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10 Jahre ist es her, seit die Tür des Buchparadies Rahel-Medea Ruoss in Winterthur das erste Mal aufgegangen ist. Was in diesen zehn Jahren alles geschah, was nötig ist, um ein Buchgeschäft zu führen, ja wie es überhaupt so weit kam, dass Rahel-Medea Lang sich mit 27 Jahren in die Selbstständigkeit wagte, dieses und Vieles mehr, erfahren Sie in diesem Buch. Ob Amüsantes, Trauriges oder Ergreifendes, das Leben in einem Buchgeschäft hat es in sich.
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Seitenzahl: 146
Veröffentlichungsjahr: 2020
Rahel-Medea Lang
Die ursprünglich aus der Druckvorstufe stammende Rahel-Medea Lang ist stolze Winterthurerin. Sie leitet zwei Secondhand-Buchläden inmitten der Altstadt in denen sie rund 30 000 Bücher in allen Themenbereichen führt. Oft begegnet man dem einen oder anderen Vierbeiner in ihren Lokalen, in denen sie mit Freude und Enthusiasmus arbeitet.
Ihre Leidenschaft gilt der deutschen Literatur, der klassischen Musik und ihrer Filmsammlung.
„Noch immer klopft mein Herz beim ersten Aufschlagen eines neuen Buches“.
Prolog
Bücherhort
Luftschloss
Übernächtigt
Leidenschaft
Eine Geschichte für Rahel
Stand der Dinge
Das Buchparadies
Über das Buchparadies Ruoss
Zahlen
Vertrauen
Unbezahlbar
Integration
Diesen Text verfasste ich für Andreas, nach seinen mündlichen Angaben
Kistenkatze & CO
Routine
Christina
Beziehungen
Ode an die Chefin
Von Deborah Amolini, Lehrtochter im Buchparadies
Was auch dazu gehört
Agatha Christie und das Antiquariat
Werbehaie
Lachen und weinen
Zukunftsvisionen
Epilog
Buchempfehlungen
Quellenangaben
Irgendwann in den Jahren 2010 bis 2015 lese ich das Buch "Sunwise Turn. Zwei Buchhändlerinnen in New York" ein Werk von Madge Jenison, eine der beiden Buchhändlerinnen. Ich bin davon regelrecht begeistert. Einerseits von den beiden Frauen, die 1916 eine eigene Buchhandlung eröffnen, ohne Vorwissen, entgegen jedem Rat und jeglicher Vernunft (kommt mir irgendwie bekannt vor). Anderseits von der Lieblichkeit des Textes. Madge und Mary erzählen von Kunden, von Problemen, dem Alltag und den Herausforderungen in ihrer Buchhandlung.
Es ist beeindruckend, spannend, lustig. Wenn sie Spitznamen für ihre Kunden benutzen, Umschreibungen, um sich merken zu können wer wer ist, erinnern sie mich an mein eigenes Verhalten.
Wenn sie in ihre Unterlagen schreiben: "betuchter, alter Bonze, bezahlt aber brav" dann ist da meinerseits pure Sympathie für die beiden Ladies. Ich denke, dass das die beiden, genauso wenig wie ich, abfällig oder beleidigend meinen. Man muss die Kunden anfangs an etwas erkennen und das geht mit Spitznamen am besten. Blöd nur, wenn diese Unterlagen dann versehentlich dem Kunden gezeigt werden...
Auch bei mir eine Schreckenssekunde, als ich mit dem Kunden die Adresse in der Kartei überprüfte und erst zu spät sehe, dass ich "Verschwörungstyp" in Bemerkungen geschrieben hatte.
Da gibt es auch einen Herr Eros, mit dem ich mittlerweile per du bin, bei dem ich ständig aufpassen musste, ihn nicht wirklich so zu nennen. Diesen Namen hatte er sich eingefangen, weil sein erster Kauf bei mir ein Erotikband war und er mir seinen Namen nicht verraten wollte.
