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Der Zoologe und Tiermediziner Bernhard Grzimek hat durch seine Bücher und Filme Weltruhm erlangt. In seinen Erinnerungen erzählt er von seiner Jugend in Schlesien, von der Zeit des Nationalsozialismus und vom Wiederaufbau des zerstörten Frankfurter Zoos nach dem Zweiten Weltkrieg. Der eigenwillige Zoodirektor hatte mit so manchen Widerständen zu kämpfen, die ihn aber nie von seiner großen Mission abbringen konnten: die wilden Tiere vor der Ausrottung zu retten. In seinem Nachwort würdigt Michael Miersch, Autor und Dokumentarfilmer, das Lebenswerk eines Mannes, der 2009 seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte.
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Veröffentlichungsjahr: 2016
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www.piper.de
Mit 25 Schwarz-Weiß-Fotos und einem Nachwort von Michael Miersch
ISBN 978-3-492-97275-8
Juni 2016
© 2009 Piper Verlag GmbH, München/Berlin
Erstausgabe: C. Bertelsmann Verlag GmbH, München, Gütersloh, Wien 1974 unter dem Titel: »Auf den Mensch gekommen. Erfahrungen mit Leuten«
© des Nachworts: 2009 Michael Miersch
Covergestaltung: Büro Hamburg. Anja Grimm, Stefanie Levers
Covermotiv: Christian Grzimek/Okapia
Bildredaktion: Büro Hamburg. Alke Bücking, Sandra Schmidtke
Fotos Bildstrecke: Michael, Bernhard und Erika Grzimek/ Okapia
Datenkonvertierung: abavo GmbH, Buchloe
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Vor beinahe zehn Jahren flog ich zufällig zusammen mit einem englischen Buchverleger von Ostasien nach Europa. Das ist ein langer Flug; wir konnten nicht viel schlafen und erzählten uns Geschichten aus unserem Leben. Damals kam dieser Verleger auf den Gedanken, ich müßte meine Lebenserinnerungen schreiben. Seitdem hat er sich fast jedesmal im Oktober zur Buchmesse in Frankfurt mit mir getroffen oder hat mich wenigstens angerufen und daran erinnert, ein solches Buch zu schreiben.
Nun ist das für einen Menschen wie mich gar nicht so einfach. Immerhin habe ich schon neunzehn Bücher verfaßt, von denen die meisten noch im Handel sind. Darin habe ich alles berichtet, was ich mit Tieren erlebt habe, und das ist nun einmal das meiste in meinem Leben.
Wie oft habe ich gehört: »Ich beneide Sie um Ihren Beruf! Tiere haben keine Weltanschauungen, keine Nationalgefühle und keine politischen Parteien. Sie haben sich für das Richtige entschieden!«
Aber leider ist das nicht ganz so. Ein Mensch, der sich für Tiere und die Natur einsetzt, auch der Direktor eines zoologischen Gartens, muß sich mit Menschen auseinandersetzen, um seine Ziele zu erreichen. Für einen Zoodirektor gibt es hundertsiebzig Mitarbeiter, drei Millionen Menschen, die seinen Garten in jedem Jahr aufsuchen, Stadtverordnete, Bauleute, Stadträte und Bürgermeister, Berufskollegen, Tierhändler – er muß sich geradezu zwingen, jeden Tag wenigstens eine gewisse Zeit für die Tiere selbst zu erübrigen. Natur-schützer haben mit Ministern in Afrika, Amerika, der Bundesrepublik zu tun, sich mit Zeitungsleuten, Politikern, Geldgebern, Buchverlegern, Fernsehmenschen herumzuschlagen, wenn sie etwas für die Natur und die Tierwelt erreichen wollen. Das ist der weniger schöne Teil ihres Lebens. Er steht nicht in meinen Tierbüchern.
Dieses Buch handelt vom Umgang mit Zweibeinern, der manchmal sehr schön, oft aber auch aufregend und niederdrückend war. Tiere sind nur dort erwähnt, wo es notwendig ist, um den Zusammenhang zu wahren. Sie werden hoffentlich nicht den Eindruck gewinnen, ich sei ein Menschenverächter, etwa nach dem Satz, »seitdem ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere«, den ich immer mißbilligt habe. Im Gegenteil, ich habe mich immer für die Säugetierart Mensch begeistern können, natürlich besonders für den weiblichen Teil davon. Aber das ist der Teil der Erlebnisse, den man nicht in Lebenserinnerungen bekanntmacht. Schreibt man so etwas nieder, dann wird einem bewußt, was für Zeitläufe man durchlebt hat, wie viele Freunde gestorben sind und wie alt man eigentlich schon ist. Doch das ist keineswegs niederdrückend, wie viele junge Leute heute anzunehmen scheinen. Ganz im Gegenteil.
