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Eine Zeit der Lügen und Illusionen: Wie Berlusconi die italienische Gesellschaft veränderte Silvio Berlusconi ist in Deutschland vor allem als schillernder Politiker bekannt, der wilde Bunga-Bunga-Partys feierte und seine Macht zum Ausbau seines privaten Medienimperiums nutzte. Was viele hierzulande nicht wissen: Während seiner Regierungszeit hat sich Italien nachhaltig verändert. Was als Modernisierung des Landes begann, bezeichnen viele ItalienerInnen heute als „Berlusconierung", als schrittweise Aufweichung der Demokratie. Die freie Journalistin Michaela Namuth lebt seit 1994 in Rom und hat Berlusconis Karriere hautnah miterlebt. In ihrem Buch geht es um Verlage, Design, Krimis, Mafia, eine Frauenfabrik, den Süden – eben um all das, worin sich der Einfluss des italienischen Politikers zeigt! Berlusconismus: Il Cavaliere als Wegbereiter populistischer Politiker weltweit Demokratie in Gefahr: Kompromissloser Egoismus als Staatsräson Forza Italia: Das Erstarken des Rechtspopulismus in Italien Italien heute: Von den Anfängen der postfaschistischen Bewegung bis zu Giorgia Meloni Hinter den Kulissen des Dolce Vita: Buch über das politische Italien seit den 1990er Jahren Demokratie in Gefahr? Berlusconis und der Rechtsruck Europas Als Berlusconi 1994 an die Spitze der italienischen Regierung gewählt wurde, hofften viele auf einen Neuanfang – für das Land und für sich persönlich. Endlich würde Italien an Ansehen in der Welt gewinnen. Wohlstand für alle schien möglich. Doch es kam anders als erhofft: Der italienische Politiker war der erste Populist an der Spitze eines Landes und ebnete den Weg für Politikertypen wie Donald Trump oder Viktor Orbán. Er machte zwei Rechtsaußen-Parteien, die Lega Nord und die Fratelli d’Italia, regierungsfähig – die amtierende Ministerpräsidentin, Giorgia Meloni, begann ihre Regierungskarriere unter ihm. Ein wichtiges Buch über Bella Italia, das uns die politische und gesellschaftliche Entwicklung des Landes lebendig vor Augen führt.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Michaela Namuth
Mein Italien mit Berlusconi
Und was daraus geworden ist
Essays, Gespräche, Reportagen
Wie dieses Buch entstand
Ich lebe und arbeite seit fast 30 Jahren in Italien. Genauer gesagt in Rom, in einem Viertel im Süden der Stadt. Das Viertel heißt San Giovanni wie die Lateran-Basilika, um die es herumgebaut wurde. Es ist das Viertel des Fußballers Francesco Totti und seiner AS-Roma-Fans, aber auch der Rechtsaußen-Partei Fratelli d’Italia, die hier ihr Headquarter hat. Es gibt die Appia Antica, die älteste Straße Europas, und den Stadtpark Caffarella, wo Schafe auf grünem Feld grasen und Nymphquellen plätschern. Von meinem Balkon aus, auf dem ein dunkelroter Bougainvillea-Strauch jedes Jahr wieder üppig blüht, sehe ich dicke Mafiabosse, die sich durch unsere Straße schieben. Manche haben für ihre Töchter ein Nagelstudio oder einen trendigen Poke-Imbiss eingerichtet. Abends dröhnt der Berufsverkehr an unserer Wohnung vorbei. Dafür herrscht am Sonntag eine fast unheimliche Stille und man kann in der sizilianischen Konditorei duftende Windbeutel mit Sahne oder cannoli mit Ricotta kaufen und sie auf einer der Rentnerbänke auf der Piazza Tuscolo verdrücken.