Ich hatte zu Beginn noch mehr Spitznamen für meine Kunden. Heute weiss ich ihre richtigen Namen und die Übernamen sind nicht mehr von Belang.
Ich hatte zum Beispiel Frau Meier mit den sieben Eiern (wichtig, da ich in etwa fünf Frau Meier als Kundinnen habe). Dann Herrn und Frau Schüch, wobei es sich nicht um ein Paar handelt. Dann gibt es Herrn Hösli, dessen korrekter Name ich bis heute nicht weiss und Herr Pablo, der schon seit Ewigkeiten nicht mehr im Laden war. Pablo war der Hund des Kunden, ein Mops, mit dem er immer ziemlich lustige Gespräche geführt hatte.
Und Ferdi. Ferdi ist kein Spitzname sondern die Kurzform von Ferdinand. Ich muss immer an meinen Lieblings Kinderfilm von Ferdinand dem Stier denken, der Stier, welcher nicht kämpfen wollte und Blumen liebte, wenn Ferdi mich mit seinem Besuch beehrt.
Während des Lesens von "Sunwise Turn" spürt man wie leidenschaftlich die beiden Frauen ihre Arbeit verrichten, wie sehr sie Bücher und Menschen lieben.
So etwas wollte ich auch. Wollte über meine Lieblinge, über meine lustigen, teils skurrilen, aber allesamt liebenswerten Kunden schreiben. Wollte erzählen wie hilflos man sich fühlt, wenn man für jemanden ein dringendes Buch für die Schule bestellt und dann jede zehnte Seite darin nicht bedruckt ist. Oder wie stolz man ist, wenn man ein seltenes Buch gefunden hat und der Kunde einen deshalb umarmt. -Oder selbstgepflückte Zwetschgen aus dem Garten mitbringt.
Jeder Mensch hat seine Eigenart, jeder Kunde ein eigenes Umfeld, ein eigenes Leben, Sorgen, Nöte und Gedanken. Doch wenn sie die Schwelle meines Ladens überschreiten, haben sie alle eines gemeinsam:
Die Liebe zum Buch!
Ich durfte so viele Menschen kennenlernen und sie einen kurzen Moment einen Teil ihres Weges begleiten. Dafür bin ich sehr dankbar. In "Sunwise Turn" gibt es eine wunderbare Passage, in der Madge beschreibt, wie es für sie ist, wenn ein Kunde den Laden betritt oder verlässt: "... als hätte eine schöne Seele einen Hauch grenzenloser Güte hinterlassen."
-Wunderschön! - Und wahr.
Natürlich ist nicht jede Begegnung geprägt von purer Güte. Man bedient auch die etwas mühsameren Kunden lächelnd. Trägt es mit Fassung, wenn der Kunde anruft um mitzuteilen, dass er, obwohl bereits Rechnungen im Wert von mehreren Hunderten Franken offen sind, nun drei Monate nicht mehr bezahlen kann, weil er für die Ferien sparen will. Oder wenn man als Erstes am Morgen nicht gerade freundliche Mails im Posteingang vorfindet. Aber wenn man sich einen Moment Zeit nimmt, erkennt man hinter der Fassade oft eine Perle.
Das Buch hat mich in so vielen Dingen und Gedanken bestätigt. Oft dachte ich beim Lesen, ja, genau so ist es.
"Ehefrauen sind die natürlichen Feinde von Buchhändlern, weil sie ständig an die Milchrechnung denken." Ist das nicht famos? Ich möchte ergänzen: auch die Ehemänner... Obwohl die heutigen Partner der Büchernarren nicht mehr an die Milchrechnung denken, sondern eher an den fehlenden Platz, oder an die unzähligen Bücher die bereits ungelesen zu Hause liegen, kommt es mir vor, als kämpften die beiden Frauen bereits vor 100 Jahren mit ähnlichen Umständen wie ich. Doch so wunderbar umschrieben, ohne Verbitterung, ohne Zorn oder Vorwurf.
