Mein Weg - Lilli Lehmann - E-Book

Mein Weg E-Book

Lilli Lehmann

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Beschreibung

Lilli Lehmann war eine deutsche Opernsängerin (Sopran) und Gesangspädagogin. Dies ist ihre Autobiografie.

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Seitenzahl: 851

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Mein Weg

Lilli Lehmann

Inhalt:

Lilli Lehmann – Lexikalische Biografie

Mein Weg

Familienchronik

Meine Großeltern

Prag 1853–1868

Danzig

Leipzig 1869–1870

Berlin 1870–1875

Bayreuth

Juni – Juli – August 1875

Nach Bayreuth 1876–1878

Stockholm 1878–1879

London 1880–1881

Dresden, Prag, Wien 1881–1882

Parsifal. 1881–1883

Berlin 1884–1885

Amerika November 1885 bis Juli 1886

Amerika 1886–1887

Amerika 1887–1889

Grunewald 1889

Amerika 1891–1892

Schloß Segenhaus – Carmen Sylva 1893–1896

Bayreuth 1896

Scharfling

Salzburg

Bildanhang

Mein Weg , L. Lehmann

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

86450 Altenmünster, Loschberg 9

Deutschland

ISBN: 9783849630379

www.jazzybee-verlag.de

www.facebook.com/jazzybeeverlag

[email protected]

Lilli Lehmann – Lexikalische Biografie

Sängerin, geb. 24. Nov. 1848 in Würzburg, verstorben am 17. Mai 1929 in Berlin. Tochter der Sängerin und Harfenvirtuosin Marie L.-Löw, debütierte in Prag, sang dann an den Bühnen in Danzig (1868), Leipzig (1870) und wurde gleich darauf an die Berliner Hofoper gezogen, wo sie 1876 zur königlichen Kammersängerin ernannt wurde. Im Frühjahr 1886 begab sie sich zu einer Gastspielreise nach Nordamerika, wo sie sich mit dem Tenoristen Paul Kalisch verheiratete. Die eigenmächtige Verlängerung ihres Urlaubs hatte ihre Entlassung aus dem Verbande der Berliner Hofbühne zur Folge. Seit 1892 lebt sie wieder in Deutschland. Lilli L. hat sich im lyrischen, sentimentalen, komischen und heroischen Fach in gleichem Maße bewährt, wie in letzter Zeit als Liedersängerin. Sie veröffentlichte: »Meine Gesangskunst« (Berl. 1902) und eine Studie zu »Fidelio« (Leipz. 1905). – Ihre Schwester Marie, ebenfalls eine ausgezeichnete Sängerin, geb. 15. Mai 1851 in Hamburg, betrat die Bühne zuerst in Leipzig, war 1872–73 am Hamburger, dann am Kölner, 1878–79 am Breslauer Stadttheater, dann am Landestheater in Prag engagiert, von wo sie 1881 zum Hofoperntheater in Wien überging. Sie lebt jetzt in Berlin als Gesangslehrerin.

Mein Weg

Der Künstler, der als solcher seine Mission zu erfüllen bestrebt ist, darf nicht vergessen, daß er auch als Mensch eine gleich ernste Sendung zu erfüllen hat. Er muß Anbeter der Natur sein, deren ewig neue Wunder sich ihm nur erschließen, um ihn zu tiefinnerlichster Religion zu führen: zu Milde, Güte, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit gegen alles, was da lebt und webt, d.h. gegen Mensch, Tier und Pflanze. Er muß das Allgemeinwohl fördern helfen, sich bemühen Bedürftigen seine Hilfe angedeihen zu lassen. – Als Gast nur darf er walten auf dieser Erde, deren Wohltaten er dankbar, bewußt und darum bescheiden genießen soll.

Er nimmt als Künstler die Verpflichtung auf sich, nach dem Höchsten in der Kunst zu streben, sich ihrer durch vollständige Hingabe wert zu machen, wie er die Aufgabe auf sich nimmt das Edelste im Menschtum zu erreichen.

Sein Können, Wissen, Wollen muß ein beredtes Zeugnis für seine Würde ablegen vor allen denjenigen, die ihm nahestehen oder bewundernd zu ihm aufblicken.

Erst dadurch trägt er einen kleinen Teil der großen Schuld ab für alles, was ihm die Natur als Künstler und Mensch zu erreichen vergönnte, und den Dank an alle diejenigen, die ihm dabei treu zur Seite standen oder auf seine künstlerische sowie menschliche Entwicklung Einfluß ausübten.

Grunewald, im März 1913.

Lilli Lehmann.

I. Buch:

Familienchronik1690–1860

 Aus unserer alten Familienchronik, die unsere ebenso liebenswürdige als geistreiche Tante, Frau Amanda von Dall'Armi niederschrieb, ersehe ich, daß unser Stammbaum mütterlicherseits ungefähr bis um das Jahr 1690 zurück zu verfolgen ist. Obwohl ich nur wenige Personen der darin zuletzt genannten Generation kannte, sind mir dieselben doch fast alle aus den Erzählungen meiner lieben Mutter so innig vertraut, als hätte ich mit ihnen gelebt. Erzählungen, die mit so warmem Herzen, Gemüt und Humor die Menschen und deren Schicksale schilderten, mußten sich mir tief einprägen. Alles darin ist meinem Herzen teuer.

  So erscheint es mir auch wertvoll, einiges daraus meinem eigenen Lebenslauf vorauszuschicken, da ich mit all den Lieben aufs innigste zusammenhänge. Komme ich mir doch vor wie ein auf einen Fruchtbaum gepfropftes Reis, das ohne solchen Urstamm niemals hätte solche Früchte tragen können.

  Und nun lasse ich die liebe Tante Amande uns erzählen:

Lilli Lehmann.

Geschichte meiner lieben Familie1

Unser Großvater schrieb seinen Namen: »Löw«.

Onkel Alban2 und seine Töchter schrieben desgleichen: »Löw«.

Unser Vater schrieb: »Loew«. –

Wir Kinder!! malten mit deutschen Buchstaben ihm nach: »Loew«.

Komischerweise ist die letzte Schreibart stereotyp geworden.

Die Heidelberger schrieben jedoch immer: »Löw«. –

Unsere vier Urgroßväter hießen:

Nikolaus Loew,

von Traiteur,

Pfister,

de la Condamine.

Nikolaus Loew.

  Ist der Mensch auch allerwärts

  Abgestumpft in Kriegeszeiten,

  Weil er sieht so viele leiden

  Täglich Hunger, Pein und Tod –

  Bleibt ihm doch ein warmes Herz

  Für eines armen Kindes Not. –

Ich kann die Annalen dieser Geschichte nur bis auf unsere Urgroßväter zurückführen. Von diesen aufwärts zu Adam ist mir nichts bekannt. Demungeachtet unterliegt es keinem Zweifel, daß unsere Vorväter lauter ausgezeichnete Menschen gewesen sind, – wo sollten sonst die herrlichen Enkel herkommen? Aber ihre Verdienste blieben im stillen. – Meine Erzählung beginnt in dem Zeitraum zwischen 1690–1710, und mein erster Blick, obgleich nicht in dieser Stadt meine Geschichte beginnt, fällt auf unsere Vaterstadt Speyer. Wie jammervoll hatten unsere raubgierigen Nachbarn, die Franzosen, die unglückliche, früher so blühende Freireichsstadt zugrunde gerichtet! Nur ein einziges Haus war in dem ganzen Weichbilde unter Dach und Fach geblieben. Es war das Gasthaus zum »Riesen«. Es steht mit seinem Erker in der Maximilianstraße wie ein Denkmal vergangener Zeiten. Alle öffentlichen und alle Wohngebäude waren ein Raub der Flammen geworden, darunter auch die bischöfliche Pfalz. Es war in keinem Falle schön, daß dieses Haus an die Domkirche angebaut war. Man sieht noch jetzt, oder sah wenigstens noch vor 30 Jahren, auf der Westseite des Domes zwei Tore, die noch von der Pfalz herrührten, an der Kirche wie in freier Luft hängen, und ich machte mir als Kind oft Gedanken darüber, zu was denn diese Tore eigentlich da seien, und ob durch sie des Nachts Gespenster zögen. Der Palast selbst soll wunderschön gewesen sein, ein wahres Prachtgebäude. Der Bischof von Speyer hatte jedoch infolge seiner häufigen Streitigkeiten mit der Bürgerschaft seine Pfalz schon in früherer Zeit verlassen und war über den Rhein nach Bruchsal gezogen, woselbst er ein zweites Residenzschloß besaß. In seinem höchsten Glanze war Bruchsal nichts weiter als eben eine kleine bischöfliche Residenzstadt. Das Schloß ist noch erhalten, aber ganz verödet. Der Schloßhof gleicht, oder glich wenigstens als ich ihn sah, einer schlecht gepflegten Wiese, und es lebt und regt sich nichts darin, als eine steife badische Schildwache und die unzähligen Goldfische in den beiden Bassins. Sie erinnern an die Liebhabereien der Rokoko-Zeit.