Der Mann, dem ich das alles zu verdanken habe, heißt Silvio Berlusconi. Er war ein italienischer Medienmilliardär und hat sich 1993 dazu entschieden, Politiker zu werden. Als er diese wichtige Entscheidung fällte, traf auch ich eine Entscheidung, die mein Leben veränderte. Eines Nachmittags saß ich mit meinen Kollegen auf dem Balkon unseres Journalistenbüros in Walldorf bei Heidelberg. Wir rauchten, schauten auf den See und besprachen die Auftragslage. Die Geschäfte liefen gut. Wir hatten uns auf Berichterstattung über Medien spezialisiert. Darüber gab es immer etwas zu schreiben. Von Internet und Zeitungskrise war noch nicht die Rede. Der Spiegel verbuchte eine Millionenauflage. Die Bild-Zeitung auch. In der Agentur waren wir alle freie Journalistinnen und Journalisten und arbeiteten für Medienfachblätter und Wochenmagazine. Das Fernsehen und seine fetten Werbeeinnahmen waren große Themen, aber auch die undurchsichtigen Geschäfte von Leo Kirch und anderen europäischen Medienbesitzern.
»Alle wollen wissen, was dieser Berlusconi treibt. Geh doch nach Italien und schreib darüber«, sagte mein Kollege Peter Turi an diesem Nachmittag auf dem Balkon. Das war eine Idee, die mir dann nicht mehr aus dem Kopf ging. Ich hatte Sehnsucht nach Rom, wo ich zwei Jahre studiert hatte. Italien war bei den jungen Deutschen groß in Mode. Man trug weiße Superga-Turnschuhe und bunte Benetton-Pullover. Wer etwas auf sich hielt, konnte Gnocchi mit Pesto kochen. Dazu gab es italienischen Wein, meist Chianti, der sich langsam neben dem französischen Vin de Pays in den Supermarktregalen breitmachte. Und die Lira war mal wieder nichts wert, so dass ich mit Honoraren von deutschen Zeitungen gut leben könnte.
Viele Redaktionen reagierten interessiert auf meinen Vorschlag, künftig als Freie aus Italien über Wirtschaft und Medien zu berichten. Berlusconi war ein Phänomen. Seine schlüpfrigen Fernsehformate waren in Deutschland vor allem dank der Striptease-Sendung »Colpo Grosso« bekannt geworden. Bei uns hieß sie »Tutti Frutti« und lief auf RTL. Die Show wurde ein Renner und der Name Berlusconi ein Begriff für Fernsehen unter der Gürtellinie. Dass er auch ein erfolgreicher Bauunternehmer und Freund von Mafia-Bossen war, wusste damals kaum jemand. Er war auf jeden Fall eine schillernde Figur. Und die deutschen Medien interessierten sich zunehmend für den italienischen Magnaten, der im internationalen Fernseh- und Filmgeschäft mitmischte.
Das war meine Chance. Ich traf die Entscheidung nach Rom zu ziehen.
Im Januar 1994 überquerte ich mit meinem R4 die verschneiten Alpen. Die Stimmung war gut, ebenso meine Auftragsliste aus Deutschland. Nach Innsbruck legte ich eine Kassette von Paolo Conte ein … via via con me. In Rom warteten meine Freundinnen und Freunde, die ich aus Studienzeiten kannte. Als ich morgens um zwei endlich ankam, waren ein paar schon am Essenstisch eingeschlafen. Die anderen hatten tapfer durchgehalten, mit Kaffee und einer Flasche Magenbitter. Das Rest-Komitee eskortierte mich in meine neue Einzimmerwohnung im Borgo Pio, eine der mittelalterlichen Gassen im Schatten des Vatikans.
Seit diesem Tag berichte ich aus Italien. In den ersten Jahren vor allem für die deutsche Wirtschaftswoche, die Berliner taz und das Schweizer Nachrichtenmagazin Facts, später kamen andere Titel dazu, unter anderem die Münchner Fachzeitschrift Werben&Verkaufen und das Hamburger Magazin Brand eins. Seit einigen Jahren leiste ich mir den Luxus, auch über Reisen und Essen zu schreiben und Reportagen zu recherchieren, für die ich mir Zeit nehmen kann.
In diesem Buch geht es nicht in jedem Kapitel um Berlusconi, der inzwischen verstorben ist. Das wäre langweilig. Seine Regierungszeit – die vier Legislaturen und mit Unterbrechungen fast zwei Jahrzehnte gedauert hat – war eine Zeit der Lügen und der Illusionen. Viele glaubten, dass Italien mit ihm wieder wohlhabend und in der Welt angesehen werden würde. Und dass von dem Glanz und dem versprochenen Geldregen für alle etwas abfallen würde.
