im Überfluss gehabt hatte: das Selbstvertrauen, alles schaffen zu können, was ich wollte.
Damals geriet ich in eine Spirale aus Körperhass und Scham. Ich verlor den Zugang zu meinem geheimen Ort, träumte nicht mehr von Vulkanen oder Abenteuern, sondern von der perfekten Figur. Unbemerkt rutschte ich immer tiefer in eine Essstörung, aus der ich erst viele Jahre später wieder herausfand.[1]
Das Gefühl, nicht schlank und damit in meiner verzerrten Wahrnehmung nicht gut genug zu sein, nahm ich mit, als ich an meinem 21. Geburtstag allein nach Hamburg zog. Ich wollte raus aus der schwäbischen Provinz und dem dörflichen Einerlei, das mir wenig Perspektiven bot. Die Vorstellungen, was aus einer jungen Frau wie mir werden könnte, waren Ende der 1990er dort noch erstaunlich begrenzt. Meine Traumberufe – Moderedakteurin oder Geologin – wurden beide gleichermaßen belächelt, und ich sehnte mich nach der Großstadt und nach Menschen, die mich und meine Träume ernst nahmen.
Vorher hatte ich mich noch um einen Studienplatz in Tübingen bemüht, doch ein Professor befand meine Matheleistungen für nicht ausreichend und riet mir vehement vom Geologiestudium ab. Für mich das Zeichen, einen anderen Weg einzuschlagen. Außerdem erschien Hamburg mir ohnehin ein besserer Ort für mich zu sein als Tübingen. Ich tauschte also Spätzle und Spießertum gegen Franzbrötchen und das Tor zur Welt.
In Hamburg tat ich zunächst einmal genau das, was junge Menschen am Leben in der Stadt lieben: ausgehen, tanzen, mit Unbekannten knutschen, auf Dächern abhängen, mich verlieben. Nach einem Praktikum bei der Zeitschrift Amica wurde mir überraschend eine Stelle als Modeassistentin bei der Brigitte angeboten. Ich war Anfang 20, und mein großer Traum, etwas mit Mode zu machen, erfüllte sich also schneller als gedacht. In einer Moderedaktion zu arbeiten, war dann ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Neben den gut ausgebildeten und modisch gekleideten Frauen fühlte ich mich in meinen selbst genähten Kleidern unwohl, wie eine Außenseiterin. Dass ich anfangs Modelabels falsch aussprach, machte die Sache nicht besser. «Das darf nicht passieren», mahnte eine der älteren Redakteurinnen. Ich schämte mich, dass ich etwas so Grundlegendes nicht wusste, und legte mich noch mehr ins Zeug, lernte die Namen und die Aussprache von Designer*innen und Stilrichtungen und kaufte mir angesagte Mode, um optisch besser reinzupassen. Ich wollte allen zeigen, dass ich auch ohne einen Abschluss in Mode am richtigen Ort war. Nach zwei Jahren landete ich in der Moderedaktion der Gala. Regelmäßig reiste ich mit einer Entourage von Koffern um die halbe Welt, um Prominente und die neueste Mode in Szene zu setzen. Ich war viel unterwegs, immer im Stress – und ich machte diesen Zustand zu meiner Identität. Wenn man ständig gestresst ist, macht man beruflich doch alles richtig, oder nicht?
Das Gefühl, nur durch ein Versehen in einer Moderedaktion gelandet zu sein, hing auch nach Jahren wie ein Schatten über mir. Ich rechnete konstant damit, dass der Schwindel doch noch auffliegt und ich als Hochstaplerin entlarvt werde. Dabei gehörte ich längst zu den gut gekleideten Moderedakteurinnen, die ich Jahre zuvor bewundert hatte. Ich hoffte, dass dieses Gefühl, nicht gut genug zu sein, verschwinden würde, wenn ich mich noch mehr anstrengte. Schließlich hatte ich alles, was ich mir je gewünscht habe, meinen Traumjob, ein Ankleidezimmer voller Klamotten, eine eigene Wohnung. Warum ich mich trotzdem so zerrissen und wie eine Versagerin fühlte, konnte ich mir nicht erklären. Dieses Gefühl war nicht durchgehend präsent. Es kam und ging, war mal stärker, dann trat es einige Zeit in den Hintergrund.
