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Mein Leben in einzelnen Geschichten von der Herkunft bis zum 80. Geburtstag. Ich habe in mehreren Jahren diese Geschichten aufgeschrieben und auf meinem PC gesammelt. Da ich keineswegs ein konventionelles Leben geführt habe, glaube ich, es könnte für andere Menschen eventuell interessant sein, diese Geschichten aus einem eher ungewöhnlichen Frauenleben zu lesen.
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Seitenzahl: 547
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Mein kunterbuntes Leben
Geschichten von 0 - 80
Ursula Tiefensee
Texte: Copyright by Ursula Tiefensee
Umschlaggestaltung: Copyright by Ursula Tiefensee
Verlag:Sergej OrlowNeustädter Str. 68
Ursula Tiefensee
Herkunft und Ursprung
Mein Großonkel Ernst schrieb als deutscher Dichter unter dem Pseudonym Georg Stammler. Er lebte von 1872 bis 1948. Er war der Bruder meines Großvaters Paul.
Lieber Onkel Ernst!
Heute will ich es wagen, Dir zu schreiben. Ich werde die Scheu überwinden und meinen ganzen Mut zusammen nehmen dafür. Diesen Mut brauche ich, weil ich Dich nie persönlich kennen gelernt habe und viel zu wenig von Dir weiß. Und ich fürchte Deinen Zorn, wenn ich Dich falsch interpretieren sollte. Vielleicht weißt Du es ja bereits, dass Du seit vielen Jahren mein großes Vorbild bist. Denn in der Anderwelt, in der Du jetzt lebst, kannst Du ja herabschauen auf Deine Großnichte, die seit langem versucht, in Deine Fußstapfen zu treten.
Wenn ich in Deinen Gedichten lese, spüre ich ähnliche Zweifel an den Menschen und Dir selbst, wie sie auch mich oft heimsuchen. Auch die leichte Ironie in Deinen Versen scheint in der Familie zu liegen. Auch ich erlebe oft, dass so mancher "Hintersinn" von den Freunden nicht ganz verstanden wird. Ich kann nicht all Deine Gedichte verstehen, doch einige sind mir seltsam vertraut.
Ich muss Dich, lieber Onkel Ernst, um Vergebung bitten, weil ich Dich lange Zeit verleugnet habe. In den Stolz, einen "Dichteronkel" zu haben, mischte sich auch immer ein wenig Scham, weil Du gar so schwärmerisch von Deutschland geschrieben hast in Deinen Gedichten. Das war zwar vor der Zeit des Nationalsozialismus, doch ich konnte leider nicht herausfinden, wie Deine Einstellung dazu war. Wahrscheinlich warst Du einfach ein glühender Patriot, der glücklich war, in Deutschland leben zu dürfen. Ich weiß nicht, ob Du auch Soldat warst. Mutter hat mit leider nur wenig von Dir erzählt.
Ich glaube, Du warst schon ein Pascha, denn einige Deiner Gedichte klingen nicht gerade frauenfreundlich. Doch zu Deinen Lebzeiten gab es zwar schon Anfänge einer Frauenbewegung, doch im Allgemeinen wart Ihr Männer noch die unangefochtene Elite der Menschheit.
Leider habe ich nur zwei kleine Bände Deiner Bücher "geerbt". Doch ich habe mir einige andere aus einem Antiquariat besorgt. Den Band "Komm Feuer" hast Du im Jahr 1922 meinen späteren Großeltern "Paul und Gretchen" gewidmet und persönlich signiert. Schon deshalb ist und bleibt es ein kostbares Andenken für mich. Das Buch ist geprägt von leidenschaftlicher Liebe zu Deinem/unseren Land und seinen Menschen. Und auch Dein tiefer Glaube an die Unsterblichkeit unser aller Seelen erschließt sich mir darin. Schon deshalb will auch ich glauben, dass Dich dieser Brief irgendwo und irgendwann erreicht!
Es grüßt Dich Deine Großnichte Ursula
Das Feuer spricht: Ich glühe nur im Lufthauch,
wenn der Wind ruht, fall ich zusammen.
Ach, ruhe nicht, Wind!
Meine Seele glüht so gerne,
meine zuckende Seele sehnt sich noch so, zu leben.
Der Wind ruft: Komm, Feuer!
Nur mit Dir ist Wehen Freude!
(Gedicht aus dem Buch "Komm Feuer!" von Georg Stammler, erschienen im Urquell-Verlag Mühlhausen 1922)
Gedanken einer Großmutter
Wir schreiben den 6. Februar 1940, draußen liegt tiefer Schnee. Paul und ich, Margarete, sitzen zusammen mit Trude, unserer Tochter in der Wohnküche. Ich habe den Kohleherd kräftig eingeheizt, damit es das Kleine schön warm hat. Im Waschkorb auf der Küchenbank liegt ein winziges Mädchen und schläft. Ursula wog bei ihrer Geburt nur fünf Pfund, weshalb der Arzt meinte, sie sei wohl zu früh geboren. Doch Trude bestreitet das, denn nach ihrer Berechnung wurde die Kleine genau neun Monate nach ihrer Zeugung am zweiundzwanzigsten Januar geboren. Ursula hat einen dicken Schopf dunkler Haare, die wohl von ihrem Vater stammen, denn in unserer Familie sind alle blond. Auch ihre Augen sind braun, doch es ist ein sehr helles, durchscheinendes Braun. Mit Trude kann ich keine Ähnlichkeit bei ihrem Kind entdecken. Nun bin ich also Großmutter eines kleinen Mädchens!
Die zwei Buben meiner Ältesten sehe ich ja nur selten. Ich fühle mich innerlich hin- und her gerissen.
Einerseits grolle ich meiner Tochter, weil sie keinen Vater für ihr Kind hat. Sie kennt ihn zwar, doch er steht nicht zu seiner Vaterschaft. Das heißt, dass Trude nicht mal Alimente für das Kind bekommen wird. Nun muss sie wohl noch mehr arbeiten, um uns alle zu versorgen. Natürlich tut mir meine Tochter auch leid. Und auch das kleine Mädchen, das in dem viel zu großen Waschkorb liegt, den Trude eigens für sie hergerichtet hat. Es ist ja nur, dass ich mich vor den Leuten schäme, wenn es herauskommt. Natürlich könnte ich auch eine Geschichte erfinden, doch das kommt nicht infrage! Als gläubige Christin achte ich darauf, niemals zu lügen. Meinen Glauben will ich auch meinen Enkeln weitergeben. Wenn die Kleine schon keinen Vater hat, so soll sie zumindest gottesfürchtig erzogen werden. Und ich werde auch darauf achten, dass sie brav und anständig wird, damit ihr später nicht dasselbe passiert wie ihrer Mutter.
Nun möchte ich mich erst mal vorstellen: ich heiße Margarete und komme ursprünglich aus Rothenburg ob der Tauber. Als ich Paul, meinen Mann heiratete, der aus Württemberg stammt, zog ich mit ihm nach Bad Soden im Taunus, wo er eine eigene Gärtnerei betrieb. Wir bekamen drei Kinder: Hedwig, Gertrud und unseren einzigen Sohn Alfred. Alfred ist leider gemütskrank und lebt seit Jahren in der Nervenheilanstalt.
Hedwig, die Älteste, hat es gut getroffen. Sie konnte dank der Hilfe von Pauls reicher Verwandtschaft studieren und wurde Lehrerin. Sie heiratete einen Ingenieur aus Stuttgart und bekam nacheinander fünf Söhne, von denen allerdings nur zwei überlebten.
Unsere zweite Tochter Trude ging gleich nach der Schule ein paar Jahre zu Pauls Verwandten nach Tübingen als Haustochter. Da lernte sie das nötige Rüstzeug für ihren Beruf als Hausangestellte. Sie arbeitete eine Zeit lang in der Schweiz, später in Heilbronn am Neckar bei einer wohlhabenden Familie.
Leider musste Paul seine Gärtnerei schon vor Jahren aufgeben, weil er zwar ein guter Gärtner, aber ein schlechter Geschäftsmann war. Da mein Bruder Jakob in Nürnberg wohnte und in Mögeldorf einen Garten hatte, beschlossen wir, nach dort umzusiedeln. Paul hat sich von seiner Niederlage nie wirklich erholt. Er bekommt nur eine kleine Rente, weil er als Selbständiger nur wenige Versicherungsmarken kleben konnte. Wir kommen zu zweit gerade so recht und schlecht über die Runden, denn die Miete in der Kirschgartenstraße ist nicht hoch.
Dass Trude ihre Stellung aufgeben musste, hängt mit der Schande zusammen, die sie über unsere Familie gebracht hat. Eigentlich dachte ich, dass Trude inzwischen erfahrener und vorsichtiger geworden wäre. Immerhin war sie bereits sechsunddreißig, als sie schwanger wurde. Noch dazu ist der Vater des Kindes verheiratet! Trude hat zwar beteuert, das nicht gewusst zu haben. Aber sie hätte sich ja erkundigen können, bevor sie sich mit dem Kerl einließ. So viel Leichtsinn ist mir schlichtweg unverständlich.
