Mein Leben – ein Leben?! (1). So war ich - Siegfried Massat - E-Book

Mein Leben – ein Leben?! (1). So war ich E-Book

Siegfried Massat

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Beschreibung

Eines späten Nachmittags war es stickig heiß. Die Sonne verbarg sich hinter Gewitterwolken, aber es wollte nicht regnen. Bleiern und feucht hing die Hitze über dem Heimkomplex und den daran anschließenden Wäldern. Die Kleidung klebte an unseren Körpern. Mir war es egal, denn im Augenblick war ich glücklich. Ich konnte mit Doris zusammen sein. Wir lagen zusammen am Aubach, schauten uns an und streichelten uns gegenseitig. Wir waren beide vierzehn Jahre alt und liebten uns. Und dann kam es, das Gewitter. Aber es regnete nicht. Das Gewitter, das über uns hereinbrach, kam in der Gestalt des Pfarrers Drangsal und es hagelte nur so auf uns nieder. Seine Schläge prasselten auf mich herab. Er schlug mit einer fingerdicken biegsamen Rute auf mich ein, und als ich aufsprang, schleuderte mich ein Faustschlag zu Boden, als ob mich Thors Hammer getroffen hätte. Aber es war nicht der Abgesandte Wotans, sondern der Abgesandte Gottes, der seinen Stellvertreter Pfarrer Drangsal als Wächter der moralischen Ordnung zu uns gesandt hatte. Dieser Wächter von Sitte und Anstand schlug nun mit der Rute auch auf Doris ein. Ich sprang auf, wollte sie schützen, wollte ihr helfen. Was hatten wir getan? Wir hatten uns lieb, hatten uns nur angesehen, uns gestreichelt. Ich stellte mich vor sie, aber ein erneuter Faustschlag ließ mich besinnungslos zu Boden gehen. Ich war zu schwach, ein solches Gewitter konnte ich nicht aufhalten, es war ja ein von Gott gesandtes Gewitter. In diesem Moment verstand ich Gott nicht mehr.

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Seitenzahl: 258

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Siegfried Massat

Mein Leben – ein Leben?!

So war ich

Engelsdorfer Verlag

2012

Bibliografische Information durch

die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Alle Namen mussten verfälscht werden.

Gefördert durch den Fonds

„Heimerziehung in der Bundesrepublik Deutschland

in den Jahren 1949 bis 1975“

ISBN 978-3-86268-986-6

Copyright (2012) Engelsdorfer Verlag

Coverfoto © deviantART - Fotolia.com

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Vorwort
Prolog
Die frühe Kindheit
Der erste Heimaufenthalt
Das Leben im Heim
Der kleine Ausreißer
Und noch eine Flucht
Gesellschaftliche Betrachtungen – Ein Exkurs
Auf der Suche nach Erfolg, Anerkennung und Macht
Die letzten Wochen im Heim
Ein Terrazzoleger, der kein Terrazzo legt
Der dritte Heimaufenthalt
Zum ersten Mal im Gefängnis
Im Jugendstrafvollzug
Die nächsten Monate im Jugendstrafvollzug
Gefangenentransporte
Die letzte Einflussnahme des Jugendamtes
Draußen …
Der Zug ist abgefahren
Dank
Der Autor

Vorwort

Die ersten Berichte über sexuelle Gewalt in den Heimen der Fünfzigerjahre waren ein entscheidender Schritt. Die Folge war: Immer mehr Betroffene – insbesondere Jungen, die heute alte Männer sind – überwanden ihre Scham und gingen an die Öffentlichkeit. Sie trugen maßgeblich dazu bei, dass die heutige Sensibilisierung in Bezug auf sexuelle Gewalt gegenüber Kindern überhaupt möglich wurde.

Diese Befreiung von der damaligen sexuellen, psychischen und physischen Gewalt kann ich für mich nur durch das Schreiben meines Buches erreichen. Mit diesem Zeitzeugnis bin ich in der Lage, die Dämonen meiner Vergangenheit für immer aus meinen Gehirnwindungen zu verbannen.

Braucht die Bevölkerung ein Buch von einem

letztendlich doch ziemlich unbedeutenden Rechtsbrecher?

In den Augen der Justiz war ich ein Verbrecher. In den Medien nannte man mich den Meistereinbrecher, der im Laufe seines Lebens Millionen erbeutet hat! Da stellen Sie sich doch sicher die Frage:

Wo sind die Millionen?

Und ich sage Ihnen:

Es ist nichts mehr da, nichts ist übrig geblieben.

Ich möchte behaupten, die Bevölkerung braucht dieses Buch nicht, Oder besser: Sie weiß noch nicht, dass sie es braucht – zumindest einem Teil der Bevölkerung könnte es nützlich sein.

Das Wichtigste aber ist: Ich brauche dieses Buch!

Dies ist ein sehr bedeutender Akt eines Lebens, meines Lebens, und damit taucht die Frage auf:

Mein Leben – ein Leben?!

