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Diese Autobiographie erzählt den Weg eines Kindes der Kriegsgeneration der 70er Jahre in Deutschland. In dieser Zeit prägen allerlei Mythen die Werte und Vorstellungen der Eltern. Dazu gehört auch das mysteriöse Ritterkreuz des Vaters aus dem 2. Weltkrieg. Es ist Bestandteil seiner familiären Geschichten über seine Erfahrungen als junger Panzeroffizier an der Ostfront. Mit preußischer Härte versucht der Patriarch den sensiblen und "verweichlichten" Großstadt-Sohn zu erziehen. Doch dieser flüchtet sich lieber träumend in die Welt der Kunst und in die kriegerische Vergangenheit des Vaters. Das Idol des ehemaligen "Ritterkreuzträgers" ersetzt die väterliche Nähe und Anerkennung. Das "Ideal" des Helden wird schließlich zum eigenen unbewussten Lebensmotiv. Erst spät gelingt es dem Autor, im Drama des eigenen Lebens die Spur des "mythischen Helden" wiederzuentdecken und kritisch aufzuarbeiten.
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Seitenzahl: 279
Veröffentlichungsjahr: 2020
Paul Lichtenberg
Mein Vater, der Held.
Eine Schattenreise
© 2020 Paul Lichtenberg
Autor: Paul Lichtenberg
Umschlaggestaltung, Illustration: Paul Lichtenberg
Fotos und Bilder: Urheber und Rechteinhaber Paul Lichtenberg
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN Taschenbuch: 978-3-347-12498-1
ISBN Hardcover: 978-3-347-124999-8
ISBN e-Book: 978-3-347-12500-1
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Mit besonderem Dank an
Albrecht OstertagundF.M. Müller
für Marcel
Inhalt
Prolog
Vorspiel auf dem Theater
Das Ritterkreuz
Spurensuche
Mein Vater, der Held
Gespräch vor dem Haus
Zeichnung „Gymnasiast“
Der Kriegsdienstverweigerer
In der Welt der Väter
Wir brauchen Idealisten
Der erste Ritter
Wahr-Traum
Das Drama
IDEALE WIE STERNE
Der Priester
Der erste Lehrer
Die Göttliche
GÖTTERDÄMMERUNG
Zeichnung „Die Warnung“
Das Gericht
Im Abgrund
Du bist zu idealistisch
Die Geburt des „Helden.“
Ohne Bedeutung
Der Verrat
ANKOMMEN IM TAL
An der Seite der Anderen
Spirale des Lebens
Epilog
Anhänge
Alter Stein
Im Ofen
Ohne Speer
Parzivals Traum
Vater-Wunde
Brief an meinen Sohn
Foto „Holzsäule Kloster“
Weiterführende Literatur
Foto „Übergänge“
Der Träumer ist ein Visionär
Wenn andere nur Wolken erkennen, kann er bis zu den Sternen schauen. Ja, mehr noch: Weil sie so strahlen, glaubt er an ihre Erreichbarkeit. Doch es fällt ihm schwer, auf seinem Weg auch die Hindernisse zu sehen. Denn, während seine Mitmenschen in ihren kleinen Kreis gefangen sind, schaut er darüber hinaus und wähnt sich schon am Ziel. So stolpert er jäh über die Realität, wie sie nun mal ist. Und es scheint ihm, als sei sein Leben nur ein Weg voller Hindernisse. Bisweilen häufen sich diese so sehr an, dass der Schein der Sterne verblasst. Gerne wäre der Träumer dann ein verkannter Held. Jedoch die Ideale werden stumpf und je länger es so geht, desto mehr wird auch er auf seiner Reise von Einsamkeit und Dunkelheit umhüllt. Es dauert nicht lange und er strauchelt und fällt. Je öfter dies geschieht, desto mehr ist es für ihn, als geschehe eine Götterdämmerung: Das, was einst trug, wird trügerisch und ungewiss das Ziel. Aber gerade darin liegt der Neubeginn verborgen:
Was Traum war, will zu wahrem Leben erwachen
Prolog
Ein guter Freund erzählte mir einst, dass er an einem bestimmten Punkt seiner Therapie einen Box-Sack brauchte. Er ging mit seinem Therapeuten in den Wald, hing den Sack an einen starken Ast und schlug gezielt auf ihn ein. Immer wieder und wieder, bis ihm die Tränen kamen. Das Schwergewicht sollte für seinen verstorbenen Vater stehen, der Boxer gewesen war. Ein Leben lang hatte er unter dessen übermächtiger Autorität und Strenge gelitten.