Früher war Trude immer mein Liebling, weil sie die bravste meiner drei Kinder war.
Aber es ist nun mal geschehen, da kann man nichts mehr ändern. Trude hat ja Glück, dass ich zuhause bin und auf die Kleine aufpassen kann. Denn so bald als möglich muss sie sich hier eine Arbeit suchen, um Geld zu verdienen. Außerdem hat letztes Jahr der Krieg begonnen und niemand weiß, was noch werden wird. Und irgendwie bin ich deshalb doch froh, Trude hier bei uns zu haben. Vielleicht kann sie uns ja auch später helfen, wenn wir alt und gebrechlich werden.
Sechs Wochen vor ihrer Niederkunft ging Trude nach Erlangen in die Universitätsklinik, wo sie bis zur Geburt in der Krankenhausküche arbeitete. Dadurch musste sie nichts für die Entbindung bezahlen. Anscheinend hatte ihre Herrschaft in Heilbronn sie nicht krankenversichert.
Schon zwei Wochen nach Ursulas Geburt kamen die beiden hier in der Kirschgartenstraße an. Wenn ich das kleine Wesen im Waschkorb so anschaue, rührt es doch an mein Herz. Hoffentlich wird sie nicht oft krank. Die meiste Arbeit mit der Kleinen bleibt ja wohl an mir hängen. Wenn Trude zur Arbeit muss, muss sie ihr Kind eben nachts stillen. Ob ich die kleine Ursula lieb haben kann, weiß ich noch nicht so genau. Doch auf jeden Fall werde ich mich in christlicher Nächstenliebe üben, denn Gott hat mir schließlich diese Aufgabe gestellt.
Onkel Alfred
Ich hab ihn nie kennen gelernt, meinen Onkel Alfred. Er war Mutters Bruder, der jüngste in ihrer Familie. Sein Schicksal hing wie eine dunkle Wolke über unserer kleinen Familie, damals während des zweiten Weltkriegs. Hätte Mutter mir nicht die Fotos gezeigt; und hätte sie mir nicht von ihrem kleinen Bruder erzählt, wüsste ich nichts über ihn. Seine Eltern, also mein Opa und meine Oma, haben nie von ihm gesprochen. Deshalb lasse ich Alfred Theodor, meinen früh verstorbenen Onkel, seine eigene Geschichte erzählen.
Alfred erzählt:
"Ich wurde am 29. März 1904 geboren als jüngstes Kind von Paul und Margarete. Meine beiden älteren Schwestern Hedwig und Gertrud liebten mich sehr. Auch mein Vater war stolz auf seinen einzigen Sohn. Nur meine Mutter erschien mir zeitlebens eher kritisch und irgendwie distanziert. Ich glaube, ihr fehlte einfach die Herzenswärme. Doch von meinem Vater und auch meinen beiden Schwestern bekam ich viel Liebe und Wärme. Zudem hatte ich eine robuste Natur mitbekommen, was mir vieles leichter machte. So wuchs ich unauffällig und wenig beachtet auf. Ich besuchte die Volksschule von der ersten bis zur achten Klasse als mittelmäßiger Schüler, unauffällig eben. Lediglich im Sport war ich recht gut und mutig war ich schon immer. Als mich im Alter von zehn Jahren ein paar ältere Buben in die Pegnitz schubsten, lernte ich zwangsläufig sofort schwimmen. Die großen Buben staunten nicht schlecht - und von da an ließen sie mich in Ruhe. Ich hatte mir Respekt verschafft.
Als ich die Schule beendet hatte, fand ich mit Hilfe meines Vaters eine Lehrstelle als Schlosser. Die handwerkliche Arbeit gefiel mir gut und ich bestand die Gesellenprüfung im praktischen Bereich mit "sehr gut", im theoretischen nur mit "befriedigend". Doch mein Meister war zufrieden mit mir, da ich fleißig und geschickt war und gerne arbeitete. So blieb ich auch nach Abschluss meiner Lehre bei ihm.
Ich war eher schüchtern und unbeholfen im Umgang mit Mädchen. Meine Kumpels nannten mich einen Spätentwickler. Erst mit dreißig Jahren lernte ich ein Mädchen kennen, das mir gut gefiel. Erika hatte allerdings einen Beruf, den meine Mutter sicher nicht gutheißen würde. Sie arbeitete nämlich in einer Wirtschaft als Bedienung. Dabei war sie trotzdem anständig und wehrte allzu zudringliche Gäste energisch ab, wenn sie ihr an den Hintern griffen. Ich war zum ersten Mal richtig verliebt. Meinen Eltern wollte ich es erst sagen, wenn ich sie noch ein wenig besser kennen gelernt hätte. Doch ich war sicher, dass ich Erika später einmal heiraten würde.
Dann kam der Tag, der mein Leben entscheidend verändern sollte. Meine Mutter war vereist, sie war zu meiner ältesten Schwester nach Stuttgart gefahren. Hedwig war zu der Zeit bereits verheiratet und hatte ihren ersten Sohn bekommen. Mein Vater half seinem Schwager Jakob im Garten und meine Schwester Gertrud war in Heilbronn als Dienstmädchen tätig. Das schien mir die Gelegenheit, Erika zum ersten Mal mit nach Hause zu nehmen. Ja, ich wollte sie verführen, wollte mit ihr schlafen. Meine Sehnsucht und mein Verlangen waren riesengroß und ich hoffte, ihr ginge es ähnlich. So überredete ich mein Mädchen, zu mir nach Hause zu kommen unter dem Vorwand, dass meine Eltern sie gerne kennen lernen würden. Das war gelogen - und ich schämte mich, als sie es herausfand. Und doch ließ Erika sich bewegen, mit in mein Zimmer zu gehen. Wir waren ja beide noch unerfahren und überhaupt nicht aufgeklärt. So waren meine Verführungskünste mit Sicherheit ziemlich ungeschickt. Doch Erika machte es mir nicht allzu schwer. Auch sie sehnte sich nach Liebe und Zärtlichkeit. Dieses erste Mal war aufregend und überwältigend für uns beide. Gerade, als wir entspannt und glücklich miteinander schmusten, klopfte es plötzlich an der Türe. Geistesgegenwärtig sprang ich aus dem Bett und drehte rasch den Schlüssel, um abzuschließen. Keine Sekunde zu früh, denn schon drückte jemand den Türdrücker herunter. Die Stimme meiner Mutter rief von draußen: "Alfred, bist du da?" Ich verstand nicht, warum sie schon zurück war, denn eigentlich sollte sie erst in zwei Tagen kommen. Doch nun war guter Rat teuer. Ich legte den Finger auf den Mund und bedeutete Erika, sich mucksmäuschenstill zu verhalten. doch dann passierte mir ein Missgeschick: ich stieß mit dem Fuß an den Nachttopf, der ein wenig unter dem Bett hervorlugte. Es gab ein schepperndes Geräusch, das mich verriet. Meine Mutter wirkte schon recht ungehalten und schrie: "Alfred, mach sofort auf!" Erika saß zitternd auf dem Bett, sie hatte große Angst, kompromittiert zu werden. Und ich wollte mein Mädchen beschützen, hatte wohl auch selber Angst vor der Blamage. Gleichzeitig fühlte ich mich total ohnmächtig und hilflos. Was sollte ich nur tun? Meine Hoffnung ging dahin, dass Mutter aufgeben würde, dass sie mich einfach in Ruhe lassen würde, wenn ich mich weigerte, die Tür zu öffnen.
Leider war diese Hoffnung vergebens. Nach hartnäckigem Klopfen und Rufen drohte Mutter schließlich, die Polizei zu holen. Zuerst dachte ich, sie wolle mir nur Angst machen. Doch wie erschrak ich, als tatsächlich kurz darauf eine Männerstimme drohend rief: "Aufmachen - Polizei!" Erika saß zur Salzsäule erstarrt noch immer aufrecht im Bett. Mir schlug das Herz bis zum Hals. Doch nicht nur Angst war es, die mein Blut heiß aufwallen ließ. Ich empfand auf einmal einen Zorn, der immer größer und mächtiger wurde. Dann ging alles ganz schnell: Einer der Polizisten brach die Tür auf und stand mitten in meinem Zimmer. Ich war wie von Sinnen, ohnmächtige Gefühle in einer Mischung aus Angst, Wut und Scham überfluteten mich. Meine Mutter schrie: "Schande, du bringst Schande in mein Haus!" Da sah ich plötzlich nur noch rot. Bevor ich einen klaren Gedanken fassen konnte, machte ich einen Schritt auf meine Mutter zu und ging ihr an die Gurgel. Ich wollte sie nicht töten, ich wollte nur, dass sie endlich still sein sollte. Die Polizisten rissen mich weg von meiner Mutter und hielten mich fest. Dann fesselten sie mich mit Handschellen und gingen mit mir zur Polizeiwache. Ich war nur halb angezogen und so durcheinander, wie in meinem ganzen bisherigen Leben nicht. Auf die Fragen der Beamten wusste ich nichts Vernünftiges zu erwidern. Es kam nur ein Gestammel aus mir heraus.