Den festen Entschluss, auf mein zehnjähriges Jubiläum auch ein Buch zu schreiben, lieferte mir dann folgendes Zitat: "Nichts in der Welt ist so mächtig wie ein Gedanke für den die Zeit reif ist."
Das Ergebnis dieser Gedanken können Sie auf den vor Ihnen liegenden Seiten lesen. Vielleicht entdecken Sie Sich in irgendeiner Begebenheit wieder? Glauben Sie mir, dass ich alles in grossem Respekt und Liebe geschrieben habe, nicht um jemanden bloss zu stellen, sondern um Erlebnisse und Begegnungen, die mich berührt, beglückt oder auch betrübt haben, mit Ihnen zu teilen. Ich habe den besten Job der Welt, das beste Team und die besten Kunden. Alle genauso wie sie sind.
Ein grosses Dankeschön an Rolf, der mein Fels in der Brandung ist, mich unterstützt, mich stärkt und in jeder seiner Handlungen an das Beste für mich und meinen Laden denkt.
An Deborah, meinen Sonnenschein, strahlend, wärmend, unbezahlbar.
An Lenard, den Komiker unter uns, der mir jeden Tag aufs Neue Mut macht und mich zum Lachen bringt.
(Beispiel: Lenard soll beim Buchzentrum anrufen um etwas in Erfahrung zu bringen. Er ruft an. Wir anderen hören wie er sagt, dass wirklich alles in Ordnung sei und er sich verwählt hätte. Wir fragen nach, er, er habe aus Versehen der dargebotenen Hand angerufen… Wie schafft er das? Wir wundern uns, er telefoniert weiter. Dann: "Nein, nein, wirklich! Es ist alles gut! -Nein, das ist kein versteckter Hilferuf, mir geht es wirklich gut!" -Wieder die dargebotene Hand! Wir haben alle so sehr gelacht! Es hat sich dann herausgestellt, dass er immer wieder unsere Kundennummer anstatt die Telefonnummer eingegeben hatte!)
Mein Dank geht an Christina, die gute Seele meines Buchladens, die mich seit Jahren unterstützt und begleitet, selbst beim Schreiben dieses Buches.
An Patrick, der mir beim Aufbau meines Lebenstraumes geholfen hat und an alle anderen Mitarbeiter, die mein Leben nicht immer einfacher, aber ganz bestimmt erfahrungsreicher machten.
Ein grosses Dankeschön an jeden einzelnen Kunden, der, wenn er den Laden betritt, ein Lächeln auf mein Gesicht zaubert. Ob er sich nun für Teppiche, Theologie oder Philosophie interessiert.
Jeder von ihnen macht meine Arbeit arbeitswert, meinen Tag lebenswert.
István Nagy
Von Wurzeln tief aus alter Zeit
und Blättern, die von heute sind,
und treuem Stamm erzähl‘ ich nun.
Wer wandelt und waltet an diesem Ort?
Wie Alberich schuf sie ‘nen neuen Hort.
Es ist die Bücherherrin in ihrem Reich.
Über das Westmeer zum Drachentor,
durch östliche Weiten zum Sternenreich,
von Nord nach Süd die Reise geht.
Wer wandelt und waltet an diesem Ort?
Wie Alberich schuf sie ‘nen neuen Hort.
Es ist die Bücherherrin in ihrem Reich.
Voll Freud und Leid durchs ganze Jahr
die Seiten sind zum Bersten voll,
von Mord unter Sonne und Tod auf dem
Fluss.
Wer wandelt und waltet an diesem Ort?
Wie Alberich schuf sie ‘nen neuen Hort.
Es ist die Bücherherrin in ihrem Reich.
Von Heiner und Otfried die Schätze sie hat,
Lindgren und Funke und Ende hier steh’n,
die kleinen Ulricis sind ihr bekannt.
Wer wandelt und waltet an diesem Ort?