Im Jahre 1600 und so und so viel, oder 1700 und so und so viel, wo unsere Geschichte zu tagen beginnt, und zwar in der Stadt Bruchsal, sah es in diesem Hofe besser aus. Ist auch die Hofhaltung eines geistlichen Herrn, oder besser gesagt, war auch die Hofhaltung eines geistlichen Herrn nicht das bewegte heitere Bild wie die Umgebung eines weltlichen Herrschers, so war doch damals im Bruchsaler Schloßhof etwas anderes zu sehen als Grasboden und schlammige Fischbehälter. Wohlgenährte Canonici gingen ab und zu, und Bediente in reich gallonierten Livreen folgten ihnen. Es waren die Domherrn von Speyer, welche nach Bruchsal gekommen waren, dem Oberhaupt die Aufwartung zu machen. Diese Herrn gehörten einst dem hohen Adel an und trieben viel Luxus. Sie kamen auch selten zu Fuß von ihrem Absteigquartiere nach dem Schloß. Equipagen wie jetzt gab es freilich damals wenige, allein die nun aus der Mode gekommenen Sänften, in denen es sich recht sanft geschaukelt haben mag, waren zu jener Zeit stark im Gebrauch, besonders bei der hohen Geistlichkeit. Der Bischof selber hatte einen Wagen, eine Staatskarosse. Ich bekam als Kind von einer Deidesheimer Frau Base eine Puppenchaise zum Geschenk, welche in vergangenen Zeiten das Modell des bischöflichen Staatswagens gewesen sein soll. Es war das Fuhrwerk sehr schwerfällig gebaut und hatte eine ähnliche Form wie jetzt ein Omnibus. Das Dach reichte jedoch weit über den Unterbau hinaus, wie an einem Schweizerhause. Auf den vier Ecken des Daches waren schwere, vergoldete Schnitzwerke aufgepflanzt. Der ganze Wagen strotzte von Gold und hatte etwas Unbehagliches. Kutscher und Bediente hatten ungeheuere Perücken auf dem Kopfe und noch größere die beiden Herren, welche in dem Wagen saßen. In jener Zeit war ein Perückenmacher eine wichtige Person, denn, wenn die Herren ihre Köpfe auch noch so hoch getragen, sie trugen die Perücken doch noch höher. Der Bischof hatte viele Hausbeamte und Hofbedienstete, die teils im Schlosse wohnten, teils in der Stadt. So kam es, daß es niemals ganz stille war, weder in noch vor dem Schlosse. Am lebhaftesten aber ging es zu, wenn »Se. bischöflichen Gnaden« ausfuhren. Da blieb ein jeder stehen und sah mit Lust die Laufer an, welche zuerst aus dem Tore kamen, und hernach den reichen Wagen und die Haiducken. Das alles war recht stattlich anzusehen und gar bunt und prächtig.

Bruchsal hatte nicht so viel gelitten wie die Städte in Kurpfalz. Am meisten wurden die Einwohner mit den Truppendurchmärschen gequält. Auch an dem Tag, an welchem mein Bericht beginnt, wurde wieder Einquartierung angesagt. Es waren Österreicher, welche nach der Festung Philippsburg marschierten. Es war im Januar, und die Kälte war grimmig.

Also in Bruchsal in der »Kaffeegaß« ist, wenn man von der Hauptstraße hineingeht, auf der linken Seite ein hübsches Haus. Nah an diesem Hause befindet sich ein Brunnen, geziert durch eine mythologische oder allegorische Figur, so viel ich weiß, ist es ein Knabe mit einem Schwan. Die Bruchsaler nannten diesen Brunnen »Das Schwane-Werthel« oder nannten ihn wenigstens so in den alten Zeiten. In diesem Hause wohnte dazumal ein gutes, altes Ehepaar. Es war der Hofperückenmacher Loew und seine Hausfrau. Hier in diesem Hause also wurde an einem grimmig kalten Januartage Einquartierung angesagt, und sie traf auch ein. Unwillkommene Gäste bleiben selten aus. Man hatte mit dem Abendessen hinlängliche Vorbereitung getroffen, und die Stube war durch und durch erwärmt. Eines hatten die sogenannten guten alten Zeiten vor den unsrigen wirklich voraus: man brauchte nicht an Holz zu sparen. Es war Abend und der Tisch war gedeckt; eine dünne Unschlittkerze machte die Beleuchtung aus, und eine Unschlittkerze war damals schon ein Luxus. Die Hofbediensteten bekamen diese Lichter als Besoldung. Es waren acht Gedecke auf dem Tische; zwei für den Herrn und die Frau, zwei für die Gehilfen, eines für die Magd und dann noch drei für die drei Mann Kaiserlichen. Es schlug 6 Uhr, das war die Nachtessenszeit, und an die Haustür tat es drei grobe Schläge; das war die Einquartierung. Der Meister, der Herr Perückenmacher, gab dem jüngeren der Gehilfen den Hausschlüssel – in jener Zeit schloß man die Türe früh – die Frau Hofperückenmacher gab der Magd das Licht mit der Weisung, es nicht schief zu halten. Herr und Frau und Gehilfe Nr. 1 saßen in der dunkeln Stube und hörten zu, wie der Schlüssel die Haustüre aufschloß und rasche Männertritte auf die Stubentüre zukamen. Die Türe tat sich auf und herein trat, fast geschoben von zwei folgenden Soldaten, die Magd mit etwas ängstlichem Gesicht, in ihrer Hand das bischöflich speyerische Besoldungslicht. Die Soldaten hatten es entsetzlich eilig, stürzten in die Stube nach, und statt des gewohnten Grußes riefen beide halb bittend, halb befehlend: »Supp', Supp', Supp'!« Man war an dergleichen Artigkeiten bereits gewöhnt und deshalb nicht überrascht. Allein die Überraschung kam nach, als der dritte Kaiserliche in das Zimmer trat. Nebst seiner gewöhnlichen Armatur hatte er noch einen Bündel bei sich, oder einen steifen Klumpen, den er in den Armen trug. Er setzte sich rasch damit an den Ofen und rief dabei wie die anderen: »Supp', Supp', Supp'!«. Man beeilte sich, den ungestümen Gästen zu willfahren, und in wenigen Sekunden stand die große Suppenschüssel dampfend auf dem Tisch. Die Soldaten sprangen auf. Die beiden, die zuerst eingetreten waren, wollten ihrem Kameraden seinen Bündel abnehmen, allein er gab ihn nicht aus den Armen. Die ganze Gesellschaft stellte sich um die Tafel, und der Hausherr sprach das Tischgebet. Der Soldat mit dem Bündel aber nahm keinen Anteil an der Andacht, sondern schöpfte sofort einen großen Löffel Suppe auf seinen Teller. Der Hausherr fiel aus dem andächtigen Ton in einen ärgerlichen, aber nur ein wenig. Es fürchtete sich in jener Zeit jedermann vor der Soldateska, auch vor der befreundeten. Die andern schielten etwas neugierig auf des Soldaten Bündel, besonders die Magd. Die Frau Hofperückenmacherin warf ihrer Americhe einen strafenden Blick zu, allein unwillkürlich spähte auch sie ein wenig auf den Bündel hin, und mit dem letzten Worte des Gebetes rief sie laut aus: »E Kind! e Kind! e Kind!« und alle fielen wie im Chor mit ein: »E Kind! e Kind! e Kind!«. Der gutmütige Österreicher fütterte das Kind mit warmer Suppe und hatte wahrscheinlich gedacht, daß dieser Liebesdienst auch ein Gebet sei. Dieses Kind war ein Knabe von ungefähr zwei Jahren und war unser Urgroßvater. Und unser Urgroßvater ließ sich die Suppe recht gut schmecken. Das Kind war halb erstarrt vor Kälte, und die Suppe war warm. Nach der Suppe kam eine große Portion Blutwürste und ein pikant duftender Krautsalat. Wenn es dazumal in Bruchsal schon Kartoffeln gegeben hätte, so wären auch Kartoffeln gekommen, aber es gab noch keine. Unser Urgroßvater hatte guten Appetit, wie seine Enkel. Er ließ sich auch die Wurst und den Krautsalat schmecken, und die Frau Hofperückenmacherin hatte darob eine große Freude und sprach: »Wenn ich gewußt hätte, daß ein Kind mitkommt, so hätte ich ihm Brei gekocht mit einer guten Schorr!« An diese wohlwollende Bemerkung knüpfte sich ein Gespräch an, durch welches die Leute des Hauses erfuhren, wie die Soldaten zu dem Kinde gekommen waren. Unser Urgroßvater war von den Kaiserlichen auf der Landstraße gefunden worden, wo er halb erfroren auf einem Steinhaufen gesessen war. Die Soldaten hatten aus Mitleid das Kind aufgepackt, obgleich sie gar nicht wußten, was sie jetzt damit beginnen sollten. In die Garnison nach Philippsburg durften sie den Knaben nicht bringen. Man stellte nun Fragen an das Kind, wie es heiße, und wo es her sei. Der Knabe wußte nichts und konnte nur wenige Worte sprechen. Nur die eine Auskunft wußte er zu geben, er heiße Nikolaus.