Dass Söhne häufig im Schatten von Vätern leben, ist nicht neu. Besonders meine Generation war noch mit Vätern konfrontiert, die der Krieg zu unnachgiebiger Härte und traumatisierter Gefühlskälte geformt hatte. Schatten haben unterschiedliche Gestalten. Es kann auch der unerreichbare Erfolg des eigenen Vaters sein. Je größer das war, was diese Männer nach dem Krieg aufgebaut hatten, desto schwerer lag auf uns Jungen ihre Forderung, selbst „Leistung“ zu zeigen. In den Jahrzehnten nach 1945 war das der Stil der Zeit. Und das war auch unsere Last. Es brauchte viele Jahre meines Lebens, um aus dem Schatten meines Vaters mit dem Entschluss herauszutreten, den Blick auf den eigenen Weg zu richten, um auf einmal innezuhalten und zu fragen: „Welche Bedeutung hat für mich eigentlich „Leistung“? Welchen Sinn macht für mich persönlich Erfolg und Misserfolg? Verändert es etwas daran, ob ich mit meinem Leben zufrieden, vielleicht sogar glücklich sein kann?“
Doch zunächst waren die Leistungen meines Vaters für mich über weite Wegstrecken maßgebend. Sie waren keine beruflichen, sondern solche eines Soldaten, ja, mehr noch: Eines jungen Offiziers im zweiten Weltkrieg. Es war der Glanz eines ehemaligen Ritterkreuzträgers, der bis in meine Kindheit, etwa 30 Jahre nach Kriegsende, strahlte. Ohne Zweifel handelte es sich hierbei um den Ausfluss einer Kriegsgeneration, die sich vor dem Hintergrund ihrer Mitschuld am millionenfachen Holocaust auf einmal im „Wirtschaftswunder“ befand. Und die jetzt wie keine andere von verklärenden Mythen lebte: Sei es der durch und durch anständige, tapfere deutsche Wehrmachtssoldat, verkörpert in dem Film „Des Teufels General“ von Curd Jürgens oder Romy Schneider als die vollkommen unschuldige, arme Königin „Sissy“, sodann die persische Königin „Soraya“ als Deutschlands Recht auf eine eigene Monarchin.. ..und, und, und. All das sollte wohl angesichts des kollektiven Gefühls von Schuld und Scham, Deutschland und den Deutschen wieder „Wert“ und „Würde“ verleihen. Aber wir wollen nicht richten. Ich denke, die allermeisten von uns möchten in ihrem Leben „Helden“ sein. Das zeigt sich in der Regel an unseren Lebenserinnerungen: Wir neigen dazu, in unseren dramatischen Geschichten unsere eigene Vergangenheit in eine Erzählung mit mythischen Merkmalen zu verklären: Helden sind Halbgötter. Sie haben menschliche Eigenschaften. Doch das zählt nicht. Denn sie werden berufen, das eigene Land, welches unter die Herrschaft des Bösen geraten ist, vom Übel zu befreien. Unter dem Schutz der Götter brechen sie in das Abenteuer auf, um mit Übermächten und Ungeheuern zu ringen. Sie erleiden dabei Qualen und geraten an den Rand des Todes. Nach dem Abstieg in das Totenreich und bestandener Prüfung stehen sie wieder auf zu neuem Leben und vollenden ihren Auftrag zur Erlösung aller. Die Dramen der Mythen mögen, Traumbildern gleich, auch seelische „Wahrheiten“ transportieren. Im Grunde tun wir dennoch nichts anderes, als was die Generationen vor uns auch schon taten. Wir erschaffen Mythen des eigenen Lebens. Unsere Worte mögen andere sein, der Geschmack aber bleibt am Ende der gleiche. Nicht nur deswegen ist mir das, was die tatsächliche Erzählung meines Vaters war, bis heute mehr als schleierhaft. Hatte er es wirklich genauso berichtet oder schon ausgeschmückt und manches einfach falsch erinnert? Immerhin lagen die Kriegsereignisse schon damals einige Jahrzehnte zurück. Ab und zu übertreiben Jugendliche manches gerne aus ihrer Emotionalität heraus. So war auch mein Hören als pubertierender Junge sicher selektiv und verändernd. Und, gibt es am Ende überhaupt eine „objektive“ Erinnerung? Selbst die eigene Wahrnehmung scheint sofort subjektiv gefärbt und bruchstückhaft zu sein, die Erinnerung umso mehr. Sie erfährt im Laufe der Jahre zahlreiche Veränderungen, manchmal gar unwahrscheinliche Wendungen. Ich habe lange gebraucht, bis ich erkannte, dass die Kriegsgeschichten meines Vaters als Held, die er so oder so ähnlich, oder eben doch ganz anders erzählt hatte, vor allem eines waren: Meine Einbildung. Sie waren das zusammenphantasierte Ideal eines Kindes von seinem Vater, der eben meist abwesend war. Ein Vater, den ich für meine Entwicklung als männliches Vorbild gebraucht hätte, der aber immer seltener zuhause war. Wenn er aber schon nicht zuhause war, dann wollte ich mich wenigstens auf diese Art mit ihm identifizieren können. Macht es also überhaupt noch Sinn, diese sogenannten „Kriegs-Erinnerungen“ meines Vaters als Leitfaden zu betrachten, um an ihnen das eigene Leben zu erzählen?
Ich glaube schon. Wir werden unser Leben besser verstehen, wenn wir lernen, die eigenen Prägungen zu verstehen. Denn je länger, desto mehr wurden diese Geschichten zu „eigenen Erinnerungen“ zu „inneren Bildern“ und „Filmen“ mit mythischem Charakter. Sie wurden zu einem Ideal. Das war entscheidend: Das fehlende männliche Vorbild hatte ich als Kind in die Vergangenheit meines Vaters projiziert. Männlich sein, hieß für mich ab da, ein „Held“ zu sein. Das war für mich die eigentliche Leistung. Dies Bild motivierte und befeuerte mich auf meinem Lebensweg. Ich wollte sein wie er. Ich träumte davon ein Held zu sein. Mein Vater war als junger Offizier ein Idealist und ich tat es ihm gleich. Sein „Ritterkreuz“ wurde zum Symbol meines lebenslangen glühenden Idealismus. Doch brachte ich eine andere Sichtweise der Dinge mit. Ich goss die Glut in eine neue Form. Mein Heldentum musste ein spirituell empfindendes sein. Ich wollte Priester werden und wurde doch schließlich Lehrer.