Ich weiß, dass ich mit diesem – meinem – Buch vielen Menschen helfen kann, vor allem jungen Leuten, die gerade anfangen, die kriminelle Karriereleiter zu erklimmen. Dieses Buch kann von Pädagogen mit Jugendlichen zusammen gelesen werden – als Basis für anschließende Diskussionen. Es kann in Wohngruppen gelesen werden, in Schulen, im Jugendgefängnis, in Fürsorgeheimen. Streetworker können es lesen, Sozialarbeiter des Jugendamts – obwohl ich da meine Zweifel habe, die wissen doch immer schon alles und haben für jedes Problem eine Lösung.

Wenn dieses Buch einen Burschen, der sich am Rande des Abgrunds bewegt, vor einer kriminellen Karriere und dem Gefängnis bewahren kann, dann hat es sich schon bezahlt gemacht – in jeder Beziehung. Nämlich zum einen für den jungen Menschen selbst und für seine Zukunft. Und zum anderen für die Gesellschaft, für unsere Gemeinschaft, und damit denke ich nicht nur die Kosten, die ein Mensch verursacht, der sich mit Unterbrechungen fast dreißig Jahre im Gefängnis aufhält, nein, ich meine vor allen Dingen das Leid, das ein Rechtsbrecher seinen Mitmenschen zufügt, egal was er macht, auch wenn er „nur“ ein Einbrecher ist, von anderen Straftaten ganz zu schweigen. Dies soll und muss die Botschaft meines Buches sein, auch wenn es sich manchmal nicht so liest.

Es war für mich nichts Abenteuerliches dabei, ein Auto zu stehlen, bei einem Juwelier einen Blitzeinbruch zu machen, diesem für etliche Hunderttausend Euro Schmuck zu stehlen, mich eine ganze Nacht verborgen zu halten, um am nächsten Tage mit der Beute zu einem Hehler zu fahren. Die Schilderung eines solchen Einbruchs mag sich durchaus spannend lesen, aber es gab beileibe keinen Grund, mich dafür zu rühmen. Viel schwerer ist es heute, in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation auf legalem Wege klarzukommen, aber immer, wenn mir das wieder ein Stück weit gelingt, kann ich stolz darauf sein.

Mit Diebstählen holte ich mir meine „Streicheleinheiten“ und bemerkte viel zu spät, wie hohl diese waren, wie nichtig. Das Verständnis für Ehre, Loyalität, Redlichkeit und Verantwortung wurde bei mir in eine völlig falsche Richtung gelenkt, und dafür mache ich bis zum heutigen Tage das Jugendamt und hier insbesondere die Fürsorgerin Frau Nurmann verantwortlich. Sie sorgte mit meiner leichtfertigen Einweisung ins Fürsorgeheim – mit welcher Begründung auch immer – dafür, dass ich auf diesen falschen Weg geriet.

An späterer Stelle komme ich noch einmal auf das nun folgende Zitat aus der Dissertation von Frau Dr. Annette Lützke zu sprechen:

„... konstruierten die Jugendbehörden durch stereotype Zuschreibungen in den Akten ein bestimmtes Bild ‚verwahrloster‘ Mädchen und Jungen ...“

Zum wiederholten Male keine Entschuldigung, nur eine Feststellung.

Ich weiß nicht, ob Literatur – in Unfreiheit geschrieben – den Anspruch erheben darf, „Literatur“ genannt zu werden, aber egal ob gefangen oder frei, ob dramatischer Monolog oder Erzählform, wie in diesem vorliegenden Buch; es ist eine Aussage, die nicht in einem politikfreien Raum geschrieben wurde. Gerade deswegen ist es auch eine politische Aussage, weil sie Auskunft über einen Teil des Staates gibt. Nicht um abzurechnen, sondern um Fakten aneinanderzureihen, um Einblick zu gewähren in eine Subkultur, die erschreckend ist, die aber auch ein Spiegelbild unserer Gesellschaft darstellt. In dieser subkulturellen Welt ist alles beengter, alles spielt sich in einem komprimierten Kosmos ab, zu dem Außenstehende keinen Zugang haben.

Die Menschen, die in meinem Buch sprechen, die ich also sprechen lasse, sind nicht viele. Doch sie sind smart, kühl und hadern nicht grundsätzlich mit ihrer Welt. Meistens sind sie sogar klug genug, ihre alltägliche Selbsttäuschung nicht bis ins letzte Detail durchschauen zu wollen.

Bei meiner Niederschrift halte ich mich weitestgehend an die Realität und berichte über tatsächliche Geschehnisse. Meine Erinnerung ist allerdings subjektiv und mancher mir zugefügte Schmerz, manche Erniedrigung wird von dem geneigten Leser möglicherweise nicht als solche oder als nicht so schlimm empfunden werden.

Ich muss auch sagen, dass meine Erinnerungen kontaminiert sind, sie sind wirklich und wahrhaftig verseucht, denn schmerzlich ist Hoffnung, die immer wieder enttäuscht wird. Und meine Hoffnung wurde immer und immer wieder enttäuscht!