Über Eltern und Heimat wußte das Kind nichts zu sagen. Der Nikolaus muß übrigens ein liebes Kind gewesen sein und erschien wohl noch mehr so in seiner hilflosen Lage. Nicht nur die rohen Herzen der Soldaten waren weich geworden bei seinem Anblick, sondern auch der Hofperückenmacher, seine Gattin, die beiden Gehilfen und die Americhe. Frau Loewin erbat sich von dem Soldaten, daß er ihr für die Nacht den Knaben überlassen möge. Herr Loew war auch damit einverstanden. Wie die Kaiserlichen auf ihrem Lager waren und schon lange schliefen, da besprach sich das Ehepaar noch gar lange über das Kind. Als am Morgen wieder eine große Schüssel voll Suppe auf dem Tische stand, zum Frühstück – Kaffee wurde damals nur von den Vornehmen getrunken –, da machte der gute Hofperückenmacher seinen Gästen die Eröffnung, daß er mit seinem Weibe übereingekommen sei, daß sie, weil sie keine eigenen Kinder hätten, den Nikolaus behalten und ihn annehmen wollen an Kindesstatt. Die Soldaten waren hocherfreut und weinten alle drei vor Rührung, und die Loewischen weinten mit. Frau Loewin brachte einen großen Krug von ihrem selbstgebauten Wein zum Abschiedstrunk. Die Kaiserlichen taten große Züge und spülten sich die Rührung hinunter und marschierten hierauf gegen Philippsburg. Ich weiß nicht, ob unser Urgroßvater die guten Österreicher jemals wiedergesehen hat, man kam damals so wenig über seine Ortsgemarkung hinaus. Er hat übrigens eine Philippsburgerin zur Frau gehabt, was der Vermutung Raum gibt, daß die benachbarte Festung von ihm besucht worden sei. Da nun unser Urgroßvater bei seinen guten Pflegeeltern den Schauplatz seiner Geschichte betreten hat, so wäre der Anfang gemacht, um recht viel von ihm zu erzählen. Allein es geht mit dieser Biographie, wie es mit dem bischöflich speyerischen Besoldungslicht ergangen sein wird: sie brennt nicht lang. Ich weiß fast gar nichts weiter. Nikolaus erlernte das Gewerbe seines Pflegevaters und wurde ein braver Mann. Nach dem Tode seiner Pflegeeltern erbte Nikolaus deren Haus in der Kaffeegaß und einen schönen Weinberg und wurde auch der Hofperückenmacher. – Wann unsere Urgroßeltern gestorben sind, weiß ich nicht. Sie hinterließen einen einzigen Sohn, welcher Jakob hieß. Dieser Jakob war der Vater unseres Vaters.

von Traiteur oder Freiherr von Traiteur

war der Vater unserer Großmutter väterlicherseits. Ich habe, solange ich in der Pfalz war, so wenig über den Adel und seine Rangordnung gewußt, daß ich nicht einmal angeben kann, welcher Klasse unser Urgroßvater angehörte. Es ist mir gesagt worden, die Familie Traiteur sei vor wenigen Jahren in den Grafenstand erhoben worden. In Deidesheim war eine bischöflich speyerische Hofkellerei. Ich habe das Haus noch gesehen, mein Vater hat es mir gezeigt. Hier war, wie ich vermute, unser Urgroßvater angestellt. Ich glaube, sein Titel war: »Hof-Keller«. Es klingt mir noch so etwas in den Ohren. Der Bruder des Urgroßvaters war, soviel ich weiß, am kurpfälzischen Hofe und hatte das Amt des Oberst-Jägermeisters. Meine Erinnerung sieht aber alle diese Verhältnisse nur wie in einem Nebelschleier.

Pfister.

Von dem Vater unseres Großvaters mütterlicherseits weiß ich auch nichts, als daß er fürstlich St. Gallischer Erzieher war. Unsere Vorfahren haben gar viel mit der Geistlichkeit zu tun gehabt – wir hätten dürfen frömmer werden.

de la Condamine.

  Suchet ja nicht stets das Beste

  In den Sälen der Paläste.

  Denn das Beste ist hinieden

  Süße Eintracht, stiller Frieden.

  Und die wohnen selten da,

  Wo man Glanz und Reichtum sah.

Wir müssen nun die Rhein-Ebene verlassen und müssen tüchtig Berg steigen, und zwar nicht jetzt, sondern im Jahre 1699. Unsere Reise geht nach Chamberg, an den Hof des Herzogs Victor Amadeus von Savoyen. Hier suchen wir einen Ururgroßvater. Diesmal ist er aber nicht Hofperückenmacher, sondern Hofkavalier. Es ist eine eigentümliche Erscheinung in unserer Familie, daß durch alle Generationen die höchsten und die niedersten Stände darin vertreten waren. Es mag dies vielleicht die Ursache sein, daß wir alle ein mixtum compositum von schlichtem Bürgertum und exaltierter Romantik geworden sind. Alles ist bei uns schon dagewesen – nur kein Geldprotz. – Doch – ich muß ja meinen Urgroßvater suchen. Er hieß de la Condamine. Wer seine Frau war, weiß ich nicht. Sie starb früh und hinterließ ihm einen Sohn. Ich glaube, er hieß Carlo Justino.

Unser Urgroßvater war sehr in Gunst bei dem Herzog und, wahrscheinlich aus diesem Grunde, sehr in Mißgunst bei den Hofleuten. Ein kleiner Herr soll unserem Urgroßvater besonders abgeneigt gewesen sein. Über diesen Herrn spottete einst Condamine, daß er bei seiner kleinen Statur einen so großen Degen trage. Dies führte zu einem Duell. Unser Urgroßvater erstach den Kleinen und mußte Chamberg verlassen. Er ging nach Paris, vermählte sich noch einmal – ich weiß wieder nicht mit wem – und bekam 1701 (1699 war er geflohen) einen zweiten Sohn, den nachherigen berühmten Naturforscher, Chemiker und Reisenden in Südamerika, Charles Marie de la Condamine. Er war der erste, welcher den Chimborasso erstiegen hat. So erzählte mir wenigstens seine Nichte, unsere Großmutter. Dieser Condamine befaßte sich mit allen möglichen Künsten und Wissenschaften. Er erfand auch eine Säemaschine. Die Originalität dieses Mannes scheint seinerzeit viel Aufsehen gemacht zu haben. Da sich nicht jedes die Mühe geben wird, seinen Namen im Konversationslexikon aufzusuchen, will ich die Anekdote, welche dieses Buch von ihm enthält, hier abschreiben: »Von Condamines Wißbegierde erzählt man folgende Anekdote:

Bei der Hinrichtung Domins mischte er sich, um keinen Umstand dieser Todesart unbeachtet zu lassen, unter die dabei beschäftigten Henker. Man wollte ihn zurückweisen, aber der oberste derselben, welcher Condamine kannte, verhinderte es mit den Worten: »Laissez Monsieur, c'est un amateur«.«

Er starb an den Folgen einer chirurgischen Operation, die er als neu vorgeschlagen und an sich verrichtet haben wollte, um der Akademie darüber Bericht erstatten zu können. So erzählte mir unsere Mutter, und das Konversationslexikon sagt dasselbe. Er ist übrigens doch 73 Jahre alt geworden.

»Seine Hauptwerke sind seine Reisebeschreibungen und seine Schrift über die Gestalt der Erde und über die Vermessung dreier Grade des Meridianes in den Äquatorialgegenden. Außerdem hat er Abhandlungen über die Pockenimpfung geschrieben.« (Konversationslexikon.)

Unser Urgroßvater war viel älter als sein Stiefbruder und wird nicht viel später geheiratet haben, als sein Vater sich mit der zweiten Frau vermählt hat. Unser Urgroßvater wohnte im Marktflecken Gossau im Kanton St. Gallen in der Schweiz. Er baute sich in Gossau ein hübsches Haus mit einem Erker, und an diesem Erker befand sich ein Stein, das Condaminesche Wappen. Ich weiß nicht, warum ich mir früher eingebildet habe, unser Urgroßvater sei Kaufmann gewesen; ich finde jetzt keine Anhaltspunkte mehr für diese Vermutung. Es kann übrigens doch so gewesen sein. Es scheint öfters vorzukommen, daß italienische Adelige sich dem Handelsstande widmen. In der Familie Dall' Armi gibt es ja auch Kaufleute; mein Schwiegervater selbst gehörte diesem Stande an.

Unser Urgroßvater wurde Witwer und schloß, wie sein Vater, eine zweite Ehe. Diese zweite Frau war keine Italienerin, sondern eine Schweizerin.

Unser Urgroßvater hatte aus erster Ehe zwei Töchter, und seine zweite Frau war jünger als diese Töchter erster Ehe.

Unterdessen war Charles Marie de la Condamine, nach Bericht des Konversationslexikons, mit Godin und Bourgner gewählt worden, durch eine in Peru vorzunehmende Vermessung die Gestalt der Erde zu bestimmen. Unser origineller Urgroßvater hatte sich bei dieser Sendung ruhmvoll ausgezeichnet. Als er nach acht Jahren nach Paris zurückgekommen war, hatten seine Eltern das Zeitliche gesegnet, und er sehnte sich darnach, seinen einzigen Bruder wiederzusehen. Er reiste nach der Schweiz, wurde in Gossau bestens aufgenommen und verliebte sich in seine Nichte, eine Tochter aus der ersten Ehe unseres Urgroßvaters. Die Nichte war nicht unempfindlich. Der Onkel reiste nach Rom und holte Dispens, Fazit: der Onkel heiratete die Nichte.

Unser Urgroßvater hatte aus der zweiten Ehe mit der jungen Frau fünf Kinder. Diese Kinder waren von ihren Stiefschwestern im Alter sehr verschieden, und es haben sich dadurch die Verwandtschaftsgrade der späteren Generationen scheinbar verschoben. Unsere Großmutter, Maria Magdalena de la Condamine, war das älteste Kind zweiter Ehe. Hierauf folgten drei Söhne. Der älteste von diesen Söhnen, welcher, wie ich glaube, Sebastian hieß und Ökonom war, heiratete eine ältliche Frau und hatte keine Kinder. Der zweite Sohn hieß Karl Justin und studierte Jus. Der jüngste, welcher Medizin studiert hatte und häufig in Gossau »das Dökterli« hieß, hieß mit seinem Taufnamen auch wieder Karl. Als ich mich verheiratete, lebten die beiden jüngeren Brüder noch. Ob in Gossau jetzt von der Familie Condamine überhaupt noch jemand am Leben ist, ist mir unbekannt. Das fünfte Kind aus der zweiten Ehe unseres Urgroßvaters war ein Mädchen. Als unsere Großmutter heiratete, war diese Schwester noch ein Kind.