Ideale sollen uns motivieren. Es heißt, sie können uns Orientierung geben in einem Leben, das sich stets verändert. Einem Leben, das unwägbar und voller Risiken und Schwierigkeiten ist, das man nicht „auf die Reihe bringen“ kann. Wie viele von uns laufen dem eigenen Ideal jedoch nur ein Leben lang hinterher, ohne es je erreichen zu können. Es ist unberührbar und verharrt stets in der Zukunft. So blieb auch mein Ideal am Ende nicht anderes als eine persönliche Utopie. Denn das ist ja gerade das Wesen des Ideals, dass es prinzipiell unerreichbar ist. Das wäre an sich noch nicht so schlimm. Doch erzeugt Unerreichbarkeit bei den meisten von uns eben auch Leiden. Dieses hängt meiner Ansicht nach untrennbar mit einer weiteren Seite des Ideals zusammen: Ideale erzeugen automatisch Schatten. Es handelt sich um jene Anteile der eigenen Persönlichkeit, die wir in uns als Fehler und Schwächen wahrnehmen und die deshalb per se dem Ideal zu widersprechen scheinen. Ich meine damit zum Beispiel jene Situationen in unserem Leben, die wir anderen nicht so gerne erzählen, wo wir uns aus einer Angst heraus „schwach“ oder sogar „feige“ zeigten, eben nicht „heldenhaft“. Also werden diese seelischen Bereiche ins persönliche Unbewusste verdrängt, in den sogenannten Schatten. Sie bleiben nicht integriert, sondern erzeugen dort unbewusste Scham und Schuldgefühle. Je stärker der Idealismus wird, je mehr wir uns mit dem Ideal identifizieren, desto größer scheint der Schatten zu werden. Dies kann der individuelle, aber auch ein kollektiver Schatten sein. In Einrichtungen, die sich auf hohe ideelle Ansprüche oder auf weltanschauliche Utopien gründen, arbeiten normalweise viele Idealisten. Hier beginnen meiner Erfahrung nach die Schatten irgendwann zu tanzen. Man verhält sich konform und kontrolliert sich gegenseitig. Unbemerkt von außen etabliert sich ein schattenhaftes Eigenleben, solange bis eines Tages die „Bombe platzt“ und ein Skandal das idealistische Weltbild der Anhänger erschüttert. Fassungslos bemerken sie dann, dass ihre „heile Welt“ keine war: Die Einrichtung gerät in Verruf. Ihr Repräsentant war nur ein zum Denkmal erstarrtes, gottgleiches Vorbild. Es hat auf einmal menschliche „Risse“ bekommen. Die Projektionen sind zusammengebrochen.- Da brauchte ich als Sohn nicht lange zu warten. Väter bekommen meistens schnell „Risse“: Denn, wenn mein Vater einmal zuhause war, dann fürchtete ich seine preußische Strenge in der Erziehung. Aber lieben konnte ich nur dieses unberührte Ideal seiner kriegerischen Vergangenheit, in das ich mich flüchtete.
Die heutige Gesellschaft hat auch ihre Ideale. Sie heißen „Frei-sein“, “Karriere“ oder „Wohlstand“ und „Schön heit“. Es ist schwer, zu erkennen, was wesentlich für das eigene Leben sein könnte. Für mich wurde es mit zunehmenden Alter das Mitgefühl. Ich glaube, das Gegenteil des Ideals ist das Mitgefühl. Und ich bin überzeugt: Zu erkennen, dass wir Mitgefühl gegenüber den eigenen Fehlern und Schwächen haben dürfen, kann Brücken zum Verständnis anderer öffnen. Als eine der letzten Kriegsgenerationen an der Front hatte mein Vater nie wirklich gelernt Vater zu sein. Vor diesem Hintergrund fällt es mir heute leichter, ihm so manches in der eigenen Erziehung zu verzeihen, auch weil ich es als Vater meiner Kinder selbst nicht viel besser machte… Von hier aus suchte ich nun die Heldentaten meines Vaters noch einmal zu schreiben. Wenn auch mein Vater nur ein Mensch war und wenn es schon keine objektive Erinnerung gibt, sondern eine, die einfach den eigenen Bedürfnissen entspricht, dann durfte, ja musste, meine Phantasie das Eingebildete umschreiben, als wäre es das selbst Erlebte. Dazu war es ja tatsächlich von Anfang an geworden. So nahm ich die Bruchstücke vermeintlich erinnerter Worte und formte aus ihnen Geschichten. Auch in den eigenen Erinnerungen musste ich den Mythos finden und ihn zu dem machen, was ihm für mich wieder Wert und Würde zurückgab. Denn „Helden“ sind durch das Leben zutiefst Verwundete. Sie sind Schuldige. Sie waren in Wahrheit von Anfang an nur Menschen. Da ist Mitgefühl mit der Traumatisierung meines Vaters durch den Krieg, aufeinmal Mitgefühl und Verständnis mit mir, der ich solange seinem Kriegs-Gespenst hinterher gelaufen war. Denn wie hatte ich all die Jahre unter seinem Idealismus gelitten, den ich zu meinem eigenen machte. Wenn aber aus dem Versuch, Mitgefühl zu empfinden, so etwas wie Frieden in der eigenen Seele entstehen kann, dann macht es Sinn von der eigenen Reise durch die Schatten zu erzählen. Möge es für manche Leser meiner Generation nützlich sein, die mit ihren Vätern und auf ihrem Lebensweg Ähnliches erlebten.