Wie Alberich schuf sie ‘nen neuen Hort.
Es ist die Bücherherrin in ihrem Reich.
Hier hüpfen die Hasen, die kleinen,
das goldene Töpfchen stiehlt hier die Hexe,
von Asgard und Arda der Zauber hier wirkt.
Wer wandelt und waltet an diesem Ort?
Wie Alberich schuf sie ‘nen neuen Hort.
Es ist die Bücherherrin in ihrem Reich.
Von Stöbern bis Schmökern ist alles erlaubt.
Doch erdreistet sich einer etwas zu klau’n,
so wird sie zur rächenden Göttin sogleich!
Wer wandelt und waltet an diesem Ort?
Wie Alberich schuf sie ‘nen neuen Hort.
Es ist die Bücherherrin in ihrem Reich.
Ein Paradies der Bücher: So steht es
geschrieben.
Ein sonniger Tag im Herbst 2008. Ich schlendere mit meinem Partner und späteren Ehemann, Patrick Lang, durch die Strassen von Winterthur. Trotz frischem Liebesglück und freundlichem Wetter ist die Stimmung getrübt. Mein letztes Arbeitsverhältnis fand ein jähes Ende und die Vorstellung, mich an einem neuen Ort wieder anstellen zu lassen, gefiel mir gar nicht. Da meine Grundausbildung als Offsetmonteurin in der Druckvorstufe obsolet ist, konnte ich mir auf diesem Gebiet nichts mehr suchen und in einem artfremden Job würde ich kaum etwas verdienen. Was sollte ich tun? Wo arbeiten? Ich war bedrückt und unglücklich.
Wir kommen in der inneren Tösstalstrasse vorbei und ein Anschlag im Buchladenschaufenster fällt uns ins Auge: "Zu verkaufen - Nachfolger gesucht" -Wir sehen uns an, lachen - und vergessen den Aushang wieder.
Doch nicht für lange. Immer wieder spricht mich Patrick darauf an, drängt mich das Gespräch mit der Ladenbesitzerin zu suchen. Aber ich hatte doch keine Ahnung! Wusste nicht wie teuer so etwas sein würde.
Auch egal, finanzielle Rücklagen hatte ich ohnehin keine.
Irgendwann gehe ich doch. Frage schüchtern nach dem Angebot und wie eine Geschäftsübernahme ablaufen würde. Es handelte sich um eine Secondhand-Buchhandlung. Die Bücher sind gebraucht aber nicht zwingend alt. Der Fachausdruck hierfür: Modernes Antiquariat. Der Bestand nach dem Abverkauf, den die Ladenbesitzerin seit Monaten lancierte hatte, betrug zum Zeitpunkt der Übernahme 8000-9000 Titel. Diesen Restposten müsste ich ihr abkaufen. Ebenso das Mobiliar, die Infrastruktur, den Firmennamen usw. Das Lokal wäre zur Miete. Sie nennt mir einen Preis. -Gar nicht sooo viel...Ich solle mich beeilen ist ihr Rat, der Hausbesitzer wolle das Haus verkaufen und dann sei das Ladenlokal nicht mehr zu mieten...
Das Wochenende steht an und mein Freund und ich beginnen mit dem Bau eines wunderbaren Luftschlosses. Was wir alles tun könnten mit einem eigenen Lokal. Patrick ist gerade dabei, sich als selbständiger Grafiker zu etablieren. Für seinen Arbeitsplatz wäre also schon gesorgt.
Seeehr wichtiger Punkt: Endlich, endlich könnte ich wieder einen Hund halten! Und wir könnten das… und es wäre so... und, und, und. Die Gedanken schlagen Purzelbäume. Je mehr wir darüber nachdenken, desto realistischer wird die Idee. In den letzten Jahren war ich als Geschäftsführerin in zwei verschiedenen Buchhandlungen tätig, hatte also erste Erfahrungen in Organisation und Personalführung.
