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Dieses Buch berichtet von der Sterbebegleitung der Adoptivmutter der Autorin, die in Bochum aufwuchs. Durch die Krebserkrankung kamen sich die zwei Frauen nach 14 Jahren wieder näher. Zu jedem Kapitel wurde eine Sehenswürdigkeit oder prägende Personen aus Bochum gewählt. Daraus werden die Lebensereignisse und die daraus resultierenden Erkenntnisse erzählt. Dabei steht die Trauer nicht im Vordergrund, sondern der Kampf darum, den gesellschaftlichen Forderungen wieder gerecht zu werden. Die Autorin bekam das Privileg, zwei Elternteile zu haben, die sie alle bis zu ihrem 38. Lebensjahr zu Grabe trug. Beide Mütter, die Geschwister erkrankten gleichermaßen an Krebs. Die Adoptivmutter war die letzte, die sie verließ und dessen Tod mit Abstand am schwersten zu verkraften war. In der Geschichte wird beschrieben, wie die Autorin und ihre Adoptivmutter ohne Sprachkenntnisse nach Deutschland kamen und sich durch harte Disziplin und starke Unnachgiebigkeit in die neue Welt integrierten. Die strenge Erziehung mit hohen Anforderungen empfand K. H. Kasilag als diktatorisch und verschmähte die neue Heimat. Erst nach dem Schicksalsschlag erkannte sie, was die Stadt für sie besonders macht und wie sie sie geprägt hat. Mit diesem Buch möchte sie den Menschen zur Seite stehen, die sich durch Verluste oder Trauer in einer Grube gefangen fühlen. Denn wer kann das besser wissen als eine Bochumerin, die im Starlight Express gelernt hat, dass es immer ein Licht ganz am Ende des Tunnels gibt.
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Für meinen Korinthenkacker aus dem Glückshaus, der den passenden Schlüssel zu meinem Herzen hat. Mahal kita.
Einleitung
Go West, und zwar tief in den Westen
Die Fely im Elli
Wenn’s nicht reingeht, wird nachgeholfen
»Hast du Nöte, geh zu Goethe!«
Im Strudel des Bermudadreiecks
Olé, olé, ab zum Stadion! Das Spiel des Lebens gucken
Die Propsteikirche – da, wo man mit Gott abhängt
Der Bochumer Tierpark – das Glück im goldenen Käfig
Das Zeiss-Planetarium oder wie man zum hellsten Stern wird
Das Deutsche Bergbau-Museum – befördert wird man immer
Starlight Express: Es gibt immer ein Licht am Ende des Tunnels
Tief im Westen Wo die Sonne verstaubt Ist es besser Viel besser, als man glaubtHerbert Grönemeyer
Frank Sinatra wollte ein Teil von New York, New York sein. Hildegard Knef hatte noch einen Koffer in Berlin. Unser berühmter Bochumer Jung Herbert Grönemeyer sagt, es sei in seinem Heimatort viel besser, als man glaubt. Lohnt es sich überhaupt, eine Stadt, die schon besungen wurde, zu beschreiben?
Aber sicher dat! Und zwar nicht zu knapp! Es fließt zwar kein Bochumer Blut in meinen Adern, doch wenn ich ein Schild mit der Aufschrift »Bochum« sehe, dann pocht dat Herz schon schneller vor Freude. Als in der Schweiz lebende Ruhrpott-Filipina hab ich oft an dich gedacht, mein geliebtes Bochum, und wage es nun, dir eine literarische Ode zu widmen. In einer Zeit, gefüllt von Trauer und einer schmerzlichen Wunde im Herzen, hast du deine Arme für mich ausgebreitet. Du hast mir wundervolle Begegnungen beschert und hilfreiche Hände zukommen lassen, als ich von der Einsamkeit gelähmt wurde. Du hast mich großgezogen, doch wie ein pubertierender Teenager seine Eltern verschmäht, wollte auch ich nichts von dir wissen. Als Abiturientin auf der Goethe-Schule war es schon damals mein Bestreben, die Welt zu sehen. Das ist mir tatsächlich gelungen. Ich schlenderte in Kambodscha an den grandiosen Tempeln in Angkor Wat entlang, aber das war nicht der Stadtpark, in dem ich meinen ersten Kuss auf der roten Parkbank bekam. Ich knuddelte Koalabären und Kängurus in Australien, doch war das nicht der Tierpark, der mir glückliche Familienausflüge bescherte. Ich fuhr mit einem außergewöhnlichen Schiff auf der Halong-Bucht in Vietnam, aber es war nicht der Teich im Stadtpark, wo ich mit meiner ersten großen Liebe auf dem Paddelboot Zukunftspläne schmiedete. Ich absolvierte in einem renommierten Krankenhaus in Kalifornien eine dreimonatige Weiterbildung, doch war es nicht die Goethe-Schule, die mich für das Leben bildete