Wie lange unser Urgroßvater lebte, weiß ich nicht. Seine junge Frau wurde eine sehr alte Frau; sie starb erst mit 96 Jahren. Die Urgroßmutter kam selbst nach Speyer, um mich aus der Taufe zu heben. Sie muß sehr kräftig gewesen sein, denn was war damals eine Reise von St. Gallen nach Speyer, und noch dazu für eine Frau von 92 Jahren! – In ihren letzten Jahren wurde die arme Frau kindisch. Als unsere Großmutter, ihre Tochter, sie anno 1812 besuchen wollte, erkannte sie dieselbe nicht mehr und versteckte sich vor ihr. – Ich glaube, daß ich hauptsächlich aus diesem Grunde den Namen der Urgroßmutter nicht mehr weiß, weil die Großmutter und Mutter sie in ihren Gesprächen »das Großmütterli« nannten. Ihr jüngster Sohn, »das Dökterli«, ist meines Wissens ein Hagestolz geblieben und war ein großer Löwe in Gossau.

Von dem jüngsten Kinde, dem kleinen Töchterchen, werde ich später mehr erzählen. –

Hiermit schließt der Bericht über unsere Urgroßeltern. –

Unsere Großeltern hießen:

Jakob Loew,

Maria Theresia von Traiteur.

Placidus Joseph Anton Pfister,

Maria Magdalena de la Condamine.

Jakob Loew, geb. in Bruchsal, starb daselbst anno 1783.

Maria Theresia von Traiteur, geb. in Deidesheim, starb in Bruchsal am 30. November 1791.

Placidus Joseph Anton Pfister, geb. in St. Fiden am 22. Oktober 1756, starb in Speyer 1840.

Maria Magdalena de la Condamine, geb. in Gossau anno 1753, starb in Speyer am 2. Februar 1816.

Ich habe von zwei unserer Urgroßväter mehr gesprochen als von den beiden anderen, weil ich von diesen anderen nichts gewußt und mich im Laufe des Lebens überzeugt habe, daß es besser ist, man spricht von dem, was man weiß, als von dem, was man nicht weiß.

Ich will nun meine staubigen, eingerosteten Gedanken mit dem Pinsel der Erinnerung aufzufrischen suchen. Käme die Klarheit meines Kopfes der Innigkeit der Liebe gleich, die ich für die lange heimgegangenen Großeltern noch jetzt im Herzen trage, so müßte meine Erzählung in der herrlichsten Farbenpracht erscheinen.

Jakob Loew und Maria Theresia von Traiteur.

  Ich habe immerdar gefunden,

  Daß den Arzt vergessen die Gesunden;

  Hat er zur Gesundheit sie geführet,

  Wird ihm kaum der Dank, der ihm gebühret –

  Und doch gibt's kein edler' Selbstvergessen,

  Als sein Beruf dem Arzte zugemessen.

Unser Großvater, Jakob Loew, war der Sohn des Hofperückenmachers Nikolaus Loew. Wir haben uns also wieder nach Bruchsal zu begeben.

Soviel ich weiß, war Jakob das einzige Kind seiner Eltern. Als er geboren wurde, war in der Kaffeegaß alles noch beim alten. Es gab da große und kleine Perücken, welche dressiert, Zöpfe, welche geflochten, Locken, welche gebrannt wurden, und es lag nicht nur auf diesem Haarwerk, sondern auf der ganzen Werkstätte stets ein feiner Schleier von Puder, wie ein dünner Nebel auf der Landschaft liegt. Am Samstag Abend trugen die Gehilfen die Allongeperücken und die anderen in die Residenz, und wie der kleine Jakob größer wurde, durfte er die Gehilfen auf diesem Gange begleiten. Der kleine Jakob ging für sein Leben gern »nach Hof«. Er nahm die Bezeichnung »nach Hof« jedoch in seinem Sinne auf. Er ging nämlich nicht in das Schloß hinein, sondern er blieb im Hof zurück und betrachtete die Goldfischchen. Wie manches Stückchen Brot mag er seiner Mutter abgebettelt haben, um die Fischchen damit zu füttern.

Ich meine, ich sehe ihn an dem Bassin stehen in braunen Pumphöschen, scharlachrotem Jäckchen, blauer Weste und weißer Halskrause. Auch sein Köpfchen ist gepudert, und auf den gestäubten Löckchen sitzt ein kleiner dreieckiger Hut, mit goldenen Borden eingefaßt. Er lehnt sich über die Brüstung des Bassins und wirft den Fischlein kleine Bröckchen Brot hinunter. Das schöne Gesichtchen strahlt von Vergnügen, wenn die Fische herbeischwimmen und nach dem Brote schnappen. Auch die Fischlein sind vergnügt und schlagen mit den glänzenden Schwänzen; sie haben den freundlichen Knaben vielleicht gekannt. Der Großvater soll sehr schön gewesen sein, und das Bild mit dem Tressenrock, welches wir noch besitzen, widerspricht dieser Behauptung nicht.

Es waren aber die Fischbehälter nicht allein, welche des Kindes Interesse erregten. Die Schildwachen an den Schloßtüren und die stattlichen Herren, die da aus- und eingingen, gefielen ihm auch sehr wohl, und dann, wenn ausgefahren wurde! Der große, goldene Wagen, die Laufer, die Bedienten, die Haiducken! Und nun gar die sechs Pferde! ein halbes Dutzend Pferde an einem einzigen Wagen! Der Bischof von Speyer hatte zwar als solcher nur die Befugnis vierspännig zu fahren. Der jetzige Bischof aber war ein Fürst Styrum, und als Fürst war ihm ein Sechsgespann gestattet. Und wieviel hielt man in jener Zeit auf solche Dinge! Der kleine Jakob wird nicht der einzige Bruchsaler gewesen sein, der vor Ehrfurcht und Bewunderung den Atem anhielt, wenn der Hof ausfuhr. Es scheint jedoch, daß Jakobs Entzücken besonders groß war. Das Kind fiel wenigstens dem Fürsten auf, und er ließ sich öfters in ein Gespräch mit ihm ein. Eines Tages fragte der Bischof: »Gefällt es dir bei Hof, Jakob?« In jenen Tagen war man in Titulaturen viel besser bewandert als zu unserer Zeit. Selbst die Kinder wußten in den vielen Residenzstädtchen, welche »Ehre« man einem jeden zu geben hatte. Auch verließ Jakob Loew niemals das väterliche Haus, um »nach Hof« zu gehen, ohne vorher über seine Conduite in Tun und Reden gute Lehren zu bekommen. So antwortete dem Fürsten auf seine Frage der kleine

Jakob: »Ja, Euer Durchlaucht.«

Bischof: »Hättest du Lust, immer bei Hof zu bleiben?«

Jakob: »Ja, wenn Durchlaucht gnädigst gestatten.«

Bischof: »Ich möchte dich behalten, aber du müßtest tüchtig lernen. Willst du lernen, Jakob?«

Jakob: »Ich will Doktor lernen, Durchlaucht.«

Bischof: »Es bleibt dabei, du wirst Doktor.« –

Der Bischof sprach mit den Eltern, und die Eltern waren hocherfreut. Der kleine Jakob wurde Student und studierte Medizin. Als aber der Student Loew auf einer deutschen Universität den Doktorhut errungen hatte, da schickte ihn sein Gönner und Herr, der Fürst Styrum, noch auf ein Jahr nach Paris; gleichsam um seiner Erziehung noch die Krone aufzusetzen. Von seines Vaters Aufenthalt in Paris erzählte unser guter Vater eine Anekdote, welche ganz unwahrscheinlich klingt, von unserem Vater jedoch als verbürgte Tatsache geglaubt wurde.

Der junge Doktor, Jakob Loew, schlenderte eines Tages durch die Straßen von Paris. Es schlenderten noch viele Menschen mit ihm und hinter ihm; dies war nicht auffallend.

Auf einmal bückte sich ein elegant gekleideter Herr, der vor ihm hergeht, und hebt etwas Glänzendes vom Boden auf. Zu gleicher Zeit springt von rückwärts ein anderer Herr vor und ruft: »Halbpart!«

Unwillkürlich bleibt unser Großvater stehen, und der erste Herr wendet sich mit der Frage an ihn: »Sie werden mir bezeugen, mein Herr, daß ich allein dieses Brillantkreuz gefunden habe?«

Loew: »Allerdings.«

Zweiter Herr: »Nicht doch, ich habe das Kreuz im nämlichen Augenblick entdeckt, und Sie müssen mit mir teilen, und nicht nur mit mir, sondern auch mit diesem (er deutete auf unseren Großvater) jungen Herrn da; auch er hat dieses Kreuz ebensowohl gefunden als Sie und ich.«

Unser Großvater fand es sehr freundlich von dem fremden Herrn, daß er es so gut mit ihm meinte. Er blieb ruhig stehen und hörte zu, wie der erste Herr sich noch einige Zeit wehrte, aber am Ende nachgab und den Vorschlag machte, zu einem Juwelier zu gehen und das Kreuz schätzen zu lassen.