Einige Jahre zuvor hatte ich auch bereits einen Kurs zur Selbständigkeit besucht, da ich schon früher mit diese Idee gespielt hatte. Ich wollte ein Kultur-Café eröffnen. Eine Oase mit Ausstellungen, Konzerten und massig Büchern.
Am Montag also tief durchgeatmet, Mut gefasst und den Hausbesitzer angerufen. Eine freundliche Männerstimme meldet sich. Nein, das sei schade, er habe soeben den Vertrag für den Hausverkauf aufgesetzt... Mein Luftschloss zerfällt in tausend winzige Glassplitter! -Aus! Alles umsonst! Wieder ganz unten beginnen! Ich breche in Tränen aus! Unter Schluchzen kann ich ihn noch bitten, er solle sich doch wieder melden, sollte sich irgendetwas ändern. Könne er, das sei aber unwahrscheinlich, versichert er mir.
Das war am Montag. Am Donnerstag ruft er wieder an. Als ich am Telefon seine Stimme erkenne, zittern meine Knie so stark, dass ich mich hinsetzten muss. Er verstehe nicht ganz weshalb, aber der Verkauf sei gescheitert. Ob ich das Lokal immer noch haben wolle... Dieser Moment bedeutet für mich ein wahres Glaubenserlebnis. Ich war beruhigt, dass der liebe Gott sein "Go" gegeben hatte und an meiner Seite stand.
(Was er weiterhin jeden einzelnen Tag in den kommenden zehn Jahren auch getan hat.) Noch bevor mich der Bankangestellte nach Sicherheiten für einen Kredit fragen und mir bloss die Hälfte davon bewilligen werden wird, fahre ich zum Hausbesitzer und unterschreibe mit überschwänglicher Euphorie ob meinem Glück, einen zweijährigen Mietvertrag!
Es ist purer Wahnsinn, was ein Mensch zu leisten in der Lage ist, wenn er ein klares Ziel vor Augen hat.
Mein Ziel war es, am 01.11.2008 um 9 Uhr meinen Buchladen zu eröffnen. Ich hatte eine Woche Zeit.
Natürlich hatte ich mich vorbereitet. Seit der Mietsvertrag-Unterzeichnung am 30.08.2008 waren zwei Monate vergangen.
Diese hatte ich damit zugebracht, einen Businessplan zu erstellen, die Anmeldung auf dem Handelsregisteramt in Zürich zu erledigen, auf der Bank um einen Kredit zu bitten, diverse In- und Auslandskonten und Kreditkarten zu eröffnen, dem Kreieren eines Geschäftslogos, (das übernahm mein Freund, der Grafiker ist), dem Druck von Visitenkarten und Eröffnungsflyers, Verteilen derselbigen, und, was sehr zeitintensiv war, dem säuberlichen schreiben meiner Themenschilder. Davon gibt es 37 grosse und 182 kleine, dazu ca. 100 Mal das Alphabet.
Ich wollte im Laden einiges verändern. Caroline, meine Vorgängerin, war auf esoterische Themen spezialisiert gewesen. Diese hatte sie beim Eingang platziert.
Themen wie zum Beispiel die Technik, waren zwar rudimentär vorhanden, standen aber irgendwo ganz hinten, unten, unsortiert in einer Reihe. Es war, als spüre man die Krankheit Carolines im Laden, die sie schlussendlich in die Knie und zur Ladenaufgabe gezwungen hatte. Zudem musste sie, im Gegensatz zu mir, die ganze Arbeit alleine erledigen. Sie schien keine Energie mehr zu haben, die sie, in diese für sie weniger wichtigen Ladenbereiche stecken konnte. Sie waren daher lieblos eingeräumt und mit nur wenigen Titeln bestückt.
Einerseits war es mir ein Bedürfnis zu zeigen, dass ich alle Themen führe, anderseits wollte ich keinesfalls meine Esoterik-Kunden verärgern, weil ich wusste, dass von ihnen das anfängliche Gelingen abhängen würde. Sie waren es, die den Laden kannten und besuchten. Unter keinen Umständen wollte ich sie vor den Kopf stossen.
