Mein Leben ist kein Drehbuch - Peter Sattmann - E-Book

Mein Leben ist kein Drehbuch E-Book

Peter Sattmann

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Beschreibung

Peter Sattmann, einer der beliebtesten deutschen Schauspieler, blickt zurück auf sein Leben. In seiner Autobiografie versammelt er außergewöhnliche Geschichten, die ihm unauslöschlich in Erinnerung sind. Seine Erlebnisse zeichnen ein buntes Leben mit Höhen und Tiefen nach – ein Leben, das immer für eine Überraschung gut ist. Peter Sattmanns autobiografische Geschichten sind wunderbar erzählte Reisen in ein Leben, das von markanten Erlebnissen geprägt ist. Ob heiter oder traurig, als "Zeitpfeiler" haben sie sich tief in das Gedächtnis des Schauspielers verankert und offenbaren vor allem eines: Den Verrücktheiten des Lebens kommt man am besten mit Gelassenheit und Humor bei. So schildert Sattmann, wie er mit neun den Ausreisestempel aus der DDR erschwindelte, als Schulabbrecher mittellos nach München ging und nur dank unfreiwilliger Komik einen Platz an der Schauspielschule ergatterte. Er taucht ein in die wilde Subkultur der 60er-Jahre, schildert unvergessliche Augenblicke auf Deutschlands Theaterbühnen, gesteht seine ungebrochene Liebe zu Katja Riemann und entführt den Leser in ferne Länder, wo abenteuerliche Situationen warten. Ein Blick zurück voller Witz, Charme und Esprit.

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Seitenzahl: 366

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Peter Sattmann

Mein Leben ist kein Drehbuch

Zeitpfeiler

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Peter Sattmanns autobiografische Geschichten sind wunderbar erzählte Reisen in ein Leben, das von markanten Erlebnissen geprägt ist. Ob heiter oder traurig, als »Zeitpfeiler« haben sie sich tief in das Gedächtnis des Schauspielers verankert und offenbaren vor allem eines: Den Verrücktheiten des Lebens kommt man am besten mit Gelassenheit und Humor bei. So schildert Sattmann, wie er mit neun Jahren den Ausreisestempel aus der DDR erschwindelte, als Schulabbrecher mittellos nach München ging und nur dank unfreiwilliger Komik einen Platz an der Schauspielschule ergatterte. Er taucht ein in die wilde Subkultur der 60er-Jahre, schildert unvergessliche Augenblicke auf Deutschlands Theaterbühnen, gesteht seine ungebrochene Liebe zu Katja Riemann und entführt den Leser in ferne Länder, wo abenteuerliche Situationen warten. Ein Blick zurück voller Witz, Charme und Esprit.

Inhaltsübersicht

Widmung

Vorwort

Vorhang auf

Sex und andere Kleinigkeiten

Das Leben geht weiter

Großmutter Therese

Haben Sie schon mal eine Banane gesehen?

Wenn ich den See seh, brauch ich kein Meer mehr

Der Schwarze Mann

Was haben Tarzan und Elvis gemein?

Zehn Komma null

Mal spielt er Bass, mal spielt er besser

Sizilien

Weltstadt mit Herz oder wie einer Schauspieler wird

Barbara saß nah am Abhang

Die Gefahren der Schauspielerei oder wie einer DJ wird

Was hat Sammy Davis Jr. mit Fritz Teufel zu tun?

Vision Magma

Wie kommt der Furz auf die Bühne?

Warum humpelt der Romeo?

Was soll ich erzählen?

Noch ein Herbert

Das Ziel

Lamu

Berlino

El Perro

Triptychon

Medizin

Die Vermählung

Helmut

Vierundfünfzig

Ruhestand

Money makes the world go around

Der Erzbischof ist da

Vorhang zu

Gewidmet meinen Töchtern

Kathrin und Paula,

deren Müttern

und meinen Eltern

Vorwort

Zeitpfeiler. Das Wort kam mir in den Sinn, als ich zehn Jahre alt war. Heute weiß ich, ich habe es erfunden. Das Wort existiert in der deutschen Sprache nicht.

Sie alle kennen, ich hoffe es für Sie, den Moment, in dem Sie die Zeit anhalten wollen. Weil der Moment so schön ist. Weil der Moment ewig dauern soll.

Schon als Kind habe ich angefangen, diese Augenblicke mit einem »Pfeiler« zu markieren. Sodass ich heute mein Leben ganz schnell von einer Markierung zur anderen spulen kann.

Ich habe auch schreckliche Momente markiert, obwohl es das gar nicht gebraucht hätte, denn Momente des Schreckens erzeugen automatisch einen Zeitpfeiler, indem sie uns sozusagen gegen unseren eigenen Willen traumatisieren.

Und ein Trauma lässt sich nicht vergessen. Höchstens verdrängen. Was aber nur unerheblich glücklicher macht. Wohingegen es den Psychotherapeuten ein gesichertes Einkommen beschert.

Vorhang auf

Ich möchte mich vorstellen. Ich heiße Peter.

Ich bin noch kein Jahr alt und habe heute mein erstes Erfolgserlebnis. Ich habe den Stuhl erklommen, der vor dem geöffneten Fenster steht. Über die Querstreben der Rückenlehne bin ich auf die Fensterbank geklettert und stehe nun breitbeinig im Fensterrahmen. Mit der linken Hand halte ich mich am Rahmen fest, ein leichter Wind weht mir ins Gesicht, und ich bin überwältigt von der Aussicht.

Ich bin fast auf gleicher Höhe mit den Kronen der Bäume. Ich sehe den blauen Himmel, die weißen Wolken, die sich unendlich langsam, aber doch bewegen. Wenn ich den Kopf in den Nacken lege, muss ich blinzeln. Wenn ich nach unten schaue, sehe ich meine nackten Füße, die nur noch wenige Zentimeter vor sich haben, bevor sie ins Leere treten würden. Ich habe kein Gefühl der Unsicherheit, aber mir ist klar, bis hierhin und nicht weiter. Muss ich auch nicht, ich sehe ja alles, was ich sehen will. Vier, fünf Meter unter mir flitzen die gackernden Hühner durchs Gehege.

Ich bewohne mit meinem Vater und meiner Mutter eine winzige Zweizimmerwohnung über einem ziemlich großen Hühnerstall. Der Zugang zur Wohnung führt an der Außenwand des Stalls über eine halsbrecherisch steile Holztreppe, auf der ich wahrscheinlich noch eine ganze Weile getragen werden muss, bevor ich sie selber meistern kann.

Mein Vater ist wie immer um diese Zeit unter Tage. Im Erzbergbau Wismut-Aue. Meine Mutter ist wahrscheinlich beim Einkaufen. Sie sagt mir nie, wohin sie geht, weil sie bestimmt denkt, ich könne mit dieser Information sowieso noch nichts anfangen. Sie sagt nur immer: »Ich bin gleich wieder da«, nachdem sie mich auf dem Sofa in Kissen gebettet und mir die warme Milchflasche in die Hände gedrückt hat. Ich werde noch zehn Jahre lang die Milch aus der Flasche trinken. Ich werde noch an der Flasche nuckeln, wenn ich schon längst der Anführer einer Indianerbande geworden bin. Jahrzehnte später wird mir meine Mutter gestehen, dass sie mir nie die Brust geben konnte, weil sie so unterernährt war.