Unserem Großvater schien es zu behagen, daß er einige tausend Franken bekommen sollte, wie vom Himmel gefallen. Der erste Herr ging voraus, der junge deutsche Doktor in der Mitte und der zweite Herr hinter ihm drein. Die Herren führten ihn durch allerlei Gassen und Gäßchen, in ein Stadtviertel, in welchem er völlig unbekannt war. Sie traten in ein Haus und stiegen treppauf, treppab, durch allerlei Winkel und Gänge. Endlich hielten sie still und befanden sich in einem eleganten Zimmer. Der eine Herr ging fort, um den Juwelier zu holen, und der andere lud unseren Großvater ein, sich auf einer Ottomane niederzulassen. Sie hatten nicht nötig, lange zu warten. Der erste Herr kam wieder und brachte den Juwelier mit sich; man gab ihm das Kreuz zum Beschauen. Er schätzte es auf 8000 Frks. Die Herren fragten, ob er es um diesen Preis ankaufen wolle. Er erklärte sich dazu bereit, verlangte aber eine Bescheinigung, damit er sich ausweisen könne, im Fall der Eigentümer des Kreuzes sich wiederfinden sollte. Die drei Herren erklärten sich ihrerseits bereit, die Quittung auszustellen. Der Juwelier verschwand auf einige Minuten, kam wieder und zählte die 8000 Frks. auf den Tisch. Ein Herr verteilte das Geld in drei gleiche Teile, und ein jeder strich seinen Anteil ein, unser Großvater auch. Der Juwelier legte einige Bogen Papier auf den Tisch. Auf dem obersten Bogen war der Kopf zu einer Quittung aufgesetzt, und er forderte die Herren auf, zu unterschreiben. Die beiden fremden Herren schrieben ihre Namen rasch hin und gaben unserem Großvater die Feder in die Hand, welcher im guten Glauben ebenfalls unterzeichnete: Iakob Loew, Dr. med. – Das Papier war jedoch Blendwerk der Hölle. Der oberste Bogen ward weggezogen, und der Juwelier eröffnete ihm: »Mein Herr, Sie sind im Dienste der Marine Sr. Majestät des Königs von Großbritannien. Das Handgeld haben Sie bereits eingestrichen.« Als unser Großvater bemerkte, daß er unter Seelenverkäufer geraten war, was geschah ihm da? Ich höre Eure Antwort: Der Verstand stand ihm still. – Aber im Gegenteil! Sein Verstand bewegte sich sehr lebhaft. Er warf ihnen das Geld hin und fing an, ganz fürchterlich zu schimpfen. Die Werber aber lachten ihn aus. Wie unser Großvater sah, daß das Schimpfen nicht helfen würde, griff er die Sache anders an; er drohte, und er drohte nicht ungeschickt. Er sagte: »Glauben Sie ja nicht, daß ich ohne Bekanntschaft bin in Paris. Man wird mich vermissen, man wird mich suchen; ich stehe unter dem Schutze der österreichischen Gesandtschaft.«

Das wirkte. Obgleich die Fremden Lügner waren, sahen sie doch ein, daß unser Großvater die Wahrheit sprach. Sie ließen ihn gehen, nachdem er feierlich versprochen hatte, sie nicht verfolgen zu wollen. – Also hat der Vater den Hergang uns oft erzählt, und der Großvater wird ihn noch öfter erzählt haben, als er in Paris fertig studiert hatte und wieder daheim in Bruchsal war. Ich denke, später war er nicht mehr so schnell bereit, »Halbpart« zu machen.

Seine Durchlaucht, der Fürst Styrum, waren höchlichst zufrieden mit Deren Schützling und stellte ihn an als Hochdero Leibarzt. Unser Großvater soll ein guter Arzt gewesen sein, aber auch ein heiterer, angenehmer Gesellschafter. Der Bischof liebte seinen Umgang über alles, und der Großvater mußte täglich mit ihm speisen. Ob die Urgroßeltern die Freude erlebt haben, ihren Sohn in so hohen Ehren zu sehen, ist mir nicht bekannt. Der Bischof machte jedes Jahr ein Rundreise durch sein Ländchen, um die Firmung vorzunehmen. Auf dieser Reise mußte der Leibarzt natürlich dabei sein. In dem verödeten Speyer hielten sie sich nie lange auf, aber desto länger in Deidesheim; auch hier war ein bischöfliches Schloß. Die Vermutung spricht dafür, daß dieser Zug in der Regel in der Herbstzeit nach Deidesheim gekommen sei, um die Einlieferung des Zehnten zu überwachen. Bei dieser Gelegenheit lernte der Herr Geheimderat – dies war der Titel unseres Großvaters – einen jungen Förster kennen namens Brandner. Dieser Brandner gefiel dem Großvater sehr, und sie scheinen sich gegenseitig gefallen zu haben, denn sie schlossen ein Freundschaftsbündnis; immerhin auffallend zwischen einem Löwen und einem Jäger. Eines Tages kam der Jägermeister Brandner zu Hof zu Sr. bischöflichen Gnaden, und der Geheimderat Loew war hocherfreut, seinen Freund in Bruchsal zu sehen. Er zeigte ihm in dieser Stadt alle Sehenswürdigkeiten. Ob es welche gegeben hat, weiß ich nicht, aber die Vermutung spricht dafür, daß man sie ihm zeigte. Jedenfalls waren die Goldfische da. Bei diesen Gängen durch die Stadt gab Brandner seinem Freunde zu verstehen, daß er einen Stein auf dem Herzen habe. »Ein Stein auf dem Herzen« war für einen Mediziner ein interessanter Fall. Geheimderat Loew versuchte es, diesen Stein chemisch zu untersuchen, und da zeigte es sich, daß der Stein zusammengesetzt war aus Liebe und Ängstlichkeit. Unser Großvater hielt hierauf ein vollständiges Examen mit dem Freunde, und es ergab sich, daß er bis über die Ohren verliebt, der ganze Mensch also nicht in normalem Zustand war. Der Gegenstand von Brandners Brand hieß, wie ich vermute, Klara, es ist wenigstens gewiß, daß sie im klaren waren, und daß es nur an des Vaters Einwilligung fehlte. Der Vater war der bischöfliche Oberamts-Keller von Traiteur in Deidesheim und ein sehr adelsstolzer Mann. Das von der Liebe gejagte Jägerpaar fürchtete also, der hochmütige Vater – wenn es erlaubt ist, also von unserem Urgroßvater zu sprechen – werde seine Einwilligung zu einer Heirat mit einem Bürgerlichen nicht geben.

Dieser Fall machte unserem Großvater, dem Herrn Geheimderat, gar viele Gedanken. Er studierte alle Autoren, um zu ergründen, wie der Forstbrand zu löschen sei, und endlich fand er in der Tat die richtige Arznei für seinen Freund und Patienten. Der Herr Geheimderat verfügten sich zu seinem Freund und Gönner, dem Bischof. Er schilderte des Freundes Liebespein und bat um gütige Verwendung bei dem Vater, dem Tyrannen. Durchlaucht, welche selbst nicht ganz unempfindlich waren gegen das schöne Geschlecht, nahmen sich ihres Försters an. Er schrieb dem Vater einen schönen Brief, wahrscheinlich des Inhalts, daß die Liebe des Mannes für das Weib noch edler sei als selbst die Liebe des Mannes für den Adel; oder auch, daß die Töchter kein Lagerobst wären, und durch langes Aufheben nicht gewännen. Vielleicht ließ der Landesherr auch ein Wort fallen über ein kleines Nadelgeld aus der Kabinettskasse für die Frau und Erhöhung der Holz- und Wildbezüge für den Förster usw.

Unser Urgroßvater wurde weich, und seine Antwort auf das gnädige Handbillet des Landesfürsten war eine Einladung zur Hochzeit seiner Tochter, Klara von Traiteur, mit dem bischöflichen Jägermeister, Friedrich Brandner. Und nicht nur seine bischöfliche Gnaden und Durchlaucht waren eingeladen, sondern auch der ganze Hofstaat, demzufolge auch der Herr Geheimderat, unser Großvater. Der Tag der Trauung war natürlich ganz dem Ermessen des Herrn Bischofs anheimgestellt, und dieser wählte, auch natürlich, die schöne Herbstzeit. Der jugendliche Herr Geheimderat freuten sich gar sehr auf diese Hochzeit; es gab zwar in Bruchsal bei Hof auch allerlei Feste, allein sie waren nicht immer nach dem Geschmack des jungen Herrn. Überdies war unser Großvater dem Waldmenschen Brandner mit großer Zuneigung zugetan und dachte mit Stolz an den Anteil, welchen er hatte an dem Aufbau seines Glückes. Wie alle Tage kommen, die ersehnten und nicht ersehnten, so kam auch dieser Hochzeitstag. Der Bischof machte bei Gelegenheit dieser Reise seine Runde durch den Sprengel und hielt überall einen feierlichen Einzug. Junge Bürger zu Pferde, geschmückt mit Schärpen von des Bischofs Farben, holten ihn an der Ortschaften Gemarkung ab. Die Schulkinder hatten weiße Kleider an, wo die Franzosen eine Glocke gelassen hatten, wurde geläutet, und wo noch so viel Geld geblieben war, um Pulver zu kaufen, wurde geschossen. Die Menschen haben zu allen Zeiten gerne Feste gefeiert. – So kam der Zug nach Deidesheim. Dieses Städtchen hatte sich durch seinen Weinbau von den Drangsalen des Krieges etwas erholt und bot alles auf, die Anwesenheit des Landesherrn und die Hochzeit von des Herrn Oberamtskellers Tochter mit Glanz zu verherrlichen. Alle Häuser waren mit Laubgewinden und Fahnen geschmückt, und der Wein ist nur so geflossen. Alle jungen Damen des Städtchens – damals Fleckens – waren Brautjungfern bei dieser Hochzeit, und sie fanden alle nicht einen einzigen Flecken an der Liebenswürdigkeit des schönen, jungen Geheimderates Dr. Jakob Loew. Wäre es unter solchen Verhältnissen nicht undankbar gewesen von unserem Großvater, wenn er von seiner Seite kalt geblieben wäre? Er tat dies aber auch nicht; er handelte unserer Familie würdig und verliebte sich. In wen? – (Siehe weiter unten.)