Die folgende Erzählung meines Initiationsweges ist in der Abfolge der Kapitel, soweit dies thematisch möglich ist, natürlich chronologisch geordnet. Dennoch habe ich in sie, besonders am Anfang und im Anhang, eine Sammlung von älteren Texten eingebettet. Sie hebt sich in Erzählweise und Stil von den anderen Kapiteln ab. Ihr Duktus spiegelt mein jahrelanges Bemühen wieder, mit den Themen meines Lebens kreativ umzugehen. Insofern gleicht mein Buch einer Kette unterschiedlicher Bernsteine, die die winterlichen Stürme des Lebens an meine Küste gespült hat. Sie sind nun von mir in ihrer Vielfalt aus verschiedener Größe und Farbe für das Band meiner Erzählung aufgereiht worden.
Haiterburg , den 22.07.2018
Paul Lichtenberg
Vorspiel auf dem Theater
Das Ritterkreuz
„Bring ´s weg“, hatten sie gesagt, „verkauf es. Dein Ritterkreuz nützt niemanden mehr. Der Krieg ist aus. Du weißt doch, dass die Engländer ehemaligen Offizieren der Deutschen Wehrmacht das Tragen von Orden und Abzeichen verboten haben.“ –„Ich kann nicht.“- „Und wir hungern!“, sagt jetzt auch sein Bruder, der selbst keine Ehrungen aus dem Feld mitgebracht hatte. „Wenn du´s nicht tust, bringe ich es zum Schwarzmarkt! Es gibt amerikanische Offiziere, die so etwas als Kriegstrophäen sammeln und viele Zigaretten dafür bieten.“
Doch mein Vater weigert sich. Als Gunter sein kleines, kahles Zimmer verlassen hat, schaut er es noch einmal an: Seine schwarze, zerkratzte Farbe, seinen silbernen Rand, die gebogenen Seiten des Kreuzes, ihre spitzen Kanten, - und das Hakenkreuz in der Mitte… Dann tut er es in die kleine graue Schachtel aus Pappe und versteckt es unter seiner Kleidung im Schrank.
Es war doch noch gar nicht so lange her: Der junge Leutnant der Wehrmacht hatte Heimaturlaub und besuchte sein Elternhaus. Geknackte Panzer und getötete russische Soldaten. Er hat sie fotografiert, damit man ihm zuhause glaubt. Nun steht er schmuck mit Uniform an der Eingangstür zum Garten. Er ist Ritterkreuzträger, hat die Brust voller Orden. Da kommt ein alter Mann mit einem Mülleimer heraus und bleibt auf einmal stehen. Er sagt kein Wort, aber er hat Tränen in den Augen. Der Vater schaut seinen Sohn einen Moment lang genau an. Dann setzt er seinen Eimer ab und nimmt ihn in die Arme. Beide weinen. Aber dann war auf einmal alles vorbei. Die Häuser kaputt, die Straßen vom Schutt leergefegt, die Nachbarn von den Bomben getötet, in der Gefangenschaft oder an der Front gefallen. Und Schweigen breitete sich aus, als sie aus den Filmvorführungen der Besatzer kamen: Ausschwitz, Buchenwald, Dachau. Niemand sollte mehr wegschauen können: Die Gaskammern, die Leichenberge, die Gräueltaten der Deutschen. „Kratz es raus. Die anderen tun es auch.“ Doch mein Vater weigert sich.
„Ich kann nicht.“
Das Hakenkreuz an seinem Orden behauptet seinen Platz. An dieses Ideal hatte er mit flammender Begeisterung geglaubt. Dafür war er von Anfang an mit Ausdauer und Härte wie aus einem weichen Teig zu “brauner” Form geknetet und gebacken worden: Das magische Symbol seiner täglichen Erziehung durch die Propaganda. Für dieses “Heil” war er nach einem “Notabitur” als HJ- Führer schon mit 17 Jahren in den Krieg gezogen, “für Führer, Volk und Vaterland”. Für dieses Kreuz hatte er all die Jahre seines jungen Leben gegeben, gelitten und Angst gehabt, hatte so oft seinen Kopf riskiert.
“Wir haben uns bei Panzerangriffen vor Angst in die Hosen gemacht.”
Mein Vater sitzt manchmal nachts, wenn die anderen schlafen, im Keller und weint. Dann sieht er die Gesichter derjenigen, denen gegenüber auch er zum Täter geworden ist. Die angstvollen und schmerzverzerrten Augen und Schreie der Soldaten, die brennend aus der Luke ihres Panzers sprangen, als er ihn mit seinen Männern unter Beschuss genommen hatte. Die sich wie lebende Fackeln vor den Kampfwagen im Dreck wälzten. Familienväter, Söhne, Brüder, wie er. Auch das MG-Nest russischer Soldaten, dessen Störfeuer er selbst vom Geschützturm seines Königstigers ins Visier nahm, ihre verdrehten Körper mit den Einschusslöchern in den Uniformjacken, die verrutschten Helme über den bleichen Gesichtern, mit den starren Augen und offenen Mündern.
“Als ich meinen ersten Russen erschossen hatte, konnte ich Nächte lang nicht schlafen.”