und die mir die Liebe zur Literatur beibrachte. Ich tauchte und schnorchelte auf den Seychellen und den Malediven, aber es war nicht das Stadtbad, in dem ich unter den Argusaugen meiner Grundschullehrerin Frau Voltner mein Seepferdchen machte. Ich genoss wunderbares, leckeres Essen in Thailand, doch es war keine Currywurst mit Pommes Schranke, die ich mit meinen Freundinnen von der Rhythmischen Sportgymnastik heimlich nach dem Training verschlang. Ich machte Shoppingtouren in Hongkong und Singapur, aber es war nicht der Ruhr Park, wo ich mein erstes hart verdientes Geld verprasste. Ich kletterte am Mandalay Hill in Burma über 7000 Stufen hinauf, um die wunderschöne Aussicht über das Land zu genießen, aber es war nicht der Bismarckturm, wo ich Geheimnisse mit meinen Freundinnen teilte und tiefgründige Gespräche führte. Ja, ich traf auf der ganzen Welt liebenswürdige, wundervolle Menschen, doch keinen wie den Schaffner von der Bogestra, der sagte: »Jetzt muss ich Ihnen ma wat sagen. Sie ham ein schönet Lächeln. Dat sieht man nicht alle Tage. Und au noch am frühen Morgen. Dat is ma schön. Bleiben Sie so. Tschüsken.«
Tschüsken. Am 28. Mai 1986 verabschiedete ich mich von meiner Heimat, den Philippinen. Etwa zwei Wochen vor meinem zehnten Geburtstag, voller Vorfreude auf die neue, schöne Welt. Die Tränen meiner Mutter und meines Großvaters waren damals für mich völlig unverständlich. Gerade diese zwei Menschen bearbeiteten mich, mich in die ferne, weite Welt aufzumachen, weil es das Beste für mich sei. Meine Mutter schwärmte mir von der wunderbaren Kunst und Kultur vor, die Europa zu bieten habe, ich solle es in vollen Zügen aufsaugen. Diese Schwärmerei hatte tatsächlich einen Eindruck bei mir hinterlassen. Kunstmuseen, Theater oder klassische Konzerte ziehen mich immer noch in ihren Bann, auch wenn man mit diesen Vorlieben ein wenig vereinsamt. Nun ja. Wie uncool is et denn, Chagall, Monet, Picasso und dat ganze Verein reinzuziehen! Einige meiner Freunde werden immer noch gezwungen, mich in Museen und künstlerische Veranstaltungen zu begleiten. Meine Verflossenen mussten mir ihre Liebe durch einen gemeinsamen Besuch im Theater unter Beweis stellen. Mein Großvater, der nur sechs Jahre die Schule genießen durfte, gab mir auf dem Weg nach Deutschland mit, dass ich so schnell wie möglich die deutsche Sprache beherrschen und mein Englisch verfeinern sollte. Das eine, um in meinem neuen Zuhause zurechtzukommen, das andere, um in der Welt voranzukommen. Auch das hatte ich mir zu Herzen genommen. Deshalb sitze ich nun hier und tobe mich in der deutschen Sprache aus. Beim Aussprechen des Wortes »Elektrizitätswerk« hatte ich schlimmere Kämpfe durchgestanden als ein Gladiator im Kolosseum. Mein Englisch brachte mich tatsächlich durch die Outbacks von Australien und an eine Social Security Number in den USA. Doch das alles hätte ich nie erleben dürfen, wenn es Bochum nicht gegeben hätte. Okay, sicher hätte es Düsseldorf auch getan. Aber »wer wohnt schon in Düsseldorf«, würde Herbert Grönemeyer an dieser Stelle einwenden. Und seien wir mal ehrlich: In einer Zechenstadt lernt man wohl noch am besten, was es heißt, sich durchzugraben, um am Ende des Tages das »Glück auf« zu erleben. Scheint im Leben »Schicht im Schacht« zu sein, dann ist ein Förderkorb schon unterwegs. Was Bochum vor allem hat, sind wahre Kumpels, die einen nie allein unten lassen. Egal, wie lang es dauern mag. Die Kumpels sitzen mit dir im Dunkeln und atmen mit dir den dreckigen Staub ein. Manchmal wirst du auch durchgerüttelt wie ein steckengebliebener Förderkorb, aber nur, damit du an das Überleben erinnert wirst. Vergehen auch Jahre, in denen man die Schicht nicht angetreten hatte oder vom Schicksal hässlich umstellt war, Bochumer Kumpels ham für ein immer ein Butterken auf’m Teller. Egal wo du herkommst und wie du aussiehst, dat, wat bei uns zählt, ist grundsätzlich nur, ob dat Pilsken kalt is. Dat allein is doch Grund genuch für um ’nen Buch zu schreiben, oder auch auf schön Deutsch gesagt: Statt Ode an die Freude, Bochum, ich lieb dich noch heute. Ne, is doch so?! Dann hauen wir ma rein!