Was in dieser Zeit in Italien sonst noch geschah, erzählen die Artikel, Reportagen und Interviews, die damals erschienen sind – Jahr für Jahr. Sie beschreiben die italienischen Zustände aus unterschiedlichen Perspektiven. Im Vorspann jedes Kapitels werden die Themen von damals kurz aus aktueller Sicht beleuchtet. Und ich versuche auch, mich zu erinnern, wie ich Italien in diesem Jahr erlebt habe – als Deutsche unterwegs in einem Land, das sich in einen Veränderungsprozess treiben ließ, durch den sich seine Physiognomie vollständig verändert hat. Manche nannten es damals Modernisierung. Heute sagen viele Berlusconisierung. Oliviero Toscani, Italiens bekanntester Fotograf, spricht im Interview von Vulgarisierung. Andere wiederum zitieren Pier Paolo Pasolini und seine Prophezeiung einer »hedonistischen Konsumideologie«, die Italien überrollen würde. Der Schweizer Schriftsteller und Journalist Dante Andrea Franzetti beschreibt 2001 in Die Zeit den »Homo berlusconensis« als einen neuen Typus Mensch, der sich in Alltag und Beruf ausschließlich an ökonomischen Werten orientiert und dadurch Macht gewinnt. Es ist das Prinzip des kompromisslosen Eigennutzes, das sich der demokratischen Idee des Gemeinwohls entgegenstellt.
Diesen Typ als Staatschef gab es in Reinform lange Zeit nur in Italien. Das Phänomen Berlusconi ist sozusagen zu einem Alleinstellungsmerkmal seines Landes geworden. Und einmal mehr stellt sich die Frage, ob Italien ein »Laboratorium der Moderne« ist – ein Begriff, der oft positiv gedeutet wurde und jetzt als Zukunftsszenarium bedrohlich erscheint. Berlusconi wurde an die Spitze der Regierung gewählt und war ein Eisbrecher für andere Typen seiner Art. Der bekannteste ist sicherlich Donald Trump, der einige Jahre später US-Präsident wurde. Berlusconis Erfolg stellt einen Wendepunkt in der Entwicklung von kapitalistischen Demokratien dar. Eine Entwicklung, die als Trend zum autoritären Populismus große Gefahren birgt, denn in seinem Schlepptau befinden sich immer antidemokratische, meist rechtsextreme politische Kräfte. Silvio Berlusconi hat 1994 erstmals die rechtsnationale Partei Alleanza Nazionale und die rassistische Lega Nord an die Regierung gebracht und somit politisch salonfähig gemacht. Die Alleanza Nazionale heißt heute Fratelli d’Italia und ist die Partei von Giorgia Meloni. Sie wurde 2022 zur Ministerpräsidentin gewählt. In diesem Amt ist sie die erste Frau und auch das erste Mitglied einer Partei mit postfaschistischen Wurzeln seit der Befreiung vom Mussolini-Faschismus im Jahr 1945. Ihre Regierungskarriere begann als Jugendministerin unter Berlusconi.
Berlusconi wirkt bis heute, nicht nur in Italien, auch in Europa. Deshalb geht es in diesem Buch auch um die Frage, wie es möglich ist, dass der Chef eines Medienkonzerns 20 Jahre lang die Politik einer westlichen Demokratie bestimmt hat und sein Einfluss bis heute andauert. Was ist in diesen Jahren passiert?
Italien hat sich verändert. Berlusconi hat die DNA des Landes verändert, wie der Medien- und Geschichtsprofessor Nicola Tranfaglia im Kapitel »Macht« erklärt. Aus Kultur ist Unterhaltung, aus Anarchie Liberalisierung und aus mediterraner Lebenslust finanzielle und oft auch psychische Depression geworden, vor allem im Süden. Dieser gehört zu den ärmsten Regionen Europas. Die Hälfte aller jungen Frauen, die südlich von Rom leben, finden keinen Job. Daran hat sich nichts geändert. Auch die Mafia treibt weiter ihr Unwesen. Sie rückt immer weiter in den Norden und ins Zentrum der internationalen Finanzgeschäfte vor. Die verschiedenen Mafien kontrollieren heute auch Mailänder Supermärkte, fast die gesamte italienische Gastronomie in Deutschland und Mülltransporte in alle Welt. Und immer mehr auch das Viertel, in dem ich wohne.
