Mein Leben mit Schuss - Stefanie Karadas - E-Book

Mein Leben mit Schuss E-Book

Stefanie Karadas

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Beschreibung

Dieses Buch ist aus zwei Gründen entstanden. Zum einen - und vordergründig - war es eine Selbsttherapie und zum anderen habe ich die Hoffnung, damit einige Menschen davon abzuhalten, oder zumindest zum Überlegen zu bewegen, nicht in diese Abwärts-Spirale zu geraten. Ich erzähle völlig authentisch von meinem Weg in die Abhängigkeit von Drogen und auch Beziehungen, in all den Facetten von sowohl körperlicher als auch seelischer Gewalt, Gefängnis, Krankheit, bis hin zur Selbstaufgabe. Ebenso von meinem Kampf, in mein Leben zurückzukehren.

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Seitenzahl: 637

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Stefanie Karadas

Mein Leben mit Schuss

Wie Drogen mein Leben lange Zeit dominierten und ich mich unerwartet im Hospiz wiederfand, um zu sterben.

© 2019 Stefanie Karadas

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-7497-3408-5

Hardcover:

978-3-7497-3418-4

e-Book:

978-3-7497-3404-7

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Prolog

1 Meine Kindheit, Jugendzeit und meine erste große Liebe

2 Kettenkarussell

3 Flucht nach Berlin oder einfach nur weg

4 Der Teufel betritt die Bühne

5 Das Spiel mit dem Feuer

6 Ein kleiner Lichtblick

7 Diagnose: "Hiv-positiv" oder "Der kleine Tod auf Raten"

8 Ich wollte dieses Leben nicht mehr

9 Meine Therapiezeit in Hamburg

10 Ein Hauch von Feenstaub

11 Die etwas härtere Bewährungsprobe

12 Heilloses Durcheinander

13 „Marokko“ eine zauberhafte, aber mir noch fremde Welt

14 Der folgenschwerste Entschluss meines Lebens

15 Falscher Stolz und Selbstbetrug

16 ….schleichende Co-Abhängigkeit

17 Das Leben war nicht fair

18 Erwacht in einem Albtraum

19 Absolut keine Chance

20 Tatsächlich noch einmal ein neuer Anfang für mich

21 Die anfänglichen, unaufhaltsamen, kleineren Katastrophen in der wiedergewonnenen Freiheit

22 Mein Wunsch nach Versöhnung

23 Egal ob gut oder schlecht es waren meine Erfahrungen

24 Meine ersten Erfahrungen in der Aids-Prävention

25 Wieder zurück vom Urlaub

26 Zufriedenheit fühlte sich anders an

27 Abschied nehmen

28 Und immer wieder hieß es für mich Abschied nehmen

29 Himmel und Hölle

30 Einfach sein

Prolog

Ich sitze gerade mit Anja, einer Freundin, im Flur des Krankenhauses, in dem sie seit Tagen stationär untergebracht ist. Wie schon so oft unterhalten wir uns sehr angeregt über das Leben und jede erzählt ein bisschen was über sich und ihr bisher Erlebtes.

Ich erinnere mich an ein schönes und denkwürdiges Erlebnis mit 31 Jahren an der Ostsee, als ich mit drei Freunden am Strand spazieren ging. Wir entschieden, jeder von uns sollte sich in eine andere Richtung bewegen und wir würden uns erst wieder zusammenfinden, wenn ein jeder etwas ganz individuell Wertvolles für sich gefunden hatte, zu dem er sich ganz spontan hingezogen fühlte. Also schlenderte ich bester Laune durch die Dünen, hob mal den einen oder anderen Stein oder eine schöne Muschel hoch, aber keines dieser Dinge war etwas wirklich besonderes für mich. Dann sah ich in einiger Entfernung etwas, das wirklich meine Neugier weckte. Voller Freude darüber eventuell etwas Wertvolles für mich entdeckt zu haben. Ich lief darauf zu ohne es auch nur einen Augenblick aus den Augen zu verlieren. Dort angekommen sah ich, dass sich ein schmales Stück Holz in einem Gewirr aus trockenem Gras verheddert hatte, alleine gehalten von einem langen, glänzenden, seidenen Faden. Gerade das Schlichte und Einfache daran hatte mich von Anfang an fasziniert. Heute weiß ich, dass ich genau dieses "Kunstwerk der Natur" finden sollte, denn mit diesem Stück Holz, welches lediglich von einem seidenen Faden gehalten wurde, konnte ich mich ein Stück weit identifizieren.

Ja, mein Leben hing weiß Gott mehr als nur einmal an einem, nicht immer glänzenden, aber seidenen Faden. Schon lange überlegte ich mir irgendwann mal meine Geschichte niederzuschreiben aber ich schob diesen Gedanken immer wieder vor mir her. Meine Begründung für dieses immer wieder Verschieben waren Befürchtungen, dass es doch sicher schon tausende von Biographien mit ähnlichem Hintergrund gab und es mir nicht wirklich wichtig genug erschien, um über mein Leben zu erzählen. Ich war weder bekannt, noch berühmt, hatte auch keinerlei größere Skandale vorzuweisen. Was im Endeffekt doch ausschlaggebend für mich war zu schreiben, war die Tatsache, dass ich nichts zu verlieren hatte. Damit sich dieses Hin und Her nicht noch endlos in die Länge zog, entschloss ich mich heute, hier und jetzt damit zu beginnen einige meiner Lebenserfahrungen mit anderen zu teilen.

1

Meine Kindheit, Jugendzeit und meine erste große Liebe

Es war einmal in einer kalten, verschneiten Oktobernacht in einem kleinen, verträumten Dorf im Schwarzwald, da erblickte zu mitternächtlicher Stunde ein Kind das Licht dieser Erde. Ja, so einfach hätte meine Geburt von statten gehen können aber laut meiner Mutter war es die schwerste Geburt von all ihren vier Töchtern. Meine Mutter erlitt während sie in den Wehen lag über Stunden Unerbittliche Schmerzen. Ich lag in einer Steißlage aber dem Arzt gelang es mich in der Fruchtblase zu drehen. Meine Mutter gebar mich mit großer Anstrengung und der Arzt hatte nicht wie sonst zuerst ein Köpfchen in den Händen, sondern meine Füße, so als wollte ich mich dagegen wehren, geboren zu werden. Aus dem Mutterleib entschwunden hätte ich spätestens jetzt losbrüllen müssen. Aber wie? Kein Atmen war zu hören oder zu fühlen. Eine Nottaufe fand kurzfristig in der Kirche statt. Und dann schrie ich doch.

Mein Name ist Stefanie und ich wurde am 19.10.1960 als jüngste von vier Töchtern geboren. Ich war das Küken in unserer Familie. Unsere Halbschwester Maria war die Älteste, zur Zeit meiner Geburt bereits verheiratet und lebte zwar noch im selben Dorf aber nicht mehr bei uns zu Hause. Ich war ein ruhiges, verträumtes und sehr schüchternes Mädchen. Aufgrund der kleinen Wohnung meiner Eltern, musste ich mit meinen zwei Schwestern Luzia, kurz Lucy, die sieben Jahre älter war, und der zwei Jahre älteren Liselotte, die von allen nur Lis genannt werden wollte, notgedrungen ein Zimmer teilen, mit Lis sogar das Bett. So kam es immer mal wieder vor, dass sie mir die Hälfte der Decke wegzog um mir zu demonstrieren, wer die Ältere war und von uns beiden das Sagen hatte. Meine Kindheit verlief für mich dennoch relativ unbeschwert. Ich ging in den Kindergarten, in dem ich mich mit fast allen gut verstand und Freundinnen fand. Ein Gespräch, welches ich eines Nachmittags zwischen meinem Vater und meiner Mutter heimlich mit anhörte, veränderte mein Verhalten grundlegend. Ich hatte verstanden, dass ich zwar ein Wunschkind aber eben wieder "nur" ein Mädchen war. Mein Vater hatte sich anscheinend einen Jungen, einen Stammhalter, gewünscht. So setzte ich natürlich innerhalb der folgenden Jahre alles daran, sowohl in meinem Verhalten als auch in meinem Aussehen, einem Jungen ähnlich zu sein. Aber egal, was auch immer ich tat, ich blieb ein Mädchen. Ich wurde ein kleiner Wildfang, frech, vorlaut und ich hatte immer das letzte Wort. Die andere Seite in mir aber war meine Schüchternheit, meine Introvertiertheit nahm immer mehr Raum in mir ein. In mir prägte sich eines ganz gravierend ein, nämlich, dass ich nicht so war wie ich sein sollte. Ich wusste oft nicht, wo mein Platz in meiner Familie war und so lernte ich mich hinten anzustellen und meine Bedürfnisse nicht mehr so wichtig zu nehmen. Zu dieser Zeit war mir nicht bewusst, wie sehr dieses Verhalten Einfluss auf mein zukünftiges Leben haben würde.