Damit mir die schwedischen Gardinen erspart bleiben, habe ich alle Namen, außer die meiner Familienangehörigen und von Probst Michael, geändert.
Wer die Menschen einst fliegen lehrt, der hat alle Grenzsteine verrückt; alle Grenzsteine selber werden ihm in die Luft fliegen, die Erde wird er neu taufen – als »die Leichte«.Friedrich Nietzsche
In den 1970er Jahren kam meine Tante Fely und spätere Adoptivmutter mit einigen Pinays und Filipinos als Krankenschwester ins Elisabeth-Krankenhaus nach Bochum. Und damit begann im Grunde auch schon meine Geschichte. Sie ging nach Deutschland, um unsere Familie aus der Armut zu holen. Dank selbstloser Disziplin und Unterdrückung der eigenen Bedürfnisse ermöglichte sie uns ein sorgenfreies, ja für unsere Verhältnisse nahezu luxuriöses Leben. Eigentlich wollte sie nur zwei Jahre bleiben und dann wieder auf die Philippinen zurückkehren. Mit Amors Pfeil hatte sie nicht gerechnet. Doch der hatte ihr Herz ziemlich durchbohrt, als sie meinen späteren Adoptivvater Uli in einem Club kennenlernte. Das war noch einer dieser romantischen Clubs, die jeweils ein Telefon mit Wählscheibe auf den Tischen hatten. Bei Interesse konnte man eine Person am anderen Tisch anrufen. An die Touchscreen-Generation: Damals hatte man noch die feinmotorische Fähigkeit der Finger ausgeschöpft und musste sich in Geduld üben. Da hatte man die Tischnummer angewählt und gewartet, bis sich die Scheibe zu Ende gedreht hatte. Mein Adoptivvater, der das Musterexemplar eines Deutschen abgab – blond, groß und blauäugig –, wagte es, meine Tante per Anruf aufzufordern. Es wurde bis zum Morgengrauen getanzt, geflirtet und sich anschließend nochmals verabredet. Einige Rendezvous und Clubbesuche später haben die beiden am 26. November 1976 auf dem Standesamt in Bochum geheiratet. Mit der Hochzeit kam aber auch ein Knick in der familiären Idylle philippinischerseits. Schon damals gab es das Asien-Klischee, wonach diese gut aussehenden Frauen nur darauf bedacht seien, sich einen deutschen, möglichst reichen Mann zu angeln und somit auch an einen deutschen Pass zu gelangen. Möglicherweise kam das zu der Zeit auf, als die Invasion der philippinischen Frauen über Deutschland hereinbrach. Dieses Klischee wurde auch bis auf die Philippinen zurückgetragen. Meine Familie lebte in der tiefen Provinz und war sehr konservativ eingestellt. An der Spitze der Hierarchie stand mein Großvater, und somit lagen die Entscheidungen in Familienangelegenheiten ganz bei ihm. Als ihm das Klischee zu Ohren kam, war die Reaktion des Familienoberhaupts alles andere als begeistert. Einige Filipinos würden jetzt davon ausgehen, dass anlässlich der Hochzeit das fetteste Schwein zum Lechón (einem philippinischen Grillgericht, benannt nach dem spanischen Wort für Spanferkel) aufgespießt wurde. Auch, dass man beim Nachbarn ein »utang«, also eine Geldleihe, anfragen müsste. Nichts da, nicht in dem Stall, in dem ich geschlüpft bin. Da wird der Stolz auf der Brust getragen.
