Mein (un)wertes Leben - Alfred Hoffmann - E-Book

Mein (un)wertes Leben E-Book

Alfred Hoffmann

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Beschreibung

Krank, ungewollt, ein "unwertes Leben" - Alfred Hoffmann überlebte als Kind nur knapp die Selektion durch die Nazis. Seine Fluchtgeschichte liest sich wie das Skript zu einem Hollywoodfilm. In Bessarabien geboren, wurde seine Familie 1940 über Österreich nach Westpreußen zwangsumgesiedelt. Von dort flüchtete er gegen Kriegsende mit seiner Pflegefamilie mit dem Pferdewagen nach Deutschland, 1950 mit der Mutter über die Elbe in den Westen. Seine Lebensgeschichte: ein Zeitzeugnis, das bei Älteren eigene Erinnerungen weckt, für Jüngere eine Geschichtsstunde, die die Nachkriegszeit greifbar macht.

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Seitenzahl: 67

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Arme Maus und reicher Bauernsohn

Meine erste Rettung

Rettung Nummer Zwei

Die neue Heimat

Flucht mit der neuen Familie

Bombenangriff

Der dritte Schutzengel

„Help“

Der Waggon am Bahnhof

Die Wiestebrücke bei Sottrum

Nicht nur Hamstern

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Zurückgelassen

Wieder entwurzelt

Sündenbock

Familienzusammenführung

Die falsche Schlange

Frostig

Die Sache mit dem rosa Aschenbecher

In letzter Sekunde

Der letzte Hahn

Kartoffelkäfer und Rosinenbomber

Bekanntschaft mit der großen Liebe: Musik

Kriegsheimkehrer

Flucht in den Westen

Vater

Auf Leben und Tod

Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Das Angebot

Fahrprüfung mit Hindernissen

In der Penne

Am Timmendorfer Strand

Liebe und Hiebe

Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Auf eigenen Beinen

Kindheitsfreuden und Jugendsünden

Voll auf die Glocke

Auf zur See

Ehe und Brüche

Alleinerziehender Vater

Happy End

Endlich sesshaft

Unter Strom

Auf der Schippe

Ein lebenswertes Leben?

Nachwort

Vorwort

„Sagen, was ist“ – das war schon immer Alfred Hoffmanns Art. Nicht lang drum rum reden, sondern Klartext. Damit machte er sich im Leben nicht immer nur Freunde. Einige Wahrheiten auszusprechen, dafür brauchte es etwas länger.

Krank, ungewollt, ein „unwertes Leben“, immer wieder entwurzelt durch die Kriegszeiten und - zig Neuanfänge: Das hinterließ Narben auf der Seele. Narben, die es besser zu verdrängen galt, einige über 50 Jahre. Irgendwann, als Erwachsener – Alfred Hoffmann hatte längst seinen Platz in der Gesellschaft gefunden, im Beruf, in der Kommunalpolitik und vielen ehrenamtlichen Ämtern in der Musik –, wurde er sehr krank. Nicht nur körperlich – auch die verletzte Seele meldete sich zu Wort, verlangte nach Gehör. In der Kur riet eine Psychologin ihm, sich die Erlebnisse der Kindheit von der Seele zu schreiben. Das brach alte Wunden auf; längst verschüttete, zum Teil bruchstückhafte Erinnerungen kamen zum Vorschein.

Sie finden sich in diesem Lebensbericht, ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Chronologie; die Geschichten aus der frühsten Kindheit wurden ihm selbst erzählt: von den Eltern, Verwandten, Wegbegleitern, zum Teil Jahrzehnte später. So ergibt sich das Mosaik einer Fluchtgeschichte in Kriegszeiten. Brutal, erschütternd, und gerade deshalb wert, vor dem Vergessen bewahrt zu werden. Dies ist das Anliegen dieses Buches.

Dank

Wenn das Schicksal es nicht gut mit mir gemeint hätte, wäre ich heute nicht mehr am Leben. Ich habe im Laufe meines Lebens viele Schutzengel gehabt, einige in menschlicher Gestalt: Das Ehepaar Lydia und Albert Künzler, die mich wie ihren Sohn aufgenommen haben sowie ihre Kinder Alfred, Alfons, Alma und Herta, aber auch Alida Bösen, die mich 1945 beim Bombenangriff rettete, indem sie ihren eigenen Körper als Schutzschild einsetzte. Ihnen allen gilt mein tiefer Dank.

Vor allem aber möchte ich meiner Ehefrau Marianne danken, die mich bis heute begleitet und geleitet hat – ohne sie wäre ich heute nichts.

Arme Maus und reicher Bauernsohn

Ich bin das zweite Kind von Arnold und Lydia Hoffmann. Als meine Mutter Lydia Marks 1918 in Nikolajewka, Kreis Bender (Bessarabien), als fünftes Kind geboren wurde, verstarb ihre Mutter sechs Tage später im Kindbett. Ihr Vater war ein einfacher Landarbeiter und konnte sich nicht um seine kleine Tochter kümmern. Meine Mutter wuchs als Pflegekind bei Nachbarn, der Familie Wildermuth, auf. Die Nachbarin hatte meiner Großmutter auf dem Sterbebett versprochen, sich um die „Luzi“ zu kümmern. Und das taten sie und ihr Mann auch.