Der Amtskeller von Traiteur hatte noch eine zweite Tochter, welche Maria Theresia hieß. In jener Zeit war die Kaiserin Maria Theresia das Entzücken von ganz Deutschland und wird es bleiben in ewige Zeiten. Darum nannte auch der kaiserlich gesinnte Amtskeller seine Tochter Maria Theresia. Ich weiß nicht, ob der gute Urgroßvater gehofft hat, er könne seiner Tochter mit dem Namen auch den großen Verstand, das große Herz und die große Schönheit der Kaiserin verleihen, er probierte es eben, und zum Teil glückte der Versuch. Zwar schön war, glaube ich, unsere Großmutter nicht, allein geistreich und liebenswürdig, und wenn unser Vater von seiner Mutter sprach, kam er jedesmal in Begeisterung.

Seitdem unser Großvater unter die Seelenverkäufer geraten war, hielt er seine Augen sperrangelweit offen, und so erkannte er sehr bald, daß hier ein Schatz für ihn erglänze, und daß Maria Theresia von Traiteur sein Demantkreuz geworden sei. Also in wen verliebte sich unser Großvater? In Maria Theresia von Traiteur, bischöflich speyerische Oberamtskellerstochter in Deidesheim. Unser Großvater hatte es bereits in der Übung, seinem Landesherrn Liebesgeschichten anzuvertrauen, und so vertraute er ihm auch die seinige. Der Bischof seinerseits hatte es in der Übung, den Freiwerber zu machen, und so machte er ihn wieder; und unser Urgroßvater hatte es in der Übung, nachzugeben, und so gab er wieder nach, obgleich auch dieser zweite Schwiegersohn ein »Bürgerlicher« war, und

»als der Großvater die Großmutter nahm,

da war der Großvater Bräutigam.«

In welchem Jahr und an welchem Tag die Hochzeit unserer Großeltern gefeiert wurde, ist mir unbekannt; die Vermutung spricht für die Zeit um 1765 herum, also bald nach dem Ende des siebenjährigen Krieges.

Es ist mir leid, daß ich nicht weiß, was Fürst Styrum zur Aussteuer geschenkt hat; soviel betrachte ich als Tatsache, daß er das Brautpaar, dessen Wohltäter er war, eigenhändig einsegnete und ungefähr folgende Rede hielt:

»Geehrte Versammlung, tugendhaftes Brautpaar! Ich vereinige Ihre Hände mit besonderem Vergnügen, denn Sie sind nicht nur meine Landeskinder, sondern auch meine erklärten Lieblinge. Wir haben vor nicht langer Zeit einen Frieden abschließen sehen; möge sich dieser Friede auch durch Ihr ganzes Leben erstrecken, und dieses recht lange sein. Mein Wohlwollen für Sie wird unverbrüchlich sein und nur mit dem Leben enden!«

Also sprechen kurzsichtige Menschen. Es ist anzunehmen, daß der Bischof seine Rede mit dem besten Herzen gehalten und mit dem besten Wein begossen habe, welchen unser Urgroßvater, der Amtskeller, auftreiben konnte. Aber es ging doch nicht alles so am Friedensschnürchen, wie der Bischof und die ganze Versammlung es an diesem Tage gewünscht und folglich auch gehofft hatten. Im wesentlichen war es sehr gut, unsere Großeltern liebten sich und wären ohne äußere Störungen sehr glücklich gewesen, aber wo bleiben solche Störungen aus?

Bei ihren vielen guten Eigenschaften hatte unsere Großmutter auch eine schlimme: sie war eifersüchtig. Eine eifersüchtige Frau darf aber keinen Arzt heiraten, und am allerwenigsten einen schönen, jungen. Die arme Großmutter war entsetzlich viel allein und hatte dadurch Zeit und Muße, ihrer unglückseligen Leidenschaft nachzuhängen. Das härteste war ihr, daß ihr Mann bei Hofe speisen mußte, besonders da die Frau Bas Goldschmiedin sie oft besuchte und ihr anvertraute, bei Hofe gehe es ziemlich locker her, und bei der Tafel mache man oft ganz unpassende Späße. Der Fürst hatte nämlich verlangt, daß sein Leibarzt auch nach dessen Verehelichung sein täglicher Gast sei; allerdings nicht angenehm für die junge Frau.

Eines Tages war auch die Frau Bas Goldschmiedin – ich habe keine Idee mehr, wie diese Frau mit unseren Großeltern verwandt war, ob sie »Goldschmied« hieß, oder an einen Goldschmied verheiratet war – wieder bei unserer Großmutter. Sie hatten lange die Köpfe zusammengesteckt und fort und fort von dem Bischof gesprochen und seinem leichtfertigen Lebenswandel, da rief plötzlich eine Stimme neben ihnen: »Bei Hof! bei Hof!« Die Frauen fuhren auseinander, und erst als sie ruhig geworden waren, bemerkten sie, daß der Papagei, welchen der Fürst der jungen Frau geschickt hatte, um sie zu divertieren, die oft wiederholte Rede: »bei Hof« aufgefangen und nachgeschwätzt hatte.

Unsere Großeltern wohnten natürlich in dem Hause in der Kaffeegaß. Das Haus und der Weinberg waren von Nikolaus Loew auf Jakob Loew übergegangen. Die Bruchsaler hielten von jeher viel auf ihre Weinberge, obgleich die Trauben darin entsetzlich sauer sind. Die Großmutter, welche die Deidesheimer Trauben gewöhnt war, wird sie ganz besonders so gefunden haben. Allein die Traubensäure wirkte weniger ätzend auf das Herz unserer Großmutter als die Eifersucht. Sie lag dem Großvater gar oft in den Ohren, er solle die fürstliche Tafel aufgeben und sich zuhaus bei ihr mit Hausmannskost begnügen; der Großvater aber versicherte ihr, es wäre undankbar, dem Bischof seine ihm unentbehrlich gewordene Gesellschaft zu entziehen, und es gehe eben einmal nicht. Und es ging auch nicht. Ich glaube, unsere Großmutter war auch ungehalten darüber, daß sie ihre Kochkunst nicht benützen konnte. In jener Zeit hielt man noch viel mehr darauf als heut zutage, daß jede Frau eine Köchin sei. Der Vater sagte, seine Mutter sei obendrein eine besonders geschickte Köchin gewesen und habe hauptsächlich die Bereitung der Käsnudeln sehr gut verstanden.

Obgleich die Frau Bas Goldschmiedin eher dazu beitrug, das Herz der Großmutter zu beunruhigen, als zu beruhigen, so war sie eben doch immer wieder auf die Gesellschaft dieser Frau angewiesen, welche übrigens, wenn auch eine geschwätzige, doch auch wieder eine recht amüsante Frau war, wie aus folgender Anekdote hervorgeht, über welche wir als Kinder so entsetzlich lachen mußten.

Die Großmutter ließ bei einer Unteroffiziersfrau in Philippsburg spinnen, hatte aber mit ihr nicht genau ausgemacht, wieviel für das Pfund Garn bezahlt werden sollte; als das Garn fertig war, brachte es nicht die Frau, sondern ihr Mann, ein Böhme, welcher kein Wort Deutsch verstand. Die Großmutter gab sich alle Mühe, von dem Manne zu erfahren, was sie zu zahlen habe, allein vergeblich. Da sagte die Frau Bas Goldschmiedin: »Lassen Sie nur mich machen, Frau Geheimderätin, ich bring's schon 'raus«. Hierauf stellte sie sich vor den österreichischen Unteroffizier hin und schrie: »Was goschd der Bund zu schbinne?« Der Böhme gab zur Antwort: »Jo, Frau!« Dann schrie die Frau Bas noch ärger: »Was goschd der Bund zu schbinne?« worauf der Böhme erwiderte: »Jo, Frau! jo, Frau!« Unsere Großmutter bekam fast Krämpfe vor lachen, und diese Gewandtheit der Frau Bas Goldschmiedin in fremden Idiomen hat noch Kinder und Kindeskinder in der Loewschen Familie zum Lachen gereizt. Die Großmutter und die Frau Bas Goldschmiedin waren, wie gesagt, kein passendes Paar, denn die Frau Bas Goldschmiedin war eine »Frau Bas« im ganzen Sinne des Wortes, und die Großmutter war eine geistreiche, fein gebildete Dame; allein sie hatte das Bedürfnis einer Ansprache. Später, als vier junge Loewen in der Kaffeegaß eingekehrt waren, wird der Verkehr mit der Frau Bas Goldschmiedin nicht mehr so häufig gewesen sein.

