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,,Mein Weg"... ..........ist ein biografischer Roman, der vom bewegten Lebensweg eines kleinen Mädchens handelt, dessen Vater unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidet. Es geht um Machtmissbrauch in der Familie, wie auch Mobbing in der Schule und in der Arbeitsstelle. Um diesen teuflischen Irrwegen zu entfliehen und nicht selbst in diesem Teufelskreis gefangen zu bleiben, kämpft sie sich mit ihrem starken Glauben an das Gute, an die Liebe und an die Gerechtigkeit, auf die Sonnenseite des Lebens zurück.
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Seitenzahl: 314
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Diese Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit nach der Erzählung einer Frau, deren Lebensweg sich trotz vieler enormer Herausforderungen, großer Niederlagen und nach jahrelangen innerlichen Zerreißproben, es auf die Sonnenseite des Lebens geschafft hat.
Auf Grund des Persönlichkeitsrechts und des Medienrechts wurden manche Details, Ereignisse und auch alle Namen der Personen, Orte und Daten aus Datenschutzgründen frei erfunden.
URTEILE NICHT ÜBER DAS LEBEN ANDERER. JEDER HAT EINEN WEG HINTER SICH, VON DEM DU NICHT WEIßt,, OB DU IHN HÄTTEST GEHENN KÖNNEN!
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
Hallo, mein Name ist Marie Kienmoser und dies ist mein Weg, meine Geschichte.
Ich lebe in einem kleinen ländlichen Ort in Österreich, wo sich jedermann kennt und wo die Leute mehr über einen wissen, als man selbst über sich je wusste. Aber geboren bin ich in einer weiter entfernten Großstadt. Ich hatte damals als kleines Mädchen, langes, gewelltes hellbraunes Haar und blaue Augen. Ich war ein eher kleines und sehr dünnes Mädchen, das man durch ihre quirlige, fröhliche Art hören und sehen konnte. Ich war ein Mädchen, das vor Energie nur so sprudelte, gerne und viel plauderte und jeder, der sich auch gerade zur Verfügung hielt, um mir zuzuhören, wurde in meinen Bann gezogen. Ich genoss jede Form von Aufmerksamkeit, die ich bekam, egal, von wem oder wie!
Meine Eltern kannten sich noch nicht allzu lange, da ,,passierte“ ich im Jahre 1972. Ja und da bin ich ihnen sehr dankbar, dass sie mich trotz der Umstände mit viel Liebe empfangen hatten. Meine Mutter, die vom Lande kam, war eine kleine, zarte Frau mit hellblonden, langen, gewellten Haaren, die sie meist mit einem Haarband im Nacken zusammengebunden trug. Sie hatte blaue Augen und eine sehr auffällige Brille, wie sie damals so im Trend waren. Sie war ein sehr natürlicher, einfacher Typ. Sie trug kein Make-up, keine besonderen Frisuren und meist eher einfache, bequeme Kleidung. Nur bei besonderen Anlässen pflegte sie ihr Äußeres und trug mal auch schönere Kleidung. Dadurch sah sie wie ein völlig anderer Mensch für mich aus und das gefiel mir.
Meine Mutter, die selbst eine schwere Kindheit hatte, wollte sich damals mit 17 Jahren dort in der Großstadt ein neues, eigenes Leben aufbauen und arbeitete in einer Fleischhauerei.
Mein Vater, damals, 1972, auch 17 Jahre alt, war nur zufällig mit seinen Freunden dort unterwegs, als sie sich in einer kleinen Tanzbar kennen lernten. Mein Vater war ein großer, extrem schmaler Typ, doch er hatte große, kräftige Arme und Hände. Außerdem hatte er braunes, kurzes, gewelltes Haar, blaue Augen und, auch wie meine Mutter, eine sehr auffällige Brille. Er war ein leidenschaftlicher Raucher und aus diesem Grund roch er am ganzen Körper nach Tabak, ich mochte diesen Geruch irgendwie. Wahrscheinlich, weil er einzigartig war, diese Mischung aus Schweiß, Rasierwasser und Tabak.
Mein Vater kam aus den Bergen. Er war ein Scheidungskind aus einer komplizierten, zerrissenen Familie und musste als ältester Sohn von drei Kindern schnell den Vater ersetzen. Man kann fast sagen, er war innerlich gebrochen, voller Wut und Hass und Verzweiflung, die er aber nach außen niemals zeigte. Auf seine draufgängerische Art versuchte er das Leben zu meistern und er konnte mit seinem schauspielerischen Talent und Witz alle begeistern.
Früher gab es kaum Filteranlagen für die Fabriken in der Großstadt, und da ich als Baby immer wieder mit schweren Atembeschwerden und Problemen mit der Lunge ins Krankenhaus musste, beschlossen meine Eltern, 1974, zurück aufs Land zu ziehen: zu meinen Großeltern, den Eltern meiner Mutter. Sie hatten einen kleinen Bauernhof, dort hielten sie Kühe, Stiere, Schweine und Hühner, natürlich auch jede Menge Katzen.
Die frische Landluft tat mir damals als ganz kleines Kind schnell sehr gut und ich war bald ein gesundes, glückliches kleines Mädchen. So kam es dann auch, dass sich meine Eltern ganz in der Nähe eine kleine Wohnung suchten. Mein Vater arbeitete damals als LKW-Fahrer, da er leider keine fertige, richtige Ausbildung hatte, und so versuchte er, seine kleine Familie zu ernähren. Oft war er dadurch nur an den Wochenenden bei uns zu Hause. Die Freude war natürlich enorm groß, wenn mein Vater an den Wochenenden wieder zu Hause war. Wir bauten dann gemeinsam Höhlen mit großen Kissen und Decken. Er konnte wahnsinnig gut zeichnen und malen, was mich total faszinierte. Wir bauten riesengroße Häuser aus Legosteinen, die mir mein Opa einmal vom Flohmarkt mitgebracht hatte. Dabei achtete mein Vater immer ganz genau auf jedes kleinste Detail. Alles musste immer hundertprozentig stimmen: die Farben, die Größe der Fenster, die Anordnung.