Während meiner Grundschulzeit war Lucy schon so weit in ihrer Entwicklung, dass sie kaum noch etwas mit Kleinem-Mädchen-Kram anfangen konnte. So wurde Lis die Aufgabe zuteil, immer wieder mal auf mich aufzupassen und mich nach Möglichkeit überall hin mitzunehmen. Unsere Mutter arbeitete täglich für einige Stunden in einer Metzgerei und sie wollte keinesfalls, dass ich unbeaufsichtigt alleine zu Hause war. Den Unmut meiner Schwester darüber bekam ich dann früher oder später gnadenlos zu spüren. Als solches empfand ich es zu dieser Zeit zumindest. Heute verstehe ich den Ärger ihrerseits, denn immerhin war sie beinahe drei Jahre älter als ich und alles andere wäre ganz sicher für sie interessanter gewesen. Einmal, als wir alleine zu Hause waren, kam sie auf die Idee, dass wir uns gegenseitig die Haare schneiden könnten. Ich war hellauf begeistert, denn meine damalige Puppe konnte ich nicht einmal frisieren oder wenigstens kämmen, denn die Puppe und ebenso deren Haare waren aus Plastik. Eine kleine Schere, mit der man Papier schneiden konnte, besaßen wir zwar, zu viel mehr taugte diese aber nicht. Da unsere Mutter arbeiten war, liehen wir uns die Schere aus ihrem Nähkorb aus, sie würde sicher nichts dagegen haben. Wir hattenHaare, die meist zu zwei Zöpfen geflochten waren. Ich sollte mir meine Haare von ihr zuerst schneiden lassen, da sie ja schließlich die Ältere von uns war. Kaum war sie fertig damit, tastete ich mit den Händen meinen Kopf ab und erschrak wie leicht und kurz sich alles anfühlte und mit einem Blick nach unten sah ich, wie viele meiner Haare auf dem Boden lagen, all zulange aber dachte ich nicht darüber nach. Ich erhob mich von dem kleinen Hocker damit sie sich hinsetzen konnte, da ich ihr ja nun auch ihre Haare schneiden sollte. Aber das Einzige, was ich durfte, war mich von ihr auslachen zu lassen und zuzusehen wie sie sich mit ihrem Zeigefinger gegen die Stirn stupste und mir demonstrativ damit immer wieder den Vogel zeigte. Ich musste fürchterlich ausgesehen haben, denn als unsere Mutter nach Hause kam, gab's außer Geschimpfe erstmal für jede einen ordentlichen Klaps auf den Po. Am nächsten Tag nahm sie uns beide an die Hand und ging mit uns zum Friseur. Bei mir und meinen verschnittenen Haaren wurde gerettet, was noch zu retten war. Im Endeffekt hatten wir beide kurzes Haar vom Typ "Topfschnitt." Genau kann ich gar nicht mehr sagen ob ich Lis bei unserer Mutter noch verpetzte, meiner Meinung nach hätte sie sich das ja mehr als nur verdient gehabt. Aber wahrscheinlich hatte sie einfach nur eins und eins zusammen gezählt. Das Rumgezicke ihrer zwei kleinen Mädchen war ihr ja nichts Neues.

Aber auch als wir beide etwas älter waren, blieb meine Schwester nicht davor verschont, immer mal wieder auf mich aufzupassen. Sie war bereits in der Pubertät, traf sich oft mit einem Mädchen aus unserer Nachbarschaft und auch diese schien wenig erbaut darüber, mich ständig im Schlepptau zu wissen. Von daher war es keine Seltenheit, dass sie mich im Laufe eines Nachmittags einfach irgendwo in der Nähe absetzten mit dem Versprechen, gleich zu mir zurückzukommen und mich zu holen. Einmal saß ich auf einer Parkbank in der Nähe des Friedhofes und es begann langsam schon zu dämmern. Ich traute mich weder aufzustehen, noch alleine weiter zu gehen, sondern blieb einfach reglos sitzen in der Hoffnung, dass mich in der Zwischenzeit keine Geister heimsuchten. An einem anderen Tag sollten wir beim Bäcker Brot holen gehen und Lis schlug mir vor, den Weg über die Wiese zu gehen. Ich schlenderte mit ihr durch das Gras, doch dann sah ich den Bach und ahnte sogleich, was sie vorhatte. Sie sprang über den Bach, mit dem Wissen, dass ich noch zu klein war um es ihr gleichzutun. Doch ich versuchte es dennoch und erreichte mit meinem Sprung die gegenüberliegende Seite des Baches natürlich nicht und landete im Wasser. Ihre Schadenfreude war wie immer groß. Solche und ähnliche Streiche brachten ihr Spaß aber den Ärger hinterher mit unserer Mutter bekamen wir jedoch meistens beide zu spüren. Ganz oft aber war ich bei einer Nachbarin, deren Tochter zwei Jahre jünger als ich war, um den Nachmittag bei ihr mit Malen und Zeichnen zu verbringen. Ich mochte das Zeichnen, ich konnte mich damit für lange Zeit mit mir selbst beschäftigen, gedanklich als auch gefühlsmäßig ganz und gar darin versinken. Klar zog ich einige Zeit später auch kleine Vorteile daraus mit Lis mit zu müssen, denn es brachte ja hin und wieder auch gewisse Lerneffekte für mich mit sich. Um nicht meinetwegen auf einige ihrer Verabredungen verzichten zu müssen, nahm sie mich einmal zu heimlichen Treffs mit Jungs ihres Alters mit und somit wusste ich bereits schon mit zwölf Jahren was es mit dem Flaschendrehen auf sich hatte. Selbstverständlich erinnere ich mich diesbezüglich auch noch daran, wie fehl am Platz ich mich fühlte als der Flaschenhals auf mich zeigte und ich verschämt knallrot im Gesicht und eingeschüchtert einen von den Jungs auf den Mund küssen sollte. Das war ein Spiel unter Teenagern und dies war noch nicht wirklich interessant für mich, alle sahen in mir halt eben mal wieder nur die kleine Schwester von Lis, aber um einiges meiner Zeit voraus. Wenn es darum ging, mich wenigstens für eine kurze Zeit lang abzuschütteln, dann war ihr Einfallsreichtum grenzenlos. Sie ließ mich unaufhörlich spüren, wie lästig es ihr war mich überall hin mitnehmen zu müssen. Meine Mutter wollte auch des Öfteren, dass sie mich mit in den Keller nahm um Getränke zu holen. Da schloss sie mich gerne mal ein und ließ mich in dem dunklen, feuchten Keller zurück. Sie gab mir hämisch Tipps, ich sollte laut singen oder pfeifen, dann würden die Spinnen nicht so schnell kommen und mich fressen.

Als ich etwa 14 Jahre war durfte ich endlich alleine Freunde besuchen gehen oder Freundinnen zum Spielen zu uns nach Hause einladen. Ich schloss mich dem Kinderchor und später auch dem Musikverein an. Nun war ich nicht mehr so sehr von Lis’ Willkür abhängig. Mit Lucy verstand sie sich prima, aber ich fühlte mich nie wirklich dazugehörig. Es war für uns alle drei nicht einfach, denn schließlich wollte jede im Zimmer mal zu ihrem Recht kommen. Lis musste für die Schule Hausaufgaben machen und brauchte die Ruhe, ich wiederum wollte Ruhe um Querflöte zu üben. Aber natürlich wurde entschieden, dass ihre Hausaufgaben für die Schule Vorrang hatten. Lucy war schon in der Ausbildung zur Arzthelferin und das bedeutete für uns beide, dass wir ständig Rücksicht zu nehmen hatten. Überhaupt sollte ich andauernd Rücksicht nehmen da unsere Eltern schon relativ alt waren. Meine Mutter war bereits 41 als ich zur Welt kam, mein Vater sogar schon 60. Somit war mein Vater bereits Rentner als ich in die Schule kam. So allmählich entwickelte ich eine regelrechte Aversion gegen dieses Wort "Rücksicht". Es bedeutete für mich, dass ich störte und mich am besten unsichtbar machen sollte. Wollte ich etwas wissen, bekam ich des Öfteren zu hören "Jetzt nicht. Du störst!" Aber ich profitierte davon, dass sich meine Schwestern in ihrer Teenagerzeit schon viele kleinere Freiheiten erkämpft hatten, wie etwa die längeren Ausgehzeiten bei einem Besuch in der Disco oder einem Konzert. So durfte ich mit 14 Jahren in Begleitung schon mal etwas länger wegbleiben. Mit 15 fing ich an mir einen Ausbildungsplatz zu suchen und ich verbrachte deshalb relativ viel Zeit im Offenburger Arbeitsamt um mich zu informieren. Ich wollte einen Beruf erlernen, in dem ich auch ein Stück weit meine Kreativität leben konnte. Aber die Ausbildungsplätze waren rar und um einen Ausbildungsplatz zur Modezeichnerin oder Dekorateurin zu bekommen, welches ursprünglich mein Plan war, hätte ich zumindest einen Realschulabschluss gebraucht aber ich hatte eben nur meinen Hauptschulabschluss vorzuweisen. Einige Wochen später jedoch war per Annonce in der Zeitung ein Ausbildungsplatz zur Friseurin ausgeschrieben und sowohl meine Mutter als auch meine Schwester drängten mich förmlich dazu, mich zu bewerben. Ich bewarb mich daraufhin und konnte bereits zwei Monate später mit der Ausbildung beginnen. Es war zwar ganz sicher nicht mein Traumberuf, aber kreativ sein zu können war mir erst mal das Wichtigste.