So landete ich noch am selben Tag im Irrenhaus in Erlangen. Obwohl ich ganz sicher nicht verrückt war, das wusste ich ganz bestimmt. Doch wie sollte ich das beweisen? Ich war wohl durcheinander und ich konnte mich auch nicht gut ausdrücken. Ich war ja nur ein einfacher Handwerker und hatte nie gelernt, wohlgesetzte Worte zu verwenden. Natürlich wusste ich, dass es ein Unrecht war, sich an seiner eigenen Mutter zu vergreifen. Doch in meiner Not wusste ich in diesem Augenblick nicht mehr, was ich tat.
In den ersten Wochen in der Anstalt hoffte ich, dass alles ein Irrtum sei und ich bald wieder nach Hause könnte. Doch nichts dergleichen geschah. Um mich herum lebten viele Männer, die offensichtlich nicht ganz richtig im Kopf waren. Manche schrieen den ganzen Tag, andere erzählten wirre Geschichten. Einmal besuchte mich meine Schwester Gertrud, das gab mir wieder etwas Hoffnung. Da ich schon immer sehr sportlich war, bezwang ich eines Nachts die hohe Mauer, die um die Anstalt gebaut war. Ich lief und rannte den ganzen Weg von Erlangen nach Nürnberg in die Kirschgartenstraße. Doch als ich dort ankam, rief meine Mutter gleich wieder die Polizei, sie hatte kein Erbarmen! Die Beamten brachten mich zurück nach Erlangen.
Allmählich passte ich mich meiner Umgebung an. Wahrscheinlich wurde ich nun doch langsam verrückt. Es war die einzige Abwechslung für mich, in fremde Rollen zu schlüpfen wie viele der anderen auch. So erzählte ich einmal, ich wäre der Papst, ein anderes Mal wollte ich lieber Napoleon sein. Irgendwann gewöhnte ich mich an das alles, ich wurde immer apathischer und vegetierte nur noch vor mich hin. So vergingen die Jahre, der zweite Weltkrieg begann. Wenigstens musste ich nicht an die Front, dachte ich in meinen lichten Momenten. Doch da hätte ich wenigstens eine Überlebenschance gehabt."
Im Sommer 1940, er war gerade siebenunddreißig Jahre alt, fiel Alfred Krauß Hitlers Euthanasiegesetz zum Opfer. "Lebensunwertes Leben" wurde gnadenlos ausgelöscht. Seine Eltern bekamen einen Arztbrief, in dem verzeichnet war, er sei an "Lungenentzündung" gestorben.
Wie meine Eltern sich kennen lernten
Heilbronn am Neckar, man schrieb das Jahr 1939. Gertrud, meine Mutter war damals sechsunddreißig und arbeitete seit einem Jahr als Hausangestellte bei einer wohlhabenden Familie mit zwei Kindern. Gertrud gefiel es in der großen alten Villa auf dem Hügel. Sie konnte weit über die kleine Stadt schauen, wenn sie eine Verschnaufpause bei der Hausarbeit einlegte. Früh am Morgen ging ihr erster Weg oft zu dem kleinen Erker im Arbeitszimmer des Hausherrn. Das Fenster dort ging nach Osten und sie sah so gerne die Sonne aufgehen. Bis nach Weinsberg konnte sie bei guter Sicht schauen, leider nicht bis nach Wüstenrot, das war doch zu weit weg. Doch ihre Gedanken flogen genau dorthin.
An ihrem ersten freien Tag im April war sie mit dem Bus nach Wüstenrot gefahren. Warum sie dazu ihre Laute mitgenommen hatte, wusste sie selbst nicht so genau. Es war mehr eine Eingebung. Sie wollte einfach raus in die Natur und vielleicht ein wenig zur Laute singen, wenn sie ein schönes Plätzchen gefunden hätte. Musik bedeutete für Gertrud pure Lebensfreude, sie sang auch oft bei der Hausarbeit. Gerne wäre sie in jungen Jahren Sängerin geworden, doch das Geld für die Ausbildung reichte nicht. So kaufte sie sich von ihrem mühsam ersparten Dienstmädchenlohn eine Laute und brachte sich in ihrer freien Zeit selbst das Notenlesen und Spielen bei. Sie kaufte sich dazu den „Zupfgeigenhansel“, dessen Lieder sie mit der Zeit fast alle auswendig kannte.
In dem Bus nach Wüstenrot saßen nur drei oder vier Leute. Gertrud saß ganz vorne, von wo aus sie den Busfahrer gut sehen konnte. Denn dieser Mann gefiel ihr ausnehmend gut. Gleich beim Einsteigen war er ihr aufgefallen, denn er sah genau so aus wie der Mann, von dem sie seit Jahren träumte, den sie jedoch noch nie wirklich getroffen hatte. Sollte ER am Ende derjenige sein, auf den sie schon so lange gewartet hatte? Während der gut halbstündigen Fahrt überlegte sie, wie sie es anstellen könnte, ihn anzusprechen. Doch erst beim Aussteigen fasste sie sich ein Herz und fragte ihn rundheraus, ob er gerne Musik höre. Überrascht sah er sie lange prüfend an. Endlich lächelte er und fragte Gertrud, ob sie heute Abend wieder mit ihm zurück nach Heilbronn fahren würde. Sie bejahte und sie verabredeten sich für den frühen Abend. August, so stellte sich der Busfahrer vor, hatte danach frei und wollte den Abend gerne mit Gertrud verbringen. Sie fanden ein lauschiges Plätzchen auf einer Bank am Waldrand und Gertrud spielte und sang zur Laute. August lauschte selbstvergessen und schien wie verzaubert. Später, als es zu dunkeln begann, fuhr er sie als einzigen Fahrgast mit seinem Bus nach Hause.
Gertrud war mit ihren sechsunddreißig Jahren zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich verliebt. Bisher hatte sie an allen Männern, die sie kennen gelernt hatte, etwas auszusetzen gehabt. August war zwar nicht ihr erster Liebhaber, aber der erste Mann, den sie gerne heiraten wollte. Auch er war von Gertrud begeistert. Ihre fröhliche, unkomplizierte Art und auch ihre Musik hatten es ihm angetan und sie stimmten ihre freien Tage aufeinander ab, an denen sie sich trafen. August war etwa drei Jahre jünger als Gertrud, doch das war nicht wichtig, Er war groß und stattlich und sah gut aus mit seinen dunklen Haaren und braunen Augen, die einen aparten Kontrast zu ihrer blond- und blauäugigen Erscheinung bildeten. Gertrud störte sich nicht daran, dass August sie nie zu sich nach Hause einlud, denn auch sie konnte ihn ja nicht in ihr Dienstbotenzimmer mitnehmen. So verabredeten sie sich weiterhin draußen im Freien, zumal auf den April bald ein sonnenwarmer Mai folgte. Sie liebten sich auf einer Waldlichtung voller duftender Blumen und Bienengesumme und vergaßen die Welt um sich herum.
Gertrud glaubte fest daran, dass August sie bald um ihre Hand bitten würde. Als sie Anfang Juli herausfand, dass sie schwanger war, sagte sie es August ohne Zögern. Dieser reagierte jedoch zutiefst erschrocken. Er wurde sehr blass und war an diesem Abend auffallend schweigsam. Als sie sich voneinander verabschiedeten, bekam Gertrud es mit der Angst. Auf einmal zweifelte sie an ihrer Überzeugung, dass August sie heiraten würde. Er hatte bisher auch nichts dergleichen gesagt, ihr nie etwas versprochen. Sie hatten überhaupt nicht über die Zukunft geredet, sondern die Zeit mit Lachen, Singen, einander Necken und Lieben verbracht.
In den darauf folgenden Wochen sah Gertrud ihren August nicht. Ein anderer Fahrer hatte seine Tour übernommen. Gertrud schwante allmählich, dass er ihr aus dem Weg ging. In ihrer Not fragte sie eine Frau in Wüstenrot, die sie vom Sehen kannte, nach August. Die erklärte ihr bereitwillig, dass der längst verheiratet sei und zwei Töchter hatte. Ein drittes Kind sei unterwegs. Doch die Ehefrau sei unglücklich, weil August immer so lange weg von zu Hause blieb, auch in seiner Freizeit. Die Enttäuschung für Gertrud war groß. Von einem Tag zum anderen waren all ihre Träume zerplatzt. Sie machte sich natürlich Vorwürfe, weil sie so leichtgläubig gewesen war. Doch was sollte sie tun?
Schließlich vertraute sie sich ihrer Chefin an. Diese war überraschend einfühlsam und bot Gertrud sogar an, ihr Kind zur Arbeit ins Haus mitzubringen und einen Wäschekorb für das Neugeborene in ihr Zimmer zu stellen. Doch Gertrud schämte sich für ihren Leichtsinn und beschloss daher, zu ihren Eltern nach Nürnberg zurück zukehren. Diese waren schon in Rente und könnten sich um das Kleine kümmern. Die Wohnung in Johannis bot Platz genug für sie und ihr Kind. Zudem deuteten alle Anzeichen auf den baldigen Kriegsbeginn hin und da wollte Gertrud doch lieber bei ihren Eltern sein. Also kündigte sie schweren Herzens ihre Stellung und zog mit Sack und Pack nach Nürnberg, ohne sich von August zu verabschieden.