In einem Dorf namens Quilo-Quilo, Padre Garcia in der Provinz Batangas auf den Philippinen stand der bescheidene Stall, den sich meine Seele ausgesucht hatte, um irdische Erfahrungen zu machen. Wie es sich nun herausstellt, war es nur eine Zwischenlandung. Am 7. Juni 1976 bekam ich das Privileg, elf Kilometer von Quilo-Quilo entfernt in einem Krankenhaus in Lipa City die Welt begrüßen zu dürfen. Natürlich war das halbe Dorf bei dem Ereignis dabei. Das besondere Ereignis war dabei nicht meine Geburt an sich … nein, das Besondere war, dass jemand es sich zu der Zeit leisten konnte, in einem Krankenhaus zu gebären. Ich kam schon zu meiner Geburt zu spät (und tue es noch heute), daher musste ich zu meinem Wohl und zum ästhetischen Leid meiner Mutter per Kaiserschnitt aus meiner Komfortzone geholt werden. Kaiserschnittkindern sagt man nach, dass sie besonders schön seien. Uns blieb es ja schließlich erspart, durch ein Becken gepresst zu werden. Diese Aussage traf jedoch auf mich nicht zu. An meiner vermeintlichen Schönheit erfreuten sich nur meine Eltern, und das war eben nur ganz natürliches Verhalten. Eltern sehen ihre Brut für gewöhnlich als blendende Gestalten. Es wird sich heute noch in meiner Familie köstlich darüber amüsiert, was mein Großvater sagte, als er das erste Mal seine einzige Enkeltochter sah: »Wie konnte denn das nur passieren? Das Gesicht meiner Enkelin ist so platt, als wäre ein Wasserbüffel draufgetreten! Zu allem Übel ist sie auch noch so dunkel wie die Nacht! Möge ihr Gott noch ein angemessenes Aussehen bescheren.« – Filipinos sind sehr religiös. Wir bitten Gott, uns bei jeder Gelegenheit beizustehen, und äußern ihm gegenüber jeden Wunsch. Sogar für ein paar schöne und gerne teure High Heels. Ja, in jeder Filipina steckt eben eine Imelda Marcos. Tja, und »black is beautiful« gilt bei uns eher als Fluch denn als ästhetischer Segen. Da kam ich also verspätet, und was die Schönheit anbelangt, war das Kind auch noch eine herbe Enttäuschung. Ende Gelände mit dem Traum von der Miss-Philippines-Krone. Doch Gott hatte dann tatsächlich Erbarmen mit mir, und es erhob sich auf meinem Gesicht eine erhöhte Form, die man durchaus als Nase identifizieren konnte. Und dank dem europäischen Lebenswandel und der geringeren Sonneneinstrahlung konnte ebenso meine Hautfarbe ostasiatischer Herkunft zugeordnet werden. Vielleicht lag es auch an den teuren Whitening-Cremes, die ich in meiner jugendlichen Unbedachtheit als Wundermittel betrachtete – wie auch immer: Gott sei Dank wurde äußerlich aus dem Kind doch noch eine erkennbare menschliche Gestalt.
Tante Fely schwebte bei meiner Geburt im siebten Himmel. Sie steckte damals mitten in den Hochzeitsvorbereitungen. Meine Eltern gaben ihr zugleich die Aufgabe, als meine Patin zu fungieren, ein Amt, das sie mit Stolz und, wie ich viel später erfuhr, voller Liebe und Hingabe erfüllte. So wurde also sie zu meiner Ninang (das heißt Patin) Fely. Sie konnte die spannendsten und tollsten Pakete packen, die mit den schönsten Sachen aus Deutschland gefüllt waren. Der Geruch der fernen, weiten Welt drang beim Aufmachen in meine Nase. Ich konnte die neue, schöne Welt förmlich riechen. Ganz neue Kleider, und sogar das Holz der Buntstifte roch ganz anders; wertvoll, und es versetzte mich in eine magische Welt. Natürlich fehlte es auch nie an europäischen Köstlichkeiten wie Salami oder Corned Beef, die wir mit Vorliebe zusammen mit Reis und Zwiebel brieten. Später, in meiner Zeit im Studentenwohnheim, kochte ich dieses Gericht oft aus Faulheit und aus Geldmangel. Doch schmeckte es nie so gut wie damals auf den Philippinen. Lag es an dem gemeinsamen Essen in der Familie? Dem Gefühl des Privilegs, mit solch einer Köstlichkeit beschenkt worden zu sein? Oder weil die Salami von Ninang Fely mit Dankbarkeit und