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In diesem Buch schildert die Autorin ihre bewegte und oft auch abenteuerliche Lebensgeschichte zwischen den "Welten" Deutschland und Argentinien von den 1930er Jahren bis zum späten 20. Jahrhundert. Im Laufe eines halben Jahrhunderts wechselte sie mehrfach zwischen den Kontinenten und lebte in Argentinien an so unterschiedlichen Orten wie dem damals noch wilden Chaco, nahe den Iguazu-Wasserfällen in der Provinz Misiones, der Hauptstadt Buenos Aires und dem beschaulichen San Bernardo an der Atlantikküste.
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Seitenzahl: 137
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Hilde Möller-Böke, 2021 (im 90. Lebensjahr)
Teil 1: 1931 bis 1971
Vorwort
I. Der Anfang in Argentinien
II. Die Jahre in Deutschland
III. Zurück nach Argentinien
IV. Ein neuer Anfang in Santa Sylvina
V. Auf nach Buenos Aires
VI. Mein Leben mit Luis
VII. Ein beunruhigender Brief
Teil 2: Die Jahre ab 1971
VIII. Erstaunliche Ereignisse und glückliche Fügungen
IX. Die letzten Jahre in Argentinien
X. Umzug nach Deutschland
Anhang
Chaco-Lied
Lied für meine Mutter zu ihrem 90. Geburtstag
Dies ist meine Lebensgeschichte, die ich für Euch, meine Kinder und Enkel, hinterlassen möchte; ebenso auch für meine Schwestern, denn wir waren immer für einander da und haben einige Kämpfe gemeinsam bestanden. Darum schreibe ich dieses auf Wunsch meiner Kinder nieder.
Meine Großeltern mütterlicherseits stammten aus Dänemark (Großvater) und aus Hamburg (Großmutter). Mein Vater wurde am 6. Juni 1900 in Großenmarpe (Lippe) geboren, meine Mutter am 1. Mai 1908 in Entre Ríos, Argentinien. Mit 22 Jahren wanderte Vater zusammen mit drei anderen Lippern nach Argentinien aus – einer kam auch aus Großenmarpe und hieß Stockebrand. Nachdem sie in Buenos Aires angekommen waren, zogen sie nach Süden, denn einer von ihnen hatte wohl Bekannte auf einer großen Farm, zu der auch Weinberge gehörten. Dort arbeiteten sie eine Zeit lang, bis mein Vater wieder Reisefieber bekam. Er hörte vom deutschen Konsulat in Buenos Aires, dass alle deutschen Einwanderer, die nicht wussten, wohin sie gehen sollten, nach Nordwesten in den Chaco zur Familie Pedro Mück geschickt wurden (das waren die Eltern meiner Mutter). Die Einwanderer standen dort weiter in Verbindung zum Konsulat und wurden von diesem unterstützt. Sie fanden dort alle Zuflucht – wie eine große Familie – und wurden angeleitet bei ihrem Neuanfang. Das Land wurde von der Regierung zur Verfügung gestellt, die Siedler mussten nur angeben, welches Stück Land sie haben wollten. Sie durften es aber zunächst nicht verkaufen, erst nach 20 oder 30 Jahren. Aber es blieb wohl immer im Besitz der Familie – so ganz genau weiß ich es auch nicht mehr. Die Einwanderer mussten das Land aber erst urbar machen, die spanische Sprache lernen usw. – Großvater war im Jahre 1920 einer der Gründer der deutschen Schule in Charata. Das Dorf (span. Pueblo) Charata bekam seinen Namen – wie man sagte – nach einen Vogel, der so groß gewesen sein soll wie ein Huhn und „Charata“ rief.
Die ersten Jahre wurden der Unterricht wie auch der Gottesdienst von Großvater im Haus abgehalten. Großmutter spielte Harmonium und die Leute kamen von weit her. Denn es war ja der einzige Kontakt, den sie miteinander hatten. Die aus weiter Ferne kamen, blieben dann über Nacht dort. Wenn es etwas zu feiern gab – man wusste ja wo – dann wurden Heimatlieder gesungen, die von Großmutter auf der Gitarre begleitet wurden. So war das Heimweh nach der alten Heimat nicht so schlimm.