Auch gestern Nacht hatte er sie wieder gesehen. Er sitzt in der halbdunklen, kühlen Kammer auf einem Hocker und hält zitternd den Orden in der Hand. Auf einmal sind diese Haken für ihn zum Verbrecherkreuz geworden, als hätten sie sich über Nacht umgedreht, als seien sie nun das Zeichen der Henker für Unzählige, für einen Rassenwahn sinnlos gequälter und ermordeter Menschen und Völker. Ihm laufen die Tränen: Er hatte für sie gekämpft. Am Ende dieses verlorenen Krieges sitzt er da wie ein kleiner Junge, wie viele seiner Generation. Er weint vor einem blutigen Haufen von Scherben, vor der Lache ausgekotzter Ideale, die stinken wie Gift. Er sitzt da, wie ein Bestohlener, der getäuscht wurde, dem Jahre seiner Jugend geraubt worden waren, verraten und verkauft von einer gewissenlosen Bande von Verbrechern. Doch die Hände, mit denen er das Kreuz hält, sind schmutzig. Er hatte sich mitschuldig gemacht an ihrem Werk der Vernichtung. Und trotzdem sagt er:
“Das kratze ich nicht ab.”?
Warum nicht? Jahrzehnte später berichtet mir mein Onkel von der Weigerung meines Vaters. Der Bruder meiner Mutter ist immer noch empört. Viele Ritterkreuzträger taten es.
„Ich kann nicht.“
Man kann eben nicht einfach auslöschen, woran man seine ganze betrogene Jugend geglaubt, wofür man bereit war, sein Leben zu opfern, und was nun zur eigenen Schuld geworden ist: Er konnte als Helfer der Henker nicht so tun, als sei nichts gewesen. Tragische, blind geglaubte, - mörderische Ideale. Mein Vater hatte an sie geglaubt.
Spurensuche
Da sind Bilder von einem jungen Mann, Bilder, die in mir leben. Solche, die sich vermischen mit den Spuren seiner Vergangenheit. Da ist das „große Bild“, so groß wie auf einer Kinoleinwand, das Heiligenbild meiner Kindheit: „Mein Vater, der Held“, das Foto vom Leutnant in Uniform, mit der Brust voller Orden. Ausgeleuchtet und in Szene gesetzt, als stamme es aus einem Atelier. Dann sind da noch andere, alte kleine Fotos mit verziertem Rand, vom Krieg an der Ostfront, eine ganze Hand voll. Mein Vater hatte sie mir eines Tages geschenkt. Auf wenigen ist das Schwarzweiß noch wie druckfrisch, die meisten sind vergilbt und gewellt. Eines jedoch steckt in einem kleinen Umschlag aus Leder. Es scheint ein Passfoto zu sein. Ich entdeckte es, als ich nach dem Tode meiner Mutter mit meiner Schwester die elterliche Wohnung ausräumte. Hinten steht drauf „1945“ und „Kriminalbeamter“. Es ist so ganz anders als das Heldenfoto. Der Mann schaut viel ernster in die Kamera: Die Haare pomadig nach hinten gezogen, ein Abgemagerter in einem blassen Anzug. Irgendwie ein Fremder. Das Gesicht ist schmal. Die Augen treten wie bei einem Hungernden besonders hervor. Dieser 19-Jährige hat schon viel gesehen.-Ist das auch mein Vater? Dunkel erinnere ich, dass er erzählte, nach dem Krieg u.a. wegen seiner Erfahrungen als Komiss-Boxer bei der Kripo am Hamburger Hafen eingestellt worden zu sein.- Wer war mein Vater? Was hatte er wirklich erlebt?
Ihn in einer verblichenen Zeit zu suchen, heißt in Wahrheit den eigenen Wegen zu folgen. Es sind die Pfade des Inneren Kindes. Denn indem ich so schreibe, gebe ich ihm Raum. Es erhebt voll Bewunderung und Fantasie seine Stimme. Hier erzählt es seine Geschichte.