Der schien über diese Entwicklung eher froh zu sein, war doch Gertruds Schwangerschaft für ihn ein großes Problem. Denn seine Frau wusste bis dahin nichts von seinem Verhältnis und erwartete zudem ihr drittes Kind. Er hatte es sich wahrscheinlich zu einfach gemacht, hatte niemals vorgehabt, seine Ehe aufzugeben; und die Affäre mit Gertrud war für ihn nur eine schöne Episode gewesen.
Mutter Gertrud erzählt
Oh, wie ich sie beneide! Wann immer ich das Bild meiner Schwester mit ihren zwei Buben anschaue, wird mir schwer ums Herz. So gerne hätte ich auch einen Sohn gehabt, wenigstens einen! Stattdessen bekam ich nun eine Tochter, die so klein und zart war bei der Geburt, dass ich befürchtete, sie wäre zu schwach zum Leben. Eigentlich wollte ich ja überhaupt kein Kind und hatte auch nicht mehr damit gerechnet mit meinen siebenunddreißig Jahren! Und dazu noch unehelich! Meine Mutter wird mir das wohl nie verzeihen.
Ja, wenn ich gewusst hätte, dass August bereits verheiratet war. Doch ehrlich gesagt, habe ich ihn auch nicht danach gefragt. Ich hatte mich einfach verliebt und gehofft, dass das was werden könnte mit uns beiden. Dass ich noch immer ledig bin, ist zum großen Teil meine eigene Schuld. Ich bin eben zu wählerisch. Der eine meiner Verehrer war drei Zentimeter kleiner als ich, der andere hatte Schweißfüße, irgendwas hat mich immer gestört. Nur bei August, dem Vater meiner Tochter, hatte ich nichts auszusetzen. Er war der Mann, von dem ich all die Jahre geträumt hatte.
Als ich erfuhr, dass er bereits eine Familie hatte, schämte ich mich vor den Leuten, wollte mich am liebsten verkriechen. Die Frau, bei der ich in Stellung war, hatte mir sogar angeboten, mein Kind zur Arbeit mitzubringen. Ich dürfte in meinem Zimmer sogar ein Kinderbett aufstellen. Sie meinte es sicher gut, doch ich wollte nur noch weg, traute mich hier in Wüstenrot und Heilbronn nicht mehr unter die Leute ob der Schande, die mir passiert war.
Und so packte ich, bevor man meine Schwangerschaft allzu deutlich sehen konnte, meine Koffer und fuhr zu meinen Eltern nach Nürnberg. Deren Wohnung in Johannis war zum Glück groß genug und so bezog ich das hintere Zimmer, dessen Fenster auf den Hof ging. Von meinem ersparten Geld kaufte ich mir eine rostrote Chaiselonge als kleinen Trost. Obwohl ich all die Jahre als Hausmädchen in Baden-Württemberg gearbeitet hatte, war ich nicht krankenversichert.
Da erfuhr ich von einer Nachbarin, dass man in der Erlanger Uni-Klinik umsonst entbinden konnte, wenn man vorher sechs Wochen in der Küche mitarbeitete. Das war die Lösung, denn ich fühlte mich gesund und kräftig und arbeitete gern. Zudem konnte ich so für eine Weile den alltäglichen Lamentos meiner Mutter entfliehen, die mir immer wieder vorjammerte, welch ein Unglück ich über die Familie gebracht hätte.
Dabei hatten wir eigentlich ganz andere Sorgen. Es war Ende 1939 und der Krieg hatte begonnen. Mein Kind wurde dann im Januar 1940 geboren. Ich nannte das kleine dunkelhaarige Mädchen Ursula. Wenn es ein Bub geworden wäre, hätte er Peter geheißen. Meine Gefühle zu dem Baby waren zwiespältig. Schließlich hat Ursulas Geburt mein Leben radikal verändert. Und ihr Vater wollte zu allem Unglück nichts von ihr wissen, behauptete gar, sie sei nicht seine Tochter. Das empörte mich zutiefst, denn er war seit Jahren der einzige Mann, mit dem ich zusammen war.
Mein Vater hielt Gott sei Dank zu mir und verteidigte mich oft bei Mutter. Er sagte zum Beispiel zu ihr, dass wir alle froh sein könnten, in diesen schweren Zeiten zusammen zu sein. Meine ältere Schwester lebte mit ihrer Familie in Stuttgart und mein jüngerer Bruder war zu dieser Zeit in einer psychiatrischen Klinik, worüber aber nur unter vorgehaltener Hand gesprochen wurde. Ich war die zweite Tochter und der Liebling meines Vaters. Als ich zwei Wochen nach der Geburt mit der Kleinen von der Klinik in Erlangen nach Hause kam, musste ich mir sofort Arbeit suchen. Mein Vater hatte nur eine kleine Rente, da er als selbständiger Gärtner nur wenig „geklebt“ hatte. Damals bekam man vom Arbeitgeber Marken, die man in einen Rentenausweis klebte. Daraus wurde dann die Rente, die einem zustand, errechnet. Es war also klar, dass ich den Unterhalt für mich und meine Tochter selbst erwirtschaften musste. Ich fand dann bald eine Stelle in einer Munitionsfabrik. Dort musste ich allerdings die meiste Zeit in der Nachtschicht arbeiten. Die Fabrik war außerhalb von Feucht, ich musste mit der Bahn hinfahren. Wenn ich morgens todmüde von der Arbeit kam, drückte mir meine Mutter, sobald ich mich gewaschen und umgezogen hatte, mein Baby in den Arm. Ich hatte ja immer noch genügend Milch und konnte Ursula die ersten Monate stillen. Doch ich war oft so müde, dass ich darüber einschlief. Ursula schrie dann und verlangte ihr Recht. Ansonsten habe ich mich nicht viel mit der Kleinen beschäftigt. Ich wusste sie ja bei meinen Eltern gut aufgehoben. Meine Mutter lamentierte zwar immer noch und beklagte mein und ihr Schicksal, doch sie kümmerte sich gut um mein Baby. Und mein Vater war ganz vernarrt in die Kleine und lachte und scherzte mit ihr. Ursula gedieh gut und war leicht zufrieden zu stellen. Oft sah ich sie sinnend an und fand sie etwas fremdartig mit ihren dunklen Haaren in unserer blonden Familie. Sie kam wohl mehr nach ihrem Vater, der mich so sehr enttäuscht hatte.
Ich war beim Jugendamt gewesen, um Alimente von ihm zu bekommen. Doch er weigerte sich, zu zahlen und ich überlegte, ob ich ihn deshalb verklagen sollte. Einmal, als Ursula gerade drei Wochen alt war, kam er nach Nürnberg. Die Kleine war da noch sehr zart. Er sah sie lange an und sagte schließlich: „Vielleicht stirbt sie ja wieder!“ Das wäre für ihn wohl die einfachste Lösung gewesen. Doch so leicht machten wir es ihm beide nicht.
Es war halt eine schwere Zeit damals. Der Krieg ließ uns nicht zur Ruhe kommen. Ich musste schwer arbeiten und hatte kaum Kraft, mich um meine kleine Tochter zu kümmern. Mit der Zeit wuchs meine Liebe zu ihr, zumal sie meistens brav war und immer goldiger wurde. Meine Eltern wurden allmählich gebrechlicher. So wuchs ich mehr und mehr in die Rolle des Familienoberhauptes hinein.
Den Vater von Ursula habe ich dann doch noch verklagt. Der Prozess zog sich über viele Jahre hin, doch ich gewann schließlich und August musste zahlen. Er hat nie mehr nach seiner Tochter gefragt und nach mir auch nicht
Kindheitserinnerungen
Mein Gitterbett in Mutters Zimmer
Ich baue es zum Kaufladen um
und verkaufe meine Schätze.
Der Weg zum Kindergarten
in der ledernen Umhängetasche
die Tüte mit dem Butterbrot.
Das Schaukelpferd dort
hat Platz für zwei Kinder,
für Gerhard und mich!
Spielen im Schutt der Ruinen
ist eigentlich verboten.
Dort finden wir wundersames.
Mein eiserner Schlitten
mit Segeltuch bespannt
ist etwas ganz Besonderes.
In Mutters Spielwarenfabrik
gibt es viele Russen
Sie scherzen oft mit mir.
Die Amerikaner in Uniform
schwarze und weiße
schenken uns Schokolade.
Kriegskind
Als ich klein war, erzählte mir meine Mutter, ich sei aus einem Schneeball entstanden, der den Berg herab auf sie zugerollt kam. Durch das Rollen im Schnee sei dieser größer und größer geworden. Als er etwa die Größe eines Babys hatte, nahm Mutter ihn auf und wärmte ihn an ihrem Herzen. So wurde aus dem Schneeball ein lebendiges Kind. Dieses Kind nannte sie Ursula. Da ich im Januar geboren bin, erschien mir die Geschichte mit dem Schneeball recht einleuchtend und ich glaubte sie viele Jahre lang. Die anderen Kinder erzählten, sie wären vom Storch gebracht worden, weil ihre Eltern oder Geschwister Zuckerstücke aufs Fensterbrett gelegt hätten. So hatte ich von Anfang an das Gefühl, etwas Besonderes zu sein.
