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Das Buch beschreibt das Leben der Autorin, das geprägt ist durch sexuellen Missbrauch, Drogenkonsum und Prostitution. Nach Jahren schafft sie den Absprung und baut sich ein neues Leben auf. Ihr Weg ist steinig und das bleibt er auch bis zum Ende, denn immer wieder werden ihr neue Steine in den Weg gelegt. Dem Tod gerade noch entkommen, kämpft sie weiter. Immer wieder muss sie neue Hürden überwinden, um ihren größten Schatz wieder zubkommen. Es ist ein nie endender Kampf.
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Seitenzahl: 278
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Ines Glantz
Mein Kampf, das Leben
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Sicht auf die Gesellschaft
3. Ich
4. Mein Leben zu Hause
5. Etwas, das mein Leben und mich veränderte
6. Mein erster Suizidversuch
7. Endlich weg
8. Das Heim
9. Mein zweiter Suizidversuch
10. Mein Trebegang
11. Meine Schullaufbahn
12. Rutsch in die Drogenszene
13. Die erste Wohnung
14. Abbruch der Schule
15. Der Anfang der Prostitution
16. Ein neues Leben beginnt
17. Ein Schritt zurück
18. Der neue Weg
19. Sri Lanka eine Erfahrung, die mein Leben bereicherte
20. Ein neuer Kampf
21. Mein dritter Suizidversuch
22. Die Therapie
23. Nach der Therapie
24. Die erste Anhörung nach der Therapie
25. Eine Woche später
26. Nach dem gerichtlichen Beschluss
27. Meine Beziehungsangst
28. Psychologen und ihre Sichtweisen
29. Zweiter Gerichtstermin
30. Ich habe mein Kind gesehen
31. Der zweite gerichtliche Beschluss
32. Der erste Umgang mit meinem Kind
33. Zerrissen
34. Die Entscheidung
35. Das Tief hat mich erwischt
36. Das letzte Weihnachtsfest
36. Die zweite Therapie
37. Vorbereitungen für die Weltreise
38. 17 Jahre nach dem Verlust meiner Familie
39. Nach der Kur
40. Zwei Jahre nach meinem Suizidversuch
41. Die Gegenwart
42. Danksagung
Impressum neobooks
Inhaltsverzeichnis 2
Vorwort 4
Meine Sicht auf die Gesellschaft 6
Ich 7
Mein Leben zu Hause 9
Etwas, das mein Leben und mich veränderte 11
Mein erster Suizidversuch 14
Endlich weg 15
Das Heim 18
Mein zweiter Suizidversuch 22
Mein Trebegang 24
Meine Schullaufbahn 28
Rutsch in die Drogenszene 30
Die erste Wohnung 32
Abbruch der Schule 34
Der Anfang der Prostitution 42
Ein neues Leben beginnt 47
Ein Schritt zurück 50
Der neue Weg 67
Sri Lanka eine Erfahrung, die mein Leben bereicherte 72
Ein neuer Kampf 80
Mein dritter Suizidversuch 84
Die Therapie 87
Nach der Therapie 92
Die erste Anhörung nach der Therapie 94
Eine Woche später 96
Nach dem gerichtlichen Beschluss 98
Meine Beziehungsangst 100
Psychologen und ihre Sichtweisen 101
Zweiter Gerichtstermin 105
Ich habe mein Kind gesehen 107
Der zweite gerichtliche Beschluss 110
Der erste Umgang mit meinem Kind 112
Zerrissen 114
Die Entscheidung 115
Das Tief hat mich erwischt 117
Das letzte Weihnachtsfest 120
Die zweite Therapie 125
Vorbereitungen für die Weltreise 132
17 Jahre nach dem Verlust meiner Familie 134
Nach der Kur 137
Zwei Jahre nach meinem Suizidversuch 140
Die Gegenwart 143
Danksagung 148
Ich bin eine Gefangene meiner Vergangenheit. Sie ist ein Teil von mir, aber sie bestimmt auch mein Verhalten mir selbst und meinen Mitmenschen gegenüber. Ich arbeite mit Kindern und habe einen kleinen Sohn. Ihnen Liebe zu schenken, ist kein Problem für mich. Selbst kann ich kaum jemand an mich ranlassen. Berührungen und Liebe sind Dinge, wovor ich mich fürchte. Sie bereiten mir Angst und ich bin dem hilflos ausgeliefert. Die Sehnsucht nach Liebe, Geborgenheit und Schutz ist riesig, doch bin ich nur gering in der Lage, mich dafür zu öffnen. Größer als meine Sehnsucht ist die Angst vor Enttäuschung, Verletzung und Verlust.
Warum erschafft Gott Leben, wenn es geprägt ist von Leid und Qual? Warum gibt er anderen so viel Kraft, mir mein Lächeln zu rauben?
Diese Fragen und mehr beschäftigen mich mein ganzes Leben lang, und ich habe bis heute keine Antwort gefunden. Früher habe ich mir immer gesagt, dass sie mir zu einem guten Menschen verhelfen werde. Ich denke, das bin ich jetzt und trotzdem ist mein Leben nicht besser.