mit dem Bewusstsein des Glücks gekauft worden war? – Selbstverständlich durfte auch die Schokolade nie fehlen, die ich schweren Herzens teilen musste. Eines hatte es mir besonders angetan: die Prinzenrolle. Es war nicht der Keks mit dieser wunderbaren Schokolade in der Mitte, die ich immer zuerst sauber abschleckte. Die Verpackung war es, die meine Neugierde weckte. Der schöne deutsche Prinz auf der Abbildung schien mich als kleines Mädchen geradezu kokett anzuflirten. Parallel dazu lernte ich die Geschichte von Cinderella, also von Aschenputtel und ihrem schönen Prinzen. Als meine Mutter meine Frage, ob die Menschen in Deutschland so aussehen wie der Prinz, mit Ja beantwortete, war klar: Wenn ich groß bin, gehe ich nach Deutschland und heirate den Prinzen auf der Prinzenrolle-Verpackung. Dieser Prinz personifizierte sich tatsächlich Jahre später in einigen Variationen. Zu meinem Bedauern musste ich aber feststellen, dass es in der Realität keine wahren Prinzen gab, sondern nur Prinzen-»Rollen«. Ich hielt jedoch an meinem Märchen fest und behielt die Beharrlichkeit, einige Frösche zu küssen. Gegen Ende meiner Suche zwang ich mich sogar, eine warzige, schleimige Kröte zu küssen in der Hoffnung, sie verwandele sich in meinen Prinzen. Bei jedem Kuss der Warzen hoffte ich auf die Wandlung zu einem ehrlichen, loyalen Gentleman, bei jeder schleimigen Berührung auf die zu einem intellektuellen, stilvollen Poeten. Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Manchmal liegt das Glück im wahrsten Sinne des Wortes einfach vor der Haustür. Mein Prinz hatte sich leider für die Schildkröte statt für das schnelle weiße Pferd entschieden, sodass ich lange auf ihn warten musste. Doch immerhin kam er, und während ich diese Zeilen schreibe, sitzt er neben mir und gibt wie ein Korinthenkacker seinen rhetorischen – aber dann doch sehr hilfreichen – Senf dazu. Das ist tatsächlich einer der vielen Gründe, warum ich diesen Menschen nicht nur liebe, sondern auch achte und respektiere.
Meine Ninang Fely verließ 1970 unsere Heimat, nachdem sie sich für einen Job als Krankenschwester in Deutschland qualifiziert hatte. Ihre Ausbildung hatte sie in Manila, der Hauptstadt der Philippinen, absolviert. Allein dieser Schritt war für die damaligen Verhältnisse revolutionär: von der tiefen Provinz in die Großstadt. Weg von dem Vertrauten. Auf sich allein gestellt in einer neuen Umgebung mit anderen Menschen. Letzteres stellt in der philippinischen Kultur eigentlich kein Problem dar, weil bei den Filipinos der Kollektivismus extrem ausgeprägt ist. Ich würde sogar fast behaupten, dass wir ihn erfunden haben. Man muss sich das Alleinsein bei meinen Landsleuten manchmal schwer erkämpfen. Meiner Familie ist es immer noch völlig unverständlich, wenn ich mich irgendwo allein aufzuhalten wünsche. Als ich ihnen mitteilte, dass ich allein durch die halbe Welt gereist war, brach das große Entsetzen aus, die Funktionsfähigkeit meines Gehirns wurde infrage gestellt. Sie meinten es selbstverständlich nur gut, und es stimmte sie traurig, dass ich diese in ihren Augen europäische Haltung angenommen hatte. Ich habe tatsächlich ein ambivalentes Verhältnis zum Alleinsein. Es erdrückt mich einerseits auf eine schmerzhafte, traurige Weise, und andererseits suche ich gerne die einsamen Stunden – und sei es nur, um die Welt auf mich einwirken zu lassen und mich trivial von ihr berieseln zu lassen. Manchmal aber auch, um tiefgründige Gedanken über mein Dasein mit mir selber auszutauschen. Ja, das Nachdenken und das Denken an sich hat schon etwas Faszinierendes. Allerdings ist es mit dem Kochen vergleichbar: Kocht man das Essen zu lange, kommt nur weiche Pampe heraus, die aussieht wie schon zweimal gegessen. Doch hält man es in Maßen, kann durchaus etwas Reichhaltiges daraus entstehen.