Dass in dieser Zeit Krieg herrschte, war mir als kleines Kind nicht wirklich bewusst. Ich hörte zwar die Erwachsenen öfters darüber reden, doch konnte ich mit dem Begriff "Krieg" nicht viel anfangen. Man muss bedenken, dass ich ja keine Vergleichsmöglichkeit hatte, denn von meiner Geburt bis zu meinem fünften Lebensjahr war mein Alltag vom Krieg geprägt. Ich erinnere mich an die Sirenen, die einen schauderhaften Lärm verursachten. Doch Mutter erklärte mir, dass sie notwendig seien, damit die Menschen rechtzeitig in die Luftschutzkeller gingen und dort geschützt waren. So war es für mich bald zur Gewohnheit geworden, öfters abends in den Luftschutzkeller gebracht zu werden. Häufig trug Mutter mich huckepack hinunter, wenn ich schon geschlafen hatte und gar nicht richtig wach wurde. Der Keller hatte keine Schrecken für mich, denn Mutter war ja immer dabei. Ich kann mich nicht erinnern, ob auch meine Großeltern mit im Keller waren. Ich glaube, mein Großvater weigerte sich des Öfteren, er blieb in seinem Zimmer trotz Bombenalarm. Glücklicherweise wurde unser Haus nicht direkt getroffen, auch wenn es so manche Erschütterung gab und ab und zu ein Fenster barst.
Woran ich mich noch schemenhaft erinnere, ist diese dumpf brütende Stimmung unter den Erwachsenen. Meist wurde wenig gesprochen im Keller, doch es roch förmlich nach Angst und manchmal auch Wut.
An eine Begebenheit erinnere ich mich jedoch deutlich. Ich war etwa vier Jahre alt, als wir abends mal wieder in den Keller hinab stiegen. In dem Raum, in dem wir uns normalerweise aufhielten, gab es ein Stockbett. Meistens hob meine Mutter mich auf das obere Bett, denn es gab keine Leiter. Doch an diesem einen Abend legte sie mich kurzerhand auf dem unteren Bett ab. Auf mein Gequengel hin antwortete sie, sie sei zu müde, um mich noch hochzuheben. Kurz darauf gab es ein polterndes Geräusch und ein Balken fiel von der Decke direkt auf das obere Bett. Auch ich mit meinen vier Jahren begriff in diesem Moment, dass ich da oben von dem Balken hätte erschlagen werden können. Mein Schutzengel hatte also aufgepasst und mir das Leben gerettet. Und ich blieb an dem weiteren Abend mucksmäuschenstill.
Ich kann mich nicht erinnern, dass mein Geburtstag jemals gefeiert wurde. Es gab zwar kleine, meist praktische Geschenke, doch damit war es dann erledigt. In dieser schweren Zeit hatten die Menschen auch andere Sorgen als Kindergeburtstage zu feiern. Doch an ein Geschenk erinnere ich mich lebhaft, da es mir so gut gefiel. Es war eine Gamaschenhose in der Farbe roter Bete. Mutter nannte sie die "Rot-Rüben-Hose". Zu dieser Zeit trugen kleine Mädchen sowieso nur Kleider oder Röcke, doch im Winter waren die wollenen Strümpfe manchmal nicht warm genug. So zog Mutter mir, wenn es sehr kalt war, darüber noch eine Gamaschenhose, die unten ein Gummiband hatte und so eng war wie die heutigen Leggins. Mir gefiel vor allem die Farbe, da ich ansonsten fast nur graue oder dunkelblaue Sachen hatte. Wo meine Mutter diese Hose herhatte, habe ich nie erfahren. Doch sie bewirkte, dass ich mein kleines Leben plötzlich nicht mehr ganz so grau und trist empfand. Und sie zog die Blicke meiner Spielkameraden auf sich, was mich froh und stolz machte. Außerdem glaubte ich durch dieses Geschenk, dass ich für meine Mutter etwas Besonderes war. Ein Kind, auf das sie stolz war und gerne herzeigte. Das wiederum nahm ich als eindeutigen Liebesbeweis.
Mitten auf unserer Straße gab es einen großen Schutthaufen, in dem wir Kinder so manche Schätze fanden und bargen. Der Schutthaufen stammte von dem Haus auf der anderen Straßenseite, von dem nur noch kärgliche Mauerreste standen. Mein bester Freund hieß Emil und auf seinem Hof bauten wir uns aus Steinen und Brettern kleine Verschläge, "Lagerla" genannt. Drinnen spielten wir mit den gefundenen Bratpfannen und Töpfen Familie. Einmal fand Emil eine Handgranate. Er zeigte sie seiner Mutter, die uns Kinder ermahnte, solche Dinger nie wieder anzufassen, sondern immer einem Erwachsenen zu zeigen.
Als der Krieg im Frühjahr 1945 zu Ende war, ging ich mit Mutter zum Einkaufen in einen Konsumladen. Wie ich es gelernt hatte, grüßte ich laut und vernehmlich mit "Heil Hitler". Doch Mutti bedeutete mir, still zu sein. Das heißt jetzt "Grüß Gott", meinte sie. Den Grund dafür sagte sie mir nicht und da ich ein trotziges Kind war, beharrte ich auf meinem vertrauten "Heil Hitler". Wobei ich natürlich keine Ahnung hatte, wer Hitler war und was dieser Gruß bedeutete. Für mich war es einfach eine Grußformel, genau so wie das spätere "Grüß Gott". Denn auch dabei dachte ich nicht wirklich an Gott. Lange habe ich allerdings den Hitlergruß nicht beibehalten. Denn ich spürte schnell, dass er inzwischen etwas wirklich Verbotenes war.
In unserem Haus zog nach Kriegsende eine Familie mit sechs Kindern in den ersten Stock. Elfriede war ein Jahr älter als ich und nannte mich anfangs "Kleine", weil ich noch in den Kindergarten ging. Ich hörte, wie die Leute aus dem Haus die Familie als Flüchtlinge bezeichnete. Aus dem Tonfall, wie sie sprachen, spürte ich, dass "Flüchtlinge" nicht so angesehen waren wie andere Familien. Ich dachte damals für mich, dass ich froh sei, kein Flüchtling zu sein. Nichtsdestotrotz freundete ich mich bald mit Elfriede an und war sehr oft zu Besuch bei der großen Familie im ersten Stock. Sie hatten zu meinem Entzücken ein Baby namens Hannelore, das ich sogar manchmal im Kinderwagen ausfahren durfte.
Hamstern mit Mutter
Ach, war das damals schön,
mit Mutti durch den Wald zu geh`n.
Die Bauern in Buchenbühl
War`n unser Wanderziel.
Was gab es dort für gute Sachen,
die brachten mein Herz zum Lachen.
Kartoffeln, Äpfel. Ein Stückchen Speck
Nahmen die Angst vor dem Hunger weg.
Die Ziegenmilch verzog mir den Mund,
doch die Großen sagten, die sei gesund.
Mutti gab dafür mein Spielzeug her
Und manchmal weinte ich deshalb sehr!
Doch tröstete Mutti mich immer wieder
Und auf dem Heimweg sangen wir Lieder,
die sie mich gelehrt hat in frohen Stunden.
Beim Hamstern hab`ich mein Glück gefunden!
Willi
"Willst du mit?" fragte er mich und ich nickte. Sprechen konnte ich nicht, dazu war ich zu aufgeregt. Eben hatten Willi und ich noch zusammen im Hof gespielt. Vaterlenz und Mutterlenz hieß unser Lieblingsspiel. Willi war natürlich der Vater, ich die Mutter und meine Puppen unsere Kinder. Als Willi aber dann wie ein Verrückter mit meinem Puppenwagen im Hof herumsauste, bekam ich Angst um meine Puppen. Ich bat Willi, damit aufzuhören., was er dann auch tat. Willi war viel größer und älter als ich. Die Erwachsenen meinten, er sei "zurückgeblieben", deshalb spielte er auch noch mit mir, die ich erst etwa fünf Jahre alt war. Ich schätzte Willis Zuneigung, denn er war mein großer Beschützer. Wann immer ich mit anderen Kindern in Streit geriet, stellte er sich vor mich - und kein Kind konnte mir etwas anhaben. Manchmal fragte er meine Oma, ob er bei uns aufs Klo gehen darf. Oma erlaubte es immer, weil Willi im vierten Stock wohnte, wir dagegen im Parterre.
So war es auch an diesem Tag, nachdem er wie ein Wilder herumgerannt war. Etwas war anders heute. Willi hatte mich so komisch angeschaut, als er mich fragte, ob ich mit wollte. Ich kapierte sofort, dass es etwas Verbotenes war, woran ich teilhaben sollte. Und so wartete ich, bis ich Oma wieder in der Küche mit Geschirr klappern hörte, bevor ich zur Klotür schlich und diese ganz leise aufmachte. Sofort schob ich den Riegel hinter mir zu. Oma durfte mich auf keinen Fall erwischen. Willi stand vor dem Klo und pinkelte im Stehen. Es war spannend für mich, da ich bis jetzt noch nie gesehen hatte, wie ein Junge da unten aussah.