Meine Reise zum Mittelpunkt der Erde-Ausgabe verstaubte in der zweiten Reihe meines Bücherregals – für die erste war es nicht mehr cool genug. Dort standen jetzt schicke Bildbände über Modedesign und Fotografie. Meine Steinsammlung hatte ich längst in einen Schuhkarton gepackt und in den Keller zu anderen Dingen aus meiner Vergangenheit gestellt.
Die Jahre vergingen. Ich heiratete, wurde Mutter, trennte mich vom Vater meines Sohnes, als dieser zweieinhalb Jahre alt war. Ich verließ die Moderedaktion, um die Pressearbeit eines Hamburger Modelabels zu übernehmen. Verliebte mich neu. Mein Leben war in konstanter Veränderung, nur ich blieb irgendwo dazwischen stehen.
Ich wurde immer trübseliger. Müder. Erschöpfter. Als mein Sohn fünf Jahre alt war, konnte ich nicht mehr leugnen, dass etwas mit mir nicht stimmte. Ich saß auf dem Sofa und konnte nicht mehr aufstehen. In mir herrschte eine riesige Leere, die alles aufsaugte, was mir einst Freude bereitet hatte: mein Sohn, Mode, Treffen mit meinen Freund*innen. Jeder Gedanke, jeder Schritt wurde schwer und irgendwann unmöglich. Ich wollte schlafen und in dieser Leere verschwinden. Eine Ärztin diagnostizierte schließlich eine Erschöpfungsdepression und schrieb mich krank.
Ich war Ende 30. Um mich herum ging das Leben weiter, Freund*innen feierten ausgelassene Partys, bekamen Kinder, verliebten sich. Ich saß in meiner Wohnung und versuchte, die Scherben meines bisherigen Lebens zusammenzusetzen. Zeitgleich mit der Diagnose Burn-out verlor ich meine Festanstellung, da das Modelabel in die Insolvenz schlitterte, und kurz darauf trennte sich mein Partner von mir und zog aus. Alles, was mir bis dahin wichtig gewesen war, löste sich von einem Moment auf den anderen in Luft auf. Ich hatte keinen Plan, wie mein Leben weitergehen sollte. Ich war arbeitslos, alleinerziehend und pleite. Und fühlte mich wie eine Versagerin.
Um wenigstens den Ort zu verschönern, an dem ich die meiste Zeit verbrachte, begann ich damit, meine Wohnung zu renovieren. Freund*innen halfen mir, wir schoben Esstisch und Sofa in die Mitte des Wohnzimmers und das volle Bücherregal in den Flur. Seit gut acht Jahren lebte ich mit unterschiedlichen Partnern und Mitbewohner*innen in dieser Wohnung und wollte sie endlich so gestalten, wie es mir gefiel. Mit satten Farben an den Wänden und vielen Pflanzen. Bevor ich das Bücherregal zurück ins frisch in Dunkelblau gestrichene Wohnzimmer rückte, ordnete ich die Bücher neu – und fand unter einem Stapel Geologiebücher meine Ausgabe der Reise zum Mittelpunkt der Erde. Das Buch sah etwas ramponiert aus, der Einband zerkratzt, einige Seiten umgeknickt. Doch es vermittelte mir sofort ein vertrautes Gefühl von Gemütlichkeit. Wie vergessene Lieblingssocken, die man ganz hinten im Schrank findet. Ich setzte mich aufs Sofa und schlug das Buch auf. Gleich auf der ersten Seite entdeckte ich einen Eintrag in schnörkeliger Handschrift. «Dieses Buch gehört» und dann meine drei Vornamen und das Datum, September 1987. Ich strich mit der Hand über die Schrift und erinnerte mich an die vielen Nächte, in denen ich in die geheimnisvolle Welt dieses Buches abgetaucht war. Ich sah mein Kinderzimmer vor mir, mein Bett unter der Dachschräge und die kleine rote Lampe. Sofort hatte ich das Gefühl, wieder dort zu sein, als müsste ich aufpassen, nicht aus Versehen die Lampe aus dem Bett zu werfen. Ich konnte es kaum erwarten, in diese Welt zurückzukehren, und begann zu lesen.