Mein Vater, der Held
Mein Vater ist zwar nicht zuhause. Nur manchmal am Wochenende. Und eigentlich immer weniger. Aber mein Vater ist ein Held. Ja, wirklich: Er hat das Ritterkreuz! Das habe ich meinen Freunden im Hochhaus schon gesagt. Denn in seinem Soldbuch steht das zwar nicht. Aber ich habe ein Foto von ihm. In Uniform, als junger Leutnant im zweiten Weltkrieg. Und er ist mir wie aus dem Gesicht geschnitten, ja, echt. Da sieht man, dass ihm der höchste deutsche Orden um den Hals hängt. Und er hatte noch viel mehr. Ich hab es extra mit Bleistift gezeichnet. Die ganze Uniformjacke mit all den Orden, auch denen, die man auf der Aufnahme nicht sieht, weil, er erzählt zwar nichts vom Krieg, nur manchmal. Und dann stell ich mir jedes Mal vor, wie alles war. Aber seine Orden hat er mir verraten: Das EK II und das Verwundetenabzeichen, das Infanteriesturmabzeichen und die Nahkampfspange in Bronze, die man nur bekommt, wenn man das „Weiße im Auge des Feindes“ gesehen hat. Das Eiserne Kreuz erster Klasse und verschiedene Panzerknacker-Abzeichen, so silberne Aufnäher mit Panzersymbolen auf dem Oberarm, weil er sich eingebuddelt und von feindlichen Panzern hat überrollen lassen. Dann ist er schnell raus aus dem Sand, ist von hinten auf den russischen T34 gesprungen und hat einfach von oben die Einstiegsluke aufgerissen und eine Handgranate reingeschmissen, toll!- Ja, und dann hat er außer dem Ritterkreuz noch das „Deutsche Kreuz in Gold“. Das ist so ein großer goldener Stern mit einem Hakenkreuz in der weiß-runden Mitte. Aber man sieht es auf dem Foto leider nicht. Die Familie, sein Bruder und sein Schwager glaubt ihm das alles nicht. Die glauben, er lügt. Aber ich hab Beweise. Er hat nämlich auch selbst Fotos gemacht von seinen Einsätzen. Auf einem sieht man ein russisches MG-Nest mit lauter toten russischen Soldaten. Man sieht die aufgerissenen Münder. Die hat er selbst erledigt…Und dann ist da noch dieser Brief an ihn, von 1952 aus Kanada, von einer Frau Dilenberg. Die schreibt:
„Ich habe die Hoffnung in ihnen endlich den Oberleutnant Klaus Lichtenberg vom Füsilier-Regiment GD wiederzufinden, der am 13.12.1944 in so hervorragendem Schneid seine Vierlings-Geschütze gegen ein aus der Balko von Malkovic hervorbrechendes sibirisches Regiment richtete und uns damit den Durchbruch aus dem Kessel von Lipsy ermöglichte. Ich habe zu meinem großen Bedauern von der schweren Verwundung dieses Offiziers gehört. Er soll damals das Ritterkreuz bekommen haben und in die Generalstabsausbildung gekommen sein.“
Leider hab ich die Orden von meinem Vater nicht. Warum eigentlich gar nichts? Wo sie geblieben sind, weiß er selbst nicht richtig. Sein Bruder hätte die, glaubt er, nach dem Krieg verkauft. Aber ein anderer Junge im Hochhaus hat auch einen Vater mit einem Ritterkreuz. Er wollte das mal zum Spielen mitbringen. Wir haben auf ihn gewartet, aber sein Vater hat es dann verboten. Echt schade.-
Wir kennen aber von Fotos Offiziere mit den höchsten deutschen Orden, Fliegerasse, Jagdflieger mit „Pour le meríte“, wie Freiherr von Richthofen, Ernst Udet im ersten, Ritterkreuzträger mit „Eichenlaub, Schwertern und Brillanten“ wie Werner Mölders und Erich Hartmann im zweiten Weltkrieg, auch U-Boot-Kapitäne, wie Günther Prien von U47 und den Kommandeur des Schlachtschiffes „Bismarck“, Ernst Lindemann. Das sind alles deutsche Helden. Manchmal spielen wir Weltkriegsschlachten. Dann bauen wir dutzende kleine Plastiksoldaten im Nebenraum vom Treppenhaus auf. Dann lass ich meinen batteriebetriebenen kleinen Königstiger durch alle Feinde fahren, weil mein Vater hat selbst drei davon befehligt. Oder wir kaufen uns auf dem Flohmarkt Bundeswehr-Tarnjacken. Und tragen die natürlich auch bei unserer Knallerei hinterm Hochhaus, mit Revolvern, Gewehren und Schreckmunition. Eines Tages wollte Kai von Gegenüber seine Jacke nicht mehr tragen. Komisch. Neulich war ich bei meinem Freund Michael zu Besuch. Der ist vom Hochhaus an die Alster weggezogen. Denn dessen Vater arbeitet jetzt nicht mehr am Hafen, sondern hat einen neuen Job, ist Hausmeister in so einem großen Haus mit Büros. Ich hab da übernachtet. Nachts sind wir im Schlafanzug durch die leeren Räume zwischen all den Schreibtischen getigert und haben General gespielt. Wir haben uns die deutschen Orden alle auf Papier aufgemalt, ausgeschnitten und dann mit Stecknadeln an unsere Pyjamas geheftet. Dann sind wir auf den Gängen immer rauf und runter marschiert…
Dezember 1944:
Sergej kommt aus dem kleinen Dorf Iwanowka in West-Sibirien. Es hat nur drei Straßen. Die alten Datschen aus Holz sind zum Teil schon verfallen und die Gärten verwildert. Und viele seiner ehemals deutschen Bewohner sind, seit die Kommunisten das Land enteignet und die Höfe in Kolchosen gezwungen haben, fortgegangen, haben mit Ihren Familien Land und Haus verlassen und sind ausgewandert. Aber Sergej liebt seine Heimat. Wenn die Sonne im Oblat von Omsk im Spätsommer untergeht, leuchten die Getreidefelder golden. Dann strahlt der Himmel in der Reife des Tages zum Abschied so blau und all die Vögel, die sonst die heiße und schwere Arbeit am Pferdegespann auf den staubigen Äckern mit ihrem Gesang begleiten, haben sich in ihre Nester in den Büschen und an den kleinen Bachläufen zurückgezogen. Im smaragdgrünen Birkenwäldchen schlägt dann in der Dämmerung nur noch der Specht und der rote Ball des Himmelsgestirns verabschiedet sich durch die hohen Zweige mit einem tiefen Frieden.- Heute aber kommt Sergej ein letztes Mal in die Welt seiner Kindheit und Jugend, er kommt, um all das noch einmal zu sehen, um die Seinen von weit, weit fort zu grüßen, sich selbst zu verabschieden und für immer zu gehen. Denn Sergej ist tot. Und als Toter sucht der Sohn seine alten Eltern aufdem Hof, im Garten und auf dem Feld, um ihnen Lebewohl zu sagen.