Dieses Buch zu schreiben, war ab meinem 16. Lebensjahr mein Ziel. Dann hätte ich mein Lebenswerk vollendet und könnte endlich abtreten. Ehrlich gesagt, schlummert selbst jetzt noch der Wunsch nach Erlösung durch den Tod in mir, aber es hat sich noch ein anderes Gefühl eingeschlichen: Verantwortung für mich, mein Kind und meinen Hund. Das habe ich mir nun zur Hauptaufgabe gemacht. Außerdem habe ich die Möglichkeit, mit Kindern zu arbeiten, ihnen zu helfen, sie zu lehren und zu begleiten. Es bedeutet mir sehr viel. Seit meinem Heimaufenthalt habe ich mir vorgenommen, dass ich irgendwann die Liebe und Geborgenheit, die ich dort erfahren habe, an andere zurückgeben werde. Das ist der Dank für das, was meine Erzieherinnen für mich getan haben. Sie haben mir gezeigt, wie schön es ist, geliebt zu werden, ohne Angst zu haben. Ich habe mich bei ihnen sehr geborgen gefühlt und manchmal wünsche ich mir, dort noch einmal zu sein.
Vielleicht kann ich Ihnen, lieber Leser, durch mein Buch, aber auch ein klein wenig die Augen öffnen und Sie sensibler auf Ihre Mitmenschen machen. Ich bin ein sehr lebensfroher Mensch und ich glaube, würden Sie mir auf der Straße begegnen, würden sie nicht so ein Leid bei mir vermuten. Auch Kollegen und Freunde, denen ich mich anvertraute, hatten so etwas nicht vermutet. Mein letzter Suizidversuch sorgte für Rätsel und Erschütterung. Ich weiß, dass ich nicht allein bin mit diesen Problemen. Sehr viele Menschen unserer Gesellschaft tragen eine dunkle Vergangenheit und viele Laster mit sich, und wir erkennen es nicht oder wir wollen es nicht sehen.
Mein Leben ist eigentlich eine Achterbahn und immer wenn ich denke, dass es nicht mehr schlimmer kommen kann, tritt ein noch größeres Problem ein. Aber lesen Sie selbst und bilden Sie sich Ihr eigenes Urteil über mein Leben, ob Sie es gegen Ihr Leben tauschen möchten.
Egoismus, Macht- oder Kapitalbesessenheit sind die meist vorhandenen Charaktereigenschaften in unserer Gesellschaft. Ich rede von Deutschland, dem Land, in dem ein Großteil der Menschen seine Augen vor dem Übel, das sich vor ihnen abspielt, verschließt. Das Elend wird alltäglich. Es ist in unserer Gesellschaft derart ausgeprägt, dass wir mehr Angst als Empathie empfinden. Wir sehen zu oder tun so, als ob wir es nicht sehen. Da sind Kinder, Jugendliche, Erwachsene und auch Senioren, die sich täglich ihrer Sucht widmen. Sie greifen zu Alkohol, Drogen, Computerspielen und vielem mehr. Dies bietet ihnen den einzigen Ausweg aus ihrer Hilflosigkeit, Einsamkeit oder Angst. Viele von ihnen tragen einen riesigen Rucksack mit Problemen mit sich herum, wie es meine Psychologielehrerin immer nannte. Es ist ein Rucksack voller Leid, Schmerz, Enttäuschung und Problemen. In den Jahren wird dieser immer voller, statt leerer. Es ist, als zögen diese Leute Probleme magisch an. Meist betrifft dies Menschen in der unteren oder mittleren Gesellschaftsordnung. Oft entspringt es der Unkenntnis und Hilflosigkeit der Menschen, sich aus ihren Problemen zu befreien Vielen von ihnen hatten kein gutes Vorbild, um zu lernen. Daher finden sie weder eine Lösung noch den Weg aus ihrem Dilemma. Die Probleme werden immer größer, die Betroffenen kapseln sie sich mit der Zeit immer mehr vom Rest der Gesellschaft ab, fallen in ein Loch und finden meist nur Gleichgesinnte, die ihnen zwar Gesellschaft, aber keine Hilfe bieten können.
Es gibt nur noch ein oben oder unter in der Gesellschaftsklasse, der Mittelstand schwindet immer mehr, wie es auch Statistiken beweisen.
Als Frühgeburt lag ich als Kind einer Mutter, die schon während der Schwangerschaft Alkohol konsumiert hatte, zwei Wochen im Brutkasten. Mein Erzeuger war nicht da, dafür mein Stiefvater, aber genau weiß ich es nicht. Ich bin in einem Ort in Brandenburg, der bis zu meinem achten Geburtstag noch zum Osten gehörte, aufgewachsen. Für meine Mutter war ich das unerwünschte Kind. Ich bin mit meinem zwei Jahre älteren Bruder, der aber nicht den gleichen Vater hat, aufgewachsen. Unsere gegenseitige Beziehung hatte nicht wirklich etwas mit Geschwisterliebe zutun. Das hat sich bis heute nicht geändert. Mein Bruder erlebte das genaue Gegenteil von mir. Er war der gewünschte Sohn, wie mir meine Mutter öfters im Alkoholrausch offenbarte. Er hatte kaum Verpflichtungen, konnte raus, durfte fernsehen und bekam so gut wie alles, was er sich wünschte.