Als er fertig war, behielt er seinen "Zipfel" noch eine Weile in der Hand. Der erschien mir sehr groß und er schien recht fest zu sein. "Willst du mal hinlangen?" fragte Willi mich, die ich stumm und wie hypnotisiert auf das Ding in seiner Hand starrte. Eigentlich wollte ich nicht, Willis "Zipfel" war mir fast unheimlich. Aber um Willi einen Gefallen zu tun, kam ich vorsichtig näher und tippte ganz vorsichtig mit dem Zeigefinger dran. "Kannst schon fester!" meinte Willi, doch ich schüttelte den Kopf. Mir reichte es!
Endlich fand ich meine Sprache wieder und meinte: "Wir müssen aufpassen, dass die Oma uns nicht erwischt!" Das wirkte. Willi machte schnell die Knöpfe an seinem Hosenstall zu und ging zur Tür. Als er sah, dass niemand auf dem Flur war, winkte er mir und ich schob mich schnell an ihm vorbei und flutschte noch schneller zur Wohnungstür hinaus. Zum Spielen hatte ich keine Lust mehr und räumte schnell meine Sachen in den Puppenwagen. Dann ging ich damit wieder zurück in die Wohnung und ließ Willi draußen stehen.
Nun wusste ich also Bescheid. Ob Mutti deswegen lieben einen Buben gehabt hätte, wegen so einem Ding? Im Grunde war ich froh, ein Mädchen zu sein und keinen "Zipfel" zu haben. Nur um das Pinkeln im Stehen beneidete ich Willi und die anderen Buben. Ein schlechtes Gewissen hatte ich auch, denn Oma sagte, der liebe Gott sieht alles. So hoffte ich, dass Gott mir und Willi verzeihen würde. Als Willi das nächste Mal bei uns aufs Klo musste, fragte er wieder: "Willst du mit?" Doch energisch schüttelte ich den Kopf und sagte laut und deutlich "NEIN!"
Mein Lieblingstier war ein Elch
Groß, dunkel und mit mächtigem Geweih füllte er eine ganze Seite meines ersten eigenen Bilderbuchs. Ich war tief beeindruckt von diesem starken Tier und wünschte mir damals sehnlichst, einmal im Leben einen echten Elch zu Gesicht zu bekommen. Doch im Laufe der Jahre vergaß ich diesen Wunsch wieder.
In meiner kindlichen Vorstellung dachte ich: so ein Elch hätte mich sicher gut behütet und mich vor allem Bösen beschützt.
Viele Jahre später besuchte ich auf einer Skandinavien-Rundreise auch ein Elchgehege. Auch in voller Lebensgröße wirkten diese Tiere mächtig und stolz, so wie damals ihre Abbilder in meinem Kinderbuch!
Großmutter trug immer Dunkelblau
Die Farbe passte zu ihr. Meine Großmutter Margarete war eine ernste, strenge und tief gläubige Frau. Auch ihre Frisur passte zu ihrer Erscheinung. Sie trug ihre dünner gewordenen grauen Haare streng nach hinten gekämmt und in einem Knoten am Hinterkopf festgesteckt. Ab und zu wurde das eintönige Dunkelblau durch kleine weißen Tupfen auf einer ihrer besseren Blusen aufgelockert. Und sonntags zierte ein blütenweißer Kragen Omas bestes dunkelblaues Kleid. Ich kann mich wirklich nicht erinnern, meine Großmutter jemals anders als in dunkelblau oder, als Großvater gestorben war, in schwarz gesehen zu haben. Dabei war sie gar noch nicht so alt damals, wenn ich bedenke, dass sie ja bereits mit siebzig Jahren gestorben ist.
Ich liebte meine Oma, die mich die ersten Jahre größtenteils aufgezogen hat, da meine Mutter in der Fabrik arbeiten musste. Doch ich fürchtete mich auch vor ihr. Sie war der Meinung, dass man mich vaterloses Kind besonders streng erziehen müsste, damit aus mir trotz allem ein anständiger Mensch würde. Dabei war ihr ein hölzerner Kochlöffel eine wirksame Hilfe. Bei größeren Vergehen bekam ich diesen auf meinem nackten Po zu spüren. Was ich damals eigentlich alles angestellt habe, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Noch heute glaube ich, dass ich eigentlich ein eher braves Kind war. Trotzig allerdings, das sagte auch meine Mutter, trotzig war ich schon immer.
Großmutter war sehr fromm und las uns jeden Abend aus der Bibel vor. Mutter, die täglich zwölf Stunden in der Fabrik gearbeitet hatte, schlief dabei meistens ein und auch Großvater schnarchte manchmal leise. Ich dagegen hörte aufmerksam zu, wenn Oma mir Gleichnisse aus dem Alten Testament vorlas. Allerdings lernte ich durch diese Geschichten, Gott mehr zu fürchten, als ihn zu lieben. Vor allem, da Oma immer wieder betonte, dass Gott alles sieht. So war ich lange Zeit überzeugt, dass auch meiner Oma selbst meine allerkleinsten Sünden nicht verborgen blieben, weil sie ja zu Gott ein sehr inniges Verhältnis hatte. Ich gab mir so weit ich zurückdenken kann, alle erdenkliche Mühe, meiner Oma und dem lieben Gott keinen Kummer zu machen. Und tief in meinem Herzen glaubte ich schon immer, dass Gott mich lieb hat. Wie es in dem Kinderlied heißt: "Weißt du, wie viel Sternlein stehen - kennt auch dich und hat dich lieb!"
Meiner armen Mutter machte Großmutter häufig Vorwürfe wegen der Sünde, von einem verheirateten Mann ein Kind bekommen zu haben. Damals verstand ich die Zusammenhänge nicht, spürte aber, dass mein Dasein allein bereits eine Zumutung für meine Großmutter war
Und ich fühlte mich schuldig am Unglück meiner Familie. Wäre mein liebevoller Großvater nicht gewesen, der mich oft auf seinen Knien schaukelte und mir Märchen vorlas, meine ersten Jahre wären ein einziges Trauerspiel gewesen. Als er starb, war ich sechs Jahre alt und ich vermisste ihn danach sehr.
Doch nach Opas Tod lernte ich meine Oma von einer weicheren, verletzlicheren Seite kennen. Ich glaube, die Trauer um ihren Mann ließ sie verständnisvoller werden. Gerne ging ich mit ihr gemeinsam zu Opas Grab auf dem Westfriedhof, wo ich ihr beim Gießen half.
Zwei Jahre später starb auch meine Großmutter. Auf ihrer Beerdigung weinte und schluchzte ich so sehr, dass Mutter Angst bekam, ich würde ihr ins Grab nachspringen. Heute weiß ich, dass ich damals nicht nur Tränen der Trauer vergoss, sondern unbewusst auch Erleichterung verspürte.
Meine Oma
Die Oma war düster und streng
und lachte selten. Sie passte auf,
dass aus mir mal was wird.
Und wenn ich nicht hörte,
nicht tat, was sie wollte,
gab`s was hinten drauf.
Sie erzählte mir von Jesus
und sagte, dass Gott alles sieht.
Wir beteten vor dem einschlafen:
Breit aus die Flügel beide -
So fing es an. Und zum Schluss:
dies Kind soll unverletzet sein.
Und wenn wir auf Mutter warteten,
bevor sie abends aus der Fabrik kam,
und ich Angst hatte, sie kommt nicht,
machte Oma mir ein Fußbad.
Ich saß auf dem Küchenschemel
und fühlte mich geborgen.
Ich lerne Englisch
Als der zweite Weltkrieg im Frühjahr 1945 zu Ende war, gab es in Nürnberg viele amerikanische Soldaten, weiße und schwarze. Alle trugen die gleiche Uniform mit mehr oder weniger Orden und Abzeichen. Und alle, wirklich alle, waren nett und freundlich zu uns Kindern, zumindest alle, die ich damals kennen lernte. Ich war fünf Jahre alt und ein Gassenkind. Obwohl ich noch in den Kindergarten ging, hielt ich mich doch viel draußen in unserer Straße auf. Das war zu dieser Zeit nicht ungewöhnlich, denn es gab nur wenige Autos, die uns hätten gefährlich werden können. Und was könnte überhaupt gefährlicher sein als der vergangene Krieg, als die Bomben und Tiefflieger, die nun endlich aufgehört hatten, uns das Fürchten zu lehren.
Als die ersten amerikanischen Soldaten noch vereinzelt durch die Straßen Nürnbergs liefen, schenkte mir einer spontan im Vorbeigehen einen Riegel Schokolade. Mein Erstaunen verwandelte sich schnell in Entzücken und das wollte ich mit meinen Freunden teilen. So rief ich so laut ich konnte: "Kommt alle mal her, ich habe Schokolade!" So schnell konnte ich gar nicht schauen, wie die Kinder plötzlich um mich waren. Und ehe ich mich's versah, war mein Schokoriegel weg - und ich hatte kein Stückchen davon abbekommen. Das war mir eine wichtige Lehre fürs Leben, die ich nie wieder vergaß.