Nun hatte die Großmutter auch Gelegenheit, ihre Kochkunst zu üben und sich mit ihren Kindern zu amüsieren. Der Vater hat mir erzählt, wie die vier Buben ihre Mutter immer gequält hätten, sie solle Käsnudeln backen. Diese Käsnudeln brauchen viel Schmalz, und da die Butter damals noch so billig war, so sollte man nicht denken, daß man so gar sparsam damit umgegangen sei; allein eine wackere Hausfrau war allezeit ökonomisch. Um aber das Drängen ihrer Buben los zu werden, gab ihnen unsere Großmutter die ausweichende Antwort: »Ihr bekommt Käsnudel, sobald der Schwanewerthel Schmalz laufen läßt.« Die Buben hatten nun nichts Eiligeres zu tun als fort und fort an den Brunnen zu laufen und nachzusehen, ob nicht Schmalz statt Wasser komme, und dann getäuscht nach Hause zu gehen, wenn der Schwanewerthel immer wieder Wasser und Wasser schenkte. Als die Buben größer wurden, fehlte es der Großmutter nicht mehr an Gesellschaft, aber es fehlte den Knaben an der väterlichen Aufsicht, und sie machten allerlei lose Streiche. Von einem derselben erinnere ich mich der Erzählung des Vaters: An einem Sonntag nachmittag im Winter erlaubte die Frau Geheimderätin ihren Buben, sich einige Freunde herbeizuholen. Die Kinder spielten eine Komödie aus dem Stegreif, zu der sie sich als Thema die Geschichte der Königin Esther wählten. Unser Vater hatte die Rolle der Esther zu spielen, und sein älterer Bruder, mit dem Beinamen, »Der Schwarz«, gab den Haman. Zum Schluß hängten die Buben den Haman mit einem Handtuch an das Zapfenbrett. Wie der Gehängte so zappelte und die Zunge herausstreckte, mußten die Buben sehr lachen, wie er aber ganz blau im Gesicht wurde, bekamen sie sehr Angst und liefen alle davon. Zum Glück rief ihr Geschrei die Großmutter herbei, welche ihn hinunternahm; es dauerte aber lange, bis er wieder zur Besinnung kam.

Es mochte wohl nach einem solchen Vorfall gewesen sein, daß unsere Großmutter den Großvater aufs neue mit der Bitte bedrängte, die Tafel beim Fürsten aufzugeben, um wenigstens bei Tische die Knaben überwachen zu können. Der Großvater fand die Vorstellungen seiner Frau nur zu sehr begründet und entschloß sich, die Lage der Dinge dem Fürsten vorzustellen und ihm für die Tafel zu danken, an welcher er nur aus Rücksicht für diesen so lange erschienen war. Unser Großvater war ein solider Mann, und die Freuden der Tafel ihm gleichgiltig, so daß er schon seit Jahren viel lieber mit seiner Familie gespeist hätte. Da er aber wußte, daß der Bischof seine Gesellschaft sehr liebte und der Fürst sein Wohltäter war, so fiel es ihm sehr schwer, wegzubleiben, d.h. dem Fürsten diesen Wunsch zu äußern. Unser Großvater ging auf das Schloß zu, und je näher er dem Tore kam, desto höher schlug ihm das Herz, und als er gar vor des Bischofs Kabinettstüre stand, da hatte er fast keinen Atem mehr; doch er bedachte, wie nötig die väterliche Aufsicht seinen Knaben sei, und blieb fest bei seinem Entschluß; auch hegte er die Hoffnung, der Fürst werde ein Einsehen haben – allein der Fürst hatte kein Einsehen. Er nahm seines Leibarztes Eröffnung nicht nur sehr ungnädig auf, sondern es ist auch nie mehr das alte liebreiche Verhältnis eingetreten.

Es ist eine auffallende Erscheinung des menschlichen Herzens, daß nach jahrelanger Liebe und Güte bei den gutmütigsten Menschen manchmal plötzlich ein Umschlag eintritt, und sie für den Gegenstand ihrer bisherigen Zuneigung von kalter Gleichgiltigkeit ergriffen werden. Es geschieht dies gewöhnlich durch einen wirklichen oder eingebildeten Mißbrauch der bis dahin von ihnen bewiesenen Güte.

Von dieser Zeit an war unseres Großvaters Stellung bei Hofe eine sehr peinliche, und die Großmutter hätte es wahrscheinlich wieder recht gerne selbst übernommen, ihre Buben zu beohrfeigen, wenn das Mißverhältnis dadurch wieder ausgeglichen worden wäre, – aber es wurde noch schlimmer.

Der Fürst hatte ein langwieriges Leiden, und der Großvater schlug öfters eine Operation vor, welche sich aber der Fürst verbat. Die Krankheit nahm zu, der Fürst wurde bewußtlos, und unser Großvater kam mit mehreren Ärzten, welche zu einer Konsultation zusammentraten, überein, daß jene Operation vorgenommen werden müsse. Der Großvater vollzog die Operation; der Fürst genas, haßte aber von da an seinen früheren Liebling und trug diesen Haß später sogar auf dessen Söhne über. Unser Großvater starb jung, unerwartet, und nahm seiner Frau vor seinem Ende das Versprechen ab, keinen seiner Söhne Arzt werden zu lassen.

Unsere Großmutter war furchtbar ergriffen von dem Tod ihres Mannes. Es war ihr so schmerzlich, daß sie selbst mit die Ursache gewesen war, ihres Mannes letzte Lebenszeit weniger angenehm gemacht zu haben, und doch war ja wirklich der Beistand des Vaters bei der Erziehung der Knaben so nötig gewesen. Doch die Großmutter war eine verständige und starke Frau. Sie wußte, daß sie ihren Kindern schuldig sei, sich zu fassen, und daß sie das Andenken ihres Mannes am würdigsten ehre, wenn sie seine Söhne zu braven Männern erziehe. Allein, dies war keine kleine Aufgabe, besonders da Fürst Styrum seine Hand von ihnen abgezogen hatte. Sie brachte es jedoch auch ohne fremden Beistand so weit, daß sie ihren Söhnen eine anständige Erziehung gab, so daß jeder von ihnen ein gebildeter Mann war und sich sein Brod verdienen konnte, wenn auch nicht verschwiegen werden kann, daß der älteste ihr viel Kummer machte.

Die vier Knaben hießen: Joseph Adam – genannt »Der Schwarz«; Hans, Alban und Jakob.

Bei des Vaters Tod war der älteste 15, der jüngste erst 4 Jahre alt.

Man könnte nicht sagen, daß »Joseph Adam« ein romantischer Name gewesen; der Träger dieses Namens aber hatte eine große Neigung zur Romantik. Er machte auch gerne Verse, aber gut waren sie, scheint es, nicht; denn als aufgeschossener Jüngling – was man in Bamberg einen Geier nennt – als eine Schauspielergesellschaft nach Bruchsal kam, vergaffte er sich in die Heldin, welche eine kleine Blondine war und Sachs hieß. Dieser überschickte er folgendes Epigramm:

Die Mamsell Sachs

Hat Häärle wie Flachs

Und Händle wie Wachs

Und Füßle wie e Dachs.

Ob er seinen schönen Namen »Joseph Adam« darunter geschrieben hat, weiß ich nicht; ebenso weiß ich nicht, warum er in der Familie nur »Der Schwarz« hieß. Vielleicht hat er auch solche schwarze Löckchen gehabt wie unser Vater. Sie sind noch auf dem Bilde zu sehen, welches unser Bruder Jakob von ihm besitzt. Von einem anderen poetischen Ergusse unseres Onkels erinnere ich mich, daß er bei dem Tode der Kaiserin Maria Theresia, welcher ihn besonders schmerzlich berührt zu haben scheint, seinen Gefühlen in einem Carmen folgende Worte lieh, dessen Schlußstrophen den gleichen Refrain hatten: »Wien, Wien, Wien! – Es fehlt die Heldin.«

Diesen Sohn bestimmte die Großmutter, oder auch vielleicht noch sein Vater, dem Handelsstande. Sie mochten Gelegenheit haben, ihn in Deidesheim bei einem Weingeschäfte unterzubringen, wenigstens hatte er in einer Weinhandlung seine Studien gemacht. Leider hat sich diese Wahl nicht als eine glückliche bewährt; »Der Schwarz« hatte mehr Lust, den Wein zu trinken, als ihn zu verkaufen, was seiner Mutter schwere Sorgen machte.