Mein Stiefvater, der bis heute noch mit meiner Mutter zusammenlebt, war und ist bis heute eine wichtige Person in meinem Leben, auch wenn er das nicht weiß und vermuten mag. Er war früher immer da. Er war der positive Punkt in unserer Familie. Ich vermisse ihn, denn unsere Beziehung hatte lange Zeit auf eisgelegten und auch heute noch ist sie zerbrechlich. Mein Vater ist Co-Abhängiger. Trotz all dem Versagen und den Fehltritten ist mein Vater meiner Mutter treu geblieben. Seine Aufopferung ist bewundernswert, aber leider versperrt es ihm die Wege zu etwas Neuem.
Meine Mutter war laut meinem Vater schon immer Alkoholikerin, nur nicht offensichtlich. Dass sie bereits während meiner Schwangerschaft getrunken hat, entnahm ich den Informationen aus meinem Impfausweis. Ich habe eine angeborene Muskelschwäche aufgrund von Alkoholismus während der Schwangerschaft. Als ich neun war, kurz nach der Wende, verlor sie ihren Arbeitsplatz. Seitdem habe ich ihre Alkoholsucht täglich zu spüren bekommen. Sie war bereits betrunken, wenn ich aus der Schule kam. Dann sagte sie mir, welche Hausarbeiten ich erledigen soll, und schlief bis zum Abend. Oft schickte sie mich zum nächsten Konsum, um ihre eine Flasche Goldkrone zu kaufen. Ich hatte es gehasst und e mich dafür geschämt.
Heute hat sie zwei Chemotherapien hinter sich. Die Tumore konnten operativ entfernt werden. Trotz allem lebt sie noch.
Meine Großeltern waren in jener grauen Zeiten meine Rettungsbojen. Wann immer ich konnte, war ich bei ihnen. Leider konnte ich nur in den Ferien längere Zeit bei ihnen sein und musste die schöne Zeit mit meinem Bruder teilen, der ebenso gern zu meinen Großeltern wollte. Meine Oma hatte zwei oder drei Schlaganfälle hinter sich. Sie war ein Pflegefall und mein Opa kümmerte sich rührend um sie. Da sie leider im vierten Stock wohnten, kam sie immer seltener raus. Mein Opa, ach wie hab ich ihn geliebt, war ein herzensguter Mensch und erkannte die wahre Person, die meine Mutter war. Er merkte auch, dass es mir zu Hause nicht gut ging. Leider weilt er nicht mehr unter uns. Mein Großvater erzählte mir mal, dass meine Mutter ihn vor die Wahl gestellt hätte: Sie oder ich. Seine Entscheidung wäre auf mich gefallen, da er wusste, dass er seinen Sohn, mein Stiefvater, nicht verlieren würde. Bevor er seine Entscheidung meiner Mutter mitteilen konnte, ist er gestorben. Ich habe lange getrauert. Die Guten gehen immer zuerst. Ich habe ihn immer für die Kraft und die Liebe, die er in sich trägt, geliebt und bewundert. Ich hoffe, dass er etwas davon auf mich übertragen hat.
Als ich dieses Buch begann, war ich 29 Jahre alt. Trotz all der Steine, die sich mir in den Weg legten, habe ich ein Großteil meiner Träume erfüllt. Ich habe meine Ausbildung als Erzieherin abgeschlossen und arbeite in einer Grundschule. Mein Sohn ist fünf. Ich lebe mit ihm und unserem Hund in einem Haus, das ich mir lange ersehnt habe, auch wenn es nur zur Miete ist. Mein Leben verläuft in ordentlichen Bahnen, wenn es auch noch immer von negativen Einflüssen begleitet wird, die mir meine Energie rauben. Ich trage einen schwer beladenen Rucksack mit mir herum. Er hat sich bisher noch nicht geleert, was ich hoffentlich mit diesem Buch schaffe.
Ich kann mich an früher kaum noch erinnern. Die meisten Eindrücke sind negativ geprägt. Etwas Gutes aus dieser Zeit ist kaum noch in meinem Gedächtnis. Bevor ich dazu etwas schreiben konnte, musste ich lange in mich gehen. Es sind nur Bruchstücken, an die ich mich erinnern kann. Einmal fuhren wir mit einem Dampfer. Ich weiß auch noch, dass ich mit meinen Eltern im Zoo war und mich ewig im Streichelgehege bei den Ziegen und Schafen aufgehalten habe. Wenn ich darüber nachdenke, wird mir warm ums Herz und ein Lächeln kommt über meine Lippen. Mehr fällt mir zu diesen Ausflügen nicht ein, aber allein meine Gedanken daran sagen mir, dass es auch schöne Zeiten bei uns gab.