Hätte mir die Kirche Glaube oder Hoffnung geben können, meine Peiniger eines fernen Tages wiederzusehen, so hätten diese Momente, die den Zugang zu meiner tiefsten und primitivsten Seelenschicht boten, dazu geführt, meinen Seelenfrieden zu erlangen. Aber auch diese Hoffnung wurde durch meine Peiniger, die ja die Kirche und den Glauben an Gott verkörperten beziehungsweise verkörpern sollten, zerstört und enttäuscht.

Ich werde bestimmt einiges vergessen und manches Geschehen als besonders dramatisch dargestellt haben, aber es ist, wie es geschrieben steht, meine subjektive Erinnerung, und ob ich dabei völlig objektiv geblieben bin, möchte ich nicht versprechen. Auf jeden Fall kann ich sagen, dass Übertreibungen keineswegs beabsichtigt sind.

Einiges an Zeitabläufen wird sicherlich durcheinandergeraten sein und manches Geschehnis konnte ich nicht mit der richtigen Zeit in Zusammenhang bringen, weil die Zeitbezüge im Laufe der Jahre verschwommen sind. Die Reihenfolge der Ereignisse könnte somit nicht ganz stimmen. Mir war es auch nicht möglich, alle Details zu belegen oder die nötigen Beweise zu erbringen.

Allerdings sind sämtliche genannten Heimaufenthalte, Gerichtsverhandlungen und Gefängnisaufenthalte tatsächlich geschehen und somit belegbar. Aufgrund meiner vorliegenden Schilderungen wird das Fehlverhalten deutscher Ämter und Gerichte aufgezeigt, denn hierdurch will ich die zum Teil unhaltbaren Zustände anprangern und wäre dankbar, wenn ich damit vielleicht sogar die eine oder andere Änderung erreichen könnte.

Mein Buch soll aber auch unterhalten, soll meine unterschiedlichen Erfahrungen wiedergeben, verschiedene Perspektiven aufzeigen, um Verbesserungen im zwischenmenschlichen Zusammenleben und Verstehen zu ermöglichen. Ganz besonders gilt es, das Verständnis für Menschen hinter Gittern oder Heimmauern zu fördern.

Ich kämpfe für meine Rechte, das heißt für Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit. Leider habe ich bis zum heutigen Tag feststellen müssen, dass vor dem Gesetz noch lange nicht alle gleich sind, und dies muss geändert werden.

Irgendwann, eines fernen Tages, hoffe ich, dass jeder Bürger dieselben Rechte erhält und vor dem Gesetz wirklich alle gleich sein werden.

Dass ich dies jetzt schreibe, zeigt wieder einmal auf, was für ein träumerischer Optimist ich doch bin. Entgegen jeglicher Vernunft schreibe ich diese Zeilen nieder, obwohl mir schon mehr als einmal aufgezeigt wurde, wie Gesetze nach Gutdünken gebogen und gerichtet wurden.

Trotzdem hoffe ich, dass mein Buch einige wenige – oder auch mehr – dazu bringen wird, ihr Verhältnis zu den Außenseitern der Gesellschaft zu überdenken und zu ändern. Gemeint sind alle diejenigen, die unmittelbar oder mittelbar mit den Rechtsbrechern in Verbindung stehen. Damit meine ich nicht nur Polizisten, Staatsanwälte, Richter und Rechtsanwälte, sondern insbesondere auch das Jugendamt, Sozialarbeiter, Fürsorger, Pfarrer, Priester oder Pastoren. Und vor allen Dingen die Justizvollzugsbediensteten sowie die Erzieher in den Fürsorgeheimen – heute nennen sie sich wohl anders.

Weiterhin hoffe ich darauf, dass einige wenige – oder auch mehr – Jugendliche, die am Rand der Klippe stehen, durch mein Buch davor bewahrt werden, diese hinabzustürzen.

Dies ist mein Wunsch, aber mein dringlichster Wunsch ist:

Möge niemand meinen Weg gehen!

Siegfried G. Massat, im Juli 2012

Das Schreiben verursacht kein Leid, es wird aus Leid geboren ...

(Michel de Montaigne)

Prolog

Also das war es dann wohl, dies war das Ende, absolut nada, fini, out, aus, es war Ende, aus und endgültig vorbei mit dem freien Leben. Was war ich nur für ein verkokster, verhurter, total verseuchter, Menschen zerstörender Loser. Ich weiß nicht, ob mir diese Gedanken zu diesem Zeitpunkt, in diesem Moment durch den Kopf gingen – zu einem späteren Zeitpunkt auf jeden Fall –, aber mich so ähnlich fühlend, stand ich wie vom Blitz getroffen, auf die unwirkliche Szene starrend, die sich mir bot. Meine Frau stand vor mir, meine geliebte Brigitte, deren Liebe ich mit Füßen getreten hatte. Sie stand auf diesem kleinen Feldweg. Die Zweige wiegten sich über ihrem wirren, zerzausten blonden Haar, ihre ansonsten immer so gepflegten Haare standen vom Kopf ab, ihre Augen waren weit aufgerissen, Blutspritzer in dem Gelb ihrer Haare, Blutspritzer auf dem Mantel. Ich sah, es war mein langer blauer Kamelhaarmantel, den sie trug, er war ihr viel zu groß, und zu lang war er auch. Es war ein unwirkliches Bild, das sich mir bot.