Zur selben Zeit:
Ein Mann kann nicht schlafen. Er liegt auf einem Feldbett, mit dem Kopf auf seiner zerrissenen Uniformjacke und er hat große Schmerzen im Arm.Sein Verband an der linken Schulter und am Hals ist inzwischen schon durchgeblutet. Er ist einer von dutzenden Schwerverletzten im Feldlazarett des Füsilier-Regimentes Großdeutschland, einen Tag westlich von Lipsy, an der Ostgrenze des Reiches. So liegt er schon die dritte Nacht und wälzt sich zwischen dem blutigen Gestank, dem Stöhnen und den Hilfe-Rufen seiner sterbenden Kameraden, hin und her. Leutnant Lichtenberg kann nicht schlafen und fiebert unter der dünnen Wolldecke wie im Traum. Die Bilder quälen ihn. Er weint, aber er wird sie nicht los. Er sieht in seinem Fieberwahn immer wieder das „Weiße im Auge des Feindes“. Doch dies Weiß und die Pupillen sind die Augen und der letzte Blick eines jungen Mannes, der nicht fassen kann, dass er schon sterben muss. Er hatte doch nur den Befehl, mit seiner Vorhut durch den Wald vor zu dringen und den Beschuss der russischen Belagerungstruppen durch die Wehrmacht zu unterbinden. Dieser sibirische Soldat ist noch jung, nicht älter als er selbst. Der Offizier sieht, wie sein Feind aus dem Wald auf seine Stellung zuläuft, wie es zum Schusswechsel kommt, wie er den ocker-braun Uniformierten und andere russische Infanteristen mit dem MG niederstreckt. Aber dieser Russe ist nur am Arm verletzt. Als der Leutnant sich wieder zum Geschütz wendet und aufsitzen will, steht der Rote wieder auf. Von hinten läuft er ihn an und stürzt sich auf ihn, mit dem Messer in der Hand. Es kommt vor dem Vierlings-Geschütz zum Zweikampf. Leutnant Lichtenberg schreit im Traum. Er sieht ihn wieder vor sich, wie er sich befreit und nun ihn im Würgegriff hält. Er erkennt unter dem russischen Helm des Gegners dessen blonde Haare und die braunen, großen Augen. Es ist noch ein Kind. Er sieht wie sich seine Hand an seinem Uniform-Ärmel festklammert, als er ihm im Zweikampf den russischen Dolch an die eigene Brust zwingt und hinein rammt. Er spürt den Ruck des Messers, erschrickt, weil dem jungen Soldaten das Blut aus dem Mund schießt, weil seine Knie sinken, während er sich an ihm festhält und in den blauen Himmel blickt. Eigentlich war er nur der Iwan, irgendein Rotarmist, der ihn hindern wollte, die in dem kleinen Ort Lipsy eingeschlossenen deutschen Truppen und Zivilisten zu befreien. Wieder und wieder hat er die Bilder von ihm. Sein Staunen, als er stirbt, lässt ihn nicht los und er ruft in das Zelt: “Neeiin!“ Doch jetzt hat der Feind ein Gesicht. Es ist, als ob er ihn kenne, diesen Menschen, dessen Leben er vorzeitig beendet hat. Es ist, als kenne nur er das Geheimnis seines letzten Augenblicks, seines zu Ende gehenden kurzen Lebens. Er kann es nicht mehr ändern. Er hat diesen jungen Mann getötet. Er spürt diese geheime Schuld, unter deren Gewicht er stöhnt. Der Leutnant wälzt sich. Die Wunde reißt und ist entzündet. Er schwitzt im Halbschlaf. Er phantasiert und erlebt noch einmal wie er und seine Kameraden an den Waldrand herangefahren sind, wie sie im weiträumigen Granatenhagel der russischen Bomber mit dem MG im Anschlag auf die verlassene deutsche Stellung zu gerannt waren. Noch einmal sieht er zwischen den Geschützen und Panzerhaubitzen der verlassenen deutschen Stellung überall Tote liegen. Denn die Reste des Füsilier-Regimentes Großdeutschland waren ursprünglich herangeeilt und hatten hier an der Baumgrenze 30 km vor dem Ort Stellung bezogen, um die im Kessel von Lipsy eingeschlossenen deutschen Truppen und Zivilisten von der russischen Umklammerung zu befreien. Doch nun waren alle tot oder auf der Flucht.„Abbrechen!“ Eine Befreiung ist nicht mehr möglich, die Übermacht der russischen Front zu gewaltig. Das sibirische Regiment bricht an der Balko von Malkovic durch und eine russische Vorhut ist bereits auf dem Weg zu ihnen. Über Funk kommt der Befehl „Rückzug!“ Der Nebenmann ruft: „Schwester, ich habe solche Schmerzen!“ Aber der junge Leutnant hört die Detonationen der feindlichen Granaten, wie sie immer näher kommen. Er wälzt sich im Schlaf und sieht noch einmal wie eine erst dunkelrot flammende und dann schwarze Wand der Zerstörung aus dem Osten heranrollt, wie sie die Dörfer in Posen eines nach dem anderen verschlingt und nun auch durch die Wälder dringt. Das Regiment ist vor dieser Übermacht ohnmächtig. Da ist keine Hoffnung. Er und seine Männer sind die letzte versprengte Einheit vor dem Heranrücken der russischen Front. Sie sind so müde und erschöpft, sie sind hungrig, verletzt und haben Schmerzen. Sie können und wollen diesen verlorenen Krieg nicht mehr, nur noch, dass endlich alles vorbei ist. Dass sie lebend nach Hause kommen zu ihren Frauen, Eltern und Geschwistern. Eingehüllt in dicke Mäntel zittern sie in der nassen Kälte und vor Angst. Und beim nächsten Panzer-Angriff werden sie sich wieder vor Angst in die Hosen machen.