Als Ninang Fely ihre Ausbildung abschloss, wurde in Deutschland gerade händeringend nach Pflegefachkräften gesucht. An dieser Stelle muss ich ganz ehrlich zugeben, dass mich der folgende Satz mit außerordentlichem Stolz erfüllt: Filipinos werden weltweit generell als die besten Pflegefachkräfte eingestuft. Das »tender loving care« (sanfte, liebevolle Pflege) liegt ihnen einfach im Blut. Um nicht zu sehr abzuheben, sei allerdings auch erwähnt, dass wir die Kompetenz des »devil leadership« (teuflische Führung) ebenso besitzen. Wer schon mal unter einer philippinischen Führungskraft gearbeitet hat, weiß, wie man sich warm anzuziehen hat und sich zugleich vor einem Vulkanausbruch schützt. – Schon in Manila ging Ninang Fely in einen Deutschkurs, was sich als eine enorme Herausforderung herausstellte. Dies galt auch für alle anderen Mitbewerber. Abend für Abend wurden Vokabeln gepaukt und vor allem an der Aussprache gefeilt. So wie Deutsche das englische »th« zum Verzweifeln bringt, so ergeht es Filipinos mit dem deutschen »ch«. Nicht selten wird so aus »manchmal« ein »maksmal«; aus »macht nichts« ein »mak niks«. Nicht wahr, meine lieben Landsleute? »Maksmal is es niks einfak, aba mak niks«, das ist das Motto der schwer arbeitenden »abroad workers« (Auslandsarbeiter). Die Heimat mit den Lieben zu verlassen, etwas ganz Neues zu wagen, sich tagtäglich mit der Fremde zu befassen und vor allem mit dem schlimmen Heimweh konfrontiert zu werden, das ist wahrlich eine Herausforderung. Man sagt zwar: Durst ist schlimmer als Heimweh, doch wenn sich der Schmerz im ganzen Herzen eingenistet hat, dann vertrocknet etwas Gravierendes. Die Liebe. Aus der wir Menschen im Grunde gemacht worden sind.
Mit solch einem welkenden Herzen verabschiedete sich Ninang Fely von ihrer Heimat. Ein extra – samt Fahrer – ausgeliehenes Jeepney wurde mit der ganzen Familie gefüllt. Auf der Fahrt zum damaligen »Manila International Airport« (heute der »Ninoy Aquino International Airport«) war die Stimmung zunächst erfüllt mit Freude über Ninang Felys Glück. Im Jeepney wurde gescherzt und laut gelacht. Eine unserer Lieblingsbeschäftigungen. Vielleicht auch eine Maßnahme, um ein welkendes Herz ein wenig zu wässern. Als sie am Flughafen angelangten, wurden die Scherze weniger und das Lachen leiser. Die Dürre im Herzen von Ninang Fely hatte eingesetzt. Mit einem ausgeliehenen Fotoapparat wurden noch mal Erinnerungsbilder gemacht, die das gemischte Gefühl aus Glück und Leid festhielten. Das Gepäck wurde ein letztes Mal auf seine Stabilität geprüft, der Reisenden noch mal ihr wundersames Privileg bewusst gemacht, etwa so: »Du bist jetzt unter den Glücklichen, die ein unbeschwertes, wundervolles Leben beginnen dürfen!« – ist ein unbeschwertes, wundervolles Leben immer mit Glück gleichzusetzen? – oder so: »Du bist von Gott gesegnet. Nutze diesen Segen« – ist es tatsächlich ein Segen, oder ist es eher eine Prüfung? – oder »Bald gehören du und deine Familie zu den Reichen!« – ist materieller Besitz die erstrebenswerteste Sache bis ans Ende unseres Daseins? Vielleicht begegnet man dem Glück in erschwerten Umständen, weil man es erst dann zu schätzen weiß. Mit einem Segen werden wir alle in die Welt geschickt, aber es liegt an uns, wie wir den Segen nutzen, um die uns auferlegten Prüfungen zu meistern. Der Glitzer des Goldes erfüllt uns mit Freude, doch schauen wir zu lange hin, werden wir von dem Strahlen geblendet.