Was war das hier?

Wurde hier ein schlechter Horrorfilm gedreht?

Meine Frau stand auf diesem kleinen Waldweg, es war dunkel, stockdunkel, aber ich hatte eine Lampe bei mir – ich hatte immer eine Lampe bei mir – und das Bild, das sich mir im Schein meiner kleinen Lampe bot, war grauenvoll. Dieses Beil, dieses Zimmermannsbeil – ich kannte es. Ich hatte es vor etlichen Jahren gekauft, um es bei einem Bruch einzusetzen. Allerdings hatte ich das Beil nie gebraucht und seit dieser Zeit lag es ungenutzt im Keller. Es lag auch sonst allerhand ungenutztes Zeug bei mir im Keller. So wie jetzt kannte ich mein Beil allerdings nicht, und ungenutzt war es auch nicht mehr. Es war voller Blut. Und mein Mantel voller Blut! Und Brigitte!?

Tja, Brigitte ... So hatte ich meine Brigitte noch nie gesehen, wie denn auch? Ich war seit dreißig Jahren mit ihr verheiratet, aber so kannte ich sie nicht. Brigitte stand regungslos und mit leerem Gesichtsausdruck auf diesem Weg und ich hatte das Gefühl, sie sah mich überhaupt nicht. Sie schaute nur stur geradeaus.

Aber wohin schaute sie?

Was sah sie?

Sah sie überhaupt etwas?

Ich ging weiter auf sie zu ... und dann sah ich das Blut. Dann die Beine, schließlich die Füße. Diese Beine ... diese Füße ... diese Schuhe. Ich kannte die Schuhe! Auch die Füße und die Beine kannte ich. Das alles gehörte zu der Frau, mit der ich seit zwei Jahren ein Verhältnis hatte.

Ich trat noch näher und nahm meiner Brigitte, meiner absolut geistig leeren Brigitte, das Beil aus der Hand und beugte mich zu der Person herunter, die dort auf dem Boden lag. Ihre Beine lagen auf dem Waldweg, der Körper halb unter dem Baum, dessen Zweige noch immer Brigittes Haar streichelten.

Meine Geliebte war tot. Fragen Sie bitte nicht, woher ich das wusste. Ich habe ihr nicht meine Finger an die Halsschlagader gelegt und geprüft, ob ihr Puls noch schlug. Ich sah einfach, dass sie tot war.

Ihr Gesicht war nicht verletzt, vom ersten Augenblick an sah ich immer ihr für meine Wahrnehmung unverletztes Gesicht. Später hielt mir die Polizei vor, dass ich hätte sehen müssen, wie stark ihr Gesicht tatsächlich verletzt gewesen war.

Langsam richtete ich mich wieder auf. Ich bin überzeugt davon, dass in diesem Moment mein Blick genau so leer ausgesehen haben muss wie der von meiner Brigitte.

Dieses Szenario werde ich nie vergessen!

Wer hatte diese Szene gemalt?

War es Hieronymus Bosch?

War es Breughel?

Welcher Fantasie war diese Szene entsprungen?

Wer hatte eine so grauenvolle Fantasie?

Dieser Horrorfilm musste gleich vorbei sein, anders war es nicht möglich.

Es war doch nur ein Film?!

Nein, das war kein Horrorfilm, es war grauenvolle Realität.

„Brigitte, was hast du gemacht? Brigitte, was hast du getan?“

„Sie hat mich beleidigt, schon wieder hat sie mich beleidigt. Ich wollte sie doch nur erschrecken ... nur erschrecken. Sie sollte dich in Ruhe lassen, sie sollte dich doch nur in Ruhe lassen ... uns in Ruhe lassen. Ich wollte nur meine Ruhe wiederhaben ... unsere Ruhe, und dass wir beide wieder so werden, wie wir immer zueinander waren. Warum musste sie mich immer beleidigen? Ich wollte mit ihr reden ... nur reden, um unseren Frieden wiederzuerlangen.“

Diesen Moment der totalen Hilflosigkeit, der absoluten Trauer – falls es so etwas überhaupt gibt – werde ich nicht vergessen, solange ich lebe.

Meine Frau war leer wie ein Wassereimer, den man gerade ausgeschüttet hatte. Sie war innerlich total leer und zerbrochen und zu nichts mehr fähig – zu gar nichts mehr.

Und was war mit mir? Ich war auch leer, war ebenso unfähig, einen klaren oder logischen Gedanken zu fassen. Dachte ich überhaupt etwas?