Wir bastelten auch einmal unseren eigenen Adventkalender aus lauter kleinen Papierhäusern, die meine Mutter danach liebevoll mit Leckereien befüllte.
Im Herbst ließen wir die tollsten Drachen steigen und im Winter, als damals noch enorm viel Schnee lag, bauten mein Vater und mein geliebter Onkel Patrick, der auch mein Taufpate war, gemeinsam den größten Schneemann im ganzen Ort in unserem Garten. Er war fast drei Meter hoch, und dieser ragte bis zu unserem Balkon herauf. Die letzte Kugel mussten die beiden Männer mit einer hohen Leiter aufsetzen. Der Hut bestand aus einem schwarzen Autoreifen und einem schwarzen Eimer inmitten des Autoreifens, eine große Karottennase, Augen aus roten Plastikstöpseln, schwarze Kohlen aus unserem Keller dienten als Knöpfe.
In der Zeit, als mein Vater mit seinem LKW unterwegs war, blieb meine Mutter bei mir zu Hause und kümmerte sich um den Haushalt. Aber jeder Einkauf oder Arzttermin war eine Herausforderung für sie. Sie war damals schon schwanger, bevor sie ihre Ausbildung oder ihren Führerschein abschließen konnte. Sie hatte nichts, gar nichts und war so auch vollkommen von meinem Vater abhängig.
Vier Jahre nach meiner Geburt kam dann mein Bruder David zur Welt. Ich kann mich noch zu gut daran erinnern, wie glücklich meine Eltern waren, weil es ein Junge war. Ein Namensträger und stolzer Sohn für meine Eltern und ein kleiner Bruder für mich! Wir waren eine Familie, so wie es sich meine Eltern immer gewünscht hatten.
Meine Mutter backte oft Kuchen und Kekse und schmückte die Wohnung zu den passenden Feierlichkeiten. Ich kann die Gerüche und Gefühle, die ich damals wahrnahm, heute noch riechen und spüren. Am liebsten malte ich dort am Küchentisch die schönsten Bilder, die dann sofort mit Begeisterung am Küchenschrank aufgehängt wurden.
An manchen Tagen, wenn mein Vater ganz alleine eine Tour mit seinem LKW machen musste, durfte ich bis in die Berge zu seiner Mutter mitfahren. Das war für mich als Kind immer das Tollste, mit seinem LKW mitfahren zu dürfen. Der Geruch der Abgase, die heiße Luft im Führerhaus des LKWs, das laute Brummen des Motors, der große Sessel und dieser Ausblick, so hoch oben in einem LKW zu sitzen. Wenn wir noch während der Fahrt mit dem Funkgerät mit anderen Fernfahrern plauderten, woher sie kamen oder wohin sie fuhren, war dies das schönste Abenteuer für mich.
Oft blieb ich dann ein paar Tage bei meiner Großmutter Gitti in den Bergen. Sie war eine kleine, sehr gepflegte Frau mit Brille, immer lackierten Fingernägeln und gefärbten, gestylten Haaren. Doch sie war eher dick, ich denke, sie hatte mit Sicherheit 100 kg. Dadurch tat ihr meine Gesellschaft und Bewegung mit mir sehr gut. Sie unternahm mit mir unvergesslich schöne Ausflüge. Am meisten genoss ich natürlich ihre Aufmerksamkeit, die in diesen Tagen alleine mir galt.
Damals wusste ich noch nicht, dass mein Vater und seine Mutter ein schwieriges Verhältnis hatten. Es gab viele Streitereien, alten Hass und Wut aus der Vergangenheit, die tief in ihnen drinnen steckten und nie ausgetragen oder ausgesprochen worden waren. Und da beide in Selbstmitleid versanken und die Schuld beim jeweils anderen suchten, brach der Kontakt zu meiner Großmutter Gitti von einem Tag zum anderen komplett ab.
Mein Vater erzählte uns nur mehr, wie grausam, wie schlecht sie als Mutter damals gewesen sei. Ja, wie schlimm seine Kindheit gewesen war, wie er durch seine Mutter gelitten hätte. Er erzählte mir sogar, wie sie ihn geschlagen und bestraft hatte. Und der Satz, meine Großmutter hätte den Kontakt abgebrochen, sie wolle uns nicht mehr sehen, traf mich damals als Kind mitten ins Herz.
Mein Vater war kein schlechter Vater, sondern selbst ein innerlich gebrochenes Kind!
Er war hart, streng und nur seine Meinung war richtig und die einzige Meinung, die zählte. Das Oberhaupt der Familie zu sein, war ihm enorm wichtig und alles musste seine Ordnung in seinem Sinne haben. Ihm waren Respekt und Anerkennung ihm gegenüber in jedem Punkt das Wichtigste. Wer sich nicht an seine Regeln hielt, wurde mit Taten und harten Worten sofort zurechtgewiesen.
Ich kann mich genau erinnern, wenn meine Mutter etwas kochte, was mir und meinem kleinen Bruder nicht schmeckte und wir nicht essen wollten, tauchte er unsere Köpfe mit einem kräftigen Druck im Nacken in unsere vollen Teller, sodass wir die Speisen an unseren Nasen und an der Stirn kleben hatten. Wir durften so lange nicht vom Tisch aufstehen, bis unsere Teller leer gegessen waren.