Zweiter Geburtstag. Im Atelier eines Fotografen. Damals hatten nur Fotografen einen Fotoapparat.

Ich werde sie dann fragen: »Mam, kann es sein, dass ich die erste Zeit nach meiner Geburt woanders war, also nicht bei dir, sondern irgendwo anders?«

»Wie kommst du darauf?«, wird sie mich erschrocken fragen. »Aber es stimmt, ich musste dich die ersten zwei Monate in die Familie einer guten Freundin geben. Ich lag im Krankenhaus, und Pap musste den ganzen Tag unter Tage. Aber wie um Himmels willen kommst du darauf?«

»Mam«, werde ich sagen, »ich habe vor langer Zeit, zwischen meinem fünfundzwanzigsten und dreißigsten Lebensjahr, jedes Jahr einmal, einen Trip gemacht. Ich war, wie die Azteken, die Mayas und die Inkas, einmal im Jahr auf einer Reise ins Ich. Sei unbesorgt, es hat mir nicht geschadet, im Gegenteil. Ich weiß seitdem alles über mich. Ich habe alles zutage gefördert, was jemals meine Augen, meine Ohren, meine Nase und meine Hände wahrgenommen haben.

Unter anderem auch, dass mein Leben in einem Wäschekorb begann. Heute weiß ich, dass der Geruch, den ich immer noch in der Nase habe, das Flechtwerk aus Weide ist.

Ich lag in einem weißen, im Innern des Korbes befestigten Wäschesack. Um mich herum herrschte nächtliche Dunkelheit, die mich aber in keinem Augenblick ängstigte. Durch die Ritzen im Geflecht sah ich sehr warmes gelbes, goldenes Licht auf den Fußboden fallen, das durch den Spalt einer angelehnten Tür kam. Ab und zu drangen gedämpfte Stimmen aus dem Nebenzimmer.

An die Leute erinnere ich mich nicht. Ich kann von den zwei Monaten nur den Film sehen, in welchem ich im Dunkeln allein im Wäschekorb lag. Aber ich weiß, warum. Ich habe tagsüber geschlafen, und in der Nacht war ich wach, so, wie ich es heute noch am liebsten habe.«

»Mam, jetzt heul nicht«, werde ich sagen, »es ging mir gut, ich hatte keine Angst, ich habe nicht gelitten. Ich habe die zwei Monate in der meditativen Ruhe eines gut gefütterten Hundes verbracht.«

Sie wird mich nicht wirklich erleichtert in die Arme nehmen und fragen: »Kannst du dich noch an andere Sachen erinnern?«

»An alles! Ich kann dir bis ins Detail die kleine Wohnung über dem Hühnerstall beschreiben, in der wir die ersten zwei Jahre wohnten. Ich weiß noch genau, dass ihr mich an Armen und Beinen am Gitterbett festgebunden habt, als ihr ins Volkshaus um die Ecke zum Tanzen gegangen seid.«

»Um Gottes willen!«, wird sie schluchzend sagen. »Das weißt du noch!?«

»Ja, aber du brauchst nicht wieder anfangen zu heulen, auch da habe ich nicht gelitten. Ihr hattet, kurz bevor ihr gegangen seid, das Licht dann doch angelassen und mir den Schnuller in den Mund gesteckt. Ich war, bis ihr wiederkamt, hellwach, aber ich hatte ein wundervolles Kino. Die Decke über mir war so schlecht gemalert, dass man jeden Pinselstrich sah. Sie bot in einem schönen verwitterten Hellgrün ein unendliches Labyrinth aus Linien und Streifen, Punkten und Flecken, Kurven und Kreisen. Ich habe mich keinen Moment gelangweilt. Das Blöde war nur, dass ich irgendwann den Schnuller loswerden wollte. Ich versuchte, ihn auszuspucken. Beim ersten Versuch rutschte das runde Ding, das vor den Lippen sein soll, hinter die Lippen. Beim zweiten Versuch rutschte es mir hinter die Zähne. Hatte ich da schon Zähne?«

»Ja, ja«, wird Mam sagen, »unten, zumindest unten hattest du schon ein paar Zähne. Du warst ein halbes Jahr alt, ich weiß das genau, weil wir dich bis dahin nie alleine gelassen hatten. Es war das erste Mal, dass wir wieder tanzen gegangen sind. Das muss ja furchtbar für dich gewesen sein!«

»Nee«, werde ich sagen, »wirklich nicht. Der Schnuller steckte zwar komplett in meinem Mund und war so verklemmt, dass ich die Kiefer nicht mehr bewegen konnte, geschweige denn mit der Zunge den Schnuller habe rausdrücken können. Aber ich hatte keine Angst. Ich bekam immer noch prächtig Luft. Lediglich das Schlucken des Speichels war schwierig. Soll ich weitererzählen?«

Es wird eine große Unsicherheit in ihrer Stimme liegen: »Ja, erzähle weiter.«

»Als du als Erste ins Zimmer kamst, hast du geschrien, als ob mich der Schwarze Mann aufgeschlitzt hätte. Du wolltest mich sofort von meinem Knebel befreien, was dir nicht gelang, denn du wolltest mir ja nicht wehtun. Deine Finger fanden keinen Halt in meinem verstopften Mund. Pap stürmte wie vom Blitz getroffen ins Zimmer und eilte dir zu Hilfe. Er wollte mir sicher auch nicht wehtun, und er tat mir auch nicht weh, als er mir beherzt seine beiden Zeigefinger in die Mundwinkel schob und Ober- und Unterkiefer so weit auseinanderdrückte, dass du den Schnuller rausziehen konntest. Du hast den Schnuller quer durchs Zimmer gefeuert, womit er für alle Zeit entsorgt war. Während Pap mich so schnell wie möglich von der Strickwolle befreien wollte, mit der ihr mich gefesselt hattet, hast du ihn geschlagen. Du hast wimmernd mit beiden Fäusten auf ihn eingeprügelt. Er ließ die Schläge über sich ergehen. Auch er wimmerte. Dann habt ihr mich ins große Bett zwischen euch gelegt und in den Schlaf gestreichelt.«

»Stimmt«, wird sie sagen, »genau so war’s. Ich hatte danach die erste große Krise mit deinem Vater. Dabei war es meine Schuld, meine Angst, dir könnte etwas passieren in den zwei Stunden, in denen wir weg waren. Du könntest aus dem Bett krabbeln und dir den Hals brechen oder sonst was. Das brachte ihn auf die blöde Idee, dich festzubinden. Und ich war so blöde, nicht zu merken, dass es eine blöde Idee war.«

 

Obwohl diese zwei Stunden für mich in meiner Erinnerung kein schreckliches Erlebnis sind, habe ich doch ein Trauma davongetragen. Ich kann bis heute nicht auf dem Rücken schlafen. Wenn es während des Schlafes dann doch mal passiert, dass ich mich auf den Rücken gedreht habe, wache ich nach wenigen Minuten oder vielleicht auch schon nach Sekunden schweißgebadet auf. Ich konnte nie rückwärts in ein Schwimmbecken springen. Obwohl ich als junger Mann artistisch durchaus begabt war, habe ich den Salto rückwärts nie geschafft. Dabei hatte ich in der Zeit am Stuttgarter Staatstheater den besten Trainer, den man sich vorstellen kann.