Plötzlich sagte ich: „Komm, Brigitte, wir müssen die Leiche wegschaffen, wir müssen die Sachen wegschmeißen.“ Ich war im Begriff, wieder einmal eine Sache an mich zu reißen, für die ich zwar ursächlich verantwortlich war, die ich aber nicht begangen hatte.

Es war der 28. Mai 2002 und die Verlierer rafften sich auf, um zu retten, was zu retten war. Doch es gab nichts mehr zu retten. Wir alle hatten verloren: meine Geliebte, die tot zu unseren Füßen lag, und wir beide, meine Ehefrau und ich. Ich hätte brüllen mögen vor Schmerz.

Der Sozialwissenschaftler und Publizist Jan Philipp Reemtsma hat in seinem wunderbaren Buch über den Stil des Boxers Muhammad Ali erklärt, was den Verlierer aus seiner Sicht ausmacht:

„Man wächst nicht an Niederlagen.

Man geht an Niederlagen zugrunde,

und wo man nicht zugrunde geht, wird man deformiert.“

Es ist ein bemerkenswerter Text über das Verlieren, so klar und brutal wie der Tod.

Reemtsma schreibt weiter:

„Niederlagen sind unerträglich.

Wer mit seinem Geschäft bankrott macht,

wessen Fuß an der Latte hängen bleibt,

wer auf der Bühne ausgepfiffen wird,

wer aus dem Ring geprügelt wird,

wem die Frau ausgespannt wird

– die alle möchten brüllen vor Schmerz.“

Ich füge hinzu: Wer erkennt, was für ein Leben er geführt, wie viel Leid er über Menschen gebracht hat, die er liebt, und über solche, die er noch nicht einmal kennt, wer sich endlich fragt: Was für ein Leben, was für eine Person bin ich, die solch ein Leben geführt hat, der möchte nicht nur brüllen vor Schmerz, er möchte sich kasteien, sich eingraben, sein Leben und sich selbst verfluchen, so groß ist sein Schmerz als Verlierer seines bisherigen Lebens.

Stark deformiert versuche ich nun zu retten, was zu retten ist, und zwar mit der Aufarbeitung meines Lebens.

Die frühe Kindheit

Als Kind in den Wirren des Krieges zur Welt zu kommen, war schon schlimm genug, aber als Kleinkind im Flüchtlingstreck von Ostpreußen nach Nordrhein-Westfalen unterwegs zu sein, war eine einzige lang andauernde Katastrophe.

Unsere heutige Gesellschaft bewegt sich mit großen Schritten voran. Wohin geht der Trend?

Meine längst vergangene Kindheit war von Not und Elend geprägt. Mit einigen Unterbrechungen ging es mein ganzes Leben lang so weiter: Ich stolperte immer wieder von der Not ins Elend. Selbst in der Zeit, als es mir finanziell ganz gut ging und ich keine Not verspürte, rutschte ich mit beängstigender Geschwindigkeit zielsicher in ein neues Elend. Ich verdrängte die dadurch aufkommende seelische Not mit der immer größer werdenden Sucht nach Geld. Mein Motto lautete:

Nur Bares ist Wahres.

Gönn dir was im Leben, auch wenn du in Not bist,

denn was nützt dir das Leben, wenn du erst tot bist.

Diese kurze Reminiszenz sei mir gestattet.

Der Flüchtlingstreck, von dem ich berichten werde, und alle traurigen Erlebnisse sind keine erlebten Erinnerungen, sondern Erzählungen meiner Mutter und meiner älteren Geschwister.

Meine Mutter erzählte mir die folgende Geschichte:

1944 landeten wir auf unserer Flucht aus Ostpreußen auf einem Bahnhof in der Tschechei. Wir, das waren meine Mutter, meine fünf älteren Geschwister und ich. Ich war ein kleines Würmchen, mehr tot als lebendig. Jeder verfügbare Tropfen Milch wurde für mich aufgehoben und mir verabreicht, obwohl meine Schwester, die zu der Zeit sechs oder sieben Jahre alt war, auch gern Milch gehabt hätte. Meine anderen Geschwister waren im Zweijahresrhythmus älter als ich. Wie schon erwähnt, war ich kränklich, ich hatte Fieber, Durchfall und dergleichen mehr.

Eines Tages wurde meine Mutter von einem Zahnarzt angesprochen. Dieser fragte sie, ob sie mich nicht abgeben wolle, seine Frau und er hätten keine Kinder, wünschten sich aber eines. Weil meine Mutter schon so viele Kinder hatte, war sein Vorschlag, er und seine Frau könnten mich in den letzten Wirren des Krieges als ihren Sohn ausgeben und meine Mutter würde angeben, ich sei aufgrund einer Krankheit verstorben.