Das war seine Methode, um uns zu lehren, dass es nicht selbstverständlich ist, jeden Tag ein warmes Essen auf den Tisch zu bekommen.
Mein Bruder David und ich saßen oft lange mit Tränen in den Augen am Tisch vor unseren bereits kalten, vollen Tellern. Meine Eltern hatten es sich schon längst im Wohnzimmer gemütlich gemacht. Am liebsten hätten sich mein Bruder und ich bei jedem Bissen, den wir schlussendlich doch in unseren Mund steckten, übergeben.
Gott sei Dank fand meine Mutter diese Maßnahmen mit der Zeit doch nicht so gut, und sie kochte gewisse Dinge, die uns gar nicht schmeckten, einfach nicht mehr allzu oft oder es gab die Möglichkeit, die Reste vom Vortag zu essen. So vermied sie solche Szenarien am Esstisch und alle waren zufrieden.
Ich war damals ein extrem ängstliches Kind. Ich fuhr lange mit meinen Stützrädern am Fahrrad, wo andere Kinder schon längst ohne diese fuhren, aus Angst, hinzufallen und mich zu verletzen.
Ich lernte erst mit zwölf Jahren durch einen Lehrer in der Schule das Schwimmen. Er gab mir das Vertrauen zum Wasser und nahm mir die Angst vor dem Ertrinken.
Die Versuche meiner Eltern, mir die Jahre zuvor das Schwimmen beizubringen, scheiterten in jeder Hinsicht. Ich schluckte immer wieder viel Wasser, sobald ich alleine ohne Halt war. Meine Angst vor dem Ertrinken wurde immer größer und das Vertrauen zum Wasser und zu meinen Eltern, mich zu halten, verschwand komplett. So kam es, dass ich nur mehr im seichten Wasser stand oder den anderen beim Baden von außen zusah. Niemand in meiner Familie konnte mich mehr zum Schwimmen überreden, bis es schließlich mein Lehrer in der Schule bei den Schwimmtagen geschafft hatte.
Ich ging niemals in einem See oder ins Meer schwimmen aus Angst vor den Fischen und anderen Tieren, die darin lebten.
Ich konnte nicht Eislaufen oder Skifahren. Ich hatte es zwar versucht, doch meine Angst zu stürzen und mich ernsthaft zu verletzen, war zu groß, daher hatte ich es auch nie wieder versucht.
Da meine Eltern selbst keinen Sport in irgendeiner Art ausgeübt hatten, stand dies auch nie zur Debatte.
Meine Mutter hatte selbst nie Skifahren oder Eislaufen gelernt, da sie als Kind lange mit ihren Beinen große Probleme gehabt hatte. Ein Freibad oder einen See mochte sie nicht zum Baden, da sie sich mit ihren großen Narben an den Beinen im Badeanzug nicht wohl fühlte vor den anderen Leuten.
Mein Vater konnte zwar Skifahren und Eislaufen, doch es war ihm wahrscheinlich auch nicht so wichtig, mich unbedingt weiter zu motivieren.
Ich hatte Angst, auf ein Pferd zu steigen, panische Angst vor Hunden. Ja, ich versteckte mich beim Anblick eines Hundes hinter meinen Eltern oder bekam Panik, einfach vor Angst, gebissen zu werden.
Ich hatte Angst vor Bienen, Wespen und dergleichen, fuchtelte wild herum, schrie oder lief davon, aus Angst, gestochen zu werden. So kam es, dass mich meine Eltern und mein kleiner Bruder David nur noch auslachten und dumme Witze über mich und meine Ängste machten. Das war wirklich furchtbar für mich, wenn sie über meine Ängste und Schwächen lachten oder mich zum Spaß hänselten.
Ich war zu dieser Zeit ein sehr dünnes, kleines Mädchen mit ganz langen, hellbraunen, gewellten Haaren und himmelblauen Augen. Von Natur aus zwar ein fröhliches, sehr quirliges, aufgewecktes Mädchen, aber innerlich voller Ängste und Unsicherheiten.
In dem Haus, in dem wir damals unsere kleine Wohnung hatten, waren insgesamt zwei Wohnungen: eine im Erdgeschoss und eine im Obergeschoss.
Unten lebte eine junge Familie mit zwei Kindern. Die Mutter war eine kleine, zarte, sehr gepflegte Frau: immer ihre dunkelbraunen, schulterlangen Haare top gestylt und perfekt geschminkt. Jedes Mal, wenn sie vor mir stand, hatte sie ein freundliches Lächeln im Gesicht und ich roch sofort das tolle Parfüm, das sie immer getragen hatte. Der Vater war ein sehr großer, schlanker und sehr sportlicher Mann mit schwarzen, ganz kurz geschnittenen Haaren. Er war ein toller Musiker und ich liebte es, wenn ich abends so in meinem Bett lag und von unten seiner Gitarre und seinem Gesang lauschen konnte. Er sang immer wieder seinen beiden Kindern vor, die etwas jünger waren als ich. Seine sanfte, tiefe Stimme und seine Gitarre klangen für mich einfach wunderschön.