László Kovács gibt es viele in Ungarn. Der, den ich meine, war der Untermann einer sechsköpfigen Artistentruppe. Er balancierte fünf ausgewachsene Männer auf seinen Schultern.

Das Publikum beklatscht den, der ganz oben steht, immer am meisten. Weil es nicht weiß, dass der Untermann nicht nur die ganze Last trägt, sondern derjenige ist, der das Ganze in Balance hält.

Diesen László hatte Claus Peymann zwei Spielzeiten lang für uns Schauspieler engagiert. Die Teilnahme am Training war freiwillig, aber ich kann mich an keinen Kollegen erinnern, der nicht etwas von ihm lernen wollte. Ihm eilte der Ruf voraus, er könne einer Gießkanne den Salto beibringen.

Therese Affolter, diese zierliche Person, konnte nach zwei Wochen den Salto rückwärts. Während der Sattmann selbst dann scheiterte, wenn er einen Gurt um den Bauch hatte und an Seilen hing.

Ich hatte damals meine Aztekenreise noch nicht beendet. Ich wusste noch nicht, woher dieser Reflex kam, mich in der Luft immer wieder auf den Bauch zu drehen, den Salto mittendrin abzubrechen; was das Schlimmste ist, was man tun kann, denn man landet unweigerlich auf der Fresse.

Als ich den Salto das erste Mal probierte, hing ich nicht an Seilen. László stand wie bei den vorherigen Kollegen neben der Matte, tief in der Hocke, mit der Spannung eines Karatekämpfers. Den linken Arm schon ausgestreckt über der Matte, dort, wo der Drehpunkt des Saltos sein wird. Den rechten Arm dort, wo ein Tennisspieler den Ball beim Aufschlag trifft. Bereit, dem Springenden Schwung für die Drehung zu geben.

Alle, die vor mir dran waren, hat er auf die Beine gebracht. Alle standen nach dem Sprung mit diesem erstaunten Grinsen da: »Was war jetzt? Habe ich wirklich einen Salto gemacht?« Wir waren alle wie berauscht. Als ich absprang, hatte ich noch das Lachen im Gesicht. Es gab nur das Gefühl der Vorfreude.

Ich war damals fit wie ein Turnschuh und katapultierte mich in eine rekordverdächtige Höhe. Aber als mein Rücken in die Waagerechte kam, machte der Reflex mit mir, was er wollte. Ich landete aber auch so was von auf der Fresse, und zwar ohne dass László wirklich eingreifen konnte. Ich war ihm einfach durch beide Hände gerutscht.

Ich habe mir nicht wirklich wehgetan. Aber László war ein bisschen blass im Gesicht, als er mir auf die Beine half und mich abtastete.

Er sagte nur: »Was war denn das?« Nachdem er sich überzeugt hatte, dass ich keine bleibenden Schäden davontragen würde, kümmerte er sich um die nächsten Kollegen, aber ich konnte sehen, dass ihn mein Versagen weiter beschäftigte. Er suchte die Schuld bei sich.

Mir begegnete er fortan wie ein Psychotherapeut, der seinen schwersten Fall vor sich hat. Ich wünsche jedem Menschen, dass ihm László einmal begegnet. Er ist einer der wenigen Engel, die unter uns weilen.

 

»Willst du noch mehr hören?«, werde ich meine Mutter fragen und beginne, ohne die Antwort abzuwarten: »Weißt du noch, wie du mich vom Schlitten verloren hast?«

»Nu klar!«, wird sie schreien, dass mir die Ohren klingen. Sie hat eine Stimme wie Anneliese Rothenberger.

»Ich war mit dir in Zwickau, und du warst ziemlich genau ein Jahr alt. Auf dem Rückweg hatte das Schneetreiben zugenommen, vor allem hatten wir jetzt Gegenwind. Bis Haßlau waren es fünf Kilometer, der Schnee war knöcheltief. Ich hatte dich gut eingepackt, aber nicht angebunden. Schnuller und Anbinden waren nicht mehr drin. Wäre auch nicht gegangen, weil es keine Lehne oder Umrandung gab. Der Schlitten zog sich nicht leichter, als du runtergefallen warst. Ich drehte mich erst um, als ich eigentlich mit meinen Kräften schon am Ende war.

Als ich den leeren Schlitten sah, rannte ich sofort los, ich rannte um dein Leben und um mein Leben. Ich musste den halben Weg zurücklaufen, um dich endlich im Straßengraben zu finden. Wärst du zur anderen Seite vom Schlitten gerollt, wärst du auf der Straße gelandet. So aber lag ein weißes Bündel im weißen Graben. Du lagst mit dem Gesicht im Schnee. Ich dachte, du bist erfroren oder erstickt, oder beides.

Aber als ich dich aufhob, hast du mich angestrahlt. Du hast nicht geweint, aber du hast sowieso nie geweint, oder geschrien, oder gequengelt. Ich habe zu Pap immer gesagt: ›Der liebe Gott hat uns das stillste aller Kinder geschenkt.‹«

»Das wird ja wohl in erster Linie euer Verdienst gewesen sein«, werde ich sagen, und diesmal werde ich ihr über das Haar streichen. »Weißt du noch, wie du mich, als du vom Einkaufen nach Hause kamst, im geöffneten Fenster über dem Hühnerstall hast stehen sehen?«

Jetzt wird meine Mutter die Hände vors Gesicht schlagen und sagen: »Junge, heute willst du mich fertigmachen.«

 

»Ich bin gleich wieder da«, sagt sie noch mal, während sie mir einen dicken Schmatz mitten ins Gesicht drückt. »Du musst keine Angst haben, ich bin gleich wieder bei dir.«

Angst?

Ich höre, wie sie die Tür von außen abschließt und die Treppe runtergeht. Als sie am Gehege vorbeikommt, werden die Hühner lauter.

Ich schließe die Augen und trinke meine Milch. Als die Flasche leer ist, kaue ich noch eine Weile auf dem Nuckel herum. Das Gackern lenkt meinen Blick auf das offene Fenster und lässt in mir den Entschluss reifen.

Ich stehe also auf der Fensterbank und genieße die Aussicht.