Fast parallel zu Beginn meiner Lehre verliebte ich mich obwohl ich mir noch Wochen zuvor absolut sicher war, dass außer David Cassidy niemand für mich in Frage kommen könnte. Ich hatte im Sommer am Baggersee schon öfter einen Jungen gesehen, war aber viel zu schüchtern um ihn anzusprechen. Auch konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, dass er Interesse daran haben könnte mich kennenzulernen, da er um einiges erwachsener und reifer wirkte. Im Herbst dieses Jahres ging ich mit meiner Freundin Julia zum Weinfest, wir setzten uns eher abseits auf eine Bank und bestellten uns etwas zu trinken. Es war ein lauer Sommerabend und die Stimmung war prächtig, es wurde getanzt, es wurde gelacht. Ich spähte weiter in die Runde um zu sehen ob vielleicht noch auch mir bekannte Menschen anwesend waren. Und tatsächlich, mein Herz machte einen Freudensprung, denn der Junge, der mir immer wieder am See aufgefallen war, saß einige Tische weiter zwischen zwei Jungs etwa im gleichen Alter. Just in dem Moment sah auch er mich an und ich spürte, dass mein Gesicht knallrot anlief und mein Herz zu rasen begann. Natürlich wollte ich nicht, dass er gesehen hatte, wie mein Gesicht sich rot verfärbte wie bei einem kleinen Mädchen, das sich bei etwas Verbotenem ertappt fühlte. Immer wieder trafen sich unsere Blicke und jedes Mal erlebte ich das gleiche wunderschöne Gefühl in mir. War das alles aufregend! Ich kann nicht mehr sagen, wer von uns beiden mit dem ersten Schritt auf den anderen zuging aber ich schätze mal, dass er es war. Sein Name war Jochen und nach einem schönen Abend begleitete ich ihn nach Hause und wir verbrachten die halbe Nacht im Flur des Hauses, in dem er mit seiner Familie wohnte. Was ich von dieser Nacht nie vergessen werde, war wie er alle drei Minuten die Treppe hoch ging um den Lichtschalter zu drücken damit wir nicht im Dunkeln stehen mussten. Von diesem Zeitpunkt an verabredeten wir uns so oft wie möglich denn wir beide waren Hals über Kopf in einander verliebt und jeder von uns wollte den anderen so oft wie nur möglich um sich haben. Was ich wunderschön und als sehr gutes Zeichen für unsere Beziehung ansah war, dass er im dritten Monat Anfang des Jahres und ich im dritten Monat Ende des Jahres geboren war.

Jochen war zwei Jahre älter als ich und besuchte das Gymnasium in Gengenbach, die gleiche Stadt, in der ich meine Ausbildung begann. Es war immer wieder aufs Neue aufregend wenn ich ihn kurz vor meiner Mittagspause oder kurz vor Feierabend auf der gegenüberliegenden Rathaustreppe sitzen sah und wusste, dass er auf mich wartete. Ab dem Moment konnte ich es kaum erwarten neben ihm zu sitzen. Es war ein verdammt schönes Gefühl freudig von ihm erwartet zu werden. Entweder ich gesellte mich dann mit meinem Mittagssnack zu ihm auf die Treppe oder wir gingen Hand in Hand für eine Stunde im Park spazieren. Es war so wunderschön verliebt zu sein und die Stunde war immer viel zu schnell vorbei. Wie so oft während unserer Beziehung waren Jochen und ich mal wieder in der für uns angesagten Disco der Stadt mit einigen Freunden verabredet. Wir unterhielten uns, alberten herum, tanzten und hatten einfach unseren Spaß. Ich war so unsagbar stolz darauf, dass Jochen und ich uns gefunden hatten und ich mit ihm meine erste große Liebe erleben durfte. Wir saßen wie schon so oft am Tisch nahe am Ausgang, da es an dieser Stelle trotz laut dröhnender Discomusik noch einigermaßen möglich war sich in normaler Lautstärke zu unterhalten. An diesem Abend war ich ohne die Begleitung meiner Freundin Julia zur Disco gekommen und war somit nur von Jungs umgeben. Diese hatten andere Gesprächsthemen und ich konnte nicht überall mitreden da ich auch von allen die Jüngste war. Ich wollte kurz ein bisschen alleine sein, nahm meine Zigaretten und ging nach draußen um eine zu rauchen und kam mir dabei mächtig erwachsen vor. Kaum war ich draußen, zündete ich mir meine Zigarette an. Kurz darauf winkte mir ein junger Mann, der neben seinem Motorrad stand, zu und bat mich per Handzeichen um Feuer. Ganz selbstverständlich ging ich die Treppe runter ihm entgegen und reichte ihm das Feuerzeug. Und was dann geschah raubte mir sämtliches Vertrauen in die Menschen, in das Leben und auch in mich. Er schlug mir so dermaßen heftig ins Gesicht, dass ich mein Gleichgewicht verlor und zu Boden fiel. Er zog mich an den Haaren wieder hoch und schubste mich Meter für Meter in Richtung des Hinterhofs, worauf sich eine Autowerkstatt mit etlichen davorstehenden Autowracks befand. In einem davon verging er sich an mir mit so einer Brutalität, dass mir bei dem Gedanken daran heute noch ganz schlecht wird. Direkt nach der Vergewaltigung schlich ich mich unauffällig auf die Toilette und versuchte am Waschbecken alle Spuren abzuwaschen. Niemand sollte etwas davon erfahren. Ich ging zurück in die Disco, setzte mich zurück in unsere Runde und ließ mir nichts anmerken. Niemand ahnte etwas von dem, was geschehen war. Auch Jochen nicht. Aber ab diesem Zeitpunkt war mein Leben ein anderes. Es war meine erste sexuelle Erfahrung und ich fühlte mich schmutzig, gedemütigt und zutiefst verletzt. Ich wollte und konnte keiner Menschenseele davon erzählen. Ich schämte mich abgrundtief und hatte auch Angst, dass mir niemand Glauben schenken würde. Stattdessen verurteilte ich mich selbst und fing an alles in und an mir abzulehnen. Heute, vierzig Jahre später, ist mir klar, dass es so ziemlich das Dümmste war, was ich tun konnte, aber ich war zu diesem Zeitpunkt zu nichts anderem in der Lage.

Seit diesem grauenhaften Erlebnis war ich unfähig zu jemandem Vertrauen aufzubauen, geschweige denn es zu jemandem zu haben. Ich wurde verletzt und wollte verletzend sein und biss um mich wie ein verwundetes Tier. Ich konnte den Menschen, von denen ich wusste, dass sie mich lieben, nur noch wehtun, in der Hoffnung, dass sie mich dann in Ruhe ließen und ich somit keinen Grund mehr hätte sie zu kränken. Niemand bekam das wohl mehr zu spüren als Jochen in den kommenden Wochen und Monaten. Natürlich blieb ihm meine Veränderung nicht unbemerkt. Er war für zwei Wochen in Südfrankreich und hatte wohl die Entfernung und seine freie Zeit dazu genutzt sich über uns und einiges in unserer Beziehung Gedanken zu machen. Ich konnte ihm keinen verlässlichen Grund mehr geben mir auch weiterhin sein Vertrauen zu schenken. In der Zeit nach der Vergewaltigung hatte ich mich zu oft mit ihm verabredet und ihn versetzt. Oder ich lud ihn und unsere Freunde zur Party zu mir nach Hause ein, wo wir auch alle in meinem Zimmer übernachteten. Aber sobald wir das Licht löschten und er und ich Zärtlichkeiten miteinander austauschten, wehrte ich ihn ganz plötzlich wieder ab und drehte ihm den Rücken zu, denn alles in mir war in solchen Momenten voller Widerspruch, Ekel und auch Ablehnung. Ich erinnere mich noch allzu gut daran, wie sehr ich ihn damit kränkte und werde das Unverständnis in seinen Augen wohl nie vergessen. Aber ich schaffte es einfach nicht ihm von meiner Vergewaltigung zu erzählen. Ich wusste, dass er wieder von Südfrankreich zurück war, aber er meldete sich nicht bei mir. Nach zwei Tagen liefen wir uns zufällig über den Weg. Auch er war überrascht mich zu sehen aber anstatt mir den erhofften sehnsuchts- und liebevollen Kuss zu geben überreichte er mir sehr eilig und förmlich einen Briefumschlag. Den Brief trug er bei sich, wissend, dass er mir irgendwann begegnen würde. Ich setzte mich auf die nächstbeste Treppe und öffnete den Umschlag. Der Brief war sein Abschiedsbrief an mich. Abschied von mir und unserer Liebe. Ich hatte das Gefühl als würde mir mit seiner Entscheidung der Boden unter den Füßen weggerissen. Wie versteinert blieb ich lange mit diesem Blatt Papier in der Hand auf dieser kalten Treppe sitzen in der Hoffnung, dass Jochen nochmal zu mir zurückkommen würde und sich alles als großer Irrtum herausstellte. Aber dem war nicht so und insgeheim wusste ich auch, dass Jochen nur so handeln konnte.