Sergej sieht das schlichte hellblau gestrichene Haus seiner Eltern mit den geschnitzten Fensterrahmen. Er sieht es im Abendschein in einem Meer von Sonnenblumen liegen. Die Tür ist halb geöffnet. Sein treuer Hund Tischa liegt auf dem Treppenabsatz der Veranda davor und schaut ihn an, als der Sohn auf einmal eintritt und hinter seiner kräftigen, alten Mutter an der Feuerstelle des Herdes steht. Sie bereitet gerade im Kessel den Eintopf mit den wenigen Kartoffeln und Kräutern, die sie auf dem Feld noch haben ernten können.“Mamotschka, ich werde nicht mehr zurückkommen. Ich liebe dich und danke dir. Ich werde dich so vermissen.“ Sie spürt eine Gegenwart, wendet sich zur Seite, sieht aber niemanden. Ein letztes Mal blickt Sergej in ihre guten, von Hunger und Krieg gezeichneten Augen. Sie denkt voller Angst an ihn und wähnt ihn an der Front. Sergej möchte sie so gerne ein letztes Mal in die Arme schließen. Doch da ist kein Körper-Empfinden und kein Widerstand mehr, nur noch Liebe. Er geht durch sie hindurch und sucht den Vater vor dem Haus.
„Rückzug?: Das ist ja Irrsinn!“ Der Leutnant schreit die Verwundeten neben sich an. „Frauen und Kinder. Da sind Frauen und Kinder. Sie brechen durch.“ Er sieht noch einmal in seinem Fieberwahn mehrere Kilometer vor sich die Kolonne mit wenigen Wehrmachtslastern aus der Stadt kommen. Sie laufen ins offene Messer. Denn die ersten Panzer des sibirischen Regimentes sind einen Kilometer östlich von Ihnen bereits in Stellung gegangen. Sie nehmen die Ausfallstraße mit den Fliehenden vom Feld aus unter Beschuss. Und er ist wieder in diesem Film: Die Rückkehr zur verlassenen deutschen Stellung, der Überfall der russischen Vorhut aus dem Wald, der Schusswechsel, der Zweikampf, der tote Russe und nun das Geschütz: Nachdem er den Russen niedergerungen hat, läuft er wieder zurück, springt auf das Geschütz. Er dreht, dreht zitternd und mit letzter Kraft noch einmal am Handrad die vier Rohre, wendet sie nach oben, bringt sie in Position und schießt, schießt verzweifelt und schreiend unter ohrenbetäubendem Lärm auf die Panzer des sibirischen Regimentes. Er gibt den ausbrechenden deutschen Militärfahrzeugen und Lastern mit schreienden Frauen und Kindern vor dem Ort Geleitschutz, damit sie durch den Geschosshagel durchbrechen können. Dann sieht er wieder diese Bilder. Er sieht in seinem Wahn Panzer-Luken, die nach seinen Volltreffern aufgerissen werden. Er bemerkt wie junge brennende Russen schreiend herausspringen, er hört auch neben sich die Schreie der Kameraden und erschrickt vor einer Explosion. Denn auch seine Panzer-Besatzung wird jetzt von den sibirischen Truppen unter Beschuss genommen. Er erlebt noch einmal diesen gewaltigen Schlag auf seine ertaubenden Ohren, sieht sich im Schwindel der Bilder vom Geschütz stürzen, mit blutendem Gesicht, zerfetztem Ärmel und furchtbar schmerzender Schulter. Dann erkennt er auf dem Boden vor sich das Gesicht des von ihm getöteten Rotarmisten. Und plötzlich wird ihm schwarz vor Augen. Wie er aus dieser Hölle fortkam, weiß er nicht mehr.
Sergej hatte gehofft, ihn inmitten der Blumen zu finden. Doch sein Väterchen gräbt müde, mit stummen Falten und Schweißtropfen im Gesicht noch die letzten Rüben aus dem Acker. Es sind ein paar Versandete im braunen Korb neben ihm. Er steht da im späten Licht der Sonne über seine Schaufel gebeugt und wischt sich mit dem verdreckten Ärmel den Staub von der Stirne.“Batjuschka, ich würde so gerne zurückkommen und dir deine Last abnehmen. Batjuschka, hörst du mich? Jetzt hast du nur noch Dimitri. Möge Gott geben, dass der Krieg dir meinen Bruder nicht auch noch raubt. Ich wollte, dass du stolz auf mich bist. Vergiss mich nicht. Ich muss jetzt für immer gehen.“
Der junge Leutnant sieht den erlöschenden Blick des sterbenden russischen Soldaten und weint. Er weint laut, während ihm aus der Brusttasche seiner Uniformjacke das Ritterkreuz neben die Krankenliege in den Dreck fällt. Morgen gehen wir in den Antiquitäten-Laden auf der Grindelallee. Die haben sogar Orden im Schaufenster liegen. Vom zweiten Weltkrieg haben sie leider nur das EK II.
Gespräch vor dem Haus