Mein Bruder hatte mit zwölf Jahren einen Unfall. Er war für meine Mutter Getränke kaufen, als er zurückkam, schubsten ihn zwei oder drei ältere Jungs die Treppe hinunter. Die Flaschen zerbrachen und die Scherben schnitten ihn seinem Oberarm auf. Er musste sofort ins Krankenhaus und genäht werden. Obwohl ich sehr viel Mitleid für ihn empfand, genoss ich die Zeit seines Krankenhausaufenthalts. Es war eine Zeit der Freiheiten, wo ich raus konnte, solange ich wollte. Ich habe mit den anderen Kindern bis in die späten Abendstunden gespielt, und das Schönste war, dass es Sommer war. Eine Zeit ohne großen Verpflichtungen und Hausarbeiten. Mein Vater war zu dieser Zeit viel zu Hause, um sich gegenseitig über dieses Schicksal hinweg helfen. Vor allem für meine Mutter muss es schwer gewesen sein, da sie ihn ja zum Einkaufen geschickt hatte. Wahrscheinlich machte sie sich große Vorwürfe. Aber davon habe ich nicht allzu viel mitbekommen, schließlich war ich mit dem Genuss meiner neu gewonnenen Freiheit beschäftigt. Das war eine Zeit, in der ich mich mal wieder richtig als Kind fühlte. Mein Glück hielt aber nur für zwei Wochen an.
In den Zeiten, als meine Mutter arbeitslos war und viel getrunken hatte, machte sie es sich zur Aufgabe, mich vor meinen Freunden zu blamieren. Zweimal rief sie die Polizei, weil sie der Meinung war, wir wären zu laut. Da hatte ich schon wenig Zeit für Freunde und dann schaffte sie es auch noch, diese zu vergraulen. Es war mir immer sehr unangenehm.
Als ich noch daheim wohnte, nahm ich ab einer gewissen Zeit einfach nur noch zu. Kein Wunder. Ich konnte als Zwölfjährige drei Döner essen. Mit meinen 1,40 m wog ich ganze 70 kg. Es gab zwar noch ein dickeres Mädchen, das auch eine Freundin von mir war, aber ich war trotzdem einfach nur pummelig und sah dazu immer noch wie ein kleines Kind aus, auch noch, als ich auf dem Gymnasium war.
Es lag nicht nur an meiner Gestalt, sondern auch an meinem Kleidungsstil. Ich hatte nicht viel Einfluss darauf, denn ich musste viele Sachen von meiner Mutter tragen. Am schlimmsten waren diese Karottenhosen, die mir viel zu lang und zu weit waren. Meine Mutter war knapp dreißig Zentimeter größer als ich und viel schlanker. Die Hosen hingen wie ein Sack an mir. Ich hasste sie.
Ich weiß nicht mehr wie alt ich war, aber dieses Erlebnis schwirrt heute noch in meinem Kopf herum. Der Vater des besten Freundes meines Bruders Paul hatte einen ähnlichen Tagesablauf wie meine Mutter. Beide tranken gern, viel und am liebsten den ganzen Tag. Irgendwann geschah etwas, das mir mein Herz zerbrach und meinen Bruder fast die Freundschaft zu seinem besten Freund kostete. Meine Mutter bat dessen Vater, Glühbirnen zu wechseln. Nachdem er das erledigt hatte, konsumierten die beiden weiter zusammen Alkohol, was dazu führte, dass die beiden nicht mehr Herr ihrer Sinne waren. Da ich als Einzige noch in der Wohnung war und das Kinderzimmer genau neben der Wohnstube lag, konnte ich sie genau hören. Ich vernahm irgendwann seltsame Geräusche. Da ich sie damals nicht zuordnen konnte, bekam ich Angst um meine Mutter. Als ich rüberging, um nachzuschauen, was passiert war, erwischte ich sie beim Sex. Ich war entsetzt und konnte es nicht verstehen. Sie haben mitbekommen, dass ich im Raum war, aber meine Mutter kam nicht zu mir, um die Situation zu klären. Also ging ich nach draußen. Zu meinem Pech saß vor dem Haus mein Bruder und Paul. Ich wollte meinen Bruder allein sprechen, aber er bestand darauf, es vor Paul zu sagen. Ich tat es. Danach kassierte ich von beiden eine Ohrfeige. Mein Bruder lief in die Wohnung und Paul nach Hause. Er wohnte nur einen Hausaufgang weiter. Kurze Zeit später stand die Mutter von Paul vor unserer Tür. Auch von ihr kassierte ich eine Ohrfeige und von meiner Mutter. Pauls Vater ging mit seiner Frau nach Hause. An mehr kann ich mich nicht erinnern.
Jahre später sah ich Pauls Vater wieder. Er sah fertig aus. Er hatte wegen seiner Trunksucht Frau und Kind verlassen müssen.
Meine Mutter erlaubte sich einen weiteren Fehltritt, bei dem ich ebenfalls anwesend war. Sie hatte eine Entziehungskur hinter sich. Ich glaube, es war die Erste. Sie war schon einige Wochen daheim, als sie mich bat, einen Mann anzurufen und ihn zu ihr zu bitten. Sie hatten sich bei der Entziehungskur kennengelernt. Er kam der Aufforderung nach und sie schlief mit ihm. Ich fühlte mich schrecklich, denn ich hatte das Ganze eingeleitet, und konnte es nicht mehr rückgängig machen. Diese Last erdrückt mich schier.