Dann kam der schmerzhafte Moment. Der Höhepunkt der Dürre im Herzen. Der Abschied. Nicht für immer. Nur für eine gewisse Zeit. Eine Zeit der Ungewissheit. Fragen schossen Ninang Fely durch den Kopf. Werden wir uns alle wiedersehen? Werde ich dem Ganzen in diesem unbekannten Land gerecht? Mit Sicherheit auch die grundlegendste Frage des Lebens: War es die richtige Entscheidung? Fragen über Fragen, die zu dem Zeitpunkt unbeantwortet blieben. Dann hieß es stark bleiben und ab durch die strenge Kontrolle der Sicherheitsleute. Ein letzter Wink. Die letzte Träne getrocknet und den Kloß im Hals runtergeschluckt. Sich in die Gruppe der »being to be abroad people« (werdende Auslandsarbeiter) zu gesellen, das betäubte die Funktion der Tränendrüse, und die freudige Aufregung kam wieder hervor. Tröstende Worte und Gesten waren nicht mehr lange nötig. Nun fing ein neues Leben an. In einer unbekannten Welt. Von der vertrauten Gemeinschaft weg, zur gleichgesinnten Gemeinschaft hin. Auf dem Weg zur Passkontrolle näherte sich die Freude dem Höhepunkt. Den Pass in den Händen zu halten brachte ein weiteres Privileg mit sich. Nur Reisende besaßen solch ein Dokument, in dem die individuelle Existenz bestätigt wurde. Unsere Ninang Fely, Felisa Recto Herrera, geboren am 22. August 1939, war nun jemand – und auf der Mission, Europa zu erobern. Als privilegierter Mensch passierte sie also die Passkontrolle und erblickte das riesige Flugzeug, das sie über den Pazifik in einen anderen Kontinent transportieren sollte. In der Gruppe wurde philosophiert, ob das Ding tatsächlich mit so vielen Menschen an Bord abheben konnte. Zudem waren die Passagiere nicht unbedingt alle filigrane Filipinos. Hellhäutige und kräftig gebaute Menschen zu sehen war eine Begegnung besonderer Art, auch wenn es im Flughafen nicht das erste Mal war. Sie zu sehen rief immer Begeisterung und Entzücken hervor. Schönheit und Wohlstand in einem gepackt! Wie göttlich gesegnet mussten diese hellhäutigen Menschen sein, dachten sich meine Landsleute sicherlich. Ungefähr so hat es sich vermutlich zugetragen: »Guck mal! Da ist ein Weißer. Was sind die Menschen doch so schön und so schön dick! Aber, meinst du, die müssen mehr für ihr Ticket bezahlen?« – »Ja, sicher, sie sind ja auch schwerer als wir und müssen mehr essen.« – »Ahhh … ja stimmt! Bekommen die wohl auch größere Sitze?« – »Ja, bestimmt. Da drin gibt’s sicher Extrasitze für Filipinos und für Europäer.« Im Flugzeug war man dann erstaunt, dass es für alle die gleichen Sitze gab. Man wurde mit den »besseren Menschen« gleichgestellt. Man hatte es geschafft, man gehörte nun dazu. Das Herz füllte sich mit Dankbarkeit. Mit Sicherheit wurde innerlich ein Dankesgebet an Gott gesendet, als das übergroße Ding zum Himmel emporstieg.
Ninang Fely genoss die Stunden des Flugs in vollen Zügen. Für sie war es der pure Luxus. Ich spüre, während ich diese Zeilen schreibe, noch immer ihre Dankbarkeit und Begeisterung, als sie mir Folgendes erzählte. »Als deine Mutter und ich zur Schule gingen, hatten wir unser Mittagessen immer eingepackt. Wir konnten uns nur Reis mit Trockenfisch leisten. Den Kopf vom Fisch hatten wir am Abend zuvor verspeist, und den Körper hatten wir für die Schule eingepackt, damit niemand sah, wie arm wir waren. Wir hatten den Reis mit dem Fischkörper in Bananenblätter eingepackt und aßen das in der Schule mit der Hand. Unsere Familie hatte nicht mal Besteck und Teller. Essen zubereiten konnten wir nur zweimal am Tag, weil nie genug Reis da war. Manchmal gab es auch nur Reis mit Salz. An manchem Morgen sind wir sogar hungrig zur Schule gegangen und hatten uns so geschämt, wenn der Bauch mitten im Unterricht geknurrt hatte. Als ich in Manila die Pflegeausbildung machte, da wusste ich also, wie man mit dem Essen sparen konnte. Als ich dann im Flugzeug saß und mir das Essen dort auf dem Tablett und auch noch mit Besteck serviert wurde, konnte ich es gar nicht fassen! In den paar Stunden wurden gleich drei Mahlzeiten serviert, und die waren nicht klein. Stell dir vor, zur warmen Mahlzeit gab es noch Brot! Das hab ich mir dann eingepackt.« Die Reste einzupacken, diese Angewohnheit behielt sie bis zuletzt. Sogar die kleinen Salz- und Pfeffertütchen kamen in die Handtasche. Diese Eigenart erbte ich von ihr. Warum denn auch nicht. Kommt doch eh wech.