Aber kann man das alles nur Berlusconi ankreiden? Wahrscheinlich nicht. Es haben ja viele mitgemacht. Allen voran seine politischen Gegner im Parlament, ein Konglomerat aus Sozial- und Christdemokraten und ihren Parteien, die heute namentlich alle nicht mehr existieren, sondern immer wieder neue Formen und Namen annehmen. Sie hatten in zwei Legislaturperioden die große Chance, mit Stimmenmehrheit ein Gesetz zum Interessenskonflikt zwischen Politik und privaten Geschäften zu verabschieden. Sie haben es nicht getan und zeigten damit auch keinen politischen Willen, aufzuhalten, was danach kam und bis heute die Geschicke des Landes bestimmt:
Ein Ministerpräsident, der mit seinen eigenen Gesetzen seinen eigenen Konzern gerettet hat.Die Entmachtung der Justiz, die versucht hatte, ihn wegen Betrug, Korruption und Bestechung zu verurteilen.Die Forderung nach der Abschaffung des Parlaments.Die Besetzung des Parlaments mit Personal aus Fernsehshows.Die Schwächung der Gewerkschaften.Die Abschaffung des Gesetzes gegen Bilanzfälschung.Und die unendliche Operette eines öffentlich inszenierten Privatlebens: auf der Jacht mit Putin, im Zelt mit Gaddafi, Scheidungsstreit auf den Titelseiten, Sexparties und schließlich die Anklage wegen Prostitution von Minderjährigen. Damit hatte er es zu bunt getrieben, seine katholischen Wählerinnen stiegen aus. 2011 tritt er als Ministerpräsident zurück und 2013 wird er aus dem Senat ausgeschlossen. Nach zwei Jahrzehnten besetzte Berlusconi in Italien kein öffentliches Amt mehr.
Ich habe diese lange Zeit mit ihm verbracht. Und ich habe jedes Jahr im Alltag erlebt, wie sich das Land verändert. Aber vieles ist auch so schön geblieben, wie es immer war: der Süden, die Wunder, das Kino, die Möbel und vor allem die vielen großzügigen und geduldigen Menschen, die mir erklärt und gezeigt haben, was Italien war, was es ist und was es sein könnte. Nicht nur von Berlusconi, auch und vor allem von ihnen handelt dieses Buch.
Kleine Anmerkung
Die Artikel sind abgedruckt, wie sie ursprünglich veröffentlicht wurden, manchmal aber sprachlich gestrafft. Bei der Bearbeitung habe ich gemerkt, dass sich seit 1994 auch die Sprache des geschriebenen Journalismus geändert hat. Wir hatten früher kein Internet und mussten viele Fakten mühselig recherchieren und im Text unterbringen. Das liest sich heute nicht mehr gut und ich habe überflüssige Zahlen und Details gestrichen, die nicht dazu dienen, die Geschichte zu erzählen, um die es in jedem Kapitel geht. Alle Daten und Zitate in den Beiträgen wurden seinerzeit natürlich von mir und den jeweiligen Redaktionen überprüft und dokumentiert.
Die Reportagen und Artikel in diesem Band sind in der Sprache der Zeit geschrieben. Aber ehrlich gesagt hat sich meine Sprache auch nicht sehr verändert. Ich bemühe mich seit den 1980er Jahren, in denen ich mich als Feministin mit dem Thema beschäftigt habe, um eine inklusive Sprache, die auch lesbar ist. Doppelpunkt und Sternchen sind für mich ein Lesehindernis. Das mögen mir die jüngeren Leserinnen und auch alle anderen nachsehen, die eine noch weiter gefasste Sprachweise vorziehen.
1994 – BERLUSCONI
In diesem Jahr kamen Berlusconi und ich nach Rom. Er zog als Ministerpräsident in den Regierungspalast ein, ich in eine Einzimmerwohnung im Borgo Pio, einer damals noch beschaulichen Gasse im Vatikan-Viertel Prati.