Jetzt, vier Jahrzehnte später, weiß ich, dass ich nach dieser Zeit jedem Mann gegenüber misstrauisch war. Wenn ein Mann mit mir flirtete, ließ ich mich zwar oft ein Stück weit darauf ein aber es lief immer wieder nach dem gleichen Muster ab: Nach Wochen oder Monaten fing mir seine Nähe an zu viel zu werden und ich konnte es auch nicht mehr glauben wenn mir derjenige versicherte, wie viel ich ihm bedeutete. Im Grunde meiner Seele hatte ich einen Hass und eine Wut auf Männer und immer wieder war es nichts weiter als ein Spiel für mich. Ehrliche Gefühle gab es für mich nicht mehr. Ich wurde verletzt und genau diesen ungeheuerlichen Schmerz sollte mein Gegenüber ebenfalls erfahren. Ich verletzte Menschen, die mir lieb und teuer waren und tat mir selbst damit am meisten weh, aber zu nichts anderem war ich mehr fähig. Sie sollten genauso verzweifelt sein wie ich es war. Doch in Wirklichkeit half mir dieses Verhalten in keiner Weise. Meine Verbitterung und Wut auf das damals Geschehene wurde dadurch nicht weniger. Ich kam mit meinen Gefühlen immer weniger klar, dabei wollte ich doch nur wieder ein ganz normales, fröhliches Mädchen sein, welches wieder auch Spaß und Freude in ihrem Leben finden konnte.

Aber ich machte zusammen mit meiner Freundin Petra meine erste Bekanntschaft mit Drogen und nach den ersten bekifften Tagen und Nächten war mir als würde ich ganz langsam etwas zur Ruhe kommen. Aber weit gefehlt! Natürlich blieb es nicht unbemerkt, dass ich mich veränderte. Ich verstrickte mich mehr und mehr in meinen Lügen. Mit meiner Mutter geriet ich oft schon morgens in Streit, weil trotz geöffnetem Fenster, Tag für Tag der gleiche, für sie "seltsame Geruch" in meinem Zimmer schwebte. Auch meine Pflichten, sei es nun im Haushalt oder für die Gewerbliche Schule, begann ich zu vernachlässigen. Ich legte sozusagen eine "Null Bock Stimmung" an den Tag und die Menschen um mich herum wurden immer misstrauischer. Innerhalb meiner Familie hatte ich das Gefühl, dass ich nur noch kritisiert und verbal angegriffen wurde. Ein Wort ergab das andere, ich konnte ihnen nichts mehr recht machen und eine Auseinandersetzung in einer angemessenen Lautstärke war zwischen uns schon gar nicht mehr möglich. "Nein" erklärte ich zu meinem absoluten Lieblingswort. Jede Art von Vertraulichkeit schmetterte ich ab und vom Gefühl her hatte ich bald kein zu Hause mehr, von einer Familie ganz zu schweigen. Ich war mittlerweile die einzige Tochter, die noch zu Hause wohnte und meine Eltern waren gnadenlos überfordert mit mir und der Situation, welche sich immer mehr zuspitzte. Meine Mutter bat meine Schwester Lucy um Unterstützung und diese kontaktierte telefonisch eine Drogenberatungsstelle in Offenburg. Zum ersten Beratungsgespräch begleitete sie mich und war auch während des Gesprächs mit dabei. Die darauffolgenden Termine einmal pro Woche allerdings nahm ich alleine wahr. Aber ich sah immer noch keine Notwendigkeit und keinen Sinn darin denn ich trank ja nur hin und wieder Alkohol und rauchte nur mal einen Joint. Doch so nach und nach gestaltete sich alles für mich immer nur noch komplizierter.

Eines Tages beim Besuch bei Petra, die im nächstgrößeren Ort Gengenbach wohnte, wartete in ihrem Zimmer eine Überraschung auf mich. Sie holte aus ihrer Tasche ein Tütchen mit braunem Pulver, eine Einwegspritze und einen Kaffeelöffel heraus. Ich wusste in diesem Moment nicht, was das war. Der Anblick der Spritze erschreckte mich. Mir war alles andere als wohl dabei zumute, doch meine Neugier war geweckt aber vor allem wollte ich vor ihr nicht als Feigling dastehen. Sie erklärte mir, es handele sich dabei um Heroin. Als ich mich dennoch nicht traute mir die Nadel in die Vene zu piksen, übernahm Petra diesen Part. Mir wurde übel, ich weiß nicht mehr, wie oft ich mich übergeben musste, doch sie beruhigte mich mit den Worten, dass das die ersten Male jedem so erginge. Mein Selbstzerstörungsdrang war aber bereits so ausgereift, dass ich einige Wochen danach diese unangenehme Prozedur dennoch wiederholte. Mir war immer noch überhaupt nicht klar, was einige der Drogenabhängigen, die ich zwischenzeitlich kennengelernt hatte, an diesem braunen, bitteren Pulver so toll fanden. Doch bei jedem erneuten Mal empfand ich die Wirkung des Heroins als wohltuender. Die Abstände der Injektionen wurden kürzer, der Drang und ebenso die Gier danach immer stärker. Bald wollte ich das Gefühl, welches mir das Heroin möglich machte, nämlich mich mit meinen Erinnerungen, Gedanken und Ängsten in Watte gehüllt zu fühlen, nicht mehr missen. Ich wurde immer unzufriedener mit so ziemlich allem, was ich tat und war deswegen auch immer wieder auf der Suche nach dem Gift. Tatsächlich stand ich meinem eigenen Leben hilflos gegenüber und wusste wirklich nicht mehr weiter. Meine Familie und meine Freunde kamen genauso wenig wie ich mit meiner Veränderung klar. Wie denn auch, ich war mir ja selbst fremd geworden. Ich verstrickte mich immer wieder in Widersprüche und in Lügen, reagierte auf irgendwelche Fragen oder Hilfsangebote nur noch ablehnend und überwiegend aggressiv. Es war nicht zu verbergen, dass ich litt, ich konnte es aber auch nicht ertragen von jemandem umarmt oder getröstet zu werden.

Es war als würde ich mich immer mehr von mir selbst entfernen, mich nur noch von außen betrachten. Ich wollte zu dieser Zeit so unauffällig wie möglich durch mein Leben schleichen und tat durch meine unmögliche Umgangsweise mit Menschen meines Umfeldes genau das Gegenteil. Mit einigermaßen offenen Augen träumte ich mich durch die Tage, so weit weg es vor meiner Realität eben ging. Das ewig zuversichtliche und fröhliche Wesen in mir hatte sich verabschiedet. Drogen wurden mehr und mehr zum Freund und Begleiter, durch die es gelang mich in meinem Leben immer noch einige Farben sehen zu lassen.

Das Gemälde „Begrenzte Freiheit“ entstand im Jahr 2014.