Wenn ich in den vergangenen Jahrzehnten mit gleichaltrigen Menschen an einer Tafelrunde saß, habe ich mir manchmal den Spaß gemacht zu fragen: »Wer von Ihnen hat eigentlich schon einmal im Gefängnis gesessen – Hand aufs Herz!« Fast immer waren es etwa die Hälfte oder sogar zwei Drittel der Anwesenden – als Nazigegner unter Hitler oder als Hitleranhänger nach 1945, andere waren zwar nicht im Gefängnis gewesen, hatten aber im Ersten oder im Zweiten Weltkrieg oft mehrere Jahre im Kriegsgefangenenlager verbracht. Ich aber konnte dann immer einen Trumpf ausspielen: »Das war ja nur alles politisch – ich habe kriminell gesessen!«
Geboren wurde ich im Jahre 1909 in der Stadt Neisse an der Glatzer Neiße – einem der drei Flüsse dieses Namens, die ihr Wasser nach dem Oderstrom hinführen. Ich war das jüngste von sechs Kindern des Rechtsanwaltes und Notars Paulfranz Grzimek, der später den Titel Justizrat erhielt, wie das damals in Preußen üblich war. Da mein Vater schon drei Jahre nach meiner Geburt an einem schweren Herzleiden starb, kann ich mich nicht an ihn erinnern. Aus der Schwesterwitzer Dorfschule kommend, hatte er auf dem Oppelner Gymnasium eine Klasse übersprungen und dann in Breslau, Marburg und Berlin studiert. Er war ein gläubiger Katholik und Zentrumsanhänger; wegen seines Herzleidens mußte er es ablehnen, sich für ein Reichstagsmandat aufstellen zu lassen. Er machte gern Auslandsreisen und frönte seiner Bücherliebhaberei, indem er sich eine große Bibliothek zulegte. Später habe ich als Pennäler noch bewundernd entdeckt, daß in einer Gesamtausgabe der »Summa theologica« des Thomas von Aquin überall schriftliche lateinische Randbemerkungen von ihm standen. Wegen seiner Kenntnisse soll er als Gesprächspartner von Geistlichen immer etwas gefürchtet gewesen sein. Vorausschauend beanstandete er die damalige deutsche Polenpolitik.
Seine erste Frau Maria starb schon nach neunjähriger Ehe an Tuberkulose – eine Krankheit, die in jener Zeit sehr häufig und damals kaum heilbar war. Ihre Tochter Barbara, meine Halbschwester, war zwanzig Jahre älter als ich. Mein Vater soll immer Wert darauf gelegt haben, daß wir keine Stiefgeschwister, sondern Halbgeschwister waren, denn diese sind blutsverwandt. Meine Mutter Margot, die Tochter des Amtsgerichtsrates Bernhard Wanke in Ratibor, gebar ihm dann von 1903 bis 1909 fünf Kinder. Wie alle Jüngsten mußte ich immer die Kleider und Schuhe tragen, aus denen die Älteren herausgewachsen waren, und mußte mich den Älteren fügen. Andererseits haben die Erzieher ihre Mühen und Künste meistens schon an den Älteren erschöpft, und so bleibt man als Kleinster ziemlich unbehelligt. Ich weiß nicht, wer für die lange Reihe von Vornamen verantwortlich ist, mit denen man mich belastet hat: Bernhard, Klemens Maria Hoffbauer, Pius. Jedes von uns Kindern erhielt als einen der Vornamen den des regierenden Papstes, bei mir war es Pius X. Den Familiennamen des heiliggesprochenen Wiener Redemptoristen Klemens Maria Hoffbauer hat man mir im Standesamt ebenfalls als Vornamen eingetragen. Aber das alte lateinische Sprichwort Nomen est omen, der Name ist Vorbedeutung, hat sich bei mir nicht erfüllt: Ich bin weder ein Heiliger noch fromm geworden.
An meine ersten Kinderjähre erinnern sich meine älteren Geschwister besser als ich selbst. Geschwister sind meistens nicht so sehr liebenswürdig. Meine Schwester Fränze schreibt über mich: »Bernhard hat als Kind viele unfreiwillige Witze geliefert. Er war als Kleinkind sehr behäbig, hatte einen ziemlich großen Kopf und sprach sehr langsam und überlegt, so daß wir Geschwister ihn gerne ›Bruder Langsam‹ nannten. Selbst wenn wir uns über ihn lustig machten: ›Komm' ich nicht heute, so komm' ich eben morgen‹, störte ihn das nicht. Manchmal wurde er dazu von den anderen auf den Tisch gestellt! Auch wenn wir ihn wegen seines Kopfes Kürbis nannten, geriet er keineswegs aus der Fassung.