Wir führten beide ein privilegiertes Leben, jeder auf seine Weise. Er organisierte Empfänge in barocken Villen und durchkreuzte die Stadt in dunklen Chauffeur-Wagen. Ich richtete mich in meiner Wohnung ein und genoss es, dass es in meiner Straße einen Musikladen und eine der ältesten Bars der Stadt gab. Sie heißt bis heute latteria, weil man dort auch Milch kaufen kann, die in einem hundertjährigen Kühlschrank aus Holz frisch gehalten wird. Und weil es dort natürlich den weltbesten Cappuccino gibt. Ich mietete aber auch ein kleines Büro, an der Piazza Vittorio nahe des Bahnhofs Termini, das ich von meinem Stadtteil mit der Metro erreichen konnte. Das Viertel war die erste multikulturelle Meile der Stadt. Damals lebten und arbeiteten dort noch viele Afrikanerinnen und Afrikaner, heute sind die meisten Geschäfte fest in chinesischer Hand. Auf meinem Schreibtisch breiteten sich Zeitungsausschnitte über den Medien- und Polit-Star Berlusconi aus. Es gab kaum ein anderes Thema.
Und alles ging blitzschnell. Im Januar gründete der Mailänder Bau- und Medienunternehmer Silvio Berlusconi mithilfe der Spitzenmanager seines Konzerns den Politklub Forza Italia und erklärte ihn zur politischen Partei. Die Ankündigung lief in voller Länge auf allen seinen Kanälen. Am 27. März gewann er die Parlamentswahlen gemeinsam mit der rechtsnationalen Partei Alleanza Nazionale und der rassistischen Lega Nord. Am 10. Mai präsentierte er als Ministerpräsident sein Kabinett. Eugenio Scalfari schrieb damals als Chefredakteur der Tageszeitung La Repubblica: »Silvio ist ein großartiger Verkäufer. Die Italiener wollten eine neue Partei? Er hat sie in drei Monaten erschaffen und an sie verkauft.«
Es stimmt. Die Wählerinnen und Wähler wollten etwas Neues. Der Korruptionssumpf der alten Regierungsparteien, die Christdemokraten der Democrazia Cristiana und die Sozialisten von Bettino Craxis Partito Socialista Italiano, war durch die Staatsanwälte des Mailänder Ermittlerteams »Saubere Hände« ausgetrocknet worden. Die Parteien existierten nicht mehr. Die Wirtschaft und der Kapitalismus der großen Industriellenfamilien – von Agnelli bis Olivetti – steckte in der Krise. Die Anti-Korruptionsermittlungen waren gerade dabei, von den großen Fischen zur alltäglichen Praxis der Vetternwirtschaft und der Steuerhinterziehung vorzudringen. Und das war vielen, die die Staatsanwaltschaft anfangs unterstützt haben, dann doch nicht mehr recht. Berlusconi, der selbst wegen Schmiergelddelikten im Visier der Ermittler stand, war der richtige Mann, um der Sache ein Ende zu machen. Als Freund und Sponsor von Ministerpräsident Craxi und namhaften Christdemokraten war er selbst Teil der Schmiergeldrepublik gewesen. Er schaffte es aber, sich als Phönix aus der Asche zu verkaufen. Er versprach, dass er das Land wie sein eigenes Unternehmen zum Erfolg führen würde und viele in Italien glaubten es. Erstaunlich allerdings, dass sie dabei ein wichtiges Detail übersahen: Berlusconis Konzern Fininvest war zu diesem Zeitpunkt hochverschuldet und stand vor dem finanziellen Zusammenbruch.
Ich versuchte, das Phänomen Berlusconi und seinen Interessenkonflikt zu verstehen und zu beschreiben, unter anderem in dem folgenden Artikel, der in dem Gewerkschaftsmagazin Die Mitbestimmung erschien.
Vielen Menschen in Italien war es damals aber auch egal, was der neue Ministerpräsident und die anderen Politiker so trieben, und kümmerten sich kaum darum. Sie hatten genug von den ewigen Regierungskrisen, den Abwertungen der Lira und den immer selben Versprechungen, die doch nichts änderten. So wie mein Nachbar Stefano, der große Bilder malte und sich sein Kunststudium als Trainer in einem Sportstudio verdiente, dabei Frank Zappa auflegte und die abgefallene Stoßstange meines R4 s mit einem Turnschuhbändel reparierte. Auf seinen Gemälden saßen seine Landsleute oft als verängstigte Hasen herum. »Wir haben Berlusconi verdient«, sagte er.