In etwa vierzig oder fünfzig Meter Entfernung führt ein kleiner Weg von der Straße rauf zum Hühnerstall. Ich überlege gerade, ob ich nicht ein bisschen Brot holen soll, um es an die Hühner zu verfüttern, da sehe ich meine Mutter in den Weg einbiegen. Ich habe kein Problem, allein zu sein, mein ganzes Leben wird das so sein. Trotzdem freue ich mich natürlich, sie zu sehen. Ich winke ihr zu. Mit beiden Armen.

Irgendwas muss sie erschreckt haben, denn sie rennt plötzlich los und schreit: »Peter!«

Sie hat es gefühlte hundert Mal geschrien, als sie vor dem Gehege kurz haltmacht, zu mir hochkuckt und mit wie zum Gebet gefalteten Händen flüstert: »Bleib so, bitte, bitte, bleib einfach so!«

Die Hühner gackern laut und flattern in die Höhe, dass die Federn fliegen. Man könnte denken, der Fuchs sei wieder da.

Während meine Mutter die Treppe hochpoltert, sehe ich ein paar Kartoffeln und ein paar Möhren, wie sie zurück zur Straße rollen.

Vorsichtig drehe ich mich um, Richtung Wohnung, und will mich schon an den Abstieg machen, als mir klar wird, so wird das nichts. Ich muss so runter, wie ich hochgekommen bin. Also drehe ich mich wieder Richtung Hühnerstall und gehe langsam auf die Knie.

Ich höre einen spitzen Aufschrei meiner Mutter. Mein Vater wird ihr heute Abend beide Schienbeine verbinden müssen.

»Scheißtreppe«, wird sie sagen, »und die Scheißhühner, und überhaupt, ich will hier nicht mehr wohnen. Lass uns was anderes suchen, ich will eine stinknormale Erdgeschosswohnung!«

Als sie den Schlüssel in die Tür steckt, höre ich sie fluchen: »Gottverdammmich!«

Irgendwie, denke ich, ist es ganz gut, dass sie gleich da sein wird. Denn auf der Fensterbank kniend, komme ich nicht mehr vor und nicht mehr zurück. Alle Bergsteiger, die ich in meinem Leben treffe, werden mir bestätigen, dass der Abstieg schwerer ist als der Aufstieg.

Jetzt, da meine Mutter endlich die Tür hinter mir aufkriegt, bringt mich der Luftzug fast aus dem Gleichgewicht. Im nächsten Augenblick finde ich mich auf dem Sofa wieder, meine Mutter über mir, unter mir, und wieder über mir. Es tropft mir in die Augen, auf die Nase, auf die Zunge … schmeckt nach Salz.

Sie wird mich den ganzen Tag nicht mehr aus den Armen lassen.

Sex und andere Kleinigkeiten

Falls es Sie interessiert, ich bin jetzt sechs, es ist mein erster Schultag, und ich werde heute meinen ersten Orgasmus haben. Aber der Reihe nach.

»Was willst du mal werden?«, fragt unsere Klassenlehrerin jeden Einzelnen. Sie fängt vorne in der ersten Reihe an. Ich sitze in der letzten Reihe, allein in einer Zweierbank. Sie erinnern sich, Bank und Schreibpult aus einem Guss.

Ich hätte noch eine Menge Zeit, mir was zu überlegen, aber ich muss nichts mehr überlegen, mein Berufswunsch steht schon lange fest. Es fällt mir schwer, nicht gleich damit rauszuplatzen. Es wird unerträglich lange dauern, bis sie mich fragen wird, denn danach fragt sie immer auch noch: »Und warum?«

Unsere Klassenlehrerin ist die dritte Frau nach meiner Mutter, die ich lieben werde. Die zweite Frau ist unsere Nachbarin in der neuen Wohnung. Es wird eine kurze Liebe sein, sie wird nächstes Jahr sterben.

Die Zimmer in der neuen Wohnung sind viel größer. Vor allem gibt es noch einen Vorraum, der so groß ist, dass mein Vater ihn mit einem dunkelroten Vorhang geteilt hat. Er ist wie ein Theatervorhang zweigeteilt, sodass man leicht in der Mitte durchgehen kann. Vor dem Vorhang lagern wir alles, was andere Leute in den Keller bringen. Vorräte, Fahrräder, Werkzeug. Hinter dem Vorhang ist meines Vaters Weinkeller, denn er war vor dem Krieg Wein- und Gurkenbauer in Groß Tajax bei Znaim. Er wird bis an sein Lebensende jedes Jahr hundert Liter Wein keltern. Er wird Stiegen voller Weintrauben nach Hause bringen, die er sich meist an den Hinterausgängen der Lebensmittelgeschäfte abgeholt hat. In seinen letzten Jahren wird Aldi sein Traubenlieferant sein.

Die dickbauchige Gärflasche, die hinter dem Vorhang steht, ist so groß wie ich.

Wir wohnen jetzt ebenerdig, und die Nachbarin hat eine kleine Wohnung neben uns. Ihr Mann ist gestorben, bevor wir einzogen. Sie lebt von der Rente und hat deshalb den ganzen Tag Zeit. Was man von meinen Eltern nicht behaupten kann. Meine Mutter arbeitet jetzt auch. In einer Zuckerfabrik. Sie kommt jeden Abend mit einem Bonbon nach Hause.

Am Tag meiner Einschulung

Die Nachbarin ist so alt wie meine Oma. Was praktisch ist, denn meine Oma ist tot. Das heißt, die eine Oma und der eine Opa sind schon lange tot, und die andere Oma lebt mit dem anderen Opa, seit der Krieg vorbei ist, mit zwei Schwestern meines Vaters in Hohenkirchen bei Kassel. Ich werde sie in fünf Jahren zum ersten Mal sehen.

Mit Froschkönig, Hänsel und Gretel, Rapunzel, Aschenputtel, Rotkäppchen, Dornröschen, Schneewittchen, Rumpelstilzchen, Hans im Glück und vor allem mit dem tapferen Schneiderlein hat mich meine Ersatzoma jeden Tag in Atem gehalten und mir das Warten auf die Schule verkürzt. Wenn sie nächstes Jahr von heute auf morgen plötzlich tot ist, wird mich das treffen bis ins Mark. Nicht nur, weil sie nicht mehr da ist, sondern weil mir klar wird, dass auch meine Mutter sterben wird, mein Vater, alle Menschen, und ich.

In der Nacht nach ihrer Beerdigung werde ich mir ausmalen, wie alt ich werde. Vierundfünfzig, werde ich denken. Ich werde mit vierundfünfzig sterben. Ich werde ab dieser Nacht wissen, dass ich mit vierundfünfzig sterbe. Erst in zwanzig Jahren werde ich darüber grübeln, wie ich auf die Vierundfünfzig gekommen bin. Und ich werde es herauskriegen. Meine »Oma« von nebenan ist 1954 gestorben. Die Vierundfünfzig lag in der Luft, sie ist mir in jener Nacht zugeflogen und hat sich so verankert, dass ich noch im Alter von dreiundfünfzig zu wissen glaube, mit vierundfünfzig zu sterben.