Meine Mutter trank immer mehr. Mein Bruder war tagsüber selten zu Hause, ähnlich wie mein Vater, der meist erst abends von der Arbeit heimkam. Ich war durch die durch die auf aufgebürdete Hausarbeit ans Haus gefesselt. Es war schrecklich.
Irgendwann beging meine Mutter ihren größten Fehler. Die jetzigen Zeilen übernehme ich aus meinem Tagebuch:
Dann beging sie ihren größten Fehler, zerstörte den letzten Rest Mutter-Tochtergefühl, der Rest an Liebe und Vertrauen ging für immer verloren. Eines Nachts, als mein Bruder bei einem Freund übernachtete, rief sie mich zu sich und forderte mich auf, mich auszuziehen und mich zu ihr zu legen. Sie sagte, dass sie mich aufklären will, mir den Unterschied zwischen Mädchen und Frau zeigen will. Sie berührte mich am ganzen Körper und ich musste bei ihr das Gleiche tun. Da sie es sagte, dachte ich, das wäre normal, aber es ekelte mich an.
Am 28.10.2003 schrieb ich nach dem Gespräch mit meiner Psychologin:
Soeben war ich bei meiner Psychologin. Es war nicht leicht für mich. Die Bilder aus meinen Träumen und meiner Vergangenheit waren wieder da. Es ist ein erdrückendes Gefühl. In solchen Momenten möchte ich am liebsten weglaufen, aber das hab ich die ganze Zeit getan. Jetzt bin ich schon so weit, denn ich habe den ersten Schritt, mir Hilfe zu suchen, geschafft.
Heute haben wir über mein Hauptproblem gesprochen; über die Zeit, in der alles begann, als ich zehn Jahre alt war. Ich weiß es noch, als ob es gestern gewesen wäre, denn seit diesem Zeitpunkt verfolgen mich die Ereignisse Nacht für Nacht. Es gibt keine Nacht, in der ich nicht dreimal nachsehe, ob die Tür verschlossen. Seit besagtem Zeitpunkt gibt es keine Nacht, in der ich durchschlafe, in der ich nicht von Albträumen geplagt werde in der sich keine abscheulichen Bilder vor meinem inneren Auge abspielen. Ich schäme mich so dafür, obwohl ich weiß, dass ich nichts dafürkonnte. Schließlich war ich Kind und ein Opfer. Meine Mutter vergriff sich am Tag oder in der Nacht, je nachdem wie sie wach war und Gelegenheit dazu hatte, an mir. Beim ersten Mal nannte sie es Aufklärung. Sie rief mich zu sich ins Schlafzimmer, und es war niemand da, der mir hätte helfen können. Sie lag nackt und betrunken im Bett und sagte, ich solle näher kommen und bräuchte keine Angst haben. Es sei was ganz Normales, dass macht jede Mutter mit ihrer Tochter. Ich hatte Angst und ekelte mich; Ich wollte es nicht und doch ließ ich es über mich ergehen. Sie wandte keine körperliche Gewalt an und doch spürte ich diesen Zwang. Sie drohte mit Liebesentzug, dass ich dann nicht mehr ihre Tochter sei, dass ich ins Heim kommen würde. Was das ist, wusste ich damals nicht. Als ich neben ihr lag, fing sie an, meinen Köpern zu streicheln, und ich sollte es bei ihr gleichtun. Es war widerlich. Dann küsste sie mich überall, auch an meinen nicht vorhandenen Brüsten. Sie meinte, sie wachsen noch. Selbst wenn ich es schreibe, empfinde ich den gleichen Ekel, wie damals. Sie zeigte mir, wie Frauen sich lieben, gelegentlich bekam sie auch einen Orgasmus. Ich weiß nicht, wie oft sie mich zu ihr rief und wie lange es ging. Es hörte erst auf, als ich ihr sagte, dass ich aufgeklärt genug sei.
Dieses Erlebnis veränderte mein ganzes Leben. Ich wurde meines Urvertrauens beraubt. Wenn einem das die eigene Mutter antut, geht sämtliches Vertrauen verloren. Vertrauen zu sich selbst und zu anderen.
Es ist mir unbegreiflich, wie man ein Kind auf die Welt bringen kann, ihm das das Leben schenkt, ihm Urvertrauen in die Wiege legt, um ihm dann alles, außer dem Leben, wieder wegzunehmen. Meine Mutter raubte mir jedes Vertrauen, Geborgenheit, Schutz und die Liebe zu mir selbst und zu den anderen. Damit löste sie große Angst und Unsicherheit in mir aus. Die Angst habe ich zum Teil abgelegt, aber Unsicherheit und Misstrauen sind heute noch meine ständigen Begleiter.