2

Kettenkarussell

Bald war ein Tag ohne Drogen undenkbar, denn sie vermochten es mich wie in einem abgesicherten, geschützten Vakuum fühlen zu lassen. Ich beendete meine Friseurausbildung ohne meinen Gesellenbrief gemacht zu haben, in der Hoffnung, diesen irgendwann einmal nachzuholen. Die schriftliche und praktische Abschlussprüfung hatte ich mit "Gut" bestanden. Es stand lediglich noch das Gesellenstück, ein Haarteil geknüpft aus einzelnen echten Haaren, aus. Aber dank meiner damaligen Unfähigkeit überhaupt irgendetwas in meinem Leben noch ernst und wichtig zu nehmen, zog ich es vor, anstatt an meinem Gesellenstück zu knüpfen, mich lieber mit meinen sogenannten Freunden zu treffen und meine Zeit mit Kiffen, Haschisch rauchend zu verbringen. Ich war inzwischen 17. Einer der Bekannten, mit denen ich gemeinsam gekifft habe, war Felix. Zwischen uns entwickelte sich mehr, bald war es eine richtige Beziehung. Wir waren aufgrund unseres Drogengebrauchs hin und wieder in die Niederlande gefahren da es dort für uns wesentlich preisgünstiger war an Drogen mit guter Qualität ranzukommen. Auch stellte es keine Schwierigkeit für mich dar wenn mich jemand darum bat ihm ausnahmsweise ein "Briefchen" mitzubringen. Für mich war das in keiner Weise eine kriminelle Handlung, sondern ich tat lediglich jemanden einen Gefallen, wenn ich eh für mich Drogen hole konnte ich ihm auch gleich welche mitbringen. Wie naiv ich mit solchen Angelegenheiten umging war mir zu dieser Zeit überhaupt nicht bewusst. Es war illegal und kriminell aber es fühlte sich für mich nicht so an und auch Felix hatte keinerlei Skrupel. Gregor, ein gemeinsamer Kifferfreund, fuhr einmal mit nach Amsterdam, denn er hatte die größere Erfahrung und die besseren Kontakte als wir. Er war in Sachen krimineller Handlungen kein unbescholtenes Blatt aber auch das hatte ja nichts mit uns zu tun. Wir waren im gleichen Alter und fanden uns sympathisch, nicht mehr und nicht weniger. In Amsterdam angekommen legten wir etwas Geld zusammen besorgten uns Drogen und zogen uns in ein Hotelzimmer zurück. Ich fand die ganze Aktion schon deshalb spannend weil es etwas Verbotenes war. Ich schätze, dass ich mal wieder meine Grenzen austesten wollte. Jede Art von Gefahr hatte schon immer einen bestimmten Reiz auf mich ausgeübt, erklären konnte ich mir das nie. Bereits am darauffolgenden Tag fuhren wir, nicht unbedingt nüchtern, zurück und nach mehreren Stunden Fahrt luden wir Gregor bei sich zu Hause ab. Ich übernachtete bei Felix als morgens das Telefon klingelte und Gregor ihm mitteilte, dass bei ihm soeben die Polizei zugange war und eine Hausdurchsuchung vornahm. Wir sollten alles verstecken, was wir noch an Drogen besaßen denn die Polizei sei bereits auf dem Weg zu uns. Das bisschen Heroin, das wir noch hatten, spülte Felix umgehend die Toilette runter. Die Polizei klingelte an der Haustür Sturm, Felix öffnete und drei Polizisten mit einem Spürhund machten sich ans Werk. Es wurde nichts gefunden aber anscheinend hatte uns zuvor schon jemand telefonisch und anonym bei der Polizei angeschwärzt. Einige Zeit später bekamen wir einen Termin bei der Kripo, jeder wurde einzeln verhört und wir begriffen nicht weshalb hier so ein Aufstand gemacht wurde. Das konnte doch nicht angehen, dass sie uns wegen dem bisschen Heroin wie Schwerverbrecher behandelten ohne etwas bei uns gefunden zu haben.

Vier Wochen darauf bekam jeder von uns die Anklageschrift per Post. Ich konnte es gar nicht fassen, was mir da vorgeworfen wurde. Ich stand ernsthaft unter dem Verdacht Mitglied einer kriminellen Vereinigung zu sein. Diesen Begriff brachte ich vielleicht mit Mitgliedern der RAF in Verbindung aber doch nicht mit mir wegen so einer Bagatelle. Weder hatte ich etwas mit Gudrun Enzlin gemein, noch Felix mit Christian Klar. Während der Gerichtsverhandlung schwitzte ich dennoch Blut und Wasser. Eigentlich war es schon beinahe vorbildlich mit welcher, sagen wir mal, majestätischen Körperhaltung ich auf der Anklagebank saß, nichts ahnend, was mir bevorstand. Dann stand der Staatsanwalt von seinem Stuhl auf, "forderte" und setzte sich wieder. Der Rechtsanwalt trat vor und "plädierte". Draufhin zogen sich die Geschworenen erstmal zurück und meine Nervosität stieg von Minute zu Minute ins Unermessliche. Es waren nicht viele Zuschauer anwesend aber auch so schon fühlte ich mich wie sich ein Tier im Käfig fühlen musste, nämlich gnadenlos begafft. Die Geschworenen kamen mit ihren ernsten, bedeutungsschwangeren Mienen wieder zurück in den Gerichtssaal. Ein Mann trat vor den Richter und überreichte ihm ein Blatt Papier, dieser erhob sich von seinem Platz, "hämmerte" und sprach danach sein Urteil. Jeder von uns wurde zu 18 Monaten Gefängnisstrafe verurteilt. Mein Kopf fühlte sich an als hätte der Richter mit seinem Gerechtigkeitshammer nicht den Schreibtisch, sondern aus Versehen Teile meines Kopfes zertrümmert. Gregor wurde wegen Fluchtgefahr direkt nach der Verhandlung in Handschellen abgeführt, Felix und mir wurde mitgeteilt, dass uns der Termin für den Haftantritt per Einschreiben zugestellt würde. Die Gefängnisse waren anscheinend gnadenlos überfüllt und somit wurde uns sozusagen noch eine Galgenfrist gewährt. Wir redeten sehr selten über die Ängste vor der Haft, die uns unwiderruflich bevor stand, ich wollte mir dies selbst nicht eingestehen und ich denke, dass es Felix ebenso erging. Und dann war es soweit, jeder von uns erhielt per Post den Termin des Haftantritts, Ort und Name der Haftanstalt. Der Termin bei uns beiden war exakt am gleichen Tag, mit dem Unterschied, dass ich im Frauengefängnis Schwäbisch Gmünd und Felix im Ravensburger Männergefängnis die nächsten eineinhalb Jahre verbringen musste. Ab dem Tag kam ich immer mal wieder darauf zu sprechen und machte Felix den Vorschlag, dass wir gemeinsam mit der Bahn bis Stuttgart fahren sollten, bis sich dann eben unsere Wege für eine Weile trennen würden. Aber davon wollte er nichts hören, so als würde es nicht wirklich auch ihn betreffen. Immer mit dem Argument, dass er sich doch nicht freiwillig hinter Gitter begibt. Auch mir war bei dem Gedanke bald 18 Monate eingesperrt zu sein sehr unwohl zumute. Er dachte sich immer neue Möglichkeiten aus um der Haftzeit zu entgehen, neue gefälschte Pässe um in einem anderen Land unterzutauchen, ziemlich unrealistisch alles. Für uns sogar utopisch, da wir weder das Geld noch die Verbindungen hatten. Ich konnte ihn nach und nach davon überzeugen, dass sich unsere Situation nur verschlechtern und die Haftzeit sich eventuell dadurch noch verlängern würde falls wir ohne plausiblen Grund unsere Haftstrafe nicht pünktlich antreten würden. Also setzten wir uns an dem Morgen vor unserer Zugfahrt nach Stuttgart noch einen Schuss, damit wir nicht nüchtern miterleben mussten wie wir Kilometer um Kilometer die Freiheit hinter uns ließen. Am Stuttgarter Hauptbahnhof verabschiedeten wir uns in einer innigen Umarmung voneinander und wünschten uns gegenseitig viel Glück und ein gutes Durchhaltevermögen während unserer Zeit in Haft. Ich fuhr weiter nach Schwäbisch Gmünd und lief von dort zum Gefängnis. Noch relativ locker, mit meiner schweren Reisetasche um meine Schulter, ging ich auf die Pforte des Frauengefängnisses zu und klingelte. Ein älterer Mann öffnete mir das Tor und bat mich herein. Ich übergab ihm die Unterlagen mit dem Haftantrittstermin und meinen Personalausweis und dann ging alles irgendwie ganz schnell. Ich erschrak, wie viele Eisentüre auf- und wieder abgeschlossen wurden bis ich endlich von der Schließerin in Empfang genommen wurde, die mich kurz darauf in einen Raum führte und ich mich meiner privaten Kleidung entledigen musste bis ich ganz und gar nackt vor ihr stand. Sie trug Einmalhandschuhe und ging nicht gerade zimperlich mit mir um als sie meinen Körper abtastete um nach Gegenständen oder Drogen zu suchen, die ich mit eingeschleust haben könnte. Ich wartete nur noch darauf nun die Gefängniskleidung überziehen zu müssen, aber dem war zum Glück nicht so. Ich kannte das ganze Prozedere bisher ja nur aus Fernsehfilmen, aber dem ähnlich war das alles schon. Die Kleidung, die ich für die nächsten 18 Monate immer wieder am Körper tragen musste, war durch und durch in Mausgrau gehalten. Ein Lächeln bekam ich nicht zu sehen aber mir war zu diesem Zeitpunkt auch nicht nach einem Lächeln zumute. Ich war bepackt mit Bettlaken, Bett- und Kopfkissen-Überzug. Wir gingen einige Treppen nach oben, wo uns ein steriler langer Flur erwartete. Ich war schockiert, eine dunkle Zellentür folgte auf die nächste. Vor einer Tür machte die Schließerin Halt, schloss diese auf und kaum war ich drinnen, knallte die Eisentür hinter mir auch schon wieder zu. Eine Frau etwa in meinem Alter sah mir entgegen und lächelte mich kurz an. Ihre ersten Worte an mich waren "je schneller du dich daran gewöhnst umso leichter wird’s für dich hier werden". Ich hatte das Gefühl als würde ich aus meiner Gefühlsstarre gar nicht mehr rauskommen. Doch der wirkliche Schock traf mich erst am nächsten Morgen als ich, wieder völlig nüchtern, meine Augen aufschlug und direkt auf ein vergittertes Fenster blickte. Die ersten Tage im Gefängnis hielt ich mich erstmal mit allem dezent zurück und beobachtete nur. So lernte ich schneller die Umgangsweise miteinander kennen und entschied daraufhin mich niemandem anzuschließen. Auch vermied ich es mich in irgendwelche Diskussionen oder Streitereien, welche hier anscheinend zur Tagesordnung gehörten, einzumischen. Nach einigen Wochen wurde ich lockerer denn ich hatte in etwa verstanden worauf ich hauptsächlich in den noch vor mir liegenden Monaten in Haft achten sollte. Mit so vielen Frauen auf so engem Raum zusammengepfercht, konnte über Monate nur gutgehen für mich, indem ich mich aus sämtlichen Intrigenspielchen raushielt. Wenn ich mal nicht umhin kam bei einer lauteren Debatte auch mal meinen Kommentar dazu abzugeben kam mir zum Glück immer wieder mein diplomatisches Geschick zugute. Dieser sich täglich wiederholende stumpfsinnige Ablauf hatte zur Folge, dass es für mich so nach und nach an Bedeutung verlor ob und wie sich die einzelnen Tage voneinander unterschieden. Welche große Freude jedoch als ich endlich nach zwei Monaten tatsächlich den ersten Brief von Felix in meinen Händen hielt. Ich war schon leicht versucht gewesen an der Glaubwürdigkeit des Gefängnispersonals zu zweifeln, denn mir wurde immer wieder versichert, dass für mich wirklich kein Brief mit in der Post gewesen war. Ich freute mich wie ein verliebter Teenager nun doch endlich mal von ihm zu lesen und öffnete dementsprechend voller Ungeduld den Umschlag des Briefes. Seine ersten geschriebenen Worte waren "Lieber Spatz" und schon bei diesen zwei Worten musste ich unweigerlich lächeln, denn ich dachte sofort daran, wie lustig ich es immer fand wenn er das Wort "Spatz" aussprach, ganz so als würde er seine Zunge nicht richtig hinter seinen Zähnen hervorbringen. Daran erinnerte ich mich gerne zurück. Doch seine darauffolgenden Worte waren alles andere als lustig für mich und tagelang war ich davon überzeugt, dass es sich dabei nur um einen Irrtum handeln konnte. Er schrieb mir, dass er schon lange mit dem Gedanken spielte sich von mir zu trennen und dieses hiermit tatsächlich auch tat, da ich die Ältere von uns beiden und die treibende Kraft bei unseren kriminellen Handlungen und somit verantwortlich war, dass wir beide eine Gefängnisstrafe absitzen mussten. Ich behielt den Brief noch zwei, drei Wochen bei mir, las ihn immer mal wieder durch, darauf hoffend doch noch den für mich entscheidenden Hinweis darin zu finden, dass dieser Brief nicht ernst zu nehmen war. Ich befand irgendwann morgens nach dem Erwachen, dass meine Augen nun genug Tränen geweint und mein Herz genug geblutet hatte. Aber dennoch weinte meine Seele leise bevor ich das Blatt Papier, wütend und traurig zugleich, in tausend Fetzen zerriss.