Nach ein paar Sätzen fiel mir etwas auf, was ich zuvor entweder überlesen oder für irrelevant gehalten hatte. Die beiden Protagonisten, Professor Lidenbrock und Axel, sind Hamburger. Im Buch wohnen sie in einem kleinen Haus in der Königstraße 19. Königstraße? Ich las den Satz noch mal. Die Straße kenne ich doch! Sie ist in Hamburg-Altona, ich bin sie unzählige Male entlanggefahren. Es gibt sogar eine S-Bahn-Station namens Königstraße. Ich wollte sofort dorthin, um herauszufinden, ob das Haus mit der Nummer 19 noch steht, und schwang mich aufs Fahrrad. Mit jedem Tritt in die Pedale wurde ich neugieriger. Warum wählt ein französischer Autor ausgerechnet eine norddeutsche Stadt als Wohnort seiner Romanhelden? Ich stellte mein Fahrrad beim Eingang der S-Bahn Königstraße ab und schaute mich um. Gegenüber einer Häuserreihe mit Neubauten aus den 1950er-Jahren klaffte eine riesige Brachfläche, auf der meterhoch das Gras wucherte. Von den Kanälen, die sich laut Jules Verne «in Schlangenwindungen durch das älteste Viertel Hamburgs ziehen», keine Spur. In dieser Ecke Hamburgs oberhalb des Fischmarkts und der Elbe gab es gar keine Kanäle. Hier wirkte alles neu und wenig historisch, ich war enttäuscht. Kanäle oder Fleete, wie man in Hamburg sagt, findet man sowieso eher zwischen Hafen und Alster. Jules Vernes Königstraße musste also woanders sein. Fest entschlossen, dieses Rätsel zu lösen, radelte ich wieder nach Hause. Ich suchte online nach Hamburger Stadtkarten aus dem 19. Jahrhundert und wurde mit weiteren Hinweisen aus dem Roman auf einer Karte von 1864 tatsächlich fündig. Die Königstraße, auf die sich Jules Verne bezog, befand sich zu meiner großen Überraschung in meiner direkten Nachbarschaft, etwa einen Kilometer von meiner Haustür entfernt: die heutige Poststraße in der Nähe des Gänsemarktes. Und die Kanäle, die sich laut Jules Verne schlängelnd durch das Viertel ziehen, waren die Wallanlagen, die heute zu Planten un Blomen gehören. Diese Entdeckung entfachte in mir das Gefühl, gerade selbst die Karte gefunden zu haben, auf der der Eingang zum Mittelpunkt der Erde eingezeichnet war. Ich wohnte schon jahrelang im selben Viertel wie meine Kinderbuchhelden und hatte es bisher nicht gewusst! Was für ein Zufall, dass ich ausgerechnet in diese Ecke Hamburgs gezogen war. Oder war das gar kein Zufall gewesen?
Ich schnappte mir meine Reise zum Mittelpunkt der Erde und lief in die Innenstadt. Ich wollte die Zeilen aus dem Roman, die die Umgebung der damaligen Königstraße so anschaulich beschreiben, an Ort und Stelle lesen, um zu überprüfen, ob es diesmal stimmte. Aber auch hier wurde ich enttäuscht, denn statt eines windschiefen Hauses «mit ausgezacktem Giebel» fand ich einen gläsernen Einkaufskomplex vor. Ich hätte mir natürlich denken können, dass so alte Häuser in der Innenstadt längst abgerissen waren. Ich lief das einspurige Seitensträßchen mehrmals auf und ab, und obwohl das originale Haus nicht mehr stand, fühlte ich mich meinen beiden Kinderbuchhelden ganz nah. Auch wenn sich heute eine schicke Boutique an die andere reiht, konnte ich das große Abenteuer förmlich riechen. Die Vorstellung, dass Jules Verne bei einem Besuch in Hamburg vor 163 Jahren durch diese Straße gelaufen war und gedacht hatte, die würde gut zu meinen nächsten Romanhelden passen, machte mich glücklich.
Zu meinem Erstaunen fand ich nirgends in dieser ruhigen Seitenstraße einen Hinweis auf ihre Bedeutung in Jules Vernes Roman. Kein goldenes Schild, keine Plakette an einem der Häuser, nichts. Am liebsten hätte ich sofort selbst einen Zettel an die Wand des Glaskomplexes geklebt, um andere darauf aufmerksam zu machen. Seht her, hier ging Jules Vernes berühmte Reise los! Doch stattdessen nahm ich dieses neue Wissen mit und lief glücklich durch die Wallanlagen nach Hause.