Meine Mutter erzählte mir später häufiger von diesem Vorfall, vor allen Dingen nach meinem ersten Gefängnisaufenthalt, und dabei fragte ich sie und mich immer wieder: „Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn ich bei diesem Zahnarzt aufgewachsen wäre?“

Meine Mutter antwortete dann: „Ich habe dich nicht weggegeben und bin froh darüber, aber vielleicht hättest du es bei diesem Zahnarzt besser gehabt.“

Meine Meinung dazu war: „Ach Mutti, ich bin froh, dass ich bei dir und meinen Geschwistern aufgewachsen bin!“ Damit konnte ich sie wieder beruhigen. Sicher hat sie sich oft gefragt, ob sie mir nicht eine Chance verbaut hat. Ich muss gestehen, dass ich mich das auch gefragt habe: Was wäre aus mir geworden, wenn ...? Und was wäre gewesen, wenn es kein Zahnarzt, sondern ein sadistischer Landwirt oder was für ein Vogel auch immer gewesen wäre?

Nein, es ist schon alles richtig, wahrscheinlich so, wie es sein sollte.

Unsere Flucht zog sich über Jahre hin, bis wir endlich im Jahre 1947 bei einem Bauern in Süchteln-Dornbusch eine neue Heimat fanden. Hier wohnte auch eine Schwester meiner Mutter und hier nahmen meine ersten Kinderjahre, ich meine die bewusst erlebten Kinderjahre, ihren Start. Bei diesem Bauern blieben wir bis 1950.

Meine Mutter und wir sechs Kinder hatten zwei Zimmer zur Verfügung. Eine Küche, die gleichzeitig Ess- und Wohnraum war, sowie ein Schlafzimmer. 1949 kam mein Vater aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. Meine Mutter war erschrocken, denn mein Vater, den sie als kräftigen, sich seiner Kraft bewussten Mann kennengelernt hatte, war nun ein körperliches Wrack. Physisch erholte er sich innerhalb von drei Monaten, und auch psychisch war und blieb er stark. Es galten Regeln und Prinzipien, und diese hielt er, solange er lebte, strikt ein.

Es war mein Vater, der mir die Tracht Prügel meines Lebens verabreichte – mit circa sechseinhalb Jahren, weil ich mir trotz Verbotes einen Lutscher gekauft hatte. Zu dieser Geschichte lesen Sie an anderer Stelle mehr.

Im Jahr 1950 bekamen meine Eltern noch ein weiteres Kind, einen Jungen. Mein Bruder starb später viel zu früh im Alter von sechsundvierzig Jahren. Mein Vater sah seinen Letztgeborenen nicht mehr aufwachsen, denn er starb im Jahr der Geburt seines Kindes.

Die Kinderjahre gehörten ganz mir. Ich stromerte überall auf dem Hof herum, half hier und dort, bei den Bauern war ich wohlgelitten und meine Mutter war nur ein Teil meines Lebens. Dies änderte sich, als mein Vater wieder bei uns war, denn da wandte ich mich ihm zu. Nach seinem Tode genoss meine Mutter meine ungeteilte Aufmerksamkeit, was sich mit meiner Einschulung in der evangelischen Schule in Süchteln jedoch änderte. Meine Lehrer bestanden darauf, dass wir Schüler uns voll und ganz unterordneten und unser Leben nach der Schule ausrichteten, aber ich lehnte mich gegen ihre teilweise ungerechtfertigten Entscheidungen auf und brach somit aus dem gewünschten Gefüge aus.

Ich war ein guter Schüler und lernte schnell. Und doch fiel ich aus dem Rahmen. Wir hatten nämlich kein Geld, um irgendetwas zu kaufen. Während es im ersten Schuljahr noch für jedes Schulkind Milchpulver aus den amerikanischen Hilfslieferungen gegeben hatte, konnte ich wenig später weder die dann angebotene Schulmilch noch den Kakao bezahlen. Ich weiß nicht, wie andere Familien es ihren Kindern ermöglichten. Und so musste ich zuschauen, wenn meine Mitschüler ihre Milch bekamen.

Die Schulzeit war eine harte Zeit, unter anderem eine Zeit des Hungers. Wenn ich zur Schule ging – es waren circa drei Kilometer Schulweg –, holte ich mir Wasserrüben vom Feld und aß diese unterwegs auf.

Ich war nicht neidisch auf andere Kinder, aber ich war sehr empfindlich, wenn ich das Gefühl hatte, dass sich einer von ihnen über mich lustig machte, weil ich im Winter kurze Hosen trug oder weil ich die Strümpfe meiner älteren Schwester auftragen musste. Ich ließ mir nichts gefallen, wehrte mich mit Fäusten, obwohl ich der Kleinste und Dünnste war. Auch mit Worten wusste ich mich zu wehren und mit der Zeit bekam ich so meine Ruhe.

Dem Rektor war ich stets ein Dorn im Auge. An seiner Schule galten Prinzipien wie Sauberkeit, Ordnung und Moral, und wenn ein Schüler dagegen verstieß, war er zu bestrafen. Ich geriet häufiger in den Fokus, wenn ich mich auf dem Schulhof prügelte und meine Scherze mit Mädchen trieb. Dann wurde ich auch noch krank und fehlte wegen Kinderlähmung und Hirnhautentzündung ein halbes Jahr in der Schule. Schließlich kam das Jugendamt ...