Die Familie Wildermuth besaß eine Mühle. Sie regierten das Dorf. Er war Bürgermeister, bei Streitigkeiten wie in der Ehe schlichtete er. Er war das Gesetz. Der Mühlenbesitzer hatte selbst neun Kinder aus verschiedenen Ehen – seine erste Frau war früh gestorben. Wie das damals eben so war: Wenn die Leute krank wurden, starben sie. Meine Mutter wurde dort aufgenommen und mit den anderen Kindern großgezogen. Die leiblichen Söhne der Wildermuths konnten alle höhere Schulen besuchen und studieren – in Heidelberg, Wien. Aus allen ist später etwas geworden: Doktoren, Professoren, Tierärzte. Doch auch meine Mutter hatte es gut: sie durfte Schneiderin werden, und ihre Pflegegeschwister sorgten dafür, dass sie ihre eigene Nähmaschine bekam.

Dann verliebte sie sich in den reichen Bauernsohn Arnold Hoffmann. Das sollte aber nicht sein: ein Findelkind, eine so genannte arme Maus – so etwas heiratet der Sohn eines großen Hofbesitzers, dessen Familie Reitpferde und Weinberge hatte, doch nicht! Schon eher die Nachbarstochter, die auch eine gehörige Aussteuer mit in die Ehe brachte. Doch die hätte Arnold Hoffmann nicht gewollt – er wollte die Luzi.

Trotz allem wurde am 25. März 1938 geheiratet. Es war jedoch sehr schwierig – es war ja keine standesgemäße Verbindung, noch dazu eine der Schande, denn „sie hatte ja was unter der Schürze“, wie es auf Schwäbisch hieß. Geheiratet wurde vorerst nur standesamtlich und in Schwarz, eine kirchliche Trauung verbat sich.

Nur vier Tage später wurde Viktor, mein älterer Bruder, geboren. Meine Mutter hatte vergeblich versucht, das Kind loszuwerden. Er war nicht lebensfähig und starb mit nur viereinhalb Monaten.

Die kirchliche Trauung wurde erst im Juni 1938 nachgeholt. Der Pastor war wohl ein guter Pastor, er hatte aber auch einen gesegneten Appetit. Sein ständiger Begleiter war ein Ziehharmonika-Koffer, und als er die Feier meiner Eltern verließ, hatte nicht nur er, sondern auch sein Koffer wie immer zu solchen Anlässen erheblich an Umfang zugenommen.

Am 24. September 1939 sollte ich die Welt erblicken. Ich hatte zuerst auch abgetrieben werden sollen – die Bessaraber sind da ganz brutal, nicht nur in ihrer Aussprache.

Meine erste Rettung

Fast zur gleichen Zeit brach der Zweite Weltkrieg aus. Die Deutschen marschierten in Polen ein; die beiden Diktatoren Adolf Hitler und Stalin teilten im Rahmen des Hitler-Stalin-Pakts Polen und die Bevölkerung willkürlich auf – auch uns, die Menschen in Bessarabien. Auch wir mussten im Herbst 1940 unser Zuhause verlassen, mit nichts als einem Koffer. „Heim ins Reich“ nannten sie diese Ausbürgerung, bei der wir unsere Heimat verloren.

Auf dem Bahnhof in Chișinău (deutsch: Kischinau), der heutigen Hauptstadt von Moldawien, standen zwei Züge: Einer fuhr in Richtung Schwarzes Meer, wo die Schiffe warteten. In den anderen kamen die Menschen, die heute die Russlanddeutschen genannt werden. Die wollte Stalin haben. Die Tante Emma, „die dumm‘ Kuh, isch in falsche Zuch hineingschtiegen“, hieß es später immer – sie wurde nach Sibirien deportiert.

Wir wurden mit dem Zug nach Odessa gebracht, und dann aufs Schiff, das über das Schwarze Meer die Donau hochfuhr. Meine Mutter und ich waren an Bord; mein Vater war schon im Krieg. Er war früh eingezogen worden, und zwar ins rumänische Heer. Als reicher Bauernsohn hatte er ein Pferd mitgebracht und einige Zentner Hafer. Das sicherte ihm einen gehobenen Posten und einen eigenen Stiefelknecht. Später war er in der Deutschen Armee in einer ganz schlimmen SS-Einheit: in Adolf Hitlers Leibstandarte. Die ist vorweg gegangenen und hat aufgeräumt, was aufzuräumen war. Er geriet schon früh in Kriegsgefangenschaft und wurde als Gefangener nach Sibirien verbracht. Den Krieg überlebte er an Leib und Seele geschädigt.

Bei Semlin, im damaligen Jugoslawien, ging das Schiff vor Anker. Dort war eines dieser Lager für Juden und Kommunisten – alle die, die Hitler nicht gebrauchen konnte. Männer kamen an Bord; sie stempelten alle unter dem Arm. Meine Mutter hat bis zu ihrem Tod geglaubt, das „A“ wäre ihre Blutgruppe – aber die hatten alle die Blutgruppe A. Es war das Zeichen für Arier.

Auf den Schiffen kontrollierte uns auch die SS. Alles „unwerte Leben“ wurde aussortiert. Die haben auch Kinder genommen, die nicht lebenswerten oder lebensfähigen. Ich war sehr krank. Damals hieß es „skrofulös“, heute würde man wohl „Krätze“ sagen. Ich war am ganzen Körper voll davon, fast blind und es gab keine Möglichkeit, das zu heilen. Hätte ein Matrose mich nicht im Maschinenraum versteckt, so wäre ich damals, gerade mal zwei Jahre alt, für immer verschwunden – so hat meine Mutter es mir irgendwann später einmal erzählt. Ein Bootsmann war meine erste Rettung. Es sollte beileibe nicht meine letzte sein.

Rettung Nummer Zwei