DieReise zum Mittelpunkt der Erde stellte ich nicht mehr hinten ins Bücherregal, sondern legte es auf den Esszimmertisch, damit ich es griffbereit hatte, wann immer ich darin lesen wollte. Der alte Traum von Island platzte in meine große Leere und Planlosigkeit. Obwohl mir eine Reise nach Island im Moment wenig realistisch erschien, da alle Ersparnisse aufgebraucht und mein Konto mehrere Tausend Euro im Minus war, bestellte ich mir einen gebrauchten Island-Reiseführer und ersteigerte einen handgestrickten Lopapeysa bei eBay – ein Pullover aus dicker isländischer Wolle mit klassischem Pferdemuster auf Brust und Schultern. Es war vielleicht nur ein Pullover, doch ich fühlte mich Island darin schon ein bisschen näher.
Zwei Jahre brauchte ich, um aus meiner Erschöpfungsdepression herauszufinden. Island war in dieser ungewissen Zeit wie eine Nebelkerze, die immer dann aufleuchtete, wenn es mir besonders mies ging. Du musst dich durch diese Scheißzeit durchkämpfen, dann kannst du nach Island reisen. Dieses Versprechen an mich selbst wurde zu meinem Mantra – und ich kann mit Mantras und Affirmationen normalerweise nicht viel anfangen. Doch der Gedanke, eines Tages nach Island zu reisen, sorgte dafür, nicht zu verzweifeln. Dieses Versprechen immer wieder in meinem Kopf zu wiederholen, gab mir die Hoffnung, dass es eine Zukunft für mich gibt.
Die pinken Luftballons an meiner Esszimmerlampe schaukeln und drehen sich langsam im Kreis. Ich habe sie nach meinem 38. Geburtstag einfach hängen lassen, der bunte Farbklecks macht mir gute Laune und erinnert mich an den fröhlichen Septembernachmittag mit meinen Freund*innen. Auf meinem Laptop blinkt der Cursor in einem noch leeren Dokument, das einmal mein Businessplan werden soll. Obwohl mir viele Menschen in meinem Umfeld davon abgeraten haben, mich direkt aus dem Burn-out heraus als Presseberaterin für Modelabels selbstständig zu machen, weiß ich, dass dies der richtige Weg für mich ist. Ich kann mir nicht erklären, woher dieses starke Gefühl plötzlich kommt, doch in mir sitzt eine große Zuversicht, dass es irgendwie klappen wird. Mein Blick fällt auf das Bild, das mir mein Sohn geschenkt hat und das neben dem Tisch an der dunkelblauen Wand klebt. Es hat etwas unglaublich Beruhigendes, wie die beiden Figuren da ganz allein mitten auf dem Meer im Boot sitzen und freudig winken. Als wollten sie mir zurufen: Mach dein Ding! Es lohnt sich, mutig zu sein.
Ich blicke abwechselnd aus dem Fenster und auf den Bildschirm vor mir, auf dem unsere Flugroute angezeigt wird. Die Shetlandinseln haben wir bereits hinter uns gelassen, nun befinden wir uns irgendwo über dem Nordatlantik. Mein Sohn trägt seine Gaming-Kopfhörer und sieht sich entspannt einen Animationsfilm an. Und ich fühle mich, als hätte ich gerade eine Achterbahnfahrt hinter mir – euphorisch, aber auch etwas flau im Magen. In gut zwei Stunden werden wir in Keflavík landen. Die letzten Sommerferien haben wir in einem winzigen Zweipersonenzelt auf Amrum verbracht, mehr war damals nicht drin. Und nur ein Jahr später sitzen wir im Flugzeug nach Island. Es kommt mir vor wie in einem meiner Träume, doch diesmal ist es Realität. Wird Island so sein, wie ich es mir immer vorgestellt habe? Was, wenn es mir dort gar nicht gefällt?
Erst vor drei Monaten vermittelte mir eine Bekannte den Kontakt zu einer Freundin, die bei einem auf Island spezialisierten Reiseveranstalter in Hamburg arbeitet. «Schreib Inken eine Mail, sie kümmert sich darum», sagte sie bei einem meiner Pressetage. Ich hatte ihr – so wie allen in den vergangenen Monaten – von Island vorgeschwärmt. Ich wollte dieses Land endlich kennenlernen und nicht länger nur als Sehnsuchtsort mit mir herumtragen. Aus einem schwammigen «irgendwann mal» sollte ein «jetzt, sofort!» werden.