Ich war nicht seiner Meinung und glaubte, Berlusconi könne nur ein Intermezzo sein. Ich war doch eben erst angekommen in diesem wunderbaren Land, wo die Sprache – wenn man sie nur erst richtig verstand – wie Gesang klang, wo es noch Kleidermärkte auf der Piazza statt Fußgängerzonen mit Klamottenketten gab und wo jedes Problem lösbar schien. Auch Berlusconi. Und in der Tat trat seine Regierung noch vor Ende des Jahres wieder zurück. Der Anlass schien reine Ironie des Schicksals zu sein. Im November erhielt er einen Ermittlungsbescheid wegen Bestechung der Finanzpolizei, während er in Neapel die UNO-Ministerkonferenz zum internationalen organisierten Verbrechen leitete. Die Lega Nord entzog seiner Regierung das Vertrauen. Doch das war nicht das Ende, bekanntlich. Und vor mir lagen noch lange Jahre an seiner Seite.
Politik per Fernbedienung
Einen Wahlkampf wie diesen gab es in Italien noch nie. Er fand eigentlich nur im Fernsehen statt. Die Tagesschau des Privatsenders Italia 1 ließ ihren Konzernchef und künftigen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi täglich mehrmals auftreten. Auch auf anderen Kanälen rückten Nachrichtensprecherinnen und Talkshow-Moderatoren ihren Boss unermüdlich ins Rampenlicht. Mit Erfolg: Als Chef des rechtsliberalen Politklubs Forza Italia haben ihn die Italienerinnen und Italiener zum Ministerpräsidenten gewählt. Silvio Berlusconi ist selbst das erfolgreichste Produkt, das er je über seine Fernsehsender beworben hat.
Berlusconis Wahlsieg bedeutet eine Zäsur in der Geschichte der Massenmedien. Zum ersten Mal ist das Fernsehen direkt zum politischen Akteur geworden. Und es ist kein Zufall, dass Italien das erste Land ist, in dem ein Medienunternehmer zum Staatschef gewählt wird. Denn, so schreibt der französische Philosoph Paul Virilio in der Zeit: Italien ist das »Land des Populismus, ein Theater-Land, ein Land der Repräsentation«. Das hat Berlusconi, der sein Jurastudium als Alleinunterhalter finanzierte, schon früh erkannt. Seine Aufstiegsgeschichte beginnt Anfang der 60er Jahre, als er nach dem Studium ins Baugeschäft einstieg. Berlusconi entwarf und baute die Trabantenstadt Milano 2 am Rand von Mailand und stattete das Neubaukonglomerat mit einem lokalen Fernsehsender aus. Woher das Geld für das Millionenprojekt kam, bleibt bis heute sein Geheimnis.
Der große Durchbruch gelang dem Mailänder Geschäftsmann aber erst 20 Jahre später. Er reagierte schnell als 1979 das Sendemonopol des staatlichen Rundfunks fiel und kaufte nach und nach die drei Fernsehsender ein, die heute das Herzstück seines Imperiums und der Schlüssel zu seinem Wahlerfolg sind. Mit Canale 5, Italia 1 und Retequattro erreicht Berlusconi die Hälfte des italienischen Fernsehvolkes. Dazu kommen die auflagenstärkste Fernsehzeitung des Landes und der Werbekoloss Publitalia. Jeder Fernsehspot in den Programmen wird von dieser Agentur geschaltet. Die Konzernholding Fininvest, die all diese Aktivitäten kontrolliert, streicht heute rund 40 Prozent der gesamten Werbeeinnahmen des Landes ein. Zur Gründung seiner Partei Forza Italia und der Rekrutierung des nötigen Personals hat Berlusconi dieses geballte Arsenal eingesetzt.
Ihm gehören aber auch große Verlage wie Mondadori, Kinos, Schulbuchverlage, ein Viertel des italienischen Buchmarktes und ein Drittel aller Zeitungen und Zeitschriften des Landes. Er kontrolliert neben dem Medien- und Werbemarkt auch Versicherungskonzerne, Kaufhausketten, Bau- und Immobilienkonzerne und den Fußballklub AC Milan. Doch die Geschäfte laufen schlecht. Der Konzern ist nach eigenen Angaben mit über vier Milliarden Mark (heute gut zwei Milliarden Euro, M. N.) verschuldet. Finanzexperten gehen von der doppelten Summe aus. Bei einem Umsatz von rund zwölf Milliarden Mark bedeutet dies, dass das Imperium bald wie ein Kartenhaus zusammenbrechen könnte.