Doch wenn ich ihn tagsüber im gemeinsamen Garten getroffen hatte, wirkte er eher kühl auf mich. Zwar freundlich, aber kühl und kurz angebunden mir gegenüber. Vielleicht war er einfach oft von mir genervt, weil ich wie so oft ohne Punkt und Beistrich darauf losplapperte und wie ein Dackel, der Aufmerksamkeit sucht, ihn auf Schritt und Tritt verfolgte. Eines Tages unterbrach er mich etwas schroff und bat mich, langsamer zu sprechen oder gar den Mund zu halten, am besten sollte ich sofort seine Garage verlassen, denn er mochte es gar nicht, wenn Kinder in der Nähe seines Autos waren. O ja … jede Berührung von uns an seinem Auto war für ihn eine Katastrophe. Als mich auch noch dann etwas später meine Eltern baten, ihn einfach in Ruhe zu lassen und ich auch die Terrasse ohne Erlaubnis unserer Nachbarn, nicht mehr betreten dürfte, war für mich als kleines Mädchen alles klar. Ich dachte mir, er mag mich nicht! Und so schlich ich heimlich in seine Garage, in der sein „heiliges“ Auto stand, nahm mir einen spitzen Metallgegenstand, den ich spontan dort gefunden hatte, setzte damit am Kofferraum an und zerkratze sein Auto mit einem langen, tiefen Stich bis nach vor zur Motorhaube und verschwand, so schnell ich konnte, wieder in unseren Garten. Danach hatte ich ein furchtbar schlechtes Gewissen, mir war klar, ich hatte etwas ganz furchtbar Schlimmes getan. Am liebsten wäre ich danach einfach davongelaufen.
Als unser Nachbar später sein zerkratztes Auto bemerkte, war das natürlich ein riesengroßes Theater. Auch meine Eltern fragten uns, ob mein Bruder oder ich etwas darüber wüssten. Doch ich schwieg und hoffte nur, dass es niemals mehr zur Sprache kommen würde, nachdem uns meine Eltern geglaubt hatten, dass wir nichts gesehen hätten.
Gott sei Dank war es dann auch so und das Thema Auto war für meine Eltern schnell abgeschlossen.
Wenn mein Vater an den Wochenenden zu Hause war oder einmal frei hatte, liebte er es, in seiner Freizeit unten im Keller, in seiner Werkstatt, Zeit zu verbringen, um zu basteln oder etwas zu bauen. Die Werkstatt war ein großer Raum, wo an der rechten Seite viele Kästen voller Materialien wie Holz, jede Art von Schrauben, Nägeln, Lacken und so weiter gelagert waren. Auf der anderen Seite stand eine große, breite Werkbank mit großen Laden darunter, wo Sägen und Bohrmaschinen aufbewahrt wurden. Darüber an der Wand war eine große Tafel mit perfekt sortiertem Werkzeug wie Schraubenschlüssel in allen Größen, Hammer, Zangen und so weiter. Alles war genau markiert, wo was hingehörte.
Er baute dort die tollsten Dinge, wie unser Vogelhäuschen, unsere Weihnachtskrippe, ein Auto aus Holz, in dem ich sitzen und fahren konnte, eine Schaukel für meinen Bruder und mich im Garten und mein großes, tolles Barbie-Puppen-Haus. Dieses hatte ich als Kind besonders geliebt. Es war fast so groß wie mein Vater selbst. Es hatte ein rosa Spitzdach und genau dieselben Zimmer, wie sie auch bei uns in der Wohnung existierten. Dieselben Böden und Tapeten wurden verwendet, wie es sich in den bestimmten Räumen auch gehörte. Ja, man könnte sagen, ein kleiner Nachbau unserer eigenen kleinen Wohnung für meine geliebten Barbie-Puppen! Darunter eine große Lade mit einer Abteilung in der Mitte, um alle meine Puppen und deren Kleider darin ordentlich verstauen zu können. Das ganze Haus war natürlich auch mit passenden rosa und blauen Barbie-Möbeln ausgestattet und mein Vater sorgte auch noch für die passende elektrische Beleuchtung in jedem der Räume. Auch Bad und WC waren inbegriffen.
Dazu kam noch später ein roter Barbie-Ferrari. Alles war einfach perfekt!
Wenn mein Vater dort unten in seiner Werkstatt zu tun hatte, lief dabei immer das Radio und er hatte immer seine Zigaretten und eine Tasse Kaffee dabei.
Ich liebte es, wenn ich ihm auch einmal bei einem seiner Projekte helfen durfte oder einfach nur neben ihm zu sitzen. Ich konnte ihm dabei alles Mögliche erzählen und genau beobachten, was er gerade so machte.
An einem ganz bestimmten Abend, ich war vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, sollte sich allerdings mein Bild von meinem Vater schlagartig ändern.
Ich lag schon in meinem Bett und spielte noch heimlich im Dunklen mit meiner Barbie-Puppe. Plötzlich brach ein Bein ab. Ich versuchte natürlich es zu reparieren, aber ich schaffte es einfach nicht. Ich beschloss, meinen ganzen Mut zusammenzunehmen, um nochmals aufzustehen, obwohl ich schon längst hätte schlafen sollen. In diesem Punkt waren meine Eltern sehr streng. Doch es ließ mir keine Ruhe und ich war verzweifelt, ein kaputtes Bein an meiner Puppe zu haben. Mein Vater musste mir einfach helfen, das Bein meiner Puppe wieder anzustecken.