Ilse und Erika aus unserem Haus, die so um die fünfzehn, sechzehn Jahre alt waren, hatten bald schon amerikanische Freunde, mit denen sie sich meist unten an der Pegnitz trafen. Wir kleineren Kinder der Kirschgartenstraße, meine Freundin Monika und mein Freund Emil, hatten das schnell ausgekundschaftet. Emils Mutter war Witwe und hatte auch einen amerikanischen Freund. Der war schwarz und das sorgte für viel Getuschel in der Nachbarschaft. Uns Kinder kümmerte das wenig, doch Emils Erfahrung mit "Amis", war für uns wertvoll. So kam Emil auf die Idee, wie wir den Amis noch mehr Süßigkeiten abluchsen könnten. Monika und ich waren sofort Feuer und Flamme. So gingen wir in einem respektvollen Abstand hinter Ilse und Erika, her zu deren Verabredungen. Denen war das sichtlich unangenehm und sie drohten uns sogar Prügel an, um uns zu verscheuchen. Doch wir blieben ihnen hartnäckig auf den Fersen, bis sie bei ihren Ami-Freunden ankamen. Die kapierten auffallend rasch, wie sie uns loswerden konnten und gaben jedem von uns Kleinen eine Handvoll Süßigkeiten. Daraufhin zogen wir zufrieden ab nach Hause und oft teilten wir unsere Schätze mit den anderen Kindern unserer Straße. Anfangs liefen diese Akitonen meist wortlos ab, denn wir konnten ja noch kein Englisch.
Wie es kam, dass ich mit der Zeit sogar zwei amerikanische Freunde bekam, weiß ich nicht mehr genau. Ich weiß nur noch, dass ich von den anderen Kindern ein paar "Brocken" Englisch aufgeschnappt hatte. Zum Beispiel konnte ich sagen: "Please give me a chocolate" oder "Please give me a chewing-gum." Natürlich sagte ich auch höflich "Thank you", wenn ich bekommen hatte, was ich wollte. Woher die Amis die vielen Süßigkeiten hatten, ist mir bis heute ein Rätsel! Meine beiden Freunde jedenfalls mochte ich mit der Zeit richtig gern, nicht nur wegen der Süßigkeiten. Vor allem der schwarze Soldat freute sich immer sehr, wenn er mich von weitem kommen sah. er ging dann in die Hocke, breitete seine Arme aus und ich rannte hinein. Er stand mit mir im Arm auf und schwenkte mich im Kreis, was ich jubelnd genoss. Ich hatte ja keinen Vater und deshalb war diese Zuwendung für mich besonders schön.
Einmal ging ich mit meinem schwarzen Freund, dessen Namen ich vergessen habe, ein Stück auf dem Gehweg entlang, wobei er mich an der Hand führte. Da sah ich auf der anderen Straßenseite meine Mutter, die von der Arbeit nach Hause kam. Ich sagte also "Ade" zu meinem Soldaten und lief zu meiner Mutter, die mich mit allen Zeichen des Erschreckens ausschimpfte, weil ich mit einem "Schwarzen Mann" ging. Ich war zunächst ganz verdattert, weil ich nicht verstand, warum ich das nicht durfte. Doch nach einigem Nachdenken kam mir die Erleuchtung: Mutter dachte bestimmt, ich würde auch schwarz, wenn ich einen Schwarzen anfasse. Also zeigte ich ihr strahlend meine Hände und beruhigte sie mit den Worten: "Schau Mutti, er geht nicht ab!" Da musste meine Mutter lachen und das Eis war gebrochen.
Recht viel Englisch habe ich nicht gelernt von meinen amerikanischen Freunden. Doch ich habe gelernt, dass amerikanische Soldaten gut zu Kindern sind. Und auch wenn das sicher nicht immer und überall auf der Welt so ist, mein Leben hat es auf jeden Fall bereichert.
Meine Lieblingsspiele
Von all den abhanden gekommenen Dingen wünsche ich mir mein Kinderbett zurück. Es war elfenbeinfarben gestrichen in mehreren Schichten und hatte Gitterstäbe. Die Vorderseite konnte man herunterklappen. Wenn man die Matratze und die Bretter darunter herausnahm, wurde es zum Kaufladen. Da stand ich nun als einsame Verkäuferin, denn es kamen keine Kunden. Die dachte ich mir aus. Ich stellte sie mir vor und verkaufte ihnen meine Schätze. Das beste daran war, dass ich all die Sachen danach trotzdem noch hatte.
Später verlegte ich meinen Kaufladen ans Fenster des vorderen Zimmers. Früher war es das Arbeitszimmer von Opa, jetzt war es leer. Opa war gestorben, als ich fast sechs war. Er wurde in seinem Bett in seinem Zimmer aufgebahrt und ich legte ihm ein Blumensträußchen in seine gefalteten Hände. Opa sah dabei aus, als ob er schliefe. Mir erschien dieses Sterben damals ganz natürlich, auch weil ich fest daran glaubte, dass er nun bald in den Himmel käme. Noch heute glaube ich, dass diese Erfahrung mein Verhältnis zum Tod und Sterben auf positive Weise geprägt hat.
Deshalb war es für mich auch in Ordnung, dass ich das Fenster in Opas Zimmer für mich nutzte. Es war ein dreiteiliges Fenster mit hölzernen Rahmen und ging zur Kirschgartenstraße hinaus. Seit Opa nicht mehr da war, suchte ich nach Menschen, mit denen ich sprechen konnte. Deshalb baute ich meine Schätze auf dem breiten Fensterbrett auf und "verkaufte" sie an Leute, die vorbeikamen. Damals hatten die Menschen noch mehr Zeit und Muße und plauderten gerne mit mir. Meistens brachten sie die "gekauften" Dinge später wieder zurück. Ich weiß nicht mehr, ob ich richtiges Geld dafür bekommen hatte. Das spielte für mich auch keine besondere Rolle. Mir ging es eigentlich nur um Unterhaltung, denn mein Opa fehlte mir. Mit Oma ging das nicht so recht. Sie war sehr streng und ihrer Ansicht nach unterhielt man sich nicht mit kleinen Kindern. Außerdem war sie nach Opas Tod meistens recht traurig und noch stiller als sonst.
Mit meinen Verkaufspielen war es vorbei, als ich in die Schule kam. Da hatte ich genug Ablenkung und auch neue Freunde und Freundinnen. Das wandelbare Gitterbett wanderte bald auf den Dachboden, denn ich war ja nun schon groß und durfte neben Oma in Opas früherem Bett schlafen. Doch nahm ich mir fest vor, später einmal Verkäuferin zu werden.
Wann genau meine Mutter die Schaukel im Flur hat anbringen lassen, weiß ich nicht mehr. Doch ich erinnere mich, dass ich seither viele Stunden mit schaukeln verbrachte. Es war eine ganz einfach Schaukel, die aus einem schmalen Brett bestand, das mit dicken Stricken von der Decke baumelte. Diese Schaukel stärkte meine Bekanntheit und auch meine Beliebtheit bei den anderen Kindern aus dem Haus. Sogar Oma erlaubte meinen kleinen Freunden meistens, herein zu kommen und eine Weile zu schaukeln. Doch ich bestimmte, wer zuerst auf die Schaukel durfte und auch die Dauer des Schaukelns. Das wiederum gab mir eine gewisse Macht, die ich sehr genossen habe. Vor allem an Regentagen waren ich und unsere Wohnung immer sehr begehrt und gut besucht.
Einmal in dieser Zeit kam Tante Hedwig mit ihren beiden Söhnen Uli und Dieter zu Besuch. Tante Hedwig war Mutters Schwester und die beiden Buben also meine Cousins. Dieter war etwa in meinem Alter und wir spielten auch gleich miteinander. Uli war viel größer und etwa fünf Jahre älter. Er war dunkel und sehr schön, ich sah zu ihm auf und bewunderte ihn glühend. Das war, bevor Herr Oleg bei uns einzog. Herr Oleg war Schlesier und unser erster Untermieter. Ich habe nur wenige Erinnerungen an ihn. Er sprach komisch, zumindest ganz anders als die Leute von hier.
Onkel Jakob
Onkel Jakob war der Bruder meiner Großmutter, der in Nürnberg im Stadtteil Mögeldorf einen Garten hatte. Wo er gewohnt hat, weiß ich nicht, wir haben ihn immer nur im Garten besucht.
Onkel Jakob hatte einen Garten,
mit Mutter fuhr ich oft dahin.
Ich konnt' es kaum erwarten.
Johannis- und auch Stachelbeeren
durfte ich pflücken soviel ich wollt'
und hinterher verzehren.
Der Hasenstall zog magisch mich an.
Das Häschen mit schwarz-weißem Fell
ließ sich streicheln und
kratzte mich dann.
Im Gartenhäuschen war`s gemütlich
ein altes Sofa stand darin.
Darauf schlief ich am Abend friedlich.
Dieser Garten war mein Paradies
in meiner eigenen kleinen Welt,
bis Onkel Jakob uns verließ.