Zusätzlich drohte dem Medien-Boss nach dem Zusammenbruch der korrupten Regierungsparteien der Christdemokraten und Sozialisten weiterer Unbill. Sein Duz-Freund, der abgedankte sozialistische Ministerpräsident Bettino Craxi konnte ihn nicht mehr begünstigen. Das Medienkartellgesetz, das in seiner Ära verabschiedet wurde, war Berlusconi auf den Leib geschneidert worden. Das Monopol seiner Privatsender wurde nicht angetastet und die Zweiteilung des italienischen Fernsehmarktes in drei Staats- und drei private Berlusconi-Sender wurde zementiert. Von jeder neuen Regierung hätte ihm eine Verschärfung der Kartellgesetze gedroht. Jetzt ist er selbst Ministerpräsident und kann dies verhindern. Und er kann auch die Geschäfte der Konkurrenz, sprich der staatlichen Rundfunkanstalt RAI, selbst kontrollieren. Diese ist durch das Missmanagement unter der Parteienherrschaft selbst hochverschuldet. Deshalb hat die neue Regierung jetzt leichtes Spiel, den Verwaltungsrat auszuwechseln und mit eigenem Personal zu besetzten.
Dabei hat das italienische Staatsfernsehen selbst zum Erfolg der Berlusconi-Sender beigetragen. Die christdemokratische Regierungspartei missbrauchte die Programme schon in den 1960ern als Propagandainstrument. Die Tagesschau, das telegiornale, fungierte als offizielle Regierungsgazette und quälte die Zuschauer mit offiziellen Zeremonien und ministeriellen Bekanntmachungen. Später in den 1980ern, als es schon drei Programme gab, übernahm die Sozialistische Partei von Bettino Craxi die Kontrolle über das zweite Programm und der dritte Sender blieb den Kommunisten, die »Oppositonsfernsehen« machten. Die oft langweilige und parteienhörige Berichterstattung der RAI trieb viele Zuschauer zu Berlusconis seichten Sendern. Er hatte keine Scheu, im Land des Papstes Pornos zu zeigen. Er kaufte teure Fußballübertragungsrechte, aber auch billige brasilianische Seifenopern und bot so eine neue, bunte Mischung.
Auch der Zustand der Zeitungsverlage spielte Berlusconi in die Hände. Seit den 1970er Jahren werden fast alle italienischen Zeitungen und Zeitschriften von Großindustriellen kontrolliert. Berlusconi ist zwar der erste Konzernchef, der sich mithilfe seiner hauseigenen Medien an die Spitze einer Regierung katapultiert, aber das System ist nicht neu. Seit zwei Jahrzehnten mischen die Unternehmen über ihre Zeitungen in der Politik mit. Nicola Tranfaglia, Professor für Zeitgeschichte und Medien an der Universität Turin, spricht in dem Buch »Modell Italien?« von einem »politischen Tausch«. Die Industriellen bedienen die Politiker mit einer wohlwollenden Berichterstattung und erwarten dafür die eine oder andere Gefälligkeit. Der Fiat-Konzern kontrolliert maßgeblich die Mailänder Tageszeitung Corriere della Sera und sogar vollständig La Stampa in Turin. Und kaum ein anderes Privatunternehmen in Europa streicht so viel Staatssubventionen ein wie der Turiner Autokonzern. Der Olivetti-Chef Carlo De Benedetti hingegen hat sich die römische Tageszeitung La Repubblica und das Wochenmagazin L’Espresso gekauft. Auch Benetton ist jetzt mit der neuen Tageszeitung La Voce ins Mediengeschäft eingestiegen.