Als ich ganz langsam und vorsichtig ins Wohnzimmer kam, saßen meine Eltern auf der Wohnzimmerbank, der Fernseher lief im Dunklen. Ein ungutes Gefühl machte sich in mir breit, als ich so in der Wohnzimmertür stand und hineinblickte. Ein Gefühl der Angst machte sich in mir breit. Leise, mit zittriger Stimme sagte ich: „Papa! Ich weiß nicht, wie das im Schlaf passieren konnte, aber kannst du mir bitte schnell bei meiner Puppe das Bein wieder anstecken?“ Er stand mit einem Schwung auf, kam auf mich zu und nahm mir mit Wucht die Puppe aus der Hand. Er sah sie an, hielt sie mir unter die Nasenspitze und sagte verärgert: „WAS? Marie! Du weißt nicht, wie das passieren konnte! Was soll die Lügerei?“ Ich fing an zu weinen und wiederholte, dass ich nicht wüsste, wie das passieren hatte können und meinte, es sei wohl von alleine passiert! Vor Wut und Zorn meiner Aussage, holte er mit seiner Hand aus und schlug mir kräftig auf meinen halb nackten Po, sodass ich laut aufschrie vor Schmerz und Tränen flossen über mein Gesicht. Er schrie: „Das ist für deine Lüge Marie! Sei froh, dass ich keinen Kochlöffel wie meine Mutter damals genommen habe!“ Da kam auch meine Mutter von der Wohnzimmerbank hoch und als sie sah, dass ich dunkelrot am Po war und man die Fingerabdrücke meines Vaters deutlich erkennen konnte, nahm sie mich an der Hand und ging mit mir ins Badezimmer. Dort legte sie mir vorsichtig einen kühlen, nassen Waschlappen auf die Stelle. Ich sah, dass auch ihr die Tränen in den Augen standen, doch sie versuchte, sie vor mir zu verbergen.
Ja, natürlich wusste ich, wie das mit dem Bein meiner Puppe passiert war, aber ich wollte es wie jedes normale andere Kind in diesem Alter nicht zugeben und mich irgendwie rausreden!
Von diesem Tag an sah ich meinen Vater mit anderen Augen, ich hatte plötzlich Angst vor ihm. Ja, Angst, wenn ich etwas kaputt machte oder falsch machte und seine Regeln nicht einhielte, dass er mich wieder bestrafen oder verletzen würde. Diesen brennenden, stechenden Schmerz bis in die Knochen werde ich mein ganzes Leben nicht mehr vergessen.
Ich redete mir ein, im Nachhinein tat es ihm bestimmt im Herzen genauso weh wie mir auf meinem Po, als ihm klar wurde, was er im Affekt getan hatte.
Ja, er spiegelte seine Mutter, ohne dass er es kontrollieren konnte. Genau das, was ihm als Kind angetan worden war, hatte er mir angetan.
Doch in Wirklichkeit war es so, dass er sich im Recht fühlte. Sich bei mir entschuldigen würde er nicht, dazu war er viel zu stolz und als Vater und Familienoberhaupt hatte er jedes Recht, Respekt einzufordern.
Durch diese Erfahrung hatte ich mich verändert. Ich baute unbewusst eine Art Schutzmauer auf, verkroch mich in einer Fantasiewelt mit meinen Barbie-Puppen, spielte mit ihnen das Leben, wie ich es mir gerade vorstellte. Diese Welt, in die ich mich immer mehr zurückzog, wurde nach und nach immer größer, denn dort war ich sicher und es konnte mir nichts passieren. Nur Liebe, Glück und Harmonie!
Meine Eltern bezeichneten mich daher immer öfter als Träumerin. Ja, mein Vater erzählte sogar unseren Verwandten und Bekannten, ich würde die Fantasie und die Realität verwechseln. Man könnte mir nichts glauben. Doch in Wirklichkeit konnte ich die Realität nicht mehr ertragen, da sich die Zwischenfälle zu Hause in Form einer „gesunden Ohrfeige“ und verletzenden Worten häuften.
Einer der Höhepunkte war, als eines Tages mein Vater mich und eine meiner Freundinnen von der Schule abholte. Er fing an, nachdem sie meinen Vater über ein Projekt - ein kleiner Pool in unserem Garten- ausfragte, von dem ich ihr zuvor voller Freude erzählt hatte, und mein Vater dieses Projekt eines Pools in unserem Garten, als eine Lüge erklärte. Er stellte mich als Lügnerin dar und machte mich sogleich auch vor ihr runter. Das hat mir fast das Herz gebrochen! Ich konnte es einfach nicht fassen, dass er so weit gehen würde! Zuhause beschimpfte er mich, ich würde bald keine Freunde mehr haben, wenn ich nicht mit meinen Träumereien und Lügen aufhörte. Doch ich hatte nicht gelogen! Ich hatte ein Gespräch meiner Eltern mitbekommen, wo es darum ging, einen kleinen Pool in unseren Garten zu stellen. Ja selbst wenn es nur Gerede gewesen war und nicht umgesetzt würde, wie konnte mein Vater mich vor meiner Freundin so als Lügnerin darstellen? Er hätte doch nur erklären müssen, dass ein kleiner Pool zwar toll wäre, aber momentan nicht machbar sei und dass nur darüber geredet wurde. Doch sein Kind als Lügnerin vor ihren Freunden darzustellen, ist das Schlimmste, was Eltern ihrem Kind antun können.
Meine Mutter schwieg und sagte zu diesem Thema nichts. Sie gab mir das Gefühl, als sei ich an allem selbst schuld.
Was mein Vater aber nicht wusste, war, dass seine Handlung gegenüber meiner Freundin einen negativen Effekt hatte. Als dies in der Klasse die Runde machte, dass ich eine Lügnerin sei, begannen die Kinder in meiner Klasse und auch nach und nach die anderen Kinder der Parallelklasse, Abstand zu halten und mich auszuschließen. Um wieder Aufmerksamkeit zu bekommen und um wieder dazuzugehören, fing ich an, den Klassenkasperl zu spielen und machte ihnen kleine Geschenke in Form von Süßigkeiten, lud sie zu mir nach Hause ein, um ihre Freundin sein zu können.
Meine Mutter sagte mir zwar, meine Herangehensweise sei nicht gut, so gewinne man keine Freunde. Eine echte Freundin mag mich so, wie ich wirklich bin. Doch ich wollte ihr nicht glauben und so kam es, dass sie mich nur für ihre Zwecke ausnutzten und danach wieder eiskalt fallen ließen.