Nach diesen Vorfällen habe ich mich anfangs zurückgezogen. Ich habe es nicht verstanden und konnte mit niemanden darüber reden. Einige Zeit später, als ich mit Freunden unterwegs war, bauten wir uns Höhlen oder suchten alte Bunker oder Keller, in denen wir die Szenen aus den zuvor gesehenen Sexfilmen nachstellten. Ich hasste diese Spiele, aber es war meine einzige Möglichkeit, Nähe zu zulassen. Es war die frühpubertierende Zeit, die dem Entdecken des eigenen und gegengeschlechtlichen Körpers galt. Aber diese Phase hatte bei uns alle Grenzen überschritten. Obwohl ich mich total davor ekelte, konnte ich mich davon lösen. Später verkaufte ich meinen Körper, um Nähe und Geborgenheit zu spüren. Ich bin heute noch dabei, dieses Laster zu verarbeiten.
Während und nach den sexuellen Übergriffen meiner Mutter, wurde aus mir, dem lieben Mädchen, das nie großen Unfug angestellt hatte, eine Lügnerin und Diebin.
Ich durfte mich nie weit von unserem Wohngebiet entfernen. Einige meiner Freundinnen wohnten aber nicht in unserer Nähe, und so besuchte ich sie heimlich. Meinen Eltern erzählte ich immer, dass ich bei einer Freundin nebenan bin. Das ging auch ein paar Mal gut, bis sie mich kriegten. Der Ärger, der danach kam, sorgte dafür, dass ich es nicht mehr machte. Stattdessen ging ich mit anderen auf Diebesbeute. Wir nahmen alles mit, was wir brauchen konnten. Es waren meist nur kleine Sachen, auch Essen und Trinken. Aber irgendwann wurden wir erwischt. Das brachte mir einen Monat Hausarrest ein, der pure Horror. Einen Monat nur zu Hause bei meiner Mutter. In dieser Zeit war die Angst wieder mein ständiger Begleiter. Meine Mutter trank immer noch von früh bis abends. In diesem Zustand war sie unberechenbar, und es war das Beste sie zu meiden. Daher zog ich mich so oft wie möglich in unser Kinderzimmer zurück, was nur sehr begrenzt möglich war, da sie mir immer mehr Aufgaben im Haushalt aufhalste.
Nach dem ersten sexuellen Übergriff durch meine Mutter fing ich an, mich zu ritzen. Ich stibitzte eine Rasierklinge von meinem Vater und verzog mich in das Wäldchen hinter der Wohnsiedlung. Dort war ich gern und oft. Ich wollte den Schmerz, der in mir herrschte, ableiten. Ich wusste nicht, wie ich mit der beschämenden und beängstigenden Situation umgehen sollte. Am liebsten wollte ich sterben, aber die Angst davor war dann doch zu groß. Heute weiß ich, dass es ein Hilferuf war, weil ich mit niemandem darüber reden durfte. Am Anfang war es schwer, die Klinge an meinem Arm anzusetzen. Aber dann schnitt ich das erste Mal und sah das Blut laufen. Es war ein angenehmes Gefühl, den Schmerz zu spüren, denn dann war das, was mir meine Mutter antat, nicht mehr ganz so schlimm. Schmerzverlagerung ist wohl das richtige Wort dafür. Heute weiß ich auch, dass ich den Druck ablassen wollte. Es war der Beginn meiner Borderline-Krankheit. Nach dem ersten Schnitt folgten die nächsten zwei. Ich war wie benommen, als das Blut floss. Ich tupfte es mit einem Taschentuch ab, damit meine Kleidung kein Blut abbekam. Ich war überrascht, wie stark es blutete.
Immer wenn etwas Negativer passierte, ritzte ich. Dazu gehörten nicht nur die sexuellen Übergriffe meiner Mutter, sondern auch Stress mit Schulkameraden oder generell in der Schule, was nicht selten vorkam. Meine Mutter konnte aufgrund ihres Alkoholkonsums vielen Dingen, die die Schule betrafen, wie Teilnahme an Elternabenden oder das Leisten von Unterschriften, nicht nachgekommen. Zu Beginn bekam immer ich die Schuld an den Versäumnissen meiner Mutter. Erst als meine Lehrerin auf meine Narben aufmerksam wurde, hatte sie Verständnis und drückte öfter mal ein Auge zu, wenn eine Unterschrift oder andere wichtige Dinge fehlten.
Zu Hause sind meine Narben unentdeckt geblieben. Meine Mutter war stets betrunken, und wenn sie mich nackt bei sich liegen hatte, achtete sie nicht auf die Wunden u. Falls sie ihr doch einmal aufgefallen waren, hatte sie es nach dem Ausnüchtern längst wieder vergessen.
Ich hatte von Freunden mal gehört, dass man, wenn man sich die Pulsadern aufschneidet, daran sterben kann. Ich versuchte ist, hatte aber keine Vorstellung, wie man schneiden muss und welche Stelle am besten dafür geeignet ist. So schnitt ich innen nahe am Handgelenk innen entlang. Glücklicherweise war der Schnitt falsch und nicht tief genug.
Als ich vierzehn war, befand sich meine Mutter wieder einmal für einige Wochen auf einer Entziehungskur. Für mich war es, wie immer, wenn sie nicht da war, eine schöne Zeit. Es gab zu Hause eine Haushaltsteilung, und ich konnte mehr draußen bei meinen Freunden sein. Und das Schönste daran war, dass ich keine Angst hatte, nach Hause zu gehen.