Trotzdem musste ich die Anordnung stark verändern.
Die Esoterik bekam den Fensterplatz, dicht gefolgt von den restlichen Geisteswissenschaften. Daneben Geschichte, dann ... ich weiss es gar nicht mehr.
Ich habe den Laden seither so oft umgestellt... Waren die Kinderbücher zuerst hinten? -Ich glaube schon.
Was ganz sicher ist und was sich auch in den zehn Jahren nicht verändert hat: ich wollte die Unterhaltung vorne an der Tür. Ich entwarf einen Platzplan. Es galt einen natürlichen Themenfluss zu beachten, eine logische Abfolge zu erstellen.
Diese Thematik behandelte ich irgendwann mal in einer Verkaufsschulung. Das ist ein spannendes Thema. Wussten Sie, dass der Mensch eine Linksdrehung im Körper hat? Er wird unbewusst immer den Weg nach links einschlagen und seinen Blick nach rechts drehen. Ich weiss nicht mal, ob das vom Hirn gesteuert wird oder in der Anatomie begründet liegt. Jedenfalls nutzen Kaufhäuser solche Verhaltensmuster, um auf der rechten Regalseite die teureren Artikel zu präsentieren. Genauso verhält es sich mit der Höhe. Die beste Lage ist logischerweise die Augenhöhe. Obwohl die bei mir definitiv an einem anderen Ort liegt, als zum Beispiel bei Lenard, meinem Praktikanten-Schrägstrich-Mitarbeiter (das ist sein Spitzname), der fast einen halben Meter grösser ist als ich.
Dann gibt es eine Reck- und eine Bück-Zone. Die günstigen Artikel sind ganz zuunterst im Regal.
Auch ein spannender Punkt: man sollte beim Einräumen eines Ladens Frauen- und Männerthemen nicht zu stark trennen. Eigentlich unlogisch, oder?
Natürlich will ein Mann eher ungern in die Hygieneabteilung der Frau geraten, aber bei anderen Themen animiert man den Käufer, neue Themenbereiche zu entdecken. Deshalb stellt man auch regelmässig die Regale um. So steuern die Leute neue Artikel an, in der Annahme "ihre" Artikel stünden dort.
Auf solch spezifische Dinge konnte ich leider kaum eingehen. Denn ich musste mit dem knappen Platz haushalten. Ich konnte die grossen Themenblöcke wie Medizin, Religionen, Esoterik und Geschichte nicht überall platzieren, sondern musste mich an die vorherrschenden Platzverhältnisse halten. Trotz ausgeklügeltem Plan denkt man nie an alles. Dass es ziemlich blödsinnig war, die Bücher zum Thema Schwangerschaft ins allerunterste Regal zu räumen, merkte ich erst, als eine nette, sehr schwangere Dame mir eindrucksvoll demonstrierte, was mein Denkfehler gewesen war...
Ich habe den ganzen Laden auf den Kopf und wieder zurück gestellt. Nur zwei einzelne Themen habe ich an Ort und Stelle gelassen. Das waren Botanik und die Tierabteilung. Die sind mittlerweile auch verschoben, haben aber am längsten ihr Plätzchen behalten.
In den vergangenen Jahren habe ich immer wieder Anpassungen vorgenommen und finde, jede Veränderung war zum Besseren. Meist stellte ich aus Platzgründen um. Anfangs hatten wir noch kurze Zeit den Luxus, die bestehenden Regale vollständig zu füllen. Dann stellten wir neue auf, bis am Ende jeder freie Meter mit einem Buchregal bestückt war. Wenn man bedenkt, dass ich zu Beginn noch eine bücherfreie Galerie hatte und jetzt sogar im WC Bücher stehen... Als restlos jede Ecke mit Regalen gefüllt war, begannen wir ein Kistenlager aufzubauen.