Die Versammlung der ev. Gemeinde, die von Großvater gegründet wurde (meine Großeltern 6. und 7. von rechts, meine Eltern 3. von links).
Großvater war einfach für alles zuständig. Wenn das Land so weit war, wurde die Baumwolle und anderes gesät – ich komme später noch einmal darauf zurück. Vater und sein Freund kamen dann von Rio Negro auch dorthin, aber nach kurzer Zeit zogen sie weiter, um besseres Land zu suchen. Sie streiften umher durch die halbe Wüste bis zum Campo del Infierno (Höllenebene) – es war so, wie der Name schon sagt. Sie haben dort alle Tierarten gegessen, die es gab, das Allerschlimmste aber war, dass es kein gutes Wasser gab, denn geregnet hat es dort fast nie. Es fehlten jegliche Pflanzen. Man nannte diese Salzwüste die Salitre. Wenn sie nicht verhungern wollten, blieb Ihnen also nichts anderes übrig, als nach Charata zurückzugehen, dort halfen sie dann beim Aufbau der Siedlung und dem Neuanfang der deutschen Einwanderer.
Aus dem Quebracho colorado (Quebrachobaum), soweit er noch nicht abgeholzt war, wurde damals Holzkohle gemacht, auch Itin wurde verwendet, das damals schon als ein Holz bekannt war, das keine Funken verursacht. Es soll das härteste Holz sein, das es gibt.
Meine Mutter war in der Schule von Charata für den Deutschunterricht zuständig. Dort lernte mein Vater wohl meine Mutter kennen und sie verliebten sich. Sie heirateten am 20. November 1926 in Charata.
Dann zogen sie zusammen in das Territorium Río Negro in der Mitte Argentiniens und fanden dort Arbeit auf einer Obstplantage. Mutter erzählte, das Schlimmste sei dort die große Trockenheit gewesen. Da es fast nie regnete, musste alles bewässert werden, auch die Obstpflanzen. Der Staub drang auch durch die kleinsten Fugen in die Häuser. In Río Negro kam mein ältester Bruder Robert zur Welt, nach dessen Geburt meine Mutter im achten Monat eine Frühgeburt mit Zwillingen erlitt. Einer der beiden Jungen lebte nur zwölf, der andere 24 Stunden – damals gab es noch keine Brutkästen. Die Frühgeburt war durch einen schweren Sturz verursacht worden.
Dann hörte Vater, dass im Nordosten Argentiniens vorwiegend deutsche Siedler gesucht würden, die jeweils 30 Hektar reinen Urwald bekommen konnten, den sie erst später abzuzahlen hätten. Die Besitzer waren zwei Schweizer, Ernst und Scherer, denen fast die ganze Spitze von Misiones gehörte, das zwischen Paraguay und Brasilien liegt. Dort fing nun das neue Leben an, das Beste war dort, dass es überall Quellen und gutes Wasser gab. Als erstes wurden Bäume gefällt und zersägt, um aus den Stämmen und Brettern eine Hütte zu bauen. Dann wurden Schindeln für das Dach gespalten. Übernachtet wurde solange in einem Haus, das schon fertig war. Dieses konnte man zum Schutz vor wilden Tieren, wie dem Jaguar oder Schlangen, verschließen. Im Ganzen waren es acht Nachbarn, die einer nach dem anderen dort ankamen. So fing im Jahre 1929 das Leben im Urwald nach dem Motto „einer für alle, alle für einen“ an. Sobald die Häuser fertig waren, stellten sich die ersten Kinder ein. Da es weder Arzt noch Hebamme gab, wurden meine Mutter und oft auch mein Vater zu Hebammen der ganzen Kolonie. Manchmal waren auch schwere Geburten darunter, aber irgendwie hatten alle Gottvertrauen, dass alles gut geht, und ich glaube auch, dass Mutter aus ihrem Elternhaus viel dazu beitragen konnte. Es gibt ein Kolonisten-Lied von Misiones, in dem es heißt, „Frauen und Männer zogen aus ihrer Heimat in ein wildes unbekanntes Land, wer kämpfen konnte, der siegte, doch mancher ging zugrunde unbekannt“. Ich kann nur sagen, dass es sehr ergreifend ist, was die Menschen damals alles in Kauf nahmen, um zu überleben. Wenn ich heute zurückdenke, obwohl wir noch Kinder waren, dann weiß ich noch, dass wohl jeder einen Schutzengel gehabt haben muss, um in diesem Urwald zwischen all den wilden Tieren zu überleben. Wenn die Wanderameisen kamen, mussten wir alle raus aus dem Haus, um Schutz zu suchen. Es war wohl eine Schneise von einem Meter Breite, wo die Ameisen durchzogen und alles vernichteten, selbst größere Tiere. Wir mussten dann warten, bis die Biester weiterzogen. Zum Glück passierte das nicht oft.