Sobald sich die schöne Zeit dem Ende zu und neigte, beschlich mich wieder meine alte Angst. Gleichzeitig hegte ich die Hoffnung, dass sich endlich alles ändern würde, dass ich wieder von meiner Mutter in den Arm genommen werde, ohne dass sie mehr will. Diese Sehnsucht nach einem Menschen, der einfach wie eine Mama ist, habe ich heute noch.
Wir haben zu Hause alles schön gemacht und ich habe ihr sogar einen Kuchen gebacken. Ich liebte es, zu backen, um so meine Liebe zu zeigen.
Als sie kam, freuten wir uns. Aber am Abend, als mein Vater wieder arbeiten war, ging es erneut los. Meine Mutter setzte sich vor den Computer, spielte Solitär und holte sich eine Flasche Goldkrone. Sie sagte, dass es der Abschiedstrunk sei, aber ich wusste, dass es der Beginn war. Seitdem trank sie wieder, aber erst abends, wenn mein Vater weg war. Die Angst war wieder da und sie wurde immer größer. Ich konnte ja auch nicht weg. Ich musste um acht im Bett sein, und der Computer, den mein Bruder zur Jugendweihe geschenkt bekommen hatte, stand bei uns im Kinderzimmer. Meine Mutter saß also jeden Abend am Computer, trank, und ich lag genau gegenüber. Jedes Mal, wenn ich wach war, schimpfte sie. Irgendwann war meine Angst so groß, dass ich beschloss, zu gehen. Es war Karfreitag 1996. Ich war vierzehn, und mein einziger Wunsch war es, von Zuhause wegzukommen. Ich stieg in den frühen Morgenstunden aus dem Küchenfenster und rannte weg. Stundenlang saß ich an der Spree und genoss die Sonnenstrahlen und die Ruhe. Später streifte ich durch die Stadt. Als ich in Nordend war, traf ich auf Manu. Ich weiß nicht mehr, wo ich sie kennengelernt hatte, aber sie war meine Rettung. Wir waren den ganzen Vormittag zusammen, und als sie zum Mittagessen rein musste, wunderte sie sich, dass ich draußen auf sie warten wollte. Also erzählte ich ihr von meinem Problem. Daraufhin brachte sie mir etwas zu essen und klärte mich darüber auf, dass meine Eltern eine Vermisstenanzeige aufgeben konnten und die Polizei dann nach mir suchen würde. Da die Polizei öfters vorbeifuhr, versteckten wir uns zur Sicherheit jedes Mal. Gegen Abend musste Manu nach Hause. Sie konnte mich nicht mitnehmen, sonst hätte ihrer Mutter unangenehme Fragen gestellt und womöglich bei mir zu Hause angerufen.
Also streifte ich wieder durch die Straßen. Am späten Abend wurde mir kalt und der Hunger stellte sich wieder ein. Nach Hause konnte und wollte ich nicht. Ich überlegte lange, was ich tun könnte. Irgendwann fasste ich den Entschluss, zu meiner Englischlehrerin zugehen. Ihr vertraute ich. Ich stand lange vor ihrer Tür, ehe ich klingelte. Sie bat mich hoch und wir redeten lange. Ich teilte ihr mit, dass ich auf keinen Fall nach Hause möchte. Den wahren Grund verschwieg ich, aber ich setzte darüber in Kenntnis, dass meine Mutter Alkoholikerin war. Da sie mich nicht bei sich behalten konnte, rief sie im Krankenhaus an. Nach dem Anruf brachte sie mich ins Krankenhaus. Kurze Zeit später holte mich die Polizei ab und brachte mich in den Kindernotdienst bei uns im Ort. Dort blieb ich nur kurz, da das Gebäude baulich noch nicht fertig war, musste ich über Ostern zur Notunterkunft ins Heim. Es war eine mir völlig fremde Gegend mit mir fremden Menschen, aber Hauptsache ich war von Zuhause fort. Zum Osterfest gingen alle Kinder nach draußen, um nach ihren Osternestern zu suchen. Ich setzte mich auf die Bank, da ich nicht damit rechnete, dass für mich auch etwas dabei war. Als mich aber Kai mit einem Lächeln ansah, war ich doch sehr überrascht und glücklich, dass auch ich ein Osternest bekam. An diesem Tag wurde mir bewusst, dass es Menschen gibt, die ohne viel von mir zu wissen, ihre Liebe für mich bereit hielten. Dieses Gefühl kannte ich nicht.
Das Heim sah wie ein kleines, altes Schloss aus, und das Grundstück rundherum war riesig und grün. Es war ein traumhafter Ort. Dort waren viele Kinder in mehreren Gruppen. Während meines Aufenthaltes freundete ich mich mit Beate an. Sie war aggressiv und aufsässig, aber sie hatte ihre Rolle dort. Während meines Aufenthalts in diesem Heim wollte sie mir mal Karate beibringen. Dabei kickte sie gegen meinen Hals, sodass mein Kopf an die Wand knallte. Obwohl ich ihr das nicht übel nahm, zeigt sie zum ersten Mal Mitleid, eine Charaktereigenschaft, die ich später nur selten an ihr zu sehen bekam.