Irgendwann war meine Gefängnisstrafe abgesessen und ich war wieder zuhause im Schwarzwald bei meinen Eltern. Meine Drogensucht brachte ich allerdings auch in die Heimat mit zurück. Die Drogen hatten noch eine ähnliche Macht über mich und dies blieb nicht ohne Konsequenzen. Die Lage spitzte sich zu und eines Abends hörte ich wie meine Mutter sich mit meiner Schwester Lucy unterhielt, es waren nur Gesprächsfetzen, einzelne Worte, die ich wahrnehmen konnte. Meine Mutter hatte vermutlich Lucy um ihre Hilfe gebeten. Aber was ich da in Bruchstücken zu hören bekam, jagte mir eine Gänsehaut nach der anderen den Rücken runter. Ich traute zuerst meinen Ohren nicht, aber die Worte "Psychiatrie Emmendingen" wiederholte Lucy immer wieder. Was ich dann auch hörte war, dass spätestens in einer Stunde ein Krankenwagen mich hier abholen käme. Dies war mehr als ich verkraften konnte, ich fühlte mich verraten und verkauft und für mich kam nur noch eines in Frage: Nichts wie weg hier! Ich rief Petra an und erzählte ihr, wo ich hingebracht werden sollte. Innerhalb von dreißig Minuten parkten sie und ihre Mutter zusammen vor unserer Wohnung und holten mich ab. Ich übernachtete erst mal die darauffolgenden Nächte bei einem Bekannten, fuhr anschließend nach Hause und packte einen Rucksack voll mit den für mich wichtigsten Sachen und ohne größere Erklärung verabschiedete ich mich von meinen Eltern. Wir waren alle drei damit überfordert, mit dieser Situation und unserer innerlichen Zerrissenheit. Kurzerhand beschloss ich mit Petra nach Berlin abzuhauen, obwohl ich keinerlei Vorstellung hatte, wie es für mich weitergehen sollte, doch im Grunde genommen war es mir auch egal wohin, ich wollte einfach nur noch ganz schnell weit weg. Das Paradoxe aber daran war, dass ich entgegen meiner Hoffnungen alles vergessen zu können, meine Erinnerungen an das grausame Erlebnis und die daraus resultierende verachtende Haltung mir und meinem Leben gegenüber überall mit hin nahm und mit mir herumschleppte. Das war mir zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. Ruhelos, ziellos, und ohne jegliche Zukunftsperspektive fuhr ich los nach Nirgendwo ins Niemandsland mit einem Rucksack voller Hoffnungen und Illusionen.

3

Flucht nach Berlin oder einfach nur weg

In Berlin angekommen, wohnten wir für die erste Zeit bei einem Bekannten von Petra. Auch er war drogenabhängig und Tag für Tag am Rätseln wie es für ihn weitergehen könnte. Keine Ahnung, was ich mir von Berlin erhofft hatte, zumindest eine Abwechslung. Aber sehr schnell war mir klar, wie unerfahren, naiv und blauäugig ich doch war. Ich würde in dieser Stadt nichts an meiner verfahrenen Situation ändern können. Hier gab es keine Menschen, die mir ihre Hilfe anboten oder sich Gedanken um mich machten. Jetzt war ich wirklich das erste Mal in meinem Leben auf mich alleine gestellt. Diese Gewissheit jagte mir eine Heidenangst ein aber gleichzeitig ahnte ich, dass ich mich ganz weit unten wissen wollte. Denn nur so konnte ich mich bestrafen für das, was ich getan und zurückgelassen hatte, nämlich meine Familie, mein Zuhause und meine Freunde. Ich verabscheute mich und dieses Leben in Berlin bereits jetzt schon. Zu Anfang hielt ich mich noch mit kleinen Jobs über Wasser, beispielsweise Akkordarbeit in einer Schraubenfabrik, wo meine Arbeit aus Schrauben sortieren, abzählen und verpacken bestand. Länger als bis zu meinem ersten Monatslohn hielt ich dieses stupide Arbeiten nicht durch. Der nächste Job war bei einer Reinigungsfirma, wo ich fünf Tage die Woche morgens von vier bis sechs Uhr in einer Universität arbeitete. Mein Aufgabenbereich bestand darin Flurböden und Treppenaufgänge zu kehren und feucht aufzuwischen. Dieser Job war trotz der unchristlichen Arbeitszeiten für mich zu diesem Zeitpunkt beinahe ideal, denn ganz in der Nähe befand sich eine Disco, in der ich mich regelmäßig aufhielt und somit konnte ich oft direkt im Anschluss arbeiten gehen. Wäre da nicht ein Student gewesen, der mir ziemlich arrogant und eigenartig erschien. Er fand es anscheinend immer mal wieder urkomisch über die noch feuchten frisch gewischten Böden zu stolzieren, anstatt andere Wege und Treppenaufgänge zu benutzen. Ich bat ihn mehrmals höflich darum dies doch bitte zu unterlassen aber ich erntete nichts weiter als einen hämischen Blick. Und als er eines morgens erneut mit einem berechnend eiskalten Lächeln auf den Lippen wieder ganz gezielt den noch feuchten Treppenaufgang hoch lief platzte mir dann doch noch der Kragen und ich schmiss mit ganzer Kraft den noch nassen Feudel hinter ihm her. Dies war dort mein letzter Arbeitstag; ich wurde gekündigt.