Auf den ersten gerodeten Flächen wurde Mandioca (Maniok) gepflanzt, das für uns an die Stelle der Kartoffel trat und auch gut schmeckt. Außerdem wurde Batata angebaut, eine Art Süßkartoffel. Anschließend wurden große Waldflächen abgeholzt und verbrannt sowie die ersten Mate-Sträucher angebaut. In dieser Zeit wurde eine Fabrik gebaut, in der die Yerba (Kraut) genannten grünen Blätter verarbeitet wurden. Entscheidend war, dass alle Männer der Kolonie Arbeit fanden und das erste Geld verdienen konnten. Noch einmal zurück zu den Mate-Pflanzen: Diese wurden sowohl in Reihen als auch quer gepflanzt, denn nach dem Niederbrennen blieben die großen Baumstümpfe zurück. Da diese oft im Weg waren, wurden in die Stümpfe meistens von zwei Seiten größere Löcher gebohrt und darin Feuer gemacht oder glühende Kohle reingelegt. Die Frauen und größeren Kindern waren meistens dafür zuständig, als Einzäunung die Gramilla zu pflanzen, und zwar in der Nähe einer Quelle oder eines Bachlaufs. So entstanden dann schöne und saftige Weiden, da es ja immer genug Regen gab, wuchs die Gramilla schnell zu. Nachdem der Zaun fertig war, kamen dann die Kühe und ein oder zwei Reitpferde. Die Hühner waren schon da, aber sie mussten wegen der wilden Tiere immer, vor allem abends und nachts, eingesperrt werden.
Wichtig war, dass jeder mit der Waffe umgehen konnte – auch die Frauen. Einmal hat mein Vater eine Äffin geschossen, denn ihre Horde hatte ein ganzes Maisfeld verwüstet. Darauf kam die ganze Horde so ungefähr eine Woche lang jede Nacht zurück und machte ein fürchterliches Geschrei – mein Vater hat nie wieder einen Affen geschossen. Auch meine Mutter konnte gut mit dem Gewehr umgehen; so erschoss sie einmal eine sehr giftige Schlange, die nur einen Meter von meinem Bruder entfernt war. Meine Mutter hat erzählt, dass es keine andere Möglichkeit gegeben hätte, da er direkt auf die Schlange zulief und sicher gebissen worden wäre. Es gab damals noch kein Gegengift. Somit war ein Leben immer in Gefahr.
Es entstand das Dorf Puerto Esperanza (Hafen der Hoffnung). Bald wurde dort auch ein Posten der Gendarmerie eingerichtet, die reichlich Arbeit bekam. Denn durch die Fabrik strömten von überall Arbeiter herbei – unter ihnen auch einige finstere Gestalten, die, da die Grenze zu Paraguay nur drei Kilometer entfernt war, schnell mit dem Boot über den Fluss Paraná verschwinden konnten.
Ich wurde 1931 in Puerto Esperanza geboren, dann kamen jeweils im Abstand von zwei Jahren Lenchen, Olga und Ernst. Hebamme war immer mein Vater. Er wurde auch geholt, wenn mit den Tieren etwas war.