Die Tage meiner Notunterkunft vergingen schnell und meine Eltern sollten mich abholen, da kein Platz frei war. Ich hatte mich dagegen gewehrt. Es war furchtbar. Meine Eltern standen mit dem Auto vor dem Zaun. Ich verabschiedete mich von allen, und ich spürte Schmerz in meinem Herzen. Meine Mutter drängte mich, mit Beate die Telefonnummern zu tauschen.
Während der Heimfahrt schwieg ich. Als wir daheim waren, ging ich in mein Zimmer, oder besser gesagt in das Kinderzimmer von meinem Bruder und mir. Mein Vater folgte mir und wollte wissen, was los sei. Ich wiederholte nur immer wieder, dass ich nicht zu Hause bleiben wolle. Schließlich informierte er den Kindernotdienst bei uns im Ort und ließ mich abholen. Dafür bin ich meinem Dad heute noch dankbar. Er war der Vernünftige und hatte erkannt, dass ich sowieso wieder gehen würde.
Am nächsten Tag musste ich in einen anderen Kinder- und Jugendnotdienst musste. Dort verbrachte ich zwei Wochen. Es war schön. Am Abend spielten wir Karten mit den Erziehern oder trieben uns auf dem gegenüberliegenden Friedhof rum. Ich hatte viel Spaß mit den anderen Kindern. Beim Toben fiel ich einmal vom Bett. Außerdem bekam ich Angina. Die Erzieher waren super und kümmerten sich jedes Mal um mich. Es war anders als zuhause. Daheim war es meist wie eine Strafe, wenn ich krank war und im Bett bleiben musste, ohne dass ich etwas machen durfte. Dort aber war es anders. Ich konnte fernsehen und es kam öfter ein Erzieher zu mir und streichelte meinen Kopf. Es war ein schönes Gefühl und eine wunderbare Zeit.
Schließlich kam ich wieder in das Heim, in dem ich über Ostern war. Das war gut, denn ich kannte ja die Erzieher und die Kinder und musste mich an nichts Neues gewöhnen. Außerdem war es an einem wunderschönen Ort, wo ich immer einen Platz zur Ruhe fand. Das war mir sehr wichtig. Die ersten Monate lief ich nur mit Kapuze über dem Kopf rum. Es war mein Schutzschild. Ich konnte kein richtiges Vertrauen aufbauen. Zwar mochte ich die anderen, aber ich musste erst einmal zur Ruhe kommen. In den vergangenen Jahren war zu viel passiert, und endlich hatte ich einen Ort, an dem ich mir über alles bewusst werden konnte. Ich fühlte mich sicher und konnte mich endlich mal zurückziehen. Es war aber auch Angst, die mich zum Rückzug zwang. Angst davor, wieder verletzt zu werden, egal in welcher Form. Von ein paar Klassenkameraden erfuhr ich, dass meine Mutter geäußert hätte, sie habe keine Tochter mehr. Es verletzte mich, denn ich befürchtete, dass sie damit auch für den Rest der Familie sprach. Leider bewahrheitete sich das. Durch meinen Entschluss, von zu Hause wegzugehen, verlor ich meine Familie. Meine Mutter bedeutete mir nur wenig, aber ich verlor auch meinen Vater, meinen Bruder und die restliche Verwandtschaft. Der Einzige, der zu mir hielt, war mein Großvater. Ich mochte ihn von allen Familienangehörigen am liebsten. Es war eine schöne Zeit, die ich mit ihm erlebte und er hatte wohl als Einziger erkannt, dass es mir daheim nicht gut ging. Während meiner Zeit im Heim besuchte ich ihn gelegentlich in den Ferien. Er beschützte mich, wie damals, als ich noch zu Hause wohnte. Mein Großvater war ein herzensguter Mann und mein Vorbild. Tagein und tagaus kümmerte er sich um meine Oma. Er widersetzte sich meiner Mutter und gab mir die Sicherheit und Wärme, die ich brauchte. Er verstarb, als ich ungefähr sechzehn war. Er hatte mir noch gesagt, dass ihn meine vor die Wahl, entweder sie oder ich, gestellt hatte. Er hätte sich für mich entschieden, denn er wusste, dass sein Sohn, mein Stiefvater, ihn nicht allein gelassen hätte. Bevor es zu einer Aussprache zwischen meinem Großvater und meiner Mutter kommen konnte, starb er. Manchmal denke ich, dass ihn der physische und psychische Druck, der auf ihm angelastet hat, umgebracht hat. Zu seinem Begräbnis durfte ich nicht gehen. Meine Mutter verbot es, schließlich gehöre ich nicht mehr zur Familie. Ich war der Schandfleck dieser Familie. Ich weiß bis heute nicht, was sie über mich erzählt hat, aber inzwischen ist es mir egal. Keiner hat sich darum bemüht t, auch die andere Seite kennenzulernen. Erst Jahre später zeigte mir mein Stiefvater das Grab meines Großvaters. Ich denke heut noch oft an ihm und leide darunter, keine Familie zu haben.