Die italienischen Unternehmerfamilien beobachten den Aufsteiger Berlusconi mit Skepsis. Aber er hat versprochen, die Unternehmenssteuern zu senken und den Arbeitsmarkt zu deregulieren. Das passt ihnen ins Programm und Fiat-Chef Gianni Agnelli hat vor der Parlamentswahl erklärt: »Wenn Berlusconi gewinnt, gewinnen wir alle. Wenn er verliert, verliert er allein.«
Silvio Berlusconi hat gewonnen. Und er hat schon damit begonnen, diese Macht zu nutzen, um seinen maroden Konzern zu sanieren. Von Verkauf ist nicht mehr die Rede. Die verschiedenen Konzernteile sollen lediglich nach und nach an der Börse platziert werden. Die verschuldete Muttergesellschaft Fininvest braucht frisches Kapital. Die Verflechtung zwischen Regierungsmacht und Wirtschaftsinteressen war der politische Motor der sogenannten Ersten Republik, die von den korrupten Parteiapparaten der Christdemokraten und Sozialisten regiert wurde. Dann begannen die Mailänder Staatsanwälte, mit ihrer Aktion »Mani Pulite« den Sumpf auszutrocknen. Aber Berlusconi baute das alte Regime wieder auf. In seiner Partei Forza Italia sind viele heimatlose Funktionäre der ehemaligen Christdemokraten und Craxi-Sozialisten untergekommen. Er selbst war Mitglied der Geheimloge P2, die die Besetzung aller Machtposten im Land plante. Dennoch ist es ihm gelungen, sich selbst als Erneuerer darzustellen.
Dabei spielt ihm die Wirtschaftskrise in die Hand. 1993 ist ein schwarzes Jahr für Italien. Erstmals seit 25 Jahren sind die Ausgaben der privaten Haushalte gesunken. Die Arbeitslosigkeit liegt im Süden des Landes bei rund 25 Prozent. Vielen Italienerinnen und Italienern ging es wirtschaftlich nie so schlecht wie heute. Ein großer Teil der Bevölkerung traut allein Berlusconi zu, die wirtschaftliche Misere zu meistern. Nach dem Motto: Das hat er als Unternehmer gelernt. Aber der neue Regierungschef ist nicht einfach nur Unternehmer, sondern Eigentümer des zweitgrößten Medienkonzerns in Europa und verkörpert ein bisher unbekanntes Machtkonglomerat. Zudem hat er eine rechtsnationale Partei salonfähig gemacht und fünf Ministerposten mit ihren Abgeordneten besetzt. Die beiden Kernpunkte seines Programms sind ein konfuser Anti-Kommunismus und der Kampf gegen die unabhängige Justiz, die seinen Freund Bettino Craxi zu Fall gebracht hat.
Doch nicht nur in Italien geht eine Gefahr von der wachsenden Bedeutung der Medien aus, die sich nicht mehr als Kontrolleure der Macht verstehen, sondern selbst nach politischer Macht streben. Der Medienexperte Maximilian Gottschlich, Professor für Publizistik an der Universität Wien, fasst die Lage so zusammen: »Der Name Berlusconi wird für das Ende einer Idee stehen, für das Ende der Funktionsteilung zwischen Politik und Medien im Dienste der Demokratie.«
(Die Mitbestimmung, 7/8 1994)
1995 – TRANSITALIEN
Die 1990er Jahre waren eine Zeit des schönen Scheins. Es waren die Jahre der Supermodels wie Naomi Campbell, Claudia Schiffer und Cindy Crawford. In Italien gaben Modemarken den Trend an. Gianni Versace holte die Top-Models für seine sexbetonte Mode auf die Mailänder Laufstege. Die US-Sängerin Madonna trug in ihren Shows die freizügigen Mieder der Sizilianer Dolce&Gabbana. Und 1998 startete die erste Folge der amerikanischen Serie Sex and the City, in der sich vier New Yorkerinnen vor allem um Klamotten und Sex kümmern, aber nebenher auch um ihre Jobs. Es war ein lustbetontes Bild der unabhängigen Frau, kolportiert von der amerikanischen und europäischen Mittelschicht. Auch in Italien schien es nach dem erfolgreichen Kampf um Scheidung und Abtreibungsrecht in den 1970ern jetzt nicht mehr um sexuelle Selbstbestimmung, sondern vor allem um Sex, Supermodels und Superweiber zu gehen. Das hatte Silvio Berlusconi natürlich längst erkannt. In seinen Fernsehsendern zeigten nicht nur die Tänzerinnen, sondern auch die Nachrichtensprecherinnen viel Busen und nackte Haut. Das Phänomen der spärlich bekleideten veline – eine Art Nummerngirls, die zu rein dekorativen Zwecken in den Fernsehshows herumtänzeln – ist eine Erfindung seiner Sender. Sie erschienen zum ersten Mal 1988 in der Show Striscia la notizia auf Canale 5.