Im gleichen Maße, wie mich die Vierundfünfzig als junger Mensch beflügeln wird (macht sie mich doch bis dahin unsterblich), wird sie mich lähmen, je näher sie rückt. Ich werde davon erzählen, wenn ich so alt bin.

 

»Du bist der Peter, stimmt’s?«, sagt die Lehrerin.

Ich nicke beflissen. Jetzt, da sie vor mir steht, kann ich sie riechen. Sie trägt ein türkisfarbenes Kleid, hat schwarze Haare, braune Haut und viel größere Brüste als meine Mutter.

»Und was willst du …?«

»Schauspieler!«

Wenn ich gewusst hätte, was jetzt passiert, ich hätte mir einen anderen Beruf ausgedacht. Die ganze Klasse brüllt vor Lachen. Diese Lokomotivführer, Piloten, Polizisten, Soldaten, Matrosen, Lehrer und Lehrerinnen, Tierärzte und Krankenschwestern lachen mich aus.

Es kann mich nicht trösten, als die Lehrerin sagt: »Warum lacht ihr denn? Was gibt es da zu lachen? Der Peter will Schauspieler werden. Na und!«

Ich werde es mein ganzes Leben lang über die Maßen genießen, wenn die Leute über mich lachen. Aber ausgelacht zu werden ist genauso schlimm, wie bespuckt zu werden.

Mein Berufswunsch jedenfalls wird von dem Gelächter begraben. Ich werde ihn zwölf Jahre lang nicht mehr äußern. Ich werde ihn zwölf Jahre nicht einmal mehr denken. Er wird erst wieder hochkommen, wenn ich eigentlich schon nicht mehr leben möchte.

»Und warum?«, fragt sie.

»Weiß nicht«, sage ich kaum hörbar. Dabei weiß ich es ganz genau! Weil meine Mutter alle Schauspieler liebt! Für manche schwärmt sie so sehr, dass mein Vater eifersüchtig wird!

Die nächsten zwei Schulstunden gehen spurlos an mir vorüber. Ich komme erst wieder zur Besinnung, als wir für die letzte Stunde in die Turnhalle gehen. Sie ist riesig. Sie hat keine Umkleideräume, deshalb stehen wir, Jungs wie Mädels, nebeneinander vor einer dieser langen, niedrigen Bänke und schlüpfen in unsere Turnsachen.

Ich lege die weißen Kniestrümpfe, die kurze dunkelblaue Hose, das weiße Hemd und das leuchtend blaue Halstuch ordentlich gestapelt auf die Bank. Die schwarzen Halbschuhe, die mir noch um einiges zu groß sind, stelle ich unter die Bank. Sie sollten auch im zweiten Schuljahr noch passen, hatte mein Vater gesagt, als wir sie kauften. Das Unterhemd behalte ich an, die schwarze Turnhose hole ich aus der Schultasche. Turnschuhe habe ich noch keine.

Barfuß geht es ans Aufwärmen. Hüpfen und Springen auf der Stelle, Kniebeugen, Liegestützen, Hampelmänner. Turnen macht Spaß. Der Lehrer erklärt uns die Völkerballregeln, dann legen wir los, er spielt mit, er ist sehr sportlich, und ich mag ihn sofort. Er ist so sportlich, dass er jeden Sonntagvormittag bei der hiesigen Fußballmannschaft im Tor steht. Er wird mich eines Tages wiederbeleben, denn ich verpasse von jetzt an kein Spiel.

Ich stehe immer direkt hinter seinem Tor, das heißt, ich hänge in dem verrosteten Maschendraht, mit dem im Dorf die meisten Häuser eingezäunt sind. Die schönen weißen Tornetze werde ich erst im Westen kennenlernen.

Aufgrund meiner winzigen Füße wäre es mir ein Leichtes, bis auf Höhe der Querlatte zu klettern. Habe ich auch gemacht, aber da hatte er mich mit strengen Worten runtergejagt. Deshalb begnüge ich mich damit, in etwa einem halben Meter Höhe das Spiel zu verfolgen.

Als der gegnerischen Mannschaft ein Elfmeter zugesprochen wird, bin ich mindestens so nervös wie er. Es ist einer der wenigen Schüsse, die ich ihn habe durchlassen sehen. Der Ball trifft mit voller Wucht in den Maschendraht, genau in Höhe meines Bauches. Ich fliege hinter dem Tor auf die Erde, danach weiß ich nichts mehr.

Am Abend wird mich mein Vater fragen: »Warum isst du nichts?«

»Ich habe Bauchweh.«

»Wovon?«

»Weiß nicht.«

Am Montagmorgen erzählen sie mir in der Klasse, dass das Spiel eine Viertelstunde lang abgepfiffen war und dass unser Turnlehrer mich wiederbelebt hat.

Das weiß ich jetzt, in diesem Augenblick, natürlich noch nicht, denn sonst trüge er schon jetzt den Heiligenschein, den ich ihm danach verpasst habe.

Nach dem Völkerball spielen wir sogar noch kurz »Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann«.

Er schaut auf die Uhr: »Könnt ihr noch? Wollt ihr noch?«

»Ja!«, kommt es aus zweiundzwanzig Kehlen. Mein »Ja« ist das leiseste, obwohl ich unter Garantie am meisten will.

»Dann kommt mal mit!«

Er führt uns in die andere Ecke der Halle, wo vier Kletterstangen bis zur Decke reichen. Der Boden unter den Stangen ist mit dicken, schmutziggrünen Matten ausgelegt.

»Wer hat Lust? Wer traut sich?«

Alle trauen sich.

»Aber nicht alle auf einmal! Einer nach dem andern!«

Wieder wird es eine Ewigkeit dauern, bis ich dran bin.

Kurz bevor mein Vater mich und meine Mutter in den Westen nachkommen lässt, werde ich zu meinem Lehrer gehen und mich bedanken.

»Wofür?«, wird er sagen.

»Dass Sie mich wiederbelebt haben.«

Auf seinem Gesicht wird sich ein ungläubiges Lächeln breitmachen, wenn er sagt: »Du warst doch nicht tot! Du hast nur keine Luft mehr gekriegt. Du warst ohnmächtig!«

Ich werde nicht widersprechen und denken: »Hast du ’ne Ahnung! Ich war tot.«

Ich bin gleich dran. Bis jetzt ist noch keiner bis nach ganz oben gekommen, und es sind nur noch zwei Mädchen vor mir. Man muss zugeben, dass die Mädchen es im Schnitt höher geschafft haben als die Jungs. Und die Dünnen höher als die Dicken. Ich bin spindeldürr, ich habe gute Chancen.

Außerdem hat mir mein Vater vor einem Jahr, als wir unseren ersten Urlaub in Graal-Müritz verbrachten, die nötigen Grundkenntnisse beigebracht. Am Strand standen zwei Kletterstangen. Viel kleiner als die, an der sich jetzt das Mädchen vor mir abmüht. Mein Vater konnte mich jedenfalls mit ausgestreckten Armen von oben runterholen.