Das Jugendamt und die evangelische Kirche in Gestalt des Pfarrers Drangsal vereinnahmten mich vollständig, aber auch da brach ich aus, indem ich mich zur Wehr setzte. Und doch prägten diese beiden Institutionen mein Leben. In dieser Kindheit und in meiner späteren Jugend, in der sich mein Charakter und meine Persönlichkeit formten und entwickelten, übten Personen Einfluss und Macht auf mich aus und ich konnte mich all dem nicht entziehen. Diese Personen setzten alles daran, meinen Willen zu brechen und meinen Charakter zu zerstören. Bis heute hat es die staatliche Gewalt jedoch nicht geschafft, mich zu dem werden zu lassen, was sie mit Unterstützung angeblicher Erzieher, Lehrer, Justizbediensteter, Richter und vor allem Jugendämter geplant hatte. Sie alle gaben vor, mich zu einem rechtschaffenen Bürger erziehen zu wollen, aber aus meiner Sicht wollten sie mich zum Kinderschänder machen, zum gewalttätigen Kinderschläger, zum Sadisten oder Mörder, um dann zu sagen: „Seht ihr, was für ein verdorbener Bursche das ist! Wir hatten doch recht mit unserer Einschätzung.“

Nein, sage ich, und nochmals nein! Sie haben nicht recht. All dies bin ich nicht geworden. Sie haben ihr Ziel nicht erreicht und sie werden es nicht erreichen. Sie haben es geschafft, mich zum Rechtsbrecher werden zu lassen, zu einem Einbrecher und Räuber. Das haben sie geschafft und dafür sollen sie verdammt sein. Mögen sie in der Hölle schmoren!

Das Jugendamt nutzte die Ahnungslosigkeit und die Behördengläubigkeit meiner Mutter aus, um mir seelisches Leid und körperliche Qualen zuzufügen. Psychisch und physisch fühle ich mich benutzt und ausgenutzt und dafür kann ich die Verantwortlichen nur verfluchen.

In den Fünfzigerjahren wurde in der Schule und auch sonst überall von der endlich herrschenden Demokratie gesprochen, aber Demokratie zeichnet sich durch Achtung aus und durch das Verständnis, mit dem sich Menschen begegnen. Ich bemerkte nichts von dieser Demokratie. Ich erfuhr Verständnis und Achtung nur innerhalb der Familie und bei Außenseitern der Gesellschaft.

In der Nachbetrachtung wird man sagen:

„Du hättest aus deinem Leben etwas anderes machen können, ja machen müssen.“

Das ist richtig, es war natürlich meine eigene Angelegenheit, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen und mir so gewisse Möglichkeiten zu schaffen. Aber in der damaligen Situation, in der damaligen Zeit, als die Weichen schon so gestellt worden waren, blieb mir keine andere Wahl, als auf dieser abschüssigen Bahn zu bleiben, um unbewusst einen Gegenpol zu der andauernden Erniedrigung zu schaffen. Wie konnte ich zu einem selbstbewussten Menschen heranwachsen, wo mir doch Achtung, Verständnis, Anerkennung und Respekt aufgrund der Behandlung durch das Jugendamt und die Kirche versagt blieben.

Es wurde ständig von Demokratie gesprochen, aber mir wurde immer nur eingeimpft:

„Du bist schuld!“

So war ich selbst schuld, dass ich auf dem Schulhof meine Bettwäsche waschen musste. Ich hätte ja nicht einzunässen brauchen. Es war meine eigene Schuld, dass ich verprügelt wurde. Ich hätte ja im Konfirmationsunterricht nicht ständig zu Doris hinschauen müssen. Ich war selbst schuld, dass man mich am Aubach besinnungslos schlug. Warum hatte ich dort auch unbedingt, sichtbar für Pfarrer Drangsal, mit Doris sitzen müssen. Und dass ich sexuell missbraucht wurde, hatte ich mir ebenfalls selbst zuzuschreiben. Schließlich hätte ich den „Iltissen“ ja nicht aufzufallen brauchen. Wieso war ich überhaupt in ein Heim gekommen? Ich war schuld, dass mir beinahe der Penis abgeschlagen wurde. Meine Güte, man spielte ja auch nicht daran! Und warum musste ich ausgerechnet in dem Moment durch das Fenster schauen, als Pfarrer Drangsal ein Mädchen missbrauchte? Und wäre ich nicht in den Schlafsaal gekommen, hätte ich nicht gesehen, wie Wolfgang vergewaltigt und missbraucht wurde.

Diese Aufzählung könnte ich endlos weiterführen. Immer war ich an allem schuld. Ich konnte jedoch für mich selbst nur eine einzige Schuld feststellen, und diese zu vermeiden lag nicht in meiner Macht. Es war die Schuld, geboren worden zu sein, da zu sein und dem Jugendamt aufzufallen.