Bis auf Klara. Sie war ein ruhiges, zurückhaltendes Mädchen. Sie redete in der Pause mit mir, setzte sich in der Schulbank neben mich und meinte immer wieder, ich sollte die anderen einfach reden lassen. Selbst wenn meine Mitschülerinnen gegen mich waren, war es ihr egal und sie hielt zu mir. So hatte ich meine erste richtige Freundin in der Schule. Mir wurde klar, dass meine Mutter wirklich Recht hatte: Eine echte Freundin mag mich so, wie ich bin! Durch diese Erfahrung wurde mir allerdings noch zu wenig klar, was eine wirklich gute und richtige Freundin war.
Als mein Bruder ungefähr fünf Jahre alt war und bereits in den Kindergarten ging, war ich ca. neun Jahre alt. Zu dieser Zeit genossen es meine Eltern, einmal im Jahr alleine zu zweit in den Urlaub zu fahren: eine Woche Zweisamkeit in Italien. In der Zwischenzeit waren mein Bruder und ich wie so oft bei unserer geliebten Oma Cilly am Lande. Ich erlebte viele wunderbare Momente bei meiner Oma Cilly am Bauernhof und genoss die Zeit bei ihr als Mädchen. Gerade in den Sommerferien blieb ich oft Tage und Nächte bei ihr. Morgens mit dem Traktor die saftigen Wiesen mähen, die kalte frische Luft am Morgen. Der frische Geruch liegt mir heute noch in der Nase. So saß ich bei ihr auf dem Traktor, in der Hand eine frische Semmel mit viel Butter und einer selbstgemachten Himbeer-Marmelade darin! Der ratternde Traktor unter meinem Po, die Hand meiner Oma meist auf meinem Knie und ihr zufriedenes Lächeln im Gesicht waren einfach schön für mich als Kind. Sie trug immer ihre rote oder rosa Schürze, eine braune Strickweste, natürlich graue Gummistiefel und darunter dunkelgrüne, selbst gestrickte Socken. Sie hatte ihre weißgrauen langen Haare immer perfekt auf einen geflochtenen Dutt gesteckt und darüber ein hellblaues Kopftuch gebunden. Diese schöne weite Landschaft rundherum und oben auf einem Hügel ein großer Wald, wo wir oft gemeinsam spazierten! Sie erzählte mir dabei die tollsten Geschichten oder erklärte mir die Pflanzen und Tiere im Wald. Wenn wir an manchen heißen Tagen das frische Heu nach Hause brachten, der Ladewagen bis oben hin voll war, dann durften wir am Weg nach Hause darauf sitzen. Das laute Gebläse zum Heuboden hinauf war dann die Endstation des frischen Heues. Ich liebte es, abends und morgens das Geräusch der Melkmaschine zu hören, wenn meine Oma in den Stall ging. Ich kann mich heute noch an das Geschrei der Kühe und der Schweine erinnern, wenn meine Oma zu bestimmten Zeiten den Stall betrat. Das Gackern der Hühner, die überall im Stall, im Vorgarten und auf den umliegenden Wiesen ihre Freiheit genossen, das war für uns Kinder einfach toll! Besonders liebte ich ihre vielen Katzen und deren Jungen, die auch zu uns mit in die Stube durften. Abends, nach getaner Arbeit und einer kräftigen Jause, wo sie mir immer wieder meine geliebte Eierspeise zubereitet hatte, die bei ihr natürlich besonders gut schmeckte und nach einem heißen Bad oder einer Dusche, spielte meine Großmutter Cilly oft mit mir ein altes Brettspiel oder UNO. Sie hat meist gewonnen, ja eigentlich gewann sie immer, denn darin war sie unschlagbar und sie genoss es, wenn ich immer wieder eine Revanche wollte. Manchmal, wenn dabei eine tolle Musik im Radio lief, tanzte oder turnte ich ihr in meinem Pyjama oft vor und sie hat mir dabei immer mit Begeisterung zugesehen und fleißig applaudiert. Ich durfte in der Nacht bei ihr im Bett schlafen, das in einer kleinen Kammer neben der Küche war. Es war zwar eng, aber dafür warm und kuschelig. Dabei lief auch dann nachts noch lange ganz leise im Hintergrund das Radio zum Einschlafen. Wenn aber meine kleine Cousine Magdalena auch dabei war, was oft der Fall war, schliefen wir Mädchen in der warmen Stube auf einer alten, hohen, dunkelbraun- roten Ausziehbank, wo die alte weiße Lehmmauer gründlich unsere Spuren trug. Bei jeder Berührung staubte diese noch weiß und jeder Abdruck unserer Finger blieb daran hängen. Magdalena und ich hatten abends zur Schlafenszeit oft noch sehr viel zu besprechen, sodass unsere Oma oft von nebenan klopfen musste und uns ermahnte, endlich still zu sein und wir sollten schlafen. Einmal stand sie plötzlich in ihrem zartrosa, weißen, langen Nachthemd mit ihrer offenen weißgrauen, langen Haarmähne in der Stube und griff zum grünen, sehr alten Telefon. Sie blickte uns an, nahm den Hörer ab und meinte, sie würde jetzt den Krampus anrufen, da immer noch keine Ruhe bei uns Mädels herrschte! Meine Cousine Magdalena ist vier Jahre jünger als ich und sie hat einfach darüber leise gelacht und gekichert unter unserer Bettdecke. Doch ich, die große Marie, hatte auf einen Schlag große Angst und machte keinen Mucks mehr, denn damals war der Krampus etwas ganz Furchtbares für mich. Dieser kam jedes Jahr mit dem Nikolaus zu uns und tat dabei fürchterlich angsteinflößend, wenn der Nikolaus all die schlechten Dinge über mich berichtete!