Der praktische Arzt Sanitätsrat Dr. Ernst Gehlig war der Hausarzt der Familie. Er erschien in diesen guten alten Zeiten bei der geringsten Erkrankung, von der sehr ängstlichen Mutter telefonisch herbeigerufen. Er saß dann – heute kaum noch vorstellbar! – manchmal bis zu einer Stunde am Bett des jeweils Erkrankten. Dr. Gehlig sprach ein breites, sonst in gebildeten Kreisen verpöntes Schlesisch im gleichen langsamen Tonfall wie Bernhard auch. So fragte er den Kleinen mal: ›Bernhardel, was fehlt dir denn eigentlich?‹ Darauf die Antwort: ›Ich weiß nicht, Onkel Doktor, aber ich denke, Typhus wird es nicht sein, denn ich bin in nichts getreten« (Tief-Fuß).«
Im obersten Stockwerk des längst zerstörten Hauses Bahnhofstraße 9 – wir wohnten dort von 1913 bis 1915 – lebte eine Dame, mit der sich meine Mutter anfreundete: Es war Elfriede von Winckler, eine ehemalige Erzieherin und Hausdame aus verarmtem schlesischem Adel. Sie wurde von uns Grzimek-Kindern »Tante« genannt. Diese Tante Friedel besaß in einem großen Vogelbauer einen schönen, ausgestopften Papagei, der mein ganzes Entzücken bildete. Tante Friedel versprach ihn mir als Erbstück. Als meine Mutter einmal abwesend war, betete diese Tante mit mir am Bett das Abendgebet. Sie war sehr gerührt, daß ich zum Schluß noch ein besonderes Vaterunser für sie selbst anfügte. Auf ihre Frage, warum ich denn so besonders an sie denke, kam dann die bedächtige Antwort: »Damit du bald sterbst und ich den Papagei bekomme ...«
Tante Friedel war im Ersten Weltkrieg als Rote-Kreuz-Schwester eine Treppe herabgestürzt und schwer gehbehindert. Sie fürchtete sich wohl deshalb 1945 sehr vor der Flucht aus der Heimat, machte einen Selbstmordversuch, wurde aber gerettet. Sie mußte dann in einem Altersheim in Amberg, Oberpfalz, mit mehreren sehr einfachen Frauen zusammen in einem Zimmer hausen und ist todunglücklich erst mit über achtzig Jahren dort gestorben.
Die Lust zum Bücherschreiben habe ich wohl von der Großmutter Wanke geerbt – das Wort Oma war bei uns verpönt, und »Mama« mußte, wenn überhaupt, dann mit der Betonung auf der zweiten Silbe, also französisch, ausgesprochen werden. Sie hat für jedes ihrer zehn Enkelkinder je ein Märchen geschrieben, dessen Hauptgestalt nach dem betreffenden Kind benannt war. Diese Geschichten wurden in Familienzeitschriften gedruckt. Als ich an Scharlach erkrankte und daher innerhalb der großen Wohnung allein liegen mußte, kam die Großmutter aus Ratibor und las mir Märchen vor. Ich sehe sie noch vor mir in einem hohen Polsterlehnsessel neben dem Bett sitzen. Als ich einmal von ihr den Begriff »Geist« erklärt haben wollte, machte ihr das einige Schwierigkeiten. Schließlich drückte sie es so aus: »Ein Geist ist ein Wesen, das keinen Leib besitzt.« Darauf ich: »Ach, da fangen beim lieben Gott die Beine gleich am Hals an?«
Mir tun die heutigen Kinder leid, die mit ihren Eltern in den Ferien vier Wochen lang an der Adria oder in Südspanien Sandburgen bauen und im Meereswasser planschen müssen. In meiner Jugend hatten fast alle Familien Verwandte auf dem Lande, zu denen man in den Ferien fuhr. Dort konnte man Kühe melken, bei der Ernte helfen, bei Regen in der Scheune spielen, Kartoffeln auf dem Felde braten, mit Pferden kutschieren und reiten, Heu wenden, Eier sammeln, jeden Tag was anderes. Mein Vater Paulfranz Grzimek war seit Jahrhunderten, ja vermutlich Jahrtausenden der erste von unserer väterlichen Familie, der in der Stadt lebte, in der Kleinstadt Neisse, die etwa 30 000 Einwohner hatte. Schlesien war lange Zeit von den polnischen Piasten-Fürsten regiert worden, die viele deutsche Siedler in ihr Land geholt hatten. Das Neisser Land war ein Fürstentum, das den Breslauer Bischöfen gehörte. Viele dieser Fürstbischöfe sind in der Neisser Pfarrkirche begraben, die eigentlich eine gewaltige gotische Kathedrale, ein Dom ist. Nachdem Schlesien 1526 an die Habsburger kam, erlebte es bald eine kulturelle Hochblüte. Die Stadt Neisse hatte so viele schöne Kirchen und Klöster, daß sie bald den Beinamen »das schlesische Rom« trug. Der »Ring«, wie man in Schlesien und in Polen die Marktplätze der Städte nennt, war tief mit Kellern unterhöhlt. Neisse war nämlich auch ein Umschlagplatz für Wein und andere Handelsgüter, die aus Böhmen und dem übrigen Reich nach Polen und Rußland gingen. In dem berühmten Jesuiten-Kollegium »Carolinum« wurden der Afrikaforscher Emin Pascha (Eduard Schnitzer), der gefeierte amerikanische General Friedrich Wilhelm von Steuben erzogen, aber auch schon die polnischen Könige Michael Korybut Wiśniowiecki (1669–1673) und Johann Sobieski (1674–1696); dieser befreite 1683 die belagerte Stadt Wien in der Schlacht am Kahlenberg von den Türken.
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