Auch Petra hatte kein Glück bei ihrer Jobsuche und bald drehte es sich wirklich nur noch darum, wie wir es schaffen uns irgendwie über den Tag zu retten. Dies war ein haltloser Zustand und wir beschlossen täglich verschiedene Tageszeitungen zu kaufen um wieder für jede von uns einen Job zu finden. Eigentlich war es uns relativ egal, was für ein Job, Hauptsache das Geld stimmte. Mit Prostitution wäre natürlich am ehesten schnelles Geld zu machen gewesen aber dies zogen wir für uns beide auf gar keinen Fall in Betracht. Dann entdeckte ich in der Zeitung die Annonce von Personen, welche händeringend nach jungen Frauen für eine "Peep Show" suchten. Wir sahen uns an und beschlossen diese gegen Abend mal genauer in Augenschein zu nehmen. Nachdem wir mit der U-Bahn und zu Fuß dieses Etablissement gefunden hatten, standen wir leicht geschockt vor einem schrill beleuchteten Schaufenster, welches mit eindeutiger Reklame das Publikum dazu animieren wollte einzutreten. Vom Gefühl her wäre mir in diesem Augenblick nichts lieber gewesen als postwendend den Rückweg anzutreten. Doch wir traten durch die Tür in einen Raum ein, in dem uns nur ein Mann vor einer Poster-Landschaft mit abgelichteten nackten Frauen gegenüberstand. Dieser bat uns darum durch die darauffolgende Tür zu treten. Was ich dort zu sehen bekam war eine Glasscheibe, hinter der sich vier junge nackte Frauen zur Schau stellten. Vor der Glasscheibe standen vier Männer, die anscheinend ihre Mühe beim Ornarnieren hatten. Mir war sofort klar, ich würde es nicht ertragen von den gierigen, geilen Blicken dieser Männer so angeglotzt zu werden. Ohne ein Wort zu sagen drehte ich mich um und ging zur Tür, drückte die Türklinke nach unten und meine Handinnenfläche war voll mit Sperma. Dieses hatte sich ein für alle Mal für mich erledigt. Und ich war auch durch nichts umzustimmen. Zwei Tage darauf wollten wir uns am selben Kiosk erneut eine Zeitung kaufen, als der Verkäufer uns darum bat, ihm für ein Gespräch fünf Minuten unserer Zeit zu schenken. Ihm war wohl im Laufe der letzten Monate nicht entgangen, dass wir, mal mehr Mal weniger knapp bei Kasse, auf der Suche nach Gelegenheitsjobs waren. Er bat seinen Kollegen zu sich nach vorne in den Verkaufsbereich und ging mit uns in den hinteren Teil des Kiosks um dort ungestörter reden zu können. Er wusste erst nicht so recht, mit welchen Worten er das Gespräch beginnen sollte. Doch dann legte er los und sagte uns, dass es sich um zwei Freunde von ihm handelte, denen bald die Abschiebung drohte, da sie nur für einen befristeten Zeitraum über eine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland verfügten. Beide Männer hatten nur für diese Zeit eine offizielle Arbeitserlaubnis. Ohne Daueraufenthalt und deutsche Staatsbürgerschaft würde der Arbeitgeber mit dem Gesetz in Konflikt kommen. Es ging darum, wenn sie den Bund der Ehe mit einer deutschen Frau vorweisen konnten, ihrem Daueraufenthalt nichts mehr im Wege stünde. Er sicherte uns jeweils 5000 DM für diesen Scheinehedeal zu. Wir baten um einige Tage Bedenkzeit.

Verlockend schien uns dieses Angebot ja schon, aber auch nicht ungefährlich und schon gar nicht legal. Immer wieder wogen Petra und ich das Für und Wider ab und kamen nach einigen Tagen zu dem Ergebnis, dass das Geld für diese Heirat eine längere Zeit für uns ein Puffer darstellen würde und willigten schließlich ein. Eine Woche später fand ich mich in dem Lokal ein, in welchem ein Treffen mit meinem eventuell zukünftigen Ehemann verabredet war damit wir uns zumindest mal kennenlernen konnten. In der Zwischenzeit hatte Petra einen Afrikaner mit denselben Heiratsabsichten kennengelernt. Aber hier fingen wir beide bereits an uns zu entfremden. Der Vermittler hatte vor dem Eingang auf mich gewartet und geleitete mich hinein. Er zeigte in die Richtung eines Tisches, an dem zwei junge Männer und eine junge Frau saßen. Wir alle gaben uns höflich die Hand und stellten uns namentlich vor. Als wir alle saßen, kam langsam eine etwas stockende Unterhaltung in Gange. Alle drei waren Türken und sprachen zwar ein sehr gebrochenes Deutsch aber dennoch für mich einigermaßen verständlich. Unser Vermittler übernahm die Rolle des Dolmetschers Türkisch/Deutsch und somit war es durchaus möglich uns zu unterhalten. Bei meinem zukünftigen Ehemann handelte es sich um den 26jährigen Ahmed, der sehr zurückhaltend und eher schüchtern schien, und sich nicht traute, mich länger als zwei Sekunden in Folge anzusehen, was mich anfangs eher irritierte, mir aber etwas später sehr sympathisch war. Seine zwei Begleiter waren seine Cousine und Cousin, welche sich dazu bereit erklärt hatten, unsere Trauzeugen zu sein. Als nächstes ging es darum so schnell wie möglich einen Termin beim Standesamt zu bekommen. Der Vermittler übernahm diesen Part. Bereits zwei Wochen darauf bekam ich Bescheid von ihm, dass er in zwei Monaten einen Termin bei einem Standesamt in Spandau erwirken konnte. Für mich völlig überraschend konnte Petra sich plötzlich für eine Sekte begeistern und dies stieß mich so sehr ab, dass wir uns nur noch mehr voneinander entfernten. Sie schloss sich schließlich dieser Sektengemeinschaft an, von da an trennten sich unsere Wege.

Ahmeds Cousine lieh mir ein Kleid, eine Jacke und auch ein Paar Schuhe aus, da ich nichts mehr dergleichen besaß. Wir verfügten zwar nicht ganz über den gleichen Geschmack aber zum Glück über dieselben Schuh- und Kleidergrößen. Nach unserer Heirat sollte noch ein kleines Fest stattfinden aber ich sprach mich dagegen aus weil ich nicht wollte, dass sich das Geschäftliche, unsere Heirat, mit dem Privaten zu sehr vermischte und ich keinerlei Ambitionen verspürte, mich in irgendeiner Weise näher auf Ahmed einzulassen. Wir trafen uns alle in Kreuzberg in der Nähe seiner Wohnung, von wo aus Ahmeds Onkel uns zum Standesamt fuhr. Noch saßen wir im Flur des Standesamtes und meine Nervosität nahm von Minute zu Minute zu. Dann wurden wir hereingebeten. Der Standesbeamte bat uns darum auf zwei der vordersten Stühle Platz zu nehmen. Er spulte sein gewohntes Reportoire ab und sah dabei Ahmed oder mich an. Auf Ahmeds Gesichtsausdruck war zu erkennen, dass er totale Schwierigkeiten hatte die Worte des Standesbeamten zu verstehen. Ich wäre nicht im geringsten davon überrascht gewesen, wenn der Beamte sich geweigert hätte diese Ehe zu schließen, denn außer, dass wir beide den gleichen Beruf erlernt hatten, konnten wir keine Gemeinsamkeiten vorweisen, keiner von uns verstand die Sprache des Anderen. Das ganze Schmierentheater war einfach zu offensichtlich. Nachdem wir uns offiziell das Ja-Wort gegeben und die Eheringe ausgetauscht hatten, begannen sich unsere Gesichter dann doch noch etwas zu entspannen. Sein Cousin lud uns bei sich noch zum Essen ein und danach wurde mir auch das Geld in einem Umschlag überreicht. Ich zählte es selbstverständlich nach und wir bedankten und verabschiedeten uns gegenseitig voneinander. Aber bereits schon acht Wochen später rief Ahmed mich ganz aufgeregt an und erzählte mir, dass ein Mann von der Ausländerbehörde bei ihm war und dieser sich gewundert hätte weil außer einer Zahnbürste und einiger weiblicher Kosmetikartikel im Badezimmer nichts auf ein gemeinsames Eheleben hindeutete. Ich versuchte ihn zu beruhigen, in dem ich ihm zusicherte, auch einige meiner Kleidungsstücke in seinen Kleiderschrank zu hängen und mehr nicht, denn alles weitere würde nur unnötig auffallen. Es ging niemanden etwas an, wie wir unsere Ehe führten. Daraus konnte uns auch niemand von der Ausländerbehörde einen Strick drehen. Die Monate zogen ins Land und außer drei weiteren Besuchen von der Behörde hatten wir unsere Ruhe. Seit Petra und ich uns aus den Augen verloren hatten, wohnte ich bei Hans, einem guten Freund, den ich schon von früherer Zeit aus dem Schwarzwald kannte. Ich hatte keine großen Ansprüche wenn es darum ging bei jemandem zu übernachten. Hauptsache ein Dach überm Kopf. Mit allem andern ließ sich leben. Auch bei Hans war es gang und gäbe, dass andere Drogenkonsumenten sowie auch Dealer in der Wohnung ein und aus gingen. So auch Ali, der immer mal wieder ein Piece Haschisch gegen Heroin oder Kokain eintauschte. Wohlgemerkt im kleinen Stil.