Mit dieser, meiner eigenen Schuld musste ich leben und muss es heute noch. Trotz dieser Last, einfach da zu sein, versuchte ich nicht nur einmal, meinem Leben eine andere Richtung zu geben. Ich war bemüht, zusammen mit meiner Familie ein normales Leben zu führen, wollte mit meiner Umwelt im Einklang leben, Verständnis zeigen und erhalten, wollte meine eigenen Kinder achten und beachten, sie zum Menschsein anleiten und ihnen zeigen, wie man Demokratie lebt. Ich glaube nämlich auch heute noch, dass die Demokratie die beste aller schlechten Regierungsformen ist, auch wenn ein Politiker wie Helmut Kohl Folgendes sagte:

„Was die Menschen draußen im Lande bewegt ...“

Kohl unterschied hier, ohne es zu sagen, zwischen „draußen“ und „drinnen“. Draußen saß das Stimmvieh, drinnen wurde Politik gemacht.

So nahm ich Demokratie wahr. Meinen Kindern versuchte ich zu vermitteln, dass man durch freie Wahlen an der Machtausübung des Staates teilhaben kann. Ich weiß, dass dies ein Traum ist, und meine Kinder wissen es mittlerweile auch, trotzdem versuche ich, ihnen und nun auch meinen Enkeln den wahren Sinn der Demokratie nahezubringen. Ich denke, dass mir dies trotz meiner Schuld zum großen Teil gelingt. Und weil das so ist, hoffe ich, dass mein Leben nicht umsonst gewesen ist und ich außer meiner Schuld auch etwas Positives hinterlasse.

Während meiner verschlungenen Lebenswege habe ich einige Male versucht, mein Leben zu ändern, immer nur mein Leben, nie das meiner Mitmenschen. Mit meiner Ehefrau bin ich fast vierzig Jahre verheiratet, und nie habe ich versucht, sie in meine kriminellen Machenschaften einzubeziehen. Sie wusste, dass sie mich nicht aufhalten konnte, und später blieb ihr keine andere Wahl als zu sagen: „Entweder du hörst auf mit diesen Dingen oder ich trenne mich von dir!“ Ich hörte auf, wie sie es sich gewünscht hatte, doch dann kam diese Geschichte mit der anderen Frau, und die war schlimmer als jede andere Geschichte, die ich je zuvor angezettelt hatte.

Dieser Vorwurf „Du bist selbst schuld! Du bist schuld!“, so habe ich festgestellt, hat folgende Bedeutung: „Du bist doch von allein gekommen, wir haben dich nicht eingeladen. Also musst du auch sehen, wie du nun damit klarkommst. Bei allem, was du in diesen Häusern tust, hast du ohne diese Schuld keine Möglichkeit zu leben, und du wirst sie dir täglich vorhalten lassen müssen.“

„Du bist schuld.“ Das wurde mir nicht nur bei Behörden vorgeworfen, sondern ich bekam es auch von Mitschülern und später von „Kollegen“ zu hören, die mir die Schuld für das Misslingen einer Tatausführung gaben. Aber dieses „Du bist schuld“ war in Ordnung, darüber konnte man reden, und wir haben darüber geredet.

Ein Mitschüler, der den gleichen Schulweg hatte wie ich, gab mir die Schuld für ein Zuspätkommen. Er war circa drei Jahre älter als ich, und auf dem Weg nach Hause gab er mir einen Schubs, sodass ich in einen Graben fiel. Mein linker Arm lag vom Körper abgewinkelt über einer Rinne. Dieser Junge trat mir mit voller Absicht auf meinen Ellbogen und rums!, war mein Arm gebrochen.

Nein, er war natürlich nicht schuld! Ich selbst war schuld, dass er mir auf den Arm getreten war. Warum hatte ich auch so blöd fallen müssen?

Jahre später traf ich diesen Jungen in einer Milchbar wieder. Ich folgte ihm bis nach Hause und fragte ihn: „Kannst du dich noch erinnern, wie du mir auf den Arm getreten bist und noch nicht einmal zugeben wolltest, dass du es mit Absicht getan hast?“

„Mensch, Siggi, das war doch nicht meine Absicht!“ So ähnlich klang seine Entschuldigung, die er dann noch weiter ausführte. Sein jammervolles Gequatsche machte mich wütend und ich verabreichte ihm eine mittelprächtige Tracht Prügel. Hätte er gesagt: „Ja, ich war damals wütend auf dich und habe dir ganz bewusst auf den Arm getreten“, wären wir sicher beide ohne Blessuren nach Hause gegangen.

***

Als Frau Nurmann bei uns auftauchte, kam ich zum ersten Mal in ein Heim, musste zum ersten Mal weg von zu Hause, fort von meiner Mutter, meinen Geschwistern. Warum? Wollte meine Mutter mich nicht mehr haben? Ich weiß nicht mehr, was ich alles dachte, aber es gab kein „Ich gehe nach Hause“ mehr, ich hatte kein Zuhause mehr, und ich verstand es nicht.