Magdalena und ich erlebten bei unserer Oma Cilly am Land auf ihrem Bauernhof die schönsten Abenteuer unserer Kindheit. Wir bauten uns ein „Mädchenlager“ in der Holzhütte oder in der „Birnreibe“ (= ein kleines Nebengebäude, wo das Obst zum Pressen mit einer Mostpresse gelagert wird) über der großen Mostpresse. Wir wanderten durch den Bach über die grünen Wiesen und Felder und sausten durch den Wald, um verborgene Schätze zu suchen.
Wir backten aus gemahlenem Getreide, das wir heimlich von oben vom Getreidekasten holten, einem gesiebten „Mistsuppengemisch“ und etwas Wasser unsere eigenen Brote, die wir dann heimlich in unserem Versteck trocknen ließen. Bis unsere Oma ein Mäuseproblem in unserem Versteck entdeckte!
Magdalena und ich schleppten alte Matratzen in den Vorgarten und schlugen Purzelbäume und Saltos darauf, die sich unsere Oma genau ansehen musste. Wir schnipselten das Gras ganz klein, dazu ein paar gepflückte Beeren und eine sauber gesiebte „Mistsuppe“ dazu. Alles gut gerührt, war es eine Suppe für meinen Onkel Bernhard, der damals noch im Haus meiner Großeltern lebte.
Wir versuchten, Löcher in die Erde zu graben, um unterirdische Gänge anzulegen.
Einmal drehten wir einfach ein paar Grasbüschel fest zusammen und bemalten die weiße Hausmauer an der Vorderseite des Hauses damit. Oh mein Gott, war danach der Ärger groß, als meine Oma unsere Kunstwerke an der Mauer erblickte! Mein Vater und mein Onkel Patrick mussten die gesamte Fassade zweimal neu streichen, damit unsere „Kunstwerke“ wieder völlig verschwunden waren.
Wenn es im Sommer besonders heiß war, befüllten wir große Kübel mit Wasser und setzten uns dort hinein zum Baden. An besonderen Tagen gab uns unsere Oma etwas Kleingeld und wir durften uns ein Eis im nahen gelegenen Gasthaus kaufen. Wir pflückten immer wieder die tollsten Blumensträuße und schenkten sie unserer Oma Cilly oder unseren Müttern oder wir flochten aus den Blumen tolle Ketten und Kränze für unsere Köpfe.
Magdalena und ich ließen unserer Fantasie dort einfach freien Lauf, denn für jede Idee gab es einen Plan, und der wurde sofort umgesetzt.
Wenn meine Cousine Magdalena und ich in warmen Sommernächten bei unserer Oma im Vorgarten zelten durften, machten wir es uns besonders gemütlich. Wir schleppten alte Matratzen, Decken und jede Menge Kissen in unser Zelt. Etwas zu knabbern und zu trinken dazu, bewaffnet mit einer Taschenlampe, saßen wir oft bis spät in die Nacht in unserem Zelt und plauderten oder erzählten uns Geistergeschichten. Wenn uns dann mein Onkel Bernhard des Nachts heimlich erschreckte, war für mich der Spaß vorbei und ich schrie nur laut auf. Gott sei Dank war meine kleine Cousine so cool und viel mutiger als ich, sie konnte mich immer wieder beruhigen.
In den Wintermonaten, wenn der Schnee hoch auf den Wiesen und Feldern alles schön weiß zugedeckt hatte, stopfte meine Oma Cilly große Plastiksäcke mit Stroh oder Heu und wir rutschten gemeinsam die Hügel hinunter. Danach gab es dann heißen Tee mit Keksen und wir durften dabei am großen Küchenherd sitzen, um uns ordentlich aufzuwärmen. Meine Urgroßmutter Teresa hatte in der Zwischenzeit sorgfältig Holz nachgelegt, damit es auch wirklich überall ordentlich warm war.
Dort bei meiner geliebten Oma Cilly auf ihrem Bauernhof durften mein Bruder David und ich in der Zwischenzeit bleiben, während meine Eltern ihren Urlaub zu zweit genossen. Aber aus irgendwelchen Gründen fiel die Abreise mit einem Schultag und Kindergartentag zusammen. Meine Mutter hatte im Vorfeld mit meinem Opa Hans, dem Vater meiner Mutter, gesprochen, der uns zu Mittag abholen sollte. Das war auch nicht neu, da er das schon öfters gemacht hatte und es hatte immer gut funktioniert. Er sollte uns dann bei Oma Cilly am Bauernhof absetzen, da er der Einzige dort war, der einen Führerschein und ein Auto besaß. Mein Opa Hans war etwas kleiner und hatte weißes, ungepflegtes, kurzes Haar und eine Glatze am Oberkopf. Er war sehr dick und roch eher streng nach Stall und Schweiß. Seine Kleidung war sehr schmuddelig und teilweise mit Klammern zusammengeflickt. Er besaß nur einen einzigen Anzug, und den trug er nur bei Hochzeiten, Beerdigungen oder besonderen Anlässen. Sein alter beiger Skoda war ihm sehr ähnlich an Geruch und Sauberkeit, aber er lief wie am Schnürchen.
Meine Mutter hatte also alles organisiert und noch einen geflochtenen, großen Korb mit Reservekleidung für den Stall vorbereitet und diesen im Kindergarten abgestellt, damit wir ihn mitnehmen konnten.