Da ich immer noch eine junge, attraktive Frau war, hatte ich keine Schwierigkeiten damit einen Mann kennen zu lernen. Ali und ich begegneten uns bei Hans, wir waren uns vom ersten Augenblick an sympathisch und verliebten uns ineinander. Es hört sich jetzt zwar leicht kitschig an aber es war als würde für mich ein Märchen aus "Tausend und einer Nacht" beginnen. Zugegeben, die Drogen passten nicht wirklich in diese Märchenwelt. Er stammte aus Palästina und bewohnte mit seinem Bruder Karim eine Wohnung in Kreuzberg. Er ließ über Wochen nichts unversucht, seinen Bruder davon zu überzeugen, wie wichtig ich ihm war und wie viel es ihm bedeuten würde, mich bei sich zu haben. Unaufhörlich lag er ihm mit seiner Bitte, mit mir zusammen in seiner Wohnung leben zu wollen, in den Ohren. Da Ali der jüngere von beiden war, wollte er anscheinend dem Glück seines kleinen Bruders nicht noch länger im Wege stehen und willigte letztendlich ein. Und ich hatte somit eine neue Bleibe. Ali unterstützte mich darin, weniger Drogen zu konsumieren. Sobald ich begann unter Entzugserscheinungen zu leiden, fuhr er mit mir stundenlang mit dem Auto kreuz und quer durch Berlin. Es war immer mal wieder das Einzige, was es vermochte, mich kurzzeitig von meinen Schmerzen abzulenken. Doch immer wieder aufs Neue bat ich ihn darum mir erneut Stoff zu besorgen um mir das Leben einigermaßen erträglicher zu machen. Er hatte schnell einen guten Draht zu diversen Leuten, die mit diesem Gift handelten. Es war ein Teufelskreis, ich kam von diesem Zeug nicht los, oder besser, ich konnte mir ein Leben ohne diese Gnade der Droge schon gar nicht mehr vorstellen. Für Ali jedoch war irgendwann klar, dass wir nur dann zusammen bleiben konnten, wenn wir auf der gleichen Ebene wären, welches hieß, dass wir beide entweder die gleichen Drogen nehmen mussten oder wir eben nichts unversucht lassen durften, uns vom Rauschgift knallhart zu entziehen. Ich schaffte es trotz der Schmerzen immer mal wieder über mehrere Tage hinweg und nahm keine Drogen zu mir, doch mein innerer Schweinehund, oder was auch immer es war, war definitiv stärker. Mein Leben ohne diese Droge zu leben wurde immer undenkbarer für mich, also konnte ich von ihm nicht das Gegenteil erwarten. Ich hielt ihn nicht davon ab ebenfalls zu Heroin zu greifen und dies kreide ich mir bis heute noch an. Doch im Gegensatz zu mir kam für ihn seine Sucht nie an erster Stelle, er hatte nicht so eine Vergangenheitsbewältigung am Laufen wie ich oder hatte sich einfach besser unter Kontrolle. Ich brauchte mir während unserer gemeinsamen Zeit um nichts Sorgen zu machen, es war als las er mir jeden meiner Wünsche von den Augen ab.

Wenn ich mich so zurückentsinne, weiß ich jetzt, dass sich die Wesenszüge von meiner ersten große Liebe Jochen und Ali sehr ähnlich waren. Sie waren beide Widdergeborene und hatten im gleichen Monat im Abstand von zwei Tagen Geburtstag.

Er sagte mir ganz oft, dass sein Leben erst ab dem Tag zählte, an dem wir uns begegneten und seine Worte schenkten mir Hoffnung. Es fühlte sich mit uns so gut und ehrlich an. Nach zwei Monaten hatten wir beide das Bedürfnis nach unseren eigenen vier Wänden und fanden auch relativ schnell in Charlottenburg eine Zwei-Zimmer-Wohnung und lebten somit in unserem gemieteten, eigenen, kleinen Reich. Ali und ich hatten aber im Prinzip nie eine wirkliche Chance uns eine gemeinsame Zukunft aufzubauen. Natürlich hatten wir unsere Träume, aber unsere Drogensucht und die damit zusammenhängende Lebensbewältigung, ließen alles andere schnell in den Hintergrund treten. Erst heute ist mir klar, dass wir in diesem Spiel immer nur die Verlierer sein konnten. Jeden Tag vollzog er das gleiche Ritual, er nahm seinen Gebetsteppich, den Koran und eine Schüssel mit Wasser mit ins Nebenzimmer. Ali war Moslem und das Beten war ihm heilig. Ohne seinen Glauben hätte er seine Sucht wahrscheinlich nicht so schnell überwunden, diesbezüglich hatte er mir ganz klar etwas voraus. Ali stammte aus dem Libanon, mit einer anderen Kultur, einer anderen Religion und einer anderen Lebenseinstellung. Schon alleine was das Rollenverhältnis zwischen einem Mann und einer Frau betraf, stimmte es so ganz und gar nicht zwischen uns überein. Ich passte mich eben so gut es ging den Gepflogenheiten seines Glaubens an und noch siegte unsere Verliebtheit. Wir lebten bereits schon neun Monate in unserer gemeinsamen Wohnung, als er mir eines Abends ganz aufgeregt erzählte, dass ihn seine Mutter aus dem Libanon angerufen hatte und ihn darum bat doch endlich sein Heiratsversprechen einzulösen. Ali und ein libanesisches Mädchen aus seiner damaligen Nachbarschaft waren sich schon im Jugendalter versprochen worden und die Vermählung sollte nun alsbald stattfinden. Es ging um die Familienehre und diese war ihm genau wie seine Religion ebenfalls heilig. Ich konnte nicht glauben, was er mir da erzählte, ich hatte doch quasi gerade erst wieder damit begonnen, an so etwas wie an eine Liebe für mich zu glauben. Er versicherte mir aber, dass er diese Frau nicht heiraten könnte, da seine ganze Liebe nur mir gehörte, flog aber dennoch einige Tage später in den Libanon. Daraufhin beschloss ich für längere Zeit nach Hause zu meiner Familie zu fahren, in der Hoffnung mir dort meine Wunden lecken zu können. Einige Wochen später holte mich meine Mutter ans Telefon und ich nahm einen Anruf aus dem Libanon von Ali entgegen, indem er mich mit tränenerstickter Stimme immer wieder aufs Neue um Verzeihung bat und sich von mir verabschiedete. Ich wusste wirklich nicht, wie mir in diesem Augenblick geschah und konnte nur noch völlig hemmungslos heulen. Ich schrie immer wieder meine ganze Verzweiflung darüber in den Telefonhörer "Bitte nicht! Tue mir das nicht an!" Meine Mutter stand neben mir, wusste nicht, wie sie helfen konnte und wollte mich mit den Worten "Ist doch nicht so schlimm, andere Mütter haben auch schöne Söhne" wahrscheinlich trösten. Ich fühlte keinen Boden mehr unter meinen Füßen und wusste mal wieder nicht, wohin mit mir und meinem Schmerz. Süchtig wie ich nun mal war, konnte ich hier nicht mehr länger bleiben und wollte es auch nicht. Wieder hierher zurückgekommen zu sein, war für mich wie versagt zu haben, aber ich wollte mir und meiner Familie beweisen, dass ich alleine meinen Weg finden würde trotz aller Widrigkeiten.

Ich fuhr zurück nach Berlin und erfuhr, dass Alis Bruder zwischenzeitlich unsere gemeinsame Wohnung aufgelöst hatte. Ich kam erst mal bei Maria, einer Freundin, die ebenfalls aus meiner Heimat stammte und seit einigen Jahren auch in Berlin lebte, unter. Sie wohnte mit ihrer kleinen Tochter in einer Drei-Zimmer-Wohnung und war zu Anfang alles andere als begeistert, dass ich mittellos sie quasi um Asyl bat, da es für sie nun noch enger werden würde, räumlich wie auch finanziell, wenn sie nun auch noch mich mit unterhalten sollte. Aber sie meinte, dass wir es schon irgendwie zusammen hinkriegen werden. Auch sie war drogenabhängig und immer knapp bei Kasse, dennoch zog sie mich über Wochen mit durch. Für mich war erstmal das Gefühl der absoluten Abhängigkeit und Unterordnung zweitrangig. Meinen Stolz hatte ich schon längst ad acta gelegt, aber immer wichtiger wurde mir, dass ich wieder den Zugang zu Drogen gesichert wusste. Erneut war ich an dem Punkt angelangt, dass es wieder auf das Gleiche hinaus lief. Ich fand diesen Zustand und mich mittendrin zu erleben einfach nur noch widerlich, alles war so dermaßen erniedrigend aber ich wusste keinen anderen Ausweg für mich.

4

Der Teufel betritt die Bühne