Inken machte mir allerdings keine großen Hoffnungen. «Im Sommer? Du meinst doch hoffentlich nächstes Jahr, oder?», antwortete sie auf meine Mail, die ich ihr Anfang Mai geschickt hatte. Ich wusste nicht, dass man für Island-Reisen mehrere Monate, besser noch ein Jahr Vorlaufzeit einplanen muss, da die Unterkünfte in den beliebten Gegenden begrenzt und früh ausgebucht sind. Nach einigem Hin und Her schaffte sie es aber doch, Flüge und Unterkünfte für mich und meinen Sohn zu organisieren. Was ich bei dieser überstürzten Aktion allerdings nicht bedacht hatte, war, wie ich innerhalb von nur drei Monaten die 5836 Euro für die zwölftägige Mietwagentour aufbringen sollte. Ich wollte nach Island, der Rest würde sich dann schon finden, hoffte ich. Ich hatte schon immer eine große Zuversicht, wenn es um das scheinbar Unmögliche ging.
Ich befinde mich im dritten Jahr meiner Selbstständigkeit. Die ersten beiden Jahre nach der Genesung vom Burn-out waren nicht einfach. Das Krankengeld, das ich während dieser Zeit erhielt, war zwar nicht besonders hoch, aber immerhin ein regelmäßiges Einkommen. Jetzt war ich auf mich allein gestellt und hangelte mich von Monat zu Monat, von Auftrag zu Auftrag – und merkte schnell, dass niemand auf eine freiberufliche Mode-PR-Beraterin gewartet hatte. Die wenigsten Hamburger Modelabels planten überhaupt ein Budget für Pressearbeit ein. Oft waren meine Einnahmen geringer als meine Ausgaben, sodass ich mir Geld von Freund*innen leihen musste, um meine Miete rechtzeitig zu überweisen. Nicht die idealen Voraussetzungen, um auf eine Reise zu sparen.
Noch während meines Burn-outs hatte ich aus Neugier einen Instagram-Account eingerichtet. Die App war damals neu, und es war aufregend, Einblicke in das Leben fremder Menschen zu erhaschen. Da ich die meiste Zeit in meiner Wohnung verbrachte, wurde Instagram schnell zu einem virtuellen Treffpunkt, an dem ich Menschen aus aller Welt kennenlernen konnte. Dort war ich nicht die Melodie, die arbeitslos ein Burn-out auskurierte, sondern zeigte mich so, wie ich gerne sein wollte: selbstbewusst, bunt und humorvoll. Ich fing an, Fotos von mir und meiner Wohnung zu posten. Anfangs hatten sie noch keine tiefere Bedeutung. Ich lachte offen in die Kamera und suchte immer neue Blickwinkel, um mich und meine Wohnung in Szene zu setzen. Doch mit der Zeit wurde ich sicherer, was ich von mir teilen wollte – zum Beispiel meine Liebe für ausgefallene Kleider oder meine Haltung zu feministischen Themen. Ich wollte mich als starke Frau präsentieren, nicht als jemand, der sein Leben nicht im Griff hat. Schließlich bekam ich die ersten Anfragen für Werbekooperationen. Ein Riesenglück für mich und deutlich besser bezahlt als die Zusammenarbeit mit den Modelabels. Außerdem gab es wenige Vorgaben, und ich konnte die Inhalte frei und kreativ gestalten. Dank der Zusammenarbeit mit der Dating-App Tinder und einem niederländischen Pflanzenverband gelang es mir schließlich kurz vor Ablauf der Frist, die Rechnung für die Reise zu begleichen.
Neben dem Flugzeugsymbol auf der Karte ist inzwischen der Südosten Islands aufgetaucht. Ich drücke meine Nase an die Plastikverkleidung des Fensters. Kann man die Gletscher und das Hochland schon erkennen? Doch so sehr ich mir auch einen ersten Blick auf Island wünsche, bleibt die Küste unter einer dichten Wolkendecke verborgen. Erst beim Landeanflug auf Keflavík tauchen unter den Wolkenschleiern braungrüne Geröllfelder auf. Mein Herz hämmert, als würde ich mein Blind Date zum ersten Mal sehen. Ich bin in Island!