Meine Großeltern
Margarete und Paul
Wenn ich an meine Großeltern denke,
sehe ich viele Bilder:
die Bibel, das dicke schwarze Buch vom lieben Gott.
Und Opas Bart, der schneeweiß war und kraus.
Wenn ich an meine Großeltern denke,
fühle ich Geborgenheit,
wenn ich kalte Füße hatte, machte Oma mir ein Fußbad.
Warm und gemütlich war's auf Opas Schoß.
Wenn ich an meine Großeltern denke,
fällt mir Opas Seidla ein.
Dass ich zur Maiandacht ging, hat Oma beunruhigt,
sie fürchtete, dass ich katholisch werde.
Wenn ich an meine Großmutter denke,
erinnere ich den Kochlöffel,
der zweckentfremdet durch Schläge entzwei ging.
Da dachte ich trotzig: recht geschieht ihr!
Wenn ich an meinen Großvater denke,
der immer so gütig war,
doch blind den falschen Idealen hinterherlief,
ich wusste nicht, was ein Nazi war!
Wenn ich an meine Großeltern denke,
ich ging mit Oma zu Opas Grab,
Sie sprach ein Gebet mit Tränen in den Augen
und ihr Gesicht wurde ganz weich.
Zur "Erholung??"
Nachdem ich das erste Schuljahr beendet hatte, wurde ich mit anderen Kindern zur "Erholung" in ein Ferienheim in Feucht bei Nürnberg geschickt. Der Schularzt hatte bei mir festgestellt, dass ich zu dünn war. Leider war ich aus meiner Klasse die einzige, die nach Feucht geschickt wurde. Ein großer Bus mit Schulkindern jeglicher Altersstufen fuhr uns zu dieser Institution. Wir alle hatten während des Krieges und die erste Zeit danach nicht genug Nahrhaftes zu essen bekommen und waren daher unterernährt. Zunächst war ich schon neugierig auf das, was mich erwartete.
Die großen Säle und die vielen Menschen in dem Heim schüchterten mich ein. Am liebsten hätte ich mich unsichtbar gemacht. Wir schliefen in einem riesigen Saal in Stockbetten. Ich hatte ein unteres Bett. Wer über mir geschlafen hat, weiß ich nicht mehr. Es gab eine strenge Hierarchie unter den Schülerinnen. Die großen Mädchen, die bestimmt schon zwölf bis vierzehn Jahre alt waren, schikanierten uns Kleine, wo sie nur konnten. So brachten sie sich von unseren Spaziergängen regelmäßig Weidenruten mit. Wenn wir "Kleinen" abends noch mal zur Toilette mussten, mussten wir an den Betten der "Großen" vorbei. Diese Gelegenheit nutzten diese, um uns mit den Weidenruten mehrere Hiebe zu versetzen. Das tat weh und ich bekam immer mehr Angst vor dem Toilettengang. Eines Nachts passierte es dann: aus Angst hatte ich meinen Drang unterdrückt und so entleerte sich meine Blase im Schlaf. Ich schämte mich zu Tode, als ich das Malheur am folgenden Morgen bemerkte. Und dazu bekam ich Schimpfe von der Betreuerin, die wir "Tante" nennen mussten. Ich musste mein Laken selbst waschen, was mir mit meinen gerade mal sieben Jahren sehr schwer fiel. Und die "Krönung" war, dass ich beim Spaziergang am Nachmittag auch noch von der "Tante" vor allen bloßgestellt wurde. Als sie bemerkte, dass ich wie meistens barfuss lief, ohrfeigte sie mich und schrie: "Die Bettmacherin, die Bettmacherin läuft barfuss!" Ich fand das sehr ungerecht, weil ich mitbekommen hatte, dass es im Saal Kinder gab, die jede Nacht einnässten. Damals wusste ich nichts von Bettnässern. Ich erlebte nur, dass diese Kinder nie bestraft wurden. Und ich wurde wegen eines einzigen Mals so hart und gleich mehrfach bestraft. Das konnte ich nie vergessen!
Das Plumpsklo, das sich etwa fünfzig Meter weit weg vom Haus befand, war auch noch ein Problem für sich. Es hatte eine viel zu große Öffnung für meinen kleinen Hintern! So musste ich mich krampfhaft an beiden Seiten festhalten, um nicht hinein zu fallen. Einmal wäre es mir fast passiert - und ich litt tausend Ängste.
Übrigens wurden unsere Karten und Briefe von der Heimleitung zensiert, so dass wir unseren Eltern nicht schreiben konnte, was wir für Probleme hatten. Ich hatte es einmal versucht, worauf die "Tante" meine Karte zerriss!
Jedenfalls war ich froh, als die "Erholung" zu Ende war und wir wieder mit dem Bus nach Hause fuhren. Als meine Mutter mich abholte, kamen mir die Tränen und ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Mutter fragte mich nach dem Warum - und ich selber begriff ja damals nicht, dass ich vor Erleichterung weinen musste. So sagte ich Mutter wider besseres Wissen, dass ich weinte, weil es so schön gewesen war. Ich habe während der vier Wochen in Feucht ein halbes Pfund zugenommen!
Die Türklingel
Es läutet in der Kirschgartenstraße 40, Parterre links.
Wir wohnen da, Oma, Mutti und ich;
und der Herr Oleg aus Schlesien.
Er wohnt im vorderen Zimmer - seit Opa tot ist.
Ich bin schon sieben und gehe zur Schule.
wir haben eine Schaukel im Flur.
Emil und Hannelore sind meine Freunde.
Oft läuten Kinder bei uns, die schaukeln wollen.
Mutti muss arbeiten in der Spielwarenfabrik.
Ich bin allein zu Hause, Hausaufgaben machen
Oma ist auf dem Friedhof bei Opa.
Es läutet an der Tür, ich mache auf.
Davor steht ein Fremder, ein Bettler.
Das sieht man, weil er kaputte Hosen anhat.
Er sagt, er hätte Hunger (ich auch)
Das Brot, da Oma mir gemacht hat, liegt noch da.
Ich gehe in die Küche und überlege,
schnell kratze ich die Zwiebeln vom Butterbrot,
weil ich glaube, dass er die nicht mag.
Er schaut mich komisch an, als ich ihm mein Brot gebe.
Dann murmelt er etwas, das ich nicht verstehe.
Ich bin stolz darauf, dass ich etwas Gutes getan habe.
Oma kommt vom Friedhof zurück,
sie hält das Brot in der Hand, das sie im Briefkasten gefunden hat
Herr Strobel
Bei meinen Verkaufsspielen aus dem Schlafzimmerfenster hatte ich ihn kennen gelernt. Er war mein treuester Kunde und er hatte immer Zeit. Deshalb betrachtete ich ihn bald als meinem Freund, den Herrn Strobel. Wenn Oma nicht da war, ließ ich ihn auch manchmal in die Wohnung. An ein Verbot, das nicht zu tun, kann ich mich nicht erinnern. Einmal schlug er mir ein neues Spiel vor, das Reiterspiel. Da musste einer sich bäuchlings auf das Bett legen, der andere durfte sich darauf setzen und auf dem unteren reiten. Ich musste mich zuerst auf den Bauch legen. Herr Strobel war mir als Reiter viel zu schwer. Er schien es aber zu genießen und wollte nicht so schnell von mir runter. Es wurde mir immer unangenehmer, weil er auch so komisch schnaufte dabei. Als er endlich von mir abließ, hatte ich keine Lust mehr, ebenfalls auf ihm zu reiten. Ich sagte, dass mir das Spiel nicht gefällt. Dann ging er weg.
Einmal überredete er mich, mit ihm nach Erlenstegen zu fahren. Ich wusste, dass ich alleine und ohne Erlaubnis nicht so weit fahren durfte. Doch Herr Strobel meinte, dass meine Oma es gar nicht merken würde, weil wir ja bald zurück wären. Und natürlich wollte ich gerne mit ihm Straßenbahn fahren. Also zog ich meine Schuhe an und ging mit ihm. Ich kann mich deutlich erinnern, wie wir an der Endhaltestelle in Erlenstegen aus der Straßenbahn stiegen. Wir gingen einen sandigen Weg entlang, auf einen kleinen Wald zu. Herr Strobel führte mich an der Hand. Dabei erzählte er, dass er einen Freund hätte, der mit einer ganz jungen Frau verheiratet sei. Und dass die beiden sehr glücklich wären. Darüber grübelte ich eine ganze Weile nach. Denn mit meinen gerade mal sieben Jahren hatte ich den Begriff "glücklich" noch nie gehört. Doch ich traute mich nicht zu fragen, zumal sich zwischen Herrn Strobel und mir eine eigenartige Stimmung entwickelt hatte. Die Situation erinnerte mich ein wenig an das komische Reiterspiel, das wir kurz zuvor zuhause gemacht hatten. Ich wäre am liebsten umgekehrt und wieder nach Hause gefahren. Doch Herr Strobel wollte mit mir unbedingt in den Wald, weil er mir dort etwas zeigen wollte. Wir gingen also weiter, ein kleines Mädchen an der Hand eines großen, erwachsenen Mannes.