Ich sitze mit Lenchen und Robert auf einer Schubkarre.
Dann kam die Zeit, dass wir zur Schule mussten. Wir waren sechs Kinder und mussten bis zur Schule drei Kilometer laufen, davon ein Stück durch Urwald. Eines Tages wurden wir überfallen. Die Männer wollten uns in den Wald schleppen, vor allem uns zwei größten Mädchen. Aber wir haben uns gewehrt – schlimmer als Katzen –, die anderen Kinder haben wie verrückt geschrien. Jedenfalls konnten wir entkommen und wurden von der Gendarmerie nach Hause gebracht. Nach den Männern zu suchen, war sinnlos, das wusste jeder, denn im Urwald gab es genug Möglichkeiten sich zu verstecken und die Polizei ging da nicht hinein.
Hier turnen wir an Lianen.
Wir fünf
Es sollte dann eine Schule in Esperanza gebaut werden, denn die Yerba brachte die ersten Erträge, sodass sich alle schon mal etwas leisten konnten. Es wurden nun bessere Häuser gebaut und die größeren Kinder kamen nach Posadas, die Hauptstadt von Misiones, in ein Internat.
Es war wohl in dieser Zeit, als sich meine Eltern 1939 entschlossen – ich glaube, es ging hauptsächlich von meinem Vater aus –, nach Deutschland zu gehen. Denn seine Geschwister aus Deutschland schrieben Ihnen, dass man im Osten gut siedeln könne und dass sie ihm dabei helfen würden.
Es wurde dann alles verkauft, wobei das Land per Handschlag ganz billig weggegeben wurde. Aber Vater hatte abgemacht, dass wir, wenn wir in ein paar Jahren zurückkommen sollten, das Land für den selben Preis zurückerhalten würden. Somit hatten wir das Geld für die Schiffsreise zusammen und fuhren los. Für uns war es eine große Umstellung, denn mit unserer gewohnten Freiheit war es nun auf einmal vorbei.
Unsere Familie in typischer Kleidung in Argentinien
Unsere Familie in Deutschland (von links Robert, Lenchen, Ernst, Olga und ich)
Wir kamen am 1. September 1939, dem Tag des Kriegsanfangs, in Hamburg an, drei Tage später als vorgesehen. Unsere zwei Onkel, die uns erwartet hatten, waren wieder nach Hause gefahren, da unser Schiff erst im Dunkeln einlaufen durfte. Es herrschte nämlich schon „Verdunkelung“ [zum Schutz vor Luftangriffen], d.h. es durfte kein Licht zu sehen sein. Wir mussten noch in derselben Nacht von Bord. Dann wurde festgestellt, dass unser großer Koffer mit fast der ganzen Kinderkleidung fehlte – und er blieb verschwunden. Nach all diesen Beschwernissen kamen wir dann in Großenmarpe (bei Blomberg in Lippe) in Vaters Elternhaus an. Dort wurden wir erst einmal aufgenommen und auf der großen Diele einquartiert. Wir hatten deshalb das Gefühl, in einem Lager zu sein. Es wollte uns niemand in seinem Wohnzimmer oder einem anderen Zimmer wohnen lassen. Ich weiß noch, dass wir geheult haben und immer wieder gesagt haben, wir wollten lieber wieder in den Urwald. Ich glaube, selbst meine Mutter dachte das. Wir merkten bald, dass wir überall oder fast überall als Fremde abgestempelt wurden. Es hieß immer nur „die Marie mit ihren fünf Kindern“, da sie so wie wir Kinder in Argentinien geboren war. Mein Vater hatte daran keine Schuld. Es war eben eine sehr schwere Zeit für meine Mutter, denn sie kam in ein für sie fremdes Land und die Nächstenliebe, die sie von zuhause gewohnt war, gab es hier nicht. Mein Vater ging dann auf Arbeitssuche. Er fand nach langer Suche eine Anstellung als Verwalter auf einem Gut in Limburg an der Lahn. Mutter fand zusammen mit fremden Leuten in Kleinenmarpe ein neues Dach über den Kopf – es war ein Schuppen ohne fließendes Wasser und ohne Licht. Er gehörte einem großen Bauern, der Nullmeier hieß. Meine Mutter und wir machten den Umzug mit einem Handwagen, denn es hatte keiner Zeit, uns zu helfen. Ein fremder Bauer hat dann Mama den Herd nach Kleinenmarpe gebracht. Er sagte beim Abladen: „Frau Möller, Sie können doch hier nicht wohnen!“ Er wollte uns wieder mitnehmen und sagte in einer kleinen Scheune hätten wir Platz. Mutter meinte aber, wegen Vaters Geschwistern wäre das nicht gut. Er hat dann noch einen Schornstein angebracht, so dass wir heizen konnten. Der Nullmeier brachte uns das Holz zum Heizen. Der Schuppen lag am Rande des Dorfes. Es kamen manchmal Leute, die uns etwas zum Essen brachten. Dort wurden wir wie Menschen behandelt.