«Velkomin heim!», begrüßt uns eine Flugbegleiterin nur wenige Sekunden nach der Landung. Willkommen zu Hause. Mir schießen Tränen in die Augen, auch wenn ich weiß, dass sich dieser Gruß an die isländischen Fluggäste richtet und nicht an mich persönlich. Und doch fühlt es sich ein bisschen wie ein Homecoming, ein Nach-Hause-Kommen in diese noch fremde Welt an.
Ein Windstoß fegt uns beinahe die Rollkoffer aus den Händen, als wir in unseren blitzsauberen Wanderstiefeln durch die Glasschiebetür der Ankunftshalle auf den Parkplatz laufen. Wir müssen beide lachen. Genau so hatte ich mir Island im Sommer vorgestellt. Es ist der erste August, es hat nicht einmal zehn Grad, und der Wind pfeift uns um die Ohren. Mein Lieblingswetter. Schon jetzt weiß ich, dass es mir hier richtig gut gefallen wird, obwohl wir uns noch keinen Zentimeter vom Flughafenparkplatz wegbewegt haben.
Auf der Straße, die vom Flughafen wegführt, lasse ich in unserem silbernen Mietwagen die Fenster runter. Fenster-Check nenne ich das spontan. Ich halte kurz die Hand raus und lasse die frische Luft in den stickigen Kia. Sofort wirbelt der Wind unsere Haare und die Papiere der Autovermietung im Ablagefach durcheinander. Erst jetzt merke ich, dass ich keinen Schimmer habe, wie wir überhaupt zu unserer Unterkunft kommen sollen. Ich war so mit anderen Vorbereitungen für unsere Reise beschäftigt – etwa der Suche nach den perfekten Wanderstiefeln –, dass ich mich mit Details wie der Routenplanung kaum auseinandergesetzt habe.
Im ersten Kreisverkehr nach dem Flughafen drehe ich eine, zwei, drei Runden. «Mist, wo geht’s nach Borgarnes?» Mein Sohn zuckt mit den Schultern. Zu meiner Überraschung sind alle Schilder nur auf Isländisch und nur die Orte in der Nähe ausgeschildert, nicht die jenseits von Reykjavík. Schließlich nehme ich die Abfahrt, die fast alle anderen Autos rausfahren und vertraue darauf, dass es die richtige ist. Google Maps schalte ich lieber nicht ein, da ich nicht weiß, wie das mit den Roaming-Gebühren in Island läuft. Ich erinnere mich, dass das Reisebüro eine Papierkarte mitgeschickt hatte. «Kannst du mal schauen, welche Straße nach Borgarnes führt?» Mein Sohn faltet die Karte auseinander, bis sie den gesamten Platz vor seinem Sitz einnimmt. Es ist das erste Mal, dass er eine solche Straßenkarte in der Hand hält. Nach ein paar Minuten verkündet er stolz: «Es gibt nur eine Straße nach Borgarnes, Mama, und die geht geradeaus!» Auf die Idee, kurz anzuhalten, komme ich nicht.
Obwohl ich die erlaubten 90 km/h einhalte, werden wir reihenweise flott überholt. Auf der mittlerweile zweispurigen Straße herrscht ohnehin viel Verkehr. Im Sekundentakt rauschen Autos, Busse und riesige Geländewagen an uns vorbei. Ich wundere mich über diese Raserei. Das Reisebüro hat extra auf die erlaubte Höchstgeschwindigkeit und die hohen Strafen hingewiesen. «Wollen wir Ich sehe was, was du nicht siehst spielen?», frage ich. Ich bin gestresster, als ich meinem Sohn gegenüber zugeben möchte. Werden wir unsere Unterkunft finden? Und wo bekommen wir etwas zu essen, das nicht gleich am ersten Abend die Reisekasse sprengt?
Ich hatte keine Vorstellung, wie Island abseits der bekannten Postkartenidylle aussieht. Mir war klar, dass es nicht überall malerische Wasserfälle und vergletscherte Vulkane geben kann. Das Gelände entlang der Straße ist flach, mit einigen Hügeln und Bergen in der Ferne. Keine Bäume, keine Sträucher, moosbewachsene Geröllfelder in entsättigten Grün- und Brauntönen bis zum Horizont. Noch nie habe ich eine so karge und doch so beeindruckend schöne Landschaft gesehen. «Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist ein spitzer Berg, der aussieht wie ein Zauberhut», ruft mein Sohn vergnügt.