Desto mehr Freude erlebte sie an ihrem zweiten Sohne Hans. Unser lieber, lieber unvergeßlicher Vater war der Stolz und das höchste Glück seiner Mutter. Den 10. Oktober 1771 geboren, war er zwölf Jahre alt, als sein Vater starb. Er war ein Kind voll der herrlichsten Geistesanlagen, und hatte ein Gemüt, so weich und lieb, daß ihn seine eigene Mutter ihre »Freundin« nannte. Mit der Poesie befaßte sich unser Vater nicht sehr viel, aber desto mehr mit ernsten Wissenschaften. Er machte große Fortschritte, und seine Mutter entschloß sich, ihn die Rechte studieren zu lassen. Unser Vater soll auch sehr hübsch gewesen sein, was man ihm freilich in späteren Jahren nicht mehr ansah, besonders wegen seiner geringen Sorgfalt für eine gewählte Toilette. Sein Gesicht hatte jedoch für das ganze Leben den Ausdruck hohen Verstandes und unendlicher Güte und Freundlichkeit. Jedermann, der mit ihm verkehrte, schätzte und liebte ihn. Nachdem er das Gymnasium absolviert hatte, bezog er in Gesellschaft von drei Freunden die Universität Erlangen. Einer von diesen Freunden hieß auch Loew und war von Bruchsal, war aber nicht mit ihm verwandt; der zweite war Joseph Brandner, der Sohn des Jägermeisters, und Will aus Philippsburg war der dritte. Wenn diese vier Männer später zusammentrafen, was manchmal bei uns in Speyer zu geschehen pflegte, und von ihren Universitätsstreichen erzählten, wie dieses alte Herren so gerne tun, da kamen sie auch auf eine Partie zu sprechen, welche sie nach einer katholischen Stadt gemacht hatten, um daselbst die Frohnleichnamsprozession anzusehen. Wie junge Leute leicht zum Lachen gereizt werden, mußten auch diese lachen, weil eine heilige Veronika ein Schweißtuch hatte so groß wie ein Tischtuch. Sie zogen sich aber durch dieses Lachen eine Tracht Prügel zu, ich meine, sie sagten von Gärtnern. Ich habe schon daran gedacht, ob ihnen die Prügelsuppe vielleicht in Bamberg serviert worden sei, allein die heilige Veronika spielt hier keine Rolle, und es ist eher anzunehmen, daß es in dem Erlangen näher gelegenen Forchheim gewesen sei. Unserem Vater muß es bei Prügeleien schlimm ergangen sein, denn er war groß und dabei etwas ungelenk, wahrscheinlich daher auch sein Spitzname, »Der Bock«. Ebenso scheint er ein schlechter Reiter gewesen zu sein, denn er mußte einmal eine Masse Töpferwaren bezahlen, in welche sein Pferd auf dem Markte gegen des Reiters Willen hineingeraten war. In jener Zeit war der Spitzname »Nürnberger Sandhaase« im Schwunge, und da man damals noch beim Einreiten in jede Stadt nach seinem Namen gefragt wurde, so hatten sich die Freunde bei einem Ritte nach Nürnberg dahin verabredet, daß der erste sich als »Nürn«, der zweite als »Berger«, der dritte als »Sand« und der vierte als »Haase« nannte, was dem Torwächter einen solchen Zorn machte, daß er den Schlagbaum niederließ, um sie zu fangen; sie wollen aber alle glücklich entwischt, ja sogar über den Schlagbaum gesetzt sein, was doch schon eine Art reiterliche Bravour voraussetzt.

Unser Vater war auch auf der Universität sehr beliebt, und namentlich hatte ihn auch ein Professor sehr in Affektion genommen, an welchem auch der Vater seinerseits mit großer Verehrung hing. Leider habe ich seinen Namen vergessen, er griff später noch einmal in des Vaters Leben ein.

Als unser lieber Vater in den Ferien 1789 zu seiner Mutter nach Bruchsal kam, um daselbst die Ferien zu verbringen, waren in den rheinischen Landen alle Köpfe in Gärung. In Paris war die Revolution losgebrochen, die Bastille erstürmt worden, und man fühlte schon bis über den Rhein Schwingungen dieser Bewegung.

Der dritte Sohn ist ebenfalls Kaufmann geworden; er hieß Alban. »Alban« ist ein hübscher Name, und ich wundere mich, daß er nie in der Familie wiederholt worden ist. Alban war auch ein hübscher Bursche und sehr liebenswürdig, aber wieder ganz anderer Weise als unser Vater. Er hatte nicht dessen hervorragenden Scharfsinn, allein er war doch ein geweckter Kopf, von der Natur mit einer Menge kleiner Talente ausgestattet, welche ihn zu einem äußerst liebenswürdigen Gesellschafter machten. Er hatte viel Anlage für Musik, besonders eine schöne Stimme, und hätte wohl am besten zum Künstler getaugt; allein die Wahl eines solchen Lebensberufes würde damals als unverzeihlicher Leichtsinn betrachtet worden sein. Er wurde, wie gesagt, ebenfalls Kaufmann. Onkel Alban hatte eine sehr humoristische Art, etwas zu erzählen. Ich erinnere mich mit Vergnügen an eine Schilderung, welche er uns gemacht von dem Anzug, mit dem er ausstaffiert worden war, als er in Bruchsal zur ersten Kommunion ging. Er bekam, weil er ein großer breiter Junge war, einen scharlachroten Frack von seinem verstorbenen Vater, und seine Mutter behauptete, er sitze ihm vortrefflich, obgleich er ihm überall zu »völlig« war. Jakob, der vierte Sohn, war als echter Benjamin der Liebling der ganzen Familie. Unser Vater hing mit der innigsten Liebe an diesem jüngsten Bruder. Bei Nennung seines Namens traten ihm noch in späteren Jahren die Tränen in die Augen; er vermied es deshalb gern, von ihm zu sprechen. Jakob wäre gern Mediziner geworden, allein seine Mutter gab es nicht zu, weil ihr Mann es verboten hatte; er sollte Jurist werden wie sein Bruder Hans. Auch Jakob soll hübsch gewesen sein; es scheint, daß in unserer Familie die Schönheit mit jeder Generation heruntergekommen ist.

Wenn unser Vater nach Bruchsal kam, ergötzte er sich an den Kapuzinerpredigten. Noch nach langen Jahren erinnerte er sich daran und teilte uns Bruchstücke aus denselben mit. Z.B.: »Verschließet euer Ohr dem unsinnigen Ruf nach Freiheit und Gleichheit. Was würdet ihr sagen, in Christo dem Herrn Geliebte, wenn euer Rindvieh, euere Hunde, euere Schweine behaupten wollten, sie seien gleich euch?!!«

Ein andermal: »Wer sich diesen gottlosen Neuerungen hingibt, ist dasjenige Tier, welches wir Deutsche mit dem lateinischen Worte »asinus« zu bezeichnen pflegen.«

Es muß eine ganz eigentümliche Zeit gewesen sein. Unser Vater erzählte, es sei ihm damals so zumute gewesen, als hätte er Sprungfedern unter den Füßen. Die erste Begeisterung für Freiheit und Gleichheit muß etwas Berauschendes gehabt haben, und es mag gar mancher Kopf aus dem Geleise gekommen sein. In Anbetracht dieser Verhältnisse war es fast noch ein Glück zu nennen, daß nur einer von den vier Söhnen der Großmutter die Haltung verloren hat.

Unser Vater und sein Bruder Jakob, welcher damals in Bruchsal auf dem Gymnasium war, waren Muster von solidem Lebenswandel. Alban war zwar ein wenig romantisch und unüberlegt, aber doch ein sehr wohlgeratener, braver junger Mensch. Hans wurde, obgleich nicht der älteste, von den drei anderen Brüdern wie ein Vater betrachtet. Die Großmutter tat nichts, ohne sich vorher mit ihrem Sohne Hans zu beraten, sie korrespondierte mit ihm über alles, und der Vater sagte oft, sie habe ganz wunderschöne Briefe geschrieben. Als nach Schluß der Ferien anno 1791 der Vater Abschied nahm, um das letzte Semester auf der Universität Mainz zuzubringen, da war die Großmutter durch die schlimmen Zeitläufte sehr ängstlich geworden. Sie warnte ihren Sohn vor jeder Teilnahme an Klubs und anderen Demonstrationen und weinte bitterlich. Der Vater versprach seiner Mutter unbedingte Erfüllung dieser Wünsche, und in Mainz angelangt, schrieb er gleich an sie und wiederholte seine Versprechungen.

Jetzt kam die Belagerung von Mainz; es durften keine Briefe in die Stadt, und so kam es, daß unser Vater monatelang keine Nachricht von Bruchsal bekam, und als im Frühling 1792 die Tore der Stadt geöffnet wurden, welche Botschaft wurde da unserem armen Vater zuteil? – Seine Mutter war tot, sie war schon am 30. November 1791 gestorben. Unser Vater machte sich sofort auf den Weg, um sich nach seinen Brüdern umzusehen – allein er sah sie noch lange nicht. Infolge der Aufregungen bekam er ein Nervenfieber und blieb in diesem Zustande bei seiner Tante Brandner in Deidesheim, welche als Witwe daselbst wohnte. Die Tante rief mehrere Ärzte, welche sich über den Zustand ihres Neffen berieten. Der eine dieser Herren war der später durch seine Zerstreutheit berühmte Dr. Lederle. Dieser sagte in des Kranken Gegenwart: »Febrim hecticum habet«, über welche Bemerkung zu lachen der Patient Humor genug hatte. Es scheint, daß der Vater damals durch einen fabelhaften Appetit gerettet wurde, denn er erzählte uns, daß er 14 (!) Milchbrötchen zum Frühstück verzehrte – etwas kostspielig für die Tante Brandner. Bis der Vater gesund war, war es Herbst geworden, und er brachte dann selbst seinen Bruder Jakob auf die Universität nach Erlangen und rekommandierte ihn dem Professor, seinem Gönner, von welchem schon früher die Rede war. Unser Vater ging hierauf nach Bruchsal zurück, erbat sich Audienz beim Fürsten Styrum und bot ihm seine Dienste an. Der Vater sagte, er wünsche sich dem Fürsten dankbar zu bezeigen und seiner Vaterstadt zu nützen, aber der Fürst wies ihn schnöde ab. Er ging hierauf nach Paris, arbeitete bei einem Advokaten, und mit dem Gelde, welches er verdiente, unterstützte er seinen Bruder Jakob. Später, vielleicht nach des Fürsten Tod, war er Stadtschreiber in Deidesheim.