»Die Beine sind das Wichtigste«, hatte er gesagt. »Du musst deine Beine um die Stange herum verknoten! Und nicht vergessen! Vorher in die Hände spucken!«

Als ich jetzt in die Hände spucke, kommt wieder dieses dreckige Gelächter. Aber diesmal lässt es mich unbeeindruckt.

»Ich werd’s euch zeigen!«, denke ich.

Die Stange ist mindestens dreimal so hoch wie die in Graal-Müritz. Den ersten halben Meter springe ich. Der Knoten passt, und ich ziehe mich zügig in die Höhe. Die Stange reibt so zwischen meinen Beinen, dass es ganz warm wird. Bis zur Hälfte der Stange habe ich keine Mühe. Die ersten Mädchen fangen an zu klatschen.

Danach wird es bei jedem Zug schwerer. Aber je schwerer es wird, desto wärmer wird es zwischen meinen Beinen. Als ich oben anschlage und unter mir Applaus anhebt, ist es zwischen meinen Beinen so heiß, als ob irgendetwas Feuer gefangen hätte und jetzt explodiert. Es ist ein so schönes Gefühl, dass ich vor Schreck den Halt verliere und einen Meter abrutsche. Aber der Knoten hält schon wieder, als der Lehrer »Vorsicht!« ruft und die ganze Klasse den Atem anhält. Ich lasse mich langsam runter und lausche dem Pulsieren, das aus der Mitte meines Körpers kommt. Als ich unten ankomme, ist der Jubel so groß wie das Gelächter in der ersten Stunde.

Ich werde von jetzt an viel Zeit mit Klettern verbringen. Einmal werde ich mich sogar heimlich in die Halle schleichen. Leider kann ich bald so mühelos klettern, dass die Belohnung nach und nach ausbleibt.

Das Leben geht weiter

Schon wieder stehe ich an einem Abgrund. Ich bin jetzt acht Jahre alt. Ich stehe in fünfzig oder sechzig Meter Höhe auf der Talbrücke Wilkau-Haßlau. Eine riesige Stahlkonstruktion, die Hitler hat bauen lassen, »um seine Soldaten schneller an die Front zu bringen«, wie mein Vater mir erklärte.

Nach einer kleinen Kletterpartie stehe ich jetzt außen am Geländer. Meine Füße haben festen Halt, trotzdem muss ich mich festhalten, denn ein kühler, kräftiger Wind pfeift mir um die Ohren und droht mich jeden Augenblick wegzuwehen.

Ich stehe hier aus zwei Gründen. Zum einen möchte ich nicht mehr leben, weil meine Eltern sich trennen wollen. Mein Vater schläft jetzt im Wohnzimmer. Seit zwei Wochen reden sie nicht mehr miteinander. Wenn es dennoch was zu reden gibt, schicken sie mich als Boten zum jeweils anderen. Beide geben mir unmissverständlich zu verstehen, dass es kein Zurück mehr gibt.

Der zweite Grund, warum ich ausgerechnet hier stehe und nicht auf dem Kirchturm oder auf dem Dach der Turnhalle, ist die Tatsache, dass ich dieser Brücke mein Dasein verdanke.

»Eine Brücke als Lebensspender? Was für ein Quatsch!«, werden Sie sagen. Dann lassen Sie mich die Geschichte erzählen, die ich mir von meiner Mutter immer wieder erzählen ließ. Die Geschichte, wie sie meinen Vater kennengelernt hat.

Sie müssen wissen, dass die Soldaten, wenn sie auf ihrem Marsch zur Front durch irgendwelche Dörfer oder Städte kamen, den Spalier stehenden meist jungen Frauen auf kleinen Zetteln ihre Frontadresse zusteckten. Wohl in der Hoffnung, ein paar warme Zeilen oder ein paar warme Socken aus der Heimat zu bekommen.

In Wilkau-Haßlau zogen sie nicht durch die beiden Dörfer, sondern in fünfundfünfzig Meter Höhe auf der Brücke über sie hinweg. Für die Frauen wäre es ein beschwerlicher einstündiger Fußmarsch gewesen, um auf die Brücke zu gelangen. So empfingen sie die Soldaten immer unter der Brücke.

Stellen Sie sich bitte vor. Ein halbes Hundert mit beiden Armen wedelnder Frauen, das mit lauten Rufen auf sich aufmerksam macht. Und in schwindelnder Höhe über ihnen ein minutenlanger Konfettiregen. Die meisten Zettel landen im braunen Wasser der Zwickauer Mulde und werden weggespült oder verwehen in den Bäumen oder sonst wo.

1943 war meine Mutter einundzwanzig Jahre alt. Ihre Mutter war vor vier Jahren an Blutkrebs gestorben. Ihr Vater, ein begnadeter Zitherspieler, arbeitete im Kohlenbergbau in Zwickau und kränkelte zu dieser Zeit schon sehr. Er wird meine Geburt nicht mehr erleben. Das Schlimmste für meine Mutter aber war, dass sie vor wenigen Wochen ihren zwei Jahre älteren Bruder verloren hatte. Sein Flieger war über Paris abgeschossen worden. Sie hatte ihn abgöttisch geliebt und war mit der Trauerarbeit noch nicht zu Ende, als sie im Alter von vierundachtzig starb.

So ist es nicht verwunderlich, dass sie sagt: »Mir ist nicht danach«, als ihre beste Freundin Martha zu ihr kommt und ihr aufgeregt mitteilt: »Du, Gerda, morgen kommen die Soldaten wieder, gehst du mit zur Brücke?«

»Mir ist nicht danach, außerdem habe ich kein Glück. Ich war jetzt schon dreimal da, und nie habe ich einen Zettel erwischt. – Aber bring mir einen mit, falls du mehr Glück hast als ich!«

Am nächsten Tag kommt Martha zu Gerda und hält ihr einen Zettel hin: »Ich habe nur den einen, aber stell dir vor, vorne steht ein Name drauf und hinten auch einer!«

Meine Mutter liest erst »Max Josef Huber« und dann »Ferdinand Clemens Sattmann«.

»Welchem willst du schreiben?«, fragt sie Martha.

»Mir egal.«

»Dann würde ich gerne dem Ferdinand schreiben, außer du …«

»Von mir aus. Dann schreib ich dem Max!«

Danach liegen sie sich in den Armen und hoffen, endlich den Mann fürs Leben zu finden.

Drei Monate später verbringt mein Vater die wenigen Tage seines ersten Fronturlaubs bei meiner Mutter.

»Vor dem ersten Urlaub von Russland bei meiner unbekannten Gerda«, steht unter einem Foto von ihm, das ich unter tausend anderen in seinem Kriegsalbum finde. Auf dem Umschlag protzt in der linken oberen Ecke ein Hakenkreuz, darunter in gedruckten Lettern »Meine Dienstzeit«.