Schwester Felisa kam also mit vollem Bauch und mit viel Neugier im Gepäck am Frankfurter Flughafen an. Die Organisation teilte mit, dass sie im Bochumer Elisabeth-Hospital (genannt »Elli«) eingeteilt sei. Ninang Fely hatte nicht die geringste Ahnung, was das für eine Stadt war, ja wie es dort überhaupt aussah. Nach weiteren drei Stunden Fahrt kam sie also in ihrer neuen Heimat an. Das Schwesternwohnheim direkt beim Elli, in dem sie untergebracht wurde, war ein weiterer Luxus. Ein ganzes Zimmer für sie allein, und da stand ein Bett! Ein richtiges Bett! Keine Bambusmatte, die man jeden Abend auf dem Boden ausbreiten und am nächsten Morgen wieder einrollen musste! Du lieber Himmel! Ein Waschbecken war auch im Zimmer! Schrank und Tisch, nur für sie und ihre wenigen Sachen! Wahrlich, was will man mehr im Leben! Nach dieser überwältigenden Dusche an Glücksgefühlen wurde sie zusammen mit den anderen neuen Schwestern und Pflegern des Elisabeth-Krankenhauses herzlichst empfangen. Lange danach schwärmte sie noch von der liebenswürdigen Begrüßung. In der HNO-Abteilung trat Schwester Felisa den Dienst für die Menschheit an. Trotz sprachlicher Barrieren erfüllte sie diese Aufgabe mit Leidenschaft und selbstloser Disziplin. Die Abteilung brachte ihr die Erfüllung all ihrer Träume – und für mich als Zehnjährige die Erfüllung meiner Eiscreme-Träume! Die Eiscreme, die ich immer von der Abteilung bekam, lockte mich so sehr, dass ich Ninang Fely sehr oft nach der Schule im Elli besuchte. Ich erlebte das Haus stets freundlich und bewegte mich später dort, als gehörte ich ebenfalls in die Abteilung. Ich hatte sogar Ninang Fely gebeten zu veranlassen, dass mir die Mandeln herausoperiert würden, damit ich dort stationiert wurde und so viel Eis futtern durfte, wie ich wollte. Ein waghalsiger Traum jedes Kindes. Der Wunsch wurde mir allerdings verweigert. Noch heute habe ich die Mandeln – und trotzdem immer Eiscreme im Eisfach. Die damals so genannte »Schwester Oberin« hieß ganz klischeehaft Hildegard. Ich erlebte sie aber nicht so wie die gleichnamige Figur in der Fernsehsendung »Die Schwarzwaldklinik«. Nein, Schwester Hildegard war immer sehr lieb zu mir und versorgte mich mit Eiscreme. Allein dafür hatte ich die Schwester Oberin geliebt. Ich durfte sogar alle drei Sorten haben: Schokolade, Vanille und Erdbeere. Ich höre heute noch ihre Begrüßung: »Mädchen, haste schon was gehabt? Wer die Mama so lieb abholt, kriegt auch ein Eis, ne?! Komm ma her, wat willste denn haben. Kannst auch alle drei, ne?! Sind ja klein, dat packste schon. Oder ham wir noch nen Tablett über? Kommt doch eh wech.« Ein »Tablett über« bedeutete ein bestelltes Essen, das aus diesem oder jenem Grund nicht serviert worden war. Ninang Fely erzog mich zu Bescheidenheit wie die meisten philippinischen Kinder, und ich hätte eigentlich höflich ablehnen sollen, doch bei Eiscreme vergaß ich meine Erziehung. Auch heute kann ich Eiscreme nicht widerstehen und teile äußerst ungern. – Gegenüber ihren Mitarbeitern konnte Schwester Hildegard allerdings Haare auf den Zähnen haben. Selten, aber wenn, dann richtig! Ninang Fely bekam jedoch recht wenig von ihrer Kratzbürstigkeit ab. Schwester Felisa war nämlich raffiniert. Sie verriet mir später, dass sie so getan hatte, als würde sie die Oberin nicht verstehen, und hatte einfach nur genickt. Da hat die Oberin wohl gedacht: »Ach ne … dat lohnt sich bei der nicht zu moppern.« Schwester Felisa, hömma, dat haste gut gemacht! Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, so tun, als versteht man nichts, ist Platin.
Von li.: Juan – Cousin von Ninang Fely, Milagros (Mille) – Nichte, Junior – jüngerer Bruder, Delia – jüngere Schwester, Ninang Fely, Lucia – meine leibliche Mutter und ältere Schwester von Ninang Fely, Simplicio (Piling) – mein leiblicher Vater und Schwager von Ninang Fely, unten der kleine Junge ist mein Bruderherz Mario.
Abschiedsbild vor dem Flug in die unbekannte Welt. Aufgenommen auf dem damaligen Manila International Airport (MIA), heute Ninoy Aquino International Airport. Benannt nach dem philippinischen Politiker Benigno Aquino, der an jenem Flughafen am 21. August 1983 durch einen Mordanschlag ums Leben kam.
Ninang Fely während des Boardings mit voller Erwartung im Gepäck.
Die Dürre im Herzen wurde bewässert. Meine Adoptiveltern im siebten Himmel. Nun sind sie wieder vereint im höchsten Himmel.
Der philippinische Pass in den 1970er Jahren. Das Dokument, das eine privilegierte Existenz beweist.