Ich ging dort auch zur Schule – mein Lehrer hieß Krom –, ich glaube, nur ein halbes Jahr, dann verdiente mein Vater so viel, dass wir eine richtige Wohnung mieten konnten, und zwar in Großenmarpe, bei Schnittgers. Es waren drei Zimmer und eine große Küche. Vater kam für ein paar Tage und das Allernötigste wurde gekauft. Wir hatten aber schon allerhand bekommen von den Leuten in Kleinenmarpe.
Später erzählte Mutter, dass sie dort nichts bezahlen musste, auch nicht das Holz. Mutter meinte dann, dass es dort damals auch Menschen mit Nächstenliebe gab, so wie sie es im Elternhaus kannte.
Sie arbeitete bei einer Tante den ganzen Tag für ein paar Kartoffeln. Wenn sie dann nach Hause kam, standen schon die Nachbarn vor der Tür, um sich zu beschweren, was wir alles für Dummheiten gemacht hätten. Eines Tages kam dann Herr Hue, der einen sehr großen Hof besaß, auf dem Vater in seiner Jugend gearbeitet hatte. Er sagte zu meiner Mutter, dass es so nicht gehe, weil sie das nicht lange durchhalte, den ganzen Tag auf dem Feld und allein mit den fünf Kindern. Er sagte dann, dass sie ab dem nächsten Tag jeweils für einen halben Tag bei ihm arbeiten solle. Sie bekäme dann ein paar Liter Milch und auch andere Nahrungsmittel. Er sagte, wenn jemand Schwierigkeiten mache, solle sie es ihm sagen. Ab da hatte meine Mutter dann Ruhe und wurde nicht mehr ausgenutzt. Wir kamen dann dort in die Schule zu Frau Dux. Sie unterrichtete von der 1. bis zur 4. Klasse.
Eines Tages schneite es, das war etwas, was wir nicht kannten. Ich und Robert bekamen aus Kleinenmarpe Ski und Schlitten. Damit konnten wir draußen toben und haben dabei vergessen, dass wir oft Hunger hatten. Es wurden manchmal mehrere Schlitten hintereinander gebunden, dann ging es mit einem Schlittenlenker vorn und hinten vom Berg bis nach Erdbruch rein und durch bis nach Großenmarpe. Über den Bach Marpe nach Erdbruch rein wurde, wo die scharfe Kurve ist, ein richtiger Damm gebaut, sodass die Schlitten nicht umkippen konnten und wir ohne Unterbrechung bis Großenmarpe fahren konnten.
Dann wurde meine Mutter krank und bekam hohes Fieber. Es kam eine Schwester vom Roten Kreuz, die uns versorgte. Dann wurde auch Olga krank und Dr. Rautenberg stellte eine doppelte Lungenentzündung fest. Die Schwester versorgte uns und wir durften nicht zu den beiden ins Zimmer. Aber wir waren ganz zufrieden, denn die Schwester steckte uns immer etwas zu, und wenn es auch nur ein Stück Brot war, denn die Lebensmittelrationen waren halt immer zu klein.