Das Album hat mindestens hundert Seiten und ist randvoll gefüllt mit Fotos, manche nicht viel größer als eine Briefmarke. Aber zu allen hat mein Vater mit silbern glänzender Tusche und Feder in filigranen Buchstaben einen Kommentar verfasst. Er dokumentiert den Russland-, den Polen- und den Frankreichfeldzug. Das Foto auf der letzten Seite zeigt ihn gemeinsam mit einem Kriegskameraden auf der obersten Plattform des Eiffelturms.

Das Kriegsalbum meines Vaters ist mein erstes und lange Zeit mein einziges Bilderbuch. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht darin blättere.

Zerstörte Brücken und Panzer, Flugzeugwracks, endlos lange Schlangen trostloser Menschen, Kadaver von Pferden und Massengräber sind die häufigsten Motive. Unter einem der Fotos steht: »In diesem Wald hätte auf einer Länge von zehn Kilometern ein Toter dem anderen die Hand reichen können.«

Eins meiner Lieblingsfotos zeigt zwei Dutzend Soldaten, wie sie in Reih und Glied ihre nackten Ärsche in eine Ackerfurche halten. Andere sind die Aufnahmen von zwei kleinen Jungs. In der Mitte, zwischen den beiden Fotos, steht geschrieben:

Rechts: »Heinz als elfjähriger Soldat«. Die Uniform sitzt perfekt. Das Gewehr bei Schulter.

Links: »Alfons, sieben Jahre, in der Uniform seines großen Bruders«.

Die beiden schauen so fröhlich in die Kamera, dass die Befürchtung, ihnen könne Schlimmes widerfahren, nicht aufkommt.

Auch der zweite Fronturlaub meines Vaters, diesmal aus Polen, war kurz.

»Ich komme wieder«, hatte er meiner Mutter zum Abschied versprochen. Sie musste über zwei Jahre auf ihn warten. Denn nach Ende des Krieges kam er zuerst in französische Gefangenschaft. Auf seiner Flucht geriet er in die Arme der Engländer. Nach erneuter Flucht endete der Krieg für ihn in amerikanischer Gefangenschaft. Er bekam immer feuchte Augen, wenn er sagte: »Die Zeit bei den Amis war die schönste in meinem Leben. Es gab Schokolade, Zigaretten, genug zu essen, sie spielten sogar Fußball mit uns. Es fehlte uns an nichts. Wir fühlten uns aufgehoben. Wir fühlten uns beschützt.«

Dieses schöne Bild von den Amis wird erst in den Siebzigerjahren während des Vietnamkrieges bei mir verblassen.

Ich könnte stundenlang vom Krieg und aus der Gefangenschaft meines Vaters erzählen, denn ich habe jede einzelne Geschichte zigmal gehört. Ich habe immer wieder an seinen Lippen gehangen, wenn er von dem Leid, hin und wieder auch von den heiteren Momenten berichtete.

Immer noch – Sie erinnern sich, ich bin jetzt acht Jahre alt – sitzen meine Eltern am Wochenende mit Freunden bei selbst gemachtem Wein zusammen und reden vom Krieg und von der unmittelbaren Zeit danach. Mich könnte der Krieg nicht mehr traumatisiert haben, wenn ich ihn selbst erlebt hätte.

Aber im Augenblick ist dieser Krieg nicht das Problem für mich. Der Krieg meiner Eltern ist der Grund, warum ich hier oben stehe. Und der jetzige Krieg ist noch schlimmer als der vor vier Jahren, als meine Mutter im Schlafzimmer mich flüsternd bat: »Kuck mal, wo der Pap steckt!«

Im Wohnzimmer war er nicht. Im Garten, wo er die meiste Zeit seiner wenigen Freizeit verbrachte, war er nicht. Im Vorraum war er nicht. Konnte er nur noch hinter dem Vorhang sein. Und tatsächlich, als ich durch den Spalt schlüpfte, sah ich ihn auf einem Hocker stehen, seinen Hals umschlungen von einem Seil, das über ein dickes Rohr an der Decke führte.

Er sah mich ertappt an.

»Mami, ich habe ihn gefunden«, rief ich erfreut. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie hinter mir durch den Vorhang trat.

Sofort begann wieder einer dieser Ringkämpfe, die mein Vater klaglos über sich ergehen ließ. Irgendwann saß er vor uns auf dem Hocker, heulte Rotz und Wasser und sagte kraftlos: »Ich will nicht mehr leben.«

Der Grund war sicher nicht allein der Streit mit meiner Mutter. Da waren noch die zwölf mörderischen Stunden in der Erzwäscherei jeden Tag, das wenige Geld und vor allem die »Scheiß DDR!«, wie ich ihn immer wieder fluchen hörte.

Als kleines Kind ist man der Meinung, dass einem Weinenden kein Wunsch abgeschlagen werden darf, und sei er noch so befremdlich. Ich schob deshalb meine Mutter beiseite und sagte: »Lass ihn!«

»Bist du verrückt, Junge, er will sich umbringen!«

»Aber du siehst doch, er weint, lass ihn!«, bettelte ich. Und weinte mit ihm.

Ich hörte von beiden ein leises unterdrücktes Lachen. Noch in der gleichen Stunde haben sie sich versöhnt und beschlossen, in den Westen abzuhauen. Es wird von da an sechs Jahre dauern, bis sich ihre Sehnsucht erfüllt und wir in eine Einzimmerwohnung in Friedrichshafen am Bodensee ziehen. Jeden Tag, bevor ich zur Schule gehe, raunt meine Mutter mir konspirativ ins Ohr: »Aber sag das bloß keinem, hörst du! Davon darf niemand etwas erfahren, sonst kommen wir alle ins Gefängnis!«

 

Im Gefängnis könnte ich mich nicht beschissener fühlen als jetzt, da meine Finger klamm werden und die Tiefe unter mir mich doch einigermaßen erschreckt.

»Elf Menschen sind hier, seit dem Bau der Brücke 1939, hinuntergesprungen«, erzählen sich die Leute im Dorf. Und alle hätten im letzten Moment geschrien, bevor sie mit einem lauten Knall auf dem Kopfsteinpflaster aufgeschlagen sind.

Der Gedanke lässt mich erschaudern.

Ich bekomme plötzlich Angst. Ich will nicht mehr springen und klettere vorsichtig übers Geländer zurück auf die Straße. Ein Auto rattert vorbei, hält nach wenigen Metern an und stößt zurück. Die Frau neben dem Fahrer springt aus dem Auto und fragt mich: »Was machst du denn hier, Kleiner?«

»Runterkucken«, sage ich.

»Wo sind denn deine Eltern?«, fragt sie weiter.

»Unten«, und marschiere los.

»Sollen wir dich …?«

»Ich weiß den Weg!«

Nach einer Weile höre ich sie einsteigen und davonfahren.