Sobald ich aus der Schule kam, sollte ich sofort hinauf zum Kindergarten gehen, der 200 m oberhalb meiner Schule lag, dort meinen Bruder vom Kindergarten abholen, den Korb nehmen und am Parkplatz auf unseren Opa Hans warten: Alles kein Problem für mich, denn ich wusste, wie es lief.
Als mein Bruder und ich vollbepackt so am Parkplatz vor dem Kindergarten standen und nach einiger Zeit des Wartens unser Opa nicht zu sehen war, machte sich ein ungutes Gefühl in mir breit.
Es war ein sonniger, heißer Tag und mein Bruder und ich trugen schon kurze Hosen, bunte Shirts und bunte Turnschuhe, mein Bruder dazu noch sein blaues Cap. Das ungute Gefühl in meinem Bauch wurde immer stärker, als sich der Parkplatz immer mehr leerte und wir bereits alleine dort standen. Ich sagte zu meinem Bruder: „Komm, David! Wir gehen Opa entgegen. Er hat bestimmt nur eine Verspätung.“ Ich wusste, nach Hause konnten wir nicht gehen, da alle Türen abgeschlossen waren. „Komm, David, du kannst mir vertrauen. Ich kenne mich aus!“
Der Weg zu unserer Großmutter aufs Land war neun Kilometer lang. Ich kannte die Strecke sehr gut, da wir mit dem Fahrrad schon so oft gefahren waren. Doch es war mir nicht klar, wie lange dieser Weg zu Fuß war.
David schaute mich an und nickte. Ich hob den Korb auf, nahm die Schultasche auf meinen Rücken und meinen kleinen Bruder an die Hand. Wir marschierten die Straße entlang hinunter zur Hauptstraße. Dort schauten wir uns eine kurze Weile um, ob wir irgendwo das Auto unseres Opas erkennen könnten. Damals war die Straße noch sehr wenig befahren und dadurch hatten wir eine gute Übersicht, wer an uns vorbeifuhr.
Nun war fast eine Stunde vergangen, unser Opa Hans hätte uns eigentlich abholen sollen. Ich erkannte, er muss uns tatsächlich vergessen haben oder es muss etwas Schlimmes passiert sein! Ich behielt diese Gedanken für mich, um David nicht zu beunruhigen. Doch er spürte meine Unruhe. Ich tröstete David, der nervös wurde und Angst bekam, ich sagte, wie es sich für eine große Schwester gehörte: „David! Mach dir keine Sorgen! Ich passe schon auf dich auf. Wir schaffen das! Ich kenne den ganzen Weg sehr gut. Komm, ich zeig dir den Weg und wie man auf der Straße zu gehen hat!“ David lächelte wieder und sagte nur: „Okay!“ Ich spürte, wie ich in diesem Moment innerlich wuchs und jetzt selbst dafür verantwortlich war, meinen Bruder und mich sicher zu unserer Oma zu bringen.
Ich hatte wirklich keine Ahnung, wie weit der Weg zu Fuß in Wahrheit war und für uns Kinder war dies auch noch eine enorme Strecke.
Ich erklärte David, während wir gingen, worauf zu achten war, wenn man eine Straße überquerte. Ich kann mich noch genau an meine Worte erinnern: „David, stehen bleiben, schau links, dann rechts und wieder links! Dann darfst du erst losgehen, wenn kein Auto in Sicht ist. Hier auf der Straße immer auf der linken Seite gehen David! Merke dir: Links gehen, Gefahr sehen!“
David wiederholte jedes Wort und vertraute mir. Er machte genau das, was ich ihm sagte und vormachte.
Tja, per Anhalter zu fahren, wäre für mich nie in Frage gekommen, da meine Eltern uns immer wieder ausdrücklich erklärten, wie böse und grausam manche Menschen wären, Kinder entführten, verkauften oder sogar umbrachten. Dass ich niemals einem Menschen, den ich nicht kannte, vertrauen durfte, egal, was jemand zu mir sagte. Also stark sein und meinen Bruder Dave sicher zur Oma bringen! Nach gut zwei Stunden des Marschierens am Straßenrand spürte ich, wie meine Arme durch das Tragen des Korbes immer mehr brannten. Auch David ging beinahe die Kraft aus. Er fing an zu jammern, seine Beine täten ihm schon weh und er hätte solchen Durst. Wir machten eine kurze Pause an einem schattigen Plätzchen. Ich motivierte ihn, so gut ich nur konnte, dass wir es bald geschafft hätten! Doch die Wahrheit war, wir hatten gerade einmal gut etwas mehr als die Hälfte des Weges zurückgelegt. Und meine Hoffnung, dass unser Opa Hans uns doch noch jeden Moment mit dem Auto entgegenkommen würde, wurde immer kleiner.
Ich ließ es mir aber David gegenüber nicht anmerken und redete weiter auf ihn ein. Nach unserer kurzen Pause, die auch mir sehr gutgetan hatte, stand ich plötzlich wieder voll in meiner Kraft und Energie! Es war mir, als hätte mir jemand die Last des Korbes abgenommen. Unsere Beine funktionierten plötzlich wie von selbst. Ich wusste, wir würden es schaffen. Mit einem Lächeln im Gesicht sang ich David beim Marschieren Kinderlieder vor und erzählte ihm Kinderwitze.
Ich sagte immer wieder zu David: „Schau David, gleich haben wir es geschafft! Nur noch den Hügel dort rauf, dann immer gerade aus, den Hügel wieder runter, links oben vor dem Wald steht dann Omas Hof!“
Wir wurden immer schneller, ja fast im Gleichschritt. Nach über drei Stunden Fußmarsch, 500 m vor Omas Hof waren wir an einem kleinen Gasthof angekommen. Als David ihn erkannte, war er voller Freude und wusste, dass dort hinten vor dem Wald Omas Hof stand.