Die autobahnähnlichen Straßen rund um Reykjavík überfordern mich. Ich hätte nicht gedacht, dass es hier so viele Autos gibt, und alle scheinen gleichzeitig auf mittlerweile drei- und vierspurigen Straßen unterwegs zu sein. Doch mein Sohn hat recht, es gibt tatsächlich nur eine Straße in Richtung Nordwesten, und nach einigen Umwegen durch Wohngebiete und über Schotterpisten finden wir sie. Reykjavík haben wir erst für das Ende unserer Reise eingeplant. Mich zieht es raus in die Natur. Ich will endlich das Island erkunden, das ich aus Reise zum Mittelpunkt der Erde und unzähligen Naturdokumentationen kenne – und so schnell wie möglich an den Ort gelangen, von dem ich schon so lange träume: Snæfellsnes.
Das Licht drückt sich frühmorgens durch die Ritzen der Jalousien unseres schlichten Hotelzimmers in Borgarnes. Vor Aufregung konnte ich ohnehin kaum schlafen und liege schon seit einiger Zeit wach. Beim Herumscrollen auf meinem Handy habe ich entdeckt, dass das Roaming in der EU und in Island vor sechs Wochen abgeschafft wurde. Das macht alles deutlich einfacher, denn ich kann wie gewohnt meinen Handytarif für das Internet nutzen. Die heutige Route habe ich mir gleich abgespeichert, sodass ich im nächsten Kreisverkehr genau weiß, welche Ausfahrt ich nehmen muss. Island hat erstaunlich viele Kreisverkehre: Allein auf der gestrigen Fahrt haben wir bei zwölf[2] aufgehört zu zählen. Die meisten sind sogar zweispurig, und überraschenderweise wird von der inneren Spur abgebogen.
Ich öffne das Fenster. Es ist stickig und warm in unserem kleinen Eckzimmer, da die Heizung auf volle Stufe eingestellt ist und sich nicht ausschalten lässt. Draußen stehen bereits ein paar Menschen in Regenjacken vor einem Reisebus – dabei ist es gerade einmal sieben Uhr morgens. Ich ziehe Wanderleggings und ein bunt gemustertes Kleid aus meinem Koffer. Ich habe mir vorgenommen, täglich wenigstens ein normales Kleidungsstück anzuziehen, damit ich nicht auf jedem Foto in Outdoor-Kleidung zu sehen sein werde.
Nach dem Frühstück läuft mein Sohn mit seinem Teller durch den Frühstücksraum, dessen Einrichtung offenbar seit den 1990er-Jahren unverändert geblieben ist. «Was suchst du?», frage ich ihn. «Na, das, wo man den Teller abstellt!», antwortet er genervt. Ich muss lachen. Wir waren noch nie in einem Hotel mit Frühstücksbuffet, und aus der Grundschule ist er es gewohnt, seinen Teller nach dem Essen selbst abzuräumen.
Während wir unser Gepäck zum Auto schleppen, beginnt es leicht zu tröpfeln. Fängt es jetzt etwa an zu regnen, wo wir heute doch so viel vorhaben?
Als wir beim ersten Kreisverkehr nach dem Campingplatz auf den Snæfellsnesvegur abbiegen, prasseln bereits dicke Regentropfen auf die Frontscheibe. Borgarnes liegt sehr idyllisch an einem Fjord, und die Straße dorthin scheint förmlich über dem Meer zu schweben. Allerdings verläuft die Ringstraße, die einmal um die ganze Insel führt, direkt durch den Ort. Sämtliche Reisende, die nach Norden oder Westen möchten, müssen hier durch. Im ersten Moment hatte ich den Eindruck, dass es in Borgarnes vor allem Tankstellen, Hotels und Fastfood-Restaurants gibt. Doch bei einem Spaziergang gestern Abend entdeckten wir die felsige Küste mit kleinen vorgelagerten Inseln sowie die hübsch bemalten Häuser. Dort fanden wir auch ein Restaurant mit einer Holzterrasse direkt am Meer, in dem wir sehr lecker gegessen haben. Es war zwar kalt und windig, aber ich wollte unbedingt draußen sitzen, um nichts von Island zu verpassen.
«Wollen wir Reise zum Mittelpunkt der Erde hören?», schlägt mein Sohn vor. «Au ja!», antworte ich. «Dann können wir gleich überprüfen, ob Jules Verne Island wirklich richtig beschrieben hat. Schließlich war er selbst nie hier», erklärt er und öffnet auf meinem Handy die Website[3]