Als ich zu Hause ins Wohnzimmer komme, sitzen mein Vater und meine Mutter nebeneinander auf dem Sofa und fragen mich: »Wo warst du denn so lange?«

»Fußball spielen.«

Großmutter Therese

Auch vor dem Bau der Mauer war die Flucht für uns Zonis in den Westen wenn nicht lebensgefährlich, so doch lebensbedrohlich. Brachte man triftige Gründe vor, konnte es durchaus eine befristete Ausreisegenehmigung geben, aber immer nur für die Person, die den Antrag gestellt hatte. Verstehen Sie? Die Behörden ließen nie eine ganze Familie für einen Besuch in den Westen reisen. Diese Schweinebande behielt immer mindestens ein Familienmitglied als »Pfand« zurück.

Mein Vater hatte einen triftigen Grund. Seine Eltern und seine beiden Schwestern, die er seit sechzehn Jahren nicht mehr gesehen hatte, lebten bei Kassel. Ihm wird 1956 die Reise für vier Wochen in den Westen bewilligt.

Meine Eltern hatten das wirklich wenige, das sie besaßen, in den Monaten zuvor an gute Freunde verscherbelt und ihnen anheimgestellt, die Wohnung zu plündern, wenn wir weg sein werden.

Ich bin dankbar, sagen zu können, dass in unserem damaligen Freundeskreis keiner bei der Stasi war, denn sonst hätte dieses Abenteuer für meinen Vater wirklich im Gefängnis geendet.

Vom Augenblick der Abreise meines Vaters an saßen wir in den Startlöchern. Konkret heißt das, der Reiseantrag für mich und meine Mutter lag ausgefüllt und unterschrieben auf dem Tisch.

Und, jetzt kommt’s, daneben lag ein von meinem Vater handschriftlich geschriebener Brief, in dem er mit der zittrigen Schrift einer alten, kranken Frau Folgendes verlauten ließ:

Liebe Gerda, liebes Peterle,

ich habe Euch noch nie gesehen, trotzdem habe ich Sehnsucht. Und ich habe große Angst, dass ich Euch nie kennenlerne, denn mit mir geht es langsam zu Ende. Liebes Peterle, alle sind um mein Bett versammelt. Dein Opa Johann, dein Vater, deine Tante Klara und deine Tante Rosl. Nur ihr beiden fehlt. Ich bete zu jeder Stunde, dass der liebe Herrgott Euch auf einen Weg zu mir schickt, bevor er mich zu sich holt.

Deine Therese, Deine Oma.

Wir hatten kein Telefon. Kurz vor Ablauf der vier Wochen erreichte uns ein Brief, in dem er uns mitteilte, dass er die Sache abblasen muss, weil er keine Arbeit und keine Wohnung findet. Welche Enttäuschung!

Die ersten Worte, die ich nach seiner Rückkehr von ihm hörte, waren die: »Ich gebe nicht auf. Wir versuchen es weiter. Ich muss nur alles besser vorbereiten!«

Die wichtigste Vorbereitung traf seine ältere Schwester Klara. Äußerst gottesfürchtig, nie verheiratet, jeden, wirklich jeden Tag in der Kirche, immer in Trauer gekleidet, hatte sie dennoch ein reges Sexualleben. Vor allem den Gastarbeitern konnte sie nicht widerstehen. Sie hatte noch Kontakt zu einem Italiener, der inzwischen am schönen Bodensee auf dem Bau arbeitete. Er musste ihr wohl in etwa Folgendes geschrieben haben, nachdem sie ihm die Not ihres Bruders geschildert hatte: »Arbeit? Kein Problem! Hier wird viel gebaut. Wenn er zupacken kann! Und wenn er sich nicht zu schade ist! Kein Problem!«

Mein Vater war sich für nichts zu schade. Nie. Die Aussicht, der Hölle von Wismut-Aue zu entfliehen und unter freiem Himmel auf einem Baugerüst zu turnen, ließ ihn im Sommer 1957 erneut aufbrechen. Nach nur einer Woche gab er uns den Startschuss.

Meine Mutter machte sich hübsch, steckte mich in meine Sonntagsklamotten und fuhr mit mir nach Zwickau aufs Amt.

Das Büro war klein, schlecht beleuchtet und roch nach den Akten, die sich auf jeder freien Fläche stapelten. Der Mann hinter dem Schreibtisch war grauhaarig, hager und traurig.

Ich kann mich mit hundertprozentiger Sicherheit daran erinnern, dass er uns während der gesamten Audienz kein einziges Mal in die Augen geblickt hat.

Das ausgefüllte Formular lag vor ihm auf dem Tisch, den Brief von »Großmutter Therese« hielt er mit beiden Händen vor sich und las, natürlich nicht laut:

Liebe Gerda, liebes Peterle,

ich habe Euch noch nie gesehen, trotzdem habe ich Sehnsucht. Und ich habe große Angst, dass ich Euch nie kennenlerne, denn mit mir geht es langsam zu Ende. Liebes Peterle, alle sind um mein Bett versammelt. Dein Opa Johann, dein Vater, deine Tante Klara und deine Tante Rosl. Nur ihr beiden fehlt. Ich bete zu jeder Stunde, dass der liebe Herrgott Euch auf einen Weg zu mir schickt, bevor er mich zu sich holt.

Deine Therese, Deine Oma.

Dieser Brief ist ja wirklich nicht lang! Man kann doch annehmen, dass, außer Sie sind Analphabet, er nach einer Minute nichts Neues mehr bietet. Haben Sie gedacht! Der Mann las und las. Seine Augen wanderten von Zeile zu Zeile, von Satz zu Satz, von Wort zu Wort, von Buchstabe zu Buchstabe, von Zeichen zu Zeichen und wieder zurück. Kurz hatte ich Angst, er holt den Rotstift raus und gibt uns das Schreiben korrigiert zurück.

Dann löste sich seine Hand vom Brief, und ich dachte, jetzt ist er fertig.

Weit gefehlt! Er wendete das Stück Papier und las auf der leeren Rückseite weiter. Zugegebenermaßen nicht lange. Aber als er wie in Trance die beschriebene Seite wieder zu sich gedreht hatte, fing er noch mal von vorne an.

Wohlwollend und aus heutiger Sicht interpretiere ich die Zeit, die er brauchte, so. Er war mit Sicherheit kein Sadist, der uns schmoren lassen wollte. Und er war auch sicher nicht dumm. Er war nur ein hagerer, trauriger Mann, an dem in diesen Minuten unzählige Vorschriften, Regelungen und Ausnahmegenehmigungen vorbeirauschten. Jeder geschriebene, jeder gesprochene Satz seiner Vorgesetzten wird bei ihm noch mal geklingelt haben.

»Nur keinen Fehler machen! Sonst werde ich erschossen! Na ja, das vielleicht nicht. Aber …!«

Ich ließ ihn nicht aus den Augen. Ich schaute nur kurz zu meiner Mutter, die wiederum kurz davor war, meine rechte Hand mit ihrer linken zu zerquetschen. Sie sah ihn nicht an. Ihr Blick wanderte unruhig auf dem abgenützten Linoleumboden herum. Wie der Blick eines Spielers, der nicht sehen will, wohin die Roulettekugel rollt.